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Noblesse Oblige

von Ignis
KurzgeschichteAllgemein / P16
D'Artagnan Graf Rochefort Kardinal Richelieu
10.11.2013
10.11.2013
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A/N: Zum Titel: "Noblesse Oblige" bedeutet "Adel verpflichtet", was der gute Kardinal in diesem OS mehr oder weniger indirekt auch noch erklärt XD
Dann noch eine kleine Warnung: D'Artagnan hat in diesem OS wirklich nichts zu lachen, also wer den Jungen schätzt, der sollte vielleicht lieber nicht weiterlesen. Ihr seid gewarnt! Ansonsten viel Spaß! Und Feedback ist mir immer sehr willkommen :3

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Die Tür wurde geöffnet, die Besucher weit hörbar angekündigt, doch auch ohne die Gardisten hätte er gewusst, wer ihm da mit widerwilligen Schritten gegenübertrat. Er sah nicht von seiner Arbeit auf, schrieb gelassen weiter auf dem Stück Pergament, das vor ihm lag und blendete die beiden Personen vor sich weitgehend aus. Erst, als die Schritte verstummten, bedachte er seinen Gardisten mit einem kurzen Blick, dessen stummer Befehl umgehend in die Tat umgesetzt wurde.

Es war kaum mehr als ein kurzer Ruck des Gardisten, dann sackte der Gefangene mit einem Aufschrei in die Knie. Den Schmerz mit schweren Atemzügen zu verscheuchen suchend, hob der Junge langsam den Kopf, starrte hinauf in das Gesicht des Kardinals, der ihn lediglich mit einem abschätzigen Blick bedachte, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder auf seine Arbeit richtete.

„Ihr seid spät.“ Die Worte wirkten beiläufig, waren kalt und beinahe schon desinteressiert. Der Junge reagierte darauf mit einem spöttischen Schnauben und erwiderte: „Eure Garde war wohl einfach zu langsam.“
Ein dumpfes Geräusch und ein Keuchen verrieten dem Kardinal, dass Jussac offenbar die Geduld verloren und ihm einen weiteren Schlag versetzt hatte. Tatsächlich hatte der Gascogner Mühe, das Gleichgewicht zu wahren, vermochte er scheinbar nicht, mit gefesselten Händen sein Gewicht zu stützen.

„Möglicherweise“, begann Richelieu kalt, während die Feder weiter über das Pergament kratzte, „haben sie auch nur meinem Befehl Folge geleistet, Euch lebendig und bei vollem Bewusstsein hierherzubringen.“
Er spürte den unverschämten Blick d’Artagnans auf sich, doch ließ er sich nicht dazu herab, diesem wertlosen Bauernjungen gegenüber Zorn zu empfinden. Man mochte meinen, ein Mensch mit gesundem Verstand würde gegenüber dem mächtigsten Mann Frankreichs eine gepflegtere Wortwahl wählen, doch d’Artagnan schien es zumindest an einem der beiden Dinge zu mangeln. Sollte er nur sprechen, wie es ihm beliebte, er würde die Konsequenzen noch früh genug zu spüren bekommen.

„Nun, sie hatten ihre liebe Not dabei.“
Aus dem Augenwinkel nahm Richelieu wahr, wie Jussacs Hand in Richtung seines Degens zuckte, doch als er den scharfen Blick des Kardinals bemerkte, ballte er lediglich die Faust und beschränkte sich darauf, den Griff um d’Artagnans Schulter zu verstärken.
Der Kardinal schwieg und für eine Weile war nur das Kratzen der Feder auf Pergament zu hören – letztendlich war es jedoch der Junge, der ungeduldig das Schweigen brach.
„Also? Was werft Ihr mir vor?“ Er sprach die Frage wie eine Forderung, der hochmütige Tonfall seiner Worte bewies Richelieu einmal mehr, dass dieser Junge keinerlei Ahnung von Anstand und Ehre hatte – Dinge, die selbst dem niedersten Adel von Wert waren.
Er legte für einen Moment die Feder beiseite und verschränkte die Finger, während er noch einmal die Worte las, die er soeben geschrieben hatte.
„Euch ist nichts vorzuwerfen, über das einem Mann Gottes zu richten gestattet wäre“, erklärte er kühl. „Einem Edelmann jedoch sehr wohl.“
Der eisige Blick, mit dem er d’Artagnan strafte, schnitt dem Jungen das Wort ab, noch ehe ein Laut über seine Lippen gekommen war. Nun, endlich, schien auch er begriffen zu haben, dass es nicht immer gut war, auf jede Aussage des Kardinals eine Antwort zu geben.

Dennoch musste Richelieu sich eingestehen, dass der Gascogner seinen Zorn geweckt hatte – einen Umstand, der in diesem Augenblick nur hinderlich sein würde. Allerdings fiel es selbst ihm schwer, einem Jungen ohne Anstand gegenüber Ruhe zu wahren, der sich nicht nur erdreistete, ihm ohne jeglichen Respekt zu begegnen, sondern auch jeden seiner Pläne durchkreuzte. So ärgerlich dies auch sein mochte, Richelieu vermochte durchaus eine Niederlage gegen einen ebenbürtigen Gegner zu akzeptieren, jedoch handelte es sich dieses Mal um einen respektlosen Bauernjungen, der seine Ehre befleckt hatte und sich nicht einmal für sein anstößiges Verhalten schämte.

Er wandte den Blick von d’Artagnan ab, widmete sich wieder seiner Arbeit und suchte, den lodernden Zorn in seinem Inneren zu ersticken, doch erneut zerriss die Stimme des Jungen das Schweigen.
„Ich wüsste nicht, was ein Edelmann mir, einem Musketier, vorwerfen sollte.“
Richelieu verharrte augenblicklich. Seine Finger krampften sich um die Feder in seiner Hand und ein leises Knacken verriet, dass er mit seiner Geduld langsam am Ende war.
„Tatsächlich wisst Ihr das nicht, Musketier …“ Die Worte waren so leise, dass weder d’Artagnan noch Jussac sie verstanden haben konnten, doch der eisige Tonfall war selbst für die beiden unüberhörbar.
Um sich nicht erneut durch eine ungebetene Bemerkung des Bauernjungen stören lassen zu müssen, hob der Kardinal die Stimme zu einer Antwort: „Ihr nennt Euch also Musketier, ohne ihren Rock zu tragen?“
Sein Blick haftete weiterhin an dem Pergament, das vor ihm lag, doch er hatte schon lange aufgehört, die Worte zu lesen. Er starrte auf den dunklen, schwarzen Fleck, den seine Schreibfeder darauf hinterlassen hatte, sah zu, wie die Tinte sich einer Krankheit gleich durch die hellen Adern fraß und sie langsam schwarz färbte.

„Man mag mir zwar noch nicht die Ehre erwiesen haben, ihre Kleidung zu tragen, doch mein Herz schlägt auf der Seite der Musketiere!“, erwiderte der Junge hochmütig und war sich offenbar nicht bewusst, wie lächerlich diese Worte in den Ohren des Kardinals klangen.
„Es mag Euer Degen sein, der für Seine Majestät und die Musketiere streitet, aber gewiss nicht Euer Herz.“
Diese kalten Worte schienen d’Artagnan zu treffen. Mit einem Ruck richtete sich der Junge auf, doch Jussacs Griff hielt seine Knie unerbittlich auf dem Boden.
„Was waren Eure Gründe nach London zu reisen und Euch das Kollier anzueignen? Der Schutz Eures Vaterlandes? Die Ehre des Königs zu verteidigen? Oder …“ Richelieu nahm die Feder vom Pergament und griff nach einem unbeschriebenen Blatt. „Die Versprechungen einer schönen Dame?“
Mit entspannten Fingern ging der Kardinal wieder seiner Arbeit nach. Er wusste, dass er mit jedem seiner Worte einen Nerv getroffen hatte und in diesem Augenblick gab es nichts, das ihm eine größere Zufriedenheit hätte bescheren können als der empörte Ausruf d’Artagnans: „Wollt Ihr mich beleidigen?!“
„Ihr streitet also ab, dass Ihr all dies zum Schutze einer Dame tatet?“ Die Worte klangen gelangweilt, doch ein Hauch von Spott zeigte, dass Richelieu nicht im Mindesten aus reiner Nebensächlichkeit sprach.
„Ich-“ Zufrieden vernahm er, wie der Junge nach Worten suchte, ohne sie zu finden. Bereits jetzt hatte Richelieu seine gewohnte Ruhe zurückerlangt, führte mit entspannter Haltung seine Arbeit fort und schenkte d’Artagnan nicht im Mindesten Beachtung.

„Noblesse Oblige.“ Diese Worte rissen den Gefangenen für einen Augenblick aus seiner Wut.
„Ein Grundsatz, nach dem selbst der niedrigste Adel lebt – ich nehme an, er ist Euch bekannt?“
Die Reaktion, die er erhielt, war ganz so, wie er erwartet hatte. Der Junge reagierte empört und doch blieb er ihm eine Antwort schuldig.
„Was wollt Ihr eigentlich?“, zischte er verärgert und offensichtlich in seinem Stolz verletzt.

Richelieu gedachte nicht, sich mit dem Jungen auf eine Ebene zu begeben – er mochte seine Worte früher oder später verstehen, oder sich für immer durch sie gekränkt fühlen, es war ihm schlicht gleichgültig.
„Nach diesem Grundsatz hat jeder adligen Blutes seine Verpflichtungen zu erfüllen. Ich bin Gott, Seiner Majestät und Frankreich verpflichtet – mit welcher Aufgabe begründet Ihr Euer Handeln?“
Nun endlich, glaubte Richelieu, den Jungen vollends erzürnt zu haben, denn auch als er sprach, zitterte seine Stimme vor Wut.
„Ich erfülle eine Pflicht gegenüber Seiner Majestät! Ihr dagegen-“
Der Kardinal hieß ihn mit einer harschen Geste Schweigen und Jussac zwang den Jungen mit einem weiteren Schlag, diesem Befehl auch Folge zu leisten.
„Ihr habt Euch dem König verpflichtet und dennoch reistet Ihr nach London, um den Wunsch Eurer Dame zu erfüllen“, stellte Richelieu kalt fest. „Nicht, weil Ihr willens wart, Euer Land und Euren König zu schützen.“

„Ihr!“, fauchte d’Artagnan, nun außer sich vor Wut. „Ihr wollt mir unterstellen, meine Pflicht nicht zu erfüllen?!“
Erneut hielt Richelieu in seiner Arbeit inne und neigte nun leicht den Kopf.
„Ich sagte mit keinem Wort, Ihr würdet Eure Pflichten verletzen. Ohne den Rock eines Musketiers macht Ihr Euch keine Schande, wenn Ihr lediglich Eure Dame schützt.“
Die Schultern des Jungen begannen wütend zu zittern und in seinen Augen tobte der Zorn.
„Was wollt Ihr von mir?!“
Nun war jede Zurückhaltung d’Artagnans verschwunden und er stemmte sich in seiner blinden Wut gegen Jussacs Griff. Dieser drückte ihn jedoch nur weiterhin schweigend auf die Knie, doch lag dabei seine linke Hand an seinem Degen.

Gelassen lehnte sich Richelieu leicht in seinem Stuhl zurück, ließ den Blick zu dem Schachbrett wandern, das neben einem Stapel Pergament auf dem Tisch stand. Als stünde ihm alle Zeit der Welt zur Verfügung, streckte er die freie Hand aus und nahm den schwarzen Springer vom Feld.
„Ihr versteht also immer noch nicht“, bemerkte er kühl und betrachtete die Figur eine Weile.
„Nein!“ Nun schrie d’Artagnan tatsächlich und der Gardist hatte zunehmend Mühe, ihn auf dem Boden zu halten. „Also erklärt Euch!“
Der Junge war im Begriff, durch die Kraft, die ihm seine unbändige Wut verlieh, wieder auf die Beine zu kommen – doch Jussacs Schlag traf ihn so hart, dass er ächzend zurück auf den Boden sank.
Richelieu verblieb, als wäre nichts geschehen.
„Bedauerlich“, sagte er kühl, während er nun den Springer in seiner Hand über das Feld bewegte, der sich nun als eine der ersten Figuren Auge um Auge mit seinen weißen Gegnern sah.

Nach diesem Zug blickte Richelieu seit langem wieder auf, doch sah er über d’Artagnan hinweg, als nähme er ihn gar nicht wahr. Dann sprach er mit lauter Stimme und seine Worte widerhallten von den hohen Wänden, deutlich hörbar für sie alle.
„Holt mir Rochefort.“
Die Wut, die zuvor noch in dem jungen Gascogner gelodert hatte, schien nun mit einem Mal wie erstickt. Seine Schultern zitterten nicht mehr und er hörte auf, sich gegen Jussacs Griff zu wehren.
„Rochefort…?“ Er sprach den Namen voller Unglauben aus, starrte unentwegt Richelieu an und vermochte offenbar nicht zu fassen, was er soeben gesagt hatte. „Ihr … Ihr lasst nach einem Toten schicken?“
Seine Stimme überschlug sich beinahe und um Richelieus Mundwinkel zuckte der Anflug eines Lächelns.

Dann wurde die schwere Tür aufgestoßen und Schritte, denen eine Ruhe und Gelassenheit zu eigen war, wie man sie nur von einem Mann kannte, hallten als einziges Geräusch durch den Raum.
D’Artagnan drehte den Kopf, soweit es ihm möglich war, um den eintretenden Gast zu sehen, obwohl er innerlich schon längst Gewissheit hatte. Selbst Jussac wandte sich ihm zu, ohne seinen Griff an d’Artagnans Schulter jedoch zu lockern, und grüßte.
„Noch immer hier, Bauernjunge?“ Obwohl er direkt hinter d’Artagnan stand und er keinen Blick auf ihn hatte erhaschen können, erkannte der Junge ihn an seiner Stimme wieder. Ein Mann, der ihm mit so viel offenkundigem Hohn und Spott begegnete, konnte nur Rochefort sein.
Er merkte, wie Jussac von ihm abließ, hörte, wie er zur Seite trat und ihn freigab – doch schon im nächsten Moment wurde er nochmals grob gepackt und auf die Beine gerissen. Sein Knie schmerzte und er wusste, er würde das Gleichgewicht verlieren, wenn er aufzutreten versuchte, doch Rochefort gedachte ohnehin nicht, ihn loszulassen. Stattdessen riss er ihn herum, um ihm ins Gesicht sehen zu können.

Der Fechter hatte, wie es sich in der Gegenwart Seiner Eminenz geziemte, den Hut gezogen und musterte abschätzig den Jungen, den er grob an der Schulter gepackt hatte.
So trittst du vor Seine Eminenz, Bauernjunge? Wo ist dein feines Musketiersgewand?“
Er lockerte seinen Griff leicht und beobachtete zufrieden, wie sich das Gesicht des Jungen vor Schmerzen verzerrte.
„Ich habe“, presste der Junge hervor, „Ich habe keines.“
„Welch Überraschung“, bemerkte der Fechter und in seinem Auge glänzte der Spott. „Du hast es ja weit gebracht, seitdem du einen Hochverräter vom Dach gestoßen hast.“
Der Möchtegern-Musketier begann in seinem Griff zu zittern und sich zu winden, doch weigerte er sich, einen Schmerzenslaut über seine Lippen zu lassen, wie Rochefort amüsiert bemerkte. Er hob den Jungen wieder etwas höher, beobachtete, wie die Anstrengung leicht aus seinem Gesicht wich – und ließ ihn los.
Mit einem grauenvollen Schmerzensschrei brach d’Artagnan vor ihm zusammen und umklammerte sein verletztes Bein.
„Welch Ehrerbietung.“ Kalter Hohn troff von diesen Worten, doch der Junge hörte sie nicht, war taub und blind für alles, außer seinem Schmerz.

Ein kühles Lächeln umspielte die Lippen des Kardinals als er den Blick des Fechters auffing und hatte er dem Geschehen bisher nur als stiller Beobachter beigewohnt, so ergriff er nun endlich das Wort.
„Lasst ihn knien, wenn er es wünscht, Rochefort“, befahl er leise und mit einem Hauch von Spott in der Stimme.
D’Artagnan jedoch dachte nicht daran, sich vollends aus dem Gespräch zurückzuziehen und trotz der Schmerzen, die er litt, wandte er sich erneut an Rochefort.
„Ihr“, keuchte er und der Fechter schenkte ihm einen weiteren herablassenden Blick. „Wie konntet Ihr überleben?“
Das brachte ihn zum Schmunzeln und er sah Richelieu an, als er sprach:
„Offenbar war Gott mir gnädig.“
Mit einem Mal versteifte sich die Haltung des Kardinals und er starrte kalt auf Rochefort hinab, ohne jedoch ein Wort zu sagen – doch das schmälerte das Vergnügen des Fechters nicht im Geringsten.
Schließlich bestätigte Richelieu seine unausgesprochene Frage mit einem knappen Nicken und er riss den Jungen wieder auf die Beine.

„Verfahrt mit ihm, wie Euch beliebt, Rochefort.“
Der Kardinal wirkte wieder völlig entspannt, in seinen Fingern drehte er den schwarzen Springer.
Ein kleines Lächeln huschte über Rocheforts Lippen, doch einem Schatten gleich, war es nur zu schnell wieder verschwunden. Er verabschiedete sich mit einer Verbeugung und ohne auf seine Schmerzenslaute zu hören, stieß er den Jungen in Richtung Tür.

Richelieus Blick folgte den beiden und ehe sie den Raum verlassen konnten, hielt er sie noch einmal zurück.
„D’Artagnan.“ Der Junge drehte sich mühsam um, Schmerz und Hass loderten in seinen Augen, doch kein Laut kam mehr über seine Lippen. Richelieu jedoch, hatte sich bereits wieder dem Schachbrett zugewandt, auf das er nun die Figur zurücksetzte.
Mit beiläufigem Tonfall sprach er seinen Abschied, ehe der schwarze Springer den weißen Bauern schlug.
„Möge Gott Eurer Seele gnädig sein.“
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