Unter dem Schutz des Helmes

KurzgeschichteAllgemein / P12
09.11.2013
09.11.2013
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Disclaimer: Da die Sklaverei verboten ist und ich nur ein armer Student bin, gehört mir keine der erwähnten Personen. Dazu entschuldige ich mich bei den armen Mechanikern, deren Namen ich möglicherweise verändert habe, das war kein böser Wille, aber da ich keine Namen finden konnte…
Ich verdiene auch absolut kein Geld mit meiner Schreiberei und mache in meinem normalen Leben auch Dinge, die gar nichts mit damit zu tun haben. Mir ist bewusst, dass es sich bei Fanfiktions um eine rechtliche Grauzone handelt, und das dieser sogenannte Disclaimer nichts besser oder schlechter macht. Aber damit alles seine Ordnung hat, steht er eben hier.

Kurzbeschreibung: Erste Tage sind niemals einfach, erst recht nicht, wenn man in einer Männerdomäne arbeitet und seinen Platz finden will und muss. [Paul di Resta, Adrian Sutil]
Ein dickes Dankeschön an Forbidden to Fly für die ganze Starthilfe und Geduld
Eine Anmerkung: Bei den Berufsbezeichnungen habe ich mich bewusst auf die männliche Form verlegt, weil hier wohl englisch gesprochen wird und die Sprache keine Unterscheide macht. Dazu ist die Rollengeschichte nicht ganz unerheblich.

Unter dem Schutz des Helmes


Ich weiß nicht recht, was mich mehr freut: dass ich es geschafft habe und jetzt hier stehe oder, dass ich das Glück habe, dass ich für di Restas Auto mitverantwortlich bin und nicht für Sutils. Nicht, dass ich etwas gegen ihn persönlich hätte, ich kenne ihn nicht, zumindest nicht wirklich. Ich weiß, wie er aussieht, was mich aber viel mehr stört, ist diese eine Aussage aus einem Interview. Er bezeichnete die missglückten Boxenstopps als Kindergarten, aber er sitzt im Auto, er weiß nicht einmal, wie es auf der anderen Seite aussieht. Er muss wohl auch vergessen haben, wie gefährlich es für uns ist. Ein Boxenstopp ist vieles, aber kein Kindergarten. Immerhin war es gerade bei Force India, wo auch in dieser Saison jemand verletzt wurde. Wo es Verletzte gibt, ist es ein Unding von einem Kindergarten zu reden, weil etwas länger dauert! Leben vor Punkten… so sollte es aussehen, nicht anders! Aber gut, in diesem Sport nimmt man das nicht so genau, das sollte jeder wissen, denn Punkte bedeuten Geld, viel Geld.

Aber ich habe einen Arbeitsplatz bei di Restas Auto zugewiesen bekommen. Ich schüttle leicht den Kopf, ich sollte nicht so denken, ich sollte lieber versuchen meinen Platz im Team zu finden, meine Kollegen kennenlernen. Mir ist klar, dass ich es nicht leicht haben werde, das war es von Anfang an, aber ich habe mich davon nicht einschüchtern lassen.
Es war mein Traum und ich habe ihn verfolgt, es war nicht immer einfach und manchmal frage ich mich, ob es sich wirklich lohnt. Die meiste Zeit ist keine Zeit für solche Gedanken und jetzt auch nicht.
 
Ich ertappe mich dabei, wie ich einen Moment zögere, ehe ich meinen Helm aufsetze, orange, weiß und ein wenig grün. Ein Force India-Helm, ein Helm meines Teams. Dann setze ich die Brille auf, zuletzt stecke ich meine Hände in die Handschuhe, dick und weiß sind sie. Ich bewege meine Finger ein wenig, sie passen.
So muss es sein!
Overall…
Helm…
Brille…
Handschuhe…
Was meine Freunde sagen würden, wenn ich so an ihnen vorbeigehen würde, frage ich mich auf einmal. Vermutlich gar nichts, weil sie mich nicht erkennen würden. Für sie wäre ich dann nicht mehr Eavan Rice, sondern irgendein Mechaniker. Es braucht sicher mehr als einen Blick, um festzustellen, dass ich kein Mann bin. Mir scheint das Vor- und Nachteil gleichzeitig zu sein. Es hilft mir zwar, dass ich nicht sofort damit konfrontiert werde, dass ich zum schwachen Geschlecht gehöre, aber gleichzeitig verhindert es auch, dass mehr Frauen den Sprung schaffen.

„You’re the new one?“, höre ich eine Stimme mit Akzent, den ich nicht zuordnen kann sagen. Ich drehe mich langsam um und sehe mich einem anderen Mechaniker gegenüber. Er ist ein wenig größer als ich, aber das ist auch schon alles, was ich sagen kann.
 „Eavan Rice“, stelle ich mich vor, kurz und knapp, warum mehr sagen, als notwendig?
 „Willkommen im Team, Eavan.“ Einen Namen bekomme ich von ihm nicht, aber vielleicht ist es auch besser so, das erspart mir die Peinlichkeit, einen anderen Kollegen mit Anzug und Helm mit dem falschen Namen anzusprechen.
„Danke“, höre ich mich noch sagen und sehe an die Decke hoch, die übrigens alles andere als schön ist. Aber um die Decke geht es hier auch nicht.
 „Pass auf dich auf, wir wollen keine Verletzten“, sagt er noch, dann macht er etwas, während ich noch immer warte und nicht einmal weiß, worauf genau. Ich weiß nicht einmal, ob er den letzten Satz nur gesagt hat, weil ich eine Frau bin, aber es sollte mir egal sein.

Ich straffe meine Schultern, es ist seltsam, aber jetzt, wo ich mein Ziel erreicht habe, da bin ich unsicher geworden,  früher war ich es nie. Ich habe schon so viele Reifen befestigt und an zahllosen Autos unterschiedlichster Bauform geschraubt. Eigentlich weiß ich, was ich tue, und auch, dass ich meine Sache gut mache. Ich kenne sämtliche gängigen Normen für Schrauben und Muttern, die ich brauchen könnte, nicht, weil ich mich hingesetzt hätte, um sie zu pauken, es kam im Laufe der Zeit. Es kommt eben nicht gut, wenn man zwei Mal nachfragen muss, oder nach dem Abmessen erst einmal ein dickes Buch wälzen muss, um das passende Ersatzteil zu finden.

Es ist nicht mehr so früh, die Rennwagen sind zusammengebaut, auch die Teile, die zum Transport zerlegt werden mussten. Der größte Teil ist schon gestern, ohne mich, über die Bühne gegangen, jetzt ist alles ganz fertig. Das gesamte Team scheint eingetrudelt zu sein, inklusive der Fahrer und des Testfahrers.
Fahrer… kenne ich ohnehin nur vom Sagen und vom Sehen und ich denke nicht, dass sich daran etwas ändert. Die sind berühmt und Berühmtheit ist schon vielen Leuten zu Kopf gestiegen, so dass sie den Boden nicht mehr gesehen haben.
Eine offizielle Vorstellung ist nicht drin, aber es hätte mich auch gewundert. Wenn nur eine Person neu ist, kann sie sich auch selbst bekannt machen, wenn es Gelegenheit dazu gibt. James Calado, der Testfahrer, ist nur unbedeutend länger dabei als ich. Nur im Gegensatz zu mir kennt er wohl einige Fahrer aus der GP2. Aber so, wie ich das mitbekommen habe, sind James Calado und Esteban Gutierrez mindestens ein eingespieltes Team, wenn nicht sogar richtige Freunde. Da gab es doch dieses Bild, wo Gutierrez Calado den Helm halb abzieht, während sie sich zum Rennen gratulieren. Gut, Gutierrez fährt für Sauber, nicht für Force India, aber er gehört mittlerweile zur Formel 1 dazu.
Dann sind da noch Sutil, der mir nicht sympathischer werden will, auch wenn er neben seinem Rennwagen rumsteht, und di Resta. Ich bin mir zwar nicht so sicher, ob seine Augen nur auf Fotos ungleich aussehen oder es wirklich sind. Seltsame Sache, je nachdem, wie er dasteht, sieht es anders aus. Sicher bin ich mir aber, dass seine Gesichtsmuskulatur auf einer Seite schwächer ist als auf der anderen. Aber mich sollte das alles nichts angehen.

Ich bin doch nicht hier, um Fahrer zu betrachten, mein Job liegt im Auto. Für einen Moment kommt mir der alte `76 Tyrell Ford in den Kopf mit seinen 4 Vorderrädern. Solche Autos gibt es heute nicht mehr, das Teil war eine physikalische Katastrophe! Aber die Fans haben es für den Rennwagen der Zukunft gehalten. Lächerlich! Das Teil hatte viel zu viel Haft- und Rollreibung, okay, möglich, dass es in Kurven den besseren Gripp hatte, aber das ist auch alles, was ich ihm zugestehe. Beschleunigung… ich weiß ja nicht, und vom Verschleiß der vorderen Achsen und Reifen will besser nichts gesagt sein. Heute hätte man den Chefkonstrukteur gefeuert, da bin ich mir sicher. Aber an dem Teil hätte ich trotz allem gerne geschraubt. Schon alleine für die Erfahrung, aber ´76 war ich noch nicht einmal in Planung, damit hat sich das wohl.

Jetzt ist es amtlich, der Job ist anstrengend! Alles andere hätte mich zwar auch gewundert, aber es fällt mir dennoch auf. Heute war gleich der Test, in dem geschaut wurde, wer einen Boxenstopp betreuen darf und wer einfach zu lahm ist. Ich war es, dieses Mal. An sich arbeiten kann man immer und es ist ja nicht so, als hätte ich nichts zu tun. Dazu habe ich gefühlt jeden verdammten Reifen, der jetzt  in der Garage liegt, markiert und das sind einige. Sicher, das muss auch gemacht werden, es wäre ja ein ordentliches Problem, wenn man einfach die falschen Reifen vorbereiten würde. Da würde ich selbst Sutil die Meckerei verzeihen, denn das wäre wirklich ein dummer Fehler.

Die Fahrer stehen nahe am Garagentor und unterhalten sich, ich kann nicht hören, was sie sagen. Mich geht es aber auch nichts an, dennoch entgeht mir nicht, dass Calado weniger zu lachen scheint, als er es aber einmal tut, sieht er kindlich aus, anders lässt sich das nicht mehr sagen. Es ist schrecklich. Di Resta scheint da immerhin erwachsener auszusehen, ob er sich so verhält – keine Ahnung und es geht mich theoretisch nichts an…

 Alles ist gemacht, die Reifen sind ordentlich verstaut, die Autos stehen sicher in der Garage. Die Feinabstimmung sollte getroffen sein und ich stütze mich für einen Moment an der Wand ab.
 „Frauen gehören hier nicht her.“ Da ist es. Die Aussage, auf die ich ganze Zeit gewartet habe. Doch ehe ich etwas sagen kann, höre ich eine andere Stimme:
 „Halt die Klappe, das haben sie bei Susie auch gesagt, und sie ist und bleibt ein guter Fahrer.“
Moment, war das etwa? Paul di Resta?! Warum hat er denn eingegriffen, was geht es ihn denn an? Moment… aber er hat Susie erwähnt, wenn er Susie Wolff meint, dann macht das vielleicht Sinn, immerhin dürfte er sie aus der DTM kennen.
Dennoch hätte ich nicht damit gerechnet, dass er mir beispringt, und weiß auch nicht, ob ich das will. Ich wollte mit Leistung überzeugen, nicht, weil mich jemand in Schutz nimmt. Eigentlich sollte ich mich über Starthilfe nicht beschweren… aber das sagt sich leichter als es ist.
Ein Mann mit grauen Haaren ruft nach ihm, vielleicht sein Physio? Ich wüsste zumindest nicht, wer das sonst sein könnte und di Resta geht. Als er an mir vorbeikommt, klopft er mir auf die Schulter und ich zucke  zusammen. Was wird das denn, wenn es fertig ist? Er kennt mich nicht, erst verteidigt er mich und dann das? Was soll ich denn davon halten? Hatte er nicht eine Freundin? Ich bin mir da nicht mehr sicher, man kann sich nicht alles merken und man weiß auch nie, wann man es mit einer Presseente zu tun hat.

Aber warte es ab, mein Mechanikerfreund, dessen Namen ich nicht kenne, warte es ab! Mein Ehrgeiz hat mich bis hierher gebracht, da werde ich sicher nicht aufgeben. Dir werde ich es zeigen. Bald werde ich auch beim Boxenstopp helfen!
In einem Punkt hat di Resta Recht: er hat mich mit seiner Aussage daran erinnert, dass ich immer der Meinung war, dass ein Beruf keine Frage des Geschlechts ist. He, es gibt Frauen in der Armee und auch sonst fast überall… vielleicht weniger, vielleicht haben wir es schwerer, aber einfach kann jeder.

Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken, um ein Autogramm zu bitten. Mein Bruder würde sich sicher freuen, aber dann lasse ich es. Er besorgt mir ja auch keines und ich bin zu professionell, um neue Teamkollegen anzubetteln.

Es ist schon lange dunkel, als ich mein Hotelzimmer gefunden habe. Jetzt habe ich Zeit, über den Tag nachzudenken. Ein Tag in der Königsklasse, wenn auch auf einem Posten, der kaum wahrgenommen wird. Eigentlich lustig, es gäbe kein einziges Rennen ohne uns, weil es keine fahrenden Autos gäbe.
Keine Mechaniker bedeutet: keine Autos und das bedeutet: keine Rennen, so einfach ist die Gleichung. Aber andererseits ist es vielleicht ganz gut, außerhalb des schlimmsten Trubels zu stehen und weitestgehend unbemerkt zu bleiben. Dann kann man seine Arbeit besser machen und in Ruhe beobachten.
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