Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Schattenspiele

von Itsuka
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAllgemein / P16 / Gen
09.11.2013
14.05.2014
5
6.126
1
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
09.11.2013 1.132
 
Runde 34
Sturm | ungewöhnlich | Aroma | Kontakt | beharrlich




P E R F E K T ,   U N P E R F E K T




»Hallo, Emma.«

Du lächelst mir entgegen und deine Zähne sind so weiß, dass sie mich fast blenden. Du siehst perfekt aus, wie du es immer tust, selbst wenn du nicht wie gerade eben von der Arbeit kommst. Deine Haare liegen so, wie sie liegen sollten, dein Kostüm hat keine Falten  und keine Flecken, dein Gesicht wirkt frisch und jung und nicht so, wie man sich das einer jungen Anwältin normalerweise vorstellt. Ja, du bist perfekt. Ich frage mich, während ich dich mustere, was dich noch an mir hält.

Wir sind schon seit Jahren befreundet. Die Grundschule haben wir gemeinsam verbracht und auch die Jahre danach ist der Kontakt immer bestehen geblieben. Jetzt, wo wir beide erwachsen sind und sich unsere Wege getrennt haben müssten, besuchst du mich immer noch mindestens einmal im Monat. Beharrliches Ding. Ich verstehe dich nicht, aber ich frage nicht danach; es ist, wie es ist. Warum sollte ich daran etwas ändern? Niemand stört sich daran, und ich erst recht nicht, wenn du wieder einmal eine teure Flasche Wein mitnimmst oder mir als Präsent Pralinen kaufst.

Du setzt dich mir gegenüber in den blauen Sessel und legst deine Füße auf den Couchtisch, als würdest du dich in meiner Nähe völlig wohl und wie zuhause fühlen. Du tust das wahrscheinlich wirklich; du siehst zumindest so aus, so entspannt und mit einem ruhigen Lächeln im Gesicht. Du siehst mir nie wirklich in die Augen, weil du weißt, dass mir das nicht gefällt, und lässt deinen Blick durch meine Wohnung schweifen – jedoch in einem so unauffälligem Blick, als würde dir das Chaos darin überhaupt nicht auffallen. Du bist perfekt, Mel. Was tust du noch hier?

Ich liege auf dem Sofa. Es ist auch blau und es ist durchgesessen und es kommt sehr selten vor, dass ich einmal nicht darauf liege. Ich hoffe irgendwie, dass dieser gewohnte Anblick und die Wolldecke, unter der ich mich verberge, dich von mir selbst ablenken. Von meiner Unperfektheit. Meine ungesunde Blässe, meine Augenringe, die fettigen Haare. Der Jogginganzug. Ich bewege mich nicht oft aus dem Haus, und noch weniger erwarte ich Besuch. Außer dich, natürlich. Und weil du nie etwas zu diesem Aufzug sagst, ändere ich auch nichts daran. (Wahrscheinlich würde ich das auch nicht tun, wenn du es bemerken würdest; ich bin doch sowieso unperfekt, egal, was ich tue.)

»Emma, ich habe dir was  mitgebracht.«

Du lächelst wieder dein schönes Lächeln und stellst etwas auf den Couchtisch. Es scheint eine Schachtel zu sein, zumindest ist es quadratisch und verpackt in grünblaues Geschenkpapier. Ich setze mich langsam auf, als würde es mir schwer fallen (tut es ja auch), und zerreiße das schöne Papier in tausend Fetzen, bis das Präsent darunter zum Vorschein kommt. Du zuckst nicht mit der Wimper; ich glaube, du merkst es nicht. Oder du tust es doch, aber es ist dir egal. Du bist so vieles von mir gewohnt und du sagst nie etwas. Das ist angenehm; vielleicht reagiere ich deshalb immer wieder auf dein Klingeln, obwohl ich das normalerweise sehr selten tue.

Das Geschenk besteht aus einem Armband. Es sieht alt und abgenutzt aus, aber ich erkenne es: In der Grundschule habe ich es tagein, tagaus getragen und irgendwann gedacht, ich hätte es verloren. Du lächelst, weil du merkst, dass ich erkenne, und als ich dich überrascht und nachdenklich ansehe – woher hast du es? – lächelst du. Diesmal aber verlegen und unsicher, als ob du nicht wüsstest, wie du das, was du sagen willst, formulieren sollst. Ich binde mir das Armband an seine angestammte Stelle, fahre über das rotblaue Muster und blicke dir entgegen, ohne deinen Augen zu begegnen. Ich bin ruhig, obwohl ich glaube zu wissen, wo du es her hast. Ich bin nicht so gefühlsbetont. Ich schreie nicht.

»Weißt du, Emma«, meinst du und fährst dir durch dein Haar. Ich merke erst jetzt, dass das Fenster hinter dir geöffnet ist und der Wind regelmäßig deine Frisur etwas mehr zerzaust. Ich merke auch, dass sich dadurch dein blumiges Aroma zu mir bewegt, und ich atme tief ein, weil der Geruch nach Rosen, nach Exotik, nach draußen und nach Freiheit so wunderschön und gut riecht. Ich warte.

»Letzter Tag der Grundschule. Du hast es bei mir liegen lassen. Ich wollte es dir schon damals zurück geben, aber in meinem Zimmer ging es verloren. Gestern habe ich es gefunden. Es lag hinter meinem Schrank.« Du lächelst wieder verlegen. Ich erinnere mich daran, dass du bei deinem letzten Besuch erwähnt hast, dass du bald ausziehst und dein ganzes Zimmer mit umziehen muss. Klingt plausibel, deine Erklärung. Und perfekt; du trägst dabei keine Schuld. Niemand hat etwas verbrochen.

Glaube ich dir? Ich bin kein so perfekter Mensch. Ich glaube, du hast es gestohlen und jetzt hat dein schlechtes Gewissen gesiegt. Aber ich sage es nicht. Stattdessen wende ich meinen Blick von dir ab und zu dem weit geöffneten Fenster. Inzwischen höre ich den Wind, wie er immer stärker wird, und sehe, wie das Fensterbrett immer nasser wird. Es stürmt. Ehe ich etwas tun kann, stehst du auf und schließt das Fenster, sperrst den Sturm aus und bleibst dann mit dem Rücken zu mir davor stehen. Ich kann im Glas sehen, wie du die Stirn runzelst.

Ich mag es nicht, dass das Fenster geschlossen ist. Das ist zu rational,  zu perfekt. Nicht ich. Ich bin gerne unperfekt, manchmal (oder auch nicht).

»Du bist ein ungewöhnlicher Mensch, Emma. Du lebst seit Jahren in dieser Wohnung, und jedes Mal, wenn ich da bin, sitzt du auf deiner Couch und … lässt mich reden.« Du lächelst wieder, ich kann es sehen, und als du dich wieder zu mir wendest, sehe ich auch die Tränen. »Du bringst nichts zustande. Du bist arbeitslos, du verwahrlost. Und dir geht es gut dabei. Ich wäre gerne wie du. Dich bringt nichts aus der Fassung! Als wärst du … ein Stein.«

Ein kleines Lachen schlüpft aus meinem Mund und noch viel mehr: Wie du es denn fändest, nichts zu schaffen? Wie würdest du dich fühlen? Du kennst es nicht, denn du hast eine reiche Familie, bald einen reichen Mann und hast als Anwältin genug Geld, um auch ohne diese zu überleben. Du hast nicht das Recht, über meine Situation zu urteilen. Lass das, lass das. Sag mir nichts.

Ich glaube, ich rede laut und eine ganze Weile. Das ist okay. Hatten wir schon lange nicht mehr.

Als du dich umdrehst und gehst und leise die Wohnungstür hinter dir schließt, sehe ich hinab auf das Armband. Ich glaube, es war ein Abschiedsgeschenk und ich glaube, du hast den Mund aufgemacht, weil du dachtest, es würde etwas bringen.

Nun. Hat es nicht.

Ich stehe auf und öffne das Fenster wieder.
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast