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One Shot Sammlung zu Nathan und seine Kinder

von Majle
KurzgeschichteAllgemein / P12 / Gen
18.10.2013
22.10.2013
2
2.150
 
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18.10.2013 1.186
 
Hallo an alle, die diese One Shot Sammlung tatsächlcih angeklickt haben! :)
Diesen Brief hatte ich für die Schule geschrieben. Wir sollten ein Brief von Nathan an Daja schreiben, den sie kurz nach seinem Tod erhält. Die Aufgabe lautete in etwa so:
Recha hat von Daja erfahren, dass Nathan nicht ihr leiblich Vater ist. Nathan führt mit Recha ein langes Gespräch, in dem er ihr alles erklärt. Mit Daja redet er nicht. Er enttschließt sich ihr einen Brief zu schreiben.

So jetzt gehts los! :) Ich würde mich Wahnsinnig über Reviews freuen! :)

***

Jerusalem, 1192

Liebe Daja,

für dich ist es wohl schwer zu verstehen, warum ich Recha nichts von ihrer Herkunft erzählt habe. Ich möchte versuchen, es dir mit diesem Brief zu erklären. Du musst die ganze Geschichte kennen, damit du mich verstehen kannst. Darum werde ich sie dir hier erzählen:

Alles fängt vor fast 18 Jahren an. Als ich mit Elijahu, der erst seit ein paar Monaten bei mir war, von einer langen Reise zurück nach Gath kam, fand ich das Haus meiner Familie völlig zerstört vor. Kreuzfahrer hatten es niedergebrannt. Genauso wie viele andere jüdischen Häuser auch. Es war mitten in der Nacht gewesen und im kalten Mondlicht konnte man noch deutlich die dünnen Rauchfäden und die Rußspuren erkennen. Die Kreuzfahrer waren nach der Niederlage gegen Saladin losgezogen und hatten nicht einfach nur unsere Häuser niedergebrannt. Nein! Sie haben die Türen versperrt und keinen rausgelassen! Meine Frau, meine sieben Söhne, mein Bruder und alle Knechte und Mägde sind in den Flammen gestorben. Bei lebendigem Leib verbrannt. Als ich das Haus sah und von meinem Nachbarn erfuhr, wer das gewesen war, überwältigte mich solch ein brennender Schmerz und Verzweiflung! Das kannst du dir gar nicht vorstellen, Daja.
Ich war wie von Sinnen. Meine Nachbarn versuchten, mich festzuhalten und redeten auf mich ein. Doch es spielte nichts mehr eine Rolle für mich… Alles, was ich noch wollte, war blutige Rache. Ich schwor den Christen ewigen, unversöhnlichen Hass. Ich verfluchte sie.
Es dauerte viele Stunden bis ich mich einiger Maßen beruhigt hatte. Meine Nachbar hielten mich fest, so dass ich mich nicht auf den nächsten Christen stürzte, um mich zu rächen.
Du fragst dich jetzt sicherlich, warum ich heute so ganz anders bin. Warum ich meine Einstellung so grundlegend und radikal geändert habe.
Während den sieben Trauertagen, den Schiwa, hatte ich sehr, sehr viel Zeit zum Nachdenken. Es kamen viele Leute zu mir, um mir ihr Beileid auszuschütten, doch ich bemerkte keinen von ihnen. Zu sehr war ich in meiner Trauer, meinem Schmerz, meiner Verzweiflung und meinen Gedanken gefangen.
Ich weiß, dass Jochanan geholt wurde. Ein sehr kluger Rabbi, der leider schon viele Jahre lang nicht mehr unter uns ist. Er sagte, dass man mich binden und einsperren solle, bevor ich mich selbst und die Anderen in Gefahr bringen würde. Hätte ich nämlich auch nur einem einzigen Christen ein Haar gekrümmt, hätten sicher viele Juden unter der Rache der Christen gelitten. Nicht nur ich.
Das ist auch einer der Gründe, warum ich das mit der Rache versucht habe zu unterlassen.
Sonst weiß ich nur noch, dass Menachem – ein gelehrter Arzt und Heiler, außerdem ein Freund von mir – und seine Frau Esther uns, also Elijahu und mich, aufgenommen und uns versorgt haben.
Nach den sieben Trauertagen kam ein Klosterbruder zu Menachem und verlangte nach mir. Ich wusste nicht, was er von mir wollte. Eigentlich wäre ich gerne alleine gewesen, doch als ich das kleine Bündel in den Armen des fremden Mannes sah, regte sich etwas in meiner Brust. Ich glaube, es war ein kleiner Funken Hoffnung und vor allem Dankbarkeit!
Der Klosterbruder übergab es mir ohne große Erklärungen. Ich sollte mich nur gut um das kleine Mädchen kümmern.
Für mich war das ein Zeichen! Ich hatte von Gott eins für sieben bekommen. „Bei Gott ist Weisheit und Gewalt, sein ist Rat und Verstand“, so steht es geschrieben.
Auch wenn sich das vielleicht merkwürdig anhört, ich war in diesem Moment wieder glücklich! Ich konnte die Tränen nicht länger zurück halten.
Das kleine Mädchen in meinen Armen gab mir wieder Hoffnung, Daja! Ich hatte wieder etwas, wofür es sich zu leben lohnte! Dafür war ich unendlich dankbar!
Ich gab ihr den Namen Recha, weil meine Frau sich immer eine Tochter mit diesem Namen gewünscht hatte.
Mit Recha verflogen auch meine Rachegedanken, Verfluchungen und mein Hass auf die Christen fast ganz. Immerhin hatte ein Klosterbruder, also ein Christ, sie mir gebracht. Das war wohl der Moment, in dem ich beschloss, dass jede Religion eine Chance verdient hatte. Überall gibt es gute und schlechte Menschen. Das kann man nicht an der Religion festmachen!
Ich zeigte Recha Elijahu, der natürlich genaueres wissen wollte, aber ich wusste ja auch nicht viel über diesen Säugling und das war für mich in diesem Moment auch überhaupt nicht wichtig. Wichtig war nur, dass Recha da war!
Deswegen schwieg ich.
Danach zog ich mit Recha und Elijahu, der mir immer treu beigestanden und sehr geholfen hat, nach Jerusalem. Dort traf ich dann dich, nahm dich als Amme für Recha bei mir auf und richtete unser jetziges Haus ein.
Ich wollte ein neues Leben beginnen, den Schmerz und meinen Verlust vergessen. Doch es ist eine Lüge zu sagen, dass Zeit jeden Schmerz heilen würde. Sie deckt ihn lediglich zu, jeder Zeit bereit aufs Neue zu schmerzen und einem den Boden zu entziehen. Zeit kann nicht heilen, sie schenkt kein vergessen und ist kein tröstlicher Freund. Sie ist hinterhältig und lässt einen denken man wäre in Sicherheit, doch sie ist wie trügerischer Treibsand, der einen ganz plötzlich versinken lässt.
Ich denke jeden Tag an das, was war. Ich durchlebe jeden Tag aufs Neue die selben Erinnerungen, den selben Schmerz.
Jetzt fragst du dich sicher, warum ich nie darüber rede. Elijahu hat mich das auch schon gefragt.
Weißt du, Daja, dieses Leid gehört mir. Es kostet mich immer noch viel Kraft nicht Wahnsinnig zu werden. Jeden Tag kämpfe ich um meine Vernunft. Mein Leid wird nicht kleiner, wenn ich darüber spreche. Außerdem möchte ich nicht, dass mein Leid zum Gespött meiner Feinde wird oder dass sie es als Waffe gegen mich verwenden.
Liebe ist ein starkes Band, Daja, manchmal sogar stärker als Blut. Das habe ich auch Recha gesagt. Als ich von Hebron zurückgekommen bin, habe ich ihr das alles erzählt.
Ich bin sehr froh, dass sie mich verstanden hat und ich für sie ihr Vater bleibe. Ich hatte schon die Befürchtung, dass ich sie verloren hätte. Das ist wohl auch ein Grund, warum ich Recha bisher nichts gesagt habe. Ich hatte einfach Angst vor ihrer Reaktion. Immerhin liebe ich sie genauso wie meine Söhne zuvor, so wie eine leibliche Tochter. Ich hätte es nicht verkraftet, wenn sie mich weggestoßen hätte. Sie ist alles, was mir wichtig ist. Darum bitte ich dich jetzt auch: Wenn du irgendetwas hast, dann komm bitte erst zu mir, Daja!
Es hat mich wirklich tief getroffen, dass du scheinbar an mir gezweifelt hast. Ich hoffe, dass mit diesem Brief deine Zweifel verflogen sind und du mich jetzt auch verstehst.
Zum Schluss möchte ich dir aber auch noch danken, dass du dich immer so liebevoll um Recha kümmerst.

Nathan
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