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A Walk On Earth

GeschichteSci-Fi / P16 / Gen
16.10.2013
29.07.2014
32
46.449
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Dieses Kapitel
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16.10.2013 1.906
 
(erstmal sorry für die längere Wartezeit. Bei mir geht es gerade drunter und drüber gg. dafür gibts gleich zwei neue Gründe in der Liste. hoffe es gefällt, enjoy ,)


Wahrscheinlich würde ein zivilisierter, anständiger Mensch eine Entschuldigung aus seiner Kehle würgen. Aber mir kam einfach nichts hoch. Hal hatte Recht behalten mit seiner Theorie, dass uns jemand die ganze Zeit über gefolgt war. Nun saßen wir an dem schäbigen Holztisch in dieser Hütte. Meine Finger umkrallten die Getränkeflasche als wäre es die letzte der Welt. Ein schlechtes Gewissen kam mir höchsten, weil ich kein schlechtes Gewissen hatte mich nicht entschuldigen zu können.
„Als ich sah wie Kate zusammengebrochen ist, da konnte ich mich nicht länger versteckt halten.“
Hal schwieg. Er ließ die Spitze seines Stanleymessers über den Tisch kratzen. Rauf und runter. Rauf, runter.
„Okay. Ich hätte mich eventuell früher zu erkennen geben können.“
Zack. Das Messer steckte gut einen Zentimeter tief im Holz des Tisches fest. Hal blickt seinen Bruder mit verstörendem Blick an.
„Früher? Früher?“
Mit jeder weiteren Wiederholung wurde Hal lauter. Ich kann mich gar nicht erinnern, so etwas jemals zuvor getan zu haben, aber instinktiv schien meine Hand unter dem Tisch auf seinen Oberschenkel zu greifen. Um Hal zu beruhigen.
Hal schenkte mir einen kurzen Seitenblick, dann ließ er sich wieder voll und ganz auf Ben ein. Ben schien die Ruhe selbst. Eine anmutige Form von Selbstbewusstsein, nahe der Grenze zu Arroganz. Ich war mir selbst nicht sicher, wie ich zu dem unerwarteten Besuch stand.
Hal sprang von seinem Stuhl auf. „Ich wäre beinah abgekratzt!“ Seine Hände zeigten auf Dai und mich. „Wir alle wären auf dieser verdammten Brücke draufgegangen. Wo warst du da? In der Tankstelle sind wir von einem satanähnlichen Skitter in die Ecke gedrängt worden. Und wo warst du da? War der Zeitpunkt für dich ungünstig? Du warst doch bereits bei uns, oder nicht?!“
Ben blieb wortlos sitzen. Er hörte sich die Vorwürfe seines Bruders ohne das geringste Zucken an, ohne sich auch nur einen Zentimeter zu rühren. Obwohl Hal nicht zimperlich mit der Lautstärke seiner Stimme umging. Es war unheimlich mit anzusehen, wie Hal aus seine Haut fuhr, während die Wörter wie geschleuderte Steine an Ben abprallten. Mit Adleraugen spähte ich auf die noch so kleinste Bewegung bei Ben, den mir unbekannten Bruder von Hal. Ich hatte bisher nicht die Gelegenheit bekommen, ihn näher kennen zu lernen.
„Ja.“
Ich schnappte nach Luft. Ben hatte tatsächlich ein Wort gesagt, mit einer ruhigen Stimmlage. Als wäre die Hal’sche Brandung des Meeres vorbei und ein kleiner Fluss bahnte sich den Weg in unser Gespräch.
„Ja, ich war bereits bei euch. Aber ich wusste, ihr schafft das. Und mir war ebenso bewusst, dass du nicht erfreut über meine Anwesenheit wärst.“ Ben blickte hoch, in die Augen seines älteren Bruders.
Hal schüttelte den Kopf. Wutentbrannt stand er auf, der Stuhl fiel mit einem die Vögel in den Bäumen erschreckenden Knall auf den Boden. Instinktiv fasste meine Hand an meine Hüfte. Dort wo sonst ein ledernes Etui mit einem Messer befestigt war. Die gesamte Situation behagte mir nicht. Nicht in meinem Zustand, nach wie vor leicht schwach auf den Beinen. Und die Ungewissheit über die nächsten Geschehnisse. Wie endete ein Streit in der aktuellen Welt? Jeder rennt mit einer Waffe herum, Kinder, Alte und Frauen sind bis zum letzten Zehen mit Munition, Messern oder selbstkreierten Werkzeugen bestückt und zieren sich nicht sie zu benutzen. Eine so heftige Auseinandersetzung hatte ich lange nicht mehr erlebt.

Während mein Zeigefinger sich unter dem Tisch mit meiner vorsichtig herausgezogenen Klinge spielte, beobachtete ich Hal und Ben. Ben kannte ich nicht, aber Hal war mir in Augenblick ebenfalls fremd. Den Grund seines Zornes konnte ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Auf wessen Seite würde ich mich im Falle des Falles stellen? Und Dai? Mein Blick wandte sich zu dem asiatischen Kämpfer. Sein Gemüt schien aufgewirbelt, seine Augen studierten jede der Bewegungen der beiden Brüder.
Hal machte eine ausschweifende Bewegung, seine Hand zeigte in Richtung Süden. Dort wo die zweite Mass lag.
„Warum bist du nicht bei Dad geblieben? Weiß er es überhaupt? Er macht sich unnötig viele Sorgen und bringt sich dann selbst in Gefahr. Du hättest dort bleiben sollen, Ben. Das weißt du genau. Und du hättest-“
Ben ließ ihn nicht mehr ausreden. „Ich hätte drauf gehen können? Blödsinn! Ich kann besser auf mich alleine aufpassen, als ihr drei Genies zusammen!“
Das saß.  Ich, Kate, die überlebenswilligste und zäheste Einsiedlerin am gesamten Nordamerikanischen Kontinent lässt sich solch eine hochnäsige Beleidigung nicht gefallen. Mit einer fliegenden Bewegung landete die Spitze meines Messers im Tisch vor mir.
Die danach gefolgte Stille genoss ich mit einem langen Atemzug der Genugtuung. Ich blickte erst Hal, dann Dai an, dessen Nicken mir die Richtigkeit meiner Handlung bestätigte, und schließlich zu Ben.
Mit zur Seite geneigtem Kopf und leiser, aber bestimmender Stimme blinzelte ich den Burschen verzückt an. „Ben, kleiner Bruder von Hal. Ich kann sehr gut auf mich alleine aufpassen, Dai hat mehr Jahre aktive Kampferfahrung als du und Hal-“ Meine ausgestreckte Hand schwenkte von Dai zu Hal und blieb etwas hilflos in der Luft hängen. „Hal ist eben Hal.“
„Na danke.“ Hal machte eine beleidigte Geste, verschränkte die Arme und wartete mehr oder weniger geduldig auf das Ende meiner Rede.
„Ben, wenn du nur hier bist, um uns zu beleidigen… da ist die Türe.“

Klarerweise ließ sich Ben nicht dazu überreden unsere nette Wandergruppe zu verlassen. Als Entschuldigung für seine Nachschleicherei und das abrupte Erscheinen meldete er sich freiwillig zur Nachtwache. Wie hatten beschlossen die Nacht über in der Ein-Zimmer-großen Holzhütte zu verbringen, da der Abend ohnehin seine ersten Spuren über den Himmel zog.

- - - - - - - -

Ich hatte mich mit Hal in die hinterste Ecke des Raumes begeben. Die Stelle, der ich noch am meisten Privatsphäre zuordnen würde. Hal meinte erst, er wolle nicht darüber reden. Doch die Begegnung mit seinem Bruder ging ihm ziemlich an die Nieren. Ich sah, dass es ihn nach wie vor beschäftigte. Doch Hal vertraute sich mir nicht an. Stattdessen strich er mir sanft über meinen Unterarm. Ich bekam eine Gänsehaut. Sofort zog sich seine Hand zurück. Im schwachen Licht des Mondes, dass durch die verdreckten Fensterscheiben schien, schauten mich seine mysteriösen Augen an.
Gänsehaut vor Kälte hatte ich nicht. Auch die Sache der Brücke war längst Vergangenheit für mich, eine abgeschlossene Sache. In dieser Hinsicht sehe ich Schwarz und Weiß.

Nein. Meine Augen schielten zum Fenster raus. Dort draußen würde der Junge seine Runde drehen. Ben, angeblich Blutsverwandter von Hal. Aber wie ruhig er am Tisch gesessen war. Und wie konnte er so gut mit uns mithalten all die Zeit? Woher hatte er seine Essensrationen, denn Rucksack oder anderes Zeugs hatte ich nicht bei ihm entdeckt. Ben wirkte auch nicht müde als er Dai half die Möbel etwas zu verrücken. Es fiel ihm so leicht wie Streichhölzer übereinander zu stapeln. Aus der Türe war Ben verschwunden, als wolle er gar keine Verschnaufpause. Ich sollte Zweifel hegen an meinem Urteilsvermögen. Mein Kopf war möglicherweise noch zu kaputt von all den Schlägen.

Mein Kinn wurde von zart geführten Fingern berührt und in eine andere Richtung gedrängt. Ich ließ es geschehen. Hal sah mich an. Er versuchte meine verirrten Gedanken zu lesen. Nachdem ich schwieg, begann er schließlich zu erzählen.
Er sagte mir alles, einfach alles.
Er vertraute sich mir an, erklärte mir wie schwer es für ihn als älterer Bruder sei Ben und seine neue Stärke zu akzeptieren. Ben sieht besser, benötigt kaum einen Schlaf, verspürt keine Kälte und der Prozess in seinem Körper war noch in vollem Gang.
„Er ist doch mein kleiner Bruder. Eigentlich.“
Hal meinte tatsächlich, dass er sich als Schwachstelle fühlte sobald Ben mit ihm unterwegs war. Ich blickte zu Boden und schluckte. Das war Grund Nummer Sieben in meiner Liste.
Ben habe nach und nach Hautveränderungen auf seinem Rücken bemerkt. Skittermäßige Hautveränderungen. Mein Mund trocknete zunehmend aus, ich bekam meine Lippen nicht mehr los. Es machte Sinn, die Geschichte von Hal und meine Beobachtungen bekamen endlich erklärbare Züge.
Hal erzählte mir ebenfalls, was die zweite Mass oder einige spezielle Personen über die Skitter wussten. Etwa, dass diese Viecher nicht immer solche Kreaturen gewesen sind.  Die Story über den Radiofrequenz-Trick gefiel mir besonders gut. Ein wenige Lächeln musste ich, und es schien auch Hal zu bestärken noch mehr zu aus seinem Gedächtnis zu zaubern.

Ich atmete ein und aus, sagte kaum ein Wort und versuchte jede einzelne Information wie ein Stück Materie in meinen Kopf zu drücken. Nichts davon dürfe jemals hinausfallen. Es könnte nützlich werden, überlebenswichtig!
Nachdem ich allerdings den größten Teil von Hal’s plötzlicher Redefreudigkeit verdaut hatte, spielte mein Magen nicht mehr richtig mit. Er drehte sich etwas, und ich wusste, warum. Ich fühlte mich beenget. War Ben zu trauen? Führte diese Junge nicht seinen eigenen Kampf – Mensch gegen alienartige DNA, die seinen Körper und Geist einzunehmen versucht? Wer weiß, ob Ben nicht gelenkt wird von einem dieser Fischköpfe, den Slenders. Ich merkte, dass ich Hal bloß mit einem halbaufmerksamen Ohr zu hörte. Nein, falsch. Hal hatte aufgehört zu reden, seine Augen geschlossen und wiegte sich in einem ruhigen, gleichmäßigen Atmen.
Ich blinzelte mich durch den dunklen Raum. Rover musste in der Nähe sein. Draußen, zwischen den Bäumen und dem alles verschlingenden Dunkel der Nacht. Rover. Akzeptierte er Ben, dann sah ich ebenso keine Gefahr in dem Jungen. Rover würde riechen, ob mehr als nur krustenartiger Wildwuchs auf dem Rücken des Jungen stattfand. Er studiert die Gemüter der Menschen, ihre Ängste und die guten Gefühle. Aliens haben keine guten Gefühle. Vielleicht sollte ich die Brücke des Vertrauens darauf aufbauen. Ob Rover den Jungen akzeptieren würde.
Mein Magen knurrte. Geistesabwesend legte ich eine Hand darauf, wohl in der eingebildeten Hoffnung es würde verstummen. Konnte ich Hal oder Dai böse sein, weil sie es bereits wussten?  Immerhin kämpften Hal und Dai für eine Sache, die aus meinem Mund stammte. Für die verdammte gleiche Sache, ein Gerücht, dessen Aufdeckung meine Neugierde stillen sollte. Nein, Ben war Hal’s Bruder. Ich konnte nicht sauer auf ihn sein. Und Dai war ein zu loyaler Begleiter.
Meine Augenlider drückten wie Blei nach unten. Es war Grund Nummer Eins, einer der relevantesten und urtümlichsten aller Gründe, warum ich ein Einsiedlerleben bevorzugte. Die zusammengezogenen Magenwände schienen mit einem Mal keine große Relevanz zu haben. Ich gab der Müdigkeit kampflos nach, während meine letzte Geste des Tages die war meine Hand auf jene von Hal zu legen.

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10 Gründe für ein Einsiedlerleben

1.) Man muss sein Essen nicht teilen: schwach und müde, halbe Rationen im Magen. Ich lief auf Sparflamme. Konnte ich Hal oder Dai deswegen böse sein?
2 .) Keine Ablenkung, da keine Männer: Ich hasste ihn. Ich hasste ihn dafür, dass er so süß aussah. Seine Augen mich mit diesem verträumten Blick anstarren konnten und ich keinen Plan hatte was in seinen Gedanken vor sich ging.
4.) Du gehst dorthin, wo du willst & bleibst solange du magst: du musst dir kein ‚Wir sollten gehen‘ oder ‚In diese Richtung wäre besser‘ anhören und ersparst dir langatmiges diskutieren.
6.) Man kann vor sich her singen: ohne blöde Kommentare von der Seite.
7.) Die Schwachstelle ist man selbst : Je mehr Personen dich begleiten, desto mehr Schwachstellen kann es geben. Es verändert den Ausgang des nächsten Kampfes.
9.) Allein ist Streit unmöglich, ergo: keine zwischenmenschlichen doofen Konflikte: und vor allem keine eifersüchtigen Blicke von Furien, und keine Rache schmiedenden Zungen, die hinter deinem Rücken von Freund zu Feind werden.
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