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A Walk On Earth

GeschichteSci-Fi / P16 / Gen
16.10.2013
29.07.2014
32
46.449
1
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Dieses Kapitel
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16.10.2013 1.417
 
(Liste ist wie immer unten angefügt; hoffe es gefällt, have fun)


Ein Einsiedlerleben bedeutet harte Zeiten, umfüllt von einseitigen Gesprächen und sprunghaft vorbeihuschender Frustration von Einsamkeit. Doch im Prinzip kam ich gut zurecht. Meine Kehle durfte lauthals jeden Song der zuletzt veröffentlichen Chartliste gurren; Nahrung musste nur mit Rover geteilt werden; geschlafen und geruht wurde erst beim Auffinden eines geeigneten Platzes. Nicht früher, nicht später. Kein Mensch, auf den man Rücksicht zu nehmen brauchte. Niemand zirpte Späßchen in dein Ohr, machte sich lustig über deinen Gesang oder stänkerte herum, wenn du mal etwas brutaler als vernünftig agierst.
Etwas brutaler. Trotzdem vernünftig. Ja, mein geliebter Grund Nummer Acht klopfe mir an mein Ohr wie ein Kuckuck seinen Schnabel gegen den Baumstamm. Wäre ich allein gewesen. Wäre kein Hal und kein Dai neben mir gestanden. Wäre und hätte ich anders gehandelt. Hätte ich die Typen abgeknallt. Diese vermaledeiten Gauner, die wie Dreckstauben auf ihrer Brücke thronten als wäre es das goldene Reich. Grund Nummer Acht. Ich hätte es getan. Ohne Begleitung, ohne Zuschauer und Menschen, die mein Verhalten im Stillen oder lauthals verurteilten. Aber ich war nicht alleine unterwegs. Damit wurde mein Handlungsspielraum in Fesseln gelegt. Und das Fazit? Jetzt lagen meine Hände in Fesseln.


Meine Handgelenke waren hinter meinem Rücken zusammengebunden. Ein rötlicher Schimmer hinter meinen geschlossenen Lidern verriet mir, dass ein schwaches Licht vor mir lag. Vielleicht die Morgensonne. Ich unterließ es die Augen aufzuschlagen und schwelgte in Erinnerungen an eine geordnete Welt. Das Rot erinnerte mich an einen sommerlichen Nachmittag im Grünen, Grashalmen an meinen nackten Waden und Musik in meinen Ohren. Doch die Geräusche der gegenwärtigen Umgebung erzählten von einer anderen Realität. Stimmen sowie aneinanderschlagendes Metall und Glas. Zögernd machte ich meine Augen auf.
In aller Stille atmend betrachtete ich die Situation. Die Typen hatten nicht bemerkt, dass ich wach war. Mein Kopf war an einen der Brückenpfeiler angelehnt, der Rücken aufrecht daran gepresst und meine Beine kribbelten blutleer vor sich hin. Keine Morgensonne. Es war der flackernden Schein des Lagerfeuers, in welchem sich ein paar grimmigen Gesichtszüge abzeichneten. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden. Diese Gesichter.
„Mh.“
Reflexartig wandte ich meinen Blick zur Seite. Hal saß neben mir. Ebenfalls ein geprügelter Leib mit gefesselte Händen.
„Hal?“
Die Stille der Nacht, die ausgestorbene Natur und eine kühle Feuchtigkeit in der Luft umgaben unsere Körper. Hal‘s Augen wirkten verschlafen und müde. Er musste erst zu sich kommen.
„Hal. Ich kenne ein paar der Gesichter.“
Hal schloss nach kurzem Blick ins Feuer die Augen, zog sein Gesicht lang, atmete tief ein und schaute mich mit neuer Energie an. Er versuchte zumindest den Anschein von Wachsein anzudeuten.
„Das sind die Kannibalen von der Hunthroad. Ich habe deinem Dad, Weaver und dir davon erzählt. Kannst du dich erinnern?“
Jetzt war Hal wach. Seine Augen weit aufgerissen und gestreckter als zuvor saß Hal da. Seine Muskeln angespannt. Ich bemerkte wie seine Hände hinter seinem Rücken arbeiteten. Er versuchte die Fesseln zu lösen.
„Willst du mich vera-“
„Ssscch!“
Schnell verbot ich ihm das Sprechen. „Willst du, dass sie uns hören?“
„Wir stecken ziemlich in der Bredouille.“
Ich nickte und lehnte meinen Kopf nach hinten. Ein alter Freund, der pochende Schmerz in meinem Schädel, hatte soeben Hallo gesagt hat. Seit dem Fall in der Tankstelle spürte ich es. Ich ließ mich auf das konstante Pochen ein, um die aufquellenden Bilder der Vergangenheit zu verdrängen. Wie sie die Körper verkleinert hatten; in den Topf geworfen als wären es Chicken Nuggets; wie Sarah, dieses kleine unschuldige Mädchen, nach Erklärungen verlangte. Ein leichtes Drücken an meinem linken Arm hielt mich davon ab noch tiefer wegzunicken.
„Hej.“
Dai. Die Gauner hatten mich zwischen Hal und Dai platziert, weil sie mich als Schwachstelle betrachteten. Diese Brückengestalten, diese Kannibalen! Von denen lasse ich mich nicht unterkriegen.
Mit meinem Kinn nickte ich zu einem der Typen, er saß mit dem Rücken zu uns und, wie seine Kumpanen, war er fest ins Gespräch vertieft. Die Augen auf das Feuer und das kochende Wasser in dem verbeulten Metalltopf gerichtet.
„Der dort. Das ist ein echt bedrohlicher Endzeittyp. Er zerhackte die Mahlzeit.“
Ich spürte brennende Blicke von Hal und Dai, wie sie jede Bewegung des Angesprochenen verfolgten. Die wenig überraschende Ansage kam vom unermüdlichen Kämpfer Dai.
„Meine Endzeit bestimme immer noch ich selbst.“
„Sehr episch.“
Hal nickte schief grinsend zu Dai rüber und selbst ich musste schmunzeln. Aber Dai hatte Recht. Wir durften nicht seelenruhig auf unserem Sitzfleisch hocken. Wir mussten unsere Fesseln losbekommen.
Während ich an den kratzigen Seilfesseln herumhantierte, um sie zu lockern, flüsterte ich meinen beiden Begleitern etwas zu.
„Der erste Fehler, den die Typen gemacht haben, war der leichtsinniger Glaube sie können sich auf ihre Überzahl verlassen. Der zweite große Fehler… sie hätten sich Kabelbinder zulegen sollen.“
In meinem Gesicht bildete sich ein hämisches Grinsen wie es Hal gar nicht kannte. Doch als er sah wie sich meine Arme hinter meinem Rücken auseinanderstreckten, entglitt auch ihm ein lustvolles Lächeln.



Dai und Hal waren in wenigen Minuten befreit. Unsere Waffen lehnten an einem alten Rollwagen, auf welchem sich kaputte Töpfe, zerflederte Wintermäntel und anderes Zeugs tummelten. Mit wenigen Worten und doppelt so vielen Gesten arbeiteten wir uns einen taktischen Plan aus. Ab sofort bestand unsere Kommunikation aus tiefem Vertrauen und unserer bisherigen gesammelten Erfahrung als Team. Denn jegliche Fingerzeichen waren im Dunkel der Nacht und durch das schwache Licht des Feuers kaum zu erkennen.

Raubkatzenmäßig war Dai an dem kleinen Transportmittel der Brückenbande angelangt. Die Typen waren mit dem aufheizen des Feuers und ihren hochprozentigen Getränken beschäftigt. Erst als Dai unsere Waffen, meinen Rucksack und unseren restlichen Kram geschultert hatte, machte ich mich auf den Weg.

Während Hal seine Waffe von Dai entgegen nahm, schlich ich mich im Dunkeln an das Lagerfeuer heran. Die Kannibalen waren in ohrenbetäubendes Gelächter vertieft, so dass ich die Gelegenheit beim Schopfe packte. Am Boden kriechend robbte ich näher, begab mich hinter den breitschultrigsten der Männer, richtete mich langsam auf und griff blitzschnell zu. Meine Hände fassten in sein widerliches Maul und mit voller Wucht meiner Armmuskeln zog ich ihn nach hinten. Sein Kopf landete zwischen meinen Füßen am harten Asphalt.
„Jetzt!“
Im nächsten Augenblick stürmten Hal und Dai einmal rechts und links an mir vorbei. Sie zogen mit den Läufen ihrer Waffen über die Köpfe zweier weiterer Gauner, die noch völlig perplex in mein Gesicht starrten. Der Schlag kam umso überraschender. Es war eine Wohltat zu sehen, wie sie von ihren Sitzkanistern flogen.

Hal und Dai erreichten die letzten zwei Gauner. Die geladenen Waffen wollten sie an deren Schläfen drücken, aber einer der beiden Männer schien besonders launig und betrunken. Als Hal bei ihm ankam, drehte sich der Gauner zu ihm, zog am Lauf der Waffe und riss Hal mit. Ein kurzes Gerangel folgte.
„Hal!“
Ich schrie auf, während Dai ruhig blieb und den anderen Typen in Schach hielt. Meine Füße trugen mich zu den beiden Kampflöwen. Noch ehe ich den Gauner von Hal wegreißen konnte, löste sich ein Schuss. Es zerriss die Luft in zwei Kontinente. Zwei Sekunden absolute Stille folgten. Ohne zu Atmen griff ich mir meine Waffe, steckte den Lauf in den Mund des Gauners und blickte ihn tobsüchtig an.
„Schnauze halten. Nicht bewegen.“
In meinem Augenwinkel linste ich zu Hal, der sich zur Seite drehte und seine Hand auf den Bauch presste. Blut trat zwischen seinen Fingern hervor.
„Nicht so schlimm. Nur ein Streifschuss.“
Er zog das Hemd hoch, betrachtete die Wunde und zog es viel zu schnell wieder runter. Mit schmerzverzogenem Gesicht rappelte er sich auf, sammelte seine Waffe vom Boden auf und nickte den Gaunern zu.
„Alle eure Waffen. Na los!“

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10 Gründe für ein Einsiedlerleben

2 .) Keine Ablenkung, da keine Männer: Ich hasste ihn. Ich hasste ihn dafür, dass er so süß aussah. Seine Augen mich mit diesem verträumten Blick anstarren konnten und ich keinen Plan hatte was in seinen Gedanken vor sich ging.
4.) Du gehst dorthin, wo du willst & bleibst solange du magst: du musst dir kein ‚Wir sollten gehen‘ oder ‚In diese Richtung wäre besser‘ anhören und ersparst dir langatmiges diskutieren.
6.) Man kann vor sich her singen: ohne blöde Kommentare von der Seite
8.) Man muss sich nicht für jede Kugel rechtfertigen: oder sich als Killer und gewissenlose Bestie verurteilen lassen. Im Ernstfall gibt es mich und das Überleben. (Merke: Zögern und Gnade verursachen gefesselte Hände.)
9.) Allein ist Streit unmöglich, ergo: keine zwischenmenschlichen doofen Konflikte: und vor allem keine eifersüchtigen Blicke von Furien, und keine Rache schmiedenden Zungen, die hinter deinem Rücken von Freund zu Feind werden.
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