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Schattenspiele

von Itsuka
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAllgemein / P16 / Gen
09.11.2013
14.05.2014
5
6.126
1
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
09.11.2013 634
 
Korrigiert wie immer von der unglaublichen MsVanue.


Runde 32

Held | Rose | wild | Rechte | genau




G E L B E   R O S E N


Die Rose ist gelb und schmutzig und die Blüte hängt schon ein bisschen nach unten. Ich nehme an, dass sie schon lange ohne Wasser überleben musste und stelle sie deswegen in eine kleine Vase, um sie noch eine Weile länger am Leben zu halten. Warum sie auf einmal auf dem Bürgersteig vor unserem Haus lag? Diese Frage stelle ich mir nicht. Zu sehr bin ich besorgt um diese Blume, zu hingebungsvoll pflege ich sie und zu abgelenkt bin ich durch ihre Gesundheit, als dass mir diese Frage in den Sinn kommen würde. Es ist einfach eine Rose, die Hilfe braucht.



Ein paar Tage später ist die Rose trotz all meiner Liebe zu ihr dahingewelkt. Ich bin ein bisschen geknickt deswegen und gehe mit gesenktem Kopf durch die Straßen. Ich will niemandem erklären müssen, was mich traurig macht, denn ich finde es lächerlich. Ich hoffe inständig, das niemand mich aufhält, aber das Schicksal hat andere Pläne. Ein Mann, vielleicht etwas älter als ich, tritt mir in den Weg und lächelt mich an. Er sagt nichts, hält mir nur eine gelbe Rose hin, die wohl aus dem Strauß in seiner anderen Hand stammt, und geht wieder seine Wege, als wäre nichts geschehen.



Nach einer Weile, die ich mit der Suche nach dem Helden, der mich glücklich gemacht hat, verbracht habe, laufe ich ihm zufällig auf dem Friedhof über den Weg. Er hat wieder einen Strauß gelber Rosen bei sich und legt diesen gerade auf ein Grab, nicht weit entfernt von dem, vor dem ich stehe. Bevor er wieder weggehen kann, greife ich nach seinem Unterarm und halte ihn fest. »Danke«, sage ich nur, mehr will ich gar nicht loswerden, und schenke ihm das Lächeln zurück. »Danke, dass Sie für einen Moment mein Held waren.« Dann gehe ich, wie er es getan hat.



Vivien Jakobs steht auf dem schlichten Grabstein, und darunter 1980-2003. Mein Held hat wieder gelbe Rosen hinterlassen und dazu ein kleines flackerndes Licht, von dem ich nicht die Augen abwenden kann. Er ist nur kurz weggegangen, ich weiß, dass er bald wiederkommen wird, denn er hat den Weg zur Toilette genommen. Also warte ich, warte lange. Als er schließlich wieder da ist und schweigend neben mir steht, zeige ich nur auf die Inschrift und meide seinen Blick.
»Sie mochte gelbe Rosen?«
»Genau.«
»Sie müssen sie sehr geliebt haben.«
»Genau.«
Mein Held ist schweigsam. Ich beschließe, dass das in Ordnung ist.



Noah ist still und melancholisch und irgendwie nicht das, von dem ich dachte, dass ich es einmal brauchen würde. Aber er ist da, und manchmal, wenn wir Sex haben, denke ich, dass er irgendwo in sich drin doch wild ist und nur verlernt hat, es zu zeigen. Ich versuche nicht, ihm das erneut beizubringen. Stattdessen besuche ich mit ihm jede Woche das Grab, und er begleitet mich zu dem anderen, nur wenige Meter entfernt. Er fragt mich nie, ebenso wenig, wie ich ihn frage. Aber er weiß es, wenn er davor steht und ich ein neues Grablicht entzünde. Lukas Groß. 1976-2008.



Jeder von uns hat seine Rechte. Seine Macken. Noah will nicht, dass ich seine Wohnung betrete, deswegen treffen wir uns bei mir. Ich will nicht, dass er mich Susi nennt, obwohl das ein gängiger Spitzname für mich wäre. Jeder von uns hat seine Geheimnisse. Wie Vivien und Lukas. Und jeder von uns hat seine Wünsche – wie mein Wunsch, ihn frei und wild zu sehen, und sein Wunsch, dass ich nie gelbe Rosen kaufe. Man kann ja schließlich nicht alles haben.
Und das ist in Ordnung, solange wir uns haben, obwohl die Liebe nicht groß ist und es nie sein wird.
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