Voyagers: Die Rückkehr der Pioniere [P,V&W2]

von VGer
GeschichteDrama, Familie / P16
15.10.2013
20.02.2015
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ANMERKUNG: das ist die zweite Geschichte in einer Serie, der erste Teil ist "Pathfinders: Tage wie diese". Man muss es nicht zwingend gelesen haben um diese Geschichte zu verstehen, aber es ergibt dann wahrscheinlich vieles viel mehr Sinn.



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„Was auch passieren mag – wir werden jetzt weder unsere Hoffnung noch unsere Ambition aufgeben, weil wir Pioniere sind und weil es für Neugier keine Heilung gibt.“
Commander Barclay, 2397




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(In ferner Zukunft: Nordamerika, Erde, im Jahre 2431.)



✪✪✪



Sie gingen gemächlich Seite an Seite, harmonisch schweigend – zwei alternde Admirale in Galauniform, über und über dekoriert mit glänzenden Orden an bunten Bändern, die sich im Laufe ihres ebenso ereignisreichen wie verdienstvollen Lebens angesammelt hatten und die jetzt einen klimpernden Kontrast zum schweren, mattschwarzen Stoff ihrer klobigen Sakkos bildeten. Ein letzter sehnsüchtiger Blick zurück auf die Voyager, auf ihr würdiges altes Schiff, das den Jahreszeiten ebenso trotzte wie sie schon den Widrigkeiten des Deltaquadranten getrotzt hatte und deren Hülle unter der schwelenden Abendsonne in einem entrückten Goldton schimmerte. Das beißend metallische Aroma von entzündetem Plasma waberte durch die Luft, ein Geruch der ihnen auch so viele Jahre nach den Kriegen unweigerlich noch die Gänsehaut aufstellte; doch heute waren es funkelnd fröhliche Feuerwerke gewesen, welche die besten Kadetten der aktuellen Pilotenklasse im formvollendeten Formationsflug in die Atmosphäre über der Küste gemalt hatten.



Feuerwerke für einen Triumph.
Feuerwerke für eine neue Epoche.
Feuerwerke für einen Abschied.



Sie lösten sich in silbriges Schillern auf und materialisierten einen hell singenden  Moment später knapp 1.500 Kilometer weiter nordwestlich mitten im Wohnzimmer des antiken Herrenhauses, das in den letzten Jahren zum Epizentrum ihrer großen und weitverstreuten Familie geworden war. Bloomington, Indiana – seit der Admiral nicht mehr lebte, war dieser Ort niemandes Heimat mehr, und doch hatten sie sich hier endgültig niedergelassen und begegneten sich immer wieder. Mit frisch zusammengesetzten Molekülen wagten sie endlich ein erleichtertes Lächeln.



„So aufrichtig sie auch sein mögen, die Gratulationen und Lobreden fühlen sich seltsam an.“ Annika zog die Spange aus ihrer strengen Frisur und schüttelte ihr silberblondes Haar aus, dann schlüpfte sie aus dem Sakko und lockerte endlich den Kragen des Blousons ihrer verhassten Galauniform. „‚Herzlichen Glückwunsch und herzlich Willkommen in der gähnenden Langeweile, Admiral, Sie haben soeben Ihr Lebenswerk erfolgreich beendet also könnten Sie eigentlich bald sterben.

Harry grinste schelmisch, während er mit wenigen routinierten Handgriffen vier Gläser aus der Vitrine holte und eine kühle Flasche Champagner köpfte. „Ich weiß ganz genau was du meinst, meine Liebe. Was auch immer sie auch zu mir sagen, ich höre immer nur: ‚Herzlichen Glückwunsch, Admiral, Sie werden jetzt sieben Jahre lang hinter einem Schreibtisch in San Francisco sitzen und keinen Sex haben während die Frau die Sie lieben Raumfahrtgeschichte schreibt.’“

„Du Ärmster! Benachrichtige mich wenn du zu kopulieren wünscht, ich kann dich ja um der alten Zeiten willen in einem Wartungsschacht an die Wand klatschen und ...“ Annika lachte schallend und Harry fiel mit ihr ein.

„Bei aller Liebe, aber das würden wir beide nicht überleben.“ Immer noch lachend legte er den Arm um sie und sie den Kopf an seine Schulter.

„Dad, Tante Annie! Wie alt seid ihr bitte, achtzig oder achtzehn? Benehmt euch gefälligst und denkt an die Kinder! Es gibt Dinge, die wir einfach nicht wissen wollen.“ Jack hielt sich und Marek hielt ihrer Tochter theatralisch die Ohren zu.

„Schön, dass ihr drei auch schon da seid. Haben euch gar nicht kommen gehört ...“



Harry richtete sich auf und machte ein paar Schritte auf seinen erwachsenen Sohn zu, doch bevor er ihn richtig begrüßen konnte wurde er schon erbarmungslos jubelnd vom jüngsten Mitglied der Dynastie – einem kleinen Wirbelwind mit grauschuppiger Haut und schwarzglänzendem Haar, den er über alles liebte – angesprungen. Leena krähte begeistert und Harry wirbelte seine Enkelin ebenso begeistert durch die Luft.



„Opa! Opa!!! Siff wegfliegt! Ganz weg! Baba!“ Leena vermeldete die Ereignisse des Tages mit der nachdrücklichen Wichtigkeit, die nur eine Dreijährige aufbringen konnte.

„Ja, die Wayfarer ist weggeflogen und ist jetzt ganz lange ganz weit weg.“ Harry lächelte etwas schwermütig. „Hast du ihr nachgewinkt, meine Kleine?“

„Leena winkt!“ Leena nickte ganz eifrig, doch sie wurde schon unruhig in den großväterlichen Armen und sah sich mit ihren riesigen smaragdgrünen Augen im weitläufigen Wohnbereich um. „Wo’s Geggi?“

Harry schluckte schwer. Leenas Großmutter fand es nämlich schrecklich wenn man sie Großmutter oder irgendeine Koseform davon nannte; sie war so viel jünger als Leenas Großvater und fühlte sich eigentlich längst noch nicht alt genug um Großmutter zu sein. Und da Leena ihren Namen noch nicht richtig aussprechen konnte, hieß ihre Großmutter eben bis auf weiteres Geggi und alle waren zufrieden. Doch jetzt war sie nicht da.

„Sie versteht es noch nicht wirklich, sie ist noch zu klein.“ Marek schüttelte mitfühlend und gleichermaßen traurig den Kopf.

„Geggi ist mit der Wayfarer weggeflogen, in den Deltaquadranten, weißt du? Sie ist doch der Captain.“ Nur Leena zuliebe zwang sich zu einem selbstsicheren Lächeln, zu dem ihm gar nicht zumute war.

„Oh.“ Leena wiegte kurz und grüblerisch den Kopf hin und her, dann erstrahlte sie wieder und erinnerte sich an das aufgeregt tosende Rambazamba, das sie am Nachmittag miterlebt hatte, mit Feuerwerken und Zuckerwatte und Raumschiffen und Applaus. „Geggi We-fa baba! Leena winkt!“



Es war so herrlich einfach, wenn man noch so klein war.



Leena zappelte sich aus der großväterlichen Umarmung frei und stob unbeirrt davon um zu spielen. Harry seufzte tief. Annika griff entschlossen nach den gut gefüllten Champagnergläsern und verteilte sie unter den Erwachsenen, schließlich hatten ihr viele Jahre akribischer praktischer Studien überdeutlich gezeigt, dass Champagner immer gegen trübe Stimmung half.

„Gut gemacht, Dad.“ Jack erhob sein Glas und legte seine schlanke, große Hand liebevoll auf Harrys Schulter. „Du auch, Tante Annie. Wir sind stolz auf euch, und außerdem stolz dabei zu sein.“

„Sag’ das nicht, mein Schatz, bitte ... du hast sie doch vorher gehört. Wenn du ihnen gratulierst denken sie ans Sterben oder an Sex mit deiner Mutter.“ Marek lachte, wieder begleitet von einem übertrieben dramatischen Augenrollen, und plötzlich lachten alle.



Es war befreiend.



„Trinken wir auf die Wayfarer.“

„Auf Maggie und Teddy und Helen!“ – „Und auf Ginny!“ – „Auf Reg und Tom und die Brahmse!“ – „Auf den Admiral ... nein, nicht du, ich meinte eigentlich Admiral Janeway, du Blödian. Na gut, dann halt auch auf dich. Auf uns!“ – „Auf die Familie!“ – „Auf die Voyager!“ – „Auf die Wayfarer!“ – „Auf den Deltaquadranten!“

„Hört, hört!“



Die Gläser klirrten, wieder und wieder. Obwohl niemandem so recht zum Feiern zumute war, hatten sie allen Grund zum Feiern.



Für Neugier gibt es keine Heilung.“ Harry zitierte das Schiffsmotto der Wayfarer, bevor er sich umständlich auf die Couch plumpsen ließ.

„Und wenn es eine geben sollte, dann haben wir sie längst gefunden, sonst wären wir nicht wieder unterwegs.“ Annika, die selbst vor vielen Jahren diese Worte geprägt hatte, ließ sich wesentlich graziler neben ihm nieder.

„Es war an der Zeit.“ Harry stimmte ihr unbestimmt zu.



Jack lehnte sich zurück und legte einen zärtlichen Arm um Mareks Schultern. Beide nahmen in still vertrauter Synchronie einen weiteren Schluck Champagner und betrachteten die zwei Admirale, die lebenden Legenden die ihnen gegenüber saßen, dann ihre kleine Tochter, die völlig unbeirrt spielend auf dem Boden hockte und Spielzeugraumschiffe durch die Luft wirbeln ließ. Es war ein Modell der Wayfarer, was sonst? – und mitten im Flug kollidierte es krachend mit einem ramponierten Modell der Voyager, mit dem vermutlich schon Leenas Vater sowie ihr Onkel und ihre Großmutter vor ihnen gespielt hatten. Leena glotzte kurz verdutzt und ließ dann die Schiffe weiterfliegen als sei nichts passiert.



„Sie ist definitiv eine von uns.“ Harry klang unheimlich stolz obwohl er über das Spiel des kleinen Mädchens lachen musste. „Sie lässt es gewaltig krachen und sie macht einfach weiter.“

„Ihr solltet Leena die Geschichte erzählen.“ Marek lächelte ein sanftes, graues Lächeln. „Diese Familie ist ziemlich außergewöhnlich und völlig verrückt, das wissen wir alle, und sie muss es erfahren. Es ist schließlich auch ihre Geschichte und ihre Familie.“

„Wenn sie größer ist, vielleicht. Sie versteht das doch noch gar nicht, sie ist noch viel zu klein!“ Harry protestierte, doch nur schwach.

„Was sollen wir ihr denn sagen? Champagner hat’s verschuldet?“ Annika kicherte.

„Wie wär’s mit der Wahrheit?“ Nur kurz klang Jack schärfer als beabsichtigt, dann mäßigte er seinen Tonfall wieder, schließlich war er vor kurzem dreißig Jahre alt geworden und längst kein wütender Teenager mehr.

„Die Wahrheit, Jack, ist ebensowenig eine absolute Größe wie die Geschichte. Sternzeiten und Koordinaten sind irrelevant.“ Annika zuckte mit den Schultern und legte den Kopf schief, bevor sie noch einen demonstrativen Schluck Champagner nahm.

„Aber gerade du als Wissenschaftlerin ...“ Jack widersprach sofort, doch nach einem Blick in Annikas strahlendblaue Augen versiegte sein Protest – es war der gütige und doch leicht herablassende Blick einer erfahrenen Vorgesetzten und Mutter, der ihn gleichzeitig sanft in seine Schranken wies und ihm augenöffnend die Welt erklärte.

„Es gibt keine Geschichte, es gibt nur Geschichten, es gibt so viele Varianten von Geschichte wie es individuelle Biographien gibt. Am Ende fügen sich all diese Stücke zusammen wie ein Mosaik, und wenn man es mit etwas Abstand betrachtet hat man so viel mehr als nur die Summe aller Einzelteile, man hat ein vollständiges Bild. Es kommt immer auf die Perspektive an. “

„Wirst du etwa auf deine alten Tage noch poetisch?“ Harry witzelte nur weil ihm nicht zum Lachen zumute war.

„Poesie ist irrelevant.“ Annikas Konter war zielsicher wie eh und je, der ihr eigene Sarkasmus funkelte silbern aus ihrem Gesicht bis sie sich zurücklehnte und lächelte. „Familie ist es nicht.“

Harry ergriff spontan Annikas Hand und hielt sie fest. Mit ineinander verschränkten Fingern war das stabile Band der beinahe lebenslangen Freundschaft zwischen den beiden deutlich sichtbar, denn ihre Biographien waren untrennbar miteinander verflochten. Jack beugte sich intuitiv vor, lehnte sich über den Tisch und legte seine Hand auf die ihren.

„Die Geschichte, jede Geschichte, ist unsere gemeinsame Geschichte, und sie darf nicht verloren gehen ... dafür ist zu viel passiert und wir sind es uns schuldig nicht länger darüber zu schweigen.“ Jacks sehnige Finger drückten sich aufmunternd zusammen, spürten die väterliche Hand erwidern. „Meine Tochter soll nicht so verloren sein wie ich es war, wie wir alle es irgendwann einmal waren. Wir müssen uns daran erinnern, wir alle, an das Wahnsinnige und das Großartige und das Schreckliche – erzählt es ihr, damit sie es verstehen kann sobald sie es verstehen kann. Bitte.“



Harry und Annika wechselten einen vielsagenden Blick, dann nickten sie beide ihr Einverständnis und schenkten Champagner nach. Jack und Marek strahlten sich erleichtert an, packten sich bei den Händen wie sie es immer taten wenn sie Kraft und Rückhalt im anderen suchten, und ihre Mienen waren voll von Glück und Zuneigung. Leena gluckste nach wie vor unbeeindruckt vor sich hin und schleuderte die Miniatur-Wayfarer quer durchs Wohnzimmer, so wie einst die Phalanx des Fürsorgers die Voyager quer durch die Galaxie geschleudert hatte.



„Wo sollen wir beginnen?“

„Am Anfang, würde ich sagen.“



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A/N.

Ich nehme an, der eine oder andere ist jetzt völlig verwirrt? Bitte tief durchatmen, gleich wird alles etwas klarer: Dieser Prolog spielt in der fernen Zukunft, aber die eigentliche Geschichte beginnt im kommenden ersten Kapitel genau ein Jahr nach Heimkehr der Voyager. Mehr Informationen zu meinem Kopfcanon und eine überblicksmäßige Zeitlinie gibt’s in meinem Profil.

Eigentlich wollte ich erst Pathfinders: Tage wie diese abschließen, bevor ich mit der Überarbeitung von V&W beginne, aaaber ... dieser neue Prolog lag schon länger in kleinen Gedankensplittern in der metaphorischen Schublade. Heute ist mein einjähriges Jubiläum hier auf Fanfiktion.de, somit auch der erste Geburtstag des gesamten Ex-Astris-Universums, und was wäre passender als ein Kapitel wie dieses (& Kekse! auf jeden Fall Kekse!!!), um das gebührend zu feiern? Sobald Pathfinders abgeschlossen ist (etwa Anfang Oktober) geht’s hier so richtig los, also bitte ich noch um etwas Geduld und verrate nur so viel, dass die Geschichte komplett überarbeitet und erweitert wird und es viele zusätzliche Szenen geben wird (also ist auch für diejenigen, die das „alte“ V&W kannten etwas Neues dabei!). Ich hoffe, dass Ihr mich durch alle Höhen und Tiefen auf diesem spannenden Weg begleiten werdet und ich danke schon jetzt Euch allen fürs Lesen und vor allem für Euer wertvolles Feedback!

Außerdem: Herzlich Willkommen in der Familie, Leena Janeway, Deine Geschichte erzählen zu dürfen ist mir eine Ehre und eine Freude. Ich liebe Dich jetzt schon.

Und noch außerdemer: Harry & Annie rocken (da waren sie noch jung, ab dem nächsten Kapitel sind sie's wieder.



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