Feinde

von claudrick
KurzgeschichteHumor, Sci-Fi / P12
Curtis Newton / Captain Future Joan Landor
04.11.2013
04.11.2013
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Das Sommerhoch rückte am Donnerstag an und am Freitag war es da. Von einem Tag auf den anderen kletterte das Thermometer auf über dreißig Grad, und die New Yorker strömten nach einem langen, kalten Winter und einem feuchten Frühling ausgehungert nach Sonnenschein ins Freie, in die „grüne Lunge“ ihrer Stadt, den Central Park, sonnten sich vor Eisdielen und Cafés, ließen ihre Füße in den zahlreichen Springbrunnen der Stadt baumeln. Der Himmel strahlte in diesem typischen Blau, das dem ganzen Planeten seine charakteristische Farbe gab, zumindest aus der Ferne betrachtet. Genauer gesagt, vom Mond aus. So zumindest empfand es Curtis Newton.

So beeindruckend die imposanten Gebirgsketten und Krater seines Heimatgestirns auch sein mochten, so eintönig waren doch die Farben die es bot. Grau in allen Schattierungen am Boden, Schwarz am Himmel. Was für eine Wohltat für die Augen war hier der Anblick der grünen Pflanzen, der Blumen in knalligem Pink und Gelb, des türkisfarbenen Glitzerns des Pools.

Ein angenehm warmer Windhauch kam auf und trocknete die letzten Wassertropfen auf seiner Haut. Von der Bar auf der gegenüberliegenden Seite des Pools winkte ihm jemand zu. Es war Beverly Mason-James, eine einflussreiche Verlegerin und Freundin von Ezella Garnie, der er und Joan Landor die Einladung an diesen wunderbaren Ort zu verdanken hatten: Die luxuriöse Pool-Anlage auf dem Dach des Verlagsgebäudes von „New York Weekly“, nur für Firmenangehörige und deren Freunde und Familien. Curtis hob die Hand und winkte zurück. Er dachte gerade darüber nach, Joan und sich ebenfalls einen Drink zu holen, als er plötzlich meinte, beobachtet zur werden.

Die von Sonne und Wärme verursachte Trägheit fiel augenblicklich von Curtis Newton ab, und die gewohnte Schärfe kehrte in seine Sinne zurück. Auf einem Liegestuhl neben der Bar saß ein dunkelblonder Mann mit Sonnenbrille, ebenfalls nur in Badekleidung und offensichtlich in die Lektüre in seinem Tablet vertieft. Doch Newton spürte, dass das Interesse und die heimlichen Blicke des Mannes woanders hingingen. Sein Gesicht war ihm völlig unbekannt, was allerdings nichts heißen wollte. Er kannte so gut wie niemanden in Pressekreisen, und Beverly hatte seine wahre Identität nie preisgegeben, was ihm stets einen angenehmen Grad an Anonymität bewahrt hatte.
Hatte ihn vielleicht doch jemand erkannt und war ihm gefolgt? Es wäre nicht das erste Mal, dass ihm ein feindlich gesinnter Zeitgenosse einen Auftragskiller auf den Hals hetzte.

Aber vielleicht... starrte der Typ auch einfach nur Joan an. Newton drehte den Kopf etwas zur Seite und ließ seinen Blick über ihren wundervollen Körper in dem aufregenden roten Bikini gleiten, über ihre schönen Brüste, den kleinen, perfekten Nabel, von dem er wusste, wie verrückt es sie machte, wenn er ihn küsste, ihre langen, schlanken Beine... Wer wollte es einem Mann verübeln, dass er Joan anstarrte?

„Der Typ da drüben starrt dich an, Curtis“, sagte Joan leise, kaum dass sie die Lippen bewegte. „Kennst du ihn?“

Newton ließ sich nicht anmerken, wie überrascht er war. Er hätte geschworen, dass Joan schlief.

„Meinst du den Kerl da drüben auf zwei Uhr?“, fragte er zurück, „Nein, keine Ahnung, wer das ist, „aber vielleicht steht er auch nur auf deinen Bikini...“ Joan ging nicht darauf ein.

„Siehst du diese komische Tasche neben seinem Liegestuhl? Die sieht irgendwie verdächtig aus. Ich werde mich mal zu Beverly an die Bar begeben, von dort kann ich ihn mir ein bisschen genauer anschauen“.

Die Agentin schnappte sich ihren Kommunikator, stand auf und ging mit lasziv wiegenden Schritten in Richtung Bar, vorbei an dem Mann mit dem Tablet. Dieser sah zwar auf , als Joan vorbei ging, schien sich aber nicht wirklich für sie zu interessieren.
An der Bar sprach sie kurz mit Beverly, alberte ein bisschen mit ihr herum und fotografierte sie schließlich mit dem Kommunikator. Newton schüttelte amüsiert den Kopf und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sie war wirklich Agentin durch und durch! Schließlich kam sie mit zwei Drinks zurück, reichte einen davon Curtis und ließ sich wieder auf dem Liegestuhl neben ihm nieder.

„Ich habe heimlich ein Foto von dem Typ gemacht. Vielleicht ist es gut genug, um mit der Gesichtserkennung der aktuellen Fahndungsliste etwas über ihn heraufzufinden“.

„Findest du nicht, dass du ein bisschen übertreibst, Joan?“

„Du findest, ich übertreibe?“, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen zurück. „Und was war mit diesem religiösen Fanatiker, der sich vor dem Regierungsgebäude auf dich stürzen wollte? Der sah auch total harmlos aus.“

„Hm“. Joan hatte nicht ganz unrecht. Es gab mehr als genug Leute, die ihm nicht wohlgesonnen waren... Joans Suche in den aktuellen Fahndungslisten der Planetenpolizei blieb indes ergebnislos. Fotos von Profikillern waren auch eine absolute Seltenheit, lag es doch in der Natur ihres „Berufes“ Phantome zu sein. Und wenn dieser Mann zu dieser Gattung gehörte, dann würde er keinesfalls heute, unter all diesen Menschen, zuschlagen. Er spähte sein Opfer lediglich aus.

„Er steht auf“, zischte Joan plötzlich und ließ den Kommunikator sinken.

„... und er kommt auf uns zu“, ergänzte Curtis, nun ebenfalls wieder wachsam geworden.

„... mitsamt seiner Tasche“, fügte Joan warnend hinzu. Beide verstummten als sich der Mann vor ihnen aufbaute, direkt vor der Sonne, so dass man fast nur seine Umrisse sehen konnte.

„Entschuldige, dass ich dich einfach so anspreche“, sagte er mit sanfter Stimme an Curtis gewandt und stellte die Tasche ab, „aber du warst doch neulich auf dem Cover von „Mens Choice“, oder?“

Newton nahm die Sonnenbrille ab und warf dem Mann einen irritierten Blick zu. „Ich verstehe nicht ganz...“

„Oh, bitte!“, entgegnete der andere und machte eine ziemlich feminin wirkende Wegwerfbewegung mit der Hand. „Ich habe doch gleich gemerkt, dass du ein Model bist. Ich meine, bei dem Körper... Darf ich mich vorstelle? Mein Name ist Cameron Lewis, ich bin Fotograf. Wenn du gestattest, würde ich gerne ein paar Fotos von dir machen, die wir dann...“

Er bückte sich, um nach der Tasche zu greifen. Alarmiert sahen Curtis und Joan sich an, doch Lewis holte tatsächliche eine Kamera aus der Tasche.

„Hören Sie, ich bin kein Model“, stellte Newton peinlich berührt klar, und nahm im Augenwinkel Joans breites Grinsen wahr. „Und Sie werden auch keine Fotos von mir machen. Ist das klar?“

„Du bist kein Model?“, fragte Lewis und machte trotz Newtons Ablehnung die Kamera bereit. „Ich könnte eines aus dir machen. Ein Top Model sogar! Ich habe sehr gute Verbindungen zu den wichtigsten Agenturen, weißt du?“

Newton richtete sich auf und bedeckte die Linse der Kamera mit der Hand.

„Keine Fotos“, stellte er nachdrücklich klar. „Nicht heute und auch nicht in Zukunft. Ich bin nicht interessiert“.

Cameron Lewis seufzte. „Was für eine Verschwendung“, klagte er und packte seine Kamera wieder ein. „Falls du es dir doch noch anders überlegen solltest, hier ist meine Karte“. Lewis drückte Newton eine Visitenkarte in die Hand, die dieser an Joan weitergab.

„Ist das deine Freundin“, fragte er und bedachte die schöne Agentin mit einem seltsamen Blick.

„Ja, das ist sie“, antwortete Curtis. „Wieso?“

„Ach, es ist immer so“, entgegnete Cameron Lewis resigniert. „Die besten Männer sind entweder schon in festen Händen, oder sie sind hetero“.
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