Glühende Asche

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12 Slash
H. G. Wells Myka Berring
20.10.2013
20.10.2013
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A/N: Auf dieser Website gibt es viel zu wenig Femslash. Schande über dich, FF.de.
Der One-Shot spielt nach einem fiktiven Serienende, das ich frei erfunden habe. Eventuell schreibe ich noch mehr darüber in einer anderen kurzen Fic. Ich bin auf dem neusten Stand der Serie (und ich weiß nicht, wie weit die Ausstrahlung im deutschen Fernsehen ist, die hab ich nie gesehen), also: Eventuell leichte Spoiler!

CW: Alkohol/emotionales Trinken (erwähnt), Character Death (erwähnt)

BGM: Stateless - Bloodstream
The spaces in between two minds and all the places they have been.

*


Das Feuer im Kamin war beinahe heruntergebrannt und tauchte den ansonsten dunklen Raum in einen warmen, rötlichen Schein. Auf dem Sofa schnarchten Artie und Pete leise im Sitzen, Schulter an Schulter, ansonsten regungslos, ihre Gesichter friedlich und unbewegt. Die Wohnzimmeruhr tickte leise. Die Ruhe war angenehm, denn es war keine leere Ruhe, in der einem jeder Gedanke viel zu laut erschien, nur eine, die einen nicht zur Wachsamkeit zwang.
Myka lehnte sich in ihrem Ledersessel zurück und rieb sich den schmerzhaft verspannten Nacken. Vielleicht sollte sie Steves Beispiel folgen und zu Bett gehen, aber obwohl ihr die Müdigkeit wie Blei in den Gliedern steckte, fühlte sie sich einfach nicht nach Schlaf. Seitdem sie das Warehouse hinter sich gelassen hatte, war die Stille ihres dunklen Zimmers, das kühle Laken auf ihrer Haut zu viel für sie. Sie hasste diesen Hurricane, diese rasende, wirbelnde Leere im Kopf auf halbem Wege zwischen Wachen und Träumen.
Am Tage konnte sie sich einbilden, dass nichts geschehen war, doch nachts gab es nichts, um das Loch in ihrem Herzen zu füllen. Nichts außer Hitze und Rauch, dem Knistern des Feuers und dem schalen Nachgeschmack von billigem Wein, der sie auch nicht zu trösten vermochte.
Myka unterdrückte ein Seufzen. Helena im Sessel ihr schräg gegenüber mochte zwar so still dasitzen wie eine Sphinx, aber sie war mindestens ebenso wachsam. Obwohl Myka so angestrengt in die Glut starrte, als versuchte sie, die Asche im Kopf wieder zu einem Holzscheit zusammenzufügen, spürte sie doch unablässig den Blick der anderen Frau auf sich.
Es machte sie ein wenig nervös, um ehrlich zu sein; nicht, weil sie sich in Helenas Nähe unwohl fühlte, sondern weil sie sich nicht sicher war, was sie mit der Situation anfangen sollte.
"Irgendetwas liegt dir auf dem Herzen", sagte Myka schließlich ohne den Blick zu heben. Obwohl sie sich bemühte, beiläufig zu klingen, zitterte ihre Stimme leicht vor Anspannung. "Spuck's aus."
"Oh? Denkst du?", wich Helena aus und Myka konnte das verkrampfte Lächeln, hinter dem sie sich versteckte, deutlich hören.
"Du schaust mich schon den ganzen Abend lang so an, als wolltest du irgendwas."
"Nun ... Es gibt ja sonst nichts, womit ich mir hier die Zeit vertreiben könnte. Und ich finde dich schlichtweg interessanter als das Kaminfeuer."
"Mich? Interessanter? Ach komm schon."
"Glaubst du mir etwa nicht?"
Myka schüttelte langsam den Kopf. "Ich sitze hier doch bloß."
"'Bloß' ist gut. Ich mag, wie sich deine Lippen bewegen, wenn du tief in Gedanken versunken bist. Und was du mit deinen Augenbrauen machst."
"Ich- ... was?" Instinktiv fasste sich Myka an die Stirn und zog mit der Spitze ihres Zeigefingers nacheinander beide Brauen nach, bevor sie sich wieder fasste. Sie räusperte sich verlegen. "Lenk' nicht vom Thema ab, Helena."
"Ich meine es aber", beharrte Helena. "Ich beobachte gerne die kleinen Macken und Gewohnheiten der Leute um mich herum. Wenn ich sie gut kenne, fühle ich mich gleich irgendwie ... zuhause."
Sie seufzte. "Ich habe das Gefühl vermisst", fügte sie wehmütig hinzu.
"Oh."
Myka brachte es endlich über sich, vom Kamin aufzuschauen. Ihr Blick traf Helenas. Die Augen der anderen Frau waren brennende Teergruben im Schein der Glut. "Was ist mit ... mit deiner Familie?"
Zögerlich hob Helena die Schultern.
"Die Realität ist uns dazwischen gekommen, schätze ich", gestand sie schließlich. Ihre Stimme war fest und sachlich, aber der schmerzerfüllte Zug um ihren Mund erzählte etwas anderes. "Wie es eben so ist ... Bei manchen Leuten verliebt man sich immer wieder in ihre Gewohnheiten, in jede noch so kleine Geste. Bei anderen akzeptiert man sie. Und bei einigen kann man sie nach einiger Zeit nicht mehr ertragen ... Ich musste einfach raus."
"Das tut mir leid."
"Nein, das muss es nicht. Solche Dinge passieren einfach. Und eigentlich ... Wie soll ich es sagen? Es war einfach nicht ich. Weißt du ..." Helena hob die Hand in einer unentschlossenen Geste und legte nachdenklich den Kopf zur Seite. "Wenn man sich verliebt, dann ist man bereit, an alles zu glauben. Ich habe geglaubt, dass ich etwas sein könnte, das ich nicht bin."
Die Worte trafen Myka unerwartet hart. Ihr Magen verknotete sich schmerzhaft. Sie wollte etwas sagen, doch ihr Mund war mit einem Mal wie ausgetrocknet. Musste am Rauch liegen.
"Es ist schon merkwürdig", erzählte Helena weiter, ein wenig zögerlich, beinahe verlegen. "Mein ganzes Leben lang habe ich mein Herz verschenkt, ohne groß darüber nachzudenken, und so manche Liebschaft hat sich hinterher als Enttäuschung entpuppt, aber ich hatte noch nie zuvor das Gefühl, mich in eine Idee verliebt zu haben anstatt in einen Menschen. Eines Tages ist mir klar geworden, dass es auch jeder andere Mann, jede andere Familie hätte sein können. Und das wollte ich weder den beiden noch mir selbst antun."
"Verstehe." Myka nickte unsicher. Sie hatte nie bewusst darüber nachgedacht, wie unterschiedlich sie und Helena in dieser Hinsicht waren. Myka hatte ihr Herz immer weggeschlossen und mit wenigen Ausnahmen waren alle ihre Beziehungen so gewesen wie die, vor der Helena weggelaufen war, weil sie die Oberflächlichkeit nicht länger ertragen hatte.
So sehr sie es auch versuchte, Myka konnte sich nicht vorstellen, wie es wohl wäre, sich vollständig und leidenschaftlich hinzugeben, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Zu lieben, einfach weil sie es konnte. Herzen zu brechen. Sich ihr Herz brechen zu lassen. Ohne Angst. Ohne Reue.
"Darf ich dich etwas fragen, Helena?"
"Nur zu."
Myka wurde rot, aber sie schaffte es irgendwie, die Worte herauszupressen, ohne sich etwas anmerken zu lassen. "Wünschst du dir manchmal, du hättest dein Leben anders gelebt?"
Helena überlegte einen Moment, dann schüttelte sie den Kopf.
"Nein, nicht wirklich. Ich meine, es gibt Dinge, von denen ich mir wünschte, sie wären anders gelaufen, aber ich bin froh darüber, dass ich immer kompromisslos so gelebt habe, wie ich es wollte. Ich habe nichts verpasst."
Sie machte eine kurze Pause, dann fuhr sie fort: "Andererseits bin ich längst noch nicht so alt, wie ich mich manchmal fühle, verstehst du? Dann denke ich schon darüber nach, wie es wäre, mein Leben jetzt zu ändern. Versprechen zu machen und zu halten. Mich an jemanden zu binden. Mich einer Aufgabe zu verschreiben anstatt hunderten. Aber bisher hat das nicht wirklich geklappt. Ich glaube, deswegen mag ich die Arbeit als Warehouse-Agent so sehr - sie gibt mir Halt, fordert mich aber auch jeden Tag aufs Neue heraus. Wenn ich mich jemandem niederließe, dann mit jemanden, der mir das auch bieten kann."
"Bist du deswegen zurückgekommen? Der Arbeit wegen, meine ich."
"Was denkst du?" Ihr typisches enigmatisches Lächeln breitete sich auf Helenas Lippen aus, doch lag dieses Mal mehr als nur eine Spur Melancholie darin.
Schuld und Reue drückten Myka bei dem Anblick die Kehle zu.
"Es tut mir so leid, dass wir Warehouse 13 nicht retten konnten", sagte sie beklommen. Bei jeder Silbe drohte ihre Stimme zu brechen. "Wir haben es versucht, wirklich ... aber wir konnten nur Schadensbegrenzung betreiben."
"Ich weiß. Ihr habt euer Bestes gegeben, da bin ich mir sicher. Hauptsache, ihr seid alle wohlauf. Bis auf ..." Anstatt den Satz zu beenden senkte Helena bloß betrübt den Kopf.
"Es ist nicht mehr dasselbe ohne sie", flüsterte Myka.
"Das ist es wirklich nicht."
Beide Frauen schwiegen eine Weile.
"Mir ist nie bewusst gewesen, wie sehr ich euch als meine Familie ansehe", brach Helena schließlich die Stille. "Aber so ist es. Ihr seid meine Familie. Ich will mich wirklich nicht bei euch dazwischen drängen, glaub mir, nichts liegt mir ferner, aber es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an euch gedacht hätte."
"Ich kann nicht für die Anderen sprechen, aber ich habe dich auch vermisst", gestand Myka und spürte, wie ihre Wangen noch heißer wurden. "Ich meine, du gehörst hierher. Zu uns. Was auch immer jetzt aus uns wird. Uns ewig in diesem Ferienhaus verstecken können wir ja immerhin nicht."
Zuversichtlich lächelte Helena sie an. "Uns wird schon etwas einfallen."
"Bist du dir sicher?"
Helena beugte sich nach vorne und legte ihre Hand auf Mykas. Ihre Haut war weich und warm. Ein Schauer lief Myka den Rücken herunter. Ihr Herz fing an zu rasen. Nervös biss sie sich auf die Zunge, um jede ungewollte Reaktion, die in ihre darum bettelte, herausgelassen zu werden, zu unterdrücken.
"Ich glaube fest daran", beharrte Helena.
Und bevor Myka wirklich wusste, wie ihr geschah, war Helenas Gesicht so nah bei ihrem, dass es ihr den Atem verschlug.
Sie spürte Helenas Hand auf ihrer Wange, Helenas Stirn an ihrer Stirn, Helenas Lippen auf ihren Lippen - sanft, tröstend, hoffnungsvoll. Fragend. Ein zaghaft angedeutetes Versprechen.
"Wenn man sich verliebt, kann man alles glauben", flüsterte Helena und senkte zugleich schüchtern und kokett den Blick.
Myka vergrub die Hand in ihrem Haar und zog sie näher.
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