Schattenspiele

von Itsuka
KurzgeschichteAllgemein / P16
09.11.2013
14.05.2014
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Runde 31
Linie | Haselnuss | Latte | Strähne | Elf



V A N D A S     T R Ä N E N


Es gab einmal eine Zeit, vor meinem 18. Geburtstag, da war ich ein ganz normaler Junge. Nicht besonders gut aussehend, talentiert oder intelligent, aber alles in allem annehmbar. Ein bisschen streberhaft und lieber in Büchern versunken als in einem Rausch, aber damit war ich nicht alleine. Freunde, Familie, ich hatte alles, was das Herz begehrt. Ich war der ganz normale Durchschnittstyp. Ich fiel nicht auf und damit war ich auch zufrieden.

Manchmal frage ich mich, was wohl aus mir geworden wäre. Wahrscheinlich hätte ich mich in ein Studium gewagt und wäre Architekt, Informatiker oder sonst irgendetwas geworden. Irgendwann hätte ich sicher auch geheiratet, Kinder bekommen und den Rest meines Lebens als normaler Mann aus der Vorstadt verbracht. Ehrlich gesagt wünsche ich mir das manchmal: Die Normalität, die bis zu meinem 18. Geburtstag fester Bestandteil von mir und meinem Leben war. Denn jetzt ist sie weg.

Ich fahre über die Rinde der alten Eiche, die in der hinteren Ecke unseres Gartens steht, und gebe ein leises Seufzen von mir. Die Eiche schnurrt unter meiner Berührung auf und wedelt ein bisschen mit ihren Ästen, was mir nach all den Jahren immer noch ein bisschen suspekt erscheint. Dabei bin ich manchmal tagelang in ein Gespräch mit Bäumen vertieft und möchte gar nicht mehr damit aufhören. Irgendwie ist diese Eiche etwas Besonderes. Sie zum Schnurren zu bringen ist speziell. Immerhin ist sie mein Portal in die Welt, von der die Menschen keine Ahnung haben. Die Welt der Elfen. Meine Welt.

Ich werfe einen kurzen Blick hinter mich, kann aber niemanden entdecken. Meine Eltern sind arbeiten und Dakota in der Schule. So beobachtet mich keiner, als ich hinter die Eiche schlüpfe und dann langsam eine etwas hellere Linie an der Rinde entlangfahre. Zuerst passiert nichts, ich kann nur das gleichmäßige Rascheln der Blätter hören. Dann grollt die Eiche, erst leise und dann etwas lauter, solange, bis die helle Linie zu leuchten beginnt und sich langsam ausbreitet. Sobald sie groß genug geworden ist, trete ich durch das Portal, das dadurch entstanden ist, und lasse mich von der Eiche in die andere Welt geleiten.

Es ist ein komisches Gefühl, von einer Welt in die andere zu wechseln. Es gibt da diesen einen Moment, wenn man genau zwischen den Welten steht und sich unglaublich zerrissen fühlt – der traurigste Moment in meinem Leben. Jedes Mal muss ich mit den Tränen kämpfen, ehe diese eine Sekunde um ist und ich mich in der Welt der Elfen wiederfinde. Es ist schrecklich, trotz den vielen Übergängen, die ich schon hinter mir habe. Ich habe mit noch niemandem darüber gesprochen, aber ich denke, dass ich nicht der Einzige bin, der so fühlt. Zumindest hoffe ich es. Ich will nicht abnormal sein, nicht abnormaler, als ich ohnehin schon bin. So als Elf.

Ich merke sofort, dass ich in der Welt der Elfen angekommen bin, als es soweit ist. Die Luft scheint ein bisschen frischer zu sein und es riecht nach den unterschiedlichsten Blumen und Bäumen, die die Hauptstadt Jade bewohnen. Und ich, ich fühle mich leichter, besser, so, als wäre ich endlich wieder Zuhause angekommen. Ich atme tief ein, ehe ich aus der Eiche heraustrete und mich als Dank tief vor ihr verbeuge.

Hier herrscht eine allumfassende Stille, die mich sofort in eine tiefe Ruhe versetzt. Mit einem Lächeln im Gesicht lasse ich die Eichenlandschaft hinter mir und setze ruhig einen Fuß vor den anderen. Die Hauptstraße ist sehr lang und ich brauche fast eine halbe Stunde, bis ich ihr Ende und damit mein Ziel erreicht habe: den Turm der Uhus. Hier wohnt die Königsfamilie zusammen mit den Wächtern, eigentümlichen Elfen, deren Aufgabe darin besteht, die Familie um jeden Preis zu beschützen. Manche von ihnen sehen eher wie Uhus aus als wie Elfen und an manchen Tagen fürchte ich mich vor ihnen.

Heute ist nicht so ein Tag. Ich nicke den beiden Wächtern vor dem Eingang zu und nach einem Blick auf eine Liste nickt mir einer von ihnen zu. »Ihr dürft passieren, Haselnuss«, haucht der eine mit bedrohlicher, dunkler Stimme und wendet sich dann von mir ab. Ohne zu zögern gehe ich weiter, durchquere die Eingangshalle und betrete dann das Herzstück der Hauptstadt, des Gebäudes und allen Welten, die ich kenne. Der Platz auf der Welt, wo ich eins mit allem werde und nichts anders fühle als Glück. Allumfassend.

Der große Park beherbergt mehr Farben, als ich je in meinem Leben gesehen habe. Man kann Blätter rascheln hören, das Fließen des Baches und das altbekannte leise Summen, das die ganze Welt der Elfen kennzeichnet und mir kaum mehr auffällt. Ich kenne meinen Weg durch den Park ganz genau, bin ihn schon hunderte Male gegangen, und so dauert es nicht lange, bis ich den Pavillon erreiche und mich darin niederlasse. Dann warte ich.

Es dauert nicht lange, bis sie sich neben mich setzt, ihren zarten Körper an die Wand lehnt und die Augen schließt. Ohne sie zu begrüßen wende ich mich ihr zu und betrachte sie. Sie ist wunderschön, zerbrechlich und dennoch von einer unglaublichen Aura der Stärke umgeben. Das Weiß ihres Kleides, ihrer Haare und ihrer Haut blendet mich, doch ich wende meine Augen nicht mehr von ihr ab. Königin von Jade, schöne Vanda, deren Anblick ich genieße, sooft es geht. Es ist so schade, dass sie verboten ist. Berühren, sprechen, nichts ist erlaubt in ihrer Nähe. Sie hat mir nie verraten, warum.

»Damian«, sagt sie irgendwann und benutzt damit meinen menschlichen Namen, den ich nur noch selten zu hören bekomme. Für den Rest dieser Welt bin ich einfach Haselnuss. Es ist komisch, hier Damian genannt zu werden, doch ich genieße es. Das weiß sie; sie weiß alles. Ihre Lippen verziehen sich zu einem Lächeln, als ich das denke, und sie erhebt erneut ihre so schöne, hell klingende Stimme. »Du bist so menschlich«, flüstert sie und öffnet ihre Augen, die genauso weiß sind wie der Rest ihres Körpers. Ich frage mich, ob ich das als Kompliment aufnehmen soll, aber ihr amüsiertes Kopfschütteln beweist mir das Gegenteil. Mein Denken, hat sie mir einmal erklärt, zeigt ihr den Unterschied zu jenen Elfen, die das Glück hatten, in dieser Welt geboren zu werden. Sie denken reiner, geordneter, ruhiger.

Kein Wunder. Diese Welt ist so glücklich. Wer einmal in der Menschenwelt gewesen ist und all das Leid, den Tod und den Krieg gesehen hat, der kann nur begrenzt das Glück empfinden, das hier vorherrscht. Vanda nickt auf diesen Gedanken hin. Sie scheint das zu verstehen und ich denke, dass sie das wirklich tut. Sie sieht, obwohl sie schon immer hier gelebt hat, auch nicht glücklich aus. Wie auch, bei all dem Leid, das sie in den Gedanken der Elfen sieht? Es ist kein Wunder, dass sie fast fortwährend weint. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte die Tränen wegwischen, die ich sehe, aber ich darf nicht.

Als ich das denke, fließen noch mehr Tränen. Langsam hebt die Königin der Elfen ihre Hand. Für einen Moment glaube ich, dass sie mich berühren will, aber dann fällt mir wieder ein, dass sie das auch nicht darf. Doch es sind nur Millimeter zwischen ihrer Hand und der Strähne meines Haares, die mir ins Gesicht fällt. »Ich wünschte es auch«, lächelt sie weinend, »ich wünschte, ich könnte dir diese Strähne aus dem Gesicht streichen und dann…« Sie verstummt mitten im Satz und dreht sich von mir weg.

Die Königin dieser glücklichen Welt leidet.
Ich frage mich, warum all diese Elfen hier nicht mit ihr leiden.


*


»Damian!«
Dakota lächelt mir entgegen, als ich das Haus betrete und hält mir einen quietschbunten Cocktail entgegen. Ich nehme ihr das Glas stumm ab und schlürfe an dem Strohhalm, der darin steckt. Es schmeckt gut, aber alles, was meine kleine Schwester von mir bekommt, ist ein Nicken. Sie scheint zu schmollen und stapft zurück in die Küche, was mich irgendwie zum Lächeln bringt. Diese Welt ist so schön. Sie wird noch schöner, als Dakota mir später eine Latte Macchiato ins Zimmer bringt und mir ein kleines Lächeln schenkt.

Die Welt der Elfen macht mich glücklich, solange ich an ihrer Oberfläche kratze und mich darin suhle. Aber sobald ich tiefer in sie eindringe und sobald ich ihrer Königin und ihrem Leid begegne, beginne ich, diese Welt zu hassen, und mit ihr meine Existenz. Ich wünschte, ich könnte ein normaler Mensch sein, und Vanda ebenfalls.

Aber diese Gedanken halten nicht lange an.
Und der Zauber, den die Ersten Elfen über jeden gesprochen haben, frisst sich langsam in mich ein, bis ich vergesse, dass ich sie hasse, und bis ich Vandas Geschichten und Tränen vergesse - und damit ihr Leid.


*


Die Königin der Elfen lächelt unter Tränen.
Sie weiß über das Leid der Elfen Bescheid und über den Zauber, dem sie erlegen sind. Sie hat es dem tapferen Elfen mitgeteilt, dem sie gerne ihre Liebe schenken würde, doch auch er ist nicht stark genug, um zu widerstehen.

Und damit ist sie verloren.
Und alle Elfen mit ihr.


Geschichten, die im selben  Universum spielen, sind Das Leiden einer Königin und Menschelfengedanken.