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October & April

von Nathaira
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Frigga Hawkeye / Clint Barton Loki Odin Thor
18.11.2013
28.06.2014
12
78.611
6
Alle Kapitel
106 Reviews
Dieses Kapitel
14 Reviews
 
 
18.11.2013 3.603
 
Hallo :3

Wie bereits angekündigt, starte ich hiermit meine allererste, längere Thor x Loki FF

Ich begrüße herzlichst alle meine Leser und hoffe, der Prolog hinterlässt einen guten Eindruck ;3

Kurzbeschreibung : Loki sitzt nach wie vor in seiner Zelle fest und langweilt sich fürchterlich.
Alle Unterhaltung, die man ihm in seinem Gefängnis bieten kann, sind die Bücher, die seine Adoptivmutter Frigga ihm Woche für Woche in das Verließ schickt. Loki liest gerne und viel, doch währt die Ablenkung, welche die hübsch ausformulierten Dichtungen und Erzählungen ihm offerieren, nur für kurze Zeit.
Bis er argwöhnisch den Einband eines Buches aufschlägt, auf dem in goldenen Lettern der Name seines verhassten Bruders prangt.

THOR.
In diesem ekennt er zu seinem Erstaunen die exakte Nacherzählung dessen Werdeganges, ausgehend von ihrer gemeinsamen Jugend bis hin zum Angriff der Eisriesen und über die Schlacht auf Midgard hinaus.
Dabei werden unter anderem ihre mit den Jahren wachsende Rivalität aber auch gegenseitige  ¨Zuneigung¨ mehr oder minder in den Fokus genommen - jedoch einzig und allein aus Thors Sicht, bei der Loki, seines eigenen Urteils nach, äußerst schändlich widergegeben wird.
Dieser reagiert empört.
Darauf erpicht, dem Autor namens Erik Roht in seinem Zorn auf dessen Fehler hinzuweisen, schreibt er einen Beschwerdebrief, gewürzt mit ein bisschen Magie, und bittet Frigga, diesen an den fraglichen Mann zu senden.
Für ihn ist die Sache damit erledigt und er langweilt sich von Neuem.

Jedoch hätte der ehemalige Prinz Asgards kaum erwartet, wenige Tage später eine schriftliche Antwort in Form einer Bitte zu erhalten... und die Langeweile scheint plötzlich abgeklungen - Spielt vor Thor 2 / ThunderFrost

Und Achtung, egal, was auch passiert, wer hier auftaucht und welche Wendungen es geben wird - Das Pairing ist und bleibt Thor x Loki

Ich sage schon einmal im Vorraus, dass dies hier wohl keine 'gewöhnliche Fanfiktion' werden wird.
Sie wird Ich -  und Er-Perspektive enthalten, und sie wird den gesamten Werdegang von Thor und Loki genauestens beleuchten, mit einigen Unterbrechungen.
Das heißt, hier wird ebenfalls die Kindheit und Episoden daraus aufgefasst, mythologische Mythen und von mir selbst ausgedachte Ereignisse vermischt, sowie die Ereignisse aus Thor I und The Avengers aufgegriffen.

Disclaimer : Thor, Loki, Asgard, etc. Gehören alle nicht mir, ich spiele nur gerne Dr. Frankenstein ^^

So, und nun : Have Fun with Reading ;3


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Prolog

The Book
 


41.

Einen strengen Zug um den Mund tragend kratzte der junge Mann einen weiteren dunklen Strich in die Reihen, die ihn bereits in Hülle und Fülle auf den Papierbögen seines penibel geführten Notizbuches anklagend entgegenschrien.

Ein leises Seufzen entkam dem schmalen Spalt geöffneter Lippen. Grüne Augen ließen ihren Blick zum wiederholten Male an diesem späten Abend durch das karge Ambiénte seiner Zelle schweifen.

41 Tage, solange musste er bereits sein Dasein in diesem Verließ fristen.
Gefangen unterhalb des königlichen Palastes, ohne dass der mickrigste Sonnenstrahl die Dunkelheit in den Fluren durchschnitten hätte.

Mühevoll hielt der Gott des Chaos sein Zeitgefühl aufrecht, hatte sich längst angewöhnt eine Sanduhr aufzustellen, in gemäßigtem Rahmen aufzustehen und die Besuche seiner werten Adoptivmutter, falls sie es denn verlangte ihn zu sehen, gar zu sprechen, stets zu eher nächtlichen Zeiten zu erwarten.

Es war leichter für sie, sich bei berauschenden Festgelagen, auf denen die Musikinstrumente ihre Melodien spielten und der Verstand so mancher Asen sich bereits im süßen Geschmack der Metkrüge ertränkt hatte, rasch davonzustehlen, ohne, dass Odin ihr Fehlen zwingend in Kenntnis nahm.

Diese Besuche waren dem Mann weder verhasst noch schätzte er sie sonderlich.

Er nahm sie hin, ähnlich einer unüberwindbaren Tatsache, einem einstudierten Ritual, das es zu erfüllen galt. Zumal Frigga ihm als einzige Ansprechpartnerin aus Fleisch und Blut diente, die ein einigermaßen niveauvolles Gespräch mit ihm führte.
Die spöttischen Ausrufe und vereinzelten Beschimpfungen der Wachposten, welche ihre Runden drehten und jedem Gefangenen ihren Unmut deutlich werden ließen, erachtete er kaum für wertvoll genug, um als Unterhaltung durchzugehen und wenn, so blieb sie stets einseitiger Natur.
Aufgrund dieses kläglichen Angebotes begnügte er sich seit Wochen das Wort strikt an sich Selbst zu richten, meist einzelne, in die Leere des Raumes gewisperte Worte zwischen all den unheilvollen Gedanken, die in seinem Inneren brodelten und sich geradezu überschlugen, wenn er nicht imstande gewesen wäre, sie durch eine mehr oder minder kopflos gewählte Ablenkung in Zaum zu halten.

Solche Zerstreuung ließ er sich beispielsweise in Form von Büchern gefallen.
Dichtungen, Prosatexte, Biographien - seine literarische Vorlieben kannten nur wenige Grenzen.
Doch auch sie dienten nur für einen bedingten Zeitraum zur Abschweifung an das, was ihm bei dem Verlassen schwärmerischer Zeilen begegnete.
Vier durchsichtige, vor elektrischer Energie strotzende Wände, fremde Verbrecher, eingekerkert in ihrem eigenen Leid, Winseln, Schreien, die Zivilisation war hier abhanden gekommen.  
Loki massierte seine Schläfen.
Ein Anflug von Migräne plagte seine Sinne.

Ihm hatte es nie gefallen, eingesperrt zu sein.

Er hatte sich von Kindesbeinen an, gar noch als er die Unschuld nicht von Frevel zu unterscheiden mochte, durch ein unstetes, getriebenes Wesen ausgezeichnet.
Unruhe schloss sich in seine Knochen, trug ihn von Ort zu Ort, Neues zu schauen und den Schleier vom Unbekannten zu reißen.
Er war wissbegierig und unverfroren, ein Luftgeist sondergleichen, gespickt mit giftiger Zunge und noch giftigeren Plänen, die nicht selten in ausgefuchstem Schabernack und Wutgebrüll der Gepeinigten endeten.
Und er lauschte ihnen mit verhaltenem Genuß.
Aber jetzt, an Ort und Stelle eingepfercht wie ein Pferd im Stall, glaubte er des Öfteren ersticken zu müssen.
Er war es leid ein paar Schritte zu tun und vor einer Barriere stehen zu bleiben.
Er war es leid, wie die Hauptattraktion eines Circus Maximus von allen Seiten begafft zu werden.
Er war es leid sich in den Illusionen zu vertiefen, welche die gedruckten Erzählungen heraufbeschworen oder sich den Trugbildern hinzugeben, die er sich aus eigener Fantasie erschuf.

Er war es leid, seiner Freiheit beraubt zu sein.

Er musste ausbrechen, seine Flügel ausstrecken, das getrocknete Blut aus den schlaffen Federn pulen und sich ausstrecken, sich Unstimmigkeiten hingeben, Loki sein.

Denn Loki war nicht Loki, wenn er seinen Atem tatenlos in geschlossenen Zimmern aushauchte und sinnend in die unveränderte Gegend starrte, den markaberen Höhepunkt seines Aufenthaltes langsam mit der Erscheinung der Frau implizierend, die er einst liebevoll Mutter getauft hatte.

Ebenjene hörte er kommen, noch bevor er sie sah. Die spitzen Absätze ihrer Schuhe traten Schritt für Schritt forsch und zielstrebig auf dem grauen Asphaltboden auf.

'Ein Geschöpf mit einem eisernen Willen, der Lieblichkeit einer Muse und dem Herz einer Löwin'.

So hatte der Hofdichter Frigga einst beschrieben.
Loki, der sich selbst der Gewandheit seiner Formulierungen rühmte, hätte in diesem Falle keine besseres Zugeständnis finden können, welches seine ehemalige Mutter geehrt hätte.
Der tückische Gott öffnete die Augen einen Spalt breit, erkannte wallenden, rostroten Stoff, in mehreren Lagen kunstvoll zu einem Rock angereiht, der sich auf dem Grund wächserner Fußknöchel bauschte, jedoch bis hin zur Taille drastisch verjüngte und sich in anheimelnder Fassung an einen üppigen Busen schmiegte, die Schultern blank und unangetastet ließ.
Goldgelocktes Haar floss wie Honig über nackten Rücken, schimmerte hell im flackernden Licht herabgebrannter Kerzen.

Als Loki seine Musterung auf das Profil zu verlagern begann, war Frigga bereits in das Innere seiner Zelle eingetreten. In ihren mit glänzenden Reifen behangenen Armen trug sie drei Bücher, eines dicker als das andere.

'Meine Nachtlektüre' dachte Loki und hätte beinahe trocken aufgelacht.
Hätte er dem Drang nachgegeben, es wäre wohl ein trister Klang gewesen.

¨Mutter.¨

Keine wirkliche Begrüßung, eher eine Feststellung.
Zu mehr war Loki nicht fähig, wollte nicht fähig sein.
Nicht nach allem was geschehen war. Nicht nach allem...

Er stand auf, trat ihr entgegen, sodass sie schließlich eine Armlänge Abstand voneinander trennte, wie es die anerzogene Höflichkeit gebot.
Dabei täuschte der Abstand aufs Grausamste.
In Wahrheit lagen sie Welten voneinander entfernt. Und die Silberzunge war nicht gewillt, ihn zu überbrücken.
Zu groß das Misstrauen, zu beständig die Gefahr in eine Falle zu tappen, in ein Loch zu fallen, bodenlos, endlos wie der Bifröst, in dessen Schlund er einst haltlos schwebte, das vor Kummer schmerzlich verzerrte Gesicht seines stumpfsinnigen Bruders vor sich sehend während die Schwärze sich an seiner Kleidung vergriff, tiefer hinabzog.

Gierig und mörderisch und lüstern sich aufbäumte und -

¨Loki.¨

Die weich gehaltene Tonlage, in der Frigga seinen Namen badete, brachte Loki schier um, schickte einen Pfahl durch sein Herz, punktierte die Scherben, aus denen es sich wacker zusammenhielt, mit Frost und Eiskristallen ummantelt.
Ebenso der sanfte Glanz in ihren blassblauen Augen, wenn sie ihn betrachtete, ließ ihn bittere Galle auf der Zunge schmecken.
Die Augen einer Mutter, die ihr Kind nach ewiger Reise willkommen hießen.
Die Augen einer Mutter... und doch war sie nicht das, wofür der tückische Gott sie all die Jahre gehalten hatte.

Sie, die ihn in den Schlaf gewiegt hatte.
Sie, die seine kleinen, unfähigen Finger auf die erste magische Rune legte, ihn lehrte, die daraus gewonnene Kraft zu gebrauchen, ihm mit einem Kuss sämtliche Sorge von der kindlichen Stirn glättete.

Allein die Folter, sie anzusehen, während sie ihn ansah, schmerzte, obgleich Loki diese Empfindung zu leugnen suchte.

Und es wurde nicht besser.

¨Wie geht es dir?¨ fragte sie, altbekannte Sorge in ihrer Stimme schwingend, wobei sie an ihm vorbeiging, ihre Habe auf dem kleinen Tisch ablegte, den man dem Insassen von früher königlichem Geblüt zähneknirschend zugestand.
Frigga war es auch gewesen, die ein großes, komfortables Bett und Zugang zu Schreibutensilien sowie persönlichen (wenn auch peinlich aussortierten) Kleinoden energisch für ihn erfochten hatte.
Sie wollte, dass sich Loki wohl fühlte, was eigentlich pure Ironie darstellte.

Immerhin - wer bediente sich im Gefängnis schon guter Laune?

¨Wie soll es mir denn gehen, Mutter?¨ entgegnete Loki versiert, kam nicht umhin, die Bitterkeit gänzlich aus jeder Silbe seiner Worte zu tilgen, ¨Welche Antwort erwartest du auf diese Frage? Ich würde dir liebend gerne diejenige zuteil werden lassen, die dir die Schatten nimmt, welche sich unter deine Augen hängen.¨

Frigga sah den Gott milde verwundert an, als hätte sie dessen Beobachtung nicht anders erwartet.
Dennoch, vielleicht der Gewohnheit wegen, führte sie eine schlanke Hand zu ihrer Wange und strich über die dunkle Falte, welche sich dominant unter ihrem rechten Lid erhob.

¨Ich möchte die Wahrheit hören.¨ erwiderte sie leise, schritt in fließendem Schwung zur aufrechten, hageren Gestalt ihres Adoptivsohnes heran, ließ die Finger, welche zuvor ihr Gesicht berührt hatten, an Loki's Schläfe entlangfahren, hielt genau an der Stelle inne, an jener dessen aufbauende Migräne pochend schwelte.

¨Wie geht es dir wirklich, Kind? Du siehst müde aus.¨

Loki sah ihr in die Augen.

Vielleicht war es das Blut der Jötunn, das ähnlich Eiswasser durch seine Adern rann, doch als er die Spuren unausgesprochener, ungefragter Liebe in ihrem Blick fand, schwelte solch unendlicher Zorn an den ausgefransten Rändern seiner beschädigten, verunreinigten Seele, dass er schwerlich an sich halten musste, um das letzte, ihm in ehrlicher Freundlichkeit zugeneigte, Geschöpf nicht rigoros an den Schultern zu packen und hemmunglos anzuschreien.

Denn, wahrlich, geschrien hätte er, gebrüllt bis seine Lunge kollabiert wäre, das Mobiliar mit den fein eingekerbten Holzmaserungen gegen die nächstbeste Wand zerschmetternd.
Sogar sein Bett in Einzelteile zerlegend, die weiche Decke in kümmerliche Fetzen gerissen, wenn es denn sein gemusst hätte, die Zähne im Stoff versenkt haltend wie ein manierenloses, unflätiges Tier.

Doch äußerlich blieb Loki wie versteinert, blinzelte Frigga ausdruckslos entgegen.
Seinen inneren Tumult, die grausigen, wilden Absichten ließ er blinde Schreckensgestalten bleiben, hielt sie unter Verschluss, mäßigte sich.

Frigga war nicht die, der seine Wut galt, drum würde er sie nicht an ihrem hübschen Gesicht und ihren geradezu flehentlichen Drang nach ihrer beider Annäherung verschwenden.
Sie war es nicht, an der er seine Fäuste proben wollte.
Sie war es nicht, die er verfluchte und verdammte, jede Nacht, wenn die Kerzen ihren letzten Funken ausgehaucht hatten und er alleine mit sich selbst und seinen Gedanken in einen unruhigen Schlaf driften musste.

Sie war es nicht.

...Aber sie sollte trotzdem aufhören.

Sollte diese leidlichen Gefühle ihm gegenüber nehmen und an der glänzenden Oberfläche ihrer blassblauen Seen ertränken, damit all das, was sie je mit ihm auf zärtlicher Ebene verbunden hatte, auslöschen.
Hinfort, hinfort mit dem Schmerz, der Verzweiflung und der Pein, die er ihrem Wesen gebündelt anmerkte, sobald sie sich in seine Nähe wagte!
Denn er sah ihr an, wie gerne sie ihm jeden offenen Schnitt genäht, jede Schramme, die sich auf dem dunstenen Fleisch seines Geistes ausbreitete, mittels weniger, rätselhaft gewisperter Worte verbannt hätte.
Doch er wusste, es würde stets eine Wunde geben, die sie nicht zu heilen vermochte, mochte ihre Magie noch so mächtig zu ihm dringen.

Sie würde niemals lindern können, was den Gott des Chaos in der Stille quälte.
Würde ihm nie den Frieden bieten, nach dem er sich insgeheim mit tödlichem Verlangen sehnte.

Langsam streckte der Gott einen Arm aus, umfasste das Handgelenk Friggas vorsichtig, aber bestimmt, lenkte es entschieden von seiner Schläfe weg.
Die Migräne war verschwunden.
Ein winziger Brocken Heilmagie hatte dazu beigetragen.

Beinahe hätte er gelächelt.

Frigga kannte ihn.

Und doch wusste sie nicht einmal im Ansatz, was er fühlte, oder wie er fühlte. Für wen oder für was, war dabei einerlei.

¨Ich bin kein Kind mehr, Mutter.¨ widersprach er ihr, der Klang seiner Stimme in Samt geschlungen wie man es von einer Silberzunge wie ihm erwartete.
Immer noch das Handgelenk in behutsamen Griff haltend, führte er die Hand Friggas zu seinen kalten Lippen, küsste sachte ihren Handrücken.

Eine Geste des Abschieds, ein Hinweis, dass es Zeit war, zu gehen.
Odin würde das Fehlen seiner Gemahlin bald realisieren.

¨Ich glaube, ich bin es nie gewesen.¨ ergänzte er nach einer bedeutungsvollen Pause, den Anflug eines melancholischen Lächelns auf den marmornen Zügen tragend.
Überraschung weitete die hellen Pupillen seines Gegenübers. Doch auch ein Hauch von Erkenntnis mischte sich darunter. Eine traurige Erkenntnis.

¨Wie geht es dir, mein Sohn?¨ fragte sie zum dritten Male an diesem Abend, mutete geradezu trotzig an, energisch, obwohl ihre Stimme kaum merklich zu schwanken begonnen hatte.

Loki fühlte sich durch dieses Verhalten spärlich an Thor erinnert.

Instinktiv trat er wenige Schritte nach hinten, entglitt so der Umarmung, in die seine ehemalige Mutter ihn soeben zu ziehen versucht hatte. Auch diese Absicht erinnerte ihn an seinen Bruder und es ärgerte ihn, dass sich bei diesem Vergleich seine Kehle zusammenschnürte.

Vage schüttelte er den Kopf, als Friggas Gesichtszüge für eine unbedachte Sekunde den Kummer preisgaben, den sie stets empfand, wenn sie in diese Zelle hinabstieg und ihr jüngeres Kind in diesem garstigen Heim besuchte.
Nur stockend ließ sie ihre Arme sinken, barg ihre zitternden Hände ineinander, als würde sie ein Gebet murmeln wollen.
Ein bebendes Bündel.

Loki wohnte diesem Anblick mit ausdrucksloser Miene bei, schmeckte Bitterkeit auf seiner Zunge.
Das Herz, von dem er dachte, dessen Rhythmus würde nach dem Sturz in den Bifröst unverändert bleiben, schlug hart und schnell gegen seinen sich gleichmäßig hebenden und senkenden Brustkorb.
¨Ja, einst war ich dein Sohn.¨ erwiderte er so unbefangen, als würde er über das auszurichtende Dekor der königlichen Eingangshalle beratschlagen. ¨Doch das ist vergangen.¨.
Er vollführte eine ausufernde Geste, die lose das Innere der Zelle beschrieb.
Seine grüne Iris glich einem Wurf an geschliffenen Messerschneiden, so scharf bohrte sie sich in Friggas Augen, so kühl wandelte sich der Klang seiner Stimme.
¨Weder Eltern noch Bruder kann ich heute mein Eigen nennen. 41 Tage reichen aus, um mir hier das Leben zur Last, das Sterben dafür zum Privileg werden zu lassen.¨
Sein Blick verklärte sich minimal.
¨Es gibt kein Zurück.¨ fuhr er leiser fort, ¨Und nicht einmal du kannst uns beide zu einer Zeit zurückdrehen, in der ich jemals behaupten könnte, wahrhaft glücklich gewesen zu sein.¨.

Abrupt kehrte er der Göttin den Rücken zu, starrte sinnend nach draußen auf das düstere Labyrinth steiniger Flure.

¨Mir geht es den Umständen entsprechend.¨ fügte er schließlich in knapper Not hinzu, sein Rachen brannte, als hätte er seine Kehle durch Glassplittern gewürzt.
Die Hände hinter seinem Rücken verschränkt haltend, sprach er weiter.

¨Das ewige Nichtstun frisst mich bei lebendigem Leibe und jede Nacht, wenn ich die Augen schließe, sende ich in Gedanken einen Ruf nach Helheim aus, dass man mich endlich von diesem stumpfen Dasein erlöse.¨ er drehte sich nicht um, auch nicht, als er einen erstickten Laut, ähnlich dem eines verletzten Tieres, vernahm, ¨Ich hoffe, diese Antwort befriedigt deine Neugierde, Mutter.¨ fuhr er erbarmungslos fort, ¨Immerhin ist sie ehrlich - wie du es dir gewünscht hast.¨

Schweigen folgte auf diesen Satz.

Schweigen, von solcher Intensität, dass die Stille fast in den Ohren biss.

Loki reute keines seiner Worte, obgleich er wusste, dass jedes einzelne das Herz der Göttin zu zerbrechen drohte.
Er war sich sicher, eines fernen Tages würde er es schaffen, es wie eine überreife Frucht bersten zu lassen ohne überhaupt seine Finger darum zu schließen und es quetschen zu müssen.

Er war sich dessen so schrecklich sicher, dass er ihr die Wahrheit nur umso gräßlicher entgegensandte.
Er war sich so sicher, ihr Gemüt, ihr Wesen, ihr ganzes Leben mit dem miserablen Dahinsiechen seines Eigenen zu vergiften, dass er partout keine Gelegenheit ausließ, ihr genau diesen Sachverhalt ständig vor Augen zu führen.

Sein Leib würde Jahr um Jahr in Ketten faulen, sein Geist verdorren, die Beengtheit des Verließes würde ihn wahnsinnig zurücklassen, es handelte sich nur um Wochen, Monate.

Er vermochte es ja jetzt kaum noch, dem Drang zu widerstehen, mit sich selbst Gespräche zu führen, mit Trugbildern, die nicht da waren, zu philosophieren.

Es war besser, sie vergaß ihn völlig, drängte ihn aus ihrem Gedächtnis anstatt ihre Brust mit seinem unausweichlichen Werdegang zu beschweren.

Nur darum stach er mit jedem Buchstaben in ihr Herz.
Nur darum verletzte er sie fortwährend so sehr, dass es ihr bald Tränen auf die rosigen Wangen trieb.
Er musste ihr Schmerzen zufügen, um ihr weit größere Qualen zu ersparen.
Nur so konnte er ihr begreiflich machen, wie sinnlos ihr Gebaren in Wirklichkeit war.

Das war sein Geschenk an sie.
Das einzige, was er ihr zu geben vermochte.

Weil sie nicht bereit war, loszulassen.
Weil sie ihn auf eine verklärende, verblendete Art und Weise immer noch liebte, ihn als den Jungen sah, der er früher gewesen war und nie wieder sein würde.
Und sie würde es weiterhin tun, selbst wenn sie daran zugrunde ging, mochte es auch an die tausend Jahre grenzen.

Loki stammte von den Eisriesen ab, das stimmte.
Doch nicht einmal der Jötunn in ihm war derart monströs, um diese hirnvernebelte Selbstzerstörung zuzulassen.

Die Stille währte lange und länger, band sich wie ein seidener Schleier um Lokis Kehle.

Dann, plötzlich, das Geräusch sich entfernender Schritte, das Rascheln teueren Stoffes, der über den glatten Boden schleifte.
Der listenreiche Gott musste sich zusammenreißen, um nicht erleichtert aufzuatmen.
Hatte sie endlich aufgegeben? Hatte sie endlich begriffen, was er ihr beizubringen suchte?

¨Wenn ich irgendetwas für dich tun kann, das dich dieses ungesunde Sehnen nach dem Ende in Vergessenheit geraten lässt, setze mich darüber durch die Wachen in Kenntnis. Ich werde dich nächste Woche wieder besuchen kommen.¨

Geräuschvoll fiel die Tür ins Schloss, wandelte sich erneut in die gelblich glühende Zellwand ab, die Loki lückenlos umrahmte.
Dieser seufzte unwillkürlich, als er Friggas stolze Erscheinung hoch erhobenen Hauptes auf dem schwach beleuchteten Pfad zur oberen Treppe huschen sah.

Stur war sie.
Stur wie Odin. Stur wie Thor.

Mit dem Unterschied, dass sie klug genug war, diese Eigenschaft auch zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Die Schultern sinken lassend, ging er zu seinem Bett, ließ die Bücher, welche Frigga ihm gebracht hatte, durch ein Fingerschnipsen auf seinem Kopfkissen erscheinen.
Bleierne Müdigkeit überfiel seine Glieder, kaum, dass er sich auf die weiche Matratze gesetzt hatte, die Bettdecke unter seinen Fingern fühlte, zerknitterte.
Gedankenlos betrachtete er die drei literarischen Werke, die ihn in dieser Nacht zur stummen, weniger dramatischen Gesellschaft dienen sollten.
Eines kam ihm doch recht bekannt vor, entpuppte sich als das Märchenbuch, aus dem Frigga Thor und ihm zu früherer Zeit melodisch vorgelesen hatte.
Das andere Werk enthielt eine Dichtung, in der es um Liebende ging, die aus zwei verfeindeten Familien stammten. Ein Drama, natürlich.
Als besäße Loki nicht bereits genug Drama in seinem Leben.

Beide Bücher legte er gleich zur Seite, sich nicht in der Verfassung sehend, nach Friggas Besuch in kindlicher oder gar romantischer, tragisch überladener Lektüre zu schmökern.

Letztendlich richtete er seinen Blick auf das dritte Werk - und stutzte.
Der Einband war sehr schlicht gehalten, rostrotes Leder, goldene Nähte fraßen sich in die Ränder.

THOR

So prangte es in nachtschwarzen, prunkvollen Lettern.
Loki hob eine Augenbraue, als er den Namen des Autors am unteren Rand studierte.

Erik Roht stand da, weiß und fahl, sehr bescheiden.

Nie gehört.

Loki verharrte für einen Moment in der Hocke, das schwere Buch in Händen haltend, interessiert zu allen Seiten drehend.

Die wahre Geschichte des Kronprinzen von Asgard. Von seiner Jugend bis hin zu dem Mann, zu dem er herangewachsen. Von den Schlachten in Vanaheim bis hin den Tragödien im königlichen Palast. Jedes Wort aus Thor's Mund erfahren und von Selbigem feierlich abgesegnet.

Der Text strahlte ihm auf der Rückseite des Einbandes entgegen, schlug sich ihm beinahe um die Ohren.
Loki kam es vor wie ein schlechter Scherz.
Warum hatte seine Mutter ausgerechnet solch ein Buch für ihn ausgewählt? Wollte sie ihn verhöhnen!?

Missbilligend schnalzte er mit der Zunge, überlegte im ersten Moment, das rostrote papierene Scheusal mit einem einzigen Wispern in Flammen aufgehen zu lassen.
Er memorierte bereits in Gedanken die Formel für magisches Feuer, als ihn doch die Neugier in ihrem eisigen Griff hielt und ihn die erste Seite umblättern ließ.

Nach kurzem Zögern die nächste.

Und die nächste.

Und die...


---


Hey^^

So, das war erstmal der Prolog plus abruptes Ende :3

Hoffe, er hat euch gefallen.

War Loki Originalgetreu dargestellt, und Frigga? Wollt ihr weiterlesen?
 
Kommentare sind immer gern gesehen bzw. Gelesen ^^

Liebe Grüße,
Nathaira ^^
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