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Multiversum

von claudrick
Kurzbeschreibung
GeschichteSci-Fi / P12 / Gen
Curtis Newton / Captain Future Joan Landor
03.11.2013
24.11.2013
4
10.446
1
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03.11.2013 1.906
 
Curt drehte sich auf die Seite. Da lag sie. Direkt neben ihm. Er brauchte nur die Hand auszu-strecken, um sie zu berühren. Der stetig wiederkehrende Traum.
Doch dieses Mal war etwas anders. Hatte er sie sonst nur sehen können wie auf einem Monitor ohne Ton, so konnte er dieses Mal die Wärme spüren, die von ihrem Körper ausging, und ihren ruhi-gen Atem, der kühl seine Schulter streifte. Wie in einem Film, den man tausendmal gesehen hat, wusste Curtis, dass sie gleich die Augen öffnen und ihn ansehen würde. Mit der Befürchtung, sein schöner Traum könnte wie immer an dieser Stelle enden, beugte Curt sich vor, schloss die Augen und streifte mit den Lippen Joans Wange. Spürte weiche warme Haut, hörte an seinem Ohr den wohligen Seufzer, mit dem Joan erwachte und fühlte ihre nackten Arme, die sich um ihn legten. Er hob den Kopf und sah ihr in die Augen. Ganz gleichgültig, wie viele Meere, Seen und Himmel er noch bereisen würde, dieses unvergleichliche Blau würde er kein zweites Mal wiederfinden!

„Warum bist du so traurig?“, fragte Joan und legte eine Hand an seine Wange. Den Klang von Joans Stimme hatte ihm sein Traum bisher immer verwehrt, umso mehr überraschte es ihn, als er seine eigene Stimme vernahm, als er antwortete.

„Weil ich dich hier in Atlantic City zum letzten Mal sehe, bevor... bevor du nach Kharis auf-brichst. Und ich glaube, ich hätte etwas tun können, um das zu verhindern“.

Joan lächelte, hob den Kopf und küsste ihn sanft. „Hier zu heiraten, hätte nichts geändert Curtis. Meine Zeit in diesem Universum war einfach zu Ende, und es gibt nichts, was du dagegen hättest tun können“.
Diese Erkenntnis, so bitter sie einerseits war, verschaffte ihm andererseits doch so etwas wie Erleichterung, hatte er sich doch auf gewisse Weise mitverantwortlich für Joans Tod gefühlt.

„Aber du fehlst mir so sehr“, wandte Curtis ein und legte seinen Kopf auf ihre Brust, lauschte ihrem Herzschlag und fühlte eine angenehme Müdigkeit über sich kommen.

„Das Leben mag uns trennen, Curtis“, hörte er Joan noch sagen, schon wie aus weiter Ferne, „Aber das Universum hat uns für immer miteinander verbunden“.

***

Grag war glücklich. Mit einem breiten Grinsen im metallenen Gesicht betrachtete er seinen Cap-tain, wie dieser in der kleinen Küche der Basis das Frühstück aus Toast, Speck und Eiern, dass der Roboter für ihn zubereitet hatte, mit sichtlichem Wohlbefinden verspeiste. Er schien so gut gelaunt und zufrieden wie seit Langem nicht mehr.

„Hey, Chef! Noch Kaffee?“, fragte Otho, der ebenfalls mit am Tisch saß und sein optisch deut-lich weniger appetitliches Frühstück aus einer undefinierbaren Nährlösung einnahm. Auf Curts zu-stimmendes Nicken hin wollte er schon eifrig aufspringen, doch Grag drückte Otho mit eiserner Faust wieder auf dessen Stuhl zurück.

„Das mach ich schon“, knurrte der Roboter drohend, als handele es sich um eine Aufgabe, die nur er richtig erledigen konnte. „Für Curts leibliches Wohl bin nun einmal ich zuständig!“

„Ach, du...“, Den üblen Fluch, der Otho auf der Zunge lag, schluckte er angesichts der endlich wieder erwachten Lebensgeister von Curtis Newton hinunter. „Ich dreh dir nur eine deiner Sicherun-gen raus, und du kannst nur noch hilflos herumzappeln wie ein zerlegtes Spielzeug!“, konnte er sich dann aber doch nicht verkneifen.
Curtis lehnte sich mit hinter dem Kopf verschränkten Händen zurück und verfolgte mit einem amüsierten Grinsen die Kabbeleien der beiden. Was ihn sonst nach einer Weile genervt hatte, heiterte ihn nun richtiggehend auf. Als er allerdings bemerkte, dass Grag nach der Bratpfanne griff, um sich an Otho für dessen abwertende Bemerkung zu rächen, musste er wohl doch eingreifen.

„Auch wenn mein Vater und Professor Simon unseren guten Otho so konstruiert haben, dass ihm so ein Schlag höchstens vorübergehend den Kopf etwas deformiert, solltest du die Bratpfanne verschonen, Grag. Sonst müsste ich vielleicht noch in Zukunft auf dein leckeres Rührei verzichten“.

Damit stand er gut gelaunt auf und verließ die Küche. Otho schaute dem Captain verblüfft hin-terher, jedoch weniger wegen des Schlages, von dem er verschont geblieben war, sondern wegen Curts letzter Bemerkung. Dass er seinen Vater so völlig entspannt quasi in einem Nebensatz erwähn-te, war bisher nicht vorgekommen. Die Nennung der Namen von Roger Newton oder dessen Frau Elaine waren bislang mit soviel Bitterkeit und trauriger Erinnerung verbunden gewesen, dass Curt – und auch die anderen Mitglieder der Future-Mannschaft – sie tunlichst vermieden hatten.

„Der Chef ist verdammt gut drauf, seit er von diesem Trip zurück ist“, stellte Otho tonlos fest.

„Das klingt so komisch, wie du das sagst“, bemerkte Grag mürrisch. „Freust du dich etwa nicht für ihn?“

„Doch, schon“, erwiderte Otho und blickte seinen metallenen Kumpel fast ein bisschen beklommen an. „Aber mich beschleicht das Gefühl, Curt lässt es nicht bei diesem einen Trip bewenden“.

„Hey, Simon! Wie kommst du mit dem marsianischen Weizen voran?“
Der Professor, einmal mehr völlig vertieft in seine Studien, geriet vor Schreck über die unerwar-tete Anrede etwas ins Trudeln, fing sich aber gleich wieder.

„Curtis... Danke, ganz gut. Ich werde noch diese Woche Otho mit ein Paar Probepflanzen auf den Mars zur dortigen Botanischen Gesellschaft schicken... Wie ich sehe, hast du dich wieder gut erholt. Du warst ein bisschen wackelig auf den Beinen, als du wieder hier in der Basis eingetroffen bist“.

„Ja, das stimmt“, bestätigte Newton und ließ sich entspannt auf einen der Laborhocker fallen. „Aber jetzt geht es mit wieder gut. Und um genau zu sein...“, er beugte sich vor und blickte dem Pro-fessor in die Stielaugen, „geht es mir so gut, wie noch niemals zuvor. Es kommt mir vor, als hätte ich eines der Mysterien des Universums gelüftet! Ich habe das Gefühl, es gibt nichts mehr, wovor es sich zu fürchten gäbe. Der Tod hat keinen Schrecken mehr, weder der eigene, noch der Anderer. Ist das nicht fantastisch?“
Der Professor blickte Curtis aufmerksam an. Diese Euphorie, seit dieser aus dem mehrdimensi-onalen Raum zurück gekehrt war, erschien ihm ein wenig suspekt.

„Ja, das ist wirklich fantastisch...“, entgegnete Simon schließlich. „Fantastisch, dass du aus dieser haarsträubenden Situation wieder heil heraus gekommen bist! Das hätte auch anders ausgehen können. Du kannst von Glück reden, dass die Joan, die du angetroffen hast, offenbar eine derart gefestigte Persönlichkeit ist, dass sie nicht gleich... Curtis! Hörst du mir eigentlich zu?“

Newton starrte abwesend aus der Glasitkuppel des Labors hinaus in den schwarzen Mondhim-mel und schien schon wieder neue Pläne zu schmieden.

„Curtis!“ Die strenge Stimme von Professor Simon ließ ihn wieder in die Gegenwart zurück kehren.

„Simon, warum begleitest du mich nicht einfach?“, fragte Curt den Professor ohne auf dessen Bemerkung einzugehen.

„Wohin denn, um Himmels Willen...? Curtis, du hast doch nicht etwa vor, noch einmal...

„Doch!“, rief Newton mit Begeisterung aus und sprang vom Laborhocker auf. „Simon, ich habe meine Eltern nie kennen gelernt, und jetzt habe ich die Möglichkeit dazu! Sollte ich sie etwa nicht nut-zen?“
Hätte Simon noch Beine gehabt, hätten sie ihm jetzt wohl versagt. Fast den gleichen Eindruck erweckte sein Anblick aber nun, als er sich schwankend auf dem Labortisch niederließ. Für einen Moment fehlten ihm die Worte, und als er sie endlich fand, kamen sie nur spröde knisternd über sei-nen Sprachmodulator.

„Curtis... Das solltest du nicht tun...“
Newton hatte mit so einer Reaktion gerechnet, war aber fest entschlossen, sich nicht von sei-nem Vorhaben abbringen zu lassen.

„Warum nicht?“, fragte er mit mühsam kontrollierter Stimme und fühlte sich zwangsläufig an die vielen angespannten Diskussionen erinnert, die er als Jugendlicher mit Simon geführt hatte. Doch er war schon lange kein Teenager mehr... Simon richtete seine Linsenaugen auf Curt, was einem ein-dringlich Blick mehr als nahe kam.

„Curt... Nach Joan zu suchen war Eines, aber... Du kennst die Umstände, durch die deine Eltern ums Leben gekommen sind, so gut wie ich. Lass sie ruhen und beschwöre nicht Dinge herauf, die vielleicht nicht mehr zu kontrollieren sind.“
Curtis atmete tief durch und blickte wieder zur Laborkuppel hinaus. Er legte großen Wert auf Simons Meinung und dessen Argumente wogen schwer, dass war ihm nur allzu bewusst. Doch sein Entschluss stand bereits fest: Er würde gehen, mit oder ohne Simon.

***

„Mein Güte, Curtis! Sieh dir das nur an!“
Professor Simon, respektive sein Gehirn, hatten sich wohl deutlich schneller vom Hyperraum-flug erholt als Newton. Dieser schaffte es kaum, die Augen zu öffnen, geschweige denn eine Antwort hervorzubringen, die mehr war als ein Lallen. „Das ist unglaublich...“
Simons verblüffte Ausrufe aktivierten endlich das Adrenalin in Curts Körper und beschleunigten seine Erholung.

„Was ist denn so unglaublich?“, fragte er träge und versuchte mit noch immer verschwomme-nem Blick zu erkennen, was er das vor sich sah. „Haben wir den Mond noch gar nicht verlassen?“

„Oh doch, mein Junge. Wir stehen noch immer inmitten des Tycho“.

„Was???“ Nun war Curtis endgültig bei Sinnen. Doch was er sah, ließ ihn zweifeln, ob seine strapazierten Sinne ihm nicht doch eine Halluzination bescherten: Keine Mondbasis, kein Labor mit gläserner Kuppel, kein Flughangar. Das, was er sein Zuhause nannte, war weg. Bestürzt startete er den Cosmoliner und flog ihre bekannten Routen über die Mondoberfläche ab, mit keinem besseren Ergebnis.
Die Solarmodule, die sie mühsam im Malapert-Krater am lunaren Südpol errichtet hatten, waren verschwunden, ebenso ihre zwei Kommunikationssatelliten, die den Mond umkreisten. Auch das klei-ne Observatorium, dass sie wegen der besseren astronomischen Beobachtungsmöglichkeiten auf der Mondrückseite installiert hatten, war nicht mehr da. Es war äußerst irritierend, diese vertrauten Land-marken, immerhin Früchte jahrelanger Arbeit,  nicht vorzufinden. Außer den Reflektorspiegeln, die die Astronauten der Apollo-Missionen vor Hunderten von Jahren zurück gelassen hatten, konnten Simon und Curt nichts finden, was auf Leben auf dem Mond hindeutete.

„Das kann eigentlich nur bedeuten... dass Roger, Elaine und ich niemals auf den Mond ausge-wandert sind“, stellte der Professor fest, und es war seiner Stimme anzuhören, wie bewegt er war, bedeutete dies doch, dass der größte Teil seines Lebens hier völlig anders verlaufen war!

„Wir müssen auf die Erde!“, stellte Curt unverzüglich klar. „Nur dort erfahren wir etwas über dich und meine Eltern“.
Simons erster Impuls war, Curt zur Umkehr zu bewegen, doch er musste sich eingestehen, dass die verblüffende Situation, die sie hier vorgefunden hatten, auch ihn neugierig gemacht hatte. Und er fing an zu verstehen, warum Curtis soviel an dieser Reise lag...

***

Simon konnte sich erinnern, dass Elaine Newton von ihrer Mutter ein kleines Haus in Princeton geerbt hatte, in das sie eigentlich hatten einziehen wollen, als Curtis unterwegs war. Aber dann war ja alles ganz anders gekommen... Doch vielleicht konnte dies ein Anhaltspunkt sein. Beim Durchsuchen der öffentlichen Online-Verzeichnisse von Princeton stießen sie dann tatsächlich – unter mehreren Newtons - auf zwei schlichte, jedoch umso interessantere Einträge: ‚Newton C.’ und ‚Newton R. + E.’, beide jeweils versehen mit dem Zusatz ‚Institute for Advanced Study’. Simon war darüber nicht wirk-lich überrascht.

„Die Leitung der Fakultät für Naturwissenschaften war Roger schon angeboten worden, als vom Auswandern auf den Mond noch keine Rede war. Sieht so aus, als hätte er keine Veranlassung gese-hen, die Erde zu verlassen und hat den Posten doch angenommen und du... bist offensichtlich in sei-ne Fußstapfen getreten und unterrichtest ebenfalls“. Den letzten Satz sprach er mit der Zufriedenheit eines Vaters aus, der sich darüber freut, dass sein Sohn die gefährliche und mies bezahlte Laufbahn eines Abenteurers aufgegeben und sich für ein Leben in geordneten Bahnen im Dienste der Wissen-schaft entschieden hat.

„Tja... Wir sollten wohl auf alles gefasst sein“, stellte Curtis fest und startete den Cosmoliner für den Flug zur Erde nach Princeton/New Jersey.
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