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A Walk On Earth

GeschichteSci-Fi / P16 / Gen
16.10.2013
29.07.2014
32
46.449
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16.10.2013 1.721
 
(vorletztes chapter einer langen Reise..)


Es war eine Kleinstadt, verlassen und tonnenweise zugemüllt wie all die Orte zuvor. Der Ort lag nur wenige Kilometer von dem alten Fabriksgelände, und der unterirdischen Hölle mit all seinen Käfigen, entfernt. Als wir, eine kleine Truppe von Entflohenen, den Wald verlassen hatten, marschierten wir noch zwei weitere Stunden südwärts.
Pope legte ein deftiges Tempo vor. Ich konnte gar nicht nachvollziehen wieso er es so eilig hatte zurück zur zweiten Mass zu kommen. Klar, ich freute mich ebenso auf eine Dusche, frische Kleidung und eine etwas ausgewogenere Mahlzeite. Zumindest mein Körper freute sich darauf. Mein Kopf gönnte mir hingegen keine Ruhepause. Ununterbrochen musste ich an die letzten Bilder des sterbenden Skitters denken; wie sein Körper weggeätzt wurde und der Boden unter ihm versank. Es könnte eine harte Schlacht auf uns zu kommen. Die Rebellenskitter haben das unterirdische Gelände der Slenders zwar zum Einsturz gebracht, doch die Fischköpfe würden nicht aufgeben. So wenig wie wir Menschen, meinte eine einsiedlerische und überlebenswillige Stimme in mir.
„Hey.“
Hal stieß mich in die Seite und versuchte meinen verlorenen Blick aufzufangen. Er holte mich in die Gegenwart zurück. Ich nickte und beim Vorbeigehen begutachtete ich die liegengebliebenen Autos und Lastkraftwagen. Beim Betreten der Stadtgrenze fanden wir niedergemähte Zäune, verwilderte Gärten und zerstörte Spielplätze wieder. Je näher wir uns dem Zentrum der Kleinstadt befanden, desto stärker wurde der stehende Geruch von Moder, Müll und Tod. Kein einziger Baum schien hier zu existieren und die Luft filtern zu wollen.
Pope und seine beiden Begleiter hatten ihre Zweiräder aus einem Waschsalon gezogen. Ich rechnete Maggie die Idee zu, die fahrbaren Untersätze zu verstecken. Selbst in dieser kurzen Zeit hätten herumstreunende Geister die Motorräder klauen oder kaputtschlagen können.
„Und der Rest?“ Ich stand an vorderster Front, hinter mir ermüdete Kämpfer und Rover, der sich langsam an mir vorbeibewegte. Die Gerüche behagten ihm nicht und er wollte nicht an dieser Stelle verweilen. Ich beobachtete Maggie, wie sie eine scheinbar lockere Schraube nachzog, und wartete auf eine Antwort.
„Der Rest der Truppe brauchte auch ein Gefährt.“ Es war Liam, der sich nun neben mich stellte und meines Erachtens seine Worte etwas kalt und hart fallen ließ. Ein kurzer Seitenblick genügte um zu sehen wie müde und ausgehungert auch dieser Soldat wirkte. Wobei ich Liam schon des Öfteren unterschätzt hatte. Wahrscheinlich könnte er die gesamte Tortur von Einsperren, Ausbrechen und Schlacht gewinnen erneut durchmachen. Jetzt sofort.
Pope sah zu Maggie, die mich weiterhin ignorierte und sich dieser verflixt lockeren Schraube widmete. Schließlich schleuderte Pope undeutlich ein paar Schimpfwörter heraus und ließ von seinem Motorrad ab. Während die Truppe die Straße entlang gingen, hielten wir die Augen für Transportmittel offen, für Nahrung oder heranschleichende Gefahr.
Wir durften jetzt nicht unvorsichtig sein, da hatte Hal Recht. Ich musterte ein paar der anderen Kämpfer, die wir aus den Käfigen befreit und die mit uns wortwörtlich in die Schlacht gelaufen sind. Die meisten genossen die Gesellschaft, die Freiheit. Die frische Luft. Naja, nicht unbedingt die frische Luft, aber in jedem Fall den Blick zum Himmel. Ich fragte mich, wie lange jeder von ihnen in dem Untergeschoß der Fabrik eingesperrt gewesen war.

Es war der muskulöse Bär mit den uneben rasierten Stoppeln am Schädel. Die Klinge baumelte an seinem Gürtel. Er verließ uns als erster. Zurück zu seiner ‚Bande‘ müsse er. In den Westen, sein Zielort sei nur einige Tagesmärsche entfernt. Ein Zweiter schloss sich ihm an.
Meine Füße verharrten, Rover schmiegte sich an mich. Ich sah den beiden Männern am längsten nach, wie sie in einem verklärt romantischen Licht die Straße gen Westen marschierten. Lange Schatten hinter ihnen, auf einer verdreckte Straße, die mit Müllsäcken und Kleinstteilen übersät war. Hal wartete ein paar Meter entfernt auf mich. Wortlos schloss ich zu ihm auf und wortlos folgten wir den anderen als Schlusslicht.

„Was hat Ben gesagt?“
Flüchtig warf ich einen Blick zu Hal, da mir die Konsequenz meiner Frage nicht sicher war. Doch Hal schien in typisch männlicher Manier damit umzugehen. Er freute sich sichtlich, dass sein Bruder noch lebte. Aber bloß keine Gefühle zeigen. Ben hatte sich den Rebellenskittern angeschlossen und unseren Trupp bereits nach dem Entkommen aus der Fabrik verlassen. Ben hat sich lediglich von Hal verabschiedet, meinte er sollen ihrem Dad berichten, dass es ihm gut ginge und dass er sich keine Sorgen machen solle.
„Nachdem wir Ben in dem Wald zurückgelassen hatten, hat er.. naja, er hat den Angriff des Skitters doch überlebt, er wollte uns bereits nachkommen. Wenn er nicht jemanden in einiger Entfernung auf ihn zukommen gehört hätte.“
Ich nickte. Ben hatte Pope, Maggie und den anderen Berserker vernommen. Die Antworten auf die vielen Fragen, die Hal und mir auf den Zungen lagen, waren sehr kurz angebunden. Doch aus ihren Wortfetzen konnte ich schließen, dass es Tom Masons Idee gewesen ist. Er hatte Pope in unsere Richtung getrieben. Und Dank des zufälligen Zusammentreffens mit Ben wussten sie noch genauer wohin die Reise ging.
Ich brauchte Pope gar nicht zu fragen, wieso ihn Tom Mason hierher geschickt hatte. Tom war Vater. Auch die Antwort, wieso Pope den Auftrag angenommen hatte, war mir klar. So wie ich Pope zumindest kennen gelernt habe. Dass John Pope ebenfalls Vater war, sollte mir erst in ein paar Monaten bei einer abendlichen Feier zu Ohren kommen. Pope würde an diesem Abend sehr aufgeschlossen sein, gut gelaunt und viel über seine Kinder reden. Doch an der heutigen Abenddämmerung, in dieser öden Kleinstadt, dachte ich, dass Pope den Auftrag angenommen hatte, weil er nichts anderes hat. Außer das gleiche Schicksal wie wir alle. Nirgends, wo man sonst hingegen könnte. Nur die Gegenwart, der Kampf gegen die Aliens, die ihm dieses freie Leben beschert haben. Wenn ich es nicht besser wüsste, war Pope die Invasion der Slenders sogar sehr recht.
„Das Knattern der Motorräder wurde immer deutlicher. Ben wartete ab. Wollte sehen, ob es sich um Freund oder Feind handelt.“
„Und dann kam Pope.“, fügte ich den Schilderungen von Hal grinsend zu.
Aus unerklärlichen Gründen schaffte es Pope beim Aussprechen seines Namens neben mir aufzutauchen. Liam hatte wohl die Spitze übernommen und Pope konnte sich zurückfallen lassen, bis er schließlich Hal und mein Gespräch belauschte.
Kultiviert wie mein selbsternannter Pirat war, warf er seinen Senf dazu. „Damit eines klar ist. Die Motorräder sind geliehen. Für unbestimmte Zeit natürlich.“
Ich lächelte vor mich hin. „Natürlich, Pope.“ Trotz der Erlebnisse, der Müdigkeit und des Hungers, keimte etwas Freude in mir auf. Ben lebte. Hal wich mir nicht von der Seite. Ich ihm ebenso nicht, wie ich unbewusst feststellte. Wir waren scheu den anderen gegenüber zu zeigen, was wir inmitten des Gefechtes in unseren Körpern verspürt haben. Aber nach wie vor lag ein unbeschreiblicher Energiefaden zwischen Hal und mir. Das Adrenalin war noch lange nicht abgebaut. Ich genoss es.

„Hey, Soldatenboy. Hier ist es!“
Pope schob sich an all den verdreckten Gestalten vorbei, bis zu Liam nach vorne. Das Garagentor war zu bessere Zeiten weiß angestrichen. Jetzt fand man Graffiti und ein paar Schusslöcher darauf. Dass Pope es überhaupt nach oben schieben konnte, wenn auch mit der wortlos dazukommenden Hilfe von Liam, hätte ich nie gedacht. Es krachte, quietschte und rastete lauthals ein. Ich blickte skeptisch als würde das Tor jeden Moment in Höchstgeschwindigkeit zu Boden rattern. Pope war zu einem fanatischen Jungen geworden als er den PickUp vorfand wie er es abgestellt hatte.
Maggie, der Berserker und Pope hatten das Gefährt zwischendurch aufgegabelt. Das Teil war mitten auf einem Waldweg gestanden, etwas Blut am Lenkrad sowie eine kaputte Fensterscheibe, die Pope gleichmal mit einem Fußtritt aus dem Rahmen getreten hatte.
„Ist halb voll, my dear!“, verkündete Pope und zeigte mir breit grinsend sein unverschämtes Lächeln, während er mir die Schlüssel entgegen warf. Ich fing sie noch in der Luft auf. Halb voll war besser als leer. Es war ein Wunder überhaupt diese Geste von Pope und Maggie zu erhalten. Ich schrieb es allerdings Maggie zu, dass sie an ein weitere Transportmittel für die Heimkehrenden gedacht hatte. Pope wäre sicher einfach wieder abgehauen mit seinem Motorrad. Naja, und klarerweise waren sie nicht an einer Tankstelle stehen geblieben, um einmal voll zu tanken. Das ist Vergangenheit.

Wir waren versammelt. Die die gehen wollte, konnten gehen. Der Rest machte es sich auf dem PickUp halbwegs gemütlich.
Maggie kam mit ihrem Bike zu uns. Sie setzte sich nicht nochmal ab, sondern wartete lediglich dass Pope und der andere Berserker mit ihren Motorrädern ankamen. Sie widmete Hal oder mir während dieser Wartezeit keinen Blick. Es ging Hal gut, darüber war sie sichtlich erleichtert. Ich war an seiner Seite, darüber war sie womöglich verletzt. Doch Maggie versteckte ihr Inneres mit gekonnter Raffinesse. Bloß als ich für einen kurzen Augenblick ihre Aufmerksamkeit bekam und ihr zunickte mit immenser Dankbarkeit in meinen Augen, Dankbar für ihre Hilfe, für ihren Kampfgeist – da erhellte ein warmes Lächeln ihr Gesicht und sie erwiderte mein Nicken. Gleichdarauf erlosch das Lächeln wieder. Pope ließ den Tourenzähler nach oben springen und hielt rauschend neben ihr an. Im nächsten Augenblick sah man ihre langen, blonden Haare im Fahrtwind zusammenkrausen. Bald darauf hörte man nur noch das Geräusch der Motoren, die der nach Nordosten gedrehte Wind noch einige Zeit lang zu uns brachte.

Rover gesellte sich zu Liam. Zu viele Menschen waren im nicht Geheuer und Liam strahlte eine immense Ruhe aus. Ich an seiner Stelle hätte mich verdeckt gehalten. Liam‘s Hand kraulte unbewusst über den Kopf des Rüden. Ich betrachtete die beiden nachdenklich. Mir war nicht klar, ob Liam bei der zweiten Mass bleiben würde. Innerliche Bedenken über eine unerfreuliche Antwort verhinderten, dass ich nachfragte.
Hal blickte sich um. Die Anzahl derer, die mit uns aus der Halle geflohen waren, betrug nur noch die Hälfte. Viele haben ihre eigenen Wege und Routen eingeschlagen, einige wollten sich unterwegs absetzten lassen. Nur ein kleiner Teil von zwei, vielleicht drei Männern, würde uns bis zum Endziel, zur zweiten Mass, begleiten.
Es war still geworden und irgendwie erwartete man von uns, Liam, Hal oder mir, die nächsten Anweisungen. Hal sah durch die Runde, nickte Liam zu, der gleichdarauf die Fahrerkabine des Pickup bestieg und den Motor startete.
„Lasst uns aufbrechen.“ Die Worte wirkten müde, aber bestimmend. Endlich hatten wir wieder ein Ziel vor Augen. Hal schnappte sich meine Hand und half mir auf den Pickup. Dai rutschte etwas zur Seite, und ich ließ mich auf das kalte Metall der Ladefläche nieder. Es ging heimwärts.
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