Die Schamanin

GeschichteAllgemein / P18
Embry Call Jacob Black
06.10.2013
09.11.2019
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… einen Monat später …

Ryan
Skeptisch sehe ich Dad an als er eingeparkt hat und leise seufzt, weil ich ihn schon die ganze Fahrt über so leicht vorwurfsvoll ansehe. „Ryan. Sieh mich nicht so an. Bitte… Du weißt genauso gut wie ich, dass nicht reden nicht deine Probleme lösen wird und wir haben den Termin extra schon um zwei Wochen verschoben… Außerdem muss ich in diese Kanzlei und… Glaubst du wirklich ich habe groß Lust dich alleine zu lassen? Geschweige denn Rachels Testament zu lesen?“, entgegnet er und sieht mich mit seinen immer traurig wirkenden Augen an als wolle er nie wieder lachen. Was ja auch stimmt, wir haben seid Mums Unfall und Elenas Entführung nicht mehr gelacht. Oder einen lustigen Film angesehen, genauso wenig waren wir bei irgendeinem Rudeltreffen in letzter Zeit… „Weißt du was mir gerade am meisten Angst macht? Das wenn ich Rachels Testament anerkenne, sie endgültig und für immer nicht mehr zurück kommt… Ich weiß sehr wohl, dass das verrückt ist… Aber… Ich will das Haus nicht. Ich will nicht alles besitzen und gefühlt gleichzeitig zu viel verloren haben… Mir ist schon klar, dass du neben mir sitzt und ich nicht alleine bin, Ryan… Aber wir wissen nicht, wo Elena steckt. Oder wo Seth sie sucht und vermutlich kurz vorm Durchdrehen ist. Noch wissen wir, wohin… Wir wissen einfach nichts und meistens scheint das… Keine Ahnung, warum ich mir ausgerechnet jetzt Gedanken darüber mache. Und eigentlich hast du selbst genug andere Sorgen in deinem Kopf.“, seufzt Dad und fährt sich über das Gesicht, was die Schatten unter seinen Augen kaum vertreiben kann. Also tippe ich ihn an und fange zögerlich an die Gebärdensprache zu benutzen, weil ich ja irgendwie mit anderen reden muss. In dem Punkt gebe ich ihm ja auch Recht und so bedeute ich Dad, dass ich dafür wäre das wir nach unseren beschwerlichen Terminen Lust auf Kuchen hätten. Dad sieht mich derweil leicht irritiert und dennoch konzentriert an und hat wohl gar nicht mitbekommen, wie ich heimlich vorm Spiegel geübt habe damit es nicht allzu affig aussieht. „Du möchtest in einiger Zeit etwas essen?“, rät Dad ins Blaue und jetzt gucke ich ihn leicht verdattert an. Das habe ich doch gar nicht gesagt… Oder etwa doch? „Versuchs nochmal. Ging es mit etwas zu essen denn in die richtige Richtung?“, will er von mir wissen und eilig nicke ich, was mir nach wie vor nicht gut bekommt. Augenblicklich scheint die Welt sich wild zu drehen und mit Mühe bleibe ich halbwegs gerade sitzen, während so ein leichtes Drücken in meinem Kopf entsteht. „Langsam, Ryan. Das letzte das wir jetzt gebrauchen können ist das du dich erbrichst.“, ermahnt mich Dad, während er vorsichtshalber seine Hand schwer auf meine Schulter legt und mich besorgt ansieht. Doch es geht wieder, sobald ich drei Mal tief eingeatmet habe und bedeute ihm, dass es mir wieder halbwegs gut geht ehe ich nochmal von vorne beginne. „Achso. Kuchen essen… Ich dachte schon, du willst dir einen Bart wachsen lassen und denn irgendwie essen… Ich sehe schon, wir müssen das Beide noch etwas üben.“, brummt Dad dann keine paar Sekunden später und zückt seinen Geldbeutel um hinein zu sehen. „Ja, das sieht aus als könnten wir uns das leisten… Sozusagen ein Trostpflaster nach getaner Arbeit.“, murmelt er, steckt ihn wieder ein und steigt aus um dann ums Auto herum zu eilen. Wie immer öffnet er mir die Tür um dafür zu sorgen, dass ich zumindest sicher aus dem Wagen komme und mich nicht gleich zum Trottel mache. Ich will gar nicht daran zurückdenken, wie ich von der Klinik Heim gekommen bin und beim Aussteigen einfach hingefallen bin wie ein unfähiges Kleinkind, dass nicht stehen kann. „So. Gehen wir… Du bist dir sicher, dass du alleine in der Praxis bleiben kannst bis ich dich hole?“, meint Dad als er die Tür zu wirft, den Knopf zum Verriegeln drückt und mir seinen Arm leiht, denn ich immer nehme. Selbst wenn ich mich mal nicht klapprig auf den Füßen fühle so wie jetzt, komme ich mir einfach besser vor wenn ich ihn habe zum Festhalten. Ich bleibe Dad die Antwort schuldig, denn wir haben ja schon darüber gesprochen als wir auch schon die Straße überqueren.

Embry
„Das ist aber kein Umschlag.“, kommt es mir trocken über die Lippen und der etwas ältere Herr, der sich mir als Geschäftsführer der Kanzlei vorgestellt hat, runzelt leicht die Stirn. „Ihre Frau hat mir versichert, dass sie alle weiteren nötigen Informationen selbst an sie übergibt und ausdrücklich darauf bestanden, dass wir ihnen diesen Karton ohne jegliche Unterschrift außer einer Übergabequittung übergeben… Von einem Umschlag war nie die Rede, soweit ich mich erinnern kann. Aber ich kann es gerne in den Unterlagen nachschlagen.“, bietet er eilig an und klingt als würde er sich etwas fürchten, dass Rachel gleich auf der Matte steht und ihn zusammenfaltet. „Nein… Schon in Ordnung. Sie… Sie wird schon gewusst haben was sie tut.“, meine ich und es fällt mir noch immer viel zu schwer von ihr in der Vergangenheit zu reden. Etwas woran ich mich nicht gewöhnen will und es vielleicht auch niemals kann. „Wenn das so für sie akzeptabel ist, Doktor Call. Dann bräuchte ich hier eine Unterschrift… Ich nehme an die weiteren Angelegenheiten möchten sie zu einem späteren Zeitpunkt regeln?“, sagt er, hält mir ein Klemmbrett hin und zögernd nehme ich es ihm ab um es zu unterzeichnen. „Ja. Kann ich sie dazu einfach anrufen, wenn ich gerade wieder in der Stadt bin?“, will ich von ihm wissen und habe das Gefühl als würde jede Sekunde hier drin qualvoll langsam verstreichen und wäre jetzt viel lieber bei Ryan. „Natürlich. Wenn sie sich einen Tag zuvor melden, werde ich es einrichten können sie persönlich zu betreuen… Über Kosten oder weitere Aufwendungen müssen sie sich nicht sorgen. Ihre Frau hat es auf eine beeindruckende Art und Weise geschafft den nachfolgenden Prozess so vertraglich festzuhalten, dass sie sich keiner allzu großen Belastung ausgesetzt sehen müssten… Mein herzliches Beileid das sie sie verloren haben.“, antwortet er mir und auch wenn er es gut meint, wird mir bei jedem Wort schlecht. Als könnte ich es nicht ertragen, dass man gut über meine tote Frau spricht und ich sie niemals mehr fragen kann, warum ich einen Karton anstatt eines Umschlages erhalten habe. Oder wieso sie nicht ein aktuelleres Video aufnehmen konnte, obwohl unsere Kinder älter als 14 Jahre geworden sind mit ihr an ihrer Seite.

Ryan
Ich fühle mich noch schlimmer als vor einer Stunde. Nicht nur das ich laut reden musste und jedes Wort voller Fehler war. Die Therapeutin war nett, aber dennoch schäme ich mich und auch wenn sie mir hundert Mal sagt, dass so etwas normal sein soll nach einer so schweren Kopfverletzung wie ich sie habe. Es fühlt sich nicht normal an für mich und das ich selbst im Haus eine Mütze trage, kennzeichnet mich vermutlich weniger als ich es mir einbilde… Aber ich will nicht, dass jeder die kurzgeschorene Stelle sieht, wo die OP-Narbe noch immer sichtbar ist und jeder weiß das etwas nicht mehr in meinem Kopf stimmt. Natürlich sagt mir jeder, dass würde kaum auffallen… Aber ich kann es einfach nicht glauben und empfinde mich wie gebrandmarkt, während ich die Mütze etwas tiefer über die Ohren ziehe. Wenigstens war Dad so schlau und hat Alice gleich am Anfang gebeten, noch bevor ich zu Hause war, diese dünne Mütze zu kaufen. So schwitze ich nicht leidlich vor mich hin, während ich versuche wenigstens etwas mehr wie ein normaler Junge auszusehen. Doch mein Wolf sagt mir, dass nie wieder irgendwas normal sein wird an mir und ich spüre seine stumme Scham, weil er mich nicht heilen kann. Dabei verstehen wir beide nicht warum…
Da geht die Praxistür auf und mit einem kühlen Windhauch betritt Dad die Praxis. Er sieht wieder etwas blasser um die Nase aus als wäre ihm dauerhaft schlecht ohne Mum an seiner Seite und er sieht furchtbar erschöpft aus. Erschöpfter als vorhin und sicherlich war der Termin bei den Anwälten nicht einfach für ihn. „Sitzt du schon lange da?“, wundert er sich und guckt kurz auf seine Armbanduhr als wäre er zu spät. Erst als er wieder aufsieht, schüttle ich wie in Zeitlupe den Kopf damit ich nicht gleich wieder einen Anfall bekomme und deute auf die Tür der Therapeutin. Wie gerufen kommt sie da schon aus dem anderen Seitengang angelaufen und scheint einfach einer dieser Menschen zu sein, die niemals aufhören zu lächeln und freundlich zu sein. „Mister Call. Nehme ich an? Könnte ich sie für 5 Minuten sprechen?“, überfällt sie Dad förmlich mit ihrer Fröhlichkeit und Dad sieht aus als würde ihm ihre Laune so gut gefallen, wie wenn man in eine Zitrone beißt. „Sie sehen nicht so aus als würde ein Nein gelten.“, murmelt er lediglich und bedeutet ihr vorzugehen, während er mich fragend ansieht. Zaghaft zucke ich mit den Schultern und will eigentlich nicht wissen worüber sie reden. Vermutlich erklärt sie Dad, dass ich ein verlorener Fall für sie bin und für immer wie ein Kleinkind vor mich hin brabbeln werden.

Als die Uhr auf exakt 5 Minuten später springt, öffnet sich die Tür und Dad sieht aus als wolle er so schnell wie möglich hier weg. Keine Ahnung wieso und die Therapeutin sitzt noch an ihrem Schreibtisch um ihm mit sehr nachdenklichem Blick hinterherzusehen. Doch bevor er an mir vorbei stürmen kann, schnappe ich mir seinen Jackenärmel und sofort wird er etwas langsamer. Zumindest langsam genug, damit ich nicht neben ihm her stolpern muss und im nächsten Moment sind wir zur Tür hinaus. In dem Affenzahn geht es weiter bis zum Auto, wo Dad mich fast schon ruppig ins Auto schiebt ehe er selbst einsteigt um den Motor zu starten. Doch seltsamerweise braust Dad nicht sofort los, sondern hält plötzlich inne als würde ihn etwas daran hindern hier mit mir zu verschwinden. Fragend sehe ich ihn an, während er einfach nur dasitzt und dem Motorbrummen zu lauschen scheint. „Ich denke… Wir nehmen den Kuchen mit… Am Besten gleich eine ganze Torte für jeden von uns. Was sagst du dazu?“, erklingt dann plötzlich seine Stimme und als wäre nichts gewesen, parkt Dad gemütlich wie immer aus ehe er etwas beschleunigt. Was war das denn jetzt? Abwartend sehe ich ihn an, doch Dad will mir wohl nichts erklären und sieht eher hochkonzentriert auf die Straße. Leise seufzend wende ich mich also ab und sehe zum Fenster hinaus, wo die Fassaden der Stadt an mir vorbeiziehen.

Embry
Es sei zu früh. Immer wieder halt mir der Satz der Therapeutin durch den Kopf. Es ist zu früh um ihn zu therapieren. Als wären Ryans Sprachfehler und seine Verletzlichkeit nicht überdeutlich zu sehen. Mein Sohn braucht Hilfe und eine Therapie um wieder an sich selbst glauben zu können! „Daat.“, reißt mich da Ryan mit einem Flüstern aus den Gedanken, damit ich mich im Café wiederfinde in dem Rachel und ich vor gefühlt viel zu langer Zeit das Rezept für die Zartbitter-Torte abgestaubt haben. Etwas irritiert wie ich hier hinkomme, sehe ich zuerst meinen Sohn an und dann die Person, die genauso verwundert über unser Erscheinen wirkt wie wir Beide über sie. Was macht denn Charlotte hier? Und wieso sitzt sie alleine an einem vierer Tisch? Treffen sich die Mädels manchmal hier? Aber wieso hier und nicht in Forks in Sues Pension? „Ihr nicht Hallo zu sagen wäre extrem unhöflich.“, schaffe ich es dann doch leise zu sagen, obwohl ich mir überfordert mit der Situation vorkomme und ich kann Ryans wachsendes Unbehagen spüren als Charlotte aufsteht um auf uns zu zu kommen. Ryan gibt einen undeutlichen Ton von sich, der sein Unwohlsein vermutlich ausdrücken soll und dennoch schafft er es tapfer neben mir stehen zu bleiben. Eigentlich fühle ich mich eher wie ein Störenfried, aber Ryans Griff am Jackenarm ist fast schon klammernd und so bleibe ich eben genau da wo ich bin. „Hey Charlotte.“, fühle ich mich dann doch bemüßigt zu sagen als sie vor uns stehen bleibt und ihre eisblauen Augen sehen uns prüfend an als wisse sie absolut nicht was sie von uns halten soll. „Hallo.“, kommt es dann ziemlich kurz angebunden über ihre Lippen und wenn sie nun erwartet das Ryan etwas dazu sagt, dann stehen wir hier vermutlich noch bis übermorgen. Außerdem will ich nicht das Ryan das Gefühl hat, er müsse sich blamieren vor Charlotte und so ergreife ich eben das Wort für ihn: „Wir sind eigentlich nur auf dem Sprung, um etwas Kuchen zu kaufen… Wir waren gerade beim Anwalt wegen… Rachels Hinterlassenschaften.“ Selbst diese wenigen Worte fühlen sich an als hätte ich eine lange Rede halten müssen ohne etwas zwischendurch zu trinken und sie klingen gleichermaßen falsch wie richtig in meinen Ohren. „Verstehe… Ihr Beide müsst mich nicht schon wieder anlügen… Theresa war auch mal in der Sprachtherapie, weil sie irgendwie Probleme hatte manche Laute richtig zu artikulieren und eigentlich wollte ich jetzt aus Frust, weil ja keiner mit mir reden will, ein Stück Kuchen verputzen… Ich meine, ich verstehe ja das die Gesamtsituation schwierig zu ertragen ist… Aber zumindest auf eine SMS hättest du schriftlich antworten können.“, erklärt sie uns und klingt mehr enttäuscht als wütend, während ihre Augen Ryan wie zwei Eiszapfen anfunkeln. Tja, ich hatte es ihm ja gesagt… Aber nachtragend zu reagieren wird ihm nicht helfen und ich will ihn auch nicht noch mehr schlechte Gefühle einbringen. Er hat sich schließlich jedes Mal Gedanken gemacht, wenn sein Smartphone aufgeleuchtet hat wegen ihr und dennoch verstehe ich absolut wieso er ihr nicht schreiben konnte. Denn Charlotte hätte es bestimmt nicht bei einer Nachricht belassen… „Was hältst du davon, wenn wir dir beim Frustessen Gesellschaft leisten? Denn wenn ich es richtig sehe, sind vier Stück Kuchen doch etwas viel alleine nur für dich. Es geht auch auf unsere Kappe.“, schlage ich also vor und ihr Blick legt sich leicht misstrauisch auf mich als erwarte sie das es eine Finte wäre. Doch warum sollte ich sie jetzt mit irgendwas reinlegen wollen? Ich will nur das Ryan sich besser fühlt und sie nicht noch enttäuschter von ihm wirkt, während ich mir vorkomme als wäre ich nach wie vor das fünfte Rad am Wagen. „Wer sagt denn das ich alleine vor habe den Kuchen zu essen?“, wundert sie sich und scheint ganz plötzlich leicht verlegen, während zumindest ich mein ausgezeichnetes Wolfsgehör unter Beweis stellen kann. „War nur so ein Gedanke.“, beeile ich mich zu sagen, weil Ryan mich sanft anstupst damit ich Charlotte jetzt nicht auch noch aufrege nachdem sie schon weiß wo wir waren. „Wir können aber auch einfach den Kuchen kaufen und dich wieder in Ruhe lassen.“, schiebe ich nach und Charlotte verschränkt die Arme, um nachdenklich von Ryan zu mir zu sehen. „Na schön. Dann setzt euch eben… Das du mit keinem mehr reden willst, hat mir Lilly schon gesagt… Ich hätte nur nicht gedacht, dass du das so ernst meinst und noch nicht mal mit mir schreiben willst.“, murmelt sie und macht kehrt um zurück zu ihrem Tisch zu gehen. Leicht betreten sehe ich Ryan an, der erleichtert tief ausatmet und mich dann vorsichtig mit sich zieht. Oder ich folge ihm eher sofort, weil ich nicht will das er sich anstrengen muss und ihm gleich wieder komisch davon wird. Das Letzte was er nun gebrauchen kann ist ein Anfall und der Gedanke das Charlotte aus Mitleid ihre Wut und Enttäuschung vergisst. So setzten wir uns eben schweigend zu ihr an den Tisch, wo sie ihre heiße Schokolade umrührt und wohl darüber nachdenkt was wir nun besprechen sollen. Mich wundert eher das kein Kellner weit und breit zu sehen ist um die Bestellung aufzunehmen, dennoch schiebe ich Ryan die Karte hin damit er sich etwas aussucht. Falls sich demnächst die Gelegenheit zum Bestellen bietet will ich ehrlich gesagt gerade nur ein Wasser haben und besehe mir die Kuchenstücke. „Das Johannisbeeren-Gelee-Baiser-Wölkchen kannst du ruhig haben… Keine Ahnung, warum ich das bestellt habe… Und nein, ich wusste nicht das ihr hier aufkreuzt… Eigentlich wollte ich mich hier verkrümeln, Frust essen ohne mich beobachtet zu fühlen und mir den Kopf zerbrechen, wieso gefühlt gerade alles schief geht. Denn seien wir mal ehrlich, das war das furchtbarste Weihnachtsfest das ich je erlebt habe.“, erzählt sie, schiebt Ryan den Kuchen hin und verwundert stelle ich fest, dass ja schon Neujahr vorüber ist. „Wir haben die Weihnachtsdekoration gar nicht erst aus den Kartons geholt.“, denke ich laut nach und es fühlt sich an wie ein Stich in mein Herz, weil Rachel es geliebt hat das Haus zu dekorieren. Nicht für sich, denn sie konnte mit Weihnachten nichts anfangen oder dem religiösen Glauben dahinter. Aber sie hat es geliebt alles hervorzuzaubern für die Kinder… „Richtig. Das war ja kurz vor Weihnachten. Entschuldigung… Vielleicht sollten wir über irgendwas reden, wo Zeit keine Rolle spielt.“, beeilt sich Charlotte zu sagen als fürchte sie das ich sonst reiß aus nehme und Ryan gleich mit mir nehme. Derweil studiert mein Sohn ausgesprochen ausführlich die Speisekarte um sie dann sinken zu lassen als endliche eine Bedienung auftaucht. „Eine große Flasche Sprudel mit zwei Gläsern und eine große heiße Schokolade, sowie zwei sehr große Zartbitter-Schokoladen-Torten- Stücke.“, meine ich laut genug, damit sie gleich wieder kehrt machen kann und Charlotte bekommt große Augen. „Woher weißt du was Ryan nimmt? Er hat kein Wort gesagt. Liegt das an der Telepathie von Wölfen, die es nach einschlägigen wissenschaftlichen Untersuchungen nicht geben kann?!“, will sie flüsternd von mir wissen und guckt Ryans Karte an als gebe es da etwas Unauffindbares zu entdecken. „Nein… Er hat mit seinem Finger auf die entsprechenden Sachen auf der Karte gezeigt.“, entgegne ich leicht verdutzt und Ryan sieht aus als wolle er gleich wieder hinter der Karte verschwinden. „Aha. Und wieso redet du jetzt nicht mehr? Lilly erzählt mir ja nichts, außer das du nicht in die Schule gehst. Was ich ja bekanntlich selbst sehen kann… Wo habt ihr eigentlich Elena gelassen?“, wundert sie sich und mir scheint, dass Leah sowie das ganze Rudel sich sehr penibel an meine Bitte gehalten hat. Vielleicht etwas zu penibel, so fragend wie Charlotte Ryan nun ansieht und alles andere wohl zu vergessen scheint. „Das ist eine längere Geschichte, Charlotte… Ich bin mir nicht sicher, ob ich der richtige bin um sie dir zu erzählen. Zumindest nicht heute… Wie wäre es, wenn wir einfach nur Kuchen essen und wir uns über irgendetwas ganz anderes unterhalten? Zum Beispiel, warum du ein Marzipan-Kastanien-Törtchen bestellt hast.“, lenke ich ein und ignoriere Ryans leicht auffordernde Geste, es ihr einfach zu erklären. Doch wenn ich Charlotte erkläre warum Ryan nicht mehr spricht, dann muss ich auch darüber sprechen das ich meine Kinder im entscheidenden Moment alleine gelassen habe. Ich habe sie im Stich gelassen und habe im selben Moment meine Tochter, wie auch meine Frau, verloren… „Du magst keine Kastanien. Stimmt… Ich habe keine Ahnung, wieso… Ich weiß noch nicht mal, warum ich beschlossen habe hier Frustessen zu betreiben… Eine Tafel Schokolade aus dem Supermarkt wäre billiger gewesen.“, murmelt sie und betrachtet das Törtchen eingehend, während meine Bestellung kommt. Ehe wieder Stille zwischen uns herrscht und ich nicht wage sie zu durchbrechen, während wir schweigend Kuchen essen. Vermutlich entgeht Ryan genauso wenig wie mir, dass Charlotte irgendwie mitgenommen aussieht und entweder ist ihr Gesicht leicht geschwollen. Oder sie hat im letzten Monat schlagartig an Gewicht zugelegt, dass die Weste gut kaschiert und kann mir das eigentlich nicht vorstellen. Andererseits wer geht schon alleine Kuchen essen und bestellt sich dann gleich vier Stück? Irgendetwas muss gerade gehörig schief gehen, nicht nur in meiner Familie und weiß plötzlich gar nicht mehr, wieso mir dieser Gedanke nicht früher gekommen ist. Wie konnte ich glauben, dass die Welt stehen bleibt, wenn ich mich mit Ryan zu Hause in der Villa verkrieche und ansonsten nichts weiter mehr geschehen wird?
„Meine Eltern wollen umziehen. Nach Boston… Dad hat ein ziemlich gutes Angebot bekommen, dort in eine Gourmet-Kette einzusteigen und die würden auch sein Restaurant aufkaufen… Sie glauben, dass wäre besser als hier zu bleiben… Beziehungsweise von da ist es nur noch ein Katzensprung, wie von hier aus um nach Harvard zu gehen… Eigentlich wollte ich da immer hin. Wegen den ganzen Wissenschaftlern und berühmten Namen, die da schon studiert haben.  Das war immer mein großer Plan seitdem ich denken kann und ich meinen ersten Wissenschaftspreis gewonnen habe… Nur… Tja. Ich müsste das letzte Schuljahr in Boston verbringen und ich weiß nicht mehr, ob ich das will. Darüber wollte ich eigentlich mit dir in den letzten Wochen reden, weil Dad das als großes Geschenk an Weihnachten verkündet hat und Mum findet das natürlich perfekt. Dann kann sie an ein großes Theater und sie ist der Meinung, dass mir ein Tapetenwechsel gut tun würde… Anders ausgedrückt, sie denkt hier zu bleiben ruiniert mir nur die schillernde Zukunft eine berühmte Wissenschaftlerin zu werden.“, haut Charlotte daraus als ich mein Kuchenstück fest komplett verschlungen habe und habe Mühe den Mund geschlossen zu halten, während ich mir nicht sicher bin was ich dazu sagen soll. Doch zu meiner Erleichterung muss ich das auch gar nicht, denn Ryan zückt sein Smartphone um endlich mal seine ersten Worte an Charlotte seit Wochen zu richten.

Ich weiß. Aber ich kann dir bei der Entscheidung nicht helfen. Denn ich will nicht das du hier bleibst aus Mitleid oder weil du denkst, ich wäre wichtiger als deine Zukunft… Ich bin ein Teil davon, genauso wie du ein Teil von meiner bist und ich will das du glücklich bist. Das ist alles was für mich zählt, unabhängig davon wie es mir geht oder was für Probleme ich habe. Würde ich etwas anderes von dir verlangen, dann wäre ich ein lausiger Freund und ich weiß, dass du eine Entscheidung treffen wirst die dich glücklich macht, ohne das wir auseinander gehen müssten. Schließlich bist du die Schlauere von uns Beiden.

Ryan
Mir ist schon klar, dass Dad genau weiß was auf meinem Display steht. Dennoch ist er so nett nichts dazu zu sagen und bleibt still, während Charlotte die Zeilen liest und aussieht als wäre das alles was sie hat hören wollen in den letzten Wochen. Keine Erklärung oder Entschuldigung. Sie wollte einfach nur wissen, ob ich sie noch mag und wir noch immer zusammen sind. „Okay… Das hilft mir zwar ein bisschen weiter. Und trotzdem auch nicht wirklich.“, schmunzelt sie mich an, drückt den Sendebutton damit sie den Text noch tausendmal durchlesen kann in unserem WhatsApp-Chat und schiebt das Smartphone zurück in meine Hand.
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