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Die Besessene

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16 / Gen
21.10.2013
27.10.2013
4
6.024
 
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21.10.2013 587
 
Es war sehr früh am Morgen, als ich aufwachte. So früh, dass grade die ersten Sonnenstrahlen durch den durchlöcherten Vorhang vor meinem Fenster brachen. Ich lag auf meiner Matratze und fühlte mich so elend.

Die letzten Wochen waren hart, es war einfach nicht genug zu Essen da und ich musste zusehen, wie meine kleine Schwester langsam verhungerte. Mutter sagte immer, dass alles gut werden würde, wenn wir es nur bis zum Frühling schaffen. Doch es war schon März und der Winter ließ uns immer noch nicht los. Ich hörte leise Geräusche aus der Küche, wahrscheinlich meine Mutter, die versuchte Frühstück aus den wenigen Rationen zu machen, die noch nicht von den Ratten gefressen wurden.

Die Lage war noch nie so ernst in Monsea und Königin Bitterblue schien sich nicht für die Probleme ihres Volkes zu interessieren.
Sie saß bestimmt in ihrem gemütlichen Schloss im Warmen und genoss ihre nicht endenden Rationen, fein kredenzt von ihren hunderten von Köchen, während Bitterblue City verkam und von Dieben und düsteren Kreaturen eingenommen wurde.

„Stehst du heute nochmal auf, oder muss ich dir dabei helfen?“ Ich musste seufzen. „Du brauchst mir gar nicht erst so anzukommen, Susan. Ich gebe dir fünf Minuten.“ „Ach halt doch den Rand, Pan.“
Pan war eine übernatürliche Macht, eine Stimme in meinem Kopf, die nicht zu mir gehörte. Er tat was er wollte und ich konnte ihn nie daran hindern.
Er war viel stärker als ich und ich habe bis heute niemandem von ihm erzählt, aus Angst für verrückt gehalten zu werden.

Ich schlug meine Bettdecke zur Seite und setzte mich auf. Mir wurde schwindelig und schwarz vor Augen und ich brauchte eine Minute um mich wieder zu fangen. Als ich ins Badezimmer ging und in den Spiegel sah, starrte ein fünfzehnjähriges Mädchen mit verfilzten blonden Haaren und wildem, entschlossenen Blick zurück. Man konnte ihr ansehen, dass sie seit Wochen nichts vernünftiges mehr gegessen hatte und wie ausgemergelt sie war. Tiefe Augenringe durchschnitten ihre blasse Haut und ihre Rippen stachen unter ihrem Hemd hervor.

„Du musst dringend etwas Essen, Mädchen, oder wir gehen noch beide zu Grunde“, hörte ich Pan irgendwo in meinem Kopf murmeln. „Und wie soll ich das deiner Meinung nach anstellen? Soll ich auf die Straße gehen und den nächstbesten Bettler ausrauben?“ Ich konnte spüren, dass ich Pan verärgert hatte. Er hatte es nicht böse gemeint, aber ich war einfach nicht in der Stimmung, nett zu sein. Mein Gefühl wurde bestätigt, als eine Rasierklinge direkt vor mein Gesicht schwebte. Ich nahm sie vorsichtig in die Hand und legte sie an ihren Platz zurück. „Hör auf damit, du könntest noch jemanden verletzen.“ versuchte ich ihn zu besänftigen. „Oh nein, das wäre ja zu bedauerlich. Vielleicht trifft es ja eine Ratte, dann hätten wir wenigsten etwas zu Essen.“ Er war definitiv beleidigt. Ich musste schon wieder seufzen. Er konnte es einfach nicht lassen. Wie hatte ich es geschafft, fünfzehn Jahre mit ihm in meinem Kopf durchzuhalten? Wahrscheinlich habe ich schon vor Jahren meinen Verstand verloren.

Ich hörte leise Schritte auf der Treppe und beschloss, ebenfalls nach Unten zu gehen. Pan schwieg demonstrativ und verschanzte sich hinter einer Mauer in meinem Kopf. 'Ach mach doch was du willst', dachte ich mir als ich die Küche betrat. Als ich mich umdrehte, sah ich auch schon die Person, die mich die letzten Wochen dazu angetrieben hat, weiter zu machen. Meine kleine Schwester kam mit strahlenden Lächeln und wehendem Haar auf mich zu gerannt. Und ich stand nur da und schloss sie fest in meine Arme.
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