Maybe Hope?

GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
Dana Scully Fox Mulder
15.11.2013
06.08.2015
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15.11.2013 1.301
 
Heißer Dunst hüllte das winzige Badezimmer ein, beschlug den ohnehin schon verschmierten Spiegel und erhöhte die Luftfeuchtigkeit auf ein beinahe unerträgliches Niveau. Durch die geschlossene Türe klang die monotone Stimme einer Dauernachrichtensendung. Alle Neuigkeiten wurden in einem stetigen und ermüdenden Rhythmus ständig wiederholt. Ein Schleier aus Angst und Hoffnung hatte sich um die zierliche Frau gelegt, die gerade versuchte, ihre nassen und verknoteten Haare durchzukämmen. Nur widerwillig gaben die stumpf wirkenden roten Strähnen nach. Bei jeder Wiederholung einer bereits bekannten Schlagzeile atmete sie leise und erleichtert auf. Nachdem sie jeden einzelnen Knoten gelöst hatte, rieb sie ihren Körper mit dem schäbigen, vom Hotel bereitgelegten Handtuch ab. Der dünne Stoff absorbierte nur einen geringfügigen Anteil an Feuchtigkeit und ließ einen noch nassen Schimmer auf der geröteten Haut zurück. Mit dem benutzen Handtuch wischte sie über den kleinen Spiegel, welcher dann den Blick auf ein fein geschnittenes, sommersprossiges Gesicht, umrundet von schulterlangen, roten Haaren, freigab. Verträumt strich die Frau durch eine leicht gewellte Strähne, die sich einzeln gelöst hatte.

Dann aber schüttelte sie energisch den Kopf als wolle sie all die Gedanken, die sie beschäftigten, mit dieser Geste verdrängen. Für Sentimentalitäten war gewiss keine Zeit. Sie hatten diesen Weg gewählt, ihr Leben bereitwillig den Widrigkeiten angepasst und aus Liebe ein Dasein wie dieses gewählt. Nein, sie bereute ihre Entscheidung nicht, doch kam sie nicht umhin, sich der drastischen Veränderungen und auch Verluste, die sie einbüßen musste, bewusst zu werden. Ihr Leben würde nie mehr so sein wie es früher einmal gewesen war. Erstaunlicherweise war nicht sie diejenige, die dies am meisten betrauerte. Nein, Mulder nagte mehr als sie an ihren neuen Lebensumständen. Nicht seinetwillen, er hatte im letzten Jahr unter schlechteren Bedingungen zu überleben gelernt. Erst letzte Nacht hatte er mit Tränen in den Augen seine wahren Gefühle offen gelegt. Er gab sich die Schuld, an allem! Durch ihn habe sie ihre anfängliche Unschuld verloren, habe unzählige Verluste hinnehmen müssen, nicht zuletzt noch ihren Sohn aufgeben müssen. Dieses Geständnis hatte einen lautstarken Streit hervorgerufen. Unzählige Male hatte sie ihm klarmachen müssen, dass sie aus freien Stücken mit ihm geflohen war, dass es einfach für sie war, ihr gewohntes Leben aufzugeben, sie seinen abermaligen Verlust aber keineswegs noch einmal verkraften wolle oder könne.
Erst dieser Ausbruch hatte Mulder etwas beruhigt. Für wie lange vermochte sie nicht zu sagen. Das Aufschließen der Zimmertüre ließ sie erschrocken zusammenzucken und reflexartig herumfahren. Mulders Paranoia hatte maßgeblich auf sie abgefärbt. Doch seine ruhige und wohlbekannte Stimme ließ ihren Puls sich wieder normalisieren.

„Scully, ich bin’s. Ich habe alles.“
Schon trat er zu ihr ins Badezimmer. Wärme schlug ihm entgegen. Doch er beachtete dies nicht einmal. Sein Blick war auf seine Ex-Partnerin gerichtet. Ungeniert ließ er seinen Blick anerkennend über ihren nackten und wohlgeformten Körper gleiten. Ein Scully wohlbekanntes Funkeln legte sich in seine Augen. Doch sie ignorierte sein sichtliches Interesse und drehte sich langsam wieder dem Spiegel zu. Wehmütig betrachtete sie ihre rote Haarpracht. Vorsichtig trat der Mann an die wesentlich kleinere Frau heran, legte sein Kinn auf deren Kopf und beobachtete nachdenklich ihre Spiegelbilder. Ihre azurblauen Augen suchten die seinen. Er nahm sich alle Zeit und betrachtete ihre feinen Gesichtszüge ausgiebig. Seit sie auf der Flucht waren, verzichtete Dana Scully auf Make-up. Und dies machte sie nicht gewöhnlich - wie viele schöne Frauen, die ihr wahres Gesicht unter Bergen von Schminke versteckten - es brachte vielmehr ihre natürliche Schönheit hervor. Und Sommersprossen. Mulder liebte diesen neuen Aspekt ihres Teints, Scully hingegen fand ihn eher störend. Abermals richten beide ihr Augenmerk auf das auffallend rote Haar.

„So sehr ich es auch selbst bedauern mag - so fällst du zu sehr auf.“ Zärtlich ließ er seine rechte Hand durch einige Strähnen fahren. Er selbst hatte sich zu ihrer Sicherheit einen Bart wachsen lassen, was sie genauso sehr störte wie Mulder selbst.
„Ich weiß...“, ertönte ihre leise gemurmelte Zustimmung. Da er halb über sie gelehnt war, nahm sie die Bewegung seines Nickens wahr. Einen Moment lang verharrend, schloss sie ihre Augen und lehnte sich kraftsuchend gegen seinen Oberkörper. Dann jedoch drehte sie sich abrupt in seinen Armen um und deutete auf die offene Türe.
„Würdest du bitte die Farbe holen, es wird Zeit dies hinter mich zu bringen“, sagte sie bestimmt, ihrer Melancholie keinen Aufschub auf das Unausweichliche gewährend. Ihrer Bitte folge leistend, verließ Mulder das Badezimmer und kehrte kurz darauf mit zwei verschieden Färbemitteln zurück. Ein verschmitztes Lächeln legte sich auf das Gesicht der noch rothaarigen Frau.
„Trotz meiner überragenden Intelligenz war es mir unmöglich die Geheimnisse der weiblichen Haarfärbemittel zu entschlüsseln.“ Amüsiert hob Scully eine Augenbraue, nahm ihm die Produkte jedoch kommentarlos aus den Händen. Nach einer genaueren Studie der aufgedruckten Beschreibung, kam sie um eine Kommentierung nicht herum.

„Schwarz? Mulder, ich denke, wir wollen unauffällig sein!“ Achtlos legte sie die erste Verpackung beiseite, öffnete dann seufzend die zweite und förderte einen Plastikbehälter mit der Farbe, eine Gebrauchsanweisung und ein paar Gummihandschuhe zu Tage.
„Was stört dich an schwarz?“, erkundigte sich der Mann neben ihr.
„Vielleicht ist dir ja in all den Jahren, in denen wir zusammen gearbeitet haben aufgefallen, dass ich ein sehr hellhäutiger Mensch bin. Das mit schwarzem Haar kombiniert, würde mich krank aussehen lassen. Ich bin zu blass dafür.“ Noch während sie diese Worte sprach, streifte sich Dana routiniert die beiliegenden Handschuhe über. Ein seltsam beklommenes Gefühl legte sich um ihr Herz. Unzählige Male hatte sie diese einfache und von ihr voll automatisierte Bewegung früher getätigt. Früher, als sie noch zugelassene Pathologin, eine engagierte Bundesagentin mit einem unerschütterlichen Vertrauen in das Rechtssystem und eine Bürgerin, die an die amerikanische Regierung glaubte, gewesen war. Innerhalb Sekundenbruchteilen, wie ihr schien, wurde sie von der Jägerin zur Gejagten. Abermals fühlte sie sich wie ein gehetztes Tier auf der Flucht, gnadenlos von einem übermächtigen Gegner gejagt und in die Enge getrieben.

Erst Mulder, der interessiert nach der Packungsbeilage griff, riss sie aus ihren düsteren Gedanken, die sie zu beherrschen versuchten. Verwirrt strich Scully ihr Haar zurück als könne sie mit dieser hilflosen Geste all die Emotionen, die sie zu überrollen drohte, zurückdrängen. Und doch wusste sie, dass sie um eine schmerzhafte Konfrontation nicht herumkommen würde. Noch hatte sie all die Geschehnisse der letzten Tage nicht verdaut, zu frisch waren die Ereignisse um richtig zu ihr durchgedrungen zu sein. Sie wusste, dass sie ihre Situation früher oder später einholen würde, ahnte, dass sie dieser aufbrausenden Welle nicht entkommen konnte, hoffte jedoch auf einen rettenden Anker. Sie wünschte sich nur, dass Mulder, sobald sie zusammenbrach, bei ihr sein würde, sie halten und vor dem Ertrinken erretten würde. Mulder, der sich dem Tumult in Scullys Inneren nicht bewusst war, trat abermals von hinten an die zierliche Frau heran. Liebevoll strich er über die nackten Arme seiner Partnerin, was diese erschaudern ließ.

„Kalt?“, erkundigte er sich besorgt und ließ seinen Blick abermals über ihren nackten Körper gleiten. Ohne zu zögern streifte er zuerst seinen Wollpullover, dann das dunkelblaue T-Shirt über seinen Kopf und signalisierte ihr die Arme zu heben. Liebevoll hüllte er sie in den dünnen Stoff und küsste sie sanft auf die Lippen, um sich kurz darauf den Pullover wieder überzuziehen.
„Dann lass uns mal loslegen!“, mit diesen Worten griff er voller Tatendrang nach dem Gefäß, welches die zwei Farbindikatoren enthielt. Bestimmt ging Dana dazwischen und brachte die Ampulle in ihren Besitz.
„Ich soll allen Ernstes einen Mann, der nicht einmal eine Tönung von einem Färbemittel unterscheiden kann, an meine Haare lassen? Vergiss es, Mister. Ich mache das alleine. Vielleicht kannst du ja in der Zwischenzeit die Einkäufe in unsere Tasche packen und herausfinden, was wir noch benötigen. Ich brauche ganz unbedingt frische Unterwäsche und ein Paar Kleidungsstücke. Zudem solltest du versuchen, Jimmy oder Yves zu erreichen.“ Damit war für Scully die Unterredung beendet und sanft schob sie ihren Begleiter in den Nebenraum. Sekunden später fiel die Badezimmertüre ins Schloss.
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