Der verlorene Sohn

von baronesse
KurzgeschichteDrama, Familie / P16
Jaenelle Angelline Lucivar Yaslana Saetan Sa Diablo
18.11.2013
18.11.2013
1
2013
 
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Willkommen bei meinem Beitrag zu Runde 2 des Fandom-Turniers.
Die Vorgaben waren diesmal ein wenig mehr:
# Beitrag in Ich-Form und im Präteritum
# Thema 'Stärken und Schwächen' enthalten
# der Ich-Erzähler hat in der Vergangenheit einen hier erwähnten Fehler gemacht
# mind. ein weiblicher und ein männlicher Char tauchen auf
# es gibt einen Streit
# die Gegensatzpaar hell/dunkel, laut/leise und lustig/traurig werden untergebracht
# positives Ende
# max. Wortzahl 2500


Anm. für Fandom-neulinge:
Die Angehörigen des Blutes sind magisch begabt, nicht-magische Menschen werden Landen genannt. Juwelen sind die Gefäße dieser magischen Macht, auch Kunst genannt.
"Hexe" ist auch im Original kursiv geschrieben, wenn es sich auf Jaenelle bezieht, ansonsten ist mit dem Begriff einfach eine weibliche Angehörige des Blutes gemeint.
Die Hölle, Kaeleer und Terreille sind die drei Reiche: das der Dämonentoten und Hüter, das Schattenreich und das des Lichts. Ich hoffe der Rest ergibt sich vom Lesen und macht vielleicht neugierig auf diese Welt.


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„Seine Meinung zählt nicht. Er hat einen Schwanz.“

Ich war Saetan SaDiablo. Man nannte mich den Höllenfürsten und fürchtete diesen Namen. Da ich der erste Mann in der Geschichte des Blutes war, der schwarze Juwelen, die dunkelsten überhaupt trug, und noch dazu die Kunst des Stundenglases gelernt hatte, also eine Schwarze Witwe war, gab es auch allen Grund, mich zu fürchten. Kriegerprinzen waren die gefährlichsten Männer des Blutes und je dunkler ihre Juwelen, desto schrecklicher war ihre Macht. Noch dazu war ich ein Hüter, einer der lebenden Toten, und mehr als 50.000 Jahre alt.

Aber ich würde nicht auf Jaenelles zornigen Satz antworten und sie darauf hinweisen, dass ihre Aussage ein wenig taktlos war. Vor allem, da sie meinen Sohn Lucivar meinte, einen Kriegerprinz, der Schwarzgrau trug. Und ebenfalls gerade anwesend war. Er lief schnaubend in meinem Büro auf und ab.

„Dass ich einen Schwanz habe, tut überhaupt nichts zur Sache!“, fauchte er sie an. „Du wirst das NICHT tun!“

„Sieh mal“, lenkte Jaenelle ein. „Bevor du kamst, habe ich das andauernd gemacht. Mir wird nichts passieren und -“

„Es wird deine Mondzeit sein!“, brüllte Lucivar so laut, dass ich zusammen zuckte.

„Kinder“, wandte ich schwach ein. Lucivar war mein Sohn, doch Jaenelle meine Adoptivtochter, die seit ein paar Jahren bei mir lebte. Seit Lucivar zurückgekehrt war, spielte er den nervigen älteren Bruder und entwickelte sich, so Jaenelle, zu einer echten Plage. Gerade übertrieb er. Oder?

„Es sind noch mehrere Tage“, fauchte Jaenelle. „Bis dahin sollte ich es längst geschafft haben.“

Der Konjunktiv bereitete mir Sorgen. Ich rieb mir die Stirn und versuchte zu ergründen, was mich an ihrem Vorschlag störte.

Lucivar war nicht so zögerlich. „Solltest? Beim Feuer der Hölle, du hast vor nach Terreille aufzubrechen und das obwohl du nicht weißt, ob du rechtzeitig zurück bist?“ Seine Stimme war so laut, dass ich um die Glasscheiben der Fenster fürchtete. Ich konnte es mir leisten, sie zu ersetzen, aber vom Tageslicht bekam ich Kopfschmerzen. Es wäre unangenehm ein paar Tage auf mein Büro zu verzichten, nur weil es dort zu hell war. Weiter unten gab es Räume, in denen es immer dunkel blieb, aber ein Büro im Keller? „Kinder“, warnte ich erneut, diesmal leise.

Sie hörten die Schärfe in meiner Stimme und drehten sich zu mir um.

„Du weißt, dass ich gehen muss, oder Saetan?“ Jaenelle sah mich aus ihren Saphiraugen durchdringend an. Diese Augen konnten einem Menschen bis in die Tiefen der Seele blicken, da war ich sicher.

Jaenelle war Hexe, der lebende Mythos. Sie war die Königin, von der ich Jahrtausende geträumt hatte. Auch Lucivar hatte geträumt, dass eine starke Königin kommen würde, der er dienen könnte. Anfangs hatte Jaenelle sich geweigert, diese Wahrheit anzuerkennen, mittlerweile hatte sie akzeptiert, dass der Eyrier ihr nicht mehr von der Seite weichen würde. Nun, beinahe. Es gehörte nicht unbedingt zu den Stärken einer Hexe, zuzugeben, dass andere Menschen ein Mitbestimmungsrecht in ihrem Leben hatten, aber so war es eben in Kaeleer. Wir befolgten noch die alten Regeln des Protokolls. Männer dienten und unterwarfen sich einer Königin mit Haut und Haaren. Im Gegenzug gab es ihnen das Recht, sich um die Sicherheit ihrer Königin zu kümmern.

Das hatte überhaupt nichts mit einmischen zu tun. Es war besser für alle Seiten, dass die Männer sich darum sorgten, denn eine Hexe schien stets zu denken, dass alles andere wichtiger war als sie selbst. Vor allem diese spezielle blonde Hexe, die angriffslustig vor uns stand und das Kinn vorgereckt hatte. Sie wartete noch immer auf meine Antwort.

„Er hätte längst hier sein müssen“, sagte ich nachsichtig. Mein Herz wurde schwer. Als Jaenelle zwölf war, bevor sie bei mir gelebt hatte, war sie das Opfer einer brutalen Vergewaltigung gewesen und beinahe in die Dunkelheit zurückgekehrt. Gemeinsam mit Daemon, meinem verlorenen zweiten Sohn, hatte ich versucht, sie zurückzuhalten und zu retten. Da ich es nicht konnte, weil ich in Kaeleer, nicht Terreille war, hatte er sich tief in den Abgrund begeben um Hexe zu überzeugen ihren Körper zu behalten und zu heilen.

Jaenelle war zurückgekehrt. Daemon nicht.

Zwei Jahre hatte es gedauert, bis sie aufgewacht war und in all der Zeit hatte ich an ihrem Bett gesessen und mit ihr geredet, ihr versprochen, dass sie in Sicherheit war. Danach half ich ihr, ihr Leben wieder zusammen zu setzen. Sie behielt Narben zurück, die sie immer mit sich tragen würde. Bei all ihrer dunklen Macht fürchtete sie doch den körperlichen Kontakt mit Männern. Lange hatte die Dunkelheit Erbarmen gezeigt und ihr die Erinnerungen an jene Nacht genommen. Wir hatten uns immer gefragt, warum sie nie von Daemon sprach. Dabei hungerte ich nach Geschichten über den Sohn, den ich bei seiner Geburtszeremonie verloren und nie kennengelernt hatte. Dann hatten wir erkannt, dass er zu nah mit jenen tragischen Ereignissen in Terreille verbunden war und sie ihn ebenfalls vergessen hatte, weil es Dinge gab, die sogar für die stärkste Hexe in der Geschichte des Blutes zu viel waren.

Jetzt erinnerte sich Jaenelle an Daemon und sie war entschlossen in Terreille nach ihm zu suchen. Ich konnte verstehen, was Lucivar daran so wütend machte. In Terreille lebte ihre Familie, die nichts getan hatte um Jaenelle vor diesem Bastard zu beschützen, der sie vergewaltigt hatte. Die nicht erkannt hatte, wer und was Jaenelle war, sondern stets nur ein seltsames Kind in ihr gesehen hatte. Und in Terreille herrschte Dorothea, die ziemlich sicher dafür verantwortlich war, was Jaenelle geschehen war. Da würde ich meine schwarzen Juwelen drauf verwetten.

„Sieh mal, Hexenkind, ich kann verstehen, dass du dir Sorgen um ihn machst. Aber meinst du, er würde es begrüßen, wenn dir etwas passiert, nur weil du nach ihm gesucht hast?“

Jaenelle sah mich misstrauisch an. Ihr Blick glitt zu Lucivar, dessen goldene Augen unerbittlich funkelten. „Das weißt du nicht.“ Natürlich wusste ich das. Jeder Mann würde zu aller erst seine Königin schützen! Ein Mann war entbehrlich. Eine Königin nicht. Gerade diese nicht.

In ihren Worten steckte eine Spitze, die ihr Ziel nicht verfehlte und sich tiefer und tiefer in mein Herz grub. Ich hatte einen Fehler gemacht. Damals schon, bei Daemons Geburtszeremonie. Als der Zeitpunkt kam, an dem man mir versuchte mit List und Tücke die Vaterschaft zu verweigern. Ich hatte nachgegeben, mich umgedreht und war gegangen, aus Angst, was ich tun würde. Aus Angst, was meine Macht anrichten konnte, mein Zorn, der an jenem Tag ziemlich nah unter der Oberfläche brodelte.

Ich hatte nicht nur Daemon zurückgelassen, sondern auch Lucivar, seinen Halbbruder. An jenem Tag hatte ich sie beide verloren. Lucivar hatte mir verziehen, als er nach Kaeleer kam und die Geschichte hörte. Er verzieh mir, auch wenn man seinen Bruder und ihn danach als Bastarde groß gezogen hatte und ihnen später den Ring des Gehorsams umgelegt hatte. Er verzieh mir, trotz allem, was man ihm angetan hatte, weil ich sein Vater war – und weil ich Jaenelles Adoptivvater war. Lucivar schätzte die Familie und unsere Gegenwart. Meistens zumindest.

Aber was würde Daemon tun? Daemon, nachdem ich in den letzten Jahren aus Rücksicht auf Jaenelles Gesundheit nicht gesucht hatte? Ein Mann war entbehrlich. Das sprach ich mir immer wieder vor. Würde er das ebenso sehen?

„Du kannst keine Kunst anwenden, wenn du deine Mondzeit hast“, wies Lucivar knurrend auf die größte Schwäche einer jeden Hexe hin.

„Ich sagte doch, es sind noch ein paar Tage“, beharrte Jaenelle.

„Und wenn es länger dauert?“ Sein wutentbrannter Blick sagte mir, dass sie gleich wieder anfangen würden. Gereizt rieb ich mir die Stirn.

„Kinder! Ihr seid schlimmer als eine Horde Scelties!“

Jaenelles Oberlippe kräuselte sich. Sie mochte es lustig finden. Immerhin war sie die einzige Person, auf die Ladvarian hörte! Er war der erste Sceltie, von dem wir erfahren hatten, dass er auch ein Angehöriger des Blutes war und in seinem pelzigen Köpfchen steckte der rege Verstand eines Kriegers. Eines sturen und eigensinnigen Kriegers noch dazu – nur Jaenelle schien ihn zu verstehen. Jaenelle mit ihrer Fähigkeit Dinge zu sehen, die andere nicht sahen. Gerade war ihr Blick traurig, als sie sagte: „Ich muss nach ihm suchen. Lucivar, wenn ich ihn nicht finde, bevor es zu spät ist…“

Ihre Stimme verlor sich. Sie musste niemandem von uns erklären, was dann war. Als Lucivar seinen Bruder das letzte Mal gesehen hatte, war der im Verzerrten Reich gefangen gewesen, dem Wahnsinn des Geistes. Es blieb Daemon nicht viel Zeit. Er war derjenige, der dazu bestimmt war, Jaenelles Gefährte zu werden. Wollten wir wirklich, dass sie für immer ohne ihn leben musste?

Wollte ich meinen Sohn für immer verlieren? Ich hatte ihn einmal verloren und es war ein großer Fehler gewesen. Nachdenklich blickte ich Lucivar an. Er würde nicht mögen, was ich jetzt zu sagen hatte.

„Bereite alles vor. Lucivar wird dich begleiten.“
Jaenelle öffnete den Mund um zu protestieren. „Das steht nicht zur Debatte, Hexenkind“, ermahnte ich streng. „Du bist eine mächtige Hexe und je dunkler die Juwelen sind, desto stärker die Schmerzen in der Mondzeit. Also wird Lucivar mitkommen und darauf Acht geben, dass ihr vorher wieder zuhause seid.“

Sie überlegte, fand aber nichts, was sie erwidern konnte. Sie war klug genug zu wissen, wann sie einem Kompromiss zustimmen musste, also nickte sie. Bevor sie den Raum verließ, sah ich die Hoffnung in ihren Augen. Sie hoffte, ihn zu finden und sie freute sich darauf. Das machte mein Herz wieder leichter. Niemand wusste, was zwischen Jaenelle und Daemon im Abgrund vorgefallen war, aber sie suchte nach ihrem Gefährten, nicht nach einem Feind, von dem sie Genugtuung verlangen wollte. Es fiel mir nicht mehr so schwer, sie ziehen zu lassen.

Sie und Lucivar. „War das wirklich nötig?“, knirschte er mit den Zähnen.

Ich nickte. „Du wirst auf sie aufpassen.“ Daran hatte ich keinen Zweifel. „Lucivar, du bist selbst verheiratet. Erinnere dich daran, was du für Marian tun würdest, bevor du deine Schwester zu sehr an die Leine legst.“

„Ich bin wohl wirklich eine Plage, was?“ Er lachte fröhlich, als er mein Büro verließ um alles vorzubereiten, damit sie sich auf die Suche nach Daemon begeben konnten. Wenn die Dunkelheit Erbarmen zeigte, würden sie den verlorenen Sohn nach hause bringen.
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