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Der Dritte Weg

von Bagheera
GeschichteDrama / P12 / Gen
Hanzo Juro Krabat Lobosch
07.10.2013
20.10.2013
4
9.320
2
Alle Kapitel
16 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 
07.10.2013 1.661
 
Hallo! Das hier ist meine erste fanfiction auf Deutsch seit über 10 Jahren - seitdem hab ich nur auf Englisch geschrieben. Aber es hat mich schon immer in den Fingern gejuckt, eine Geschichte für eines meiner deutschen Lieblingsbücher zu schreiben. Das hier ist also ein Experiment, und ich bin ein bisschen nervös - feedback hilft da ;)

Zur Geschichte: Beim ersten Mal vorgelesen bekommen war Tonda mein Lieblingscharakter, aber sobald ich Krabat zum ersten Mal selbst gelesen hab, wurde es Juro. Es ist einfach genial wie man beim zweiten Lesen merkt, dass der "dumme Juro" in Wirklichkeit ein richtiger Mastermind ist, und zwar von Anfang an. Das Ende vom Buch ist zwar perfekt so wie es ist, aber ich hab trotzdem immer gerne darüber fantasiert wie es wäre, wenn Krabat und die anderen ihre Magie behalten dürften, oder wenn einer von ihnen Meister werden würde - besonders der clevere, bescheidene Juro.


***

Kapitel 1


Am liebsten würde Juro sich in einen Raben verwandeln und tot von der Stange fallen, wie ein Huhn dem der Hals umgedreht wurde, nichts als ein Häufchen Kehricht mit Federn. Aber es ist zu spät dafür. Nicht Juro wird heute Nacht sterben. Und er wird auch morgen nicht sterben, und auch nicht dann wenn sie den nächsten holen, Krabats Nachfolger, und das Spiel von vorne beginnt. Dafür spielt er es schon zu lange und zu gut.

Welcher Teufel hat ihn geritten als er Krabat zu diesem Unfug aufgewiegelt hat? Ausgerechnet Juro hätte es besser wissen müssen.

Mutig ist sie, Krabats Mädchen. Sie geht mit sicherem Schritt an den Gesellen vorbei, als ob sie nicht blind wär, als ob die Hand auf ihrer Schulter die ihres eigenen Vaters wär und nicht die des Meisters. Nichts an ihr zeigt, dass sie Angst hat, dass sie weiß, dass ihr Leben verwirkt ist und das von Krabat, weil der Meister ihren Plan durchkreuzt hat.

Und das hat er, ganz gründlich. Da hilft der Ring aus Haar nicht, und nicht die vielen Stunden die Krabat und Juro geübt haben.

Schon einmal hat Juro hier so gestanden, damals mit Janko und seinem Mädchen, als Raben auf der Stange. Da hatte das Mädchen die blanke Angst in den Augen. Sie war wie gelähmt als sie da stand, die Hand des Meisters auf den Schultern, ganz anders als jetzt die Kantorka mit ihren ruhigen, langsamen Schritten, so wie sie wohl in der Osternacht durch die Straßen von Schwarzkollm schreitet.

Heute Nacht noch wird sie tot sein, das Haar, das im Kerzenlicht schimmert, zu Asche verbrannt, so wie Jankos Mädchen. Hatte Juro damals auch Angst? Er kann sich kaum erinnern, es ist so lange her. Doch, er muss Angst gehabt haben, nicht um das Mädchen, aber um sich selbst, denn damals hat er auch den Boten gespielt, hat Janko von der Probe erzählt.

Auch jetzt hat Juro Angst. Nicht um sich, denn der Meister wird auch diesmal nicht denken, es sei Juro gewesen. Der Meister, das weiß Juro inzwischen, ist manchmal so blind wie das Mädchen jetzt. Er sieht nur was er sehen will. Und in Krabat, da ist Juro sich sicher, sieht der Meister sich selbst. Deshalb wird er denken, Krabat hat selbst herausgefunden, wie das Mädchen ihn freibitten kann.

Juro wird auch diesmal nicht sterben, und nicht nächstes Jahr. Er ist sicher in der Mühle, so sicher wie nur irgendwo, so lange er den dummen Juro spielt.

Aber Krabat wird die Nacht nicht überleben. Morgen legen sie ihn in den Sarg im Schuppen, und tragen ihn raus auf den Wüsten Plan. Einer wird ihm die Augen schließen, einer wird ihn waschen und ihm das Totenhemd anlegen, und das wird Juro sein, denn es ist jedes Jahr Juro, dem diese Arbeit zufällt. Er hat Janko gewaschen und Tonda, er hat ihnen die Totenhemden genäht, auf des Meisters Geheiß.

Die Kantorka zögert, ihr Schritt wird langsamer. Sie bleibt stehen, und nach einem kurzen Moment lächelt sie, und hebt die Hand um auf den Burschen vor sich zu deuten.

„Der ist es,“ sagt sie.

Der Meister wirft den Kopf in den Nacken wie ein wildes Tier und lacht, so laut, dass die Gesellen zusammenzucken. Die Kantorka rührt sich nicht, doch dann streift sie sich die Augenbinde vom Kopf und der Meister hindert sie nicht daran.

Sie schaut Juro an, und sagt nichts. Kein Schrei, kein Wimmern. In ihren großen, dunklen Augen ist kein Schimmer von Angst, nur Überraschung und Verwirrung. Sie war sich sicher, dass er der richtige ist.

Aber neben ihm, dort wo Krabat steht, da macht einer ein Geräusch wie ein junger Hund, der ertränkt wird.

Da löst sich etwas in Juro, etwas das ihn aufgestaut hat wie das Wasser im Mühlgraben, seit der Zeit, da er zuerst gewusst hat, wie es sich mit der Mühle wirklich verhält.

Er tut einen Schritt nach vorne, aus der Reihe heraus. Den dummen Juro lässt her hinter sich stehen.

„Meister,“ sagt er mit gefasster Stimme. „Genug davon. Hier ist einer der ausgelernt hat.“

Die Kantorka blinzelt, und plötzlich lächelt sie, ganz sanft, wie der erste Hauch von Frühling der durch den Winter fährt.

„Was?“ blafft der Meister. „Was hast du gesagt?“

Das Stottern und Stammeln auf Juros Stimme ist fort. So hat er noch nie mit dem Meister gesprochen, mit irgendwem auf der Mühle außer Janko und Tonda und Krabat. „Ich habe ausgelernt. Nimm mich an Krabats statt.“

„Du?“ Wieder lacht der Meister. „Du willst für Krabat sterben?“

„Ich will nicht,“ sagt Juro, denn jetzt muss er nicht mehr kuschen, jetzt ist es gleich. „Aber wenn es sein müsste, dann schon.“

„Es geht um zwei Leben hier,“ sagt der Meister. „Seines und ihres. Dein Leben ist nur ein einziges.“

Einer wie Krabat, oder einer wie der Meister, der würde jetzt vielleicht Ja sagen, vor lauter Mut und Dummheit. Aber Juro ist nicht so wie die beiden. Juro war niemals mutig, aber immer schon schlau.

„Aber der Gevatter erwartet nur ein Leben heut Nacht, oder nicht? Ihm wird es gleich sein, wer. Aber dir nicht. Ganz gleich ob du Krabat und das Mädchen tötest oder mich, du bist immer noch der Müller vom Koselbruch und musst hier bleiben, Jahr auf Jahr.“

Nun starrt der Meister ihn an, mit wütendem, ungläubigem Blick.  Erst langsam beginnt er zu verstehen, wie lange Juro ihn getäuscht hat.

„Aber es gibt noch eine Möglichkeit,“ sagt Juro ruhig. „Du kannst einen anderen bestimmen, der dein Nachfolger sein soll, wenn es einen gibt, der das will, und der das Zeug dazu hat.“

„Er hat nicht das Zeug dazu. Das hat er heute gezeigt.“ In der Stimmte des Meisters offenbart sich seine Wut über Krabat. Krabat hat ihn enttäuscht, hat alle seine Pläne zunichte gemacht – aber da ist noch etwas anderes, was ihn wütend macht. Krabat ist ein besserer Mensch als er. Einer der lieber Kopf und Kragen riskiert als andere darum zu bringen. Einer der nicht seinen besten Freund umgebracht hätte.

Aber Juro? Juro ist ganz sicher nicht viel besser als der Meister. „Nicht Krabat,“ sagt er.

„Du?“ Noch lässt der Meister sich nicht anmerken, was er davon hält, nichts außer einem leichten Anflug von Spott. „Du willst Müller im Koselbruch sein? Dann zeig was du kannst!“

Das ist der leichte Teil. Juro dreht sich um. Sein Blick geht zu Krabat, obwohl er die anderen nicht anschauen will, doch Krabat sieht ihn nicht; er ist aschgrau, wie einer der seinen eigenen Sarg gezimmert hat. Nicht einmal die Kantorka sieht er an.

Die Kantorka wirkt fast genauso verloren, doch ein bisschen Leben ist noch in ihr, als Juro ihr die hellen Haare von der Stirn streicht und murmelt, „Warum hast du auf mich gezeigt?“

„Ich hatte ein Gefühl als ob du Angst hättest, nicht um dich, sondern um mich. Ich dachte, das kann nur Krabat sein.“

Juro nickt. Nicht um sie hatte er Angst, sondern um Krabat, doch was macht das schon? Er zeichnet ihr auf die Stirn, mit den bloßen Fingern, Zeichen, die außer ihm wohl nur der Meister kennt. „Lass gut sein.“ Er küsst ihr auf die Stirn. „Vergiss ihn jetzt. Geh nach Hause. Du hast nie einen Burschen namens Krabat gekannt und warst nie auf der Mühle im Koselbruch.“

Ihr Blick wird fremd; das, was sie so sicher hat gehen lassen taumelt und strauchelt in ihr. Sie fasst ihren Mantel, ihr Blick huscht über die Gesellen und haftet nicht einmal an Krabat, sie kennt ihn nicht. Dann eilt sie davon.

Der Meister sieht ein wenig überrascht aus, aber noch nicht überzeugt. Doch Juro ist nicht fertig. Er geht zum Tisch des Meisters, und schlägt den Koraktor auf. Er nimmt das Blatt heraus, das lose darin liegt, und mit einem kurzen Strich seiner Finger über das Papier löscht er auch hier Krabats Namen. Er hält es nah ans Gesicht, und haucht darauf wie auf die Stirn der Kantorka. Einen Moment geschieht nichts, doch dann erscheint sein Name in blutroter Schrift: JURO.

„Es sieht so aus als hätten wir die Zustimmung des Gevatters,“ sagt Juro. Er hält dem Meister die Hand hin.

Doch der Meister schlägt noch nicht ein. „Erst bestimm einen, der sterben soll.“

Die Gesellen stehen noch immer in einer Reihe, Elf und eine Lücke, da wo Juro gestanden ist. Sie starren ihn an mit Angst und Unglauben auf ihren Gesichtern, können es immer noch nicht fassen was da geschieht.

Krabat, der nichts gesagt hat die ganze Zeit, nicht einmal als die Kantorka davon gelaufen ist ohne ihn zu kennen, öffnet den Mund. „Nein,“ sagt er, nur ein Flüstern, aber Juro versteht ihn.

Tu es nicht, soll das heißen. Oder, lass mich sterben.

„Nimm ihn,“ raunt der Meister Juro ins Ohr, „wenn du schlau bist. Einer wie er wird dir nur Ärger machen.“

Juro schaut sie weiter an. Lyschko sieht wie einer aus, der am liebsten davon rennen würde. Hanzo runzelt die Stirn. Der kleine Lobosch wimmert ein wenig. Und Merten, mit seinem schiefen Hals, nickt Juro zu.

Nächstes Jahr, denkt sich Juro, wird es nicht so einfach sein.

„Merten,“ sagt Juro.

Der Meister schlägt ein.
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