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A Walk On Earth

GeschichteSci-Fi / P16 / Gen
16.10.2013
29.07.2014
32
46.449
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16.10.2013 1.830
 
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Die schmierige Flüssigkeit verteilte sich nach allen Seiten. Skitterblut. Der Geruch war bestialisch, doch den Anblick des zu bodenfallenden Viechs hatte ich aus nächster Nähe erleben müssen. Ich schulterte meine MP 5 und steckte die Hände in die Hosentaschen.
Dai kam angelaufen.
„Noch ein Angriff. Das kann nur eines bedeuten.“
Ich blickte auf und nickte. „Wir nähern uns der vermeintlichen Fabrik. Der Hölle.“

Abgeschieden von Zivilisation. Mechs liefen umher, man hörte ihre Schritte. Das Donnern und Stampfen am Boden. Die Geräusche der Sensoren, wenn sie die Umgebung nach verdächtigen Dingen absuchten. Mir fiel auf, dass ich kein einziges Tier gesehen hatte. Es gab auch kaum mehr Insekten. Der Ort war extrem abgestorben. Getötet worden. Die Mechwachen mussten auf höchste Sensibilität, auf jede kleinste Bewegung angesetzt worden sein. Die Sicherheitsvorkehrungen ließen darauf schließen, dass an dem Gerücht, dem Grund unserer Wanderung, etwas dran sein musste. Es war gut, dass ich erfahrene Kämpfer an meiner Seite hatte und Rover die Gefahr instinktiv witterte. An diesem Ort wäre ein in die falsche Richtung zur falschen Zeit ausgespuckter Kaugummi wie das Drücken auf einen roten, fetten Alarmknopf. Tödlich.

Es knackten Äste und Blätter unter meinen Stiefeln, ein Kribbeln in meinen Fingern. Die Luftfeuchtigkeit war weg, der Boden völlig ausgetrocknet und karg. Dass wir uns im Norden befanden zeigte sich auch an der Überzahl der Nadelbäume in diesem Wald. Doch ansonsten hätte ich nicht sagen können welche Jahreszeit wir haben. Überhaupt fiel mir auf, dass ich weder Uhrzeit noch Tag oder Monat in meinem Kopf hatte.
Liam hatte stets Datum und Zeit parat, durchschoss es mich wie ein unvorhergesehener Blitz. Wie kam ich jetzt auf Liam? Mein geliebter Special Forces Typ. Ich schloss leicht die Augen, fühlte seine Geschenk, die MP 5, in meinen Händen, das Halstuch um meinen Nacken, dass mich schon oft gegen Kälte oder Staub geschützte hatte. Die Bilder wurde immer stärker, Liams Augen, seine geschickten und flinken Hände, seine Lippen, die mir eine Überlebensstrategie nach der anderen aufzählten; und der letzte Kampf, in welchem er mich fortgeschickt, in welchem ich ihn verloren habe.
Ich riss die Augen wieder auf. Fokussierung auf das Hier und Jetzt, Kate. Selbst seine lehrenden Worte saßen tief in meinem Ohr.

„Puh.“
Ein Laut und ein Dehnen von Hals und Schultern brachten mich aus meinem Tagtraum. Mit einem Seitenblick checkte ich ob Dai und Hal nach wie vor in meiner Nähe waren. Dai schritt hochkonzentriert seinen Pfad entlang. Ich linste nach hinten, wo Hal zwar aufmerksam aber müde hinterherschlenderte. Der Lauf seiner Waffe neigte weit gegen Boden, sehr weit nach unten. Er könnte sich beim nächsten Stolperer in den eigenen Fuß schießen. Ich blieb stehen und wartete bis Hal an mir vorbeigehen würde. Sein Blick verriet mir, dass er ebenfalls in Erinnerungen schwelgte. Ob er überlegte wie er seinem Vater das Ableben von Ben beibringen sollte?
Schlurf, schlurf, schlurf. Lose Blätter und Aststückchen wurden zur Seite geschleudert.
„Hal.“
Mit besorgter, aber vorwurfsvoller Tonlage machte ich auf meine Person aufmerksam. Hal schlenderte wortlos an mir vorbei.
„Hal!“
Ohne weiter zu überlegen packte ich ihn am Arm und zog ihn forsch zurück. Wie Napalm hatte sich die Wut von einer Sekunde auf die andere in mir ausgebreitet.
„Hal, du kannst so nicht weiter machen. Entweder du bleibst hier, oder du konzentrierst dich! Wenn du nicht einmal mehr die Kraft aufbringst deine Waffe hochzuhalten, bist du bloß eine Zielscheibe für diese… diese Alienmonster. Und das können Dai und ich nicht gebrauchen!“
Meine Augen blickten in die seine. Einmal rechts, einmal links. Keine Regung. Bloß ein leerer Blick. Wenn die Augen eines Menschen tatsächlich das Fenster zu seiner Seele sind, so musste sich Hal’s Seele verabschiedet haben. Es kam mir vor als würde ich mit einer Hülle reden. Einer leeren Plastikflasche. Die spürbare Energie von Leben, die mein lieber Hal sonst ausstrahlte, war weg. Irgendwo an dem Ort zurückgelassen, an welchem auch Ben zuletzt von uns gesehen wurde.

Meine Finger krallten sich an Hal’s Jacke fest. Verzweiflung sollte sich in mir breit machen, Sorge um diesen Menschen. Doch mein kämpferisches Blut ließ es nicht zu. Weiterhin wütend stieß ich Hal von mir.
„Die gesamte zweite Mass verlässt sich auf uns, du Egoist.“
Hal richtete seinen Kopf auf. Ein Schauer krabbelte über meinen Rücken als ich seine Stimme vernahm.
„Egoist?“ Völlig ruhig klang es aus seinem Mund, das Wort umhüllte mich mit unbändiger Kraft. Mein Rachen war ausgetrocknet. Ich konnte ihm nicht antworten.
„Du nennst mich einen Egoisten?“
Hal kam die paar Schritte auf mich zu, die ich ihn zuvor weggestoßen hatte. „Nachdem du und Dai meinen Bruder zurückgelassen haben? Du, die sich selbst als Einsiedlerin bezeichnet und immer wieder bestätigt, welch kaltherziges, brutales Wüstenei sie doch ist?“
Irgendwie brachte ich ein Schlucken zusammen, während meine Hände die Waffe fester und fester hielten, bis sich die Finger schon weißlich färbten.

- - - - - - - - -

Das Stückchen Holz kratzte über den Waldboden, geführt von der flinken Hand Dai’s. Wir hatten das Anwesen der Slenders einmal umrundet ohne weitere Vorkommnisse. Keine Skitter, keine Mechs sind uns über den Weg gelaufen. Als wir das Areal an der gleichen Ecke im Blickfeld hatten wie zuvor schlichen wir im Gänsemarsch durch den Wald bis zu einer in der Nähe gelegenen Lichtung. Es war eine gerodete Fläche. Baumstämme lagen herum, teils geschlichtet und übereinander gestapelt. Teilweise ragten kleine Baumsprossen aus dem Boden heraus. Alles in allem wirkte der von Wald umrundete Platz wie die letzte Einöde, in welche selbst Skitter nicht ihre Nase stecken wollten.

Ich hockte mich auf einen der dickeren Stämme und fummelte an meinem Stiefel herum. Der Socke war verrutscht, sowas konnte mir den letzten Nerv rauben. Dai hatte sich neben mich gesetzt. Erst schob er mit seinen Füßen ein paar Äste am Boden weg, klaubte dann den Stock auf und begann das Areal der Fabrik in die Erde zu zeichnen. Hal blieb vor uns stehen. Er drehte sich herum, langsam, schien nach etwas bestimmten Ausschau zu halten. Oder er mied schlichtweg unser Antlitz.
„So.“
Dai klopfte mit dem Ende des Holzstückes auf sein Meisterwerk. Ich rutschte gerade mit meinem Fuß und der zurechtgerückten Socke in den Stiefel. Enthusiastisch blickte ich abwechselnd zu Dai und der Zeichnung. Es war ein relativ schlechter Lageplan. Er hatte in seiner Zeit als Soldat wohl nicht gerade häufig Lagepläne skizzieren müssen. Die wichtigsten Eckpunkte konnte ich dennoch erkennen, immerhin hatte ich mir das Gelände eingeprägt. Da gab es die dicke Mauer. Dann den einzigen offensichtlichen Eingang, breit genug für schwere Transportmittel, an der Südseite, von zwei Mechs patrouilliert; drinnen gab es einen erdigen Vorplatz, der die zwei länglichen Hallen umrundete und von unzähligen Müllbergen als wären es Maulwurfshügel bestückt war; die Anzahl der Türen an der Fabrikshalle sowie dem Nebengebäude waren ebenfalls in meinem Kopf eingescannt. Auch die Stelle der Mauer über die wir vorhatten in das Areal einzudringen und auf dem schnellsten Weg zur nächstgelegenen Fabrikstür zu gelangen.
„Hier müssten wir über die Mauer rüber. Mit dem richtigen Zeitpunkt sollten uns auch keine Skitter oder Mechs erwischen. Gut vierzig Meter gegenüber liegt dieses blaue Doppeltor zum hinteren Teil der Halle.“
„Ja.“, murmelten meine Lippen von selbst. Fieberhaft überlegte ich, ob wir tatsächlich das Nebengebäude außer Acht lassen sollten. Dai sprach unbeirrt weiter.
„Falls sie tatsächlich Menschen halten, werden sie sie im größten Gebäude arbeiten lassen. So würden wir es tun. Warum also die Aliens nicht?“
Als hätte Dai meine Gedanken gelesen. Im Nebenhaus befand sich wahrscheinlich das Büro des ehemaligen Fabrikleiters. Aber keine Sklaven. Ich konnte nicht sagen, wofür die Fabrik zu seiner Zeit verwendet wurde. Nach der Größe der Gebäude, der abgefahrenen Straße vor dem Eingangstor der Mauer und dem Unrat am Vorplatz würde ich auf Abholzarbeiten tippen. Doch die Mauer verstörte mich. Die Aliens hatten sie bestimmt nicht dorthin gepflanzt. Es wirkte eher als hätte zu Lebzeiten der Fabrik jemand etwas vertuschen wollen. In jedem Fall perfekt für die Slenders. Aber mit Räuberleiter, ein paar Seilen oder zusammengeknoteten Hilfsmitteln würden wir schon darüber steigen können.

„Und drinnen?“
Hal warf die Frage in die Luft. Es klang wie eine rüpelhafte Ohrfeige.
Dai kratzte ein dickes Kreuz über das Rechteck seiner Erdzeichnung.
„Tja, es gibt leider kein Amt oder Baubehörde, bei der wir uns einen Bauplan von Innen beschaffen können. Aber mir genügt nicht was ich gesehen habe. Produzieren die nun Masken da drinnen? Halten sie Kinder für die Fingerarbeit fest? Wissen wir das? Nein. Und eher gehe ich nicht weg von hier.“
„Selbstmordkommando.“, fluchte Hal.
Ich lächelte ihn wütend an. „Jepp.“
Dann stand ich auf, um Hal in Augenhöhe gegenüber zu stehen. „Wir sind hier. Wir haben tatsächlich etwas gefunden, dass auf die Beschreibung des Gerüchtes zutrifft. Ein Ort, von Mechs und Skitters im Außenfeld bewacht. Drinnen sind Patrouillen, und sonst herrscht Stille auf dem Gelände. Kommt einem doch komisch vor.“
Hal knirschte mit den Zähnen. Ich fasste es als Eingeständnis auf, dass ich Recht hatte. „Aber es ist mir nicht Beweis genug! Ich gehe jetzt nicht zurück und hole eine Truppe von Kämpfern her, wenn wir nicht hundertprozentig wissen, was das hier ist. Ergo gehen wir da rein. Und vielleicht irren wir uns… eventuell finden wir aber Kinder und Personen, die Skitter-Waffen oder Masken herstellen.“
Ich ging einen Schritt auf Hal zu, mein Gesicht immer näher an seines. Obwohl ich wusste, dass Dai hinter meinem Rücken auf dem Baumstamm saß und uns beobachtete. Meine Stimme wurde leiser.
„Und wenn da drinnen Kinder sind, dann werde ich sie keinen Tag länger dieser Hölle ausgesetzt lassen.“
Hal schüttelte zögerlich den Kopf. Sein Blick glitt in die Ferne.
„Das war alles sehr, sehr unüberlegt von uns. Sehr dumm.“
„Nein.“
Ich drehte mich um, zu Dai und dann zu Rover. „Nein. Wenn uns etwas passiert und ich nicht mehr auftauche, wird er seinen Weg zur zweiten Mass finden. Er wird Sarah finden.“
Es war die irrwitzigste Unterredung, die ich seit langem geführt habe. Aliens. Selbstmordkommando. Einen Plan überlegen, der bloß nach drinnen führte. Zudem hatten wir kaum Munition. Aber gehen wollten wir schlussendlich alle nicht. Dai nicht, weil er des Kampfes niemals müde wurde. Hal nicht, weil seine Neugierde mit jedem meiner Worte gestiegen war; ich erinnerte ihn an unsere gemeinsame Nacht im Zelt, bei der zweiten Mass, und wie ich ihn als ersten in das Gerücht eingeweiht hatte; ich fühlte geradezu wie die Energie wieder in ihm hochstieg. Sicherlich auch, weil er Ben rächen wollte. Naja, und ich wollte nicht gehen, weil ich endlich da war. Wie eine Bestimmung. Dieses Gerücht hatte mir in den letzten Monaten einen Lebenszweck gegeben, ein Ziel in dieser sinnlosen Katastrophenwelt. Noch bevor ich auf Sarah gestoßen war, noch ehe ich eine Ahnung von der zweiten Mass hatte, wollte ich in den Norden. Jetzt war ich an diesem Ort, und ich war mir so sicher, dass es dieser Ort ist, an welchem die Slenders Böses schmiedeten. Hier würde sich etwas verändern. Und ich hoffte, es würde ein Rückschlag für die Aliens und ein Befreiungsschlag für viele Menschenleben sein. Ein kleiner Sieg war ein Sieg. Den Slenders zeigen, dass die Menschheit nicht aufgibt.
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