In Vino Veritas

GeschichteDrama, Romanze / P18
Andreas Kringge Martin Ferchert Michael "Mick" Brisgau Tanja Haffner Uschi
14.10.2013
15.11.2013
14
18.307
2
Alle Kapitel
26 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
14.10.2013 1.372
 
Titel: In Vino Veritas
Autor: CrazyCat179
Spoiler: Staffel 4, ca. Folge 3-4, Alternative Universe (bei mir gibt es keine Steffi, die braucht doch auch niemand!)
Rating: P18
Kategorie: TaMi
Disclaimer: Mick Brisgau und Co. gehören mir nicht. Ich leihe sie mir nur mal kurz für ein bisschen Spaß aus und gebe sie unbeschadet und ohne finanziellen Nutzen für mich wieder zurück. Versprochen!
Feedback: …sehr, sehr gerne! CrazyCat179@yahoo.de  - Wer Fehler findet, der darf sie auch behalten!


In Vino Veritas

Eine bleierne Müdigkeit lastet schwer auf mir, eine von der Art, die nicht einmal eine ordentliche Mütze Schlaf vertreiben kann. Ich, Mick Brisgau, bin unendlich müde. Und es ist nicht der bloße Schlafmangel, der dieses Gefühl in mir auslöst, es sind meine Lebensumstände, in die ich mich hinein manövriert habe und die mich nun mit eisernem Griff gefangen halten. Mit dem Elan eines alten, gebrochenen Mannes betrete ich die Kneipe meiner besten Freundin und ehemaligen Vermieterin. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass es schon ziemlich spät ist, doch glücklicherweise gibt es hier keine Sperrzeiten und keinen Feierabend, zumindest nicht für mich. Die meisten Lichter in Uschis Kneipe sind bereits gelöscht, einzig die Beleuchtung am Tresen taucht die Bar in ein schummriges Halbdunkel Wie nicht anders zu erwarten, steht Uschi hinter ihrer Theke. Doch da sie mir den Rücken zuwendet, hat sie mein Erscheinen noch nicht bemerkt. Erst, als sie mit einem Lappen bewaffnet hinter der Theke hervorkommt, um den kleinen Ecktisch zu ihrer Linken abzuwischen, entdeckt sie mich. Ein überraschtes, jedoch warmes und herzliches Lächeln legt sich über ihre Lippen.

„Sieh an, was der mitternächtliche Sturm herein geweht hat. Sag an, Fremder, was treibt dich hierher?“ Mit einem Blick, in dem sowohl Wiedersehensfreude als auch ein leiser Vorwurf liegt, betrachtet sie mich von oben bis unten, ehe sie mich in eine enge und herzliche Umarmung zieht. Auch ich schließe sie wortlos in meine Arme und atme tief ihren vertrauten Duft ein. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit stellt sich das vage Gefühl von „Heimkommen“ bei mir ein. Schamhaft wird mir bewusst, dass ich meine Besuche in Uschis Kneipe in den letzten Monaten an einer Hand abzählen kann. Manchmal frage ich mich, ob ich mit meinem Eremitendasein im Wald die Welt vor mir oder mich vor der Welt schützen möchte. Vielleicht ein wenig von beidem.
„Wird langsam kalt da draußen, was? Oder ist dir das Bier ausgegangen?“, will sie von mir wissen und hält eine Armlänge Abstand, um mich abermals zu mustern. Ihrem durchdringenden Blick entgeht keine Regung, kein Muskelzucken. Unbehaglich löse ich mich von ihr und lasse mich auf einen der Barhocker – meinen Hocker – fallen und deute auf den Zapfhahn.

„Bekommt man hier nur Vorhaltungen serviert?“, frage ich provozierend. „Uschi, zapf mal ein Pils“, fordere ich sie auf und als Uschi seufzend zurück hinter ihre Theke geht, weiß ich, dass ich sie bei ihrer Kneipenbesitzerinnenehre gepackt habe. Sie lässt sich gehörig Zeit, zapft mit einer stoischen Ruhe mein Bier und schiebt es dann mit einem vielsagenden Blick in meine Richtung.
„Verdient hast du es nicht“, belehrt Uschi mich, sie kann sich ein kleines Schmunzeln jedoch nicht verkneifen. Mit ihren Worten hat sie vermutlich sogar recht. Doch selbst mit dieser Einsicht schmeckt mein Bier noch immer himmlisch gut.
„Ihr zwei treibt mich noch irgendwann in den Wahnsinn!“, beschwert sich meine Freundin. Ich schaue fragend über den Rand meines Glases zu ihr hinüber.

„Ihr Zwei?“, will ich misstrauisch wissen, doch bevor Uschi sich erklären kann, öffnet sich die Tür zur Toilette und mein Herz setzt für einige Sekunden aus, als ausgerechnet Tanja Haffner im Türrahmen erscheint. Von all den Menschen auf der Welt muss es ausgerechnet sie sein, die mir hier über den Weg läuft. In meinem persönlichen Mekka, meinem Heimathafen, zu dem ich nach einer langen Odyssee zurückgekehrt bin. Tanja, meine Ex-Psychologin, meine Ex-Freundin, meine Ex-Chefin – ziemlich viel EX für eine einzige Frau. EXtrem schön könnte ich dieser Liste noch hinzufügen, und bevor ich mich in weitere Überlegungen verlieren kann, unterziehe ich Tanja lieber einer eingehenden Musterung. Heute Abend sieht sie verändert aus, irgendwie wie eine wildere, außer Kontrolle geratene Version ihres perfekt frisierten und gestylten Polizeipsychologinnen-Selbst. Und während ich noch überlege, was genau mit ihr los ist, sieht sie mit glasigem Blick durch mich hindurch und schwankt so bedenklich, dass sie sich kurz an der Wand abstützen muss.

„Ich rede nicht mit Halluzinationen“, bringt sie schwerfällig über ihre Lippen und verhaspelt sich bei dem letzten Wort. Sie lässt mich links liegen und läuft auf unsicheren Beinen an mir vorbei auf den kleinen Ecktisch zu. Tanja Haffner ist betrunken – nein, sie ist sterngranaten dicht. Ich folge ihr mit etwas Abstand und werfe Uschi beim Vorbeigehen einen fragenden Blick zu. Die zuckt jedoch nur mit den Schultern und ist wenig hilfreich. Tanja erreicht den Tisch und versucht wenig erfolgreich, den Stuhl für sich zurechtzurücken. Als ihr das auch nach dem dritten Versuch nicht gelingt, sackt sie einfach in sich zusammen und nur mein beherztes Eingreifen verhindert, dass sie sich ins Leere setzt. Ein überraschter, ein wenig irritierter Gesichtsausdruck huscht über ihr blasses Gesicht. Sanft schiebe ich die Betrunkene stattdessen auf die Bank.
„Immer langsam“, rate ich Tanja und entwinde ihr das Schnapsglas, um das sich ihre Hand wie selbstverständlich gelegt hat. Die zwei leeren Weinflaschen auf dem Tisch verraten, wie tief meine Lieblings-Psychologin bereits ins Glas geblickt hat. Doch Tanja scheint noch nicht genug zu haben. Unkoordiniert bringt sie ihr leeres Glas an die Lippen und Enttäuschung macht sich auf ihrem hübschen Gesicht breit, als sie begreift, dass ihr Glas bereits leer ist. „Du hattest schon genug für heute, Tanja“, informiere ich sie, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob meine Worte überhaupt bei ihr ankommen. Ich entwinde ihr das Glas und stelle es ans andere Ende des Tisches.

So nah bin ich Tanja schon lange nicht mehr gewesen. Nicht mehr seit der Geburt von Andis Sohn und unserem ernüchternden Gespräch danach. Das Gespräch, das sämtliche Türen für uns verschlossen hat, vermutlich für immer. Danach war nichts mehr, wie es einmal gewesen ist. Als Konsequenz ist sie mir aus dem Weg gegangen, hat sich ganz und gar meinem Radar entzogen und weil sie ihre Position als Leiterin der Mordkommission aufgegeben hat, ist ihr das sogar sehr gut gelungen. Zuerst hat mich dieses Verhalten wütend gemacht – schließlich ist sie ganz und gar nicht unschuldig an dem traurigen Ausgang unserer Liebesgeschichte – doch nach einiger Zeit hat es mich nur noch traurig gemacht. Es hat einige Wochen gedauert, bis mir bewusst wurde, dass ich Tanja vermisse. Nicht nur ihre bloße Anwesenheit, auch die Gespräche mit ihr, die Reibungen, ihre spitzfindigen Kommentare, selbst unsere Streitgespräche vermisse ich. Wie armselig, wie pathetisch bin ich mir die letzten Wochen deswegen vorgekommen. Selbst bei Uschis Geburtstagsfeier ist es ihr gelungen, den ganzen Abend unter meinem Radar abzutauchen. Sobald ich auch nur in ihre Richtung gesehen habe, ist sie Minuten später in der Menge verschwunden.

„Sag mir nicht, was ich nicht tun soll!“, weist sie mich zurecht und kämpft um eine klare Aussprache, was ihr jedoch deutlich misslingt. Nichtsdestotrotz sieht sie mich mit stoischer  Würde an und ich bewundere sie dafür. Das ist einer der Momente, der mir den Blick auf eine andere Tanja offenbart. „Was machst du eigentlich hier?“, fragt sie plötzlich irritiert mit einem verärgerten Unterton in ihrer Stimme und starrt mich unvermittelt an. Zumindest versucht sie es, doch ihr übermäßiger Alkoholkonsum verhindert, dass sie einen genauen Fokus findet. „Solltest du nicht im Wald sein – oder in der Hölle?“ Bei ihren letzten Worten breitet sich ein süffisantes, selbstzufriedenes Lächeln auf ihren Lippen aus. Sie scheint sichtlich stolz auf sich und ihre Worte zu sein.
Mich machen sie lediglich traurig. Ist es das, was sie während der letzten, schmerzhaften Wochen gedacht hat? Hat sie mich zur Hölle gewünscht? Hat sie vielleicht sogar recht mit diesem Wunschgedanken? Ich schlucke mein Unbehagen herunter und sehe Tanja scharf an.

„Damit du ganz alleine hier deinen Spaß haben kannst?“ Ich schüttele meinen Kopf, doch mein Gegenüber macht eine wegwerfende Handbewegung. Ihre Motorik ist nicht mehr so präzise, wie sie es im nüchternen Zustand wäre, doch das braucht sie auch nicht zu sein, um zu verstehen, dass Tanja anderer Meinung ist. Wie so oft.
Review schreiben