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A Walk On Earth

GeschichteSci-Fi / P16 / Gen
16.10.2013
29.07.2014
32
46.449
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16.10.2013 2.352
 
(hoffe es gefällt, have fun ,)


„Laut Karte fehlt nicht mehr viel. Zwei Tagesmärsche, wenn wir das Tempo halten.“
Meine Finger falteten die abgewetzte Karte zusammen und steckten sie in die seitliche Tasche des Rucksacks.
Dai marschierte los, Rover hinterher. Wir waren wieder auf einer Asphaltstraße. Die doppelte gelbe Linie, die die beiden Fahrstreifen voneinander trennte, war kaum mehr zu erkennen. Zu viel Abnutzung und Dreck. Wir hatten eben einen Autofriedhof hinter uns gebracht. Es sah aus als wäre es zu einer Massenkarambolage gekommen. Vielleicht hatte einer der Fahrer einen aus dem Wald kommenden Alien gesehen, -den ersten in seinem Leben-, und war voll auf die Bremse gestiegen. Den Rest reimte man sich anhand der Bremsspuren, der Glassplitter und zerquetschten Karosserien zusammen. Das ganze war vermutlich ein Jahr her.
Ben wanderte am äußersten Rand der Straße entlang. Es wirkte auf mich wie ein eigenartiger Respektabstand zu Rover. Hal und ich marschierten auf gleicher Höhe wie Ben, deshalb wollte ich die Chance nutzen. Ich schnappte mir den Ärmel von Hal und zog ihn zu mir.
„Hal. Kannst du mir mal eine Minute geben?“
Hal verstand sofort. Mit großen Schritten schloss er zu Dai und Rover auf. Indes schlenderte ich zu Ben hinüber. Erst jetzt merkte ich wie ungewohnt nervös meine Hände über das Metall meiner MP 5 rieben.
„Hi.“
Der Bursche blickte kurz auf. Sein Gesicht war hübsch, unverkennbar die Gene der Mason Familie. Unvorstellbar wie sein Körper locker 130 Sit-ups ohne Unterbrechung drücken konnte. Ich sammelte meine Gedanken und Worte. Doch ehe ein weiterer Laut über meine Lippen fielen, sprach Ben bereits die Antwort auf meine unausgesprochene Frage aus.
„Hass.“
Schweigend setzte ich einen Fuß vor den anderen, meine rechte Hand den Griff der Waffe fester umklammert als nötig. Ben fuhr fort.
„Hass ist eine starke Emotion. Hass auf die Aliens, auf die Slenders und was sie meiner Familie angetan haben. Diese Emotion hält mich davon ab einer von denen zu sein.“
Helle, fast Bernsteinfarbene Augen stierten mich von der Seite an. Ich spürte seinen Blick wie eine brennende Flamme, die mein Inneres zu erkunden versuchte.
„Ich verstehe“, war das einzige was ich aus mir heraus brachte. Vertrauen wollte oder konnte ich ihm nicht geben. Das Gefühl war schlichtweg nicht vorhanden. Aber zumindest schien mein Kopf verstanden zu haben, wie der junge Bursche dem Kampf der Verwandlung standhielt. Selbst Dai schien kein Problem mit Ben zu haben. Kein guter Kämpfer ist jemals fehl an der Front, meinte Dai im Stillen zu mir als wir am Morgen aufgebrochen sind.


Noch bevor die Mittagssonne die feuchte Luft erwärmen konnte, war die Ruhe des Dahinschlenderns vorbei. Ben blieb stehen. Einfach so, und lauschte.
„Ich höre etwas.“
„Wie weit weg?“
Hal stellte sich vor seinen Bruder, völlig angstfrei und versuchte vergebens eines der Geräusch wahrzunehmen, die Ben scheinbar verfolgten.
„Kann ich nicht genau sagen.“
Ich schnaubte. Gleich wie vorwurfsvoll Hal mich daraufhin ansah, legte ich mich quer.
„Kann er sich nicht wieder melden, wenn er etwas mehr als ‚ich höre etwas ‘ und ‚etwas das noch weit weg ist‘ weiß?“
„Kate.“
Dai legte eine Hand auf meine Schulter. Perplex fuhr ich herum. Damit hatte ich nicht gerechnet. Dai deutete mit seiner freien Hand auf Rover, der auf allen Vieren gebannt in eine Richtung starrte. Seine Muskeln waren so angespannt, dass alle paar Sekunden ein Zucken durch seinen Körper fuhr. Eine ungeschriebene Ewigkeit starrte ich zu Rover, meinem Liebling. Hatte ich ihn jemals dabei erwischt, dass er sich irrte?
„Okay.“
Mein Kopf wandte sich herum, zu Hal und Ben. „Stimmt die Richtung?“
Ben bestätigte die angegebene Richtung. Eventuell war es Neid, der mich erfüllte. Oder planker Wahnsinn, was ich hier auf diesem Flecken der Welt erlebte. In jedem Fall fühlte ich mich nicht wie sonst. Nicht wie die sichere, starke Kate, die Einsiedlerin. Ich fühlte mich eher wie eine unbekannte Frau, eine Kämpfernatur mit surrealer, nicht mit Vernunftgründen erklärbarer, Hilfe an ihrer Seite. Wir vier plus Hund gegen ‚was auch immer auf uns zukam‘.
„Na dann.“ Ein schelmisches Grinsen überflog meine Mundwinkel. Tatsächlich packte mich die Kampfeslust endlich wieder Blut von Skittern herumspritzen zu sehen und das Donnern von Mechschritten am Boden der Erde zu spüren. Hal erwiderte mein Grinsen, ebenso Dai. Ben blieb regungslos, bloß seine Augen verrieten seine volle Bereitschaft zur Schlacht.
„Lasst uns Deckung suchen und die Waffen laden.“

- - - - - - - - - -

Ein dichtes Netz aus Luftströmen. Ein Netz gewoben von umherfliegenden Kugeln aus allen Himmelsrichtungen. Wutentbrannte Geschosse, die weder vor einem Baum, noch vor dem Fleisch eines Menschen halt machten.
Zwei Mechs und mehr als zehn Skitter hatten unsere Vernichtung im Sinn. Für mich bestätigte es lediglich, dass wir uns unserem Ziel der Fabrik näher kamen. Wie die Menschen würden auch die Slenders handeln und ihre Patrouillen verstärken - je geringer die Distanz zwischen Feind und dem zu schützenden Objekt.

Ein Mech fiel zu Boden, riss den kleinen Baum neben sich mit als wäre es ein hauchdünnes Taschentuch. Ein Blitz jagte an mir vorbei.
„Rover!“
Ich verließ den Schutz des Baumes, rannte an Dai vorbei und zum nächsten dicken Stamm einer Tanne.
„Rover, verdammt. Komm zurück!“
Der Vierbeiner lief geradewegs auf den zweiten Mech zu.
Jemand stürmte zu mir, lehnt sich mit dem Rücken an meine Schulter. Die Stimme von Hal trat an mein Ohr.
„Was hat er vor?“
Ich brachte kein Wort raus. Rover bahnte sich seinen Weg in einem Zick Zack bis er nur mehr wenige Meter vom Mech entfernt war. Seine Beine trugen ihn in ungeahnter Geschwindigkeit über den Waldboden. Er flog geradezu über die Äste und Blätter. Und dann mitten unter dem Mech hindurch.
„Genial!“
Dai sprang hervor, und rannte Rover hinterher. Der Mech hatte eine Kehrtwende gemacht, um den Hund sein Ende zu setzten. Der Mech stand mit dem Rücken zu uns. Mit vereinten Kräften und immenser Munitionskraft brachten wir den Mech aus dem Gleichgewicht.
Aber damit war die Schlacht nicht beendet.

„Skitter von rechts.“
Gehetzt drehte ich mich zur Seite. Das Gewicht der MP 5 landete ohne Zögern auf dem Kopf des Viechs. Gleich darauf zog ich die Waffe erneut über seine Birne, bis ich mit ein paar Rückwärtsschritten genügend Abstand gewonnen hatte. Die letzte der Kugeln, die noch im Lauf war, schlitterte durch den Rachen des Skitters. Wie ein gefüllter Mehlsack fiel die grüne Kreatur auf den Laubboden. Im nächsten Moment ertönte ein schriller Schrei. Es klang wie ein Kampfesruf einer der Skitter, der seine Brüder zur Rache des gefallenen Alienkumpels zusammentrommelte.
Ich stöhnte genervt auf, während meine Hände in flinken Bewegungen die Munition meiner MP 5 austauschten. Das vorletzte Magazin.
„Diese Skitters sind quicklebendig.“, rief ich quer durch den Wald, damit auch jeder meiner Kameraden es hören konnte. „Und mir vergeht langsam die Lust.“

Aber so schnell gaben wir nicht auf. Ein Skitter nach dem anderen landete mit dem Gesicht am erdigen Grund. Den vorletzten erledigte ich mit der Klinge meines Messers. Diese Skitter waren die Ursprungswerke der Slenders. Im Gaumen befand sich die größte Anzahl an Nervensträngen, und genau diese durchtrennte ich mit einer geschmeidigen Bewegung. Als ich meinen Arm wieder aus dem Maul des Skitters zog, während dieser rücklings zu Boden fiel, ächzte ich angewidert. Der Ärmel meiner Jacke war von Blut, Dreck und undefinierbaren Skitterflüssigkeiten durchsetzt. Ich schüttelte den Arm, aber es fielen nur die dicksten Tropfen herab.
„Hal!“
Die Stimme von Dai ließ mich aufhorchen. Mit einem Ruck fuhr ich herum. Vor mir tat sich ein ungewöhnliches Bild auf. Hal lag am Boden, die Hand verzweifelt zu seiner in einiger Entfernung liegenden Waffe ausgestreckt. Dai hatte den Skitter im Visier, aber das fehlende Knallgeräusch nach dem Drücken seines Abzugsfingers, verhieß nichts Gutes.
„Muni ist alle! Kate!“
Ich lief zu ihnen rüber, mein Kopf war leer. Die Spucke des Skitters tropfte bereits in das Gesicht von Hal, während er mit beiden Händen die Hörner des Viechs gepackt hatte und auf Abstand hielt. Meine Füße stolperten über den unebenen Untergrund. Meine Zunge küsste schon im nächsten Augenblick den Boden. Hektisch rappelte ich mich auf, dabei blickte ich kurz zurück. Über ein abgetrenntes Bein eines Skitters war ich gestolpert. Geschichten, die man Enkelkindern nicht erzählen sollte.
Ich stand wieder auf den Beinen, da rannte etwas Schnelles an mir vorbei.
„Ben.“, drang es geflüstert über meine Lippen.

In einem Gerangel, welches ich so noch nie erlebt hatte, schafften es Dai und ich Hal von dem Skitter wegzuzerren. Mein Messer steckte bereits seitlich im Hals des Skitters. Aber das Monster war zäh und schien muskulöser als all die anderen.
Ich kann mich nicht genau erinnern, wie es dazu kam. Doch als der Skitter zubeißen wollte, streckte Ben seinen Arm hin. Wie ein Hund, der seinen Knochen mit speichelumflossenen Lippen umpackt hielt, befand sich Ben’s Arm im Maul des Skitters.
„Rennt! Lauft schon!“
Ben fuchtelte kurz mit der anderen Hand und umfasste gleichdarauf das Oberkiefer des Skitters, der mit jeder Sekunden wilder wurde. Wie ein Stier, der rot sieht.
Ich überlegte nicht lange. Gefühlskalt schnappte ich mir Hal am Kragen und lief mit ihm weg. Wir konnten bereits Schritte eines weiteren Mechs hören, mit hoher Wahrscheinlichkeit in Begleitung von weiteren Skittern. Gleich würde von neuem eine Schlacht beginnen, bloß war unsere Munition und unsere Ausdauer am Ende.

Hal versuchte sich mit allem Mitteln von mir loszureißen. Doch ein Blick in seine Augen, ein Rütteln an seinen Schultern und ein Schreien in seine Ohren ließen ihn erstarren. Gemeinsam mit Dai und Rover flüchteten wir aus diesem höllischen Wald.

- - - - - - - - - -

„Das verzeiht er mir nie.“
Ich drehte die Wasserflasche in meinen Händen und starrte zu Hal, der sich weit weg von Dai und mir auf einen großen Stein am Wegesrand gesetzt hatte. Es war ein Wanderweg, der über eine Hügelkuppe führte. Von dort sollten wir laut Karte einen Blick auf die Anlage der angeblichen Produktionsstätte erhaschen können.
Dai seufzte.
„Er hat gerade seinen Bruder verloren. Gib ihm etwas Zeit.“
Mit einem Fingerschnippen und einem wehleidigen Blick lockte ich Rover zu mir. Ich fühlte mich schuldig wie nie zuvor. Schuldig und schlecht.
„Außerdem hatten wir keine Wahl. Wir wären alle draufgegangen. Wem würde das dann helfen?“
Ich lauschte Dai’s Worten, während ich vorsichtig durch das Haupthaar von meinem Köter strich und vereinzelt Waldreste aus seinem Fell zupfte. Murmelnd ließ ich meinen Frust raus.
„Ausreden. Geschaffen damit man nicht in Verlegenheit eines allzu schlechten Gewissens gerät. Nicht wahr?“
Mit einem kurzen Seitenblick scannte ich das Gesicht von Dai. Zerknirscht biss er sich auf die Lippen. Gleichdarauf stand er mit einem gefassteren Blick auf.
„Kate. Wir sind nicht gestorben. Die Mission steht, und wir tragen eine Verantwortung. Wir tragen die Sicherheit vieler Menschen auf unseren Schultern. Wir tragen sie, und stützen sie nicht bloß. Verdammt. Kurz vor dem Ziel sind Rückschläge immer am Schlimmsten. Aber wir dürfen uns nicht hindern lassen.“
„Und ich dachte immer du seist ein Mann weniger Worte.“
Ich zwinkerte ihm lächelnd zu. Seine Worte waren übertrieben, aber im Grunde verstand ich ihn. Dai hatte weder Familie noch geliebte Personen in diesem Krieg verloren. Als die Aliens kamen, war er alleinstehend. Glück nannte er es. Der Anschluss an die zweite Mass und die Reise mit all diesen Personen war hart gewesen, doch nicht schlimmer als mit einer Heeresarmee unterwegs zu sein. Dai war Kämpfer und Fahrer, und kein Beziehungsmensch. Seit dem Aufbrach zu unserer Mission, seit er mit Hal und mir unterwegs war, und mit Rover - seitdem wirkte er verletzlicher. Wir hatten viel Erlebtes in kurzer Zeit zu verarbeiten. Wir waren keine paar Leute, die sich zusammengeschlossen haben. Nicht mehr. Wir waren eins geworden. In Abhängigkeit, in Loyalität und Vertrauen. Wir brauchten einander, hatten nur einander.

Nachdenklich legte ich mein Gesicht in Falten und kraulte Rover hinter den Ohren. Ich spürte wie meine Gefühle begannen Pingpong zu spielen. Von Trauer und liebvollen Gefühlen, von Überwältigt sein über den Mut von Ben, wandte ich mich ab. Dafür tauchte Zorn auf, ich war zornig auf mich selbst. Aufrappeln, weiter machen. Ohne Munition, ohne Energiereserven, ohne Ben und ohne Mut. Meine Gedanken schweiften in eine andere Welt, in welcher ich ohne Wegbegleiter auf diesen Pfad marschiert wäre. Vieles hätte ich mir erspart. Viel Leid und Qual, Zeit und Nerven, Munition… okay, der Munitionsverbrauch wäre gleich oder höher ausgefallen. In jedem Fall zischelten die Worte von Grund Nummer Drei in meinem Ohr. Wie Recht du hast, Kate, Einsiedlerin. Eiskalt legte ich mich in meine Badewanne von Egozentrismus und Überlebensinstinkt. Vergessen waren die Augen von Hal; der Kampfesmut von Dai; der aufgeweckte Instinkt von Rover. Nur ich gegen den Rest der Welt. So hätte es sein müssen.

Das laute Klopfen meines Herzens störte mich in meinen idyllischen Träumereien. Ein ungewohnt schmerzhaftes Pochen. Vorsichtig schielte ich zu der Gestalt in einiger Entfernung. Hal’s Trauer schien wie eine riesengroße Seifenblase, die uns alle verschlang. Selbst Rover wurde davon eingenommen. Anschmiegsam wie er war.
„Na mein Lieber.“
Ganz nahe kuschelte ich mein Gesicht in sein Fell, flüsterte ein paar Worte in sein Ohr. Seine Rute wedelte hin und her, sein Körper bebte bei jedem Atemzug.


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10 Gründe für ein Einsiedlerleben

1.) Man muss sein Essen nicht teilen: schwach und müde, halbe Rationen im Magen. Ich lief auf Sparflamme. Konnte ich Hal oder Dai deswegen böse sein?
2 .) Keine Ablenkung, da keine Männer: Ich hasste ihn. Ich hasste ihn dafür, dass er so süß aussah. Seine Augen mich mit diesem verträumten Blick anstarren konnten und ich keinen Plan hatte was in seinen Gedanken vor sich ging.
3.) Keine menschlichen Verluste: Bist du alleine und triffst auf eine Skitterhorde, so gewinnst du oder du gewinnst nicht. Simple Sache. Ohne Trauer und Leid.
4.) Du gehst dorthin, wo du willst & bleibst solange du magst: du musst dir kein ‚Wir sollten gehen‘ oder ‚In diese Richtung wäre besser‘ anhören und ersparst dir langatmiges diskutieren.
6.) Man kann vor sich her singen: ohne blöde Kommentare von der Seite
8.) Man muss sich nicht für jede Kugel rechtfertigen: oder sich als Killer und gewissenlose Bestie verurteilen lassen. Im Ernstfall gibt es mich und das Überleben. (Merke: Zögern und Gnade verursachen gefesselte Hände.)
9.) Allein ist Streit unmöglich, ergo: keine zwischenmenschlichen doofen Konflikte: und vor allem keine eifersüchtigen Blicke von Furien, und keine Rache schmiedenden Zungen, die hinter deinem Rücken von Freund zu Feind werden
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