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A Walk On Earth

GeschichteSci-Fi / P16 / Gen
16.10.2013
29.07.2014
32
46.449
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16.10.2013 1.152
 
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Die letzten Stunden war Hal derjenige, der voraus ging. Zielstrebig, ohne Anzeichen von Erschöpfung. Die Verletzung schien er auszublenden als wäre Schwäche und Schmerz eine mentale Erfindung. Dai war an meiner Seite geblieben. Ich versuchte nicht die Frage an mir nagen zu lassen, ob Hal den Kontakt zu mir mied und deswegen auf Distanz war. Ein zurückgewiesener Kuss schneidet in jedes Mannes Stolz. Nein, lieber nutzte ich die Chance Dai besser kennen zu lernen. Mir war gar nicht bewusst, wie viele Kilometer wir mal wieder zurückgelegt hatten. Hal blieb stehen.
Mit belustigter Stimme rief ich nach vorn. „Essenszeit?“
Hal drehte sich bedächtig um, er ließ dabei die kleinen Blockhütten nicht aus den Augen. Wir befanden uns auf einer Schotterstraße, die zwischen kleinen Holzhütten hindurch schlich. Menschen hatten sich eins zusammengetan, um abgeschieden von der restlichen Zivilisation, inmitten eines nordischen Waldes zu leben. Früher waren die Bewohner wohl mit ihren Autos in die nächstgelegene Ortschaft gefahren, um Nahrungsmittel und lebensnotwendige Utensilien zu besorgen. Doch jetzt würde kein Auto, kein SUV, nicht einmal ein Jeep würde vom Fleck kommen. Tiefe Abdrücke von Mechfüßen und Einschlagslöcher ihrer Waffen dekorierten die Straße.
Es war still. Ausgestorben bis zu den Baumwurzeln. Ich fragte mich, ob die Aliens auch in Timbuktu gelandet waren.
„Nein.“
Hal sprach wesentlich leiser als ich es eben getan hatte. Selbst das Knirschen seiner Stiefel auf dem steinigen Untergrund wirkte lauter als seine Stimme. Erst einen Meter vor Dai und mir blieb Hal stehen, sein Adlerblick in der Umgebung umherschweifend. Das erste Mal seit langem erblickte ich keinen Zorn oder kindische Sturheit in seinem Gesicht. Die Züge beschrieben ein aufmerksames Verhalten, und etwas Besorgnis in den Stirnfalten.
„Haltet mich für paranoid. Wie ich schon einmal erwähnte. Meiner Meinung nach verfolgt uns jemand…. Oder Etwas.“
Ruckartig drehte sich Hal zur Seite, das Gewehr auf den Durchweg zwischen zwei Blockhütten auf den Wald dahinter gerichtet. Ich konnte nichts erkennen. Vorsichtig kam ich näher und legte eine Hand auf seine Schulter. Ich hoffte, dass es die richtige Gestik war. Es fiel mir schwer bei so viel zwischenmenschlichen Gefühlen, die zurzeit wie undurchsichtige Wolken über uns schwebten, die richtigen Worte und Handlungen zu wählen. Einem zivilisierten Menschen wäre es schon schwer gefallen. Wie sollte dann eine verdrehte Einsiedlerin die richtige Wahl treffen.

Hal erschrak nicht. Im Gegenteil. Er senkte sanft seine Waffe und musterte mich von der Seite. Da ich beim besten Willen nichts Verdächtiges gehört oder gesehen hatte, musste ich einen betroffenen Blick und ein warmes Lächeln imitieren. So als würde ich Verständnis für seine Paranoia haben. Meinen Instinkten traute ich nach wie vor mehr als jemand anderem. Immerhin hätte ich sonst das letzte Jahr als Einsiedlerin nicht überlebt, so ganz auf mich gestellt. Okay, abgesehen von meinem Langzeitgefährten Rover, der im Übrigen seine Rute aufmerksam nach oben gekringelt hielt. Aber ansonsten verhielt Rover sich ruhig. Skitter oder fremde Menschen hätter der Rüde schon lange gewittert. Ich mutete Hal in dieser Sache wenig Vertrauen zu. Er war es nicht gewohnt eine solch lange Zeit ohne viele Menschen, mit reduzierter Nahrung und stetig hochaktiver Aufmerksamkeit unterwegs zu sein. Wie sollte ich es ihm also übel nehmen.
„Hal. Es lauert nichts in den Büschen.“, versuchte ich seinen Argwohn aus den Knochen zu locken.
Dann kippte ich weg.

Wie eine brechende Meereswelle war es über mich hereingekommen. Zitternd vor Kälte hatten mich Dai und Hal in eine Hütte verfrachtet, ihre Stimme waren wie eine Tonbandaufnahme aus einem Nebenraum. Ich schloss die Augen und roch einen eigenartigen Geruch. Mit leicht geöffneten Augen nahm ich verschwommen ein altes, müffelndes Sofa wahr. Der Boden und die Luft des Raumes waren feucht. Die Rohre im Winter sind zugefroren, durch die Ausdehnung des Wassers gesprungen und beim ersten wärmeren Tag hatten sie geleckt. Weil kein Mensch da gewesen ist, um sich darum zu kümmern. Unsere Welt verwahrloste, und wir mussten es mitansehen.
Ein Stöhnen durchdrang meine Kehle.
„Zu lange können wir nicht bleiben.“, hörte ich dumpf die Stimme von Dai. „Riechst du das? Es sind schon Pilz und Schimmel unter dem Boden, oder in den Möbeln. Die giftige Luft könnte ihr den Rest geben.“
Sie sprachen über mich. Was war überhaupt passiert, knallte die immer gleiche Frage gegen meine Stirn. Zu überwältigt von Hunger oder Müdigkeit? In jedem Fall war es mir in den ganzen letzten Monaten nie so ergangen. Nein, das konnte es nicht sein. Es war mein Kopf. Meine Zungenspitze fuhr über meine Lippenkante. Reste von Erbrochenen hatten sich hauchdünn daran festgekrallt. Mir war entgangen, dass es mir so dreckig ging. Mit einer Gehirnerschütterung war nicht zu spaßen. Erst der Stoß in der Tankstelle und später auf der Brücke.

Ein warmes Gewicht legte sich auf meine Beine. Leichte Atembewegungen verrieten mir, dass Rover sich zu mir gesellt hatte. Ich sollte die Chance nützen und schlafen. Schlafen bis zu dem Tag, an dem die Erde ohne Skitter lebt. Ein Sonnenaufgang hinter meinen geschlossenen Lidern, so still und friedlich. Es konnte nur ein Traum sein. Frieden liegt über diesem Planeten, wenn meine Augen ewig geschlossen bleiben. Stop. Ich rekelte mich, zwang mich meine Lider zu heben. Es war verheerend sich auf eine Illusion einzulassen. Der Alienüberfall hat stattgefunden! Meine Augenlider waren wie Blei und ich war zu schwach. Erneut wurde es dunkel. Die perfekte Idylle, dieser Sonnenaufgang. Stark, schön und still. So wäre ich auch gern. So war ich auch. Einst. Still, eine schleichende Überlebende und genauso stark wie tödlich. Vor allem mit meiner MP 5 von Liam, meinem kurzzeitigen Wegbegleiter. Bevor die Slenders kamen, gehörte er einer militärischen Elitetruppe an, hatte seine rauweiche Stimme erklärt.
Ich erinnerte mich zurück wie ich auf dem Tisch inmitten von umherwuselnden Menschen der zweiten Mass gesessen und wie sich Hal zu mir gesellt hatte. Unsere ersten Gesprächsversuche. Zögernd hatte ich ihm vom Aufeinandertreffen mit Rover erzählt, nach und nach von meinem vorigen Leben, und von dem Vorbesitzer meiner einmaligen Waffe und des Tuches. Sein Halstuch. Wenn ich es mir umlegte; wenn ich einen von Liams Überlebenstrick ausführte; oder bloß das Metall des Triggers zu spüren bekam - dann kribbelte es in mir. Ich hatte Liam nicht sterben gesehen. Er hatte mich fortgeschickt als zu viele Alienviecher auf uns zugestürmt waren. Es ist ohnehin Zeit sich zu trennen, meinte er zwischen all dem Skittergeschrei und Geballer.
Meine Hände ballten sich unbewusst zu Fäusten. Ich realisierte diese Bewegung erst als meine Handgelenke zu schmerzen begannen. Die aufgerieben Haut, verletzt durch die harten, trockenen Seile der Brückengauner; Fesseln, die sich unerbittlich in mein Fleisch gequetscht hatten. Ich knalle diese machomäßigen Grenzzöllner ab. Einem nach dem anderen. Gebt mir meine Waffe. Auf diesem kalten Planeten braucht man stets seine Waffe. Mein Waffe!
„Wo ist meine Waffe?“
Ruckartig saß ich aufrecht. Schwarze Pünktchen tanzten vor meinen Augen. Ich krallte mich an der Lehne des Sofas fest, um nicht zurück zu fallen. Als sich mein Sichtfeld halbwegs normalisiert hatte, blickte ich mich um. Da saßen sie, meine beiden Herren - in Gesellschaft eines Dritten.
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