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Weißer Hase auf Bahnsteig Neun

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Gen
10.11.2013
16.04.2016
78
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10.11.2013 1.581
 
“Ich war nicht wirklich nackt.
Ich hatte nur keine Kleider an.“                                                Josephine Baker








                                            * ~ *


Hamburg - Mittwoch, 13.03.2013



Jessica hatte keine Ahnung, warum der „neue Besen“, wie Nick Eisinger im Haus genannt wurde, sie unbedingt heute noch sprechen wollte. Seine Sekretärin Beate Thürk ließ sie jetzt schon eine Dreiviertelstunde warten und bedachte sie ab und an mit einem vielsagenden Blick.

'Wahrscheinlich gefällt ihr mein selbstgestrickter Pullover nicht', überlegte Jessica. Kann sich ja nicht jeder Designermode leisten, sonst gäbe es nicht so viele Billigläden... Außerdem wurde gerade die Heizung im gesamten Haus gewartet und ehe sie sich hier noch einen Schnupfen holte, zog sie sich lieber etwas vernünftiges an. Auf Kunden ließ man sie sowieso noch nicht los...

„Herr Eisinger hat jetzt Zeit für Sie“, meldete die Vorzimmerfee schließlich in einem derart herablassenden Tonfall, als ginge es um die Audienz bei einem Staatsoberhaupt.
,Zu gütig', dachte die etwa zehn Jahre jüngere Frau und ging ohne lauten Kommentar auf die gepolsterte Tür zu. Im funktional eingerichteten Büro des Personalchefs war es recht frisch, so dass Jessica sich einmal mehr zu ihrem wärmenden Pulli beglückwünschte.
„Guten Tag, Herr Eisinger“, grüßte sie unbefangen, obwohl er sie schon wieder so merkwürdig ansah – genau wie bei der Abteilungsbesprechung in der vergangenen Woche, bei der sie ihn das erste Mal getroffen hatte. Sie konnte sich absolut nicht erinnern, ihm früher schon einmal begegnet zu sein... Vielleicht stieß er sich aber auch an ihren leuchtend roten Haaren. Der Selbst-Färbe-Versuch war leider etwas danebengegangen, da musste sie dringend nachbessern. Gleich morgen...

Nick Eisinger grüßte höflich zurück und forderte sie dann auf, Platz zu nehmen.  Als sie ihm gegenüber saß, begann er mit verhaltener Stimme zu sprechen: „Es gibt eine interne Beschwerde, Frau Bach. Sie sollen einen Mann sexuell belästigt haben. Bevor ich Frau Thürk zu diesem Gespräch dazu hole, möchte ich von Ihnen wissen, ob der Vorwurf zutrifft.“

„Wen soll ich denn belästigt haben?“ fragte Jessica perplex und schaute unwillkürlich an sich herunter. Als sexy konnte man ihr Outfit nun wirklich nicht einstufen, nur als praktisch und warm und absolut passend zu diesem kalten Märztag.

„Dazu kommen wir noch“, wich er aus und sah sie durchdringend an.

Machten so was nicht Kriminalkommissare bei ihren Verhören?! Fehlte bloß noch eine Lampe, die ihr genau ins Gesicht strahlte. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass sie heute über die Klinge springen sollte. Aber warum? Bisher war sie doch mit allen Kollegen ihres Bereiches gut ausgekommen und gravierende Fehler hatte sie bei den Übersetzungen auch nicht gemacht...

„Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, Frau Bach, das horizontale Gewerbe ist eine Branche wie jede andere auch. Ich verurteile weder die Frauen, die sich auf diese Weise Geld verdienen, noch die Männer, die für die Dienste bezahlen“, äußerte sich der neue Besen zu Jessicas Überraschung und fügte hinzu: „Wenn Ihr Gehalt für ihren Lebensstil nicht ausreicht, sollten Sie trotzdem nicht auf die Idee kommen, Ihren Körper hier in der Firma anzubieten.“

„Ich habe was?!“ Jessica konnte nur den Kopf schütteln. „So eine gequirlte Scheiße!“
Nach diesem ebenso ehrlichen wie unpassenden Ausbruch lief sie rot an. Warum nur war ihre Zunge so oft schneller als ihre Gedanken???

„Mäßigen Sie sich bitte, Frau Bach. Es hilft Ihnen nicht, wenn Sie die Beherrschung verlieren.“ Seine unaufgeregte Stimme verriet, dass er damit wohl kein Problem hatte.

'Kunststück, aus dir macht man ja auch kein Flittchen!', fluchte sie innerlich weiter und verschränkte die Arme vor der Brust. Dann begann sie langsam zu zählen, von eins an aufwärts...

„Schon besser“, urteilte er nach einer kleinen Pause, in der sich ihre Atmung und ihre Gesichtsfarbe normalisiert hatten. „Ich werde jetzt Frau Thürk herein bitten.“


                                                                                                O U T I N G D R O H T


Der Sekretärin war anzumerken, dass sie die Situation mehr als genoss. In ihren graublauen Augen las Jessica nichts als Verachtung und Triumph.
„Tragen Sie bitte die Anzeige vor, Frau Thürk“, forderte Nick Eisinger sie auf und ließ sich dann keine Regung der jüngeren Angestellten entgehen.
Mit einer vor Genugtuung strotzenden Stimme verlas die Gleichstellungsbeauftragte die Anzeige des IT-Technikers Arslan Divkovic. Nach seiner Darstellung hatte Jessica ihn mit Worten und Gesten heiß gemacht und als er zu dem Quickie bereit war, hatte sie Geld verlangt – zweihundert Euro. Als er sich weigerte, für Sex zu zahlen, hatte sie eiskalt gedroht, ihn als schwul zu outen. Nur aus diesem Grund hatte er sie überhaupt angezeigt - für ihn gab es nämlich aus streng religiösen Gründen keine schlimmere Beleidigung...

„Kann ich ein Foto von Herrn Divkovic sehen?“ erkundigte sich Jessica leise. Bei der Größe der Firma war es unmöglich, alle Namen und Gesichter zu kennen, außerdem verbrachte sie die meiste Arbeitszeit im Büro.
„Sie wissen ja wohl, wie er aussieht!“ knurrte die Sekretärin ungehalten.
„Eben nicht, sonst würde ich ja nicht fragen“, konterte die Angeklagte. „Außerdem will ich wissen, wann das passiert sein soll!“
„Das ist einfach lächerlich! Es hilft Ihnen nicht, die Ahnungslose zu spielen, Sie sollten besser ehrlich sein.“ Frau Thürk machte keine Anstalten, auf Jessicas berechtigte Forderung einzugehen.

„Wir wollen doch fair bleiben“, verkündete Nick Eisinger überraschend und druckte ein Foto aus der Personalakte aus. „Bitte!“

„Danke!“
Froh darüber, dem unverständlichen Zorn der älteren Frau nicht komplett ausgeliefert zu sein, studierte sie das Gesicht des Mannes, dessen Ehre sie angeblich verletzt haben sollte.
„Ich habe diesen Arslan Divkovic bisher nur von weitem in der Kantine gesehen und mich nie mit ihm unterhalten“, erklärte Jessica leise, aber bestimmt. „Nun fehlen bloß noch Tag und Uhrzeit der total erfundenen Begegnung.“

„Letzte Woche Mittwoch, kurz nach 20:00 Uhr“, verkündete die Sekretärin und fixierte die jüngere Frau wie ein lästiges Insekt, das der Klatsche ausgewichen war.
„Aber das ist ja weit nach Ende meiner Arbeitszeit“, protestierte die Angeschuldigte. „Sie wissen doch, dass ich vorläufig nur für halbe Tage eingestellt worden bin.“
„Nach den Zugangsprotokollen waren Sie in der Firma“, beharrte Frau Thürk und klopfte auf die vor ihr liegende Akte. „Die Beweise sind eindeutig.“

„Ein IT-Mensch kann die Protokolle aber sehr wohl fälschen“, platzte Jessica nun heraus und überlegte fieberhaft, wo sie am Mittwoch gewesen war. Mist, ihre Couch und den Fernseher konnte sie nicht in den Zeugenstand rufen... Und Mellie hatte gearbeitet.

„Welchen Grund sollte Herr Divkovic denn haben, so eine Anzeige zu erfinden?!“ Die Gleichstellungsbeauftragte wollte sich noch nicht geschlagen geben.

„Das wird er ganz bestimmt der Polizei verraten, sobald ich ihn wegen übler Nachrede anzeigt habe“, giftete Jessica jetzt gereizt zurück. Was hatte die blöde Ziege nur gegen sie? Sie hatte ihr doch nie was getan!
Oder suchten die hier nur einen Vorwand, um sie nicht fest einstellen zu müssen?
SCHEIßE, sie brauchte den Job!

„Wir werden das intern abklären, eine Anzeige würde nur unnötigen Wirbel verursachen und allen Beteiligten schaden“, sprach Eisinger nun ein Machtwort. „Und als Gleichstellungsbeauftragte sollten Sie immer beide Seiten objektiv anhören“, kritisierte er abschließend die Sekretärin. „Sie können jetzt gehen, Frau Thürk.“

Mit einem zutiefst beleidigten Gesichtsausdruck fegte die Vorzimmerdame aus dem Raum. Nur die schwere Polsterung verhinderte, dass die Tür laut ins Schloss fiel.

„War das jetzt alles?“ fragte Jessica. Sie fühlte sich noch lange nicht als Siegerin. Irgendetwas bedrohliches lag in der Luft...

„Nein, das war leider nicht alles. Ich hätte diese Anzeige nicht so ernst genommen, wenn ich Sie nicht selbst bei der Arbeit erlebt hätte.“ Seine dunkelbraunen Augen schienen sie jetzt hypnotisieren zu wollen.

„B-b-bei der Arbeit?“ stotterte Jessica verwirrt. Was meinte er nur?

„Es ist ungefähr zwei Jahre her, da haben Sie mich in einer Hotelbar in Berlin angesprochen. Damals waren Sie blond und trugen Ihre Haare wesentlich länger.“
Falls er auf ein Zeichen des Wieder-Erkennens oder Erinnerns wartete, sah Nick sich getäuscht. Hatte sie ihre Begegnung wirklich vergessen?

Äußerlich erstarrt, schlugen Jessicas Gedanken gerade einen Purzelbaum nach dem anderen. Hotelbar... Berlin...
Meinte er vielleicht diesen blöden Kongress???

Da sie stumm blieb, wurde er nun sehr deutlich: „Wir hatten Sex und ich habe Sie dafür bezahlt.“

Ach, du heilige SCHEIßE!

Jessica hätte jetzt zu gern die Größe einer Maus gehabt, um im nächstbesten Loch zu verschwinden.
Wie peinlich war das denn?!
Dem Erschrecken in ihren grünen Augen folgte Verwunderung und dann Resignation.
„Also bin ich wohl gefeuert“, tippte sie.

Eisinger atmete tief durch. „Nicht meinetwegen, Frau Bach. Wie schon erwähnt – ich habe nichts gegen leichte Mädchen und den fairen Austausch von Dienstleistung und Bezahlung.“

„Aber?“ hakte sie nach.
Er wollte sie doch jetzt nicht kaufen, oder? Immerhin hatte er Familie!

Okay, das hieß ja nichts. Männer konnten sich doch mit diesem angeblich wissenschaftlich bewiesenen Untreue-Gen herausreden...

„Die Firma muss Personal einsparen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Sie sind jung, gut ausgebildet und müssen keine Familie ernähren, damit stehen Sie auf der Liste derer, die wir nicht weiter beschäftigen können. Es tut mir wirklich leid.“

Jessica konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen in die Augen schossen. Sie blinzelte heftig, damit er es nicht merkte, und stand dann abrupt auf. Jetzt bloß keine Schwäche zeigen, darauf warteten die doch nur! Besonders dieser Vorzimmer-Drachen würde jubeln, wenn sie hier heulend raus rannte...

„Natürlich bekommen Sie das volle letzte Gehalt und ein entsprechendes Zeugnis“, versicherte Nick schnell und erhob sich ebenfalls. „Ich hoffe, dass Sie bald eine geeignete Stelle finden und ….“

Er zögerte kurz, fuhr dann aber fort: „Und ich hoffe außerdem, dass Sie nicht in die Arme eines Zuhälters rennen.“
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