White Wedding

von claudrick
KurzgeschichteSci-Fi / P12
Nurara Vul Kuolun
06.11.2013
06.11.2013
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Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel.
Wer hätte gedacht, dass sie in einem Brautkleid so umwerfend aussehen würde?! Der weiße, schimmernde Stoff unterstrich ihren hellen Teint, und in den wasserblauen Titansaphiren der Ohrringe und der Halskette fand sich die Farbe ihrer Augen wieder. Der zarte Schleier umfing ihre biegsame Silhouette wie eine Aura und ließ sie auf wundersame Weise geradezu engelsgleich erscheinen. Engelsgleich brav war für ihren Geschmack auch der Ausschnitt des Kleides, dafür wurde ihre schmale Taille durch den bauschigen Rock aus Seidentaft und Spitze besonders vorteilhaft betont.

Eben schlüpfte sie in die edlen Brautschuhe, als er zur Tür herein kam. Als er sie sah, hielt er für einen Moment in seiner Bewegung inne, und sein ehrliches Staunen zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht. Er war kein Mann überschwänglicher Komplimente, und so war das leise ‚Sagenhaft!’, dass ihm bei ihrem Anblick über die Lippen kam, Ausdruck höchster Anerkennung. Selbstbewusst richtete sie sich auf und bedachte ihn mit einem gespielt rügenden Blick.

„Es bringt Unglück, wenn du die Braut vor der Trauung siehst“.

Mit einem breiten Lächeln trat er auf sie zu, bis er ganz dicht vor ihr stand. Der maßgeschneiderte, nachtblaue Anzug betonte seine schlanke Gestalt und ließ ihn sehr elegant und mondän aussehen.

„Ich verspreche dir, heute wird absolut nichts geschehen, das uns irgendwie ins Unglück stürzen könnte“.

„Wenn das so ist... Was suchst du dann noch hier?“, fragte sie und lächelte ihn spitzbübisch an. Er legte seine Hände auf ihre Taille und kam noch etwas näher.

„Ich wollte mich nur davon überzeugen, dass hier alles in Ordnung ist“, raunte er, neigte den Kopf, um ihren Hals zu küssen und ließ dabei seine Hände über ihre Hüften und Oberschenkel gleiten.

„Hm... Alles bestens“, stellte er fest und sah ihr wieder in die Augen. „Bist du bereit?“

„Bereit, wenn du es bist“, antwortete sie und legte sich den zarten Schleier übers Gesicht. Er reichte seiner Braut ihr Blumenbukett, und gemeinsam betraten sie das Trauzimmer.

New Jaipur auf dem kleinen Jupitermond Sinope war das Pendant zu Las Vegas auf der Erde, nur noch größer, noch bunter, noch greller, noch lauter und noch ausgefallener. Ein El Dorado für Glücksritter, Vergnügungssüchtige, Spieler und Heiratswillige. Nirgendwo sonst im Sonnensystem wurden mehr Geld und Luxusartikel umgesetzt. Und was sonst noch umgesetzt wurde, floss durch dunklere, inoffizielle Kanäle.

Ein milliardenschwerer Erdling aus dem indischen Jaipur hatte die Stadt unter unvorstellbarem Aufwand auf Sinope aus dem Boden gestampft und hatte sich und seiner Schöpfung mit dem Bau von 100stöckigen Zwillingstürmen ein kolossales Symbol seiner Macht und seines Einflusses errichtet.
Die jeweils obersten drei Stockwerke der Türme, Inbegriff des dekadentesten Luxus überhaupt, waren dem Inder, seiner Familie und engen Freunden vorbehalten, aber hin und wieder vermietete er für Hochzeiten seine Privaträume an zahlungskräftige Kunden, die den Ausblick auf New Jaipur und den außergewöhnlichen, mondübersäten Himmel von Sinope für besonders romantisch hielten.
So auch heute. Ein elegantes Brautpaar betrat den als Trauungszimmer hergerichteten Salon des Inders, wo es bereits von der Standesbeamtin im purpurgoldenen Sari erwartet wurde. Die Zeremonie war kurz, und so erklärte die purpurne Inderin schon bald mit feierlicher Stimme:

„Mr. Koulun, Miss Nurara, hiermit erkläre ich Sie beide zu Mann und Frau. Sie dürfen die Braut jetzt küssen!“

Kuolun grinste breit, hob Nuraras Schleier und küsste sie. Dann wandte er sich wieder an die Standesbeamtin.

„Dann werde ich mich jetzt wohl des Strumpfbandes der Braut bemächtigen“.

Die Standesbeamtin, die diesen Brauch nicht kannte, beobachtete irritiert, wie Kuolun in die Knie ging, unter Nuraras Rock kroch und dort herumfummelte, was Nurara ein albernes Kichern entlockte. Als Kuolun wieder auftauchte, ging alles ganz schnell. Rücken an Rücken schossen die beiden um sich, Vul Kuolun mit dem schmalen, leichten Protonengewehr, das am Bein der Braut befestigt gewesen war, Nurara mit der handlichen kleinen Waffe, die sie in ihrem Blumenbukett verborgen hatte. Und während die Standesbeamtin und das in Zivil anwesende Sicherheitspersonal zu Boden ging, übermittelten die Überwachungskameras die Bilder eines zuvor eingeschmuggelten Hochzeitsvideos in die Sicherheitszentrale.
Zielgerichtet schoss Kuolun die Tür zum angrenzenden Büro des reichen Inders auf und anschließend den großformatigen Tresor. Vor ihren Augen breitete sich ein wahrer Schatz aus: Jahrhunderte alter indischer Krönungsschmuck, Gold, Silber, Juwelen in allen Farben und Schliffen, aufwändige Arm- und Fußreife, Kopfschmuck, Ringe... Der Wert fern jeder Schätzung.

„Gib Chamäleon und dem Lauscher das Signal“, befahl Kuolun Nurara mit leiser Siegesgewissheit in der Stimme, ohne den gebannten Blick von dem Schatz zu wenden. Dann blickte er auf, der kühle, kontrollierte Ausdruck kehrte in seine Augen zurück, und in fast barschem Ton gebot er Nurara „Und jetzt runter mit dem Rock!“

Der harte Klang seines Befehls, der keinen Widerspruch zuließ, seine schroffe Stimme gefielen Nurara und jagten ihr einen kurzen Schauer über den Rücken. Unter anderen Umständen hätte dieser Satz sicherlich eine erotische Fantasie in Gang gesetzt, doch nun knöpfte Nurara sofort den Rock ihres Kleides ab, um zusammen mit Vul die wertvollsten Stücke des Schatzes in den weiten Rock zu wickeln.

„Bevor du das ganze Gold und die Edelsteine vertickst, will ich mich unbedingt mit dir darin wälzen“, meinte Nurara und lachte begehrlich.

„Das kannst du haben, Süße“, antwortete Kuolun grinsend, als sie auch schon die Triebwerke ihres Fluchtraumschiffes vernahmen. Als sie nur Minuten später mit ihrer Beute zurück in den Salon kamen, schwebte der Gleiter bereits vor einer der großen Panoramascheiben, mit Chamäleon in der geöffneten Hauptschleuse hockend. Während das am Boden liegende, betäubte Sicherheitspersonal sich bereits langsam wieder zu regen begann, zerstörte Nurara mit einem einzigen Schuss aus Vuls Protonengewehr das Sicherheitsglas.

Chamäleon warf den beiden zwei Rettungsschlaufen zu, die sie sich sogleich umlegten, um sich an Bord des Gleiters ziehen zu lassen. Bevor auch nur irgend jemand Alarm auslösen konnte, entschwanden die beiden eng umschlugen durch den spektakulären Nachthimmel von Sinope, den prall gefüllten Brautrock mit der legendären Beute zwischen sich.
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