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Einmal um die Welt (Goethe/Schiller)[♥]

GeschichteAllgemein / P12 Slash
05.11.2013
05.11.2013
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Tag 1:
Wie gewöhnlich hatte der junge Mann seinen Platz am Fenster eingenommen, von dem aus er die Straße überblicken konnte. Vor ihm auf dem Tisch stand ein äußerst kostspieliger Laptop – bekannt durch das Symbol des angebissenen Obstes, welches ihm seinen Namen gab – auf welchem er immer wieder zu schreiben begann.
Wolfgang kam beinahe täglich hierher, er genoss es, nahe an den Menschen dran zu sein, wenn er arbeitete. Der einzige Nachteil saß zwei Plätze hinter ihm. Eine Gruppe junger Mädchen kicherte immer wieder unterdrückt, bis die mutigste sich schließlich traute, zu ihm an den Tisch zu kommen. „Bist du nicht der Autor des „Werther“?“, fragte sie und warf ihre schönen schwarzen Lockenkopf in den Nacken. Wolfgang sah von seinem Gerät auf, um das schöne Geschöpf vor ihm zu mustern. Er erwiderte ihr Lächeln freundlich und nickte bestätigend. „Ganz recht, der bin ich, du hast mich durchschaut!“ Nun, es war auch schwer, ihn nicht zu erkennen, immerhin trug er die Farben, die seine Romanfigur salonfähig gemacht hatte – eine gelbe, enganliegende Hose mit einem Shirt in der gleichen Farbe, darüber eine dunkelblaue Strickjacke und einen blauen Schal. Das Mädchen lächelte und legte ihre Hand verführerisch auf Wolfgangs. „Ich bin ein großer Fan deiner Arbeit. Vielleicht würdest du mir bei einer Tasse Kaffee mehr darüber erzählen?“ Sie schob ihm eine Serviette zu, auf welche Sie mit filigraner Handschrift ihre Telefonnummer geschrieben hatte. Sie lächelte ihm noch einmal vielsagend zu und Wolfgang verstand den Hinweis sehr wohl. „Sehr gerne. Ich melde mich bei dir,...?“ - „Christiane!“, war die amüsierte Antwort, „nenn' mich Christiane!“ Die Mädchen legten kichernd ihr Geld auf den Tisch und verließen den Coffeeshop gleich darauf.
Wolfgang verrollte die Augen, es war nicht das erste – und sicherlich auch nicht das letzte Mal – dass er auf diese Weise eine Nummer zugesteckt bekam.
Wolfgang hob seine Tasse an seine Lippen und bemerkte erst jetzt, dass diese immer noch leer war. Er stöhnte entnervt auf und hielt seine Tasse dem Kellner entgegen. „Ich hatte schon vor einer Viertelstunde eine neue Tasse geordert! Sind Sie da hinten eingeschlafen?“ Wolfgang war für gewöhnlich ein recht beliebter Kunde, neigte er doch dazu, ordentliche Trinkgelder zu geben. Heute jedoch stand es mit seiner Laune nicht zum Besten. Er hatte den halben Tag, den er hier saß, wieder und wieder den gleichen Satz geschrieben, ihn gelöscht und neu formuliert, nur, um ihn wieder zu verwerfen. Alle lobten ihn als das junge Naturtalent, der neue, aufgehende Stern am Literatenhimmel. Man erwartete von ihm ein neues Meisterwerk und erkannte nicht, dass er seinem alten Stil schon entwachsen war! Als sein frischer Kaffee gebracht wurde, nickte er, ohne aufzusehen. „Dem Himmel sei Dank, ich dachte schon, Sie müssten die Bohnen noch extra einfliegen lassen!“ Er sah auf und erstarrte für einen Moment, als er in ein bildschönes Paar blitzender, blauer Augen sah. Wolfgang brauchte kurz, um zu realisieren, dass die schönen, rotblonden Locken und das fein geschnittene Gesicht zu einem Knaben gehörten, der ihn mit einem Feuer, welches man nur selten bei Menschen vorfand, ansah.


Tag 1 (eigentlich schon Tag 13)
Am liebsten hätte Friedrich sich in den Hintern gebissen, dass er sich hatte überreden lassen, heute doch ins Café zu kommen. Er war schon das ganze Wochenende krank gewesen und hatte nur deshalb nicht das Bett gehütet, weil die Abgabefrist für sein Philosophie-Seminar Sonntag Punkt 12 Uhr nachts geendet hatte. Untypisch für seine Fakultät verstand Professor Kant diesbezüglich keinen Spaß. Also hatte Friedrich wieder einmal eine Nachtschicht eingelegt und beschlossen, den Montag zu benutzen, um wieder zu Kräften zu kommen. Dann hatte Dalberg angerufen und gefragt, ob er nicht die Schicht von Caroline übernehmen könne, die aufgrund irgendwelcher Dramen in ihrem Privatleben wieder einmal krankgemeldet war. Friedrichs erster Impuls war gewesen, abzulehnen, dann hatte er einen Blick in seinen Kühlschrank geworfen. Das Leben in Weimar war teuer und seit er aufgrund seines politischen Engagements sein Stipendium bei der Carl-Eugen-Stiftung verloren hatte, konnte er wirklich jeden Extra-Cent gebrauchen. Also hatte Friedrich sich doch breitschlagen lassen, nur um bei seiner Ankunft im Shop festzustellen, dass Dalberg verschwiegen hatte, dass er die Schicht vollkommen allein bewältigen musste. So kam es, dass Friedrich momentan bedeutend mehr Aspirin in seinem Blutkreislauf hatte, als es gesund sein konnte, gleichzeitig Bestellungen aufnahm, sie ausführte und wieder abräumte und nun schien er es auch noch dazu geschafft zu haben, einen Stammgast zu verärgern. Friedrich wusste selbstverständlich, wer da täglich ihr Lokal frequentierte, immerhin führte in der Literatur momentan kein Weg an Goethe vorbei. Er selbst hatte dessen Werther und auch den Götz regelrecht verschlungen. Seine weiblichen Kollegen hatten ihn erst nach ein paar Tagen erkannt und sich dann regelrecht darum gerissen, ihn bedienen zu dürfen. Friedrich hatte sich in dieser Diskussion vornehm zurückgehalten. So sehr er Goethes literarisches Werk schätzte und nur zu gern ausführlich mit ihm darüber gesprochen hätte, so kritisch stand er ihm als Person gegenüber. Er wusste gerade auch der Geschwätzigkeit seiner Kollegen wegen um dessen lockeren Lebenswandel und seiner – zugegebenermaßen verdienten – Arroganz. Als er diese nun in vollem Ausmaß zu spüren bekam, wusste Friedrich wieder, warum er am liebsten hinter der Theke arbeitete, wo er lediglich die eingehenden Bestellungen zu bearbeiten hatte und fernab von nervtötenden Kunden arbeiten konnte, die sich für schrecklich lustig hielten. Wie gern hätte Friedrich seinen unhöflichen Gast im Detail erklärt, wie er die letzte Viertelstunde damit verbracht hatte, hinter einer Mutter mit sage und schreibe sechs Kleinkindern hinterher zu räumen, die offenbar die Filiale mit einer amerikanischen Kaffeehauskette für den passenden Ort für einen Kindergeburtstag gehalten hatte. Er zwang sich, tief durchzuatmen und sich jeden Grund aufzuzählen, warum er diesen Job nicht verlieren wollte. Friedrich setzte sein strahlendstes Lächeln auf und erklärte in beeindruckend beiläufigem Tonfall: „Bitte entschuldigen Sie die lange Wartezeit, aber unser Etablissement stellt Qualität an oberste Stelle. Alle Kaffeebohnen wurden tatsächlich frisch aus Nicaragua eingeflogen und frisch für Sie geröstet. Abgesehen davon wird ein Blick in den Raum Ihnen bereits verraten haben, dass die Nachfrage gerade eindeutig das Angebot an Angestellten übersteigt.“ Er stellte die Tasse vor dem Mann, der heute doch tatsächlich als seine Romanfigur verkleidet war, ab, rückte die Kaffeelöffel zurecht und wandte sich dann möglichst schnell dem Nachbartisch zu, der noch immer abgeräumt werden musste. Für den Rest seiner Schicht hatte Friedrich glücklicherweise kaum Zeit, sich über seinen Fehltritt zu ärgern. Er konnte froh sein, wenn er nur eine Verwarnung bekam. Als er jedoch Stunden später den Tisch abräumte, fand Friedrich neben dem Geld für den Kaffee auch genau das großzügige Trinkgeld, das Caroline stets so lobend erwähnt hatte. Friedrich war sich nicht sicher, ob eine Beschwerde beim Manager nicht weniger demütigend gewesen wäre. Er überlegte kurz, das Geld nicht zu nehmen, beschloss dann aber, dass es ohnehin zu spät war und höchstwahrscheinlich würde er nie wieder mit Goethe interagieren müssen.
Tag 5:
Als Friedrich das Tablett aus der Küche trug und sah, für welchen Tisch er gedacht war, hielt er kurz inne: Goethe und das schwarzhaarige Mädchen! Dann rannte Charlotte fast in ihn und Friedrich drückte ihr schnell die Bestellung in die Hand. „Hier, mach du das!“ Er ignorierte ihren fragenden Blick und kehrte in die Küche zurück. Manche Sachen musste man sich nun wirklich nicht antun.
Wolfgang war überrascht, dass jener Mann, der ihm auf recht nonchalante Weise die Meinung gesagt hatte, heute nicht an seinen Tisch kam. Dabei war er sich sicher, dass er den hübschen blonden Lockenkopf heute schon gesehen hatte. Ein Jammer, denn Christiane, welche er wirklich nach ihrer letzten Begegnung angerufen hatte, versprach Kurzweil. Sie war jedoch nicht fesseln genug, um ihn auf intellektueller Ebene zu reizen – aber gut, er hatte nicht vor viel mit ihr zu reden, ganz nach dem Motto „Dumm... -“, naja... Sie wissen schon.
Wolfgang verabschiedete Christiane mit einem innigen Kuss, bevor er sich nach den Kellnern umsah. Die junge Frau mit den schwarzen Haaren, welche ihm seinen Kaffee gebracht hatte, schien schwer beschäftigt zu sein. Schließlich erkannte er Friedrich hinter der Theke. Mit einem nahezu spitzbübischem Lächeln winkte er ihn herbei und setzte eine strenge Miene auf.
Alles in allem war der Shop heute nicht besonders voll. Charlotte hatte einige Tische zu bedienen, aber er selbst hatte den letzten Teeniemädchen den Namen auf den Kaffeebecher geschrieben und hatte nun nichts zu tun, als die Tische abzuwischen. Immer wieder schweifte sein Blick verstohlen zu Goethe hinter, wie um zu überprüfen, ob dieser doch noch Ärger würde erkennen lassen. Wie immer saß der gerühmte Gast mit seinem Laptop am Fenster, in tadelloser und modisch-geschmackvoller Kleidung und mit einem Auftreten, als habe die Welt nur auf ihn gewartet. Zu spät wurde Friedrich klar, welchen Fehler er damit beging, zu Goethe hinüber zu sehen. Nun konnte er nicht mehr so tun, als hätte er den Wink nicht gesehen. Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend ging Friedrich zu ihm hinüber. Er stellte sicher, dass er keinen Augenkontakt mit Goethe aufnehmen musste, sondern sah geschäftig auf seinen Notizblock, während er möglichst neutral fragte: „Was kann ich für Sie tun?“
Wolfgang sah ihn durchdringend an und ließ Friedrich somit keine andere Wahl, als ihn ansehen zu müssen. „Ich hatte einen normalen, heißen Kaffee bestellt, keinen kalten. Kümmern Sie sich bitte darum, dass ich das bekommen, was ich bestellt habe!“
Friedrich hätte ihn durchaus darauf hinweisen können, dass er dafür der falsche Ansprechpartner war, schließlich hatte er nichts mit der Bestellung zu tun gehabt, aber etwas sagte ihm, dass er sein Glück nicht überstrapazieren sollte. Er schluckte also die pampige Antwort, die ihm auf der Zunge lag, herunter, murmelte ein kurzes „selbstverständlich!“ und verschwand in der Küche. Kurz darauf kehrte er an den Tisch zurück und servierte Goethe eine neue Tasse Kaffee. „Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten, der Kaffee geht selbstverständlich aufs Haus!“
Wolfgang lächelte, als er Friedrich zurückkommen sah. Galant nahm er ihm die Tasse ab, wober ihre Hände sich beiläufig berührten. Diese unschuldige Geste löste ein unerwartetes Kribbeln in seinem Bauch aus. Das war neu. Schnell wandte er sich seinem Kaffee zu. Er nahm einen Schluck des Getränks und schloss für einen Augenblick die Augen um zu genießen. „Wundervoll. Vielen Dank, ich wusste doch, dass es eine gute Idee war, Sie zu rufen.“ Er schenkte Friedrich einen weiteren, direkten Blick, welcher diesem durch seine Intensität durch Mark und Bein ging, Wenig später, als Friedrich aus der Küche zurückkam, stand ihr Manager bei Wolfgang am Tisch und unterhielt sich angeregt mit diesem. Charlotte legte eine Hand auf Friedrichs Schulter. „Was hast du getan, Fritz?“ Hast du Goethe etwa verärgert? Du hast hoffentlich nicht seine Werke kritisiert, oder?“
Verwirrt sah Friedrich seinen Gast an. Was sollte das denn jetzt? Goethes plötzliche Freundlichkeit irritierte ihn und verunsicherte ihn bedeutend mehr als Kritik es getan hätte. Wenn Friedrich eines gelernt hatte, dann, dass Kundschaft niemals einfach nur freundlich war. Schon gar nicht, wenn es sich um extrem illustre Kundschaft handelte. Um seine Unsicherheit zu überspielen, erwiderte er einfach gar nichts, lächelte nur kurz (und bedeutend freundlicher als er es später zugegeben hätte) und kehrte zu seinem Platz an der Theke zurück. Das verwirrende Gefühl, eine angenehme Überraschung überlebt zu haben, verließ Friedrich jedoch den ganzen Tag nicht mehr und ließ ihn ein wenig unaufmerksamer als er es sonst warm zurück. Die Hochstimmung allerdings war nur von kurzer Dauer. Spätestens als Charlotte ihn auf Goethe ansprach, schwante Friedrich Übles. „Unsinn, so viel gibt es da gar nicht zu kritisieren. Gut, sein Naturverständnis ist fragwürdig, aber hey! Wieso glaubst du das überhaupt? Ich habe gar nichts gesagt, sondern Kaffee serviert! Das da ist lediglich eine Retourkutsche...“ Charlotte sah ihn mitleidig an, als Dalberg in diesem Augenblick auf sie zukam. „Wie auch immer. Viel Glück!“ Sie klopfte ihm kurz aufmunternd auf die Schulter und ging zum nächsten Tisch, um dort die Bestellungen aufzunehmen. Friedrich begann mit viel Liebe, Tassen zu spülen und hoffte, Dalberg möge an ihm vorbeigehen. Dalberg ging nicht an ihm vorbei. So viel zum Thema plötzliche Freundlichkeit.
„Alle Achtung, Schiller, ich weiß nicht, was Sie getan haben, aber wie mir scheint haben Sie einen bleibenden Eindruck bei Goethe hinterlassen. Er hat soeben darum gebeten, dass ich Sie ihm immer, wenn er unser Café aufsucht, abstelle. In Zukunft werden also Sie Goethe bedienen.“ Dalberg schüttelte den Kopf, bevor er wieder in seinem Büro verschwand. Nun war Charlotte wirklich irritiert. „Er will, dass du ihn bedienst? Wieso? Sind wir dem Herrn nicht gut genug?“ Sie schmollte etwas, aber Friedrich wusste, dass Sie insgeheim ein Fan von Goethe war. Schließlich war sie es gewesen, die ihm damals den Werther geschenkt hatte...

Tag 9:
„Einmal Cappuccino Schokolade, zwei Stück Zucker, keine Milch.“ Während Friedrich die Tasse mit Kaffee füllte und zu Goethes Tisch zurückbrachte, wunderte er sich kurz, wie schnell er sich an sein neues Aufgabenfeld gewöhnt hatte. Es ärgerte ihn, dass Goethe eine Sonderbehandlung erhielt, aber Dalberg hatte keinen Platz für Widerworte gelassen. Friedrichs größtenteils weibliche Kollegen waren noch immer nicht allzu gut auf ihn zu sprechen, aber vielleicht war es ja genau diese Einstellung, die Goethe dazu veranlasst hatte, nach einem Kellner zu verlangen, der nicht bei Goethes Anblick hyperventilierte. Bisher war er jedenfalls ausnehmend höflich zu ihm gewesen, was mehr war als Friedrich erwartet hatte. Und so schlecht er sich bei diesem Gedanken auch fühlte, es war durchaus einträglich, diese Höflichkeit zu erwidern.

Tag 14:
Mittlerweile war Goethes Umgang mit ihm beinahe freundschaftlich. Sie grüßten einander, plauderten über das Wetter (zumindest wenn Goethe nicht in weiblicher Begleitung war) und ab und an ertappte Friedrich sich dabei, dass er doch neugieriger darauf war, Goethe seinen Kaffee zu servieren als es bei anderen Kunden der Fall war. Die waren ja aber auch keine literarischen Genies.

Tag 19:
Seine Schicht hatte noch kaum begonnen, und Friedrich wusste schon nicht mehr, wo ihm der Kopf stand. Der Hinweg war schon die Hölle gewesen, denn die Bahnen streikten und zwangen die Pendler auf Alternativen umzusteigen und bedeutend früher aufzustehen. Offenbar hatte die halbe Stadt beschlossen, ihre schlechte Laune mit Kaffee zu bekämpfen und so hatte Friedrich alle Hände voll zu tun. Fast hätte er nicht einmal bemerkt, dass Goethe auch schon da war und schaffte es gerade so, diesem seine übliche Bestellung zu bringen. „Guten Morgen, einmal wie immer, nur der Zucker ist nicht drin, bitte bedienen Sie sich einfach da drüben an der To-go-Theke.“ Das war offensichtlich ein Fehler gewesen, denn während Friedrich sich schon zum Gehen wandte, wurde er mit einem Mal unsanft am Ärmel festgehalten. „Sie erwarten doch wohl nicht ernsthaft, dass ich hier Ihre Arbeit mache- Wissen Wie eigentlich, wer ich bin?“ Goethe schien geradezu empört und Friedrich fragte sich, wie eine Person so freundlich und interessant sein konnte, und im nächsten Augenblick wieder so vollkommen unausstehlich. Eigentlich hatte er keine Zeit für diese Diskussion, also durchquerte er mit schnellen Schritten den Raum und brachte Goethe den verlangten Zucker. Dennoch konnte er sich einen leicht spöttischen Kommentar nicht verkneifen: „Selbstverständlich weiß ich das. Sie haben den Werther verfasst und den Götz. Und das noch gar nicht einmal so schlecht, wenn ich anmerken darf. Gut, wirklich aufführbar ist das Stück natürlich nicht, das erkennt jeder Theaterlaie auf den ersten Blick, zu viele, schnelle Szenenwechsel, aber wenigstens war es ein sehr interessanter und notwendiger Bruch mit den französischen Typen, die man sonst so zu Gesicht bekommt. Leider ist das jetzt auch schon eine Weile her und auch, wenn für die Werther-Verfilmung Schweighöfer im Gespräch ist, wartet alles auch Ihre nächste Veröffentlichung. Nach allem, was ich bisher gesehen habe, werden wir uns da alle noch gedulden müssen. Vielleicht, weil Sie sich ernsthaft an einem noch unverfilmbarem Stück versuchen, vielleicht, weil Sie nicht den Mut aufbringen, endlich an den mit Spannung erwarteten Faust zu gehen, sondern stattdessen lieber Italien erkunden. So oder so – Sie kommen nicht weiter und hätten folglich alle Zeit der Welt, sich Ihren Zucker selbst zu holen.“ Er lächelte kurz und eilte dann zur Theke zurück, um die dort wartenden Schlangen endlich zu bedienen.

Tag 20:
Es war später Nachmittag, als Wolfgang heute das Kaffeehaus betrat, um zu arbeiten. Sein junger Lieblingskellner hatte ihn sehr überrascht, als er ihm am Vortag gestanden hatte, dass er schon die ganze Zeit gewusst hatte, wer er wirklich war. Es empörte, aber imponierte ihm auch, wie Friedrich sich ihm gegenüber verhielt. Goethe bestellte erst einmal einen Kaffee und brütete über seinem neuen Manuskript. Noch immer war sich unsicher, wie er mit seinem Stück verfahren sollte. Nach einer kurzen Weile stellte sich heraus, dass auch Unmengen von Kaffee und ein – für seinen Geschmack viel zu interessanter – rotblonder Lockenkopf, welchen er immer wieder aus dem Augenwinkel heraus beobachtete, sich nicht sonderlich förderlich auf seine Motivation auswirkten. Er winkte Friedrich herbei und meinte: „Bitte bringen Sie noch einen zweiten Kaffee hierher.“ Goethe konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er Friedrichs Mimik sah. Obgleich dieser immer versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, so sah man ihm seinen Unmut doch häufiger an, als diesem lieb sein konnte. „Ist etwas mit Ihrem Kaffee nicht in Ordnung?“, fragte er, doch Wolfgang winkte ab. „Ich hätte nur gerne einen zweiten Kaffee.“ Der Kellner verschwand hinter der Theke – nicht, ohne ein großes Fragezeichen in einem Gesicht stehen zu haben. Als er wiederkam, zog Wolfgang den Stuhl zu neben sich etwas zur Seite und deutete einladend darauf. „Bitte, setzen Sie sich!“
Nun schien Friedrich vollends irritiert zu sein. Goethe lachte leise. „Sie haben richtig gehört. Setzen Sie sich, trinken Sie einen Kaffee mit mir. Oder haben sie etwa Besseres zu tun?“ Er schmunzelte, an diesem Abend waren Sie alleine im Café, sodass Friedrich mit einem seufzen nachgab. „Bekommen Sie immer, was Sie wollen?“, fragte er und verrollte leicht die Augen. Wolfgang schmunzelte. „Meistens“; gab er zu. „Sie sprachen gestern über meine Werke. Sie haben Sie also gelesen? Was sagen Sie dazu? - Und bitte – seien Sie ehrlich, wenn ich Komplimente erheischen will, rufe ich meinen Verleger an!“ Erst schien Friedrich nicht ganz zu wissen, was er von jener Lage zu halten hatte, doch da ihm sowieso keine andere Wahl blieb, fing er schließlich an, sich angeregt mit Goethe zu unterhalten. Wie es schien war Friedrich kein so großer Laie, wie er ihn hatte glauben lassen. Zwar hatte er noch nichts veröffentlicht, aber er hatte sich intensiv mit der deutschen Literatur auseinander gesetzt und träumte davon, selbst einmal etwas zu dieser beitragen zu können und „Epoche zu schreiben“, wie sein Vater es einmal spöttisch genannt hatte. Obgleich beide nicht in allen Punkten einer Meinung waren – Wolfgang beispielsweise schrieb eher affektive Erlebnislyrik, während Friedrich sich der analytisch-geplanten Gedankenlyrik verschrieben hatte – so verstanden sie sich auf literarischer Ebene doch sofort sehr gut. Friedrich hatte einige großartige Ideen, wie man Wolfgangs Stücke medienwirksamer gestalten konnte. (Nicht, dass er es darauf angelegt hätte, aber dennoch waren einige Vorschläge einfach zu gut, um ignoriert zu werden). Auch genoss Wolfgang die Gegenwart des Kellners sehr, dieser hatte eine sehr einnehmende Art an sich, der auch er sich nicht erwehren konnte. Wolfgang blieb bis kurz vor Ladenschluss, sie hatten beide die Zeit über ihr Gespräch vergessen. Nicht nur über Literatur hatten Sie sich unterhalten, Wolfgang hatte auch erfahren, dass Friedrich die meiste Zeit auf einer strengen privaten Jungenschule verbracht hatte. Doch auch dieser hatte seinerseits einige interessante Dinge über Wolfgang erfahren, die ihm zuvor nicht bewusst gewesen waren. Als sie sich verabschiedeten, strich Wolfgang ihm sanft eine verirrte Haarsträhne aus der Stirn. „Es war mir ein Vergnügen.“, schmunzelte er und Friedrich gab ihm das erste, ehrliche Lächeln. „Mir ebenfalls. Kommen Sie gut nach Hause!“ - „Bitte, lassen wir doch die Förmlichkeiten weg. Ich bin Wolfgang.“
Tag 26:

Unangenehmer Lärm hatte sich in jenem Haus ausgebreitet. Ein Vater war mit seinen drei Kindern gekommen und diese hatten begonnen, lautstark den Laden auseinander zu nehmen. Sie zerrissen Servietten, ließen Strohhalme durch den Raum fliegen und verteilten Zucker überall dort, wo dieser bestimmt nichts zu suchen hatte.
Wolfgang schüttelte den Kopf, wie sollte er sich bei diesem Lärm konzentrieren, wenn es ihm schon zu viel war, das gleichmäßige Geräusch der Tastatur zu hören, während er tippte. Als Friedrich an seinen Tisch kam, hielt er ihn für einen Moment auf. „Kannst du nicht etwas gegen diesen Lärm tun?“, fragte er freundlich. Friedrich seufzte tief und schüttelte den Kopf. „Ich hab ihn schon mehrmals darauf hingewiesen, dass das hier kein Kindergarten ist, aber er weigert sich, etwas zu unternehmen. Du bist nicht der Erste, der sich beschwert, aber mir sind die Hände gebunden, ich habe nicht die Autorität, ihn des Ladens zu verweisen.“ Wolfgang nickte zustimmend. „Ist euer Manager nicht anwesend? Er wäre doch befugt, eine Verwarnung auszusprechen.“ Der Kellner schüttelte nur ergeben den Kopf, er hätte wohl gerne etwas unternommen, aber seine Position erlaubte es ihm nicht. „Wenn es irgendwie diese Lage besser macht – der nächste Kaffee geht aufs Haus...“ Johann schüttelte vehement den Kopf. „Ich denke nicht, dass das die Lösung ist.“ Der Kellner sah ihn betreten an. „Ich könnte auch ein Stück Küchen anbieten, oder...-“ Der Schriftsteller fiel ihm ins Wort. „Das meinte ich nicht. Das würde dir doch von deinem Gehalt abgezogen werden, oder? Das will ich nicht.“ Er stand auf und legte kurz seine Hand auf Friedrichs, bevor er sein Haarband öffnete und das dunkelbraune Haar über seine Schultern fallen ließ. Der junge Künstler sah meist recht gepflegt aus, sodass dieser Anblick ungewohnt war und ihm etwas verwegenes gab.
Goethe ging zu dem Tisch, an dem die Störenfriede saßen und baute sich vor Ihnen zu stattlicher Größe auf. „Entschuldigen Sie, aber ich glaube, dieser Herr hat Sie bereits wiederholt aufgefordert, ihre Kinder im Zaum zu halten. Sie stören die anderen Gäste!“ der Vater sah auf und runzelte die Stirn. „Arbeiten Sie hier?“, fragte er, „Nein? Na, dann haben Sie auch gar nichts zu sagen. Und sie wollen doch auch nicht für ihren... 'Freund', dass dieses Etablissement als Kinderfeindlich gilt oder?“ Wolfgang sah ihn unbeeindruckt an. „Sie haben recht, ich arbeite nicht hier, aber ich habe ein Problem damit, wenn jemand wie Sie einem Kellner solche Probleme bereitet. Ich bin vom Gefängnis zwei Straßen weiter. Heute ist mein Tag Ausgang. Sehen Sie die junge Dame dort hinten, die schon die ganze Zeit zu mir herüber sieht? Das ist meine Bewährungshelferin! Ich habe nämlich ein Problem mit meinem Temperament und sitze seit sieben Jahren für kidnapping und foltern kleiner Kinder ein.“ Der Mann sah ihn irritiert an. „Sie wollen mich verarschen oder?“ Wolfgangs Worte zeigten jedoch Wirkung auf die Kinder des Mannes, die sofort verstummt waren. Das älteste Kind deutete auf ein Buch, welches einer berühmten Kinderbuch-Reihe angehörte, und Wolfgang konnte noch die Worte „Black“ und „Askaban“ hören, ohne wirklich zu wissen, was damit gemeint war. Er setzte dennoch ein diabolisches Grinsen auf, welches einem Schauer über den Rücken jagte (die Jahre in der Theater-AG hatten sich also doch ausgezahlt). Er kam bedrohlich näher und meinte: „Wer weiß. Wollen Sie es darauf ankommen lassen?“
Schneller als irgendjemand schauen konnte, hatten der Vater und seine Kinder das Café verlassen und Wolfgang kehrte unter Applaus zu seinem Platz zurück.

Tag 28:

„Du musst mir wirklich nicht jedes Mal den Kaffee ausgeben!“ Wolfgang gab sich diesbezüglich beeindruckend mürrischer als er es wohl eigentlich war, aber Friedrich bestand darauf, ihm mindestens einen Kaffee am Tag zu spendieren. „Unsinn! Natürlich muss ich das. Du hast vielleicht noch nie im Verkauf gearbeitet, aber bitte lass dir gesagt sein, dass das vor zwei Tagen nichts weniger als eine Heldentat war. Außerdem ist das mit der Geschäftsleitung abgeklärt. Dalberg würde dir den Kaffee sowieso umsonst geben, solange du nur weiter bei uns heurmsitzt. Publicity, du verstehst?“ Mit einem Augenzwinkern wandte Friedrich sich zum Gehen. Er hatte schnell bemerkt, dass Wolfgang sein Auftritt ein wenig peinlich war, aber gerade deshalb und weil er ihm immer noch auf Knien dafür dankbar war, dass er diese Bälger aus dem Laden geworfen hatte – sorgte Friedrich dafür, dass er es so schnell nicht vergessen würde. Entgegen aller Erwartungen Friedrichs schien Wolfgang der Aufruhr um seine Person zuweilen unangenehm zu sein und Friedrich konnte nicht anders als das sympathisch zu finden. Als Goethe ihm den Kaffee vorgesetzt hatte und ihn nach seiner Meinung gefragt hatte, war Friedrich misstrauisch gewesen. Zu seinem großen Erstaunen jedoch hatte der Autor seine Vorschläge Ernst genommen und einige seiner Kritikpunkte sogar umgesetzt. Seither hatten sie immer wieder über bedeutend mehr als Kaffee gesprochen und der junge Mann konnte nicht ganz ignorieren, wie sehr er sich jeden Tag auf einen bestimmten Gast freute. Das alles war natürlich nicht unbemerkt geblieben und weder Charlotte noch Caroline schienen von dieser Entwicklung begeistert zu sein. Auch jetzt konnte Friedrich im Vorbeigehen hören, wie sie sich darüber ausließen, dass gewisse Leute für ein gutes Trinkgeld wohl alle selbstständige Meinung sein ließen. Ein Vorwurf, der ihn viel härter getroffen hätte, wenn seine Kolleginnen nicht so schamlos ihre Brüste beim Erwerb der Trinkgelder eingesetzt hätten. Er mochte die beiden ja und wusste, dass sie es nicht Ernst meinten, aber von Zeit zu Zeit konnten sie doch unglaublich nerven.
Vorerst jedoch hatten auch die beiden Damen besseres zu tun und Charlotte teilte ihm gerade mit, es wes werde noch ein Frappuchino an Tisch 4 benötigt. Friedrich stutzte. Das war Goethes Tisch, aber weder der noch er selbst tranken ihren Kaffee gerne kalt. Als er den Tisch erreichte, schämte Friedrich sich kurz, dass er geglaubt hatte Wolfgang könne ihn erneut einladen wollen. Da saß das schwarzhaarige Busenwunder am Tisch und redete ohne Punkt und Komma auf Wolfgang ein. Der schien zwar etwas gelangweilt, schickte seine Begleitung aber auch nicht fort. Also servierte Friedrich den Kaffee, ohne großartig zur Kenntnis genommen zu werden und begnügte sich damit, den Kaffee, den Rest des Tages seiner ganz normalen Arbeitstätigkeit nachzugehen.


Tag 32:

Zum ersten Mal seit Tagen war Goethe wieder durchgängig allein da. Ohne diese Christiane hatten sie endlich einmal wieder die Möglichkeit ein wenig zu reden. Leider kamen sie kaum dazu, denn noch musste Friedrich arbeiten und es gab einiges an anderer Kundschaft.

Tag 33 – 37:

Wie Wolfgang ihn hatte wissen lassen, war er diese Woche auf der Leipziger Buchmesse und es fiel Friedrich schwer sich daran zu gewöhnen, dass diese Tage der Platz am Fenster leer blieb. Er wusste nicht, wie er an diesen Punkt gekommen war, aber Friedrich fieberte dem nächsten Montag entgegen, wenn er sich endlich wieder auf den Job würde freuen können.

Tag 39:

Friedrich schaffte es nur mit Mühe zum Telefon, um Dalberg anzurufen. Offenbar war seine Grippe aus dem letzten Monat mit voller Macht zurück, denn Friedrich lag mit Schüttelfrost und Gliederschmerzen im Bett. Einen Arzt konnte er sich definitiv nicht leisten und so blieb ihm nur abzuwarten und sich von Charlotte mit Hühnersuppe versorgen zu lassen. Es gab Tage, an denen Friedrich die Welt hasste.

Tag 43:
Seit etwa vier oder fünf Tagen hatte Wolfgang den hübschen, rothaarigen Kellner nicht gesehen. Mittlerweile mach er sich wirklich Sorgen um ihn. Er hatte eine der Kellnerinnen gefragt, weshalb Friedrich derzeitig nicht im Café arbeitete und diese hatte ihm mitgeteilt, dass Friedrich daheim krank das Bett hütete. An diesem Tag jedoch belauschte er Charlotte und Caroline, die den Nebentisch säuberten und dabei über Schiller sprachen.
„Es tut mir so leid, dass es Friedrich so schlecht geht! Und er will wirklich nicht zum Arzt gehen?“ Charlotte schüttelte unglücklich den Kopf. „Nein, er weigert sich! Heute kann ich leider nicht einmal zu ihm gehen, um nach ihm zu sehen! Dabei geht es ihm doch so schlecht!“ Nun war Goethe wirklich besorgt. Er winkte Charlotte herbei und fragte diese äußerst direkt nach der Adresse des Kellners! Die junge Frau war zu perplex, um nicht zu antworten. An jenem Tag klingelte es an Friedrichs Tür und Wolfgang stand sehr überraschend davor, eine volle Einkaufstasche in der Hand.
„Was... was tust du hier?“, fragte Friedrich und zog sich etwas verlegen seine Decke um den Körper. „Ich hörte, dass es dir nicht gut geht!“, sagte Wolfgang und trat wie selbstverständlich ein, um die Küche in der kleinen Wohnung zu suchen. Er hatte für Friedrich ganz viel Obst und Gemüse mitgebracht und begann, ihm erst einmal eine Kanne Tee zu kochen. „Woher weißt du überhaupt, wo ich wohne?“ Friedrich schien noch immer erstaunt zu sein, dass Wolfgang einfach so bei ihm in der Wohnung aufgetaucht war. Wolfgang erklärte, was er ihm Kaffeehaus gehört hatte. „Ich habe mir Sorgen gemacht“, gestand er und legte eine Hand auf Friedrichs fieberheiße Stirn. „Da musste ich einfach vorbei kommen, wer soll mir denn sonst meinen Kaffee bringen, wenn du krank bist?“ Er zog ein Manuskript aus der Tasche und reichte es Friedrich. „Deine Anmerkungen waren sehr hilfreich, dank dir war ich in der Lage, es zu vollenden. Er wäre mir eine Ehre, wenn du das fertige Stücken lesen und mir deine Meinung dazu mitteilen würdest!“
Friedrich sah ihn irritiert an, bevor er ihm ein strahlendes Lächeln schenkte, welches Friedrich trotz seiner Krankheit noch schöner erschienen ließ. Wolfgang schluckte hart, er hatte sich niemals nach einem Mann gesehnt, aber der charismatische Kellner hatte es ihm angetan. Das weiße Hemd des anderen stand leicht offen, weil Friedrich ob des Fiebers sonst zu warm geworden wäre und ließ den Blick auf eine bleiche, aber doch leicht trainierte Brust offen. Wolfgang wandte verlegen den Blick ab. „Ich... sollte gehen“, stammelte er, „ich habe noch einige wichtige Termine, die ich wahrnehmen muss. Ich hoffe, dass es dir bald wieder besser geht.“

Tag 47:
Mit Freuden hatte Wolfgang bemerkt, dass Friedrich seinen Dienst wieder angetreten hatte. Er hatte mit Schrecken festgestellt, dass er ihn wirklich vermisst hatte, mehr als er es erwartet hatte. Mittlerweile freute er sich den ganzen Tag darauf, den Rotschopf wiederzusehen. Als Friedrich ihm an diesem Tag seinen Kaffee brachte, berührten sich beiläufig ihre Hände und sie hätten beinahe beide die Tasse fallen lassen. Wolfgang lächelte ein wenig verlegen und strich Friedrich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. „Du hast wundervolles Haar“, raunte er ihm zu. In diesem Augenblick rannten zwei kleine Mädchen durch den Gang und stießen dabei gegen Friedrich. Die Ereignisse überschlugen sich, Friedrich verlor das Gleichgewicht und landete auf Goethes Schoß, dieser fing ihn auf und hielt ihn in seinen Armen, überrascht stellte er fest, dass die plötzliche Nähe zu Friedrich sein Herz höher schlagen ließ. „Dass ich dich fassen möchte in diesem Arm!“, raunte Wolfgang sacht und schien für einen Moment mit klopfendem Herzen von jenen durchdringenden Augen gefangen zu sein. Wären sie jetzt alleine gewesen – Wolfgang hätte für den Ausgang dieser Situation nicht garantieren können. So aber ließ er ihn schweren Herzens los und schenkte Friedrich ein ehrliches Lächeln. „Mir scheint, dass es allmählich zur Tradition wird, dass ich dich retten muss!“
Friedrich konnte förmlich spüren, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. Für einen Augenblick musste er sich auf die Zunge beißen, um nicht zuzugeben, wie sehr es ihm gefiel, gerettet zu werden, jedenfalls von Goethe und dieser Gedanke war mehr als beängstigend. Es war immer eine  schrecklich dumme Idee, sich mit einem Kunden einzulassen und zwar nicht nur, weil es seinen Job gefährdete. Sicher, solche Kleinigkeiten hatten Caroline noch nie von einem Flirt abgehalten, aber Friedrich war nicht Caroline! Seit Tagen kreisten seine Gedanken um einen bestimmten Gast und nun war er ihm so nahe, dass ihm das Herz bis zum Hals schlug und Friedrich musste sich eingestehen, dass das, wovon er sich selbst in den letzten Tagen zu überzeugen versuchte, stimmte: Er flirtete nicht mit Goethe. Er war auf dem besten Wege, sich in ihn zu verlieben.
Na wundervoll! Genau das, was ihm noch gefehlt hatte. Er musste wirklich der einzige Idiot sein, der sich in einen Kunden verliebte. Und dann auch noch in den reichen, berühmten, der regelmäßig von äußerst weiblichen Fans belagert wurde. Ganz gleich jedoch, was ihm seine Vernunft entgegenschrie, er genoss die Nähe zu Wolfgang zu sehr, um sich sofort von ihm zu lösen. „Ich…“ Er wusste nicht, was er sagen sollte und schwieg. Wolfgangs Arm um seine Hüfte fühlte sich bedeutend zu gut an, um etwas an der Situation zu ändern, und ließ seine Haut prickeln. Und mit einem Mal wurde Friedrich das eigentlich wichtige an dieser Situation bewusst: Wolfgang hatte ihn nicht fortgestoßen. Nach allem, was er sagen konnte, war dem Anderen ihre Situation immerhin nicht ganz unangenehm.
Bevor er diesen Gedanken weiterverfolgen konnte, wurden sie unterbrochen: „Hey, ist die Show umsonst oder wie viel Trinkgeld muss man geben, um an deinen Hintern zu kommen, Blondie?“ Der Kommentar des Gastes am Nachbartisch wurde mit lautem Gelächter seiner Freunde bedacht. „Vorerst würde mir auch ein Kaffee von dir reichen, wenn du nicht zu beschäftigt bist!“ Friedrich wäre vor Scham am liebsten im Erdboden versunken. Schnell raffte er sich auf und hielt sich an seinem Tablett fest. „Es tut mir leid, ich muss mich um die anderen Gäste kümmern. Bitte verzeihen Sie das Missgeschick!“ Warum er ins Siezen zurückfiel, wusste er selbst nicht genau, aber er hätte sich selbst treten können. Viel Zeit zur Selbstkritik blieb ihm jedoch nicht, denn er hatte alle Hände voll zu tun, die anderen Gäste nicht weiter zu verärgern und dabei trotzdem deutlich zu machen, dass er es nicht schätzte, von allen Seiten begrabscht zu werden, was vor allem den, der ihn vorhin angegangen war, wenig interessierte. Als Friedrich an diesem Abend völlig übermüdet ins Bett fiel, war er froh, als er rasch einschlief und kaum Zeit zum Nachdenken hatte.
Tag 49:
„Ich habe nicht geflirtet! Es war ein Unfall!“ Friedrich stand bei Dalberg im Büro und versuchte, sich zu rechtfertigen. Dalberg jedoch gab sich rückgratlos wie immer: „Ich sage ja nicht, dass es so war, aber es haben sich Gäste beschwert und, Friedrich, Sie widmen Goethe mehr Aufmerksamkeit als unseren anderen Kunden!“ Nun war Friedrich wirklich wütend: „Weil Sie es mir gesagt haben! Wenn Ihnen das nicht gefällt, dann schicken Sie ihm halt Charlotte vorbei!“ Er hoffte inständig, dass Dalberg das nicht tun würde, auch wenn es vermutlich vernünftig gewesen wäre. „Das kann ich nicht tun. Er ist die beste Werbung, die wir uns wünschen könnten und unser wichtigster Gast. Er bekommt, was er will. Aber halten Sie sich künftig zurück!“
Also hielt Friedrich sich zurück. Er machte seinen Dienst vorschriftsmäßig und vorbildlich. Goethe gegenüber gab er sich höflich, mehr aber auch nicht, und auch wenn es wehtat, so war es doch ein Weg, ein wenig Restwürde zu behalten.
Tag 53:
Die Tage vergingen erschreckend langsam. Goethe akzeptierte Friedrichs plötzliche Zurückhaltung stillschweigend und Friedrich erkannte, dass er offensichtlich zu viel in Wolfgangs Verhalten hineininterpretiert hatte. Als er ihn zu Hause besucht hatte, war es ihm ähnlich ergangen: Er hatte sich über die Aufmerksamkeit gefreut, war beeindruckt von Goethes Fürsorge gewesen und hatte für eine Weile gehofft, dass er vielleicht etwas Besonderes für ihn war. Dann hatte Goethe bemerkt, in welchem Zustand Friedrich und seine Wohnung waren und die unüberwindlichen Differenzen zwischen ihrer beider Leben hatten sofort jegliche Illusion zerstört. Er musste einfach lernen, sich damit abzufinden, dass er der nette, unterhaltsame Kellner war, der neben Cookies auch einigermaßen spannende Gesprächsthemen zu bieten hatte, und mehr nicht. Alle etwaigen Komplimente und Aufmerksamkeiten waren nichts weiter als Höflichkeiten und je eher er das akzeptierte, desto weniger peinlich würde es für ihn werden.
Tag 54:
Wolfgang litt unter der aktuellen Lage. Er wollte nicht auf die Gespräche mit Friedrich verzichten, zu sehr waren sie Teil seines Lebens geworden. Was war geschehen? Er hatte geglaubt, dass sie einen besonderen Moment geteilt hatten, dass sie einander näher gekommen seien. Als er Friedrich aufgefangen hatte – er hatte sich nie mit einem Menschen wohler gefühlt, als mit Schiller. So aber war er nun gezwungen, Friedrich aus der Ferne zu betrachten und sich zu fragen, was er getan hatte, um den Kellner zu verärgern.
Tag 58:
Vier Tage war Wolfgang nicht mehr ins Café gekommen. Zum einen hatte er es nicht ertragen, Friedrich zu sehen, ohne ihm nahe sein zu können, zum anderen hatte ihn die Arbeit aufgehalten. Er hatte gehofft, dass die Ablenkung ihm guttun würde, doch die Sehnsucht nach Friedrich wurde immer schlimmer. Schließlich fasste er einen Entschluss. An diesem Tag kam er in das Café und machte sich direkt auf den Weg zur Theke.
„Ich habe einen kleinen Anschlag auf dich vor“, sagte er und sah Friedrich sanft an. „Geh mit mir aus! Augenblicklich!“ Friedrich sah ihn völlig irritiert an. Wolfgang wiederholte seine Bitte. „Ich möchte mit dir ausgehen. Jetzt!“
Friedrich wusste nicht, was er sagen sollte. Er war so erleichtert gewesen, nach vier Tagen Goethe endlich wieder zu sehen, dass er erst bemerkte, dass dieser geradewegs auf ihn zukam, als er direkt vor ihm stand. Dann vernahm er Wolfgangs Worte und konnte nicht glauben, was er hörte. „Was?“ Er versuchte, den seltsamen Antrag irgendwie anders zu deuten und die Stimme der Hoffnung zu ersticken, die ihm einflüsterte, dass Goethe ihn vielleicht wirklich zu einem Date einlud. Aber auch beim zweiten Mal konnte er keine andere Interpretationsmöglichkeit finden und sein Herz begann, schneller zu schlagen. Er blickte ein wenig zur Seite und hoffte, dass er nicht allzu rot anlief. Er strich sich eine verirrte Haarsträhne aus der Stirn und fasste dann all seinen Mut zusammen. „Ich…würde wirklich gerne mitkommen, aber…“ Er hoffte, dass deutlich wurde, wie leid es ihm tat. „…Meine Schicht endet erst in drei Stunden.“
„Ich denke nicht, dass das ein Problem darstellen wird.“ Wolfgang ging hinüber zu Caroline und Charlotte, um mit den beiden Frauen zu reden. Friedrich konnte nicht hören, was sie sprachen, aber man sah Wolfgangs Mimik und Gestik an, wie schmeichelnd und charmant er mit ihnen tat. Als er zurückkam zierte eine verlegene Röte Charlottes Gesicht. Er sah Friedrich direkt an und lächelte. „Wir können gehen“, sagte er, „deine Kolleginnen sind so freundlich, deine Schicht mit zu übernehmen.“ Friedrich errötete, wenn möglich noch mehr. „Was hast du ihnen gesagt?“ Doch Wolfgang schmunzelte nur. „Das bleibt mein kleines Geheimnis. Also, wie entscheidest du dich? Verehrtes Fräulein, darf ich’s wagen, Arm und Geleit ihr anzutragen?“
Friedrich konnte sein Glück kaum fassen. Goethe, Johann Wolfgang von Goethe, bedeutendster Autor ihrer Zeit und absolutes Genie wollte mit ihm ausgehen. Er hätte so gerne Ja gesagt! Verlegen stellte Friedrich die Tasse ab, die er gerade gespült hatte, und sagte nicht ohne ein beschämtes Lächeln: „Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleit nach Hause gehn. Genaugenommen muss ich sogar, wenn ich will, dass Dalberg mich nicht feuert. Der war alles andere als begeistert, dass ich unserer Kundschaft „unsittliche Angebote“ mache. Aber wenn du vielleicht heute Abend…“
Wolfgang schüttelte den Kopf. „Nicht heute Abend. Ich will dich hier und jetzt! Wenn Dalberg ein Problem damit hat, kannst du ihn gerne zu mir schicken und ich mache ihm klar, dass der einzige Grund, weshalb ich täglich in diesen Laden komme, der ist, dass ein gewisser Kellner hier arbeitet.“ Wolfgang schenkte ihm ein gewinnendes Lächeln und reichte ihm die Hand. Nun konnte auch Friedrich nichts mehr gegen seinen Vorschlag einwenden, was er sowieso nicht wirklich gewollt hatte. Er legte seine Schürze ab und kam um die Theke herum. Goethe lächelte erleichtert und legte einen Arm um Friedrichs Schulter. „Wir haben hierfür schon viel zu lange gebraucht“, sagte er, „ich wollte dich schon eher fragen, ob du mit mir ausgehen willst, doch bisher hat sich das nicht ergeben. Aber umso glücklicher bin ich, jetzt wo ich dich ausführen darf.“
Hier und Jetzt. Das klang so falsch und Friedrich war sich ziemlich sicher, dass Wolfgang das absichtlich so formuliert hatte. Er schluckte kurz und beschloss dann, das es ihm das Wert war. Goethe wollte ihn und er wollte Goethe. Er trat hinter der Theke hervor und ließ sich von Wolfgang in den Arm nehmen. Charlottes und Carolines große Augen ignorierte er einfach. Für Friedrich gab es in diesem Augenblick nur noch Wolfgang. Er sah ihm tief in die Augen, lächelte und fragte dann: „Wenn das so ist…was genau hattest du denn geplant?“ Er schmiegte sich eng an Wolfgang und Arm in Arm verließen sie den Coffee-Shop. Als die Tür hinter ihnen ins zufiel und dem Rapper mit der Panda-Maske, der seit Wochen die Radio-Charts anführte, das Wort abschnitt, waren sie endlich alleine.
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