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Tatort Münster Bingo

von TSihek
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Kriminalhauptkommissar Frank Thiel Rechtsmediziner Professor Karl Friedrich Boerne Rechtsmedizinerin Silke Haller
21.11.2013
19.01.2014
39
113.367
6
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21.11.2013 1.336
 
Tag 3 – 4. Teil

„Alberich? Hören Sie mich? Alberich? Silke!“
Sie spürte, wie eine kalte Hand ihr immer wieder mehr oder weniger sanft auf die Wange schlug und eine drängende Stimme drang erst dumpf, dann klarer zu ihr durch. Sie holte zitternd Luft und musste Husten, als Staub und kleine Krümel, die nach Stroh, Schutt und altem Holz schmeckten, in ihren Hals gerieten.
Sie wurde vorsichtig ein klein wenig aufgerichtet und jemand klopfte ihr auf den Rücken, bis sie wieder besser Luft bekam.

„Ich würde Ihnen ja gerne einen Schluck Wasser anbieten, aber das wird schwierig werden“, hörte sie Boernes angespannte Stimme dicht neben sich.

„Chef?“, fragte sie krächzend. „Wo sind wir?“

„Wir sind in dieses vermaledeite Loch gestürzt“, erklärte Boerne mit einer Stimme, die ebenso rau war wie ihre. „Sagen Sie mir Ihren Namen“, forderte er dann.

Das war einfach. „Alberich.“

„Nein, Ihren richtigen Namen.“

Sie schüttelte den Kopf, verwundert über seine seltsame Frage, doch bereute es sofort, als ein scharfer Schmerz hinter ihrer Stirn explodierte.
„Oh“, stöhnte sie.

„Ihren Namen“, drängte Boerne.

„Silke Haller, aber warum denn?“, gab sie schließlich zurück.

„Sie waren einen Moment bewusstlos und da es hier zu dunkel ist und ich zu wenig Platz habe, um Sie genauer zu untersuchen, weiß ich nicht, ob Sie verletzt sind“, erklärte er seltsam atemlos.

„Sie klingen, als hätte Sie mindestens eine gebrochene Rippe“, stellte sie fest.
Schmerzen in ihrem rechten Bein und die Kälte setzten ihr zu, aber sie wollte hier raus. Sie stützte sich auf seiner Schulter ab und richtete den Oberkörper auf, zumindest versuchte sie das. Doch ein, wie es sich anfühlte, Gewirr aus staubigen Holzbalken und Schutt schränkte ihre Bewegungsfreiheit ein.
„Was ist los, Professor?“

„Sch… bleiben Sie ruhig, Alberich“, beschwichtigte er sie. Zusätzlich drückte er ihren Kopf wieder auf seine Schulter zurück. „Bleiben Sie liegen. Sie haben vermutlich eine Gehirnerschütterung und ich glaube, Sie bluten am Bein. Erinnern Sie sich, was passiert ist?“

Sie nickte. „Hat dieser Irre Sie verletzt?

„Eine Schnittwunde am Arm und Abwehrschnitte an der Handfläche, aber nichts davon tief“, beantwortete er ihre Frage, ohne näher darauf einzugehen. „Sind Sie verletzt?“

„Am Bein, aber das ist nur eine tiefe Schramme.“ Den pochenden Schmerz in ihrem Oberschenkel konnte sie leicht ignorieren und war sich deshalb sicher, dass es keine tiefe Wunde war.
„Was ist mir Ihren gebrochenen Rippen?“, hakte sie ruhiger nach, als sie sich fühlte. Das musste der Schock sein, vermutete sie.

Sie ahnte seine wegwerfende Geste mehr, als dass sie sie sah. „Das ist nichts. Aber lassen Sie mich mal nach Ihrem Bein sehen. Ich glaube, Sie bluten ziemlich stark.“

Bevor sie ihn abwehren konnte, hatte er sich in dem engen Raum, den die Balken um sie herum ihnen ließen, nach unten geschoben und tastete ihre Verletzung ab. Sie spürte jetzt auch die langsam abkühlende Feuchtigkeit, die ihre Hose durchtränkte.

Obwohl er vorsichtig war, musste sie die Zähne zusammenbeißen, als er den Stoff der Hose weiter aufriss, um an die Wunde heranzukommen.
„Da ist ein kleiner Schnitt, aber daneben muss Sie ein Mauerbruchstück erwischt haben. Diese Wunde ist ziemlich tief und blutet mir zu sehr.“

Sie spürte, wie er sich ein wenig aufrichtete und das Rascheln von Kleidung und sein eindeutig aus Schmerz angehaltener Atem sagten ihr, dass er sich das T-Shirt auszog. Sie hörte Stoff reißen und kurz darauf schlang er einen breiten Streifen um die Wunde.

„Ich lasse es noch ein wenig bluten, damit die Keime herausgewaschen werden. Weiß der Himmel, was hier alles an Erregern herumschwirrt.“

Es war sinnlos etwas zu erwidern und so schwieg sie. Boerne rutschte wieder in seine alte Position. Er legte seinen rechten Arm um ihre Taille und zog sie so auf sich, dass sie nicht mehr auf dem kalten Boden lag. Dann legte er die Weste noch zusätzlich über ihren Rücken.  „Sie zittern. Es ist ziemlich kalt hier unten und ich weiß nicht wie lange es dauern wird, bis Thiel oder jemand vom Reitstall uns vermisst und nach uns sucht“, erklärte er leise.

Seine Stimme klang jetzt fester, doch da war auch Erschöpfung und… war das Resignation? Wie schwer war er wirklich verletzt?

Ohne auf seinen Protest zu achten und soweit sie mit der Hand kam, begann sie Kopf, Oberkörper, Hüfte und Beine abzutasten. Ihr eigenes verletztes Bein protestierte mit heftigen Schmerzen, aber seltsamerweise konnte sie sie ignorieren. Für den Moment zumindest.

Erleichtert stellte sie fest, dass wirklich wohl nur eine oder zwei gebrochene Rippen Boernes größtes Problem waren. Mit zusammengebissenen Zähnen, zwischen denen feine Schuttbrocken wie Sand knirschten, ließ sie sich wieder in die halbwegs bequeme Position zurücksinken und schmiegte den Kopf in seine Halsbeuge. Sie hörte seinen Herzschlag und das gleichmäßige Geräusch begann sie einzulullen.

Eine Weile lagen sie schweigend, jeder in seine Gedanken vertieft, bis Boerne die Stille wieder unterbrach. „Ist es Ihnen ernst, mit einer neuen Wohnung?“

„Hm?“ Silke war gar nicht bewusst gewesen, dass sie dabei gewesen war einzuschlafen. Hatte Boerne das bemerkt? Und woher wusste er, dass sie sich nach einer Wohnung umgesehen hatte? Dann fiel ihr ein, dass sie auch im Labor ab und an mal die einschlägigen Anzeigen studiert hatte. Boerne würde das natürlich nicht entgangen sein.
Sie nickte leicht. „Inzwischen ja. Eigentlich wollte ich nur in eine andere Gegend, aber nun… ich glaube, es wäre vermutlich das Beste, wenn ich mir was anderes suche. Ich fühle mich in der Wohnung nicht mehr wohl.“

„Ich werde mich mal umhören. Da ist dieser Makler, der mir noch einen Gefallen schuldet. Der wird ja wohl etwas Passendes in Ihrer Größe haben.“

Sie lächelte still und nahm ihm auch seinen Seitenhieb nicht übel. „Danke.“
In den letzten Tagen hatte sie gelernt, diesen anderen, zugänglicheren Boerne so zu nehmen wie er war und nicht zu hinterfragen. Viel zu schnell verschwand er sonst wieder hinter seiner distanzierteren Haltung.

Er drehte den Kopf ein wenig in ihre Richtung. „Sind die Schmerzen erträglich?“

„Nein. Aber was soll ich machen? Außer ein paar Prellungen tut mir sonst aber nichts weh.“

Boerne schnaubte. „Sie sind unverbesserlich, Alberich.“ Aber er schien ehrlich erleichtert zu sein. „Dann werde ich den Druckverband jetzt fester schließen, damit hoffentlich die Blutung aufhört. Beißen Sie besser die Zähne zusammen.“

Er manövrierte sie so, dass er mit den Händen den behelfsmäßigen Verband an ihrem Bein erreichen konnte. Mit einigen kräftigen Rucken zog er den Druckverband so stramm wie es nur ging.

Silke, die sich gerade noch gefragt hatte, wie Boerne mit mindestens zwei gebrochenen Rippen so beweglich war und noch so viel Kraft hatte, um sie fast wie eine Puppe zu bewegen, unterdrückte ein Stöhnen. Boerne verharrte kurz und Silke atmete erleichtert ein, um beim nächsten beherzten Ruck aufzuschreien. Sofort ließ Boerne nach. Er wartete, bis sie knapp nickte, dann wiederholte er die Prozedur.
Im Versuch den grell aufflackernden Schmerzen zu entkommen, presste sie ihren Kopf gegen seine Schulter und wimmerte leise.

Es schien Stunden zu dauern, doch irgendwann ebbten die Schmerzen auf ein gerade noch erträgliches Niveau ab und sie entspannte sich langsam wieder. Erst da wurde ihr bewusst, dass Boerne sie fest an sich gedrückt hielt und sie immer wieder sanft auf die Stirn küsste. Er murmelte dabei leise beruhigende Worte und, wie sie meinte, auch zärtliche Beschwichtigungen.
Träumte sie?

Langsam hob sie den Kopf und sah im trüben und noch immer staubdurchsetzten Dämmerlicht zwei dunkle Augen, die sie besorgt musterten. Erst als er die Hand hob und behutsam über ihre Wange fuhr, merkte sie, dass diese feucht war von Tränen.

„Wie groß ist die Wunde?“, fragte sie mit zittriger Stimme.

„Glauben Sie mir, Sie wollen das nicht wissen Alberich“, gab er zurück, ohne jedoch mit dem sanften Streicheln auf ihrer Wange aufzuhören.

„Bitte, Chef. Das ist nicht nur ein Kratzer.“

„Ich habe auch nichts darüber gesagt“, war die knappe Antwort.

„Dann sollte Thiel wohl bald hier auftauchen“, stellte sie leise fest.

Plötzlich zog er sie noch ein wenig fester an sich und drückte das Gesicht an ihre Stirn. Ein Schauer lief durch seinen Körper und er holte zittrig Luft, so als säße ein dicker Kloß in seinem Hals.

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