Die Kinder der Nordstadt - Yüksels Geschichte

von Mirfineth
KurzgeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12
04.11.2013
08.12.2013
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„Ich glaube nicht, dass wir jemals zu einem Ort voll und ganz gehören werden, aber vielleicht kann man zu vielen Orten ein wenig gehören, und das ist genauso gut.“
(Judith Kerr)

So maybe what's good
Will become better and better and better
And maybe what's bad
Will become good.
(frei nach "It goes like it goes" von Dusty Springfield, Song zum Film "Norma Rae")


Als ich ein kleines Mädchen war, wünschte ich mir nichts so sehr, wie in einer großen Wohnung mit Treppen zu leben. Ich liebte große Wohnungen mit Treppen, solche wie die, in der meine Tante Yasemin und mein Onkel Cem wohnten. Ich fragte meine Mutter oft: „Mama, warum wohnen wir nicht in einer großen Wohnung mit Treppen?“
Meine Mutter antwortete stets: „Yüksel, Yasemin und Cem wohnen in der Türkei. Wenn wir zu Hause wohnen würden, dann hätten wir auch so eine Wohnung wie sie. Aber in Deutschland ist das zu teuer.“
Diese Antwort löste jedes Mal, wenn meine Mutter sie mir gab, zwei Fragen in mir aus:
„Mama, warum wohnen wir nicht zu Hause?“, und „Mama, warum wohnt Vera in einer großen Wohnung mit Treppen, wenn das doch so teuer ist?“
Auch diese Antworten waren immer gleich: „Weil dein Vater HIER arbeitet.“ Und: „Weil Veras Familie deutsch ist und deshalb mehr Geld hat.“
Ich hätte noch stundenlang so weiterfragen können, aber meine Mutter schickte mich an diesem Punkt der Diskussion immer zum Spielen oder Einkaufen nach draußen, und so blieben meine nicht gestellten Fragen immer unbeantwortet.

Vera war meine erste deutsche Freundin, und sie wohnte auf der anderen Seite der Ahornallee, die unseren Stadtteil wie eine Staatsgrenze trennte.
In meinem Stadtteil-Bezirk standen alte, heruntergekommene Häuser, die um die Jahrhundertwende erbaut worden waren, Veras Stadtteil-Bezirk hingegen wurde von modernen Neubauten dominiert, alles Häuser und große Wohnungen mit Treppen innerhalb der Wohnung, mit Treppen, die nur den Leuten gehörten, die dort wohnten, die Vera sich nicht mit anderen Kindern teilen musste und für die es keinen Putzplan gab, über den sich Veras Mutter beschweren musste.
Vera und ich kannten uns seit der Grundschule. Obwohl unser Stadtteil geteilt war, gab es nur eine Grundschule.
In den zwei Jahren, in denen ich mit Vera befreundet war, war ich nicht oft bei ihr zu Besuch gewesen (und sie hatte mich kein einziges Mal besucht), aber trotzdem kann ich mich auch heute noch an die schöne, geschwungene Holztreppe erinnern, die zu den Zimmern von Vera und ihrer Schwester Carola führte. Die Tatsache, dass hier jede auch ihr eigenes Zimmer hatte, faszinierte mich nicht so sehr wie die Treppe.

Als wir umzogen, war ich gerade neun geworden.
In der neuen Wohnung gab es keine Treppe, aber die Wohnung war insgesamt etwas größer und in dem neuen Haus, das elf Stockwerke hatte, gab es sogar einen Fahrstuhl.
Ich vergaß die Treppe nie, aber da es in meinem Haus jetzt einen Fahrstuhl gab, war ich etwas besänftigt, auch wenn der Fahrstuhl nicht nur meiner Familie gehörte.
Unser neues Haus lag in der Nordstadt, einem relativ alten Stadtteil mit 60er-Jahre-Hochhausbauten, die in sieben Blöcke mit je drei Hochhäusern pro Block eingeteilt waren. Mein Block war der Block 7, laut uns der beste Block der ganzen Nordstadt.

In Block 1 wohnten Russlanddeutsche und Spätaussiedler aus Polen.
Meine Mutter behauptete, der Block 1 hätte den schmutzigsten Hinterhof. Ich gab es auf, ihr zu sagen, dass das, was sie als Müll bezeichnete, von den russischen Jungen als Spielzeug benutzt wurde: alte Autoreifen, Metallstangen, Kanister.
Die meisten Kinder aus Block 1 waren älter als meine Schwester Hatice und ich, aber genau in dem Alter unseres Bruders Salih, also fünfzehn, als wir in die Nordstadt zogen. Mein Bruder Salih traf sich oft mit den Russen, sehr zum Leidwesen unserer Mutter, aber diese sagte genauso oft zu Hatice und mir: „Er ist fünfzehn, also was soll ich machen?“, so als ob sie sich bei uns für Salih entschuldigen müsste. Hatice sagte dann: „Er spielt nicht mit diesem Müll, Mama, dafür ist er zu alt.“
Ich hatte oft das Gefühl, dass jedes Gespräch bei uns doppelt geführt wurde.

In Block 2 wohnten die Deutschen, die laut meiner Mutter den saubersten Hinterhof der ganzen Nordstadt hatten, und die einzigen Mülltonnen, in denen sich der Müll in den Tonnen stapelte, statt davor. Aber ansonsten, so sagte meine Mutter, hätten die Deutschen nichts, worauf sie stolz sein könnten, denn ihre Kinder würden schon mit zwölf rauchen (auch die Mädchen, spätestens), und trinken täten sie sowieso alle, das Bier hätten die den kleinen Kindern schon in die Wiege gelegt. Hatice und ich spielten selten mit den deutschen Kindern, weil Hatice fand, dass die keinen Style hätten so wie wir, und dass die deutschen Jungs zu viele Pickel hätten. Die deutschen Männer sonnten sich an jedem schönen Tag in der Balkonsonne und ließen sich von ihren Frauen, so sagte Salih, alles gefallen.

Eine Zeit lang war ich mit einer Deutschen aus Block 2 befreundet, die Jennifer hieß und alles durfte, was ich nicht durfte. Wir gingen zusammen in eine Klasse der Grundschule und saßen eine Zeit lang nebeneinander, bis Jennifers Mutter das Sorgerecht für Jennifer entzogen wurde und sie zu ihrem Vater zog, der nicht in der Nordstadt wohnte. Jennifer war nach Vera meine erste deutsche Freundin, und sie hatte, genau wie ich, keine Treppen in der Wohnung, obwohl sie Deutsche war. Ich beschloss, irgendwann später einmal darüber nachzudenken.
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