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Protego

von Keiraleth
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy / P12 / Het
30.10.2013
20.04.2014
60
291.348
46
Alle Kapitel
188 Reviews
Dieses Kapitel
10 Reviews
 
 
30.10.2013 6.340
 
Autor: Keiraleth
Titel:  Protego
Charaktere:  Hermione Granger, Harry Potter, Ron Weasley, Figuren der „Fluch der Karibik“ - Filme  
Altersfreigabe:  FSK 12

Hinweis: Dies ist der DRITTE TEIL einer Crossover-Saga, die sich die „Timeturner-Saga“ nennt. In sich gesehen, gibt es aber natürlich in jedem Teil einen Anfang und ein Ende.

Hier geht es zum ersten Teil "Arresto Momentum"

Und hier zum zweiten Teil "Lumos Solem"


Kenntnisse über die Fluch der Karibik-Filme sind NICHT erforderlich. Ich schreibe auch für die Leser, die die Filme nicht kennen, so wie schon in den ersten zwei Timetuner-Saga-Teilen.

Klappentext:
Ausgezeichnet mit dem FanfiktionAward 2014. Mehr und mehr werden Hermione, Harry und Ron zu professionellen Zeitreisenden.
Sie haben gelernt, was es bedeutet Opfer zu bringen, und sie wissen auch, dass ihr Auftrag ihr Leben verändert hat. Dennoch haben sie sich und das ist gut so, denn neue finstere Gestalten und dunkle Tage stehen ihnen bevor.
Und ausgerechnet jetzt, da Hermione die Vergangenheit hinter sich gelassen hat, scheint ihr eben diese einen Strich durch ihre Rechnung zu machen. Mitten im Kampf gegen Flüche, Meeresungeheuer und die Naturgewalten findet sie etwas, das ihre Welt ein weiteres Mal auf den Kopf stellt. Und so macht sie sich gleich zweimal auf die Suche nach der Wahrheit einer vergangenen Zeit.

Anmerkungen: Es gelten die gleichen Anmerkungen bezüglich der Harry Potter-Romane wie bei „Arresto Momentum“.

Disclaimer:  Ich besitze keine Rechte an der "Harry Potter"-Reihe, dem „Der Herr der Ringe“, „Troja“ oder der „Fluch der Karibik“-Reihe und verdiene mit dieser FF auch kein Geld. Die "Harry Potter"- Serie ist J. K. Rowlings geistiges Eigentum, „Der Herr der Ringe“ ist J. R. R. Tolkiens geistiges Eigentum, „Troja“ gehört Warner Bros. Pictures, „Pirates of the Carribean“ Walt Disney und die Idee zu dieser FF, die Handlung aus Sicht des Trios als auch ein paar spärliche Nebenfiguren sind mein geistiges Eigentum.
Bekannte Sequenzen der FF entstammen dem Drehbuch zu „Pirates of the Carribean“ 1-3. Ich habe mir allerdings vorbehalten, diese auch entsprechend zu modifizieren, soweit es die Handlung meiner Geschichte benötigt. Das entsprang dann allein meiner Feder.

Last but not least: Dann sage ich nur noch: AUF EIN NEUES! Hoffentlich werdet ihr alle wieder genug Spaß, Spannung und bewegende Momente erleben. Rückmeldungen sind immer willkommen.





PROTEGO




Protego: [lat. protego = vorne bedecken] Zauber zur Beschwörung eines magischen Schutzschildes gegen Flüche und Diebstahl




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What you need to know about the past is that no matter what has happened, it has all worked together to bring you to this very moment. And this is the moment you can choose to make everything new. Right now.
Autor unbekannt


Gebrannte Kinder fürchten das Feuer oder vernarren sich darein.
Marie von Ebner-Eschenbach


Heal what has been hurt
Change the fate's design
Save what has been lost
Bring back what once was mine,
what once was mine …

Disney’s Tangled (“Healing Incantation”)


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„Now... bring me that horizon.”

Pirates of the Carribean, The Curse of the Black Pearl



Prolog
Die Welt hat sich verändert


„Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist“, wisperte ihr Ron fast lautlos ins Ohr, während sie sich durch die unruhige Menschenmenge drängten, die sich unter der unentwegt bimmelnden Türglocke versammelt hatte.

Hermione vermied ein Aufstöhnen, als ein älterer Zauberer in einen gräulichen Umhang einen Schritt zurück machte und auf ihrem Fuß zum Stehen kam, dann brach sie aus dem dichten Gedränge in die Freiheit der Regalreihen und tauchte sofort in ihrem Schatten unter. Der rothaarige Zauberer folgte ihr, wenn auch skeptisch, auf dem Fuß.

Rasch warf Hermione einen prüfenden Blick durch die blitzblank polierten Fenster des Ladens auf die sanft gefüllte Gasse, auf welcher Harry, verborgen unter einem übergroßen, muffigen Umhang, so tat, als interessiere er sich nur mäßig für ein Taschenspickoskop, das auf einem Berg von anderem abstrusem, magischem Krimskrams thronte.

Immer noch verwirrte es sie zutiefst, dass dieser fragwürdige Krämerladen an dieser Straßenecke zu finden war, war sich Hermione doch entsetzlich sicher, dass in all ihren Hogwartsjahren gegenüber von Florish & Blotts eine Apotheke existiert hatte. Noch schauerlicher war es allerdings, dass sich nicht ein einziger Mensch außer ihnen drei darüber zu wundern schien.

„Wenigstens heißt es wieder Florish & Blotts“, bemerkte Ron, dem der gleiche Gedanke bei Blick auf die sonnengeflutete Straße der Winkelgasse gekommen sein musste. Bei seinem letzten Besuch vor ihrer Reise nach Troja hatte sich der Buchladen in einer anderen Straße befunden und hatte noch dazu einen anderen Namen getragen.

„Es war abzusehen, dass die Dinge jedes Mal anders aussehen werden, wenn wir zurückkehren. Wir pfuschen in der Zeit herum und das führt nun einmal zu Veränderungen“, erklärte Hermione wirsch, wandte sich der Regalreihe zu, in der sie standen, und überflog hastig mit den Augen das Themengebiet. „Wir sind falsch“, informierte sie ihn dann, als ihr Blick an einem Schild hängen blieb, das diese Abteilung als Magie für Haus und Hof auswies.

Auch Ron sah die Gänge suchend auf und ab, sein Gesicht leicht nervös, wofür er sich einen Ellbogenhieb von Hermione eintrug. „Du erregst Aufsehen, wenn du dreinschaust, als würde jeden Moment der nächste Ghul über dich herfallen.“

„Wer weiß, vielleicht tut er das.“

„Sei nicht albern.“

„Ich habe kein gutes Gefühl hierbei“, gestand er erneut, während Hermione die Regale hinab schritt, den Blick suchend schweifen ließ und in Nähe der Kasse zum Stillstand kam, an der eine verkniffene, mollige Hexe saß.

„Harry warnt uns, wenn er etwas Verdächtiges wahrnimmt“, erinnerte sie ihn dann.

„Wir hätten in Shell Cottage bleiben sollen“, widersprach er gedämpft, ohne auf ihren Kommentar einzugehen oder die Buchrücken anzusehen, die sich vor ihnen ergossen.

Mit zusammengepressten Lippen schüttelte Hermione den Kopf und tippte auf einen tiefvioletten Buchrücken, woraufhin sich das Buch aus dem Regal löste, in der Luft schweben blieb und im Inhaltsverzeichnis aufklappte. Nach einer kurzen Inspektion von Bedeutende Entdeckungen des vergangenen Jahrhunderts schob Hermione das Buch wieder von sich und es schwebte auf magischem Wege in die Lücke zurück, aus der es gekommen war.

„Je mehr du mir hilfst, desto schneller sind wir wieder draußen“, schalt sie Ron leise, machte einen Schritt weiter und durchsuchte auch die nächste Regalreihe nach Stichworten, die ihr Kopf vorgab.

Brummend wandte sich Ron den Wälzern, Büchlein und Lektüren zu, von denen manche seltsame Gerüche aussendeten, andere Melodien zu summen schienen oder aus denen gar ab und an Stimmen zu hören waren.

Hermione überflog Bahnbrechende Magie und Dr. Eons Zeit-Raum-Theorie, befand sie beide als hinreichend und schritt mit den zwei Büchern in der Armbeuge weiter, unentwegt mit ruhelosen Augen über die zahlreichen Rücken wandernd und ihre Titel vor sich her wispernd.

„Ich habe hier vielleicht etwas“, erklärte Ron plötzlich. Er hatte sich an das andere Ende der Wissenschaftsabteilung verflüchtigt und wedelte ihr nun mit einem dünnen, bläulichen Einband entgegen. Kurz vergewisserte Hermione sich, dass sie nach wie vor keine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten, dann trat sie zu Ron herüber und las rasch die Runen, die er ihr präsentierte.

„Das ist doch das Symbol für Reise, oder?“, fragte er unsicher. Hermione antwortete nicht, stattdessen stahl sie ihm das Buch aus der Hand, drückte ihm im Gegenzug ihre in die Arme und murmelte: „Eine Fusion von Zeit und Reise. Das klingt zutreffend …“

„Und wie wäre es mit dem? Wie baue ich meinen eigenen Zeitumkehrer? – Ein Leitfaden von Minette Day.“

Hermione wedelte gereizt mit der Hand, noch vertieft in der Übersetzung der Runen des Verzeichnisses, dann hob sie wieder den Blick, nickte euphorisch, klatschte den schmalen Einband auf die zwei vorigen Bücher und langte nach dem neuen in Rons Händen.

„Das sieht nach Humbug aus, wenn du mich fragst“, bewertete sie die neue Lektüre und besah sich mit gehobener Augenbraue die Blondine auf dem Einband, die breit lächelnd und zwinkernd ein Stundenglas auf den Kopf stellte und dann ihr Haar zurückwarf.

Als Hermione erneut den Kopf hob, erstarrte sie.

Ron bemerkte ihren Gemütswandel und wollte bereits ihrem Blick folgen, doch sie packte ihn gerade noch rechtzeitig am Ärmel seines zerknitterten Umhangs und zwang ihn, ihr ins Gesicht zu sehen.

„Da ist Seamus“, zischte sie. „Er steht in der Quidditch-Abteilung … nein, sieh nicht hin!“

Ein sanftes Erschrecken wanderte über Rons Gesichtszüge, dann wisperte er: „Vielleicht sollten wir lieber gehen. Uns darf keiner sehen …“

„Ja, aber-“ Zwiegespalten ließ Hermione ihren Blick erneut über die noch zahlreichen Regale wandern, die sie bisher nicht inspiziert hatten.

„Drei Bücher sollten reichen, meinst du nicht auch?“

„Ich bin mir da nicht so sicher, Ronald. Das, wonach wir suchen, ist hohe, ja, stark überwachte und kontrollierte Magie. Es wird schwer sein auch nur Andeutungen über unser Thema zu finden. Wir müssten eigentlich-“

„Dann kommen wir halt wieder“, entgegnete er leise, ergriff sie am Ellbogen und zog sie in Richtung Kasse. Bevor er jedoch den Regalgang mit ihr verlassen konnte, sah Seamus von seinem Buch auf und begegnete ihrem Blick. Seine Augen wurden augenblicklich kugelrund.

Hermione versteifte sich, dann stieß sie Ron weiter und drängte ihn zum Ende des Regals. Seamus jedoch warf sein Buch auf einen Stapel anderer und folgte ihnen entschlossen in den Gang hinein. Er trug einen dunkelblauen Umhang, seine rotblonden Haare waren kurz geschoren und sein Hals wies eine markante Narbe auf, die Hermione nicht kannte.

„Hermione?“

Sie zuckte fast zusammen, als sie ihren Namen vernahm, dann blieb sie ruckartig stehen und wandte sich Seamus zu, der sie rasch eingeholt hatte. Auch Ron verharrte, sein Blick plötzlich wachsam als befürchtete er Schlimmes.

„Du bist es wirklich, oder?“ Der alte Schulkamerad trat zu ihnen heran, ließ seine Augen über Hermione wandern und schüttelte ungläubig den Kopf. „Wir dachten, du bist tot.“

„Ich?“ Ihre Stimme war eine Spur zu hoch, zu beunruhigt, und so zwang sie sich ihre Nervosität herunter zu schlucken.

Seamus nickte indes aufgeregt. Schließlich sah er misstrauisch von einem Ende des Ladens zum anderen und wisperte: „Nach der Schlacht konnte dich doch keiner finden.“

„Ich wurde gesucht?“

Der Zauberer sah sie an, als habe sie ihren Zaubertrank zur Explosion gebracht, dann räusperte er sich leicht. „Natürlich, du wurdest von den Todessern gesucht-“ Er senkte seine Stimme um eine weitere Oktave. „- und von ihm.“

„Was soll das heißen, Seamus?“, wollte Ron nervös von ihm wissen.

Der Angesprochene sah seicht überrascht auf, musterte Ron, zog seine Augenbrauen zusammen und erwiderte: „Na, jeder weiß doch, dass sie Harrys beste Freundin ist.“

Seine Augen fuhren zu Hermione zurück. „Ist er auch hier?“ Fragend sah er sich um, als erwartete er, dass Harry hinter dem nächstbesten Bücherregal hervor kommen und dabei ertappt grinsen würde.

„Nein“, widersprach Hermione rasch. „Wir sind allein.“

„Wie geht es meiner Familie?“ Es brach aus Ron hervor, ehe er sich zurückhalten konnte. Hermione warf ihm einen warnenden Blick zu. Aber andererseits, bemerkte ihr Verstand berechnend, hatte Seamus sie bereits entdeckt, jetzt konnten sie also auch ebenso gut Fragen stellen.

Doch der gleichaltrige Zauberer betrachtete Ron nur verwirrt und erwiderte: „Welche Familie?“

„Na, meine“, drängte Ron ihn mit leiser Stimme.

Seamus schüttelte leicht den Kopf. „Woher soll ich das wissen?“

„Er meint – … hast du Ginny oder so gesehen?“, half Hermione weiter. „Weißt du, ob es ihr gut geht?“

„Ginny? Ginny Weasley?“

Sie nickte und Ron bekräftigte mit einem groben „Natürlich!“.

„Ja, ihr ging es gut. Zumindest sah sie so aus, als wir uns das letzte Mal gesehen haben.“

„Wann war das?“, fragte Ron aufgeregt.

Seamus runzelte die Stirn, als verstehe er nicht, worauf sie hinaus wollten, dennoch antwortete er: „Nach der Schlacht war das. Danach hat er doch alle, die unbedenklich waren, mit dem Hogwartsexpress nach Hause geschickt und die anderen- … ihr wisst ja …“

Ron wurde bleich. „Ist Ginny-“

„Sie war im Zug, soweit ich weiß. Warum sollte sie auch nicht?“ Verwirrt und nun auch mit einer Spur Neugier musterte Seamus ihn erneut. „Bist du mit ihr verwandt?“

Es war wie ein Schlag in die Magengrube, den man nicht kommen gesehen hatte. Hermione musste seine Frage zunächst verdauen, Ron hingegen schien gar nichts mehr zu verstehen. Schließlich schluckte sie bedacht und sagte mit leicht zittriger Stimme: „Ron ist doch ihr Bruder, Seamus.“

„Ron?“ Das ehemalige DA-Mitglied sah wieder zu Hermione. „Nein, soweit ich weiß hat Ginny nie von ihm gesprochen. Sie hat aber viele Brüder, also, keine Ahnung, vielleicht- …“

„Ich – ich war doch mit dir in einem Jahrgang!“, brach es aus Ron heraus. „Wir haben zusammen in einem Schlafsaal geschlafen. Was redest du eigentlich für einen Müll?“

Wut mischte sich mit einem Mal in Seamus’ Blick. „Ich kenn dich nicht, Mann. Du bist rothaarig, na und? Vielleicht bist du Ginnys Bruder, vielleicht bist du sogar ihr Zwillingsbruder, aber ich habe dich ganz sicher noch nie gesehen.“

„Sag mal, hast du einen deiner Tränke getrunk-“

Kräftig stieß Hermione ihrem besten Freund in die Seite, woraufhin dieser abrupt abbrach.

„Es war schön dich zu sehen, Seamus, aber wir müssen los.“ Ohne ihm die Gelegenheit zu geben, etwas zu antworten oder wieder zur Sprache zu finden, drängte sie Ron in Richtung Kasse, winkte Seamus zu und verschwand hinter einer Gruppe von Hexen, die ungewöhnlich leise und angespannt anstanden und darauf warteten, möglichst bald an der Reihe zu sein.

Die Kassiererin betrachtete die drei Bücher skeptisch, als Hermione sie ihr überreichte, wendete sie in den Händen und berechnete dann den Preis. „Sie interessieren sich wohl für Zeitreisen, was?“

Hermione nickte nervös, während Ron seinen Stab griffbereit hielt. Eilig zahlte sie den genannten Betrag von den wenigen Galleonen, die das Trio in Shell Cottage hatte zusammensuchen können, dann nahm sie die Tüte in die Hand und sie beide drängelten sich zum Ausgang, an dem immer noch viele Zauberer und Hexen um einen Ausstellungstisch versammelt waren. Nur flüchtig erkannte Hermione den Titel der Bücher, die im Moment so begehrt schienen: Das Zaubereiministerium im Umbruch von Lucius Malfoy.

oo


„Ich wusste doch, dass das eine miese Idee war“, raunzte Ron, während sie hastig über die gepflasterte Straße zu dem kleinen Krämerladen liefen, an dem Harry nach wie vor stand, halb vermummt, als sei er aus dem tiefsten Sibirien angereist, obwohl die Spätsommersonne auf ihrem Rücken brannte. „Seamus hat nicht mehr alle Gnome beisammen …“

Hermione biss sich auf die Lippe und hinderte sich daran, ihn auf das Offensichtliche hinzuweisen, denn auch wenn es die einzige Erklärung war, war es doch unheimlich erschreckend.

„Habt ihr etwas gefunden?“, wollte Harry wissen, kaum dass sie bei ihm angelangt waren. Er wirkte ruhig, als sei er zu dem Entschluss gelangt, dass ihnen in der Winkelgasse im Moment keine Gefahr drohte.

„Und ob wir etwas gefunden haben! Seamus, den Volltrottel.“

„Seamus?“ Harry runzelte die Stirn und sah kurz in die Tüte, die Hermione ihm beiläufig präsentierte.

„Ja, er war da, bevor wir uns verstecken konnten“, erklärte sie langsam, doch Ron ballte verärgert eine seiner Fäuste, warf einen Blick zurück in den Buchladen und bemerkte: „Der muss von seinem Besen gefallen sein oder einen Klatscher abbekommen haben. Er hat doch tatsächlich behauptet, er hätte mich noch nie gesehen.“

Überrumpelt verfinsterte sich Harrys Miene, dann machte er sich ruckartig auf den Weg und sie folgten ihm eilig. „Was willst du damit sagen?“, wollte er von seinem besten Freund wissen, während sie einen unbekannten Kesselladen passierten, vor dem sich ein orientalisch wirkender Zauberer mit einem Stand fliegender Teppiche aufgestellt hatte, mit leicht singender Stimme „Beste Flugqualität. Der Teppich für jedermann, der seine ganze Familie transportieren will!“ verkündete und dabei immer wieder seinen Turban richtete.

„Was wollte Seamus damit sagen?“, wiederholte Harry.

„Woher soll ich das wissen? Seamus-“

„Ron, er kann nichts dafür“, unterbrach ihn Hermione streng, bevor er weitere Beschimpfungen von sich geben konnte. Sie liefen hastig die Gasse hinab und als sie die Mauer zum Tropfenden Kessel erreichten, klopfte Harry bedacht die Backsteine mit seinem Zauberstab ab, die dafür nötig waren, den Durchgang preiszugeben. Sie warteten, bis sich dieser öffnete, während Ron maulte, dass er nicht verstehen könne, wie Hermione Seamus verteidigen konnte. Dann durchquerten sie die stickige und verqualmte Bar und traten auf der gegenüber liegenden Seite auf die Muggelstraße hinaus, an der sie bereits Reifenquietschen und das tickende Geräusch von Ampeln begrüßte. Sie bogen um drei Ecken und im Schutze einer düsteren Seitengasse disapparierten sie schließlich.

oo


In Shell Cottage war es warm, aufgeheizt von der heute hereinprallenden Sonne, und so riss Hermione als erstes die Fenster des Wohnzimmers auf, während Harry die Tüte von Florish & Blotts auf der Couch absetzte und sich durchs Gesicht fuhr, nachdem er seinen weiten, übergroßen Umhang abgelegt hatte.

„Er hat immer schon Blödsinn geredet. Erinnerst du dich, Harry, im fünften Schuljahr ist er doch herumgelaufen und hat irgendwelche Lügenmärchen über dich verbreitet. Er ist ein mieser Hund und-“

„Ron, es reicht!“, beendete Hermione scharf.

Mit geöffnetem Mund starrte er sie an, als habe sie ihm verboten sich am Festmahlstisch zu bedienen, dann versuchte er erneut zu einer Schimpftirade anzusetzen, doch sie kam ihm noch rechtzeitig zuvor.

„Seamus glaubt wirklich, was er gesagt hat“, versuchte sie ihm ruhig zu erläutern. „Für ihn ist es die Realität.“

„Ich bitte dich, wie-“

„Mensch, Ron, Seamus lebt in einer abgewandelten Welt“, ging Harry dazwischen. „Schon vergessen? Voldemorts Fluch hat die Geschichte verändert, folglich gibt es Dinge, die anders sind, als wir sie in Erinnerung haben. Und das wird wiederum jedes Mal anders sein, bis wir alles wieder so hergestellt haben, wie es vorher war.“

„Aber- das würde ja heißen, dass ich – dass ich …“ Empört sah er von Harry zu Hermione und wieder zurück.

Hermione nickte sachte. „Ja.“

„Wollt ihr mir etwa sagen, dass ich nicht existiere?“, stieß er wütend aus. „Dass es mich hier nicht gibt?“

„Es … scheint so.“ Harry presste die Mundwinkel aufeinander.

„Also bin ich nur dank Dumbledores Schutzzaubers hier?“

„Und dank des Zeitumkehrers“, bestätigte Hermione.

Aufgeregt lief Ron im Zimmer auf und ab, dann warf er die Arme hoch und fauchte: „Das ist doch absurd.“

„Das hätte jedem von uns geschehen können, Ron. Menschen verschwinden zwangsläufig durch Flüche, die die Geschichte verändern.“ Hermione wechselte einen vielsagenden Blick mit Harry. „Deshalb sollten wir uns jetzt auch hinsetzen und die Bücher lesen, die wir besorgt haben.“

oo


Mit einem lauten Knall schlug Ron Bahnbrechende Magie zu. „Hier drin steht kein einziges Wort über Zeitumkehrer, die viele hundert Jahre zurückreisen, nur über solche, die Stunden zurückreisen.“

„Höchstens Tage“, nickte Harry zustimmend, fuhr sich durch sein ohnehin schon wild abstehendes, schwarzes Haar und blätterte eine Seite in Dr. Eons Zeit-Raum-Theorie um.

Er lag auf dem Fußboden. Die alten Dielen knirschten unter seinen Ellbogen, wenn er sein Gewicht verlagerte, und eine Vielzahl von Staubkörnern tanzte neben ihm durch die von der Sonne beschienene Luft. Die tiefen Runzeln auf seiner Stirn, die seine Narbe nahezu verschwinden ließen, zeugten von Lustlosigkeit und Unzufriedenheit.

Hermione, die mit dem in Runen kodierten Werk Eine Fusion von Zeit und Reise beschäftigt war, seufzte auf. Sie begann mit ihren Fingerkuppen auf die mit Runenplättchen verzierte Seite zu trommeln und erwiderte: „Mir war bewusst, dass wir nicht viel finden würden.“

„Warum haben wir uns dann überhaupt auf die Suche gemacht?“, beschwerte sich Ron, der ohnehin von schlechter Laune gezeichnet war, seit sie auf Seamus getroffen waren.

Empört richtete sich Hermione auf. „Weil es uns nicht schaden wird, ein wenig mehr über die Theorie der Zeit zu wissen. Wir haben keine Ahnung, wie unser Zeitumkehrer funktioniert; wir haben keine Ahnung, weshalb wir hier sind, anstatt direkt weitere Veränderungen vorzunehmen, und wir wissen auch überhaupt nicht, wann der Zeitumkehrer entscheidet uns weiterzuschicken. Außerdem können wir nicht sagen, ob wir auf unseren Reisen altern; wir können auch nicht sagen, ob er systematisch durch die Zeit geht oder uns aufs Geratewohl irgendwo absetzt, wo Ihr-wisst-schon-wer etwas verändert hat, und wir haben nicht den blassesten Schimmer darüber, was passieren wird, wenn wir scheitern oder wenn wir erst einmal endgültig und erfolgreich hierher zurückkehren. Fängt dann wieder alles von vorne an, weil Ihr-wisst-schon-wer den Fluch nochmals anwenden kann oder haben wir dem bereits entgegen gewirkt? Und falls wir scheitern, bleiben wir dann dort, wo wir sind, oder können wir zurückkehren? Kurzum: Wir wissen gar nichts.“

Mit einem Schlag hatte sie Ron den Wind aus den Segeln genommen. Es waren die gleichen Fragen, die sie sich auch schon Tage zuvor gestellt hatten, nachdem sie mehr als eine Woche nach ihrer Rückkehr aus Troja immer noch kein Zeichen ihres Zeitumkehrers bekommen hatten.

Sie hatten die Zeit gehabt, um sich zu regenerieren. Sie hatten ihre Erlebnisse verdaut, Abschied von denen genommen, die sie zurückgelassen hatten, und den Entschluss gefasst weiterzumachen. Was also taten sie noch hier? Es war das gleiche Problem, das sie auch schon bei ihrer ersten Ankunft in Shell Cottage gehabt hatten.

Hermione besaß inzwischen die Vermutung, dass der Zeitumkehrer eine Weile brauchte, um alle Veränderungen des geschichtlichen Verlaufs zu verarbeiten, um dann entscheiden zu können, wohin sie ihre nächste Reise führte. Nach allem war er immerhin nichts anderes als ein Prototyp. Ein erster Versuch des Ministeriums schwarzen Magiern und ihren Absichten, die Geschichte mithilfe dunkler Magie zu verändern, entgegen zu wirken.

Der Zeitumkehrer war nicht perfekt, besaß sicher noch einige Makel, die man nicht mehr hatte ausbessern können, und Hermione betete, dass ihnen keiner davon zum Verhängnis werden mochte. Sie vertraute auf das Schmuckstück, das um ihren Hals lag und das ihr so viel Leid und zugleich so viel Glück beschert hatte. Sie hatte keine andere Wahl, als ihm zu vertrauen.

„Vielleicht finden wir ja doch noch einen Hinweis oder Ähnliches“, beschwichtigte Harry müde und schob seine Brille hoch, die ihm beim Lesen mehr und mehr herabgerutscht war.

„Wir können ohnehin nichts Anderes tun als abzuwarten. Also sollten wir die Zeit auch nutzen“, stimmte Hermione entschieden zu und vertiefte sich erneut in den Runen, die über die wenigen Seiten ihrer Lektüre verstreut lagen.

Ron grummelte, dann stand er auf. Er wusste, dass sie Recht hatten, auch wenn dies keine neue Motivation für ihn bedeutete.

„Ich mache uns etwas zu essen“, verkündete er und stapfte in die Küche. Schnell war das Zischen auf der Pfanne zu vernehmen, das eine weitere Portion Rührei und Wurst ankündigte.

oo


Trotz ihrer Mühe blieb ihre Suche vergeblich. Hermione war nur wenig schlauer, nachdem sie auch die letzten Sätze des Buches verschlungen hatte, während sie Rührei und Toast in ihren Magen schaufelte.

Ron und Harry hatten sich inzwischen nach draußen verzogen, erneuerten ein paar Schutzzauber, die sie vorsichtshalber auf Shell Cottage gelegt hatten, und liefen nun vermutlich den abendlichen Strand auf und ab, um ein wenig Luft und Energie zu tanken. Entmutigt schlug Hermione das Buch zu, das Harry zuvor akribisch auseinander genommen hatte, und musste sich eingestehen, dass sie alles getan hatten, was ihnen gegenwärtig möglich war.

Zum ersten Mal in ihrem Leben ließen sie Bücher im Stich.

„Es muss doch jemanden geben, der mehr weiß als wir“, murmelte sie vor sich her, dann fuhr sie sich über ihr Gesicht, stand vom Küchentisch auf und beschloss, es für heute ruhen zu lassen.

Sie wusch das benutzte Geschirr mit einem Ratzeputz im Spülbecken, dann sah sie eine zeitlang aus dem Fenster, auf der Suche nach den zwei Jungs, die sie jedoch nicht entdecken konnte, und schließlich zog sie sich in ihr kleines Zimmer im hinteren Teil des Hauses zurück.

Auf dem hölzernen Tisch vor dem Fenster, das zum Meer hinaus ging, stand das steinerne Denkarium, das Hermione bei ihrem letzten Aufenthalt in diesem Haus gefunden hatte und das sie fast täglich verwendete, um Gedanken und Erinnerungen abzulegen oder anzusehen.

Bläuliches Licht schimmerte an der Decke über der Schale wie Wasser in der Dunkelheit und doch ganz anders.

Eine Sekunde zögerte Hermione, dann ging sie zu dem Tisch herüber, nahm die Schale in die Hand und setzte sich mit ihr auf ihr Bett. Die Federn quietschten unter ihrem Gewicht, als sie sich niederließ. Ohne genau zu wissen, wonach sie suchte, begann sie mit ihrem Stab in dem silbernen Gewirr von Gedanken herumzufischen, während der Abendstern auf ihrer Brust leicht zu funkeln begann, angeregt von dem bläulichen Licht.

Sie ließ Gesichter und Gegebenheiten auf der Oberfläche der gräulichen Substanz wie ein Spiegelbild erscheinen, dann wischte sie sie wieder mit einer kurzen Zauberstabbewegung fort und besah sich eine willkürliche, andere Erinnerung.

Wehmütig und ein wenig schmerzvoll versank sie einige Zeit in den Erinnerungen an Bruchtal, ließ ihre Augen erneut die wunderschönen Gebäude, verwoben mit der Natur, betrachten; die Wasserfälle, die vor den Balkonen niedergingen, als auch ihre eigene Gestalt, die in den Armen ihres Mannes glücklich und zugleich Dunkles ahnend in die tausenden Wasserperlen blickte. Sie besah sich jede Facette von Legolas’ Gesicht und seines Körpers, wanderte von Erinnerung zu Erinnerung, um sich letztlich auch in den Bildern ihrer zurückgelassenen Freunde zu verlieren: Aragorn, Gandalf, Frodo, Gimli, Merry und Pippin … Sie alle, mal lachend, mal weinend, bis plötzlich eine völlig andere Gestalt in dem silbernen, fädigen Gewirr erschien: Achilles.

Abrupt machte Hermione eine rasche Bewegung mit dem Stab, die sein Gesicht verschwimmen ließ, bis Hogwarts in einer der zahlreichen Abenddämmerungen zu sehen war, doch es war zu spät. Vor ihrem geistigen Auge nahm die Szene erneut Gestalt an, wieder belebt von einem einzigen Bild des Denkariums. Achilles kniete vor ihr, im Hintergrund die unzählbaren Flammen und Feuer der niedergehenden Stadt Troja. Das Gras unter ihren Füßen war feucht von der Nacht, Rauch umwaberte ihre Köpfe und alle Gebäude und Hermione klammerte sich verzweifelt an ihn, ebenfalls auf Knien, ebenfalls mit Tränen in den Augen.

„Geh … Du musst.“

„Nein. Es tut mir leid … es tut mir so leid …“

„Das braucht es nicht.“


Auch hier, jetzt in Shell Cottage, traten die Tränen zurück in ihre Augen, doch Hermione blinzelte sie rasch fort. Sein von Pfeilen durchlöcherte Körper, sein tapfer verzerrtes Gesicht, ihr letzter verzweifelter Kuss und seine blauen Augen brannten sich in ihr Gedächtnis und schnell richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Bild, das sich ihr nun im Denkarium präsentierte, um das dumpfe Pochen der Schuld zu verdrängen.

Es waren ihre Eltern.

Verblüfft starrte Hermione auf die vertrauten Züge der zwei Menschen, die sie so sehr liebte und doch so lange nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Ihre Mutter lachte und wies auf ein Regal, das ihr Vater zuvor mit viel Mühe und Schweiß zusammengebaut hatte und das – wie sich herausstellen sollte – nicht einmal lange halten würde. Hermione erinnerte sich noch sehr genau daran, was ihr Vater auf das Lachen ihrer Mutter erwidert hatte: „Wird Zeit, dass Hermione volljährig wird. Ich wette, sie hätte das Regal ohne eine Spur der Anstrengung aufgebaut und dabei noch ihr Buch weiter gelesen …“

Ja, sie hatten gelacht, voller Zuversicht für die Zukunft. Hermione war dreizehn gewesen, Voldemort nur ein Gespinst der Vergangenheit, keine reale Bedrohung, und die Welt noch so, wie sie hätte sein sollen. Beständig.

Und je länger sie in die lachenden Gesichter ihrer Eltern blickte, je mehr sie sich daran erinnerte, was vor ihren Zeitreisen gelegen hatte, desto mehr wünschte sie sich, einfach nach Hause gehen zu können, ihre Eltern in die Arme schließen zu dürfen und ihnen zu danken. Für diese simple und unbeschwerte Erinnerung.

oo


Sie wusste, dass es dumm war.

Obwohl Hermione bewusst im Schatten der Bäume und Mauern lief, die die Straße bot, war es doch gefährlich. So gefährlich, dass das Trio eigentlich abgesprochen hatte, in Shell Cottage zu bleiben.

Ihr gemeinsamer Ausflug in die Winkelgasse war nur eine Ausnahme gewesen. Nach langem Abwägen der Vor- und Nachteile waren sie zu dem Schluss gekommen, dass sie einen kurzen Abstecher dorthin riskieren konnten. Die Winkelgasse war ein öffentlicher Ort, sicher voller Spione, aber für diese blieb es dennoch unmöglich, die überbevölkerte Straße zu allen Zeiten komplett zu überwachen. Hunderte Zauberer und Hexen durchquerten die Einkaufsallee täglich auf der Suche nach allem, was man für ein Leben als Teil der Magiergesellschaft benötigte. Außerdem waren sie zu dritt gewesen; drei Paar Augen, die bei der geringsten Andeutung von Gefahr Alarm geschlagen hätten.

Das hier war hingegen riskant.

Die Straße war leer. Zwischen die alle paar Meter angepflanzten Laubbäume parkten mehrere Autos am Straßenrand. Es nieselte leicht, anders als die letzten Tage, und der Himmel war überzogen von einem tiefen Grau.

Hier und da plärrte ein Fernseher aus der geöffneten Terrassentür und an der Straßenecke in der Ferne war ein Postbote zu sehen, der es offensichtlich eilig hatte, schnell seine Arbeit zu erledigen und ins trockene Heim zu kommen.

Hermione war froh, dass es so ruhig war. Niemand, der sie erkennen konnte, arbeitete im Garten oder machte einen Spaziergang. Und so überwand sie die kurzweiligen Zweifel und schritt vorsichtig, aber eilig weiter, wachsam ihren Blick über jeden Schatten wandern lassend und ihren Stab dicht bei sich haltend.  

Ron würde sicherlich toben, wenn er hiervon erfuhr. Sie wusste, dass er sich nach seiner Familie innig sehnte und alles dafür geben würde, nur einen kurzen Blick auf sie werfen zu dürfen. Doch nach dem Anblick ihrer Eltern im Denkarium hatte Hermione den Drang nicht mehr abschütteln können, nach ihnen zu sehen, so sehr sie es auch versucht hatte. Zunächst war es nur Sehnsucht gewesen, dann war jedoch Sorge hinzu gekommen. Wie ging es ihnen? Hatten die Todesser oder gar Voldemort ihnen etwas angetan, nachdem sie Hermione nach der Schlacht nicht hatten ausfindig machen können? Seamus’ Worte bei Flourish & Blott’s hatten ihr mehr zu denken gegeben, als sie es sich hatte eingestehen wollen. Und auch wenn sie wusste, dass nach ihrer nächsten Zeitreise wieder alles anders sein konnte, ließ die Angst, dass ihre Eltern womöglich gar nicht mehr lebten, sie nicht mehr los.

Hermione atmete tief und mit klopfenden Herzen durch, als sie die dunkelrote Farbe des Backsteinhauses entdeckte, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte.

Ihre Schritte wurden langsamer, obwohl sie sie zur Schnelligkeit zwang, aber schließlich erreichte sie den kleinen Vorgarten mit dem gepflasterten Weg zur Haustür, während sie eine unerwartete Welle der Melancholie überspülte.

Sie würde weder klingeln, noch sich bemerkbar machen. Hermione wollte einfach nur sicher gehen, dass es ihnen gut ging, dann würde sie wieder disapparieren und niemand würde jemals von ihrem Besuch erfahren.

Bedacht sah sie sich im Vorgarten um, während sich der Nieselregen zu klaren Tropfen wandelte. Als sie die umliegenden Büsche und Mauern als unbedenklich eingestuft hatte, durchquerte sie rasch das grüne Stück Rasen und lief an der rechten Fassade ihres ehemaligen Zuhauses entlang in Richtung seiner Rückseite.

Im Garten, geschützt von hohen Lorbeerhecken, die kein neugieriges Nachbarauge durchließen, erreichte sie schließlich das Wohnzimmerfenster und wagte einen kurzen Blick hindurch.

Es war niemand zu sehen, aber das Zimmer war auch nicht verwüstet, was darauf schließen ließ, dass kein Kampf vorgefallen war.

Es sei denn, es ist eine Falle, wisperte ihr Verstand eindringlich.

Die Regentropfen sammelten sich in ihrem Haar und ließen ihre Krausen nach und nach verschwinden, während ihre beige Jacke durchweichte, doch Hermione wartete einen weiteren Augenblick, unwillig sich von hier zu entfernen, ehe sich ihre Sorge als unberechtigt erwiesen hatte.

Trübsinnig wanderte ihr Blick über das Mobiliar des Zimmers, das ihr so vertraut war – sie konnte sogar eine Foto von sich mit ihren Eltern über dem Kamin entdecken – dann kreischte ein Rabe über ihrem Kopf auf und ließ sie erschrocken in Deckung springen.

Ihr Herz trommelte gegen ihren Brustkorb, doch schließlich beruhigte es sich wieder.

Du solltest gehen, drängte ihr Verstand. Voldemort ist nicht dumm, er wird das Haus überwachen lassen …

Hermione schluckte, dann warf sie erneut einen Blick ins Haus. Auch die Küche schien verwaist, aber eine dreckige Tasse in Nähe der Spüle zeugte von Leben.

Sie kann dort auch schon lange stehen, widersprach die Angst. Du wirst nicht wissen, wie es ihnen geht,  bevor du sie beide nicht wirklich zu Gesicht bekommen hast.

Eine Sekunde überlegte sie, ob sie einfach hinein gehen und sich umsehen sollte, doch dann erinnerte sie sich daran, dass ihre Eltern sie nicht entdecken durften. Sie würden Fragen über Fragen stellen und sie damit an Ort und Stelle halten – Hermione war nach dem Schuljahr aus Hogwarts nicht zurückgekehrt, hatte ihnen nicht einmal das geringste Lebenszeichen übermittelt und so würde sie sich rechtfertigen und alles erklären müssen. In der Welt ihrer Eltern war ihre Tochter spurlos verschwunden.

Mit einem Mal überfiel sie die Erkenntnis, dass ihre Eltern ebenfalls schreckliche Sorge litten. Eigentlich hätte Hermione schon vor Wochen als Absolventin heimgekehrt sein müssen, denn sie hatten inzwischen Mitte August. Suchten ihre Eltern sie? War es deshalb so still in der Wohnung?

Eine Bewegung, die sie nur aus dem Augenwinkel vernahm, ließ sie abrupt herumfahren – und das gerade noch rechtzeitig.

Jäh und mit klarer Präzision schlug ein dunkelroter Blitz neben ihr in der hölzernen Bank ein, auf der ihre Mutter für gewöhnlich ihre Nachmittage nach der Arbeit in der Praxis verbrachte und vor welcher Hermione noch Sekundenbruchteile zuvor gestanden hatte. Das Holz splitterte und schoss durch die Luft, traf sie zum Glück jedoch nicht.

Erschrocken blickte sie auf, entdeckte eine Gestalt, gekleidet in einen schwarzen Umhang und vermummt von einer dunklen Maske, und sprang zurück auf die Beine. Todesser.

Wie konntest du nur so dämlich sein?, schrie ihr Geist alarmiert, doch Hermione hielt ihren Stab bereits in den Händen und warf eine Stolperfluch zurück, während sie um die Hausecke sprintete und über Steine und Beete sprang, deren genaue Position sie allesamt kannte.

Der Todesser, der sie angegriffen hatte, schien alleine zu sein, denn es folgte ihr niemand, sie vernahm lediglich ein wütendes Fluchen als Reaktion auf ihren Zauber.

Das Haus wurde überwacht, du hast es doch gewusst! Sie musste den Spion überrascht haben, sodass er keine Zeit gehabt hatte, Verstärkung zu holen.

An der vorderen Hausecke blieb Hermione schnell, aber geregelt atmend stehen und horchte in das Prasseln von Tropfen nach einem verräterischen Schmatzen im Matsch der Beete.

Nach einigen Sekunden vernahm sie es letztlich auch.

Disappariere, bevor noch mehr von ihnen kommen, fuhr ihr Verstand sie wütend an, doch die Furcht darüber, was mit ihren Eltern geschehen sein mochte, blieb wie ein schwerer Granitblock in ihrem Magen bestehen. Er zerdrückte jeden logischen Gedanken.

Völlig unerwartet und mit einem lärmenden Schellen schoss ein gelber Fluch an der Hauswand vorbei, versengte mehrere Blumenköpfe und verkokelte eine der hohen Hecken.

Dies war Hermione Warnung genug. Ruckartig sprintete sie los, warf einen Schockzauber hinter sich und sprang hinaus in den Vorgarten und von dort auf die nasse Straße.

Das klickende Geräusch einer schlagartig aufreißenden Haustür ließ Hermione herumfahren.

Dort auf der Türschwelle, unversehrt und mit verwirrter Miene, stand ihr Vater, den Türknauf noch in der Hand. Sein aufgeregter Blick schweifte von einem Ende des Vorgartens zum anderen, bis seine Augen an Hermiones durchnässter Gestalt inmitten der Straße hängen blieben.

Für eine Sekunde vergaß sie den Todesser, der sie verfolgte, und schiere Erleichterung darüber, dass es ihrer Familie gut ging, überwältigte sie.

„Hermione?“ Die Stimme ihres Vaters wabberte überrascht und seltsam verzweifelt durch den prasselnden Regen, doch bevor sie ihm auch nur antworten konnte, sah sie einen violetten Fluch auf sich zufliegen und schrie: „Protego!“

Klirrend zerschellte der Zauber an ihrem magischen Schutzschild und ihr Vater fuhr erschrocken herum. Der fremde Todesser stand nun ebenfalls im Vorgarten, sein Umhang durchweicht und an den Enden matschig. Eines seiner Hosenbeine war aufgerissen, was er sich bei dem Sturz durch Hermiones Stolperfluch zugezogen haben musste.

„Was ist hier los?“

Bevor Hermione ihn warnen konnte, hatte ihr Vater die Aufmerksamkeit des vermummten Mannes auf sich gezogen. Sie schluckte, bereit Voldemorts Anhänger ins Jenseits zu befördern, ehe etwas Schreckliches geschehen konnte, und dann erstarrte sie zu Eis.

Ein glasklarer, eindringlicher Klang fuhr ihr durch Mark und Bein und echote in ihren Ohren nach. Jede Faser ihres Körpers fuhr erschrocken zusammen und prickelte zeitgleich auf: Der Zeitumkehrer. Nein, nein, nein … nicht jetzt!

„Dad!“

Mit schierer Verzweiflung sprang Hermione nach vorne, doch der Todesser hatte sich bereits auf ihn gestürzt und hielt ihn nun im Schwitzkasten.

„Sei ein braves Mädchen und rette deinem Vater das Leben, indem du ohne Protest mitkommst“, raunte die Stimme des Zauberers durch seine absonderliche Maske. Seine Stimme kam ihr bekannt vor, auch wenn sie sie nicht einordnen konnte.

Doch zur selben Zeit wurde ihr Klang von dem gläsernen Countdown des Zeitumkehrers überlagert, der sich wie gewohnt zu steigern begann und in Hermione einen tiefen Zwiespalt weckte: Sie durfte nicht länger bleiben, sie musste zurück nach Shell Cottage zu Harry und Ron – aber andererseits konnte sie ihren Vater auch nicht dem Todesser überlassen.

Wütend hob sie ihren Stab und schrie: „IMPEDIMENTA!“

Der Todesser wehrte den Fluch mühelos ab und richtete seinen Zauberstab anschließend auf ihren Vater. Gefährlich klar bohrte sich seine Spitze in seinen Hals und blieb dort wie ein Mahnmal ruhen.

„Der Dunkle Lord will dich sprechen, Granger“, erklärte der Zauberer ruhig, als spräche er von einem anstehenden Zahnarzttermin, dem sie nachkommen musste.
„Lass ihn los! Tu ihm nichts!“ Ihr Herzschlag polterte gegen ihren Brustkorb, während sie ihren Stab zitternd erhoben hielt. „Wage es nicht, ihn auch nur anzurühren.“

Und im Hintergrund, das unbeeinflussbare Geräusch von Glas auf Glas.

„Verschwinde, Hermione!“, presste ihr Vater hervor, während er sich verzweifelt aus dem Griff des Todessers zu lösen versuchte. „Bring dich in Sicherheit!“

Seine Worte gingen in dem klirrenden Klang des Zeitumkehrers unter.

Hermione wusste, dass sie gehen musste. Sie hatte keine andere Wahl, die Zeit rann ihr davon. Verwickelte sie sich in einen Kampf mit dem Zauberer, würde sie ohne Zweifel von dem Zeitumkehrer fortgerissen werden, noch bevor sie ihre zwei Freunde erreichen konnte. Dann wäre sie alleine, einsam gestrandet irgendwo in der Geschichte. Und das durfte sie nicht riskieren, ganz gleich, was in dieser verfälschten Realität geschah. Selbst wenn es den einen Menschen betraf, der sie ihr ganzes Leben beschützt hatte …

„Ich bringe das wieder in Ordnung“, rief sie durch das Prasseln des Regens. Verzweifelt und mit Tränen in den Augen, fixierte sie nach wie vor abwechselnd den Todesser und dann wieder ihren Vater. „Versprochen, Dad. Ich werde das verhindern. Ich … ich liebe euch so sehr.“

Und obwohl sich alles in ihr dagegen wehrte, drehte sie sich schließlich auf dem Absatz und disapparierte. Sie ließ ihren Vater in den Armen des Todessers zurück, wohl wissend, dass das sein Tod war, aber auch in dem Bewusstsein, dass sie es dennoch verhindern konnte. Dass es nie geschehen sein würde, wenn sie erst wieder heimgekehrt war.

Wenn sie es denn rechtzeitig zu Harry und Ron zurück schaffte, bevor das Drängen des Zeitumkehrers nachgab und sie alleine in eine ferne Vergangenheit fortriss.
 
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