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A Walk On Earth

GeschichteSci-Fi / P16 / Gen
16.10.2013
29.07.2014
32
46.449
1
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16.10.2013 1.008
 
Er war schleichend zwischen den Bäumen hervorgekrochen. Über dem kühlen Boden hatte sich die warme Luft transformiert, schlich nun über das feuchte Moos hinweg. Kein Blatt raschelte, lautlos kam er näher. Innerhalb von Sekunden war der Nebel bei uns angelangt. Die Wolke umkreiste meinen Körper, wandte sich Hal zu, umrundete Dai und schlich weiter, zur Brücke rüber. Mutter Natur hätte uns keine bessere Gelegenheit schenken können. Wir würden einen offensiven Angriff auf die fünf Kerle starten, den Überraschungseffekt als Begleiter und jede Menge Munition.


Es war die reinste Stille, die mir in meinem jungen Leben je begegnen würde. Vielleicht lag es an dem Getöse von eben, die der Stille noch mehr Raum zur Ausbreitung bot. Eventuell bot auch die hereinbrechende Nacht das nötige Ambiente für diese atemraubende Herrlichkeit. So standen wir uns jedenfalls gegenüber auf der Brücke, umgeben von dunkler Natur, schattenbewegtem Wald und schemenhafte Ansätzen von Bergen im Hintergrund. Einsam und still. Dai hatte den Hahn seiner Waffe gespannt, und Hal hatte ich aus den Augen verloren.
„Suchst du deinen Freund?“
Der Typ grinste mich mit seinen verschmutzen Zähnen und den blitzenden Augen an. Seine Hände waren zum Nachthimmel gestreckt, als wolle er die Sterne herunterreißen.
„Wo ist er!“
Meine Stimme kam gequält zwischen meinen Lippen hervor. Ich versuchte das Tier in mir zurück zu halten. Dieses Tier, diese Stärke einer Einsiedlerin, die Gnade und Erbarmen in ihrem Wortschatz kannte, wenn es um das Überleben ihrer selbst ging. Dieses Tier wollte hervorbrechen und ich traute mich kaum meine Lippen vollständig zu öffnen, so sehr fürchtete ich mein loses Mundwerk oder ein hervorspringedes Monsters aus meinem Inneren. Es würde alles nur verschlimmern.
Der Fremde reagierte nicht. Ich öffnete und schloss den Verschluss meiner Waffe, um Zweifel zu beseitigen, dass ich schießen würde. Das klickende Geräusch klang beinah lächerlich mächtig in dieser Friedhofsstille. Die in die Höhe gestreckten Arme des Mannes spannten sich an. Seine Muskeln würden zu zucken beginnen, sobald er nervös wurde. Meine Augen studierten jede seine Gesichtsregungen wie ein Adler seine Beute.
„Wow. Lady.“
Meine Strategie ihm zu zeigen, dass ich meine MP 5 A2 beherrschte, hatte Erfolg. Ich sah den Fremden erwartungsvoll und entschlossen an, wartete auf eine Antwort. Hal und drei der verrückten Brückenkerle waren abgehauen, als Dai, Hal und ich durch den Nebel auf sie zugestürmt waren. Nie und nimmer hatte ich mit Flucht gerechnet! Eine Schießerei, Tote oder Gefangene. Ein Gefecht und zähe Aushandlung am Ende, dafür hätte ich jeden Cent hergegeben. Aber nicht, dass diese Idioten die Flucht ergreifen würden. Hal war ihnen hinterher, trotz meiner Rufe. Dai überwältigte beim ersten Aufeinandertreffen einen der Kerle, während ich den Langsamsten von allen schnappte. Hinkend wollte er sich davon machen. Dieser erbärmliche Versuch machte mich so wütend, dass ich dem Mann meine Faust ins Gesicht gerammt habe. Mit einer blutigen Lippe und die Hände in die Höhe gestreckt, starrte er mich nun an.

Dai fragte mich mit einem stillen Blick, ob es denn Sinn machen würde, Hal und den anderen hinter her zu laufen. Die beiden Kerle, denen wir eine Waffe an die Schläfe hielten, konnten uns das Blaue vom Himmel erzählen.
Ich drückte den kalten Lauf meiner MP gegen die Backe des Mannes. Dabei richtete ich meinen Blick zu dem anderen Typen, den Dai in der Mangel hatte.
„Einer von euch beiden Doofköpfen muss euren Freunden doch etwas wert sein. Oder etwa nicht?“
„Lady. Spekulierst du darauf, dass unsere Kumpels zurückkommen?“
Ich starrte den Mann grimmig an.
„Das solltest du lieber nicht, Püppchen. Dann siehts nämlich dunkel aus für euch. Und für euren Freund sowieso.“
Meine Waffe zog sagenhaft schnell über den Kopf des Mannes, in der nächsten Sekunde landete er mit seinem Gesicht auf der dreckigen Straße der Brücke.

Mein Blick wandte sich an Dai, der mich nachdenklich, vielleicht sogar beunruhigt, betrachtete. Er war sich ebenfalls nicht sicher, welchen Schritt wir als nächstes nehmen sollten. Noch während mein Blick an Dai's Gesicht hingen, bemerkte ich eine sekundenschnelle Gesichtsverzerrung. Sein nachdenkliches Gesicht verwandelte sich in ein erschrockenes mit weit aufgerissenen Augen. Überrascht ließ Dai seine Arme locker, die Waffe senkte sich kaum zwei Zentimeter. Seine Geisel nutzte die Situation.
Die letzten Bilder, die mir in Erinnerung lagen, zeugten davon, wie Dai zu Boden geschlagen wurde. Dann wurde auch ich übermannt. Instinktiv wehrte ich mich an die von hinten heranschleichenden Gauner. Ich verteilte ein paar harte Schläge und verpasste einem weiteren eine gespaltene Lippe. Eine verkrustete Stimme rief „Vorsicht, is’ne kloane Ghettokeule!“ und drückte mich mit dem Stiefel an meiner Brust zu Boden. Mein Hinterkopf schlug auf den Asphalt auf. Eine Wassermelone wäre zersprungen. Mein Dickschädel hielt es besser aus, aber trotzdem wurden die Stimmen vernebelter, so wie der zwischen den Bäumen hängende Dunst.


Pochen in meinem Kopf, so stark wie nie zuvor. Ich hielt das Fußgelenk des Fremden umklammert, wälzte mich umher, wollte aufstehen. Ich hörte ihr ekelhaftes Lachen und sah die skrupellose Formen ihrer Schatten. Diese miesen Gauner. Möchtegern Grenzzöllner, das waren sie! Ich versuchte zwischen all den Stimmen, jene von Dai und Hal herauszufiltern. Das verdammte Pochen, der Schmerz war ein Uhrenpendel, das gegen meine beiden Gehirnhälften schlug. Nach dem Aufschlag in der Tankstelle war mein Kopf noch nicht ganz gesund. Und nun das. Das Pendel schlug weiter gegen meine Gehinhälften, einmal rechts, dann links. Poch. Poch. Ich würde Ohnmächtig werden. Die ersten Anzeichen machten sich schleichend breit. Das berüchtigte Läuten, das man wahrnimmt, während alle anderen Geräusche im Hintergrund versiegen. Es war ein langgezogenes Fiep, das die Tonleiter unaufhörlich höher kletterte. Unerträglich.
Alle meine Extremitäten kribbelten erst, wurden gleichdarauf taub. Selbst meine Zunge fühlte sich pelzig an, die Finger kalt und schweißverklebt. Mir war schlecht. Mein Denkvermögen ließ nach. Wo war Rover, wo hatte ich ihn zuletzt gesehen. Beim besten Willen konnte ich mich nicht erinnern. Das Ende kam dann ziemlich schnell. Hätte ich nicht am Boden gelegen, wäre ich einem Mehlsack gleich zusammengefallen. Ich wollte hyperventilieren, aber es ging nicht. Zu schwach. Als letztes verschlimmerte sich mein Sehvermögen. Ein weißes Licht blendete auf, dann folgte tiefes Schwarz als wäre der Körper friedlich am Einschlafen.
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