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A Walk On Earth

GeschichteSci-Fi / P16 / Gen
16.10.2013
29.07.2014
32
46.449
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16.10.2013 1.278
 
Haarsträhnen wehten vor meinem Gesicht herum, aber ich wagte nicht mich zu bewegen. Mein gesamter Körper war angespannt, von der Luft in meinen Lungen zu Boden gedrückt. Die Brücke war asphaltiert. Zwischen den Fahrstreifen befand sich eine kleine Betonbande, kaum höher als die Bordsteinkanten normaler Fußwege. Das würde kein Hindernis darstellen. Die Brückenränder waren von einem aus dünnen Stahlrohren gefestigen Zaun besetzt, die ein ungebremstes Auto niemals aufhalten könnten. In meinem Kopfkino sah ich ein Fahrzeug durch die Stahlrohre brechen, gute zwanzig Meter tief fallen und auf dem ausgetrocknetem Flussbett zerschellen.

Ich nahm das Fernrohr von meinen Augen und begab mich in eine Sitzposition. Ein Bein war leicht angewinkelt am Boden aufliegend, das andere Bein setzte ich darüber. Mit dem Ellbogen auf dem Knie abgestützt, legte ich die Waffe an, das Ende des Laufes dicht an mein Gesicht gedrückt. In dieser Position war meine Trefferquote die Zweitbeste.
Hal lag rechts von mir, daneben hatte Dai sein Visier gezückt.
„Das Flussbett können wir vergessen. Wir würden niemals auf der anderen Seite nach oben kommen. Zu steile Wand.“
Hal hatte Recht. Ich drehte meine MP5 millimeterweise nach rechts und links. Mit dem Fernrohr konnte ich mir zwar einen guten Überblick verschaffen, aber nachdenken und Pläne schmieden funktionierte am besten mit einem Blick durch das Visier.
„Etwas Flussabwärts gehen wäre zu Zeitaufwendig.“
Ich nahm das Ende meiner Waffe wieder aus dem Gesicht und blickte zu den beiden liegenden Gestalten neben mir. Dai nickte zustimmend, sein Gesichtsausdruck verriet wie hart seine Gehirnzellen arbeiteten.
Hal regte sich. Erst ließ er seine Waffe ins Gras gleiten, dann stütze er sich auf und setzte sich in den Schneidersitz. Er schien mit den Worten zu zögern. Ich stupste ihn leicht in die Seite, ein besorgter und fragender Blick in meinen Augen.
„Naja. Es klingt vielleicht merkwürdig. Aber hattet ihr in letzter Zeit mal das Gefühl…“ Hal wechselte den Blick zu Dai, gleichdarauf mied er unser beider Antlitz und suchte Halt in dem feuchtgrünen Gras.
„…dass wir verfolgt werden?“
Automatisch legte ich eine Hand auf seine Schulter.
„Ich halte dich nicht für verrückt.“ Ein aufmunterndes Lächeln, ich stemmte mich hoch und klopfte ihm liebevoll auf seinen verwirrten Schädel.
„Sowas sieht anders aus. Bin schließlich die Idealverkörperung von Verrückt.“
Nachdem ich nochmals aufmunternd zwinkerte, setzte sich eine ernste Miene an meine Mundwinkel. „Jedenfalls nein. Keine Verfolger. Vielleicht bekommst du zu wenig Schlaf.“
Dai nickte mir bestätigend zu. Er meinte ebenfalls nichts dergleichen wahrgenommen zu haben.
Hal wischte sich mit einer Hand über sein Gesicht als wäre ein langer Bürotag vorüber gegangen und der Feierabend würde endlich bevorstehen.
„Wahrscheinlich habt ihr Recht. Dabei war es nicht das erste Mal. Nachdem wir das Farmerhaus verlassen haben, hatte ich bereits… Na ist egal.“
Ich reichte ihm die Hand zum Aufstehen. Zwei abgenutzte Handschuhe, die ineinander griffen, von Pulverrückständen und Dreck durchsetzt. Aber jedes Mal blühte ein wohliges Gefühl in mir auf, wenn ich seinen Händedruck verspürte. Deshalb musste ich ungewollt lächeln, und Hal erwiderte es natürlich.
Wir brauchten eine Viertelstunde um von dem Hügel durch den Wald zurück zur Straße zu kommen. Danach dauerte es keine zehn Minuten. Der Wald wurde lichter, die Bäume hörten auf die Straße von rechts und links einzunehmen und das dunstige Licht des Tages ließ die Brücke vor uns wie ein göttliches Heiligtum erscheinen.

Ich hatte Rover befohlen an meiner Seite zu weilen, während wir der Brücke näher kamen. Neben mir war er sicherer, zumindest fühlte es sich für mich so an. Erst als Hal das Schweigen brach, fiel mir auf, dass seit dem Betreten der Straße kein Wort mehr von unseren Lippen gefallen war.
„Was meint ihr. Wer sind diese Leute?“
Dai kam mir mit einer Antwort voraus.
„Das sind Grenzzöllner.“
„Aber hier ist keine Grenze. Wir verlassen kein Gebiet.“
Typisch Hal. Er war wirklich ein kluger Kerl, aber mindestens genauso naiv. Er war mit einer optimistischen Einstellung versehen, die in solch einer Welt einen Seltenheitswert hatte. Ein Grund warum ich ihm wohl verfallen war.
„Doch.“
Diesmal überließ Dai mir das Antworten. Während ich sprach, ließ ich die Brücke nicht aus den Augen. Es fehlten keine fünfzig Meter mehr.
„Du stehst auf A.“
Ich streckte meine Hand aus, um auf das gegenüberliegende Gebiet der Brücke zu zeigen. Eine Waldlandschaft mit gewaltigem Gebirge dahinter und, laut Karte, einer Kleinstadt nicht unweit der Überführung. Meinen Zeigefinger streckte ich zusätzlich aus und deutete genau auf das andere Ende der Brücke.
„Du willst zu B.“
„-und hast nur eine Möglichkeit.“ Dai ergänzte meine Worte.
Mittlerweile hat auch Hal eingesehen, was diese Typen von uns verlangen würden.
„Sie bezeichnen es als ihr Revier. Verlangen esse, oder Waffen. Nehmen sich was sie wollen.“

Wir schwiegen, unsere Schritte wurden langsamer. Die Männer auf der Brücke hatten uns noch nicht bemerkt. Sie waren zu sehr mit der Zubereitung ihrer Mahles auf dem kleinen Lagerfeuer, mit intensiven Gesprächen, lautem Lachen und den Flaschen Whisky beschäftigt.
„Was ist der Plan?“
Meine Füße blieben vollends stehen, ich blickte zu Dai, der die Frage gestellt hatte, und Hal, dessen Hirn ebenfalls eifrig einen Plan suchte.
„Vom Hügel aus habe ich fünf gezählt.“
Die Jungs bestätigten meine Angaben.
Hal wiegte seinen Kopf leicht hin und her. „Noch haben sie uns nicht bemerkt. Wir könnten bei Nacht drüber schleichen. Wenn sie schlafen."
Dai grinste. „So wie die feiern, wird ihr Schlaf ein tiefer sein.“
Unwillig zuckte ich mit den Schultern. Mir behagte der Vorschlag nicht sonderlich und ich machte keinen Hehl daraus es zu zeigen.
„Ich weiß nicht.“
„Was hättest du sonst gemacht?“
Man spürte eine ungemeine Aura, die von Dai ausging. Er war Kampferprobt, hatte Erfahrung im Feld gemacht und das flößte mir Respekt ein. So wie er mir die Frage stellte, macht er nicht zum Ersten Mal klar wie sehr er auch meine Meinung schätzte.
Bloß, Dai würde mit meiner Antwort nicht glücklich sein. Hal noch weniger. Also hakte ich etwas nach, um sicher zu sein.
„Wenn ich alleine gewesen wäre, meinst du?“
Dai nickte. Hal legte seine Stirn in nachdenkliche Falten als würde er ahnen, dass meine Erfahrungen und Charakterzüge des Einsiedlerlebens wieder zum Vorschein treten würden.
Meine Antwort kam wohl auch etwas zu direkt, denn bei beiden Männern flammte etwas in den Augen auf. Erschrocken vor meiner Ehrlichkeit, vor meiner Grobheit – als Mensch und Frau. Doch wer überleben will…
„Ich hätte alle abgeknallt.“

Hal murmelte als erstes ein paar Worte hervor. Es klang wie Ziemlich rabiat. Es war schmerzhaft gerade von Hal so etwas zu hören. Als Einsiedlerin, als Frau.. musst du grausame Dinge tun. Ich musste diese Dinge tun, und war nicht stolz darauf. Im Gegenteil. Ich schämte mich für all die furchtbaren Bilder, die Schreie, die sich in meine Erinnerungen eingebrannt haben.
Die Welt vor der Alienankunft war schon kein Zuckerschlecken. Doch diese hier war mehrfach versalzen.

Die Aussage von Dai war ausweichend. Er ließ meinen Vorschlag, die Männer nachts zu überraschen, in die Hölle zu schicken und sicher auf die andere Seite zu gelangen, unkommentiert. Stattdessen brachte er einen anderen Vorschlag ein. Ein ziemlicher mieser und hilfloser Vorschlag meines Erachtens nach. Es gab lediglich einen Grund dafür. Auch Dai wusste, wie ausweglos die Situation für uns, und wie hoch die Erfolgsquote von meiner Idee war.
„Vielleicht lassen sie ja doch mit sich reden.“
Ich schielte zu Dai rüber als seine Worte an mein Ohr drangen. In meinem Gesicht zeichnete sich miese Ungeduld ab, während meine Zunge ihm eine deftige Antwort verpasste.
„Klar. Und dann reiten wir mit denen gemeinsam in den Sonnenuntergang. Es wird seeehr romantisch.“
Hal konnte sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen. Ich schüttelte den Kopf und beruhigte mich. Mit einem Schulterklopfer entschuldigte ich mich bei Dai und gab das Zeichen, dass wir uns erstmal wieder zurückziehen sollten.
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