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Das Phänomen Cesar Millan: Eine wissenschaftliche Betrachtung

von Kailyn
GeschichteAllgemein / P16 / Gen
18.11.2013
12.03.2017
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18.11.2013 5.102
 
Die häufigsten Argumente auf Kritik an Cesar Millan




Eine Diskussion lebt vom Aufeinanderprallen verschiedener Meinungen, der Analyse der Argumente und das Finden von Kompromissen. Seit „Dog Whisperer“ polarisieren die Methoden von Cesar Millan und spalten die Menschen. Cesar Millan wird nicht nur von Hundebesitzer kritisiert, sondern auch von Kynologen, Biologen und anderen Fachexperten. Im Laufe diverser Diskussionen wurden einige Gegenargumente sehr häufig genannt und auf diese möchte ich nun eingehen.


1. Ich habe noch nie gesehen, dass Millan Gewalt anwendet. Er hat noch nie einen Hund verletzt.
Sehr viele Zuschauer kennen die ersten beiden Staffeln von „Dog Whisperer“ nicht, weil sie im deutschen Fernsehen nur noch selten ausgestrahlt werden. Tatsächlich muss man hier festhalten, dass Millan sich nach diesen ersten beiden Staffeln nicht mehr mit augenscheinlich aggressiv wirkenden Hunden beschäftigt hat, sondern immer öfter mit Hunden, die normale Alltagsprobleme haben, wie etwa Ziehen an der Leine, häufiges Bellen, Futteraggression oder Stubenunreinheit.

Die vorwiegende Frage, die sich stellt, ist: Was ist Misshandlung?
Wann Misshandlung beginnt, ist oft eine sehr persönliche Sache. Wir können uns aber darüber einig sein, dass Misshandlung spätestens dann beginnt, wenn ein Tier unnötige Schmerzen oder Angst erleiden muss. Das bringt uns zu den Fragen:
1) Wie sieht es aus, wenn ein Hund Angst oder Schmerzen hat?
Und 2) Gibt es alternative Möglichkeiten, mit seinem Hund umzugehen, die ohne Schmerz und Angst auskommen? Ich möchte hier gleich zu Anfang Dr. Ian Dunbar zitieren:
„Natürlich strafen wir unsere Hunde. Die Frage ist nicht, ob wir unsere Hunde strafen, sondern wie wir diese Strafe gestalten. Strafe muss weder schmerzvoll, noch angsteinflößend sein. Und weil sie das nicht sein muss, sollte sie es auch nicht sein.“

Als Gewalt bezeichnet man Handlungen, die einem Machtgefälle unterliegen. Gewalt ist Bestandteil formaler Dominanzbeziehungen, wie zum Beispiel die Beziehung zwischen Eltern und Kindern, oder auch zwischen Menschen und den ihnen anvertrauten Tieren. Die Gewalteneinteilung kann von beiderseitigem Interesse und auch notwendig sein, selbst wenn sie einem der beiden Parteien missfällt.
Dagegen gibt es Formen von Gewalt, die Schaden hinterlassen. Diese Formen von Gewalt sind meist offensichtlich, wenn sie zum Beispiel körperlicher Natur sind, können aber auch subtil sein, wenn es sich um psychische Gewalt handelt. Schädigende Gewalt beinhaltet zum Beispiel Schläge, Tritte, aber auch alle anderen Arten von zugefügtem Schmerz, auch durch Hilfsmittel. Wer seinen Hund mit einer Leine verprügelt, übt diese Art von Gewalt aus. Aber auch wer seinen Hund gezielt würgt oder so sehr einschüchtert, dass der Hund aus Angst passiv wird, übt Gewalt aus. Letzteres ist zum Beispiel eine Art von psychischer Gewalt. Dem Hund wird gedroht, ohne ihn zu schlagen oder ihm anderweitig körperlichen Schmerz zuzufügen, dennoch ist die Gewalt so hoch, dass sie beim Hund bleibenden Schaden zurücklässt, etwa indem das Vertrauensverhältnis zerstört wird, oder der Hund dadurch in immer der gleichen Situation prophylaktisches Meideverhalten oder Beschwichtigung zeigt.

Cesar Millan behauptet, er würde keine Gewalt anwenden. Bisher wurde in diesem Essay jedoch eindeutig belegt, dass Millan Hunde sowohl an der Leine würgt, als auch ihre Luftzufuhr zum Gehirn mit den Händen abdrückt. Es wurde belegt, dass er Hunde immer wieder stark einschüchtert, Hunde in Situationen zwingt, die aus ihrer Sicht lebensbedrohlich sind (Alphawurf, Flooding, Würgen) und auch, dass er Hunde tritt. Manche Hunde zeigen nach einer Behandlung mit dem sogenannten "stringing up" deutliche Erstickungszeichen.
Wer in Millans Methodik keine Gewalt sieht, will sie ganz einfach nicht sehen. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht vorhanden wäre.


2. Du bist neidisch.
Es ist kein Neid, wenn man auf einen Missstand aufmerksam machen will, der die Erkenntnisse wissenschaftlicher Forschung zerstört. Neid bedeutet, anderen den Erfolg nicht zu gönnen. Ich missgönne Millan seinen Erfolg nicht. Was ich kritisiere sind lediglich die falschen Informationen, die er verbreitet, sowie eindeutig tierquälerische Handlungen und gefährliche Trainingsmethoden.
Viele Kynologen und Hundetrainer, die Millan kritisieren, sind zudem selbst sehr erfolgreich. Dazu gehört zum Beispiel auch Martin Rütter, der Millans Methoden als tierschutzrelevant empfindet, und auch Victoria Stilwell, die bei Millans Methodik sogar von Perversion spricht. Selbst Alan Titchmarsh, der im Grunde nicht viel Ahnung von Hunden hat, konnte Cesar Millan in seiner Talkshow mit so stichhaltigen Argumenten an die Wand drängen, dass der selbsternannte Hundeflüsterer nicht mehr wusste, wie er sich rechtfertigen sollte. Aber es sind nicht nur Medienfiguren, die ihn kritisieren, sondern auch studierte Experten wie Dr. Sophia Yin oder Patricia B. McConnell PhD.


3. Die Hunde in „Dog Whisperer“ sind besonders aggressiv. Sie unterscheiden sich von gewöhnlichen Hunden und brauchen deshalb eine andere Behandlung.
Die Hunde aus Millans Show sind keine schwerwiegend gestörten Hunde. Sie sind auch nicht „anders“ als andere Hunde. Hunde in Amerika unterscheiden sich nicht von Hunden in Deutschland.
Cesar Millans TV-Formate bewegen sich im Genre der Unterhaltung und des persönlichen Coachings. Inhalte werden provoziert und geschnitten, um Zuschauer zu unterhalten und einen möglichst starken Vorher-Nachher-Kontrast zu erzeugen. Da Cesar Millan das Verhalten von Hunden aus mangelndem Fachwissen häufig falsch interpretiert, ist nicht automatisch davon auszugehen, dass ein als aggressiv und gefährlich deklarierter Hund auch tatsächlich aggressiv und gefährlich ist.
Häufig wird aggressives Verhalten vom Menschen provoziert, der ein Knurren zum beispiel als Respektlosigkeit empfindet, oder aber kein Verständnis für die Individualdistanz des Hundes hat. Aggressionen sind ein normaler und wichtiger Bestandteil sozialer Kommunikation und sollten nicht grundsätzlich verteufelt werden. Die Auswirkungen aggressiven Verhaltens müssen jedoch ernstgenommen werden, beschädigendes Verhalten des Hundes muss neutralisiert werden.
Lerntheorien sind universell. Motivationen und Lernziele sind individuell.


4. Du bist ein Wattebauschwerfer. Du würdest einem Hund selbst dann noch ein Leckerli in den Mund stopfen, wenn er sich in deinem Arm verbissen hat.
Während zum Beispiel Millan-Befürworter häufig davon ausgehen, dass Millan-kritische Hundebesitzer ihre Hunde nur clickern, mit Leckerlis vollstopfen, nie strafen und keinerlei Grenzen setzen, ist es umgekehrt auch oft so, dass Millan-Kritiker davon ausgehen, dass Befürworter ihre Hunde treten, schlagen oder ihnen sonstwie Gewalt antun. Bisher habe ich die Erfahrung gemacht, dass die meisten Befürworter noch nie mit wirklich schwierigen Hunden in Berührung gekommen sind und sich lediglich die Tipps zu Herzen nahmen, die in Millans Büchern stehen. Wenn ich mit Fans geredet habe, kristallisierte sich sehr schnell heraus, dass sie sich hauptsächlich auf seine Bücher stützen, die Methoden aus der Show jedoch so gut wie nie anwenden, beziehungsweise diese oft selbst als unnötig betrachten.
Meiner Einschätzung nach steht in den Büchern wenig, was unmittelbar zu Schaden bei einem Hund führen könnte. Und einiges davon ist auch gar nicht falsch. Millan-Befürworter sind nicht automatisch Tierquäler oder dumm.

Auf der anderen Seite wiederum bedeutet Kritik an seinen Methoden nicht, dass man seinem Hund alles durchgehen lässt. Das Reduzieren des Diskussionsgegenstandes auf nur zwei Möglichkeiten, die im schwarz-weiß Konstrast zueinander stehen, ist ein typischer logischer Denkfehler und gehört zu den kognitiven Verzerrungen.
Es ist eine erwiesene Tatsache, dass Hunde durch positive Verstärkung nachhaltiger lernen, als durch alleiniges Strafen. Wer allerdings behauptet, absolut gewaltfrei zu arbeiten, lügt oder verdrängt simple strafende Mechanismen.
Wie bereits weiter oben erwähnt, beginnt Gewalt bereits dort, wo ein Individuum in seiner Entscheidungs- und Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird. Auch Dominanz stellt eine Gewalteinteilung dar. Zur Gewalt gehört auch, unerwünschtes Verhalten abzubrechen, sei es durch einen verbalen Stimulus oder durch eine körperliche Maßregelung. Es gibt keine Erziehung ohne Gewalt und auch keine Beziehung ohne zumindest rudimentäre Gewalteinteilung und Situationen, in denen sich ein individuum über das andere hinwegsetzt. je nach Situation, zum Beispiel in gefährlichen Ausnahmesituationen, kann dies auch mit Schäden einhergehen.
In einer Trainingssituation, die wir als Menschen gestalten und kontrollieren können, sollten Schmerz, Angst und Zwang jedoch keinen Platz finden.

Eine korrekte positive Verstärkung funktioniert ohne Bestechung. Der Hund wird belohnt, nachdem er das erwünschte Verhalten gezeigt hat. Wer clickert oder mit Futter arbeitet, muss seinen Hund nicht automatisch bestechen. Gerade der Clicker ist ein effektives Markersignal, um erwünschtes Verhalten zu markieren und so für den Hund noch verständlicher zu machen. Positive Verstärker werden nach gezeigtem erwünschtem Verhalten eingesetzt. Man verstärkt das Verhalten, indem man eine positive Konsequenz hinzufügt. Die Reihenfolge ist dabei selbsterklärend:
Verhalten ---> (eventuell Markersignal) ---> Verstärker.
Der Zusammenhang zwischen einem Verhalten und einem Verstärker wird als operante oder instrumentelle Konditionierung bezeichnet.
Klassische oder pavlovische Konditionierung beschreibt dagegen den Zusammenhang zwischen einem Stimulus und einem Verstärker.

Es gibt zudem einen wesentlichen Vorteil bei der Arbeit mit Futter:
Futter gehört zu den Grundressourcen. Insbesonders zeitliche, ausschließliche Handfütterung bewirkt, dass Futter auch für Hunde, die sich sonst nicht durch Futter motivieren lassen, zu einem Verstärker wird. Die soziale Komponente (Handfütterung durch die Bezugsperson/en) hat ebenfalls einen positiven Effekt. Persönlich bevorzuge ich Trockenfutter anstatt Leckerlis.
Fressen und Kauen schüttet im Hundekörper Endorphine und auch Serotonin aus. Biochemisch in diesem Zusammenhang hemmt Serotonin aggressives Verhalten und sorgt für eine positivere Stimmung. Das heißt, dass Futter sich auch auf die Stimmung des Hundes auswirkt und mit einem einzigen Futterbrocken eine Konditionierung stattfinden kann, die der Hund mit körperlichem Wohlbehagen verbindet. Futter tut dem Hund gut, es entspannt ihn. Trotzdem ist Futter als Verstärker nicht zwangsläufig notwendig. Es gibt Hunde, die auf andere Verstärker, wie Spielzeug oder körperliche Nähe, mit gleichem Wohlbehagen reagieren. Verstärker müssen dem individuellen Charakter des Hundes und der jeweiligen Situation angepasst werden. Auch das Aufheben eines Kommandos, Rennen oder Buddeln können positive Verstärker sein.

Wer begriffen hat, wie die Körpersprache eines Hundes funktioniert, kann einen Hund maßregeln und einschränken, ohne ihn überhaupt anfassen zu müssen. Schadende Gewalt, Starkzwangmittel und straforientiertes Training abzulehnen bedeutet nicht, dass man einen Hund nicht dennoch maßregelt oder unerwünschtes Verhalten nicht auch deutlich kommuniziert und dem hund diesbezüglich Feedback gibt. Die Arbeit über Futterbelohnungen sind kein Indiz dafür, dass der Hund nur bestochen wird und ohne Leckerlis nicht mehr gehorcht.


5. Er ist kein Hundetrainer, sondern Hundepsychologe. Er trainiert Hunde nicht, er rehabilitiert sie.
Den ersten Satz habe ich bereits richtiggestellt. Cesar Millan ist kein Hundepsychologe, er hat das Fach Hundepsychologie nie studiert. Er besitzt keine theoretische und praktische Ausbildung und darf sich deshalb nur mit der Berufsbezeichnung schmücken, die keinerlei Ausbildung erfordert: Hundetrainer.

Training muss nicht einhergehen mit Rehabilitation, allerdings geht Rehabilitation immer mit Training einher. Wer einen Hund rehabilitiert, muss ihn gleichzeitig auch trainieren. Das Wort „Rehabilitation“ wird von Millan äußerst gerne verwendet, weil es beschreibt, dass er Hunde, die aufgrund ihres Verhaltens eigentlich eingeschläfert werden sollten, zurück ins Leben führt und es ihnen ermöglicht, wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Wie aber bereits mehrfach erwähnt, gehört der überwiegende Teil der Hunde, die Millan in seiner Show trainiert, zu den normalen Hunden mit normalen Problemen. Nur sehr wenige von ihnen zeigen ein so schwieriges Verhalten, dass man von Rehabilitation sprechen muss, die Basis ist für ein weiterführendes Training.
Ein weiterer, wichtiger Punkt, der oft außer Acht gelassen wird, ist, dass Hunde in Amerika sehr häufig bereits wegen Bagatellen eingeschläfert werden. Hier in Deutschland gilt das Tierschutzgesetz, welches besagt, dass kein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund getötet werden darf. Während also hier in Deutschland ein Hund nicht einfach eingeschläfert werden darf, weil er „schwierig“ ist, kann ein Hundebesitzer in Amerika zu einem Veterinär gehen und seinen Hund ohne Angaben von Gründen einschläfern lassen. Gerade weil dies so leicht möglich ist, ist die Euthanasie häufig ein beliebtes Mittel, um ein Tier loszuwerden, dessen man überdrüssig geworden ist. Die Tierheime in Amerika sind häufig so überfüllt, dass Hunde gesetzesmäßig nach spätestens 60 Tagen eingeschläfert werden dürfen, wenn sich keiner für sie interessiert, um Platz zu schaffen für andere Hunde.

In Amerika werden Hunde also häufig nicht eingeschläfert, weil sie so schwierig und nicht mehr zu retten sind, sondern weil es bequem ist und keiner sich für sie interessiert. Die Hunde in der Show standen also nicht zwangsläufig kurz vor der Euthanasie, weil sie so gefährlich waren, sondern weil sich die Besitzer so entschieden hatten. Weil sie es konnten und durften.

Es gab also nicht einmal annähernd so viele Hunde in der Show, die wirklich „rehabilitiert“ werden mussten, deren Verhalten so ritualisiert und so gefährlich war, dass man von einer schwerwiegenden Störung sprechen konnte, die Dritte dauerhafter gefahr aussetzte. Hunde, die Rehabilitation benötigen, sind normalerweise körperlich kranke oder verletzte Hunde, die durch Rehabilitation wieder gesund werden sollen. Psychische Rehabilitation ist nur bei Hunden nötig, die nicht mehr im menschlichen Haushalt gehalten werden oder angefasst werden können, weil sie unkontrolliert und beschädigend beißen und unberechenbar reagieren.



6. Der Erfolg gibt ihm Recht. Man kann durch die Show sehen, dass seine Methoden funktionieren.
Shows wie „Dog Whisperer“, „It‘s me or the dog“, „Der Hundeprofi“ oder „Die Hundeflüsterin“ sind Fernsehformate, die primär auf eines abzielen: Auf Quoten und Gewinn. Es handelt sich nicht um Dokumentationen, die Hundetrainer werden nicht bei ihrer alltäglichen Arbeit begleitet, sondern es werden spezielle Fälle für die Shows ausgesucht, die dann im Laufe einer bestimmten Zeit behandelt werden. Die Protagonisten, also die Trainer, haben für jeden Hund nur ein bestimmtes Zeitfenster und innerhalb dieses Fenster müssen Situationen gedreht werden, in denen der Hund das Fehlverhalten zeigt, welches behandelt werden soll, sowie ein Arbeitsprozess und definitiv eine positive Veränderung.

Wenn ein Hundebesitzer mit seinem problematischen Hund in eine Hundeschule oder zu einem privaten Trainer geht, steht dieser Trainer nicht zwangsläufig unter Zeitdruck. Hund und Besitzer bekommen die Zeit, die sie brauchen, um das Fehlverhalten zu beheben.
Letztendlich bedeutet dies, dass all diese Fernsehshows im Kern auf einen schnellen Erfolg abzielen, weil sie nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung haben. Die Zeitfenster sind bei allen Shows unterschiedlich, werden aber meist nicht präzise genannt.
In der Sendung „It’s me or the dog“ mit Victoria Stilwell betont sie einige Male, dass sie nur drei Tage Zeit habe, um den Besitzern zu erklären, was sie zu tun haben. Es liegt also nahe, dass für die Problemanalyse und die Entwicklung eines Trainingsplans nur drei Tage zur Verfügung stehen. Danach sind die Besitzer auf sich selbst gestellt und Stilwell besucht sie nach einigen (meist zwei) Wochen noch einmal und gibt abschließende Tipps.
In „Der Hundeprofi“ mit Martin Rütter sind die Zeiten länger und sehr konkret. Wer sich für die Show bewirbt und angenommen wird, dem stehen 40 Einzeltrainingsstunden zu. Zehn davon übernimmt Rütter persönlich, im Schnitt werden drei davon innerhalb von drei Wochen in der Show gezeigt. Ausgehend davon ist anzunehmen, dass die Hundebesitzer über 40 Wochen hinweg betreut werden.
In „Die Hundeflüsterin“ mit Maike Nowak gab es bisher keine konkreten Zeitangaben. Dies mag eventuell daran liegen, dass nur sehr wenige Folgen existieren.
Über das Zeitfenster von Cesar Millan ist ebenfalls nichts Konkretes bekannt, es soll wohl aber einen Normzeitraum von bis zu sechs Wochen geben. In besonderen Fällen nimmt Millan die Hunde gewöhnlich für über einen Zeitraum von vier Wochen mit in sein Psychology Center.
Die alleinigen Drehzeiträume belaufen sich bei Nowak also auf eine unbestimmte Zeit, in der Regel wenige Tage. Bei Stilwell und Martin Rütter sind es im Schnitt drei Wochen und bei Millan vier bis sechs Wochen.
Die Trainingszeiträume der Shows wiederum belaufen sich bei Nowak, Millan und Stilwell auf dieselbe Zeit, wie die Drehzeiten. Einzig Martin Rütter trainiert Hunde länger, als nur für die Drehzeiten.
Es ist absolut möglich, einem Hund innerhalb der Drehtagzeiten ein bestimmtes Verhalten ab- und/oder ein bestimmtes Verhalten anzutrainieren. Es ist jedoch nicht möglich, einen im pathologischen Sinne verhaltensgestörten Hund innerhalb von wenigen Tagen bis zu sechs Wochen zu rehabilitieren. Es ist aber möglich, eine Verhaltensstörung innerhalb von sechs Wochen erfolgreich zu deckeln und in Meideverhalten umzuwandeln.

Es stellt sich also daher die Frage, wie erfolgreich eine von Cesar Millan durchgeführte „Rehabilitation“ ist, wenn sie innerhalb weniger Wochen erfolgt. Fragwürdig sind damit auch die Methoden, die dafür angewandt werden, mit dem Hintergrund des Zeitdrucks, welchem die Trainer ausgesetzt sind.
Erschwerend kommt hinzu, dass keiner der genannten Trainer immer erfolgreich ist. Was erstmal kein Beinbruch ist, da jeder Trainer immer irgendwann an Grenzen stoßen wird und der Erfolg vor allem davon abhängig ist, wie viel die Hundebesitzer gelernt haben und umsetzen. Was die Besitzer zu Hause mit ihrem Hund machen, darauf hat der Trainer keinen Einfluss.

Über die Funktionalität gewisser Methoden kann man nicht streiten. Gewalt funktioniert, denn sie ist schnell und bequem und wirkt oft nachhaltig. Selbstverständlich funktionieren Millans Methoden, die Frage ist nur, warum sie funktionieren. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, indem wir zulassen, dass der Zweck die Mittel heiligt, ist ein harmonisches Miteinander mit jedweder Art von Lebewesen hinfällig.
Kommerzieller Erfolg ist nicht gleichzusetzen mit fachlicher Kompetenz. Ausgehend davon, dass Hundeshows Quotenshows sind, die so konzipiert werden, dass der Zuschauer nur das zu sehen bekommt, was er sehen soll, sollte man sich grundsätzlich von dem Gedanken distanzieren, dass ein Hundetrainer allein deshalb kompetent ist, weil er im Fernsehen zu sehen und erfolgreich ist. Und damit sind alle genannten Trainer gemeint, nicht nur Millan. Kompetenz in der Kynologie und Verhaltensberatung misst man vor allem daran, wie viel fachliches Wissen der Trainer vorweisen kann, ob und wie oft er sich fortbildet und wie sich seine Methodik auf die Mensch-Hund-Beziehung auswirkt. Im Umgang mit eigenen oder fremden Hunden ist es wichtig zu beobachten, wie die Tiere auf den Trainer reagieren. Ein fundiertes Wissen der Körpersprache ist hier absolut vonnöten.

"Cesar Millan vergisst , dass ein Tier/Mensch-Kontakt auf Vertrauen basiert und stellt die menschliche Dominanz an erste Stelle. Egal welche Verhaltensstörung der Hund aufweist - ohne Vertrauen bist Du als Mensch in allererster Linie unglaubwürdig.
Der Hund soll sich seiner Meinung nach zuerst unterordnen, bevor weiter gearbeitet wird. Egal ob angstaggressiv oder deprivationsgeschädigt, er macht keine Unterschiede. Er klammert aus, dass sich die Hunde in unnatürlichsten Umgebungen aufhalten und in Amerika noch unnatürlicher gehalten werden. Trotzdem ist seine Priorität immer das menschliche dominante Verhalten. Würden die Menschen die hündischen Bedürfnisse in den Vordergrund stellen, so hätte der Hund weniger Gründe, auffällig zu sein. Viele unerwünschte Verhaltensweisen verschwinden von selbst, wenn man den Hund an sich berücksichtigt. Die Unterordnung sollte immer freiwillig erfolgen, damit der Erfolg auch dauerhaft bleibt.
Habt ihr ihn schon mal gesehen, dass er rassegerechtes Training/Beschäftigung anbietet?
Ein gebrochener Hund wird erstmal sein individuelles Verhalten einschränken und erst, wenn er sich sicher fühlt, seinen wahren Charakter zeigen.

(Quelle: hundeforum.com, „Was haltet ihr von Cesar Millan?“, Zitat von „Doggysvoice“, 2013)


7. Bei meinen Hunden haben seine Methoden funktioniert. Ich schlage meine Hunde nicht.
Wie schon bereits geschrieben darf man Millan-Fans nicht unterstellen, sie würden ihre Hunde genauso behandeln wie er, nur weil sie ihn gut finden. Einige räumen sogar ein, dass sie nicht alles gutheißen, was er macht.


8. Er mag mit Hunden sehr ruppig umgehen, aber dafür hat er unheimlich viel Ahnung von Körpersprache.
Millan besitzt äußerst schnelle Reflexe und reagiert zumeist atemberaubend schnell, aber er reagiert nicht immer richtig. Millan besitzt wenig Kenntnisse über kanide Körpersprache. Der "Showdown mit Holly" zeigt ausführlich, wie er hündische Kommunikationsversuche so lange ignoriert, bis er gebissen wird.


9. Er behandelt Hunde so, wie sie es untereinander auch machen. Schließlich soll man Hunde nicht vermenschlichen.
Hunde sind keine Menschen. Hunde sind vor allem keine Kinder. Sie sind aber auch keine Wölfe.
Hunde kommunizieren untereinander ohne Hilfsmittel. Sie nutzen keine Leinen, keine Halsbänder und auch keine Clicker. Es ist für uns Menschen nicht möglich, Hunde so zu behandeln, wie sie es untereinander tun, weil wir eine andere Spezies sind. Aufgrund natürlicher Selektion sind wir zur artifiziellen Selektion imstande und haben die Möglichkeit, unsere Umwelt bewusst zu beeinflussen. Wir haben den Hund über Jahrtausende dazu gezüchtet, mit uns zu kooperieren. Diesen Vorteil sollten wir auch nutzen.


10. Es ist nicht wichtig, dass er keine Ausbildung hat. Für diese Arbeit braucht man keine Ausbildung. Er hat sich alles selbst beigebracht.
Tatsächlich bin selbst ich der Meinung, dass man nicht Biologie studiert haben muss, um mit Hunden richtig umgehen zu können. Viel zu selten verlassen sich Menschen auf ihr gesundes Bauchgefühl und vertrauen in ihrer Unsicherheit auf Menschen, die irreführende Totschlagargumente für ihre Methodik verwenden, oder verfallen in Autoritätshörigkeit.
Wer allerdings die Verhaltensforschung zur Untermauerung seiner Thesen herbeiziehen will, sollte sich mit ebendieser gründlich beschäftigt haben. Hunde mit Wölfen zu vergleichen zeigt sehr deutlich, dass ein Mensch sich eben nicht mit der Verhaltensforschung beschäftigt hat. Besser ist es dann, man beruht sich auf seinen eigenen Erfahrungen und versucht nicht, eine Wissenschaft heranzuziehen, von der man keine Ahnung hat.
Es möglich, sich ein sehr umfangreiches Wissen über die Kynologie ganz ohne ein akademisches Studium anzueignen. Zu diesem Thema existieren sehr viele Fachbücher und von zum Beispiel den Tierärztekammern oder der IHK anerkannte Weiterbildungen. Wer zudem an Workshops teilnimmt, kann ebenfalls praktische Erfahrungen sammeln und das Lesen kürzlich veröffentlichter Studien ist ebenfalls von Vorteil.

Cesar Millan jedoch hat keine Fachbücher gelesen und sich auch sonst keinerlei anerkanntes Wissen angeeignet. Er hat noch nicht einmal, wie es etwa Günther Bloch und andere Quereinsteiger gemacht haben, Hunde- oder Wolfsinteraktionen beobachtet, analysiert und die Ergebnisse katalogisiert, um daraus Schlüsse zu ziehen. Tatsächlich besitzt er kaum relevantes Wissen über Hunde und Wölfe, sondern seine Arbeit beruht rein auf Erfahrungen.
Wissenschaft erklärt die natürlichen Dinge, alles, was unsere Existenz ausmacht, es erklärt die Zusammenhänge. Dies beiseite wischen zu wollen, ist allenfalls ignorant. Erfahrung ist schön und gut und hat sicherlich ihre Berechtigung – nur wenn diese Erfahrung auf überholtem oder sogar falschem Wissen beruht, ist all die Erfahrung nichts wert. Wissenschaft erklärt uns auch, warum ein bestimmtes Verhalten gezeigt wird, was physiologisch und auch psychisch im Individuum passiert. Man kann seine Sichtweise auf Erfahrung und der eigenen Meinung aufbauen – das heißt nicht, das sie richtig ist, und in diesem Fall bedeutet „richtig“, dass es mit objektiven Messungen in einem repräsentativ generalisierten Verfahren nachprüfbar ist und die Ergebnisse bei Wiederholung gleich bleiben. Dabei handelt es sich um Verfahren an Objekten außerhalb des menschlichen Einflusses (im Bereich Tierverhalten betrifft dies Wildtiere in der Natur), Objekten innerhalb des menschlichen Einflusses (zB Haustiere), und Objekten in Laborverhältnissen. Um einen Standpunkt zu vertreten, sollte man ihn begründen können und diese Gründe sollten belegbar sein.  

Wie viel fachliches Wissen ich in einem bestimmten Bereich habe, hängt also nicht allein damit zusammen, wie lange ich mich schon in diesem Bereich bewege.  Das Problem am „Wissen“ durch Erfahrung, aber ohne zu lernen, ist, dass die Schlussfolgerungen völlig falsch sein können, wenn man nicht alle Variablen kennt.  Meine Erfahrungen sind nicht zwangsläufig die Erfahrungen, die jemand anderes gemacht hat. Erst durch objektive Messungen erhalten wir die Gewissheit, dass das, was wir annehmen, auch wirklich stimmt.


11. Positives Training funktioniert nicht bei „Red Zone Dogs“.
Alternativ liest und hört man oft „Mit Gutschi-gutschi kommt man bei diesen Hunden nicht weit“, wo wir wieder bei der Annahme wären, dass positives Training keinerlei Maßregelungen beinhalten würde und Hunde nur mit Leckerlis bestochen würden.

Zunächst entscheiden Anamnese und Diagnose über die Art und Weise, wie der Hund zukünftig therapiert oder trainiert werden muss. Aggressivität kann die unterschiedlichsten Ursachen haben. Zum Beispiel passiert es viel häufiger als man denkt, dass ein Hund aggressives Verhalten aufgrund einer versteckten Krankheit zeigt. Zum Beispiel knurrt ein Hund, wenn er an der Schulter berührt wird, oder beißt sogar, weil er dort Schmerzen hat. Wenn man vermutet, dass ein Hund an einer Verhaltensstörung leidet (und nicht nur einfach für den Menschen störendes Verhalten zeigt) oder regelmäßig gesteigerte Aggression zeigt, ist es wichtig, den Hund zunächst körperlich untersuchen zu lassen, um auszuschließen, dass es sich um eine medizinische Indikation handelt. So kann es also durchaus sein, dass ein sogenannter Red Zone Dog durch ein körperliches Leiden erst zum Red Zone Dog wurde und eine Medikation das Verhalten verschwinden lässt.
Weiterhin kann man Hunde nicht in Kategorien stecken wie „normaler Hund“ und „Red Zone Dog“. Trotz allem bleiben sie Individuen, die unterschiedlich auf die verschiedensten Methoden reagieren. Positives Training bedeutet nicht, seinen Hund nicht zu maßregeln. Eine Erziehung ohne jemals zu strafen ist schlichtweg nicht möglich. Positives Training bedeutet lediglich, belohnungs- und motivationsorientiert zu arbeiten.

Starke Verhaltensstörungen äußern sich häufig in ritualisiertem Verhalten. Um das Ritual zu durchbrechen, sind aversive Methoden manchmal nötig, sie sind aber keine Basis für die erfolgreiche Rehabilitation. Schon gar nicht bei angstmotiviertem Verhalten.


12. Mach du es ihm erstmal nach.
Viele Kritiker sind selbst Hundetrainer und arbeiten selbstverständlich auch mit schwierigen Hunden. Zwischen 2008 und 2010 arbeitete ich als selbstständige Hundetrainerin in München. Mit meiner Ausbildung am Ethology Institute Cambridge und weiteren Fortbildungskursen vertiefe ich mein Wissen. Mittlerweile bin ich Hundeführerin im Objektschutz und bilde Diensthunde gewerblich aus.


13. Er ist der einzige, der sich traut, mit diesen aggressiven Hunden zu arbeiten. Andere Trainer trauen sich das nicht.
In der Welt der Fernsehhundetrainer sah man derart schwierige Hunde tatsächlich zuerst bei Cesar Millan. Weil die Show zu Beginn gerade auf der Arbeit mit diesen schwierigen Hunden aufbaute, glaubte man irgendwann, dass gewöhnliche Hundetrainer solche Fälle nicht bearbeiten, beziehungsweise positive Trainer gar nicht dazu in der Lage wären, mit ihnen zu arbeiten.
Das stimmt so allerdings nicht. Martin Rütter konzentrierte sich zu Beginn von „Der Hundeprofi“ mehr auf Alltagsprobleme mit dem Hund, im Laufe der Staffeln hatte aber auch er einige sehr anspruchsvolle Fälle dabei. Da er mittlerweile vermehrt für seine Show und sein Bühnenprogramm arbeitet, hat er Coaches ausgebildet, die in seinen Zentren für Mensch und Hund mit Hundebesitzern und deren Tieren arbeiten. Die Arbeit mit einem sehr schwierigen und gefährlichen Hund ist meist langwierig und sie ist vor allem nichts für das Fernsehen. Martin Rütter und seine Coaches arbeiten mit gefährlichen Hunden, aber sie tun es nicht vor der Kamera.
Victoria Stilwell dagegen arbeitet nach ihrer Show in Großbritannien ebenfalls in Amerika, also im selben Umfeld wie Millan und sie hat genauso gefährliche Fälle in ihrer Show wie er. Im Gegensatz zu ihm wurde sie aber bisher nie so heftig gebissen, da sie bei einer eskalierenden Situation selbst eine deeskalierende Körpersprache verwendet. Das bedeutet wiederum, dass Stilwell es auch nicht darauf anlegt, eine Situation besonders gefährlich aussehen zu lassen und sie legt keinen Wert darauf, sich mit einem Hund zu messen, so wie Millan es tut.

Tatsächlich müssen wir uns bewusst machen, dass Millan die meisten Situationen selbst zur Eskalation treibt und keine Schadensbegrenzung betreibt, sondern die Situation noch weiter anheizt, indem er sich körperlich mit den Hunden misst. In vielen Situationen wäre es erst gar nicht zu solchen Ausbrüchen und Verletzungen gekommen, hätte Millan sich deeskalierend verhalten und erst einmal analysiert, warum es überhaupt so weit gekommen ist.

Cesar Millan ist sicherlich nicht der einzige Hundetrainer, der mit aggressiven Hunden arbeitet. Überall auf der Welt arbeiten Trainer mit schwierigen Hunden.
Nando Brown ist ein prominentes Beispiel, ebenso das Kollektiv um Perdita Lübbe-Scheuermann und ihrem Projekt "Start ins neue Leben", sowie Hundetrainer wie Thomas Baumann und Normen Mrozinski.


14. Hast du schonmal Wölfe in der Natur gesehen? Die machen es nicht anders.
Hunde sind keine Wölfe. Nach Jahrtausenden der Domestikation kann und darf man ein Haustier nicht mit einem Wildtier vergleichen. Der Haushund lebt in der Regel primär mit Menschen zusammen, nicht mit Artgenossen. Die Soziale Kommunikation von Hunden und Menschen gleicht sich auf vielerlei Weise und ist regelmäßig Gegenstand wissenschaftlicher Studien.
Ganz generell kann man sich bei der Arbeit mit Hunden nicht an Wölfen orientieren, außer um sie besser voneinander abzugrenzen. Man kann sich durchaus fragen, ob eine gemischte, gefangene Wolfsgruppe, die aus nicht-verwandten Tieren besteht, nicht zu vergleichen wäre mit einer gemischten Hundegruppe aus nicht-verwandten Tieren und ob man damit direkte Vergleiche in puncto Aggressionspotenzial und Dominanz ziehen könnte.
Der Unterschied ist hier allerdings, dass Wölfe in gefangenschaft und in gemischten Gruppen unnatürlichen Lebensbedingungen ausgesetzt sind, die zu Stress und Aggressionen führen. Für den Hund dagegen ist das Leben in "Gefangenschaft" tatsächlich natürlich. Der Haushund kommt in der Natur als Spezies nicht vor und selbst Straßenhunde bewegen sich immer noch in menschlicher Nähe und sind von ihnen abhängig. Verwilderte Haushunde, die sich vom Menschen komplett distanziert haben, haben sich zu neuen Spezies entwickelt (Dingo) und ihr Verhalten ist mit dem des Haushundes nicht mehr vergleichbar.
Sehr anschaulich erklärt hat das Günther Bloch in seinem Buch "Die Pizza Hunde", in dem er die Ergebnisse einer Freilandstudie an verwilderten Haushunden in der Toskana beschreibt. Verwilderte Haushunde zeigen erstaunlicherweise nur sehr selten wirkliches Rudelverhalten, das mit dem des Wolfes vergleichbar wäre. Gruppen bestehen zumeist aus dem Muttertier und dem Nachwuchs, oft bleiben die Geschwister eine Weile zusammen und trennen sich dann. Vorwiegend jedoch zeigen verwilderte Hunde das Verhalten von Einzelgängern, sind oft allein unterwegs und schließen sich zufällig, sporadisch, manchmal regelmäßig zu Gruppen zusammen, die fluktuative Machtgefälle aufweisen. Einen dauerhaften Rudelführer in diesem Sinne gibt es nicht. Hunde profitieren vom Nutzen der Gruppe, aber ohne den Einfluss des Menschen, der gewissermaßen gezwungen ist, eine hierarchische Struktur zu schaffen, leben verwilderte Haushunde in lockeren Verbänden, pflegen Freundschaften, organisieren sich aber nur sehr selten gezielt.
Für Wölfe bleiben nicht-verwandte Artgenossen immer Konkurrenz, selbst wenn sie mit ihnen eingepfercht werden. Bei Hunden profitiert die Gruppe auch von der Nützlichkeit eines nicht-verwandten Individuums.
Letztendlich wäre der freilebende Wolf dem Haushund damit doch etwas ähnlicher, als der gefangene Wolf, da man eigentlich zwei Spezies nur dann direkt vergleichen kann, wenn sie ihr artspezifisches Verhalten natürlich ausleben können - was gefangene Wölfe nicht tun können.
Studien an freilebenden Wölfen haben gezeigt, dass Interaktionen nur selten von Aggression geprägt sind und Führerschaft durch Elternschaft entsteht.



15. Er hat die Hunde vor dem Einschläfern gerettet. Das rechtfertigt alles, was er tut.
Ist es gerechtfertigt, einem Hund massive Gewalt anzutun, um ihn vor dem Tod zu bewahren? Wie groß war die Todesgefahr überhaupt, in der die Hunde schwebten, und warum?
Einige Punkte zuvor erklärte ich, dass Hunde in Amerika ohne Angabe von Gründen eingeschläfert werden können. Was bedeutet, dass die Hunde nicht unbedingt in Lebensgefahr waren, weil sie ausweglos verhaltensgestört waren, sondern weil dies ein bequemer und vor allem legaler Weg ist, ein Tier loszuwerden, mit dem man sich nicht mehr beschäftigen mag, oder das einen überfordert.
Ist es gerechtfertigt, dass ein Hund sein Leben in permanenter Angst vor Strafe und mit der Reduktion seines individuellen Verhaltens leben muss, damit er nicht eingeschläfert wird? Von Hündin „Ruby“ wissen wir, dass sie trotz der Arbeit mit Cesar Millan nach der Show ein Kind biss und die Besitzer sich dazu entschieden, sie einschläfern zu lassen. Von vielen anderen Hunden, zum Beispiel „Shadow“ und „JonBee“ wissen wir, dass sie nach der Show keine Verhaltensveränderung zeigten und abgegeben wurden. Millans 40-köpfiges Rudel im Psychology Center besteht aus Hunden, die dem Tod geweiht waren und die er vor der Einschläferung rettete. Diese Hunde tragen jedoch auf dem Campgelände allesamt Stromhalsbänder. Auf der Webseite und in der facebookgruppe „Beyond Cesar Millan“ können Kommentare und zum Teil auch Hintergrundgeschichten über Millans Arbeit mit den Hunden in der Show nachgelesen werden.

Auf die Frage, ob es gerechtfertigt ist, einem Hund Leid zuzufügen und ihn lebenslang zu hemmen, damit er nicht eingeschläfert wird, lautet meine Antwort schlicht: Nein.
Nicht nur, weil es ethisch nicht vertretbar ist, sondern auch weil es effektivere Alternativen gibt.


(Stand: März 2017)
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