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Jenseits zweier Seelen

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Mystery / P16 / Gen
Jodie Holmes OC (Own Character)
03.11.2013
25.12.2015
2
7.145
1
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Dieses Kapitel
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03.11.2013 3.674
 
Kapitel Eins




Kurz vor der Weihnachtszeit des Jahres 1998 in einer amerikanischen Kleinstadt Bangor, im US-Bundestaat Maine, der an der nordöstlichen Ecke der kanadisch-amerikanischen Grenze liegt.

Am späten Abend schmückt die 8-jährige Jodie Holmes in dem sehr gemütlich eingerichteten Wohnzimmer mit einer Fröhlichkeit, die nur ein Kind haben kann, den gerade aufgestellten Weihnachtsbaum mit Lametta, was aus schmalen, dünnen, glitzernden Metallstreifen besteht. An den meisten Ästen hängen auch rote, goldene glänzende verschieden große Kugeln.

Um an den Ästen heranzukommen, die über ihrem Kopf liegen, muss Jodie auf Zehenspitzen stehen. Während sie so gut es geht das Lametta gut auf den Ästen verteilt, säubert ihre Mutter, Susan Holmes, die Küchenarbeitsfläche. Aus dem Küchenradio ertönt die von Mariah Carey gesungene Version von All I Want For Christmas Is You, was Jodie im Takt mitsingt.

Jodies dunkelbraunes Haar fällt ihr bis auf die Schulter und hat dunkelbraune Augen. Sie hat ein dunkelrotes Langärmelshirt und eine hellblaue Jeans an. Ihre Socken sind rotgrün gestreift.

Nach dem Jodie das Lametta so gut es geht verteilt hat läuft sie zu ihrer Mutter herüber. „Darf ich noch ein bisschen Fernsehen gucken?“, fragt sie mit einem leichten Anflug an Müdigkeit. Wenn man als kleines Kind einen Weihnachtsbaum schmückt kann das schon ermüdend sein.

Ihre Mutter blickt kurz für einen Moment auf ihrer Armbanduhr, die sie um ihr linkes Armgelenk trägt. Es ist viertel vor neun Uhr. „Nicht mehr lange, Schätzchen.“
Ihre leichten Falten und Furchen im Gesicht, verraten dass Jodies Mutter in den Dreißigern zu sein. Dass dunkelbraune Haar von ihrer Mutter fällt ihr ebenfalls bis auf die Schultern und sie hat im Gegensatz zu ihrer Tochter blaugraue Augen. Unter der schwarzen Weste hat sie eine weiße Bluse und eine dunkelblaue Jeans. Im Gegensatz zu Jodie hat sie schwarze Hauschlappen an.

Die Küche hat weiße Boden- und Wandkacheln und hellbraune Hängeschränke und ein hellbrauner Tisch mit drei hellbraunen Stühlen. Am Wohnzimmer steht der weiße Kühlschrank.

Das Wohnzimmer hat helles Laminat und beige Wände und einen dunkelbraunen Absatz oberhalb des Bodens. Die vierer Couch ist dunkelbraun und steht einige Meter von der Schrankwand entfernt, in dem einige Bücher und dekorative Gläser stehen. An den Wänden hängen einige Familienfotos.

Der Weihnachtsbaum steht in der Ecke des Essbereichs in der auch der Kamin liegt in dem das rotorangene Feuer vor sich hin knistert, deren Flammen unheimliche Schatten an den Wänden werfen.

Mit einem breiten Lächeln läuft Jodie rüber zur Couch springt rauf und schaltet mit der schwarzen Fernbedienung den Fernseher, der in einer hellbraunen Schrankwand steht, ein. Ohne genau auf die Sender zu achten zappt das Mädchen durch die Sender. Bis einen altersgerechten Sender findet, legt sie die Fernbedienung neben sich auf die Couch, greift nachhinein zum pink-weißen Stoffhasen, der neben ihr auf der Couch liegt und mit beiden Händen fest an sich drückt. Jodie hat einen altersgerechten Sender gefunden auf dem lustige Trickfiguren mit dem charakteristischen Klängen tanzen.

Weil ihr Vater, Phillip Holmes, mit geöffneter Tür in seinem Büro, was im ersten Stock des Hauses liegt, arbeitet darf die Lautstärke des Fernsehers nicht allzu laut sein.

Im Erdgeschoss liegen der Flur und das Wohnzimmer mit der angrenzenden Küche. Von ihr aus führt eine Glastür in den Garten, der vollständig von der weißen Pracht verdeckt wird.

Während der Film über dem Bildschirm läuft, gähnt Jodie mehrere Male.
   „Schätzchen es ist schon spät. Du solltest ins Bett gehen.“
   „Okay, Mami.“, sagt Jodie ermüdet, schaltet den Fernseher mit der Fernbedienung aus krabbelt mit dem Stoffhasen in einer Hand von der Couch runter und läuft durchs Wohnzimmer, um in dem Flur die Holztreppe, die in dem ersten Stock führt, hochzulaufen.

Als Jodie in ihrem Zimmer gehen will, hört sie das charakteristische Klicken von Dads Tastatur. Dass er davon noch nicht wahnsinnig geworden ist wird für seiner Frau und Tochter ein Rätsel.

Jodie will mit einer Hand die Klinke von ihrer Zimmertür herunter drücken da schaut sie zu Vaters Büro rüber, welches in dem hintersten Zimmer liegt und gegenüber vom Badezimmer. Aus der offenen Tür strömt grelles Licht raus. Nach einem zögern und schweigend drückt Jodie die Klinke runter tritt über die Schwelle und schließt die Tür langsam hinter sich.

Wie Küche und Wohnzimmer ist auch ihr Zimmer sehr gemütlich eingerichtet worden. Dann müssen ihre Eltern sehr gutes Geld verdienen, um das so einrichten zu können. Entweder arbeiten sie für die Regierung, was als Beispiel die CIA oder das FBI wäre, oder fürs Militär.

Jodie läuft zum hellbraunen Schrank öffnet ihn und zieht ihren Pyjama an. Nach dem sie sich umgezogen hat verlässt sie ihr Zimmer und läuft zum Badezimmer rüber. Dabei lässt sie ihre Zimmertür offen.

Das Mädchen drückt die Klinke runter tritt über die Schwelle knipst das Licht an und schließt langsam die Tür hinter sich. Wie der ganze Rest des Hauses ist auch das Badezimmer sehr gemütlich eingerichtet worden. Die weiß glänzende Eckbadewanne, die weißen Wand- und Deckenkacheln und die dunkelblauen Fließen. Neben dem Wachbecken stehen drei weiße Schränke. Für jeden einen Schrank, was später noch praktisch sein kann, wenn Jodie in die Pubertät kommt und stundenlang vor dem Spiegel steht, um sich für irgendeine Party und Jungs fertig zu machen.

Um in dem Spiegel schauen zu können, muss Jodie den Hocker vors Waschbecken schieben und drauf steigen. Aus ihrem dunkelblauen Becher zieht das Mädchen eine pinke Zahnbürste, dreht den Wasserhahn auf und feuchtet die Bürsten an. Mit der freien Hand greift sie zur Zahnpaste drückt die Paste raus und drückt ein bisschen zu viel raus, so dass die Paste von den Bürstenrand herabfällt und im Waschbecken klebt. Nachhinein feuchtet sie die Bürste erneut an und putzt sich mit einem gelangweilten Blick die Zähne. Die abendliche Routine ist so spannend, aber was sein muss, muss sein.

Nach der Waschroutine verlässt die Kleine das Badezimmer und verschwindet in ihrem Zimmer.

Bevor sich das Mädchen in ihrem Bett einkuschelt, knipst sie ihr Deckenlicht aus. Jodie krabbelt ins Bett kuschelt sich samt Plüschhasen in die Bettdecke. Die unheimlichen Schatten, die von den Bäumen ins Zimmer geworfen werden, hinterlassen ein beängstigtes Erscheinungsbild. So als würde Jodie in einem Horrorfilm mitwirken. Da Jodie nicht die erste Nacht in ihrem Zimmer schläft, scheint sie dieses Erscheinungsbild gewohnt zu sein. Früher oder später können diese unheimlichen Schatten auf die Psyche schlagen.

Ihr unruhiges hin und her Wälzen in ihrer Tiefschlafphase symbolisiert, das sie einen sehr unruhigen Schlaf hat. Womöglich träumt sie einen Alptraum. Trotz ihrer Tiefschlafphase bemerkt sie, dass ihr Körper fröstelt und sich tiefer in ihrer Bettdecke kuschelt. Aber nicht, dass sich trotz der geschlossenen Fenster die Gardinen aufbäumen.


Während seine Tochter in der Tiefschlafphase ist, arbeitet Phillip Holmes weiterhin an seinen Dokumenten.

Wie bei seiner Frau verraten seine leichten Furchen und Falten im Gesicht, dass er ebenfalls in den Dreißigern ist. Im Gegensatz zu seiner Frau hat er dunkelblondes struppiges Haar und blaugraue Augen. Unter dem hellblauen Langärmelhemd trägt er zum Erwärmen ein weißes Langärmelshirt. Dazu trägt er eine dunkelblaue Jeans und schwarzweiße Sneakers.

Dass das schwache Mondlicht unheimliche Schatten ins Büro durch das Fenster wirft scheint er gar nicht wahrzunehmen, was ein Indiz dafür ist, dass er zu sehr in seine Arbeit vertieft ist.

Er reibt sich mit seinen Fingern die Müdigkeit aus den Augen und greift als Stärkung zu seiner Tasse, die neben der Tastatur steht und die Reste seines Kaffees trinkt.

Er speichert sein Dokument ab und will sich in seinem schwarzen Lederdrehstuhl zurücklehnen flackern auf einmal seine Schreibtischlampe, das Deckenlicht und der Bildschirm.

   „Was zum?“, sagt er entsetzt und blickt sich verwirrt in seinem Büro um, als die Lichter und der Bildschirm erloschen.

Ruckartig erhebt er sich und will runter in die Garage gehen. Mit der Annahme, dass eine Sicherung fast durchbrennt.

Wie in seinem Büro flackert das Deckenlicht im Flur. So gut es in seiner Macht steht, läuft er mit langsamen Tritten die Treppe runter. Und schiebt die weiße Holzkellertür auf. Seine rechte Hand hebt er zum Lichtschalter und knipst das Licht an. Das erhoffte grelle Deckenlicht erstrahlt nicht.

   „Na fantastisch.“, brummt er läuft blind zu dem Regal, was direkt an Tür steht und packt nach einer Taschenlampe, die er aktiviert.

Zum Schutz des grellen Lichts schließen sich seine Augenlider reflexartig. Mit dem Lichtkegel tritt er durch die erste Hälfte der Garage und bleibt vor dem Sicherungskasten stehen. Phillip klemmt die Taschenlampe unter seiner linken Achsel und öffnet den kleinen grauen Kasten mit beiden Händen. Nachhinein nimmt er die Taschenlampe in die rechte Hand und leuchtet mit dem Lichtkegel den Kasten ab und stellt fest, dass alle Sicherungen intakt sind. Mit einem Mal leuchtet das Deckenlicht auf und er deaktiviert die Taschenlampe und stellt sie ins Regal zurück.

   „Wird Zeit, dass ich ins Bett komme.“, murmelt er und geht hoch ins Schlafzimmer.


Während ihr Mann einige Tage später am Essenstisch seine Zeitung liest, bereitet Susan das Essen vor.

   „Schätzchen, das Essen ist gleich fertig. Kommst du bitte runter!“, ruft Susan hoch, während sie die Teller und das Besteck auf dem Tisch stellt.
Weder ein Ruf von ihrer Tochter oder die eiligen Schritte sind zu hören.
   „Was ist denn nur mir ihr los? Seit Tagen sitzt sie nur noch in ihrem Zimmer.“
   „Ihr geht’s gut.“, sagt er ohne den Blick von seiner Zeitung zu wenden.
   „Ist das etwa auch für dich normal, dass sie auch nicht mehr mit ihren Freunden draußen in dem Schnee spielt?“, sagt sie erbost und läuft nach oben.


Jodie sitzt an ihrem Schreibtisch und kritzelt mit einem schwarzen Bundstift irgendwelche Zeichnungen. Sie ist in den Kritzeleien so vertieft, dass sie gar nicht das gedämpfte Klopfen hinter ihr an der Holztür wahrnimmt. Obwohl sie darauf nicht eingeht, wird die Klinke herunter gedrückt und die Tür aufgeschoben.

   „Jodie, das Essen ist gleich fertig.“, sagt ihre Mutter als sie in der Schwelle steht
Ihre Tochter erwidert nichts und kritzelt an ihren Zeichnungen weiter.
   „Jodie?“, sagt ihre Mutter, während sie über die Schwelle tritt und die Tür hinter sich schließt.

Susan läuft zu ihrer einzigen Tochter und beugt sich neben ihr runter, um die Kritzeleien genauer zu betrachten, die bei Kindern alles Mögliche sein können. Bei Jodie kann Susan erkennen, das ein kleines Mädchen, das vermutliche Jodie darstellen soll, per Band mit einer geisterähnlichen Gestalt miteinander verbunden ist. „Sind das die Bilder, die du in deinen Träumen siehst?“

Auch darauf erwidert Jodie kein Wort. Nicht einmal ein Nicken, oder Schütteln erwidert das Mädchen.

   „Willst du nicht so langsam etwas essen?“

Ihre Tochter erwidert immer noch nichts.

Susan streicht ihrer Tochter durchs dunkelbraune Haar. Jodie zuckt daraufhin zusammen.

   „Schätzchen ich bin’s.“, sagt Susan sanft. Bevor Jodie den Grund ihres Kommens fragen will, fügt Susan sanft hinzu: „Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass das Essen fertig ist.“
   „Hab keinen Hunger.“, sagt Jodie ungewöhnlich für ein Kind mit gesenkter Stimme und ohne ihre Mutter anzublicken. Das ist wirklich ein Indiz dafür, dass dem Mädchen etwas bedrückt.
   „Ich hab auch dein Lieblingsessen gekocht.“ Als Zeichen, dass sie geliebt wird, drückt Susan ihrer Tochter einen Kuss auf die Schläfe.

Jodie erwidert nichts, während sie nach wie vor an ihrem Bild kritzelt.

Wortlos richtet sie sich ihr Mutter auf, verlässt ebenso schweigend das Kinderzimmer und schließt die Tür hinter sich.


Susan betritt die Küche und bemerkt, dass ihr Mann während sie bei Jodie war die Topfuntersetzer auf dem Tisch gelegt hat und die Töpfe auf ihnen. Ohne auf seine Frau und Kind zu warten, isst er während er seine Zeitung weiterliest.

Das zeigt eindeutig, dass Phillip teilnahmslos gegenüber seiner Familie ist. Kein Wunder ist er der dominante Part von Jodies Eltern. Da fragt man sich, wie sich ihre Eltern kennengelernt haben. Bestimmt ist Philipp vor der Hochzeit und Jodies Geburt ein völlig anderer Mensch gewesen. Jodies Wandlung hat jedenfalls nicht mit ihrem Vater zu tun.

Susan setzt sich gegenüber von ihrem Mann am Essenstisch und will sich gerade eine Kelle von den Spaghetti auf dem Teller legen, da halt das Öffnen von einer Tür und langsame Aufprälle von der Treppe durch das Haus. Offensichtlich hat es sich Jodie anders überlegt. Wie Kinder nun einmal sind wechseln sie ihre Meinung wie manche ihr Kuscheltiere. Jodie hat in einer Hand ihrem Plüschhasen setzt ihn auf dem Tisch ab, schiebt den Stuhl neben ihrer Mutter vom Tisch und setzt sich am Tisch.

Statt sich selbst den Teller voll zulege, legt Susan den Teller von ihrer Tochter halb voll und schüttet ihr eine sachte Ladung von der Tomatensauce auf den Spaghetti.

Auf den Spaghetti starrend nimmt Jodie die Gabel in die rechte Hand und stochert lustlos in den Spaghetti rum. Sie ist bestimmt nur runter gekommen, um ihren Eltern den Gefallen zu tun.

Als ihr Vater das teilnahmslose Verhalten seiner Tochter registriert, schlägt er mit seiner linken Handfläche auf die Tischplatte, während er mit erhobener Stimme ihren Namen ruft.

Seine Tochter schüttelt leicht ihren Kopf und starrt ihren Vater an. „Was?“, fragt sie verdutzt. Jodies verdutze Art erweckt den Anschein, dass sie ihr Umfeld gar nicht mehr registriert. So als befindet sich das Mädchen in ihrer eigenen Welt.
   „Erhebe deine Stimme nicht in ihrer Gegenwart.“, bittet Susan ihren Mann.
So als wäre sie nie Abwesend gewesen verschlingt sie ihr Lieblingsessen.
Ihre Eltern essen schweigend ihre Teller leer.


Nach dem die Familie gesättigt ist räumt Jodie zusammen mit ihrer Mutter den Tisch ab und hilft ihrer Mutter beim Abwasch. Wie so oft verzieht sich ihr Vater oben in seinem Büro.

Nach getaner Arbeit will Jodie nach ihrem Plüschhasen greifen, da geht ihre Mutter vor ihr in die Hand und nimmt Jodies Hand in die ihre. „Dad hat es vorhin nicht so gemeint.“
   „Ist schon okay, Mom.“, sagt sie und drückt ihren Plüschhasen an ihre Brust und läuft ohne weitere Worte nach oben verschwindet in ihrem Zimmer.

Um sich die Zeit zur Bettruhe zu verkürzen spielt Jodie mit ihren Bauklötzen und den Barbiepuppen.

Dass Jodie diese abweisende und distanzierte Art zur Schau zeigt, ist nicht normal für ein Kind in ihrem Alter. Besonders diese gekritzelten Zeichnungen, die so eine Art Bedeutung haben müssen. Nicht umsonst würde Jodie sie zeichnen.

Als das Mondlicht die Schattenwürfe von den Bäumen unheimlich ins Zimmer wirft zieht sich Jodie für den Schlaf um und krabbelt ins Bett, kuschelt sich in ihre Bettdecke ein und nimmt den Zeichenblock in die Hand, um einige Kritzeleien mit dem schwarzen Bundstift zu kritzeln.


Als Susan bemerkt, dass ihre Tochter befremdet nicht runter kommt, um paar Kekse oder sonstige Schleckereien zu stibitzen, läuft sie mit besorgter Miene in Jodies Zimmer und erfasst, dass Jodie mit den Block in den Händen eingeschlafen ist. Susan sinkt auf die Bettkante, um den Block aus ihren Händen zu lesen und genauer zu sehen, was ihre Tochter vor sich kritzelt.

   „Was ist nur mit dir los, Jodie.“, sagt sie mit gesorgter Stimme strich ihrer Tochter die wirren Haarsträhnen aus der Stirn. Susan legt den Block in die Schublade des Nachttisches, drückt ihrer Tochter einen Kuss auf der Stirn, legt den Plüschhasen in Jodies Arme und schiebt die Decke hoch bis zu ihren Schultern.
Nachhinein verlässt Susan das Kinderzimmer und schließt die Tür.


Während am nächsten Nachmittag Jodie an einem der Fenster im Klassenraum steht und ihre Schulkameraden bei der Schneeballschlacht beobachtet, wischt ihre Lehrerin Mrs. Morrison die weiße Magnettafel mit einem Schwamm ab. Jodie geht mit ihren acht Jahren in die dritte Jahrgangstufe in der örtlichen Grundschule. Mrs. Morrisons Klassegröße sind zwanzig Kinder. Sie hat die Stuhlordnung so eingerichtet dass in den fünf Sitzreihen fünf Kinder sitzen.

Aus der Fensterfront scheint das schwache Sonnenlicht rein. Über der Tafel hängt das Alphabet in schwarz fettgedruckte Druckbuchstaben, um so den Kindern leichter das Alphabet beizubringen. Zur rechten Wand hängen einige gezeichnete Bilder von den Kindern.

Mrs. Morrison hat ihr schulterlanges hellblondes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Für eine Blondine hat sie diese typischen blauen Augen. Die leicht erweiterten Pupillen und die leicht gezupften blonde Augenbrauen verleihen ihr ein liebliches Erscheinungsbild. Unter der schwarzen Anzugsweste hat sie eine weiße Bluse, die sie locker über die Hose hängen lässt. Passend dazu hat sie eine hellblaue Jeans und hellbraune Wildlederstiefel. Da auf ihrer Haut kaum Falten oder Furchen zu sehen sind, muss Mrs. Morrison ende Zwanzig sein. Trotz ihrem einigermaßen jungen Alter scheint sie bei den Kindern sehr beliebt zu sein.

   „Deine Mutter wird sicherlich gleich kommen.“, sagt sie sanft.

Offensichtlich hatte Mrs. Morrison mit Jodies Mutter einen Termin ausgemacht. Bei Jodies auffälliger abweisenden und distanzierten Wandlung würde sich jeder Sorgen machen. Gerade als Lehrerin kann man sich ein gutes Bild von den einzelnen Kindern machen.

Als Jodie etwas erwidern will ist auf dem Flur das gedämpfte Klicken von Stöckelschuhen zuhören. Jodie steigt vom Stuhl runter, auf dem sie gestanden hat um aus dem Fenster gucken zu können, und schnappt nach ihrem Rucksack und trägt ihn auf dem Rücken.

Weil die meisten Klassenzimmertüren mit einem Milchglas versetzt sind können Mrs. Morrison und Jodie sehen, dass Jodies Mutter den Klassenraum betreten will.
Mit einem strahlenden Lächeln läuft sie zu ihr rüber, als ihre Mutter die Klinke herunterdrückt, die Tür aufschwingt und über die Schwelle tritt.

Mrs. Holmes geht vor ihrer Tochter in die Hocke. „Kannst du im Wagen warten, Schätzchen?“
   „Okay Mami.“, sagt Jodie und läuft zum Wagen.
   „Entschuldigen Sie meine Verspätung.“, entschuldigt sich Mrs. Holmes, während sie die Klassentür schließt.
   „Das macht doch nichts.“, entgegnet Mrs. Morrison ruhig.

Beide Frauen setzten sich ans Pult.

   „Worüber ich mit Ihnen reden möchte ist sehr beunruhigend. Wie Sie es von zuhause aus wahrscheinlich schon erkannt haben, distanziert sich Jodie und ist sehr still geworden.“
   „Ich weiß auch nicht wovon es kommt. Wir wissen halt nur, dass sie seit einigen Tagen sehr unruhig schläft und sich distanziert. Sie sagt ja auch nichts. Das einzige was sie ausdrückt, sind diese Bilder.“

Wortlos zieht Mrs. Morrison an einer Schublade und legt das herausgezogene Bild heraus. Es ist ein ähnliches Bild, was Mrs. Holmes gestern bei ihrer Tochter gesehen hat. Nur das über diesem Gespenst, was es auch sein mag, den Namen Aiden gekritzelt wurde.

   „Ich habe sie gefragt, wer dieser Aiden ist, aber sie hat mir keine Antwort gegeben. Wissen Sie vielleicht, wer es sein kann?“, fragt Mrs. Morrison besorgt.
Kopfschüttelt antwortet sie dabei: „Leider auch nicht.“
   „Weil mein Bruder Psychologe ist, hab ich mit ihm darüber gesprochen. Und vielleicht spricht Jodie mit ihm, weswegen sie sich verändert und wer dieser Aiden ist.“ Mrs. Morrison kramt aus der Schublade eine Visitenkarte raus und überreicht sie Mrs. Holmes.
   „Adrian Morrison. Kinderpsychologe.“, sagt Mrs. Holmes.

Auf der weißen Visitenkarte stehen in klein gedruckten Buchstaben der Name, die Telefonnummer und die Adresse.

   „Das hört sich zuerst schlimm an, aber er kann Jodie wirklich helfen. Wenn Sie möchten kann ich Jodie bei der ersten Sitzung begleiten.“
   „Mit diesem Vorschlag haben Sie uns geholfen.“
   „Falls Sie Fragen haben, dann können Sie mich anrufen.“
   „Danke Mrs. Morrison.“, sagt Mrs. Holmes und beide Frauen geben sich die Hände.

Mrs. Holmes verlässt das Schulgebäude und läuft zu einem dunkelgrauen Range Rover, in dem Jodie mit eingeschalteten Radio auf dem Beifahrersitz sitzt. Wortlos steigt ihre Mutter ein startet den Wagen und fährt los.


Weil der Himmel von einer grauen Wolkendecke verdeckt wird und der Schnee langsam rieselt, sieht es draußen aus als wäre es schon später Abend. Wobei es gerade mal etwa sechs Uhr abends ist. Nach dem die Familie beim Abendessen ist, ist Jodie das gewohnte lebhafte Kind. So als wäre nie etwas mit ihr geschehen und hätte keine Veränderung durchlebt. Das merken ihre Eltern daran, dass Jodie mit den Erbsen auf dem Teller rumspielt.

   „Jodie würdest du bitte aufhören mit den Erbsen rumzuspielen?“, bittet Phillip seine Tochter ungewöhnlich im ruhigen Tonfall.
   „Ich mag aber keine Erbsen.“, plädiert seine Tochter.
   „Ist aber noch kein Grund mit ihnen rumzuspielen.“
   „Dann soll Mom beim nächsten Mal keine Erbsen kochen.“, rechtfertigt sich Jodie ein weiteres Mal.
   „Du hast gewonnen, Schätzchen.“, gibt Susan nach. „Ich kann auch nicht jeden Tag Nudeln oder etwas in der Richtung kochen. Wenn du kein Gemüse isst, dann wirst du nicht groß und stark.“ Um ihr zu verdeutlichen, dass Jodie ihr Engel ist, tätschelt Susan den Kopf ihrer Tochter.
   „Mom!“, protestiert Jodie.

Kurz darauf flackern sämtliche Lampen im Haus. Jodies Eltern blicken verwirrt um.

   „Muss wohl an dem Schnee liegen, oder ist eine Sicherung durchgebrannt?“
   „Die Sicherungen sind intakt. Hab gestern schon nachgesehen.“, sagt Phillip.
Sobald Jodie ihren Speck und Kartoffelbrei aufgegessen hat und die Erbsen auf dem Teller bleiben fragt sie ihre Mutter: „Darf ich nach oben gehen?“
   „Klar doch. Und mach deine Hausaufgaben.“
   „Okay.“, sagt Jodie steht auf und läuft hoch in ihr Zimmer.
   „Was wollte ihre Lehrerin von dir?“, fragt Phillip seine Frau, nachdem Jodie die Tür üblich für sich zu geknallt hat.
   „Sie hatte mir nur gesagt, dass ihr Jodies distanzierte Art und diese Zeichnungen aufgefallen sind. Und dann….“ Susan verstummt
   „Was und dann?“
Sie zögert für einen kleinen Moment, da ihr offensichtlich die passenden Wörter nicht eingefallen sind. „Dann hat sie mir den Vorschlag gemacht, dass Jodie zu einem Psychologen gehen sollte.“
   „Die haben doch selbst nicht mehr alle Tassen im Schrank.“
   „Dieser nicht.“
   „Wie können wir uns da so sicher sein?“
   „Weil er der Bruder von Jodies Lehrerin ist. Vielleicht kann er uns helfen. Schließlich wissen Psychologen, wie man solche Probleme angeht. Einen Versuch ist es wenigstens wert. Gerade wegen Jodie.“
   „Wenn wir Pech haben wird es schlimmer mit ihr.“
   „Das Risiko müssen wir eingehen.“


Mittlerweile ist die Nacht über Bangor angebrochen. Nachts ähnelt die Kleinstadt einer Geisterstadt, was sie so oder so schon ist.

Jodie durchlebt einen weiteren schrecklichen Schlaf, was durch ihr hin und her Wälzen in ihrer Tiefschlafphase signalisiert wird. Wie durch Zauberei schweben die Bauklötze, die Barbiepuppen durchs Zimmer und die Gardienen bäumen sich auf. Schweißgebadet schreckt sie aus einem entsetzlichen Alptraum auf. „Mami!“
Mit Tränen, die ihr über den Wangen rollen, hockt sie auf ihrem Bett und wartet auf ihre Mutter. Schniefend wischt sie sich die Tränen mit ihrem Ärmel des Pyjamas ab.
Als ihre Zimmertür aufgerissen wird und ihre Mutter mit besorgter Mimik an dem Bett in die Hocke zuckt Jodie zusammen.

   „Oh Gott Jodie.“, sagt ihre Mutter besorgt als sie das Blut unter der Nase bemerkt.

Jodie wird von ihren Gefühlen überwältigt und bricht in den Armen ihrer Mutter zusammen.
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