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A Walk On Earth

GeschichteSci-Fi / P16 / Gen
16.10.2013
29.07.2014
32
46.449
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16.10.2013 1.216
 
Wir ließen die fünf Männer sich gegenseitig fesseln. Um den Letzten kümmerte sich Hal. Ich stand mit verbittertem Blick vor den fünf Fleischklumpen und studierte die miesen Gesichter. Einprägen wollte ich mir diese Visagen. So sollte man niemals werden, selbst in dieser von Alien durchwüsteten Welt nicht.

Die Waffen warf Dai in einen Leinensack, band ihn mit einem Gummi zu und warf ihn über die Brücke in das ausgetrocknete Flussbett. Sie konnten sich die Waffen wieder besorgen, wenn sie Lust auf eine Kletterpartie hatten. Aber fürs Erste waren sie außer Reichweiter. Leider mussten wir die Waffen entsorgen. Wir konnten weder die langsam zu ladenden Doppelläufer gebrauchen, noch die anderen Oldtimerwaffen oder deren Munition. Am besten konnten wir mit unseren eigenen Modellen umgehen und zu viel Gewicht war für unseren Weg auch nicht gut.
Hal gab mir ein Zeichen und ich schritt los. Endlich kamen wir runter von dieser verfluchten Brücke. Ein letztes Mal sah ich zurück, zu den fünf Fratzen und über das Geländer. In der Weite der Landschaft kratzte die Sonne bereits am Horizont, orangefarben als hätte sie das Blut dieser Nacht aufgesaugt.


„Stop. Pause.“
Ich schultere das erste Mal seit einer gezählten Ewigkeit meine Waffe nach hinten. Das Gefühl von Sicherheit machte sich breit, als Rover zwischen den Bäumen hervortrat. Ich kniete mich hin, er rannte auf mich zu und ich grub mein Gesicht in sein Fell. Ich spürte seinen Herzschlag, fuhr mit den Fingern durch sein Fell. Er war nicht verletzt.
Hal ließ seinen Rucksack neben mir ins Gras fallen. Ich blickte zu ihm.
„Du stirbst mir nicht weg?“
Sein Gesicht war etwas blass, vielleicht lag es auch an dem schummrigen Morgenlicht, dass sich hier im Wald breit machte.
Dai zog eine Mullbinde aus einer seiner seitlichen Hosentaschen und warf sie Hal zu. Dann ließ sich auch Dai auf den Boden sinken, den Rücken an einen Baum gelehnt. Es sah aus als würde er ein Nickerchen machen wollen, völlig erschöpft. In Wahrheit waren die Ohren von Dai gespitzt und seine Nase nahm jeden Geruch wahr, den der Wind ihm brachte.

Du stirbst mir nicht weg? Das war meine Art von ‚Ich hab dich gern. Wehe, du lässt mich allein in diesem Misthaufen von Welt.‘ Ich kniete mich neben Hal ins feuchte Gras. Die Stimme aus meinem Hals war leise und sanft wie lange nicht mehr. Obwohl Dai in nächster Nähe saß und Rover um uns herumschwänzelte, fühlte es sich an wie eine traute Zweisamkeit. Eingeschlossen von Bäumen und einem wolkenlosen, blauen Himmel über uns.
„Wir müssen es abbinden. Sonst verfolgen sie noch die Blutspuren.“
Hal blickte mich an, als hätte ich gerade das Rezept für einen Sahnekuchen aufgesagt. Er machte sich lustig über mich.
„So viel Blut verlier ich nicht.“
„Okay, was weiß ich. Hier, drück das mal drauf.“
Ich hatte die Mullbinde von Dai mit etwas Desinfizierendem getränkt. Ann Glass hatte mir ein paar Stunden Erste Hilfe Kurs gegeben und uns mit dem Nötigsten ausgestattet. Die Hoffnung all dieses Zeug niemals brauchen zu müssen, war nun mit dem Mond hinter dem Horizont untergegangen.
Ich drückte ihm die getränkte Mullbinde auf die Wunde. Etwas zu fest wie mir schien, denn Hal verzog das Gesicht.
Ein peinlich berührtes ‚Sorry‘ entwich meinen Lippen. Gleichdarauf zog ich mein Messer aus der Lederhülse und hielt es in die kleinen Flammen des Feuers, das Dai innerhalb weniger Sekunden wortlos mit Kleinholz des Waldes und Streichhölzern hergezaubert hatte.
Die Klinge glänzte und spiegelte die Flammen wider. Einst hat ein Soldat von mir gefordert, das zu tun. Nun musste ich es bei Hal anwenden. Zwei, drei Mal drehte ich die Klinge herum, zog sie aus der beißenden Flamme und rückte näher zu Hal. Ich sah ihm in die Augen, er wich meinem Blick nicht aus. Immer tiefer schien mein Blick zu gehen, während meine Hand seine Wunde aufsuchte. Mit den Fingern begrenzte ich den Bereich, ließ meine Augen aber niemals von seinen. Ich führte die andere Hand zur Wunde. Es gab kaum ein Geräusch, nur der zusammenbeißende Schmerzensschrei von Hal, den er zwischen aufeinander gepressten Lippen unterdrückte. Wenige Sekunden später war es auch schon vorbei und Hal war schweißverklebt. Seine Augen wirkten gläsern. Der Blick erinnerte mich an jemandem, der in meinen Armen gestorben war. Der gleiche verdammte Blick. Mir wurde in diesem Moment erneut bewusst, in welcher Zwietracht ich lebte. Ich wollte ein Einsiedlerleben führen, aber die Liste meiner Begleiter wuchs stetig an.

Hal’s Blick erschien nach wie vor als würde er jeden Augenblick unter die Erde gehen. Hal legte seine Hand auf meine, die bereits wieder einen Verband auf den Bauch hielt. Mit der anderen Hand führte er mein Kinn zu seinem Gesicht. Ich konnte mich nicht dagegen wehren. Es kam mir falsch vor. Erinnerungen an Maggie schossen in meinen Kopf. Lückenfüller. Lückenfüller. Einsiedlerin. Überlebe! Die Stimmen kreischten in meinen Ohren. Als mein Gesicht ganz nahe an seinem war, seine Lippen beinahe die meinen gespürt hätten, wich ich zurück. Mit einer sanften, aber bestimmenden Bewegung drückte ich meine flache Hand auf seine Brust und hielt ihn auf Abstand. Ich hätte gerne das Gefühl von Geborgenheit verspürt, wie ich es bei Liam kennengelernt hatte. Bei meinem Special Forces Typen, der mir die MP 5 übergeben, der mir von dem Gerücht erzählt hat; der mir das Leben gerettet, mir die Regeln des Überlebens beigebracht hat. Bei ihm war mein Körper das erste Mal seit langem von einem Sicherheitsgefühl übermannt worden. Verdammt. Mein Kopf hielt nicht die Klappe. Gegenwart. Hal. Unsere Augen starrten sich gegenseitig seelensuchend an. Augen zum Entfliehen aus dieser Hölle. Hal schien es mir übel zu nehmen, dass ich ihn abgewiesen hatte. Er nahm meine Hand von seiner Wunde und verarztete sich selbst.
Murmelnd entwichen ihm ein paar Worte.
„Was machen wir hier eigentlich, Kate. Hm? Die Welt retten sobald wir die Fabrik gefunden haben?“
Ich blickte ihn entsetzt an, er machte mich wütend. So ein kindisches Verhalten machte mich einfach wütend.
Ich knallte die restlichen Mullbinden ins Gras und sah ihn entschlossen an.
„Es war deine Entscheidung mitzukommen. Ich knall Leute lieber ab, als mich nochmal auf so eine Scheiße einzulassen. Und Ablenkungen sind tödlich. Punkt. So mache ich es nun mal, lebe damit oder geh.“
„Lebe damit oder geh?“ Hal starrte mich an. Der älteste Sohn von Tom Mason musste so sprachlos sein, dass er meine Worte wiederholen musste um sie zu verarbeiten. Verbittert wanderten seine Augen in die Umgebung, verloren sich zwischen Bäumen und Morgengrauen. „Wow. Nach allem was wir erlebt haben.“
Ich sagte nichts mehr und setzte ein Gesicht auf, welches keinen Interpretationsraum zuließ. Niemand sollte meine Seele lesen. Die Einsiedlerin in mir war dichter verwurzelt als gedacht. Selbstschutz. Rover. Meine Hand fuhr durch sein Fell. Ohne Worte schien er mein bebendes Herz zu hören, meine kaltschweißigen Hände zu spüren, mein distanziertes Verhalten zu riechen.
„Lasst uns noch etwas ausruhen. Sobald du dich etwas erholt ha-“
„Ich kann jederzeit weiter.“
Hal unterbrach mich, nicht eiskalt, aber kämpferisch. „Wir haben schon genug Zeit verloren. Es gibt einen Grund warum wir uns auf diesen Weg gemacht haben. Wisst ihr noch?“ Hal starrte zu Dai und mir. „Es gab tatsächlich schon zu viele Ablenkungen.“
Er redete von der Tankstelle, von der Brücke; aber seine Augen richteten sich für eine Millisekunden an mich. „Die Aliens warten mit der Produktion dieser blöden Masken nicht bis wir aufkreuzen.“
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