Multiversum

von claudrick
GeschichteSci-Fi / P12
Curtis Newton / Captain Future Joan Landor
03.11.2013
24.11.2013
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03.11.2013 1.406
 
Der Regen prasselte heftig auf die Plastikschutzhüllen, die die in Parade gekleideten Polizisten über ihren Uniformen und Schildmützen trugen. Doch des tristen Wetters ungeachtet, lief die Zeremonie auf dem Planet Patrol Cemetry am Westufer des Hudson vorschriftsmäßig ab, gab es keine unvorhergesehen Zwischenfälle. Curtis Newton stand verborgen unter den ausladenden Zweigen einer Trauerweide und beobachtete das Geschehen von fern. Noch immer erschien ihm unfassbar, um nicht zu sagen unwirklich, was geschehen war, und er erwartete eigentlich noch immer, aus diesem Alptraum zu erwachen und endlich erlösende Erleichterung zu verspüren. Doch er wartete vergeblich. Das Bild von Ezella inmitten seiner Kameradinnen und Kameraden, der mit versteinerter Miene angestrengt ins Leere starrte, dabei salutierte und alle Schritte und Bewegungen der Zeremonie wie in Trance abspulte, würde sich für immer in Newtons Gedächtnis einbrennen.

Erst als alles vorbei war und der Friedhof wieder ganz verlassen lag, trat Curtis aus seiner Deckung hervor, ging langsam durch die Reihen der schlichten weißen Kreuze, bis er das frische Grab mit dem Blumengebinde und dem Banner der Planetenpolizei erreichte. Und erst jetzt, als er die eingemeißelten Buchstaben sah, in deren Vertiefungen sich die Regentropfen sammelten, um dann wie Tränen das steinerne Kreuz hinunter zu rinnen und schließlich die Blumen des Buketts aus weißen Lilien zu benetzen, musste er die bis zuletzt gehegte, absurde Hoffnung aufgeben und die grauenhafte Realität hinnehmen: Joan Landor war tot.

Wie lange er gleichsam starr vor Entsetzen vor ihrem Grab gestanden hatte, unfähig zu irgendeiner Regung, wusste Newton nicht, als er unvermittelt eine Hand auf seiner Schulter spürte, die ihn aus seiner Betäubung löste. Langsam drehte er sich um, und blickte in die betrübten Augen von Ezella Garnie. Unsagbare Trauer und Verzweiflung hatten die Furchen in seinem bleichen Gesicht noch vertieft und ließen ihn, gemessen an der Vitalität und Unerschütterlichkeit, die ihn noch bis vor kurzem ausgezeichnet hatten, alt und verbraucht aussehen. Vielleicht wollte er Curtis Newton ein paar tröstende Worte spenden, doch als ihre Blicke sich trafen, bebte Garnies Kinn bedenklich, und es war offensichtlich, wie sehr der Marshall in diesem Moment selbst des Trostes bedurfte. Und so legte Newton wortlos ebenfalls eine Hand auf die Schulter seines alten Freundes und trauerte schweigend mit ihm um die Frau, die ihnen beiden so viel bedeutet hatte. Dem einen die Tochter, die er nie gehabt hatte, dem anderen die zärtlich Geliebte.

„Es ging verdammt noch mal alles so schnell“, brach Garnie irgendwann mit rauer Stimme das Schweigen. „Dieses Mistvieh von Schlange war nicht größer als ein fetter Regenwurm und doch so giftig, dass... Joan bekam einen Krampfanfall, und ihre Atmung setzte aus. Ein passendes Anti-Serum war nicht schnell genug verfügbar, und so starb sie innerhalb einer Viertelstunde, ohne dass wir es hätten verhindern können“. Die Stimme versagte dem alten Haudegen, und er schämte sich nicht seiner feuchten Augen, als er Newton anblickte.

„Das Gift hatte eine so stark zersetzende Wirkung, dass ihre Leiche noch auf Kharis verbrannt werden musste. Joan kehrte als Häufchen Asche in einer Urne auf die Erde zurück. Und was die Sache in meinen Augen noch schlimmer macht, ist, dass Joan gemäß ihrem Dienstgrad gar nicht mehr verpflichtet gewesen wäre, an diesem Übungseinsatz teilzunehmen. Aber sie wollte es unbedingt“.

Curtis presste so heftig die Kiefer aufeinander, dass es schmerzte. Zum ersten Mal in seinem Leben verspürte er echte Hilflosigkeit. Hilflosigkeit gegenüber einem unbeugsamen Schicksal, dem selbst er sich geschlagen geben musste.

„Lassen Sie uns diesen traurigen Ort verlassen, Future“, schlug Ezella schließlich vor. „Wären wir ohne Zwischenfall nach Hause zurück gekehrt, säßen wir jetzt bei mir zu Hause vor dem Kamin und würden uns einen hinter die Binde kippen. Und genau das sollten wir jetzt tun. Sie kennen meine bestens bestückte Sammlung von Bourbon Whiskeys?“

***

Curt drehte sich auf die Seite. Da lag sie. Direkt neben ihm. Er brauchte nur die Hand auszustrecken, um sie zu berühren. Joan trug die aufregende schwarze Unterwäsche, die er ihr an dem Wochenende geschenkt hatte, das sie mit der Future-Mannschaft und Ezella Garnie in Atlantic City verbracht hatten. Angesichts der dort überall anzutreffenden frisch verheirateten, glücklichen Pärchen war er damals kurz davor gewesen, Joan ebenfalls zu bitten, seine Frau zu werden. Doch er hatte es nicht getan. Bereute er das jetzt? Und selbst wenn er es getan hätte, was hätte das schon geändert?
Wie jedes Mal in diesem stetig wiederkehrenden, bittersüßen Traum würde Joan erwachen, ihm einen verführerischen Blick aus halb geöffneten Augen schenken, und dann ihren sanften Mund öffnen, um etwas zu ihm zu sagen. Doch jedes Mal, bevor er die Stimme der Traumgestalt hören konnte, wachte er auf. Öffnete die Augen, sah das kühle, leere Bettlaken neben sich und fühlte sich augenblicklich so verkatert, wie an dem Morgen, nachdem er mit Ezella dessen Whiskey-Bestände dezimiert hatte.
Mühsam schleppte er sich ins Bad, und ein Blick in den Spiegel verriet ihm, dass er so aussah, wie er sich fühlte. Simon, Grag und Otho waren in den Wochen nach Joans Tod sehr nachsichtig mit ihm gewesen und hatten ihn weitestgehend in Ruhe gelassen. Doch er spürte, dass sie sich große Sorgen um ihn machten. Scherze und Albernheiten, die ihre gemeinsame Arbeit stets begleitet hatten, waren ihm momentan einfach nicht möglich, selbst Fachgespräche mit Simon über ein wissenschaftliches Thema fielen Curt schwer. In diesen Momenten fühlte er sich angesichts seiner Menschlichkeit schwach und verletzlich, verglichen mit seinen nichtmenschlichen Freunden, in deren Natur es schlicht lag, deutlich weniger mit diversen Emotionen belastet zu sein.
Mit einem Becher Kaffee in der Hand durchquerte Curtis die Mondbasis und steuerte das kleine Gewächshaus aus Glasit an, in dem sie etwas frisches Obst und Gemüse anbauten. Die Luft hier war warm und feucht, und es roch angenehm nach Erde. Zwischen den großen Blättern von Tomatenpflanzen schimmerte im Licht der UV-Lampen die metallene Hülle von Professor Simon, der unter einem Mikroskop ein paar Pflanzenproben begutachtete. Als er Curtis bemerkte, hob er die Linsenaugen und richtete sie auf den rothaarigen Captain.
„Curtis, schön dich zu sehen“, raspelte er mit seiner metallischen Stimme. „Sieh dir das nur an, unser Weizen hier gedeiht prächtig. Mit den Eigenschaften, die wir ihm zugefügt haben, dürfte der Getreideanbau in den marsianischen Kolonien gute Aussichten auf Erfolg haben“.
„Das ist fantastisch“, erwiderte Curtis und spürte zu seinem eigenen Bedauern, dass er keine echte Begeisterung für Simons botanische Versuche aufbringen konnte. Doch Simon Wright horchte trotzdem auf. Da schwang etwas in Curts Stimme mit, dass man als wieder aufkeimendes Interesse für irgendein, noch nicht definiertes Projekt deuten konnte.
„Simon“, fing Curtis an. „Ich habe in letzter Zeit oft an Harris Haynes gedacht, den genialen Wissenschaftler, den Vul Kuolun auf dem Gewissen hat und dem wir das Wissen um die Reise in den mehrdimensionalen Raum verdanken... Und an deinen früheren Freund und Kollegen der Quantenphysik, Dr. Baker, der behauptete, dass sich ein Mensch mehrfach in unzähligen Parallelwelten befinden kann. Leider starb Dr. Baker, bevor er seine Theorie beweisen konnte, aber angenommen er hatte recht, könnte man nicht daraus schließen, dass ein derart ‚vervielfältigter’ Mensch im Prinzip unsterblich ist?“
Die Quantenphysik war bekanntermaßen ein Steckenpferd des Professors, doch Curts seltsame Frage ließ ihn deutlich mit einer Antwort zögern.
„Korrigiere mich, wenn ich mich irre, Curtis, aber wäre es denkbar, dass deine Frage weder einen physikalischen noch philosophischen Hintergrund, sondern mit Joan Landor zu tun hat?“
Newton starrte wie ertappt in die Tiefen seines Kaffeebechers, als würde sich dort die Antwort auf diese Frage auftun.
„Du hast Recht“, antwortete er schlicht und blickte Simon nun aufrichtig an. „Anfangs dachte ich, ich komme mit dem Verlust schon irgendwie klar, die Zeit heilt alle Wunden. Aber das Gegenteil ist der Fall: Je mehr Zeit vergeht, desto mehr habe ich das Gefühl, Joan unbedingt noch einmal wieder sehen zu müssen, ihr bestimmte Dinge sagen zu müssen... Ich kann so einfach nicht weitermachen.“
Simon schwieg, und Curt befürchtete, der kühl kalkulierende Professor könne wahrscheinlich überhaupt nicht nachvollziehen, was ihn so bewegte und sein Vorhaben als die völlig irre Idee einer angeschlagenen Menschenseele abtun.
„Möglicherweise findest du ja tatsächlich eine Joan“, entgegnete Simon jedoch überraschenderweise und blickte Curtis forschend an. „Aber selbst, wenn diese Person ihr bis aufs Haar gleicht, wird das nicht die Joan sein, die du gekannt hast. Und möglicherweise könntest du dort auch auf ein völlig anderes Ich stoßen. Du könntest allein durch deine Anwesenheit in einem Paralleluniversum großes Unheil anrichten... Bist du dir darüber im Klaren?“
„Ja, das bin ich“, antwortete Curt mit fester Stimme ohne noch einmal nachdenken zu müssen. „Werdet ihr mir helfen?“
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