Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Multiversum

von claudrick
Kurzbeschreibung
GeschichteSci-Fi / P12 / Gen
Curtis Newton / Captain Future Joan Landor
03.11.2013
24.11.2013
4
10.446
1
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
03.11.2013 3.467
 
Das Haus der Newtons erwies sich als reizende, kleine Villa mit weiß gestrichener Holzveranda vor der Haustür, akkurat getrimmtem Rasen, blühenden Sträuchern im gepflegten Vorgarten und einer Garage daneben, hinter der sich noch ein Garten erstreckte, den man von der Straße aus nicht einsehen konnte.

Um kein unnötiges Aufsehen zu erregen, trug Curtis ein unauffälliges graues Sakko zu Jeanshosen, den Professor in einer Aktentasche an seiner Seite, aus der nur dessen Stielaugen herausrag-ten, und sah damit aus, wie so viele andere Lehrkräfte, die nicht nur in Princeton arbeiteten sondern auch hier wohnten. Neben dem Haus der Newtons erstreckte sich ein weitläufiger Park, und Curtis nahm gerade auf einer der öffentlichen Sitzbänke Platz, um mit Simon ihr weiteres Vorgehen zu besprechen, als sich die Haustür der Newtons öffnete und eine Stimme zu hören war.

„Ich will von dieser Theorie nichts mehr hören, Junge. Sprich mich erst wieder darauf an, wenn du Beweise hast!“

Curtis auf der Parkbank erstarrte. Denn obwohl die Person, die gesprochen hatte, nicht zu sehen war, wusste er sofort: Das war die Stimme seines Vaters. Auch Simon reckte neugierig die Stielaugen aus der Aktentasche, um alles mitzukriegen. Ohne es selbst zu merken, war Curtis mit zittrigen Knien aufgestanden und starrte gebannt auf die offen stehende Haustür der Newtons. Schließlich betrat ein Mann die Veranda, mit graumeliertem, rötlichem Haar, dünnrandiger, silbriger Brille und einem Hut, der schon bessere Tage gesehen hatte. Verstohlen blickte er sich um, griff dann in seine Brusttasche und wollte sich eben eine Zigarette anzünden, als sein Sohn ebenfalls auf die Veranda trat, woraufhin der alte Newton prompt einen Hustenanfall bekam. Curtis auf der Parkbank schlotterten die Knie, als er sich selbst erblickte. Was für ein bizarres, unbeschreibliches Gefühl! Das Herz schlug ihm bis zum Hals und sein Blut rauschte ihm so laut in seinen Ohren, dass er für einen Moment nicht sicher war, ob er nicht gerade einen dieser irritierend realistischen Träume hatte, die einen in diesem rätselhaften Zustand zwischen Schlaf und Wachsein heimsuchten.

„Wie alt du geworden bist, Roger...“, brachte Simons ungläubige Stimme Curtis in das Hier und Jetzt zurück.
Als Curtis auf der Veranda bemerkte, dass sein Vater versucht hatte, heimlich zu rauchen, nahm er ihm die Zigarette wortlos ab, brach sie entzwei und warf sie in einen dornigen Rosenstrauch.

„Was fällt dir ein?“, empörte sich der alte Newton, allerdings ein bisschen kleinlaut. Und ins Haus gewandt: „Elaine! Hast du gesehen, wie respektlos der Bengel mit seinem alten Herrn umgeht?“

„Sie hätte das gleiche getan!“, sagte Curtis über seine Schulter hinweg und ging eiligen Schrittes über den Rasen zu dem vor der Garage geparkten Air-Car. „Und jetzt hör auf, mit mir zu streiten und steig endlich ein. Wir kommen noch zu spät!“

„Ich weiß nicht, warum, aber irgendwie scheinen mir alle in diesem Haus Vorschriften machen zu wollen.“ Roger Newton schloss die Haustür ein bisschen lauter als nötig und ging vor sich hin murrend ebenfalls auf das Air-Car zu, wo Curtis schon ungeduldig auf ihr wartete.

„Kein Mensch will dir Vorschriften machen, Dad“, entgegnete Curtis geduldig. „Mum ist nur eine gewissenhafte Ehefrau, die es gut mit dir meint“.

„Ha! Heirate du erst mal das Mädel da hinten im Garten, bevor du solche Weisheiten von dir gibst! Und jetzt lass uns endlich losfahren“.

Das Newtonsche Air-Car brauste los, vorbei an Future, der seinen Kopf tief in der Aktentasche versenkte, um nicht erkannt zu werden.

„Du siehst ganz schön blass aus, Junge!“, stellte Simon in der Aktentasche bei dieser Gelegenheit fest. Curtis hob den Kopf und ließ den Professor aus der Tasche.

„Ich kann das gleiche zwar nicht von dir sagen, aber ich denke, es geht dir nicht besser als mir. Was für eine Situation!“

„Ja, in der Tat faszinierend... Roger ist ein alter Mann! Und wenn ich es mir recht überlege, siehst du jetzt genauso aus wie er, als wir damals...“

Der Professor wurde unterbrochen von einem anderen Air-Car, das mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit die Straße herunterkam, abrupt bremste und den verbliebenen Schub nutzte, um mit einer Schleuderdrehung exakt in die Einfahrt der Newtons einzuparken. Das Triebwerk verstummte, und für einen kurzen Moment war noch laute Musik im Inneren des Wagens zu hören, bevor auch diese jäh erstarb.
Ein Mann stieg auf der Beifahrerseite aus, und als Curtis sein Gesicht erkannte, hätte es ihn tatsächlich fast umgehauen: Vul Kuolun!

„Bei allen Marsgöttern, Nurara! Verfolgt uns jemand, oder warum rast du so? Du solltest den Antrieb doch die ersten 100.000 Kilometer nicht überstrapazieren!“

Die Tür auf der Fahrerseite öffnete sich, und zwei lange, schlanke Beine auf hohen Absätzen wurden sichtbar.

„Und kannst du mir mal verraten, was du an diesem tiefer gelegten Sportwagen findest? Nach dem Einsteigen saß ich so niedrig, dass mir der Hund der Nachbarn ins Gesicht starren konnte! Und jetzt komme ich hier fast nicht mehr raus, ohne dass...“

Kuolun seufzte, ging um den Wagen herum und half Nurara beim Aussteigen.
„Süße, was du da anhast, hat die Bezeichnung Rock ja auch schon nicht mehr verdient. Das ist allenfalls ein breiter Gürtel.“

„Ach, halt die Klappe...“, schnappte die Marsianerin zurück und knallte die Wagentür mit Schwung zu, was Kuolun mit einem Blick quittierte, als habe er körperliche Schmerzen.

„Nurara, das ist ein limitiertes Exemplar! Davon wurden überhaupt nur hundert Stück gebaut, also etwas mehr Feingefühl, wenn ich bitten darf“.

Der Anblick der beiden versetzte Curtis sofort in höchste Alarmbereitschaft, auch wenn ihm ihr Auftreten ein bisschen ungewöhnlich erschien. Er wusste, dass seine Mutter noch in dem Haus sein musste, und ihm Garten saß auch noch jemand...

„Simon, wir müssen etwas tun!“, stieß Curtis aus, packte die Aktentasche und wollte losstürmen.

„Curtis, bleib sofort stehen!“, versuchte Simon den Captain aufzuhalten. „Du darfst auf gar keinen Fall eingreifen!“

„Aber Simon“, entgegnete Curt atemlos. „Wir können doch nicht tatenlos zusehen, wie die beiden schlimmsten Verbrecher der Galaxis hier eindringen und...“

„Aber vielleicht sind die beiden hier keine Verbrecher!“, gab der Professor zu bedenken, was Curt nun doch veranlasst, seine Schritte zu verlangsamen.

„Du meinst, weil es kein Mondlabor gibt...“. Curtis blieb stehen und überlegte kurz. „Simon, wenn das stimmt, was du sagst, dann muss ich erst recht wissen, was die beiden hier wollen. Lass uns nur einen Blick riskieren“.

„Einen Blick riskieren...“, entgegnete der Professor ironisch. „Als hättest du es jemals damit bewenden lassen...“

Future konnte sich angesichts dieser Bemerkung selbst ein Grinsen nicht verkneifen, das jedoch urplötzlich wieder erstarb, als ihm bewusst wurde, dass Kuolun und Nurara nicht mehr zu sehen waren. Eine Tür an der Hinterwand der Newtonschen Garage, die in den hinteren Garten führte, stand jedoch offen. Leisen Schrittes ging Curt darauf zu und warf einen vorsichtigen Blick in den Garten. Ein Teich war hier angelegt, der unmittelbar an eine Terrasse grenzte, auf der eine Hollywood-Schaukel stand. Zwei Beinpaare waren zu erkennen, wovon eines Nurara gehörte, wie an den hochhackigen Schuhen zweifelsfrei zu erkennen war. Mehr war nicht zu sehen, weil eine große Topfpflanze den Blick versperrte. Zudem hörte er die Stimmen und das Lachen von zwei Frauen. Vorsichtig von einem Strauch zum nächsten Baum schleichend näherte sich Curt vorsichtig der Terrasse und erlebte eine weitere Überraschung. Neben Nurara saß Joan.
Für einen Moment setzte sein Verstand aus, dann kam ihm als Erstes wieder Joans Satz aus seinem Traum in den Sinn: ‚Das Leben mag uns trennen, aber das Universum hat uns für immer miteinander verbunden’. Hiermit sah er diesen Satz bestätigt.

„...New York fehlt mir schon ein bisschen“, hörte er Joan gerade sagen.

„Dann komm doch einfach mal wieder auf ein Wochenende rüber. Dann lassen wir Vuls Kreditkarten glühen!“

„Eigentlich meinte ich den Job, als ich von New York sprach...“

„Ach...“, winkte Nurara ab. „Erst letzte Woche wurde ich zu einem Mordfall gerufen, bei dem ein durchgeknallter Wall Street Broker seine Liebste in Streifen geschnitten hatte, nur um klarzustellen, wem die Fernbedienung gehört. Also, genieße deine Auszeit, Süße“.

„Es wäre sowieso ein bisschen umständlich...“, antwortete Joan. „Ich meine, mit dem Baby...“

Curt zuckte zusammen und bemerkte etwas, was er zunächst überhaupt nicht wahrgenommen hatte. Auf einer Decke vor der Hollywoodschaukel saß ein Baby, das eifrig einen bunten Bauklotz nach dem anderen in den Mund steckte und besabberte. Als habe es bemerkt, dass von ihm gesprochen wurde, hob es den Kopf, krabbelte auf die beiden Frauen zu und versuchte sich – offensichtlich angezogen von den glitzernden Brillantschnallen an den Schuhen – an Nuraras Bein hochzuziehen. Die Marsianerin beobachtete dies mit hochgezogenen Augenbrauen und blickte Joan hilfesuchend an.

„Sie will auf deinen Schoß“, sagte Joan amüsiert. „Nimm sie ruhig“.

Nurara holte Luft, hob das Baby hoch und betrachtete es, weder mit besonderem Interesse noch mit Ablehnung. Eher mit einer gewissen Ratlosigkeit gab sie das Kind schließlich an seine Mutter weiter.

„Wirklich sehr niedlich“, stellte Nurara artig fest.

„Was ist mit dir und Vul? Wollt ihr keine Kinder?“

Beinahe wäre Nurara spontan in schallendes Gelächter ausgebrochen, als ihr klar wurde, dass Joan diese Frage ernst gemeint hatte.

„Wenn es nach meiner Schweigermutter ginge schon. Bevor wir nach der Hochzeit verreisten, hatte sie doch glatt Vuls gesamte wissenschaftliche Literatur wieder aus seinem Gepäck heraus geschmuggelt. Wahrscheinlich wollte sie, dass ich die gesamten Flitterwochen nur die Decke unseres Apartments zu sehen kriege...“

Obwohl es so ähnlich gewesen war. Nuraras Blick bekam für einen kurzen Moment einen verträumten Ausdruck, als sie sich daran erinnerte, wie sie und Vul sich mehr oder weniger auf jedem Möbelstück der Hochzeitssuite in Acapulco geliebt hatten...

„Curtis?“, riss Joans Stimme Nurara aus ihren Tagträumen. „Was machst du denn da? Hast du etwas vergessen?“

Future hatte nicht die Katze bemerkt, die sich ihm vertrauensselig genähert hatte und um seine Beine herumgeschmeichelt war. Erschrocken hatte er einen Schritt zur Seite gemacht und war dem armen Tier auf den Schwanz getreten, was dieses mit einem beleidigten Fauchen quittierte und pfeil-schnell auf den nächsten Baum flitzte. Nun war er ertappt.

„Hey Joan...“, sagte er mit einem nervösen Lächeln und trat näher.

„Sieh an, sieh an“, schnurrte Nurara, stand auf und schmatzte ihm rechts und links einen Kuss auf die Wange. „Ich habe gehört, Princeton hat mal wieder einen Anwärter auf den Nobelpreis hervorgebracht. Du kennst ihn nicht zufällig?“

„Nun ja...“, antwortete Curtis vorsichtig, um nur nichts Falsches zu sagen.

„Nun tu mal nicht so bescheiden, du Streber“, feixte Nurara. „Die Jungs aus Stockholm rücken ja wohl nicht ohne Grund hier an, oder?“

„Da hast du wohl recht...“, entgegnete Curtis unverbindlich.

Nurara schüttelte über sein seltsames Verhalten leicht irritiert den Kopf. „Bist wohl ein bisschen nervös, was?“

„Was machst du eigentlich noch hier?“, schaltete sich Joan wieder in die Unterhaltung ein. „Hast du dich etwa noch einmal umgezogen? Du solltest doch schon lange bei dem Treffen mit der schwedischen Abordnung sein!“

„Ja, natürlich... Ich wollte mich auch nur von dir... Von euch verabschieden“, antwortete Curtis und sah Joan mit dem Baby auf dem Schoß an.

„Das hast du doch schon“, entgegnete sie und lächelte ihn mit ihren hinreißenden Augen an.

„Heute habe ich das Gefühl, ich muss es noch einmal tun“, antwortete er, beugte sich zu ihr hinab und küsste sie. Dann ging er in die Knie, und betrachtete eingehend ‚sein’ Baby. Es hob die Ärmchen, legte ihm lachend die Patschhände an die Wangen und sagte „Daaaaaa“.
Curt musste schlucken. Ein eigenartiges Gefühl ergriff von ihm Besitz, das er so noch nicht gekannt hatte und das gleichzeitig schmerzte und beglückte. Ihm fehlten die Worte, und so hauchte er einfach einen Kuss auf den rötlichen Haarflaum des Babys, erhob sich, strich Joan noch einmal über die Wange und verließ den Garten.

„Junge, Junge...“, meinte Nurara und bließ die Backen auf. „Dein Guter ist ja ganz schön neben der Spur“.

Curt verließ den Garten zur anderen Seite und lehnte sich tief durchatmend an die Hauswand, sobald er außer Sichtweite war. Simons Stielaugen kamen aus der Aktentasche heraus und blickten ihn besorgt an.

„Alles in Ordnung, Curtis?“

„Alles bestens“, bestätigte dieser mit einem ungläubigen Lacher. „Ich kann es bloß nicht fassen! Nurara ist bei der Polizei! Welche Ironie! Und offensichtlich habe ich eine Tochter und bin für den Nobelpreis nominiert. Ganz schön viel an Offenbarungen für die letzten fünfzehn Minuten!“

Er hielt inne, als er bemerkte, dass Simon mit seinen Stielaugen ganz woanders hin sah. Curt wandte seinen Blick in dieselbe Richtung und stellte fest, dass sich auch an dieser Seite des Hauses eine Veranda befand, nur dass sie an dieser Stelle fast vollständig von dichten Jasminsträuchern verdeckt war. Er hörte ein Stuhlrücken, dann Schritte, die näher kamen. Ein Strauch teilte sich, und das Gesicht von Vul Kuolun erschien! Ohne darüber nachzudenken, trat Curt reflexartig einen Schritt zurück, und seine rechte Hand wollte zur nicht vorhandenen Waffe greifen. Kuolun sah ihn zwar ebenfalls überrascht an, jedoch keinesfalls bestürzt.

„Hey, Curt! Was machst du denn noch hier? Solltest du nicht schon lange im Institut sein? Hast wohl deine Rede vergessen, was?“ Kuolun blickte grinsend über seine Schulter. „Elaine, vielleicht wäre es besser, DU würdest deinem Sohn in Zukunft die Unterlagen zusammenpacken. Jetzt, da er in den Wissenschaftsolymp aufsteigt, kann er sich um solchen Kleinkram nicht mehr selbst kümmern!“

Bei der Nennung des Namens ‚Elaine’ bekam Curt wieder diese seltsamen Puddingknie, wie vorhin, als er zum ersten Mal die Stimme seines Vaters gehört hatte. Auf der Terrasse näherten sich Schritte, und neben Kuolun erschien das Gesicht einer älteren Lady. Die Sonne ließ schimmernde Reflexe auf ihrem halblangen, graublonden Haar tanzen, feine Linien durchzogen ihr sanftes Porzellangesicht, und ihre ausdrucksstarken blauen Augen schienen ihn nun nachsichtig und streng zugleich zu mustern.

„Alles in Ordnung, Curtis? Hast du noch etwas vergessen?“

Newton starrte seine Mutter an wie eine Erscheinung. Und ihm wurde schmerzhaft bewusst, dass sie genauso aussah, wie die Mutter in seinen Kindheitsträumen. Nie hätte er dieses Gesicht vergessen können!
„Nein... Mum“, antwortete Curtis, mühsam die Worte formend. Und ihm wurde bewusst, dass er das Wort ‚Mum’ noch niemals zuvor ausgesprochen hatte. „Ich wollte nur... Joan und die Kleine noch einmal sehen...“

„Entzückend!“, spottete Kuolun und grinste. „Wenn ich das zu Nurara sagen würde, würde sie glauben, ich betrüge sie oder habe sonst was angestellt. Ah... Entschuldigt mich für einen Moment, mein Kommunikator“. Er drehte sich auf dem Absatz um und verschwand im Inneren des Hauses. Elaine Newton lächelte ihren Sohn, der sie immer noch einigermaßen fassungslos ansah, liebevoll an.

„Ich weiß schon, was dir durch den Kopf geht, Curtis. Aber du solltest dir darüber nicht so viele Gedanken machen. Roger kommt schon darüber hinweg, dass du ihn überflügelt hast. Schon nach deiner Doktorarbeit hat sich doch abgezeichnet, dass er dir nichts mehr beibringen kann. Im Gegenteil, er musste sich daran gewöhnen, dass auf einmal du derjenige bist, der ihm die Welt erklärt. Und du weißt ja, wie sehr ihn Simons Tod damals aus der Bahn geworfen hat... Aber tief in seinem Inneren ist er sehr, sehr stolz auf dich. Genau wie ich auch. Und jetzt komm her.“

Irritiert trat Curtis einen Schritt nach vorn, Elaine beugte sich über das Geländer und hauchte einen Kuss auf seine Stirn. Für einen Augenblick wurde ihm schwindelig, aber er schob das auf den schweren, süßen Duft des Jasmins. In diesem Moment kam Kuolun auf die Terrasse zurück.

„Elaine, das war eine Nachricht aus der Redaktion, sie fragen, ob du deinen Artikel rechtzeitig für die Online-Ausgabe von „Science Inside“ nächsten Mittwoch fertig hast...“

Elaine verdrehte die Augen. „Jetzt sitzt mir wohl nicht mehr länger nur der Chefredakteur wegen des Redaktionsschlusses im Nacken sondern neuerdings sogar der Sohn des Herausgebers! Hat Viktor dich etwa geschickt, um zu sehen, wie weit ich bin? Als ob ich jemals zu spät geliefert hätte, Vul! Also, wirklich...“ Mit einem Seufzer wandte sie sich wieder an ihren Sohn. „Die Arbeit ruft, wie du hörst! Und dich ruft Stockholm! Zeig es ihnen!“

„Und vergiss nicht, dass du „Science Inside“ ein Exklusivinterview nach der Verleihung versprochen hast!“, fügte Vul noch hinzu, hob grüßend die Hand und verschwand dann wieder mit Elaine Newton im Haus.

Curtis blieb stehen und schaute den beiden hinterher, bis Professor Simon dann irgendwann aus der Aktentasche heraus schnarrte: „Lass uns gehen, Curt. Ich denke, wir haben genug gesehen und gehört“.

Wie ferngesteuert setzte sich Newton in Bewegung und machte sich mit dem Professor auf den Weg zurück zu ihrem Cosmoliner. Und zurück in ihr Universum.

***

Die gute Laune, die Curtis Newton nach der Rückkehr von seiner ersten Reise ins Multiversum verspürt hatte, blieb dieses Mal aus. Im Gegenteil, unmittelbar nach seiner Ankunft in der Mondbasis hatte er das dringende Bedürfnis verspürt, das unscheinbare Grab seiner Eltern am Rande des Tycho aufzusuchen. Der Gedanke, dass sie in einer anderen Welt munter und wohlauf waren, war zwar ungemein tröstlich, aber trotzdem schmerzte ihn ihre Abwesenheit im Hier und Jetzt mehr denn je. Und mehr als jemals zuvor hatte er das Gefühl, etwas Wichtiges und Substantielles in seinem Leben entbehren zu müssen.

Zurück in der Mondbasis fand er Grag und Otho im Hangar, wie sie gerade die Comet mit dem Saatgut für den Mars beluden. Undeutlich hörte Curt, dass die beiden schon wieder über irgendetwas uneins waren, und um der Zankerei aus dem Weg zu gehen, lenkte er seine Schritte lieber in Richtung Labor, anstatt ihnen zu helfen. Professor Simon befand sich ebenfalls dort. Falls die Reise ins Multiversum ihm ebenfalls irgendwie zu schaffen machte, war es wohl einfach seine Art, damit umzugehen, indem er sich sofort wieder seinen Aufgaben widmete, indem er die Arbeiten zu seinem marsianischen Weizenprojekt abschloss. Newton nahm auf einem der Laborhocker Platz und sah dem Professor schweigend zu, wie dieser die Ergebnisse seiner Forschungen für die Reise zum Mars auf einen Datenkristall übertrug.

„Alles in Ordnung, Curt?“, fragte Simon schließlich, wohl ahnend, dass es das nicht war.

„Ist schon eine verrückte Sache mit diesem Multiversum...“, wich Curtis einer Antwort aus, und sein Blick wanderte nachdenklich durch die Glasitkuppel des Labors. „Es kommt mir vor, als müsste ich in jeder Welt, in der ich bin, auf irgendetwas verzichten: Hier musste ich ohne Eltern aufwachsen und habe jetzt auch noch Joan verloren. In einem anderen Universum lebt Joan zwar noch, aber es gibt mich nicht mehr. Und wieder in einer anderen Welt, habe ich Joan an meiner Seite und meine Eltern, aber du, Simon, bist tot und Grag und Otho wurden nicht einmal erschaffen“.

„Tja...“, schnarrte Simon ein bisschen ratlos. „Ich denke, in jeder Welt gäbe es etwas, das besser ist als hier, und etwas, worauf wir getrost verzichten könnten. Vielleicht würde der Nobelpreisträger Newton ja lieber ein Leben als Weltraumabenteurer wie du führen. Ich glaube, es führt zu nichts, sich darüber den Kopf zu zerbrechen“.

„Weißt du, Simon...“ Curt sah seinen Mentor und Freund eindringlich an und zögerte einen Moment mit der Antwort. „Wenn ich aus unserer letzten Reise einen Schluss ziehen kann, dann den, dass ich mit einer Familie niemals der sein könnte, der ich bin. Ich würde verrückt werden vor Sorge um sie! Und ich müsste jedes Risiko abwägen, ob ich es mit Rücksicht auf eine Familie tatsächlich eingehen könnte... Aber ich muss gestehen, dass mir das Leben, wie ich es offenbar in einer anderen Welt lebe, auch gefallen könnte. Ein Leben ganz für die Wissenschaft, ohne Verbrechen und Gefahr, Joan an meiner Seite, meine Eltern, die mich unterstützen... Ein Kind...“

Simon ließ sich vor Curt auf dem Tisch nieder und sah ihn eindringlich an.
„Curtis, du bist noch jung. Es ist nicht zu spät für eine Familie, falls du ernsthaft den Wunsch danach verspüren solltest. Auf uns, mich, Grag und Otho, brauchst du in diesem Fall als letztes Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil, du kannst dir immer unserer Unterstützung sicher sein“.

Curtis schwieg nachdenklich. Eine Familie, ein Kind... Ein Gedanke, der irgendwie ins Leere führte, denn die einzige Frau, mit der er sich das auch nur ansatzweise hätte vorstellen können, weilte nicht mehr unter den Lebenden.
Das Signal einer ankommenden Nachricht zerriss die Stille, und das Siegel des Präsidenten des Sonnensystems erschien auf dem Monitor des Kommunikators. Professor Simon nahm die Nachricht entgegen und meldete sich. Das besorgte Gesicht von Präsident Cashew erschien.

„Professor Wright! Wie froh ich bin, Sie sofort zu erreichen! Es gibt ein dringliches Problem, und ich hoffe inständig, die Future-Mannschaft und Captain Future sind nicht anderweitig beschäftigt und somit verfügbar!“

Simon wandte sich zur Seite und sah Curtis fragend an. „Ist Captain Future verfügbar oder hat er Wichtigeres zu tun?“

Curt zögerte einen Moment mit der Antwort. Doch eigentlich gab es auf diese Frage nur eine Antwort: In diesem Universum hatte sich Captain Future der Bekämpfung von Unrecht und Verbrechen verschrieben. Alle Bewohner des Sonnensystems zählten auf ihn, wenn alles andere versagt hatte. Ja, in gewissem Sinne war er zu etwas wie „der letzten Instanz“ geworden. Und nein, eine Familie würde nicht in dieses Schema passen. Nicht ohne ständige Ängste und Sorgen. Er würde sich mit dem Gedanken abfinden müssen, dass er in einem anderen Universum Ehemann und Vater war.

„Natürlich bin ich verfügbar, Mr. President. Um was geht es diesmal?“

ENDE
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast