Wo laute Wasser fallen

von Goldberry
GeschichteMystery, Romanze / P12 Slash
Elrond Erestor Glorfindel Lindir
20.10.2013
20.10.2019
23
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Wo laute Wasser fallen



1. Kapitel


Grimmig.

Das war das erste Wort, das Erestor durch den Kopf schoss, als der blonde Krieger von seinem Pferd stieg.

Zugegeben, ein gewisses Maß an Grimmigkeit konnte man von einem Lord und Krieger wohl erwarten, seiner Erfahrung nach jedenfalls. Von einem Lord und Krieger, der sich mit einem Balrog angelegt hatte, erst recht. Doch wenn er das, was er aus Liedern über Lord Glorfindel vom Haus der Goldenen Blume wusste, mit dem Mann verglich, der nun vor ihm stand, konnte er nur zu einem Ergebnis kommen:

Die Wirklichkeit war enttäuschend.

Das war umso gräßlicher, weil in diesem Moment Elrond auf den Neuankömmling zutrat und ihn mit den Worten begrüßte: „Lord Glorfindel, es ist uns eine große Freude und Ehre, Euch in Imladris willkommen heißen zu dürfen. Ich bin Elrond, Herr des Tales, und dies ist mein Stellvertreter Lord Erestor. Er wird sich Eurer annehmen, bis Ihr Euch hier eingelebt habt.“

Unwillkürlich zog Erestor die Schultern zusammen, als ihn ein kalter Blick traf, doch er straffte sie schnell wieder. Der Mann hatte eine lange Reise hinter sich, es war verständlich, dass er wenig Lust auf Formalia empfand. Er räusperte sich. „Lord Glorfindel, herzlich will-“

Der Blick wandte sich von ihm ab und dem Pferd zu, das seinem Herrn begeistert im Gesicht herumschnoberte.
So hatten sie sich das nicht vorgestellt.




Sie saßen alle bereits um ihren üblichen Tisch herum, als er sich endlich in die Halle des Feuers getraut hatte. Ferithil winkte ihn bereits von weitem zu einem freien Platz und Erestor folgte der Aufforderung mit zusammengebissenen Zähnen. Nun schlug die Stunde der Wahrheit. Nun würde er seinen Freunden Bericht erstatten müssen – und wenn er das richtig einschätzte, halb Imladris noch dazu. Jedenfalls hatte er die Halle selten in letzter Zeit so voll gesehen, und die Blicke, die sich auf ihn richteten, voller Neugier und Spannung, sprachen  ihre eigene Sprache.

„Und?“

So drängend und eifrig, wie die Frage ausgesprochen wurde, waren auch die Gesichter, mit denen Erestor sich konfrontiert sah. Seufzend ließ er sich auf den freien Platz neben Ferithil sinken und stützte das Kinn in die Hände. „Die Haare sind genau wie erwartet.“

Verblüfftes Schweigen kommentierte seine trockene Aussage.

Diesem folgte gleich darauf schallendes Gelächter. „Jetzt wissen wir wenigstens gleich, was an unserem Neuankömmling es Erestor am meisten angetan hat!“, prustete Lindir und der Gemeinte verzog das Gesicht.

„Ja, doch das fiel dem Haar nicht weiter schwer. Es war so ziemlich das einzige an Lord Glorfindel, das gute Laune zu haben schien. Der Rest gab sich redlich Mühe, so grimmig wie möglich zu wirken.“

Erneut wurde es ruhig, als Erestors Worte bei seiner Zuhörerschaft ankamen. Ratlose Blicke wurden getauscht, bis doch endlich einer fragte: „Was meinst du damit? Ist er nicht Lord Glorfindel, der Balrogtöter?“

Er wählte die nächsten Worte mit Bedacht: „Wenn er der Lord Glorfindel ist, der in den Liedern besungen wird, gibt er sich redlich Mühe, seinem Ruf nicht zu entsprechen.“ Ein wenig schlechtes Gewissen meldete sich, dass er hier schlecht über einen Elb redete, den er noch keinen Tag lang kannte. Doch Erestor war selbst hochgradig enttäuscht – vor allem über das offensichtliche Desinteresse, das der Lord an seiner Umgebung gezeigt hatte. Seine Gemächer, deren Einrichtung Erestor höchstpersönlich überwacht hatte, hatte er exakt zwei Sekunden lang in Augenschein genommen, bevor er sich weg gedreht hatte und wieder nach draußen gehastet war. Erestor hatte nicht gewusst, wie er reagieren sollte. Als er sich zum Fragen entschlossen hatte, war nur ein Name gefallen: „Asfaloth.“

Das Pferd war selbstverständlich gut versorgt worden. Das hatte Lord Glorfindel jedoch nicht interessiert. Erestor hatte unsicher neben der Box gestanden, während der Lord drinnen mit Stroh raschelte, bis schließlich ein grobes „Habt Ihr keine anderen Aufgaben?“ kam. Verblüfft hatte Erestor etwas davon gestammelt, dass er beauftragt worden war, dem fremden Lord das Tal zu zeigen.

Schnauben war die Antwort darauf gewesen und er war in wütendes Schweigen verfallen. Er hatte andere Aufgaben. Diese waren lediglich von der Priorität unter Lord Glorfindel eingestuft worden. Doch er konnte sich unmöglich einfach umdrehen und gehen. Lord Elrond hatte ihm eingeschärft, in Glorfindels Nähe zu bleiben, falls der Neuankömmling Fragen haben oder etwas benötigen sollte.

Also war er geblieben. So lange, bis der Abend herein gebrochen war und ihm nichts anderes übrig geblieben war, als den Lord wieder zurück zu seinen Gemächern zu begleiten.

Und dann hierher zu kommen.

Er seufzte und kehrte in die Wirklichkeit zurück. Die anderen hatten sich noch nicht gerührt, sondern starrten ihn an. „Was sollen wir daraus machen?“, fragte Lindir schließlich verwirrt.

Nun gewann Erestors Gewissen die Oberhand. Er würde nichts mehr sagen – und vielleicht war die schlechte Laune des Lords ja auch bis morgen verflogen. Mühsam zwang er sich zu einem Lächeln. „Ach, ist schon in Ordnung. Vergesst einfach, was ich gesagt habe. Er war erschöpft von der langen Reise. Dafür wird man Verständnis haben müssen. Ich bin mir nicht sicher, ob er uns morgen überhaupt mit seiner Anwesenheit beehren wird.“

„Das Festmahl wird nur zu seinen Ehren ausgerichtet!“, protestierte Ferithil empört. „Er ist ein Lord und ein Krieger, so anstrengend kann die Reise für ihn gar nicht gewesen sein!“

„Ach, glaubst du, dass unsere Lords im Gegensatz zu uns keine Erschöpfung und Müdigkeit empfinden können?“, spottete Lindir gutmütig und Gelächter antwortete, während Ferithil die Augen verdrehte und Erestor sein Glas hinschob.

„Dann erzähl wenigstens, wie er auf seine Räume reagiert hat. Du hast dir solche Mühe gemacht, sie auszustatten.“

Erestor wog seine Möglichkeiten ab und räusperte sich leise. „Ich denke, Lord Glorfindel war zu erschöpft, um sich lange auf die Einrichtung konzentrieren zu können.“

„Er muss ja wirklich nachgelassen haben, seit er den Balrog getötet hat!“, rief jemand aus dem Hintergrund und erneut wurde gelacht. Erestor lächelte mit und bemerkte den forschenden Blick, den Lindir ihm schenkte, erst, als er zufällig in seine Richtung sah. Hastig blickte er in sein Glas, setzte es an und trank es aus.

„Ich denke, es wird Zeit, dass ich Airondis abhole. Vielen Dank für das Bier.“

Hoffentlich täuschte er sich nicht und Glorfindel war heute wirklich nur aus Müdigkeit so ... unzugänglich gewesen.

„Erestor!“, protestierte Maethbron und zog ihn wieder zurück auf die Bank, unterstützt von Ferithil.

„Lieber Erestor, Airondis kann warten, bis du uns noch ein wenig mehr erzählt hast. Sie wird sicher verstehen, dass du uns erst ausführlich berichten musst. Also: Was hat er gefragt?“

‚Nichts‛, wollte Erestor antworten, ‚rein gar nichts.‛

Sein Mund sagte: „Er hat sich nach den Ställen erkundigt. Er scheint sein Pferd sehr zu lieben.“

„Was für ein Pferd ist es?“, rief jemand und er fragte sich einen Augenblick lang, ob diese Frage wirklich so wichtig war. „Ein Schimmel. Ein sehr schönes Tier.“

„Doroner, du weißt doch, dass du Erestor gar nicht nach Pferden zu fragen brauchst! Er kann doch gerade mal an der Farbe unterscheiden, ob es ein Schimmel oder ein Rappe ist!“ Lindirs Übermut brachte erneut die Versammelten zum Lachen und Erestor bemühte sich, mitzulachen und den Widerspruch zwischen Lindirs Worten und dessen Blick zu ignorieren.

„Es ist ein Hengst, er heißt Asfaloth“, fügte er noch hinzu, und da er ohnehin dabei war, gab er eine genaue Beschreibung der Kleidung des fremden Lords.

Es hätte ihn nicht verwundern sollen, dass diese Informationen sofort zu heftigen Diskussionen führten, von woher die Kleidung stammen mochte und ob sie wohl die gleiche sein war, die Lord Glorfindel zum Zeitpunkt seines Todes getragen hatte.

Es hätte ihn wirklich nicht verwundern sollen.

Er schreckte auf, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. „Erestor, ich glaube, so langsam wird es wirklich Zeit, Airondis abzuholen“,  hörte er Lindir sagen und blickte hoch. Sein Freund lächelte ihm zu. „Ich gehe mit dir zusammen.“

„Aber-!“, protestierte Ferithil und wurde von einer Hand auf ihren Lippen zum Schweigen gebracht. Missmutig starrte sie Belegron an. „Morgen hast du einen besonders großen Stapel zum Abschreiben auf deinem Tisch!“, drohte sie finster und durch die Hand gedämpft und der Jüngere lachte.

„Idhor wird mir sicher helfen. Nicht wahr, Idhor?“

Der stille junge Mann drehte sich zu ihnen, nickte kurz und wandte sich wieder Feriar zu, der sich lebhaft mit Mirfuin stritt. Erestor fühlte die Hand und folgte ihrem Ziehen. Ferithil machte sich von Belegron los und winkte lachend. „Grüß Airondis von mir, Erestor! Und vergiss nicht, dass wir uns morgen wieder in der Mittagspause treffen!“

Dann waren sie auch schon aus der Halle heraus und liefen stumm die Stufen herunter, die aus dem Haus in die schmalen Straßen Imladris’ führten.

„Hat er dich schlecht behandelt, Erestor?“

„Hätte er das tun sollen?“

Lindir schnaubte. „Restor, wir wissen alle, dass du wunderbar ausweichende Antworten geben kannst, doch ich will eine ehrliche. Also, hat er dich schlecht behandelt?“

Er zögerte.. „Nicht … direkt.“

„Sondern?“

Ein leises Seufzen erlaubte er sich. „Lord Glorfindel hatte kaum für etwas anderes Augen als für sein Pferd. Lord Elrond scheint noch sein Wohlwollen gefunden zu haben, doch ich war … uninteressant.“

Lindir schwieg, bis sie an der Gabelung ankamen, an der sie  sich für gewöhnlich trennten. Dort drückte er kurz Erestors Schulter und legte die Stirn an seine. „Er ist alt. Und wenige von den Alten sind so nett und freundlich wie Lord Elrond.“

„Ich weiß“, flüsterte Erestor.



Er hörte den Bruinen im Hintergrund rauschen, als er zu Dinethars Haus schritt, schauderte leicht und zog sich den Umhang enger um die Schultern. Dinethar öffnete auf das Klopfen hin sofort und lächelte ihn an. Gillos schlief auf ihrem Arm und er dämpfte seine Stimme, als er sie begrüßte: „Guten Abend, Dinethar. Ich wollte Airondis abholen. Ich hoffe, es ging heute alles gut?“

„Natürlich.“ Das Lächeln wurde noch ein wenig wärmer. „Allerdings, Lord Erestor – Airondis ist in Gillos’ Zimmer eingeschlafen. Wollt Ihr sie nicht über Nacht hier lassen?“

Er war versucht, heftig den Kopf zu schütteln, unterließ es dann aber. „Dinethar, ich bin dir sehr dankbar, dass du überhaupt auf sie aufpasst, ich will sie dir nicht auch noch über Nacht aufbürden – sie hat nicht mal ein Nachtgewand dabei.“

„Ich habe ihr eines von mir geliehen, als ich gemerkt habe, dass sie müde wird“, antwortete die junge Mutter sofort und ihre Augen wurden weich. „Lord Erestor, wirklich, es bereitet mir gar keine Mühe. Fuingael ist nicht da und ich fühle mich ohnehin etwas allein mit Gillos. Ihr würdet mir eine Freude machen, wenn ich Airondis hier behalten dürfte.“

Erestor biss sich auf die Lippe. „Manchmal spricht sie des Nachts, Dinethar. Oder schreit sogar. Ich möchte nicht, dass du -“

„Sie schläft ganz friedlich! Wollt Ihr sie sehen?“

Innerlich seufzend folgte er ihr ins Innere des Hauses zum Zimmer des kleinen Jungen, trat ans Bett und blickte auf den dunklen Schopf hinunter, so ähnlich seinem eigenen, wenn er den anderen glauben durfte. Sanft strich er eine Strähne beiseite und betrachtete das friedliche Gesicht. Nein, eigentlich deutete nichts darauf hin, dass Airondis heute Nacht Alpträume bekommen würde…

„Ich will dir die Verantwortung nicht aufbürden, Dinethar“, sagte er, ohne den Blick von der Schlafenden abzuwenden. Sie trat neben ihn und räusperte sich leise.

„Lord – Erestor, du siehst müde aus“, murmelte sie, unsicher. Es übertrug sich auf ihn, doch er machte keine Einwände gegen die eigentlich viel zu vertraute Anrede. „Ich verspreche dir, ich passe auf sie auf. Gut. Du warst doch den ganzen Tag mit Lord Glorfindel unterwegs, nicht wahr? Du bist sicher sehr müde. Geh und leg dich schlafen. Ich kümmere mich um Airondis.“

Er gab sich geschlagen. Ruhe würde ihm gut tun. Diesen Tag, diesen Fremden musste er erst einmal verdauen.

„Dinethar, versprich mir, dass du sofort nach mir schicken lässt, wenn sie etwas tut, ja?“

„Natürlich, Lord Erestor.“ Dinethars Lächeln war beruhigend, selbstsicher, doch der kleine Rest Unsicherheit blieb. Doch Erestor wischte ihn beiseite; es mochte Glorfindel sein, der Schuld daran war.

„Ich stehe in deiner Schuld, Dinethar. Bitte, wenn du etwas brauchst, du musst es nur sagen.“

„Ihr tut genug für uns alle, Erestor. Schlaft gut.“

„Schlaft gut, Dinethar.“ Er zögerte, dann strich er dem Kind über den Kopf. „Gute Nacht, Gillos.“

Bis auf den Bruinen war es still in Imladris, als er zu seinem Haus wanderte. Vor der Haustür blieb er stehen, legte den Kopf in den Nacken und versuchte, die Sterne zu sehen, doch der Himmel war bewölkt. Nicht ungewöhnlich, jetzt, im Spätherbst, doch …

Eine Nacht Schlaf würde ihm gut tun.

Entschlossen schüttelte er die Gedanken ab und trat ein.



Das ist die erste längere Geschichte, die ich online stelle. Bisher habe ich es meistens gelassen weil ich unregelmäßig schreibe, dazu neige Geschichten auch mal schnell wieder zu löschen und nicht immer Zeit dafür habe, aber eine gute Freundin (Taliken) hat mir gut zugeredet und hilft im Hintergrund mit Schreibberatung und Korrekturen (vor  allem mit Kommas und Formulierungen).
Aber wenn ihr mir sagen wollt was ihr denkt - nur zu!
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