Clopin Trouillefou - Aus dem Leben eines Gauklers  [in Überarbeitung - 1-18 abgeschlossen]

SongficRomanze, Freundschaft / P18
Claude Frollo Clopin Esmeralda OC (Own Character) Phoebus Quasimodo
02.10.2013
03.12.2019
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An sich ist die Überarbeitung hier fertig, evtl kommt noch etwas Feinschliff. Nr 19 könnte leider etwas dauern, da es doch sehr komplex ist und da im Endeffekt bis 26 alles miteinander verknüpft ist und GRÜNDLICH überarbeitet werden muss, da ich wahrscheinlich das komplette Gerüst umstrukturieren muss, um mir nun zu überlegen, was wird gelöscht, ersetzt, verschoben, welcher neue Song in welches Kapitel, etc. ... sollten irgendwem Logikfehler auffallen, bitte melden, NOCH behalte ich den Überblick, aber das könnte sich ab hier gut ändern^^... ansonsten danke ich für Geduld und Verständnis


18
Fürchte den Bock von vorn, das Pferd von hinten und den Menschen von allen Seiten



Später in der Nacht war Clopin eingeschlafen. (Nachdem er Marius beim Kartenspielen etliche Gulden abgeknöpft hatte.) Sein Schlaf war unruhig gewesen, doch er hatte nichts Anderes erwartet. Als er erwachte, blinzelte er einige Sekunden irritiert, ehe es ihm wieder einfiel, wie er in die Zelle geraten war.
   Er wusste nicht, wie spät es war. Was er in der nächsten Sekunde definitiv wusste, war, dass irgendetwas nicht stimmte. Und zwar ganz und gar nicht. Er holte leise und gewappnet Luft und spannte sämtliche Muskeln an. Doch kaum hatte er das getan, als ihm irgendjemand von hinten den Mund zuhielt, auf dass ihm nur noch ein undeutliches Geräusch entkam, was ihm auch seine grauenvolle Ahnung bestätigte, dass er nicht alleine war. Nur Sekunden später lastete plötzlich ein großes Gewicht auf seinen Beinen und seine Arme konnte er auch nicht bewegen.
   „Klingt das gut genug für uns, Victor?“
   „Ich denke doch, Léonard. – Zumindest für den Anfang… … hmmm, Majestät? Was ist denn schiefgelaufen, dass wir hier gelandet sind?“
   Oh, Scheiße, Scheiße!!!
   „Nun, offenbar hat ihn Phœbus gestern hier abgeladen.“
   „So, hat er?“ Victor lachte dreckig. „Was du nicht sagst…“
   Der Zigeuner spürte, wie ihm das gestrige Essen wieder die Speiseröhre empor kroch und nur mit großer Konzentration zwang er es zurück und versuchte nun, sich unter den beiden hervorzuwinden. Wie er feststellte, kein leichtes Unterfangen, da er körperlich noch nicht ganz wieder auf seiner gewohnten Höhe war.
   „Na, na, hiergeblieben…“, schnurrte dieser irgendwo hinter ihm und Clopin fühlte, dass ihm der Hut abgenommen wurde. Einerseits hieß das weniger Hitze, andererseits wusste er genau, dass sie nun mehr Angriffsfläche hatten. „Wir sollten uns nicht so viel bewegen, wenn wir immer noch kränklich sind. Hmmm? Ich weiß, stillliegen ist nicht gerade unsere Stärke, aber wir können da sicher nachhelfen…Autsch!“
   Der Zigeuner hatte ihm seine Zähne in den Finger gebohrt. Im nächsten Augenblick keuchte dieser auf, da ihn einer der beiden Soldaten so schnell umgedreht hatte, dass ihm kurzzeitig schwindlig wurde. Dadurch, dass seine Beine zu Boden gepinnt wurden und seine Arme irgendwo über seinem Kopf gefesselt waren, hatte er keine Chance, ihnen irgendetwas entgegenzusetzen. Er spürte Léonards Atem auf seiner erhitzten Haut. „Weißt du… eigentlich wollten wir ja lieb sein… aber so wie es aussieht, lässt du uns wohl keine Wahl. Wir haben doch eine gewisse Affinität zu Katzen, nicht wahr, Majestät? Auch, wenn sie vielleicht mehr als einen Schwanz haben…“
   Clopins rationales Denken setzte aus, als er mit aller Kraft versuchte, ihn von sich zu stoßen, was er prompt mit einem brennenden Gefühl auf dem Bauch bezahlte. Verdammt, hatten sie ihn wirklich derart überrumpelt, dass er noch nicht einmal gemerkt hatte, dass sie ihm bereits das Kostüm geöffnet hatten?! Er keuchte auf, als irgendetwas Weiches nun über die Stelle huschte; und so, wie er die Einstellung der Kerle einschätzte, war es seine eigene Hutfeder, die gerade seinen Bauch kitzelte.
   Léonards Hand auf seinem Mund verhinderte, dass sein gepeinigtes Quietschen sich weiter entfalten konnte und mit Grausen fühlte er, wie dessen zweite Hand sich langsam um seinen Hals legte und sein Kinn nach oben drückte. „Wir werden uns doch nicht beschweren? Nicht unsere Schuld, wenn deine Mieze dich nicht für würdig hält und sich eben etwas Besseres sucht. Wer will schon einen Straßenköter, wenn man einen Hauptmann haben kann? Kein Wunder, dass dir das ganze Hurengesindel zu Füßen liegt…“ Jene Hand an seinem Hals glitt über die bebende Brust weiter nach unten. „Gott, bist du kalt! Aber keine Sorge, du weißt ja, wir haben da etwas, dich aufzuwärmen…“
   „WAS GLAUBT IHR EIGENTLICH, WAS IHR DA TUT?!“


Phœbus hastete die Stufen in die Kerker hinab. Er hatte plötzlich das nagende Gefühl gehabt, dass hier irgendetwas nicht in Ordnung war. Am Fuß der Treppe stieß er fast mit Frederic zusammen.
   „So stürmisch, Hauptmann?“
   „Wo ist Marius?“, schnappte der Blonde.
   „Äh – austreten und Wasser holen. – Warum?“
   Phœbus fluchte unterdrückt und raste den nächsten Gang hinunter, aus dem ein ersticktes Quietschen erklungen war, während ihm das Blut in den Ohren rauschte. Er bremste so scharf, dass er fast das Gleichgewicht verloren hätte. Nur zwei Sekunden starrte er auf die Szene in der Zelle, ehe er seine Stimme fand.
   „WAS GLAUBT IHR EIGENTLICH, WAS IHR DA TUT?!“
   Victors Kopf flog herum. „Hauptmann! Uns amüsieren, wollt Ihr Euch anschließen?“
   Léonard schrie auf, da ihm Clopin offenbar sehr heftig in die Hand gebissen hatte. „Du verdammter – “ Doch er kam nicht weiter. Der Narr hatte seine verbliebene Beweglichkeit genutzt, seinen Kopf rückwärts gegen Léos Kiefer knallen zu lassen, ehe er einmal heftig mit den Beinen Schwung holte, seine Füße über dem Kopf an der Wand abfederte und dies in der nächsten Sekunde nutzte, Victors Hals dazwischen einzuklemmen und ihn so zu Boden zu zerren. „Fasst mich noch einmal an, und ihr seid tot!“
   „Das hast du letztes Mal auch gesagt…“
   „Schnauze, du Hund!! Alle guten Dinge sind drei, so war dies Eure letzte Chance.“ Er schloss den Klammergriff seiner Beine enger. „Und du glotzt gefälligst woanders hin! Das ist immer noch mein Arsch und nicht deiner!!“, fauchte er Léonard an.
   „Was kann ich denn dafür, dass du so ansehnlich bist?
   „Nimm deinen Vorgesetzten, vielleicht gibt es Aufstiegschancen, wenn er zufrieden ist.“
   „Mit uns oder mit dir?“ Victor und Léo hoben eine Braue und warfen sich einen Blick zu. Phœbus dagegen hatte kurz nach Luft geschnappt und runzelte nun die Stirn: „Ich glaube, es ist besser, wenn ihr beiden verschwindet.“
   „Was ist denn hier – oh, Scheiße!“
   Marius war eben um die Ecke geeilt und starrte nun auf das Schauspiel vor sich.
   „Nennst du das etwa aufpassen?“, fragte ihn der Blonde scharf.
   „Nein, Hauptmann.“, hauchte er schuldbewusst.
   Léonard lachte abfällig. „Oh doch, tut er? Hm, oder was habt ihr beiden denn heute Nacht getrieben? Warum sonst solltest immer du in seiner Nähe sein, wenn nicht um ihn dir selbst warmzuhalten?“ Er stupste dem Zigeuner gegen den Po.
   Was dann kam, ging so schnell, dass keiner wirklich mitbekam, wie es geschah: Clopin hatte sich derart verdreht, dass er nun zwischen den beiden hing, noch immer Victors Hals eingeklemmt, und die Kette, die immer noch seine Hände fesselte, einmal um Léonards Hals gewickelt, durch den plötzlichen Zug langgezogen hatte. Beide würgten überrumpelt.
   „Ich habe dich gewarnt… … Und nur zum Protokoll, hätten wir IRGENDETWAS GETRIEBEN, hättet ihr Schweine es wohl mitbekommen!“, zischte der Narr.
   Phœbus blickte die vier der Reihe nach an, wobei er darauf achtete, es bei Clopin nicht allzu lange zu tun, dessen Gesichtsausdruck ihm überhaupt nicht gefiel. „Schön, ich werde es schon irgendwann herausfinden. Léonard, Victor, ihr verschwindet – “
   „Können sie nicht.“, schnarrte Clopin. „Auch nicht, wenn ich sie losließe.“
   „Warum nicht?“ Der Hauptmann funkelte Léonard und Victor abwechselnd an. „Wer von euch beiden hat den Schlüssel?“
   Victor grunzte desinteressiert. „Es war geplant, dass er sich den Schlüssel holen soll, wenn er denn will, dass wir wieder verschwinden.“ Er starrte den Zigeuner halb gierig, halb hasserfüllt an.
   „Ich glaube, das ist wohl eher DEINE Vorstellung einer gerechten Wahl.“, schnappte Clopin. „Als würde ich mich freiwillig auf Höhe deiner Stiefel begeben!“
   „Du hast doch geschickte Finger – “ Victor bellte hustend auf, als der Blonde kurzerhand durch das Gitter gegriffen und ihn ruckartig zu sich herangezogen hatte. „Mir vollkommen egal, wer von euch beiden Stiefelknecht spielt, her mit dem Schlüssel!“ Léonard zog angesichts dieser Ansage doch etwas den Kopf ein, und kam dem Befehl nach, so gut es eben ging, da der Narr nicht gewillt war, seinen Klammergriff zu lösen. Der Hauptmann zog nach der Übergabe energisch die Zellentür auf. „Und jetzt raus mit euch!“
   „Und wie, bitte schön?“, fragte Victor, der langsam blau anlief.
   Der Soldat blickte vorsichtig in Clopins Gesicht, aus welchem ihm Kampfgeist und blanker Hass entgegenschlug. „Würdest du sie bitte loslassen?“
   „Nein.“
   „Ich garantiere dir, dass sie dir in den paar Stunden, die du noch hier bist, nicht über den Weg laufen werden. Denn sie werden eine Woche auswärts sein. Was du danach mit ihnen anstellst, soll nicht mein Problem sein.“
   „Ist das ein Freibrief? Ihr habt eben schon versagt, warum sollte ich Euch weiterhin vertrauen?“
   „Sozusagen… Ich kann nichts verhindern, von dem ich nichts weiß. Weil sie das wollen würde?“, fragte er vorsichtig. Er griff nicht gerne zu dieser Karte, aber es war einen Versuch wert, hatte er doch zu gut die Szene aus dem Mirakelhof im Kopf, in welcher Clopin Esmeralda angeblafft hatte, dass man als ihresgleichen keinem Soldaten trauen sollte…
   Clopin zögerte. Marius hinter dem Rücken des Hauptmannes nickte kaum merklich. Der Zigeuner schnaubte und schraubte sich einmal um die eigene Achse, beide Klammergriffe lösend, ehe er zwischen den beiden landete und sofort so viel Abstand suchte, wie es die Kette zuließ. Mit leerem Kopf und angestrengt atmend beobachtete er, wie die zwei die Zelle verließen. Als er den Blick langsam zu Phœbus wandern ließ, merkte er erschrocken, dass dieser ihn sehr genau fixierte. Wenn er ernsthaft über das zweifelhafte Angebot von Léonard und Victor nachdachte, dann hatte der Narr jetzt ein gigantisches Problem. Denn in diesem Fall lag in beiderlei Hinsicht der Schlüssel der Befreiung in Phœbus’ Händen und der Zigeunerkönig wusste sehr sicher, welche Variante ihm lieber wäre, während er an die Wand zurückwich und die Augen zuklappte…


Der Hauptmann starrte Victor und Léonard nach, die sich eilig davonmachten. Nicht, ohne dem Zigeuner zuzuzischen, er solle bloß nicht glauben, sie hätten sich das Letzte Mal gesehen, ehe Marius sie weiterscheuchte. Phœbus hatte eine sehr, sehr leise Ahnung, was er eben verhindert hatte, und wollte es doch nicht wahrhaben. „Ist es hier an der Tagesordnung, dass man sich an Gefangenen vergreift, Marius?“
   „An sich nicht…“
   „So? Oder sollte ich lieber fragen, ob man sich an Roma vergreift?“
   Frederic zog die Unterlippe zwischen die Zähne. „Nicht… nur – nur wenige Ausnahmen.“ Er nickte in die Richtung, in die seine beiden Kollegen verschwunden waren.
   „Ihr beide tragt mir Sorge, dass das nicht wieder vorkommt, verstanden?“ Sein Blick fiel auf den Striemen auf Clopins Bauch. „Und irgendeiner von euch verarztet ihn.“ Während auch die beiden verschwanden, glitten Phœbus’ Augen zurück in Clopins Gesicht. Und was er dort fand, schockierte ihn. Von dem frechen Narren war nicht das kleinste Stückchen übriggeblieben, wie er dasaß, den Kopf zur Seite gedreht und krampfhaft die Augen geschlossen, und als der Hauptmann in die Zelle trat, sah er genau, dass Clopin sich verkrampfte. Er blieb in unmittelbarer Nähe des Gitters sofort wieder stehen. „Ich hatte eigentlich nicht gedacht, dass du mich für so schlecht hältst.“
   „Ihr habt darüber nachgedacht, leugnet es nicht.“, flüsterte der Narr. „Ich weiß es!“
   Phœbus schluckte und kniff die Lippen zusammen. Er verfluchte sich selbst dafür, doch der Narr hatte Recht, er hatte den beiden zustimmen müssen, dass Clopin auf seine Art eine Sünde dieser Art wert war – auch, wenn der Soldat dieser Art von Liebe nichts abgewinnen konnte.
   „Seht Ihr? Ihr widersprecht mir noch nicht einmal…“, kam es leise von unten, während der Narr versuchte, die Arme vor sein Gesicht zu heben, ob als Abwehr oder Selbstschutz, erschloss sich Phœbus nicht wirklich. Doch es gelang ihm aufgrund der Kette auch nicht wirklich. „Aber warum solltet Ihr auch?“
   „Ich habe nicht vor, dir irgendetwas zu tun – “
   Clopin schnaubte. „Sicher. Ihr habt doch, was Ihr wolltet, schließlich bekommt ein Soldat immer, was er will. Ich bin ja nur der dreckige Zigeuner, warum sollte es euch kümmern, was auch immer mir passiert?!“
   Phœbus trat zurück, dass er wieder in der Zellentür stand. „Falls du es vergessen hast, hat mich sehr wohl gekümmert, was mit dir – deinen Leuten – UND Esmeralda – passiert. Und du hättest mich dafür aufgehängt. Auch wenn ich deine Beweggründe verstehen kann…“
   „Ach was… stellt sich nun die Frage, wer ist die größere Sünde wert, sie oder ich?“
   „Das liegt wohl im Auge des Betrachters. Apropos, wie siehst du eigentlich aus?“
   „Ist uns das gestern nicht schon aufgefallen?“ Clopin entließ die Spannung aus seinen Händen und linste dahinter hervor, nicht ganz sicher, was er von diesem Themawechsel halten sollte.
   „Doch, darum bin ich ja so verwirrt.“
   „Ich kann euch versichern, es ist nicht der Versuch, sich Euch anzugleichen. Wenn man einige Tage gezwungen ist, die Hängematte zu hüten, kann man schlecht verhindern, dass die Barthaare sprießen. – Ja, kuckt nicht so bestürzt, auch jemand wie ich wird mal krank! Sie hatten so gesehen den perfekten Zeitpunkt gewählt, mich zu überrumpeln, aber ich bin ja ohnehin das bevorzugte Opfer…“
   „Und was lässt dich annehmen, ich müsste mich dem anpassen?“
   Der Narr zuckte die Schultern. „Die Tatsache, dass sie Euch nicht ranlässt, reicht ja wohl, Ihr seid auch nur ein Kerl – zumindest anatomisch gesehen.“, fügte er mit frechem Grinsen hinzu, ehe er die Augen zukniff und den Kopf einzog.
   Phœbus brauchte danach ein paar Sekunden, um zu realisieren, dass er tatsächlich einen Schritt nach vorne getan und aus Reflex die Hand gehoben hatte. Er holte ein paar Mal tief Luft, um sich zu beruhigen und blickte auf dieses Bündel Mensch hinunter, welches wirklich damit zu rechnen schien, dass er ihn in den nächsten Sekunden hochzerren und gegen die Wand drücken würde. „Nur, weil ich darüber nachgedacht habe, dass ich ihnen Recht geben muss, dass du leider nicht ganz so unansehnlich bist, wie man glauben mag, heißt das noch lange nicht, dass ich daraus irgendeine Sorte von Nutzen ziehen muss.“
   „Vom einen zum andern ist es kein weiter Weg… Und ich möchte vorsichtig behaupten, dass wir beide exakt in der Position und Situation wären, es auszuprobieren. Wie Ihr vielleicht gemerkt habt, bin ich nicht in der Lage, zu fliehen – geschweige denn, mich zu widersetzen… Nur der Stärkere triumphiert…“
   Phœbus schüttelte stumm den Kopf. Der Tonfall entsetzte ihn weit mehr als die Worte selbst. Doch er ahnte auch, egal, was er jetzt sagen würde, der Narr würde es missverstehen. Genauestens darauf bedacht, ihn nicht zu berühren, öffnete er die Handschellen und beobachtete bestürzt, wie er in die nächstbeste Ecke zurückwich, die Augen immer noch geschlossen und beide Hände um den Kopf gekrallt. Tatsächlich zuckte er zusammen, als der Hut vorsichtig auf seinen Kopf gesetzt wurde.
   Clopin wusste ganz genau, dass er seiner Nemesis gerade ein recht erbärmliches Bild lieferte, doch es war ihm zu einem gewissen Grad egal, sein inneres Chaos ging gerade vor. Er zitterte immer noch. Als er sich so weit unter Kontrolle hatte, ein Auge zu öffnen, war Phœbus schon aus der Zelle getreten und hatte diese wieder geschlossen, während er nun den Gang hinunterstarrte, ihm den Rücken zugewandt. Clopin verengte leicht die Augen, er hätte gerne gewusst, was jetzt im Kopf des Hauptmannes vorging, zumindest teilweise. Marius und Frederic, die eben wieder aufgetaucht waren, blickten etwas überfordert zwischen den beiden hin und her, ehe der blonde Soldat die Stille brach.
   „Ich fürchte, das wird sie mir nicht akzeptieren, bezüglich ich werde garantieren, dass er die Zelle ohne Blessuren verlässt. – “
   „Ich denke, das wird sie schon.“ Marius legte den Kopf schief. „Er lebt noch, und er könnte schlimmer aussehen. Und Ihr habt ihn gerettet, oder? Ist das nicht der Punkt, der am meisten für sie zählen sollte?“
   „Wahrscheinlich, ja… und ich bin unsicher, ob ihr ihn behandeln solltet, ich hätte da eine bessere Idee…“ Er winkte Frederic zu sich und murmelte ihm etwas ins Ohr. Dieser kicherte und verschwand sogleich. Marius blickte ihm mit gehobenen Brauen nach.
   „Ich bin sicher, du wirst es sehr schnell verstehen.“ Sein Blick streifte Clopin, welcher immer noch apathisch vor sich hinstarrend in der Zelle hockte und nichts von dem wahrzunehmen schien, was um ihn herum geschah. Phœbus hockte sich mit dem Rücken zu ihm in die immer noch offenstehende Zellentür; er wollte ihm nicht noch mehr das Gefühl geben, ihn zu beobachten. Er rieb sich die Stirn und grübelte über die vier Soldaten nach – zwei, wie er sich schaudernd korrigierte, eigentlich waren es nur noch zwei; er konnte einerseits gut verstehen, warum sie dermaßen auf den Narren fixiert waren, doch er hatte nicht erwartet, dass es wirklich so extrem war. Er wusste, er hätte besser aufpassen müssen. Gleichzeitig war er verwundert gewesen, wusste er doch, dass Clopin seine ersten Peiniger sehr schnell losgeworden war. Da er nun aber wusste, dass der Narr zwei Wochen krank gewesen war, wunderte es ihn nicht mehr, dass sie ihn derart überrumpeln konnten.
   Marius blickte abwechselnd zwischen seinem Hauptmann und dem Zigeuner hin und her, doch er konnte sich noch nicht wirklich einen Reim auf die ganze Sache machen. Gleichzeitig musste er sich eingestehen, dass er Clopin noch nie so verstört gesehen hatte, aber er durfte sich nicht allzu viel anmerken lassen, solange Phœbus anwesend war. Und es war immer noch die Frage, ob Clopin sich ihm unter vier Augen anvertrauen würde. „Wir sollten ihn vielleicht alleine lassen, dass er sich beruhigen kann. Ich denke nicht, dass die beiden es noch einmal wagen werden, ihn anzurühren.“
   „Nicht, solange er hier sitzt, meinst du…“ Phœbus nickte langsam. Daran, dass Clopin in keinster Weise reagierte, sondern nur geradeaus starrte, als der Schlüssel laut im Schloss der Zellentür klackte, erkannte er, dass dieser geistig meilenweit weg sein musste. Auch den Zellentrakt schloss er sorgfältig ab, ehe er den Verließen entfloh, nach oben und auf der großen Treppe des Justizpalastes stehenblieb, wo ihm frische Luft um die Nase wehte. Himmel, dieser Kerl schafft mich!
   Ein paar Minuten später fand sich Marius bei ihm ein, wissend lächelnd. „Ihr haltet Euch gut. Eurem Vorgänger wäre das egal gewesen.“
   „Inwiefern?“
   „Ihr wisst schon, was ich meine… aber er hat ja so gesehen, bekommen, was er verdiente… selbst schuld, wenn er meint, ihm alleine zu folgen…“
   „Einer derjenigen, die ihr gerade noch so identifizieren konntet?“, fragte Phœbus, sich an das Gespräch erinnernd, welches nach jenem Narrenfest stattgefunden hatte, welches ihrer aller Leben so sehr auf den Kopf stellen sollte. Auch erinnerte er sich an Frollos Bemerkung, sein letzter Offizier sei nicht gerade nennenswert gewesen. Marius’ zuckende Mundwinkel waren ihm Antwort genug. Seufzend starrte er in den Himmel. „Er macht es einem schwer, diese Seite zu vergessen, wenn man ihn beim Spiel mit den Kindern beobachtet. Nicht, dass ich da irgendwelche Erfahrung hätte…“ Er rieb sich den Hals.
   „Verteufelt Ihr ihn wirklich so sehr? Nicht augenblicklich, sondern generell… oder vielleicht sollte ich lieber fragen, was Ihr an ihm warum inwieweit verteufelt…?“
   Phœbus schwieg. „Keine einfache Frage.“, grinste er dann.
   „Ich weiß.“, schmunzelte Marius zurück. Man muss sorgfältiges Material wählen, wenn man später Bericht erstattet, sobald sich seine Majestät beruhigt hat…
   Der Hauptmann blickte lange nachdenklich die Stufen hinab, während er im Kopf jede Szene einzeln und gründlich durchgegangen war, die er bislang mit dem Zigeuner erlebt hatte. „Ich will es nicht verteufeln nennen, denn das kann ich nicht – nicht in diesem Sinne, und nicht so, wie Frollo es getan hat. Er hat ihn einen Egoisten genannt, aber das ist er nicht, die Szenen im Versteck haben da eine ganz andere Sprache gesprochen. – “ Er stockte und starrte einen Moment mit aufgerissenen Augen ins Leere. Guter Gott!!
   „Nein, Egoismus kann man ihm beim besten Willen nicht vorwerfen. … Schon gar nicht, wenn es um Esmeralda geht.“ Marius kicherte. „Habt Ihr eigentlich eine Ahnung, wie knapp ihr darum herumgekommen sein müsst, dass er Euch im La Pomme d’Eve den Kopf abreißt?“
   „Zu knapp, schätze ich. Er hat dennoch ein Talent dafür, immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein… wir hätten das Missgeschick im Versteck auch noch abwenden können, aber ich kann ihm keine wirklichen Vorwürfe machen, dass er uns nicht glauben wollte, geschweige denn zuhören… er macht es einem nicht leicht, ihn nicht zu mögen, aber verteufeln? Nein, das tue ich nicht. Ich verteufele seine Scherze, wenn sie meine Kosten tragen, aber nicht ihn als Person, da ich inzwischen weiß, dass er keine Wahl hat. Und was er schon alles erlebt hat, möchte ich mir lieber gar nicht ausmalen… ehrlich gesagt, ich bewundere seinen Widerstandsgeist; er hat Recht, ich habe ihn unterschätzt, aber behaupten zu können, Frollo zwanzig Jahre lang entkommen zu sein, ist eben keine Kleinigkeit, egal ob wir nun von körperlicher oder von geistiger Kraft sprechen…“
   „Werdet Ihr ihm das jemals sagen?“
   „Sicher, wenn er betrunken ist.“ Phœbus lachte. „Ich weiß es nicht, Marius. Vielleicht, ja… irgendwann… wenn wir eine Basis gefunden haben, auf der wir miteinander reden können. An sich glaube ich nämlich auch, dass er mit mir eigentlich kein Problem hat – solange Esmeralda bitte hinter ihm steht, und nicht zwischen uns.“
   „Ihr werdet mir nicht glauben, aber an sich hat er Respekt vor Euch. Auf seine Weise.“
   „Vor mir? Oder der Uniform?“
   „Ich schätze, vor der Uniform. Aber irgendein Punkt ist da…“
   „Und was lässt dich das glauben?“
   „Eine einfache Tatsache, Hauptmann. … Ihr seid immer noch am Leben.“ Marius lächelte. „Esmeralda hat ihn daran gehindert, Euch aufzuhängen, doch die Schlacht wäre seine Chance gewesen, Euch zu eliminieren. Oder etwa nicht? Ein Unfall ist schnell passiert…“
   Phœbus kniff die Lippen zusammen und erinnerte sich an die Präzision, mit welcher Clopins Sense über das Schlachtfeld getänzelt war und dabei einmal seinen Kopf verfehlt hatte. Um Haaresbreite. Im selben Moment fragte er sich tatsächlich, ob der Zigeuner ihn nicht lieber doch hätte treffen wollen. „Er hat entschieden, mich aus dem Wagen zu lassen, offenbar wusste er doch, was er tut. Apropos, warum versteht sich eigentlich Snowball mit ihm so gut?“
   „Was meint Ihr?“
   „Nun, ich beobachte, wie sie hier fast jedem Soldaten den Finger abbeißt, der sich ihr nur nähert, aber sie braucht ja auch Fressen und Wasser, wie ihr Kollege – von dem ich im Übrigen nicht mal weiß, wem er gehört – aber Clopin darf sie nicht nur kraulen und füttern, nein, er darf auf ihrem Rücken Platz nehmen und sie trägt ihn über ein Schlachtfeld. Wo ist da die Logik, wenn Frollo ihr doch angeblich beigebracht hat, Zigeuner zu hassen?“
   „Das kann ich leider nicht beantworten, als ich die beiden das erste Mal zusammen habe agieren sehen, kannte ich Clopin schon einige Zeit, und sie haben sich da schon verstanden. Ich weiß es nicht. Vielleicht liegt es einfach an seinem Charme… … nun, was den Schimmel anbelangt… Angelus…“ Marius zögerte, unsicher, was und wie viel er verraten konnte, ohne dass Clopin ihn zusammenstauchte, „er gehört Claudes jüngerem Bruder.“
   Phœbus stutzte. „Claude Frollo hat einen Bruder?“
   „Jein, er ist verschollen, aber uns wurde aufgetragen, den Schimmel weiterhin zu versorgen. Irgendjemand scheint ihn auch zu reiten, weil es zuweilen vorkommt, dass er mal ein paar Tage verschwindet und dann wieder auftaucht, als wäre nichts gewesen. Näheres weiß ich nicht…“ Ich sollte mich von Clopin für diese Komödie bezahlen lassen… … nicht zu vergessen, dass wir ihm gerade wohl im wahrsten Sinne des Wortes seinen königlichen Arsch gerettet haben…
   „Ich hätte auf dem Schlachtfeld bleiben sollen. Stattdessen versuche ich hier wie eine Katze ein monströses Wollknäuel aufzudröseln!“ Phœbus rieb sich die Stirn.
   Marius lachte. „Apropos Katze, was treibt sie?“
   „Sie plagt sich mit Schuldgefühlen, aber ich denke, sie wird in nächster Zeit einiges dafür tun, dass sich das Blatt wenden könnte. Ich werde sehen, was den beiden einfällt, solange es nur am Ende gut ausgeht. Es ist ja nicht so, als würde ich es den beiden nicht gönnen, ich war nur… zu blind.“, murmelte er dumpf. „Ich habe ihre wahren Gefühle gehemmt und nun sehe ich das Ergebnis, ein Trümmerfeld aus Gefühlen und zwei verlorene Seelen! Ich habe einige Fehler gemacht, aber ich werde sie irgendwie ausmerzen…“ Er überblickte den Platz. „Himmel, wo bleibt Frederic denn? Ich hoffe, er muss Anette nicht irgendwo in der Stadt suchen…“
   Marius verkniff sich das breite Grinsen. „Wie soll eine Hure uns bitte weiterhelfen?“
   „Das fragst du mich, der du Esmeralda selbst dorthin geschickt und den Mund gehalten hast, als du sie im Schrank fandest?“
   „Ähm…“ Der Soldat lief knallrot an.
   „Sie hat es mir erzählt, also spare es dir, irgendetwas zu erfinden. Doch frage ich mich – warum?“
   „Warum noch mehr Öl ins Feuer gießen?“, umging Marius die Falle galant mit einer Gegenfrage. „Ich bin dagegen, unnötig Blut an meinen Händen zu haben. Bislang konnte ich das gut arrangieren, und ich gedenke, dass es so bleibt.“
   Der Hauptmann legte plötzlich den Kopf schief. „Inwieweit ist Frollos Bruder denn mit dem Richterwesen vertraut?“
   „Ziemlich gut, glaube ich, aber ich weiß es nicht. Warum?“, spielte der Soldat den Überrumpelt-Dummen, doch innerlich feixte er. Wenn das mal nicht genau nach deinem Plan läuft, du närrisches Schlitzohr!
   „Erkläre ich dir bei Gelegenheit.“ Er deutete geradeaus und Marius erblickte seinen Kollegen, Anette im Schlepptau.
   „Warum diese im Speziellen?“
   „Weil ich glaube, dass sie und Clopin sich… sehr zugetan sind, um es höflich auszudrücken.“
   „Hat sie Euch abgewiesen?“, fragte Marius frech. Wenn Ihr wüsstet…
   „Ja, in der Tat, das auch.“
   „Äääh, ich wollte nicht – “ Hups…
   „Schon gut.“
   Frederic erklomm die Stufen. „Ich bringe die verlangte Person, Hauptmann. Zudem informiere ich, dass Esmeralda nebst gehörntem Kollegen vor der Kathedrale umher hüpft.“
   „Welchem gehörnten Kollegen?“, fragte Anette spitz, was die Fassade der beiden schwarzen Soldaten endgültig einstürzen und in schallendes Gelächter ausbrechen ließ. Phœbus hielt sich zurück, die Augen zu verdrehen. „Dir wurde die Bitte angetragen?“, fragte er in Richtung der Prostituierten.
   „Ich habe das nötige Werkzeug dabei.“, entgegnete sie kühl. „Allerdings würde mich sehr interessieren, welcher Gefangene es verdient hat, eine solche Behandlung zu bekommen…“
   „Du wirst es über kurz oder lang herausfinden, ich warne allerdings vor, es könnte ein kleiner Schock für dich werden, aber ich versichere, dass dieser Zustand nur noch zwei Tage anhalten wird.“
   Anette zog den Umhang fester um sich und folgte den dreien in das unterirdische Zellenlabyrinth. „Ich hoffe, Ihr genießt Eure Zeit mit Esmeralda, Hauptmann.“, knurrte sie leise.
   „Sieht es augenblicklich danach aus?“
   „Für mein Empfinden, ja. Ihr habt ja keine Ahnung, was Ihr ihm damit antut – “
   Phœbus drehte sich ruckartig um. „Oh doch, das weiß ich sogar sehr gut, aber es lag nicht in meinem Ermessen. Wie ich schätze, wurdest du von Esmeralda ja ohnehin schon eingeweiht – ja, ich weiß Bescheid.“, konnte er sich nicht verkneifen, spöttisch zu grinsen, als ihr der Mund aufklappte. Anette schüttelte energisch den Kopf. „Moment, langsam! Ihr spielt also nur – “
   „Den Anstandswauwau.“
   Anette grinste, sich an Esmeraldas Worte erinnernd. Dann sah sie ihn ernst an. „Ich weiß nicht, was mich davon abhalten sollte, ihm das zu erzählen?“, stellte sie ihn fordernd auf die Probe, das Kinn gereckt und eine Faust in die Hüfte gestemmt.
   „Deine Freundschaft zu Esmeralda und Treue zu seiner Majestät, die sich sicher vergrößern wird, sobald er hat, was er begehrt?“, spielte der Hauptmann auf Risiko, ehe er sich von Marius den Schlüssel geben ließ und den Zellentrakt wieder öffnete.
   Anette biss sich in die Lippe und wechselte einen Blick mit den beiden Soldaten, die nur grinsend eine Braue hoben. Sie seufzte. „Touché…“ Dann jedoch erstarrte sie, als sie Clopins Stimme vernahm und hielt die anderen zurück, weiterzugehen.
   Marius und Frederic bissen sich beunruhigt in die Lippe, doch Phœbus war tief erschüttert. Mehr und mehr formte sich ein Bild in seinem Kopf, das er nicht sehen wollte, ihm jedoch mit jedem Wort Clopins mehr und mehr brutale Realität schien. Wenn sich sein Verdacht irgendwann bestätigen würde… … er senkte den Blick. Er würde nie wieder behaupten, Clopin wäre ein Feigling!
   „Wie ich sehe, habt Ihr etwas zum Nachdenken.“ Anette sah ihn ernst an. „Schätze, er wird mich aufklären…“
   Marius nickte den Gang hinunter, nachdem er den Zellentrakt aufgeschlossen hatte. „Gib Bescheid, wenn ihr fertig seid.“
   Die Hure legte frech grinsend den Kopf schief. „Fertig womit?“
   „Warte!“, hielt sie Phœbus zurück. „Was weißt du?!
   „Was ich weiß? Worüber, über die Sache mit vier bestimmten Soldaten, von denen nur noch Victor und Léonard leben?! Alles! Es waren doch die beiden, oder? Er vertraut mir, Hauptmann, und er weiß warum. Und nein, das ist nicht der Hauptgrund, warum ich Euch nicht in meiner Nähe will. Lasst es mich so sagen – es gibt gute Soldaten“ sie nickte zu Frederic und Marius, welcher ihr den Schlüssel für Clopins Zelle aushändigte, „es gibt schlechte Soldaten“ sie nickte in den Zellentrakt, aus welchem sie nun Clopin unverständlich vor sich hin murmeln hörten, „und dann gibt es noch die Soldaten“ sie tippte dem Hauptmann auf die Nase, „von denen man nicht wissen will, ob sie gut oder schlecht sind, weil es eben nur Soldaten sind…. Und wenn ich zwischen all diesen dreien die Wahl hätte, zöge ich selbst dann noch einen Zigeunerkönig vor. Und nicht nur ich, sondern wir alle. Aus einem einzigen, verdammten Grund. Weil eil er uns das Gefühl gibt, genauso wie er, immer noch ein Mensch zu sein!“


Irgendwo tief in seinem Geiste verhallte das Geräusch der sich schließenden Tür, doch für Clopin hätte sich ebenso gut am anderen Ende von Paris eine Tür schließen können. Er wusste genau, dass sich in diesem Fall keine weitere öffnen würde. Er wickelte sich schutzsuchend in die Decke, zog die Beine an und vergrub den Kopf in der dadurch entstehenden Kuhle, während seine Finger sich in seine Haare krallten. Nicht etwa, dass es etwas gegen das Zittern geholfen hätte, aber er hatte auch nicht wirklich etwas Anderes erwartet. Eine eisige Kälte fraß sich durch seinen Körper wie ein langsam wirkendes Gift.
   Er wollte nicht eine Sekunde daran denken, was passiert wäre, und doch tat er es. Denn er wusste es genau, er wusste es nur zu genau… Ein Gedanke war wie ein Virus, resistent, hochansteckend, und die kleinste Saat eines Gedanken konnte daraus wachsen. Die Frage war dann nur, ob es einen Menschen aufbaute oder ob es ihn zerstörte.
   Clopin tendierte gerade eher zu Option Nummer zwei. Warum bin es verdammt nochmal immer ich?! Die verzerrten Bilder, welche sein Hirn produzierte, taten ihr Übriges, den sonst so legendären Mut seines Sternzeichens auf Größe eines verwahrlosten, ängstlichen Kätzchens schrumpfen zu lassen. Er hasste es, er hasste es, sich so schwach zu fühlen; zugeben zu müssen, dass er auch nur ein Mensch war. Er hasste es, zu fühlen, überhaupt nur zu denken, zu atmen, diesen Schmerz empfinden zu müssen… Er wollte auf irgendetwas einschlagen, weinen, schreien, brüllen. Irgendetwas. Sich selbst beweisen, dass er immer noch da war, noch immer lebte. Doch nichts an ihm rührte sich, kein Laut verließ seine wunde, zugeschnürte Kehle, die ihm das Luftholen erschwerte.
   Erst, als er schon einige Sekunden lang an die Decke der Zelle gestarrt hatte, erkannte er blinzelnd, dass er wohl kurzzeitig das Bewusstsein verloren hatte und zu Boden gegangen war. Irgendwo in der Nähe vernahm er Schritte und Stimmen, doch er konnte nichts einordnen. Es war ihm aber auch egal. Wichtig war nur, dass zwei gewisse Soldaten nicht in seiner Nähe waren…
   Kraftlos hievte er sich in eine hockende Stellung, zog die Beine erneut an den Leib und umklammerte diese krampfhaft mit beiden Armen; vor und zurückwippend merkte er, dass seine Atmung wieder hektischer wurde. NEIN! Energisch schüttelte er den Kopf und fixierte einen Punkt irgendwo auf dem Zellenboden, Zeige- und Mittelfinger zu beiden Seiten an die Schläfe gelegt und konzentrierte sich mit aller Macht auf das Bild in seinem Kopf, es mit Hilfe seiner wenn auch schwachen, aber entschlossenen Stimme hinauszuschieben.

„Irgendwo in meinem Geiste
eine dunkle Kammer ist,
gut verschlossen und gehütet –
von niemandem vermisst.
Es liegt Schnee in dieser Kammer,
tobt mit dem Wintersturm;
kein Licht und auch kein Feuer
erhellen dort den dunklen Turm…

In diesem alten Turm gefangen,
sitzt ein kleines nacktes Kind –
friert und zittert ob der Kälte,
ängstlich wie nur Kinder sind.
Ist verlassen und alleine,
niemand hört auf sein Klagen.
Nicht mal der eig’ne Vater
wird nach dem Verbleiben fragen…

Frag’ nicht nach meinen Sorgen!
Meine Nöte sind egal!
Niemand darf mein Leiden leben,
niemand kennen meine Qual!
Frag’ nicht nach meinen Ängsten –
frag niemals, was geschah,
als ich mein eignes Kind begraben,
das ich niemals wieder sah…
Gib nicht auf…


Wird an einem fernen Tage
jemand in die Kammer geh’n –
sieht das Kind und seine Leiden,
wird sein Lebenslicht vergeh’n.
Wartet auf des Vaters Wort allein’,
der es einfach retten kann –
doch der Wunsch zu seiner Rettung…
reift zögerlich heran…

Frag’ nicht nach meinen Sorgen!
Meine Nöte sind egal!
Niemand darf mein Leiden leben,
niemand kennen meine Qual!
Frag’ nicht nach meinen Ängsten –
frag’ niemals, was geschah,
als ich mein eignes Kind begraben,
das ich niemals wieder sah…
Gib nicht auf…

Frag’ nicht nach meinen Sorgen!
Meine Nöte sind egal!
Niemand darf mein Leiden leben,
niemand kennen meine Qual!
Frag’ nicht nach meinen Ängsten –
frag’ niemals, was geschah,
als ich mein eig’nes Kind begraben,
das ich niemals wieder sah…
Gib nicht auf…“


Selbst als seine Stimme verklungen war, merkte er nicht, dass er nicht mehr alleine in der Zelle war. Alles, was er wahrnahm, waren seine sich jetzt langsam wieder normalisierende Atmung und sein noch etwas unregelmäßiger Puls. Er durfte ihnen nicht den Triumph zugestehen, ihn zu brechen, aber er musste sich eingestehen, dass seine Widerstandskräfte augenblicklich wirklich auf einem für seine Verhältnisse extrem niedrigen Stand waren, die Krankheit hatte ihn sehr gefordert, und die Tatsache, dass sie ihn überrumpelt und auf seine Furcht vor ihnen gesetzt hatten, war der letzte Vorteil gewesen, die sie gebraucht hatten. Noch immer spürte er Léonards widerwärtige Hand auf seinem Bauch. Im selben Moment blinzelte er irritiert, hatte er nicht mit halbem Ohr irgendetwas von Wundversorgung mitbekommen? Sein Blick senkte sich auf die Striemen. Dann bemerkte er endlich den Schatten, der vor ihm saß.
   Voller Schreck zuckte er an die Wand zurück und wandte den Blick ab, während er fast hyperventilierte. Zum Teufel, warum konnte man ihn nicht einfach in Ruhe lassen?
   Anette schüttelte mitfühlend den Kopf. Er musste meilenweit weg sein, wenn er sie noch immer nicht gehört, geschweige denn erkannt hatte; ihr blieb keine Wahl; sie wusste, er würde es ansonsten nur noch mehr in sich hineinfressen. Sie ging hinter ihm in die Knie und zog ihn an sich, ohne auf seinen keuchenden Protest zu achten, oder seine bebenden Hände, die versuchten, sich ihrem Arm zu entwinden. Genauso gut hätte sie die Hände um seinen Hals legen können…
   Sie griff zum letzten Mittel, ihm zu beweisen, dass sie ihm nichts Böses wollte und küsste ihn kopfüber auf den Mund, mit einer Leidenschaft und Wärme, die sie in ihrem Berufsstatus eigentlich niemals empfinden dufte, doch seit wann hätte sie sich an Regeln gehalten?
   Clopin keuchte erschrocken auf, doch dann machte sein Herz einen gewaltigen Satz, als er endlich sein Gegenüber erkannte und schlagartig gab er auch alle Gegenwehr auf, als er sich herumwarf und sein Gesicht an ihrem schlanken Hals vergrub.
   Die Hure versuchte erst gar nicht, ihn zu beruhigen. Sie legte nur je eine Hand auf seinen Rücken und seinen Haarschopf und streichelte ihn beruhigend, bis seine Schultern nach einigen endlosen Minuten nicht mehr bebten. Ein kleines Lächeln formte sich auf ihren Lippen, als sie einen ganz zarten Kuss auf ihrem Hals fühlte, kaum mehr als ein Hauch. Sie schob ihn sanft von sich weg und nahm ihm die Maske ab, welche ihm die Soldaten glücklicherweise gelassen hatten. „Ich muss wohl kaum fragen…“
   „Sie kamen nicht so weit, wie sie wohl eigentlich wollten – “ Er fixierte einen Punkt hinter ihr. Anette drehte sich um und erblickte Frederic, der aber sofort wieder verschwand, als ihn Clopins funkelnder Blick festnagelte, welcher jedoch auch durch die noch feuchten Tränenspuren nicht so energisch wirkte wie sonst. Sie grinste schief. „Sie haben dich überrumpelt, ansonsten wären sie nie fähig gewesen, dich soweit zu unterdrücken. Du hast keinerlei Gründe, dich deswegen für deine Schwäche zu schämen; du warst krank und das haben sie ausgenutzt, ihre Überlegenheit zu demonstrieren – “
   „Es ist nicht meine Schwäche, derentwegen ich mich schäme – “, unterbrach Clopin sie eingeschnappt, sich wieder in die Decke verkriechend.
   „Du hast überhaupt keinen Grund, dich für irgendwas zu schämen.“
   „Tue ich aber. Wenn ich zugebe, dass ich schwach bin, mache ich mich angreifbar…“
   „Jetzt hör’ mir mal zu. Du bist NICHT schwach. Und ich sage dir auch, warum.“ Sie wühlte ihn wieder frei, hielt sein Gesicht mit beiden Händen und zwang ihn, den Blickkontakt zu halten. „Ich weiß mehr als gut, wie es sich anfühlt, etwas gegen seinen eigenen Willen zu tun, sich in die Hände irgendeines gewalttätigen, sadistischen Soldaten zu begeben; ich muss tagtäglich damit fertigwerden. Uns fragt auch niemand, ob wir das wollen… Ich darf Schwäche zeigen, aber es interessiert niemanden, dich mal beiseite, aber darum geht es nicht. … … Du hast dich für Esmeralda geopfert und du wusstest genau, was dich erwartet. Du hast willentlich aus Liebe zu ihr eine Pein auf dich genommen, die wir tagtäglich unser Leben nennen und die sie sich noch nicht einmal wirklich ausmalen kann. Und nun, Majestät, sagt mir, wie ich das nennen soll, wenn nicht bedingungslose Treue, wahren Stolz und feurigen Mut eines Löwen.“
   Clopin schnaufte bitter. Ein paar Momente verharrte er noch, dann stupste er müde lächelnd mit seiner Nase gegen ihren Hals. „Was mache ich bloß, wenn du mal nicht mehr bist, hm?“
   „Bis dahin hast du Esmeralda hoffentlich überzeugt, dass du die bessere Wahl bist. Und auch wenn ich weiß, dass ich einen speziellen Platz in deinem Herzen habe, so ist mir doch auch klar, dass ich gegen Esmeralda nicht den Hauch einer Chance habe.“ Sie grinste, als ein ganz leises Lachen an ihr Ohr drang. „Aber kläre du mich auf, warst du betrunken, oder was ist schiefgelaufen?“
   „Was meinst du?“
   Anette hob eine Braue und wies einmal mit dem Finger reihum.
   „Oh… das…“ Clopin kratzte sich unwohl am Kopf. „Zuviel Alkohol und eine zu schnelle Zunge… Aber erkläre lieber du mir, was dich hierher verschlägt?“
   „Du hast Glück, dass er gezwungen ist, dich laufen zu lassen. Davon abgesehen scheint er sich mehr Gedanken zu machen, als du ahnst, wenn er nach mir schicken lässt… … Nun, schätze, wenn du wieder hinausdarfst, würdest du gerne etwas weniger… … unansehnlich wirken?“
   Clopin grinste schief und ließ sie los. „In der Tat. Ich hoffe, er hat nach wie vor keinen Erfolg bei dir?“
   Sie kicherte hell. „Was will ich mit einem Hauptmann, der eine goldene Rüstung braucht, seinen Stand auszudrücken, wenn ich einen Narren- und Zigeunerkönig haben kann, der sein Gold im Herzen trägt?“
   Schmunzelnd neigte er den Kopf, nachdem er seine Füße lächelnd in einen Schneidersitz gefaltet hatte. „Touché. … Was wird das, Frederic, willst du doch zusehen?“
   „Ich werde seiner Majestät doch nicht den eventuellen Genuss ruinieren.“
   Anette verdrehte die Augen und nahm dem Soldaten die Schüsseln ab, ehe sie die Zellentür bestimmt zuzog. „Ich mache mich bemerkbar, wenn ich irgendetwas brauchen sollte.“ Frederic schenkte dem Narren einen ernsten Blick und entfernte sich.
   Clopin blinzelte müde. „Sicher, dass du augenblicklich keine Kunden hast, die dich vielleicht nötiger brauchen könnten?“
   „Nein, habe ich nicht.“
   Clopin seufzte müde und betrachtete sie, während sie mit den Wasserschüsseln hantierte. Dabei fiel sein Blick auch auf die Zellentür. Der Schlüssel steckte noch. Jederzeit konnte somit jeder, der wollte, hier hereinkommen. In seinem Kopf wallte kurz die Panik wieder auf. Nein. Er durfte sie nicht zulassen. Niemals. Er biss die Zähne zusammen und atmete tief durch.
   Anette bemerkte, dass dem Narren ein Schauer durch den Körper fuhr und folgte seinem starr auf die Türe gerichteten Blick. „Was?“, fragte sie verständnislos
   „Bitte. Schließe ab… besser… will… alleine…“ stammelte Clopin, bemüht, das Zittern zu unterdrücken. Anette schalt sich innerlich eine dumme Kuh, sie hätte daran denken müssen. Gewissenhaft drehte sie den Schlüssel zweimal um, ehe sie ihn in ihrem Mieder verstaute.
   Der Narr grinste flüchtig, er mochte vielleicht immer noch angeschlagen sein, doch er wusste, dass der Schlüssel nicht lange da drinbleiben würde. Anettes Stimme holte ihn aus seinen schlüpfrigen Gedanken.
   „Mal davon abgesehen, was macht der Hals?“
   „Solltest du auf meinen Ausfall anspielen, so bin ich fast wieder fit. Zugleich wohl auch die Erklärung, warum die beiden mich überrumpeln konnten.“
   „Verstehe. Ich bin also auch mal wieder dein Mittel zur Verdrängung unangenehmer Tatsachen.“
   „So könntest du es nennen…“, murmelte er. „Aber ich höre nicht, dass du dich beschwerst…“
   Anette kicherte, ehe sie zu der einen Schüssel nickte. Clopin seufzte ergeben, legte Decke, Gugel und Kostüm ab und holte einmal tief Luft, ehe er den Kopf hineinsteckte. Anette wartete, bis er mit einem Prusten wieder auftauchte und sich kurz schüttelte, ehe sie ihn auf die Strohmatte dirigierte und sich hinter ihm platzierte.
   „Wie könnte ich denn auch?“, fragte sie zuckersüß, ihre Finger durch seinen Bart kraulend.
   „Konzentrier dich, Schätzchen.“, mahnte er leise, konnte jedoch das Zucken seiner Mundwinkel nicht verhindern, während er sich an ihre Brust lehnte und die Augen schloss. „Du weißt, was ich erwarte. Also mache es gut… so wie immer…“
   Anette klappte langsam und gewissenhaft das Rasiermesser auf; Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger hielten den Erl fest gefasst, die Wölbung zeigte in Richtung Clopin. Sie kämpfte das Grinsen nieder, offenbar hatte die kleine Stimme in ihrem Kopf guten Grund gehabt, sie einige der Rasiermesser im Bordell gründlich abledern zu lassen. Vorsichtig und andächtig führte sie die Klinge über seine Haut. Nicht dass sie das bei ihm nicht schon einmal getan hätte, doch sie spürte genau, dass er es wieder einmal geschafft hatte, eine besondere Stimmung zu kreieren. Die Frage war, ob er es darauf angelegt hatte. Wahrscheinlich nicht, es passierte einfach, wie so vieles, sobald er seine Finger im Spiel hatte. Ein leicht spöttisches Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, als sie daran dachte, was wohl Esmeralda für ein Gesicht machen würde, könnte sie Clopin jetzt sehen. Seufzend übte sie mit dem Finger leichten Druck aus und er gehorchte sofort, ließ seinen Kopf weiter in den Nacken fallen, was ihr einen lieblichen Blick ins Gesicht zauberte; oh ja, sie beide wussten sehr wohl, warum sie sich mit mehr als gutem Gewissen in die Hände des Gegenübers begeben konnten. Und egal, was kommen mochte, Anette wusste ganz genau, dass die Verbindung zwischen ihnen beiden immer etwas Besonderes sein würde. Und bleiben würde, daran sollte auch Esmeralda nichts ändern…
   Ein Blick durch die Zellentür, während sie das Rasiermesser säuberte, zeigte ihr einen ziemlich fassungslosen Phœbus, welcher das Geschehen beobachtete. Er starrte sie kopfschüttelnd an, doch sie warf ihm nur einen spöttischen Kussmund zu und wackelte provozierend mit den Brauen, ehe sie sich wieder dem Zigeuner widmete. Es war ihr egal, ob der Hauptmann stehenblieb; sollte er doch begaffen, was er nicht bekam. Sie war nur dankbar, dass dieser keine Sicht auf Clopins Rücken hatte. Im selben Moment fragte sie sich, ob jener sich das bewusst gemacht hatte, doch sie kam zu dem Ergebnis, das nicht. Schließlich wusste er immer noch nicht, dass sie ihn jedes Mal erneut für Clopin abblitzen ließ und ihre Dienste verweigerte. Und ganz offensichtlich ahnte er auch immer noch nichts, so fassungslos-verblüfft, wie er sich die Szene betrachtete. Oder, er vermutete genau das Richtige und versuchte nun, seinen Komplex zu beruhigen. Sie schenkte Frederic ein heimliches Zwinkern, der mit zusammengekniffenen Lippen zurückfeixte. Es war einfach zu faszinierend, dass Clopin selbst in so einer Situation immer noch alle Trümpfe in der Hand zu halten schien, auch wenn er es gar nicht darauf anlegte und es vor kurzem noch ganz anders ausgesehen haben mochte.
   Clopin Trouillefou nahm von alledem nichts wahr, seine Augen blieben geschlossen. Er dachte mit seligem Lächeln darüber nach, dass ihm diese Behandlung deutlich besser gefiel. Sein ganzes Empfinden war auf die Finger gerichtet, welche die Klinge konzentriert über seine Haut führten und nach und nach dafür sorgten, dass die überflüssigen Haare verschwanden. Er überließ es vollkommen ihrer Intuition; lieber mehrmals über eine Stelle gleiten, anstatt mit zu hohem Druck versuchen, alle Haare auf einmal zu entfernen. Es würde wohl ohnehin auf zwei oder drei Durchgänge hinauslaufen, weil es einfach gründlicher war. Er hatte auch keinerlei Problem damit, dass sie es langsamer anging; so gesehen war es auch nur eine andere Dienstleistung, nur ohne sexuellen Aspekt. Je nachdem, wie man es sehen wollte, denn der Narr konnte dieser Szene sehr wohl den ein oder anderen sexuellen Aspekt absprechen. Er konnte nichts dagegen tun, dass sein Kopf für ein paar Momente Anette mit Esmeralda tauschte, und er musste erkennen, dass ihm dieses Bild auch gefiel…


„Kann es sein, dass wir ein klein bisschen neidisch sind?“
   „Wieso, Marius?“
   Der andere Soldat blickte nur lächelnd auf Phœbus’ Knöchel, die den Becher so sehr umklammerten, dass sie weiß wurden.
   „Und worauf sollte ich neidisch sein? Anette oder die beiden anderen?“
   Marius schluckte, er hatte nicht mit einer derart giftigen Antwort gerechnet.
   „Ich versuche wirklich, ihn zu verstehen, weißt du? Aber es ist nicht einfach. Entweder er ist der feixende Narr, der für alles eine Lösung parat hat, der ungekrönte Herr über die Pariser Unterwelt, der nur blinzeln muss, um alles zu bekommen, was er will oder er ist das gebrochene Kind, das sich am Liebsten unsichtbar machen will, weil es doch ohnehin alles falsch macht und sich selbst als wertlos erachtet. Aber er will weder Mitleid, noch Hilfe, weil ihm sein eigener Stolz im Weg steht. … Also, zum He – Teufel, was will er eigentlich?“, schnaufte er, sich gerade noch verbessernd. Henker war für ihn in Verbindung mit Clopin nicht gerade ein gutes Wort…
   „Akzeptanz.“, murmelte Frederic, der sich zu ihnen gesellt hatte. „Genau wie Quasimodo. Oder Esmeralda. Die drei würden ein gutes Gespann abgeben.“
   „Drei gegen mich? Danke, Clopin reicht mir – “
   „Ihr wisst schon, was ich meine. Und ich dachte, sowohl Esmeralda als auch unser Glöckner hätten Euch auch schon übertölpelt?“, konnte Marius sich nicht zurückhalten.
   „Ja, ja, ja, ja, haben sie. Und ich will gar nicht wissen, wie schnell es ihm gelänge, wenn er im Vollbesitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte wäre.“
   „Ich sagte doch, er wird unterschätzt.“, grinste Marius. „Also… sind wir neidisch?“
   Phœbus schnaufte laut aus. „Ja…“, murmelte er schließlich, nachdem er ein paar Momente seine Gedanken geordnet hatte.
   „Ist es die Tatsache, was gerade in der Zelle vor sich geht, oder geht es um Anette als Person? Oder die Tatsache, dass die die Frechheit besaß, Euch zurückzuweisen?“
   „Ich versuche zu ergründen, wo für sie der Unterschied liegt. Das, was sie sagte, bevor sie im Zellentrakt verschwand. Ich glaube nicht, dass Clopin und ich uns anatomisch so sehr unterscheiden – “
   „Er wird sich wohl nicht auf einen Test einlassen…“, murmelte Marius gepresst, doch Frederic kicherte. „Oh, wer weiß? Wenn das Ergebnis für ihn positiv ausfällt – “
   „Ähm, nur fürs Protokoll, ich bin immer noch hier, ja?“, wedelte Phœbus pikiert mit der Hand vor ihren Gesichtern herum. „Ihr seid Euch ganz sicher, dass er an sich dem weiblichen Geschlecht zugetan ist?“
   „Verdammt sicher. Die Berichte diverser Dirnen würden alles andere als nichtig erklären. Ich fürchte…“ Marius zögerte, „ich fürchte, es ist eher so, dass er aus gutem Grund das… Interesse des eigenen Geschlechtes nicht erwidert. Er genießt es sicher, wenn ihm nachgestarrt wird, und er kokettiert, aber… er weiß genau, wo er stoppen muss, bevor es zu viel wird.“
   „Eine seiner vielen eigenen Grenzen…“, murmelte der Hauptmann. „Ich schätze, ich beginne zu verstehen, warum Anette ihm im übertragenen Sinne die Schuhe leckt.“
   „Und manch anderes – wie das halbe Bordell.“, hustete Frederic, ehe er sich zurückhalten konnte. „Inklusive Wirtin.“
   „Bitte?“ Phœbus machte große Augen.
   „Er ist agil, angeblich gut gebaut und ausdauernd… was denkt denn Ihr, woher seine Begabung für Akrobatik herkommt? Ich möchte Euch mal in einem Spagat sehen.“
   „Aua.“
   Marius grinste. „Na seht Ihr. Und um das aufzugreifen, was das Täubchen gesagt hat, er behandelt sie als Menschen, als gleichrangig. Und das würde er auch, wenn er wirklich einen höheren Stand hätte.“
   „Sind es Berichte der Damen, dass er gut gebaut ist? Oder ziehst du diese Information aus dem Offensichtlichen?“
   Marius blinzelte. „Pardon?“, doch Frederic grinste dreckig: „Ich wäre in diesem Falle vorsichtig, was ich sage, Hauptmann. Und ich garantiere, dass dieses pinke Accessoire in seinem Gesicht nichts, aber rein GAR NICHTS kompensieren muss.“
   „Und woher willst bitte du das wissen?“
   Frederic feixte „Ich glaube es ihm, dass er das nicht nötig hat.“ Und brach in einen Lachanfall aus.
   Sein Hauptmann räusperte sich betont.
   Marius stimmte mit ein, als ihm nun klar wurde, worum es ging. „Er könnte es sich sparen, ja, seine Nase ist auch so markant genug, ohne die verlängerte Version darüber. Glück für die Damen… aber er ist ja auch sonst mit allem gut, was er zur Verfügung hat; angefangen bei Leidenschaft, Kraft und Ausdauer.“
   Phœbus ließ die beiden lachen und starrte sinnend in seinen Krug. Nach ein paar Blicken auf den blutigen Striemen auf Clopins Bauch, hatte sein Kopf ungefragt einen Vergleich gezogen. Ja, auch er trug Narben, doch kleiner und blasser. Er wollte nicht wissen, wie der Rest von Clopins Körper aussah, doch er konnte sich ein ungefähres Bild machen, er wusste ja leider nur zu gut, welche Art von Folterinstrumenten nur ein paar Türen weiter verwahrt wurden. Vielleicht rostig, doch immer gut eingefettet und scharf, immer bereit, eingesetzt zu werden. Er mochte vielleicht das breitere Kreuz haben, doch der Zigeuner schlug ihn um Längen in Wendigkeit und Schnelligkeit. Zuzusehen, wie er trotz Schmerzen auf beiden Ebenen die Kraft gefunden hatte, sich derart zu verdrehen, dass er beide Soldaten außer Gefecht gesetzt hätte, hatte dem Blonden eine gewaltige Portion Respekt abverlangt.
   Ihm war auch vollkommen klar, dass Clopin die beiden ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, qualvoll mit der Kette erdrosselt hätte. Seinetwegen sollte er das auch – aber bitte nicht vor seinen Augen, sondern ganz woanders, und vielleicht auch erst, wenn er wirklich wieder fit war. Unwohl griff er sich selbst an die Kehle, glaubte fast wieder das raue Seil zu spüren, das seinen Hals zuschnürte. Er hoffte, es vor Esmeralda nie zugeben zu müssen, aber in diesem Moment hatte er den Zigeunerkönig mehr gefürchtet, als er bei seiner Ankunft in Paris für möglich gehalten hatte. Inzwischen konnte er ihm für diese Tat nicht mal mehr wirklich einen Vorwurf machen…
   Er sah ihn vor sich auf Achilles’ Nacken sitzen und hörte seine gehauchte Stimme, jenes machtvolle Instrument, das ihn herausgefordert hatte: „Nur zu, FÖTUS, unterschätzt mich. Ihr wärt nicht der Erste. Je mehr, desto interessanter wird es für mich; ich finde wohl Gefallen daran, wenn der Gegner sich dem Ernst der Lage nicht bewusst ist. Ich habe eine Verantwortung und ich werde weiterhin alles tun, meine Leute zu schützen. Fordert mich heraus und Ihr seid schneller unterlegen, als Ihr Euch überhaupt eine Verteidigung ausdenken könnt.“ Und mittlerweile musste er ihm zustimmen. Er fragte sich, wie viele Soldaten der Narr wirklich auf dem Gewissen hatte – wobei, konnte man in diesem Falle von Gewissen sprechen? Der Drang, das eigene Leben zu verteidigen und Rache waren ein starkes Motiv. Phœbus war nicht sicher, ob gerade er darüber ein Urteil fällen sollte, er hatte sicher auch unschuldige Seelen zum Tode oder zu einem Leben als Krüppel verdammt. Aber es war ein völlig anderer Gesichtspunkt.
   Clopin hatte ein paar hundert Leute zu schützen gehabt, als er sich geopfert hatte, wohl wissend, dass es ihm möglicherweise in Bezug auf Esmeralda gar nichts bringen sollte, außer weitere Schmerzen und ihre Sicherheit nur für den Moment. Wie hatte er in der Schlacht überhaupt noch stehen, geschweige denn Frollos Stute lenken können? Apropos Stute, es sollte ihn nicht wundern, wenn diese in ein paar Tagen verschwunden sein sollte… nicht, dass es ihn kümmern sollte, ein Maul weniger zu füttern. Er zweifelte auch nicht daran, dass es dem Tier gut gehen würde und sie schien wirklich sehr gut mit dem Zigeuner auszukommen, auch wenn Phœbus es nicht verstand; ihm versuchte sie jedes Mal die Zähne in den Körper zu schlagen, wenn er nur vorbeiging und allmählich fragte er sich, ob es mit Frollos Einfluss zu tun hatte, oder dass sie spürte, das sich noch irgendjemand bei ihr melden würde, der diese Mauern für gewöhnlich mied. Mehr denn je fragte er sich, wie Frollo ihr diesen vollkommen unpassenden Namen hatte verpassen können. Sie war alles, aber bestimmt kein unschuldiger, reiner Schneeball.
   Sie war ein eigenwilliges Tier. Eigenwillig und unberechenbar wie ebenjener Zigeunerkönig. Wenn er es genau bedachte, waren die beiden sich in diesem Punkt recht ähnlich. Ebenso wie die Stute hob sich auch der Zigeunerkönig durch eine Art natürliche Autorität von seinesgleichen ab. Und ebenso wie er hatte sie ein heißes, zuweilen auch hitziges Geblüt. Und wenn man eine gewisse Grenze überschritt, sie in die Enge trieb, konnte sie sich auch sehr energisch verteidigen. Fast das Gleiche hatte er eben bei Clopin beobachtet. Wie er sich mit aller Kraft gewehrt hatte. Insgeheim zog er den nicht existenten Hut vor diesem schmächtig wirkenden Spielmann. Er hatte heute einen Blick hinter die Maske werfen können. Einen Teil dessen gesehen, was der so stark wirkende Anführer der Pariser Zigeuner ansonsten immer gut versteckt hielt. Wenn das, was er vermutete und das, wer er bisher in Bruchstücken von ihm erfahren hatte, der Wahrheit entsprach, musste man einfach bewundern, wie… stark… dieser Mann im Endeffekt war. Wie er trotz alledem, was ihm widerfahren war, so fest im Leben stand, sich immer wieder hochgekämpft hatte. Ob deshalb diese heißblütige Stute so gut zu ihm passte? Weil sie sich ebenso wie er immer und überall durchschlug? Phœbus stutzte. Meinte er eben noch die Stute oder schweiften seine Gedanken nicht insgeheim viel mehr zu einer anderen, rassigen Spanierin? Doch, und das musste er sich eingestehen, passte die Beschreibung auf alle drei dieser heißblütigen Wesen. Sie alle gehörten zu der Sorte, die sich nicht einschüchtern ließ und irgendwie durchbiss. Immer.
   So gesehen war es auch irgendwo eine Erklärung, warum Clopin wohl ein gern gesehener Gast bei den Prostituierten war; weil er sehr gut verstand, mit welche Problem diese ansonsten zu kämpfen hatten, und nachdem, was er bislang gehört hatte, sie mit dem größten Respekt behandelte. Sicher, er tat das auch, und doch ahnte er, dass es für die Damen noch ein gewaltiger Unterschied war. Er erinnerte sich, als Anette ihn nach dem Narrenfest so schnippisch zurechtgewiesen hatte:
   „Diese Art Mädchen sind wir nicht.“
   Er ahnte inzwischen nur zu gut, warum sie das getan hatte, sie wollte die Grenze wahren; sicher hatte sie da schon darauf hingearbeitet, so wenig mit ihm zu tun zu haben, wie möglich. So ganz konnte er es ja nicht verstehen, und es versetzte ihm einen leichten Stich, dass ihm so gesehen der Narr wohl etwas voraushatte. Andererseits war es immer gefährlich, eigene Erfahrung und dergleichen als Standard festlegen zu wollen. Das war ein Punkt, in welchem er Clopin und sich besser nicht vergleichen sollte. Er fragte sich, in welcher Beziehung wohl die schwarzhaarige Prostituierte zu ihm stand, wenn er denn Marius und Frederic glauben konnte, dass Clopin im Val d’Amour einiges an Freiheiten genoss.
   „Hauptmann?“ Eine Hand schnipste neben seinem Ohr herum.
   „Hmmm?“
   „Oje…“ Marius grinste müde. „Wenn ihr gerade versucht, im Kopf eine Analyse Clopins zu erstellen, dann vergesst es, da bilden sich schneller neue Fragen, als ihr die alten beantworten könnt…“
   „Ich schätze, da könntest du Recht haben, gleichwohl ich gut dabei bin. Ich hoffe, Esmeralda weiß weiterhin, was sie tut, augenblicklich bin ich nämlich nicht sicher, wie lange ich das durchhalten werde. Man muss ihm schon eine gewaltige Portion Respekt zusprechen…“
   „Ich wette, Ihr werdet mir jetzt nicht glauben, aber auch er hat Respekt vor Euch. Auf seine Art… es ist jedoch nicht der Respekt vor Euch als Person. Es ist die Stellung und die Macht dahinter, die er fürchtet, die ihn Euch fast hängen ließ.“, ergänzte Frederic. „Und man muss ihm mehr als Respekt zusprechen, sich für seine Leute zu opfern, ich möchte nicht wissen, wie sein Rücken jetzt inzwischen aussieht, ich wette, das Meiste ist immer noch nicht verheilt. Kein Wunder, dass er augenblicklich nur singt, abgesehen von der spontanen Aktion eben.“
   Phœbus schüttelte müden den Kopf. „Es ist irgendwo faszinierend… ich meine, das Ansehen des Festes im Januar mal beiseite, hat er weder als Narr, noch als Zigeuner einen guten Stand, von dem Zusatz König fange ich gar nicht erst an… und dennoch, es sind nicht nur Esmeralda und seine Leute, es ist die ganze Stadt, angefangen bei den Kindern – “
   „Wiederum angeführt von Cosette.“, grinste Marius.
   „Himmel, ich meine – er könnte in Esmeraldas Rock auf dem Narrenfest herum hüpfen und könnte sich sicher sein, dass ihm noch jeder Respekt entgegenbringt!“
   „Mit oder ohne Strumpfhose drunter?“, fragte Frederic.
   „Ohne.“, lachte Marius. „Man muss sich doch steigern zu letztem Jahr. Hat perfekt mit der Strumpfhose harmoniert.“
   „Ja, und die Tatsache, dass er das Bein höher kriegt als die Damen.“ Die beiden Soldaten brachen in Gelächter aus, während Phœbus sie anstarrte. „Das ist nicht – “
   „Glaubt mir, Ihr hattet Glück, dass Frollo Euch nicht zu diesem Narrenfest zurückbeordert hat, oder Ihr würdet dieses Bild nie wieder aus Eurem Kopf kriegen.“
   „Und du glaubst, jetzt geht das besser?!“
   „So schlecht sah es doch gar nicht aus.“
   Die drei wandten die Köpfe.
   „Ich wäre fertig.“ Anette nickte zu den Utensilien in ihren Händen.
   Marius nahm ihr die Sachen ab. „Soll dich jemand von uns begleiten?“
   „Nein, ich werde aber auch noch etwas bleiben… aber ich glaube, ich habe ihn… soweit wieder zusammengesetzt und – “ Sie versteifte sich und trat tiefer in den Raum hinein, ehe nur Sekunden später Victor und Léonard an der Tür vorbeistiefelten, beide ein dreckiges Grinsen im Gesicht.
   Phœbus runzelte die Stirn und nickte Frederic zu, der den beiden folgte, während Marius den Weg zum Zellentrakt einschlug. „Ich bin nicht sicher, ob ich wissen will, was sie angestellt haben…“
   „Ihr meint, abgesehen davon, dass sie Clopin wieder einmal niedergeknüppelt haben?“, fragte die Hure mit gehobener Braue.
   „Nochmal kriegen sie wohl keine Gelegenheit.“ Er legte den Kopf schief. „Er schätzt dich wirklich, nicht wahr?“
   Die Braue wanderte höher. „Mich oder meine Dienste?“
   „Kein Grund, mich anzufauchen… du weißt, wie ich das meine…“
   „Er kann mir vertrauen, Hauptmann, das ist das Mindeste, das er verlangt. … Ihr beiden könntet in seinem Ermessen gut miteinander auskommen, wenn man Euch mehr Zeit zum gegenseitig Beschnuppern gelassen hätte, es ist nicht zwingend Esmeraldas Schuld. – Apropos, was treibt sie eigentlich?“
   Phœbus zuckte die Schultern. „Sie ist dabei, zu sich selbst zurückzufinden und zweckentfremdet mein Mobiliar zu Turnübungen…“ Erst dann ging ihm auf, was genau Anette gefragt hatte und er starrte sie an, doch sie grinste nur. „Ja, ich weiß Bescheid, was schiefgelaufen ist…“
   „Und warum hast du uns dann nicht längst verraten?“
   „Er kann Euch selbst aus anderen Gründen den Hals umdrehen, dazu braucht er mich nicht…“
   „Hm, wohl wahr…“, murmelte Phœbus, der deutlich hörte, wie Victor und Léonard in der Ferne die Kerkertreppen erklommen. „Schätze, was die beiden angeht, wird er entweder nicht lange fackeln oder aber sie sich in Sicherheit wiegen lassen, und dann urplötzlich zuschlagen…“
   Anette blinzelte. „Ihr würdet sie nicht retten?“
   „Nein. Ich habe noch genug Männer unter mir – bitte jetzt nicht falsch verstehen.“, schob er nach, da sie anfing zu kichern. „Die beiden können sich selbst verteidigen, und er hat sie zur Genüge gewarnt. Dieser Kleinkrieg geht mich nichts an, mir reicht meiner mit ihm.“ Er lächelte flüchtig. „Auch, wenn sich dieser in Wohlgefallen auflösen wird, sobald Esmeralda ihm endlich klarmachen konnte, dass es ein Missverständnis war und sie doch von Anfang an bei ihm bleiben wollte…“
   „Aber Esmeralda wird Euch beide als Freunde behalten wollen, Hauptmann. Also müsst Ihr Zweifelsfalls irgendwann miteinander umgehen können. Wie soll das gehen, wenn er zwangsläufig doch mit Soldaten nur Gefahr und Leid verbindet?“
   „Ich würde sagen, dass ist kein Problem, das dich angeht, meinst du nicht?“
   „Falsch. Es geht mich an, wenn er oder sie bei mir aufschlagen und ihre Wut und Verzweiflung darüber loswerden, wie ungerecht die Welt doch zu ihnen ist. Ihr hättet sie von Anfang an gehen lassen sollen.“
   „Das wollte ich doch auch!“, zischte Phœbus, bemüht, leise zu bleiben. „Sie hat versucht, mit ihm zu reden, oder nicht? Und er hat sie rausgeschmissen, was hätte ich denn tun sollen, als sie zu unterstützen, indem ich zumindest Obdach gewähre?!“
   „Hmmm… nicht auf diesem Abschiedskuss bestehen? Oder es so drehen, dass Clopin nichts davon mitbekommen hätte?“
   „Ich – oh…“ Phœbus’ Gesicht fiel etwas ein. „DAS meinst du…“
   „Ich hatte einiges zu tun, ihn wieder aufzubauen, um es vorsichtig auszudrücken.“
   „Das glaube ich… und, ja, ich muss dir zustimmen, ich habe nicht soweit gedacht, nein, gleichwohl ich es doch inzwischen besser hätte wissen müssen, für die kurze Zeit, dich ich nun in Paris verweile. Und, ja, mir ist nicht wohl dabei, dass ich nun bei dieser Möchtegern-Scharade helfen muss, auch wenn ich nicht um meinen Hals fürchten muss, aber ich will, dass sie glücklich ist – und scheinbar wäre sie das mit ihm wirklich, verglichen mit mir…“ Ein flüchtiges Grinsen glitt über sein Gesicht. „Es ist in Paris unmöglich, etwas zu tun, ohne dass der Narren- und Zigeunerkönig etwas davon mitbekommt…“
   „Gewöhnt Euch daran, wenn Ihr nicht vorhabt, in näherer Zukunft auf ein Schlachtfeld zu verschwinden.“
   Nun war es an Phœbus, eine Braue zu heben. „Worauf, glaubst du denn, befinde ich mich augenblicklich? Ich habe nur keine Aussicht auf Erfolg, was der ganzen Sache einen etwas schalen Beigeschmack verleiht…“
   „Nun, ihr werdet schon irgendwann miteinander auskommen, aber rechnet nicht mit mir, Euch aufzubauen – “
   „Warum eigentlich nicht?“, fragte Phœbus vorsichtig. „Ich meine, du hast das eine Mal zugesehen, wo ist der Unterschied zwischen mir und einem anderen Freier?“
   Anette lächelte mitleidig. „Ich habe kein Problem mit Euch als Mensch oder Soldat, Phœbus, so ist es durchaus nicht, und nachdem, was ich gesehen habe, seid Ihr durchaus in der Lage, uns mit Respekt und Freundlichkeit zu behandeln und uns nicht nur als Mittel zum Zweck zu sehen. Wir sind auch dankbar dafür. Es ist das Problem, dass ich Euch eben nicht als Freier möchte, nicht einmal für Küsse. Und das würde ich auch sagen, wenn ich nicht strikte Anweisungen seiner Majestät hätte.“
   Also doch… „Ich versuche nur, es zu verstehen. Was teilt ihr beide, was es so besonders macht?“
   Sie schüttelte den Kopf. „Verzeiht, aber die Entscheidung, Euch das mitzuteilen, liegt ganz alleine bei ihm und nicht bei mir. Er hat mein Wort, dass diese Beichten sein Zimmer im Bordell nicht verlassen.“
   „Zimmer?“, wiederholte er mit großen Augen. „Du willst mir nicht sagen – Himmel…“
   „Für Euch mag sein Zusatz König nichts bedeuten, doch glaubt mir, ihm bedeutet er sehr viel, und er ist bereit, alles an Vorteilen und Annehmlichkeiten zu nehmen, die er damit verknüpfen kann. Und sei es nur eine Nacht mit seiner auserkorenen Lieblingshure im Bordelleigenen Zimmer.“
   Phœbus schürzte die Lippen, als er sich die Ausstattung des Raumes in Erinnerung rief. „In der Tat, er nimmt, was er kriegen kann… wie lange belegt er schon dieses Zimmer, wenn ich fragen darf?“
   Anette runzelte die Stirn. „Ich müsste nachrechnen… aber mehr als fünfzehn Jahre definitiv, und nein, ich werde Euch keine Fragen bezüglich seines Alters beantworten.“, hängte sie frech grinsend an, ehe sie ernst wurde. „Euch ist bewusst, dass Ihr drei eigentlich besser hättet aufpassen müssen?“
   „Ja, hätten wir…“ murmelte er. „Ich habe Esmeralda zugesichert, er würde diesen Ort ohne Blessuren verlassen… ich sollte mich vielleicht zumindest bei ihm entschuldigen, konnten wir doch… offenbar Schlimmeres verhindern – konnten – konnten wir doch, oder?“, fragte er mit plötzlich angespanntem Gesichtsausdruck.
   Anette hatte große Mühe, ihr Gesicht neutral zu halten. „Ich bin nicht befugt, Euch etwas zu erzählen… nur so viel… diese vier gehören zu der Sorte, die nicht feinfühlig zu mir und meinesgleichen ist… Clopin trägt mehr Narben, als Euer Hirn sich ausmalen kann, und doch wird er niemals aufgeben, auch wenn es für Momente so aussehen mag. Siehe Esmeralda. Er würde sonst etwas für sie ertragen. Und leider macht ihn das zu einem gefragten Opfer. Eben, dass er bereit ist, Schmerzen zu ertragen, dass es nur nicht die trifft, die schwächer sind als er. Warum sind die vier – zwei – wohl so auf ihn fixiert? Und ja, er würde sich wohl auch für mich opfern. Ich weiß, Ihr könnt das nicht nachvollziehen – “
   „Zum Teil schon…“, murmelte der Blonde unsicher. „Ich werde mir gründlich Gedanken zu einem Neuanfang machen müssen, sobald er Esmeralda endgültig an seiner Seite hat. Dann habe ich zwar insofern verloren, aber es ist besser so.“
   „Weil sie ihn von Schlimmerem abhält? Dachte, er hätte sein Wort gegeben, Euch nicht zu töten?“
   Phœbus lächelte schief. „So ähnlich… Ich habe von Anfang an einen entscheidenden Fehler gemacht. Nur einen Narren und Zigeuner in ihm zu sehen. Aber er ist auch ein Anführer. Und das macht ihn auch noch gefesselt und geknebelt gefährlich, er braucht kein Schwert, um sich zu wehren; ihm reicht seine spitze Zunge, seine Widersacher gegeneinander auszuspielen. Und sollte die nicht zur Verfügung stehen – reicht ihm auch nur sein Kopf.“ Er seufzte. „Und so ungern ich das sage, aber ja, es kann sein, dass er mir da trotz fehlender Ausbildung etwas voraus hat.“
   „Die beste Ausbildung ist das Leben selbst, Hauptmann.“
   „Hat er dir das gesagt?“
   „Ja. Vor sehr langer Zeit… und es hat uns beiden geholfen. Wir stehen gesellschaftlich auf einer Stufe, wir müssen zusammenhalten. Und es gibt Zeiten, da bin ich wirklich sehr dankbar für diesen Narren.“
   „Du und halb Paris, Schätzchen.“
   „Marius.“ Phœbus blickte irritiert auf die Zettel in seinen Armen, während er darüber nachdachte, dass jener Satz für Clopin eine sehr immense Bedeutung hatte. „Was wird das denn, was hast du da?“
   „Ich habe mich die Tage etwas durch Frollos Aufzeichnungen gewühlt… wird ihm wohl gefallen…“
   Der Hauptmann nickte, als er verstand und auch Anette zog scharf die Luft ein, als sie den gesuchten Namen entdeckte. „Schätze, er war begeistert…“
   „Was er nun mit dieser Information anfängt, ist seine Sache… schätze, es wird einige durchwachte Nächte mit seinem Mini-Ich geben…“
   „Das ich schon länger nicht mehr gesehen habe, fällt mir eben auf…“, runzelte Phœbus die Stirn und auch die Hure stutzte. „Stimmt, jetzt wo Ihr es sagt… normalerweise steckt es immer in seinem Kostüm – “ Sie stockte. „Oh mein Gott, nein, bitte nicht…!“
   Alle drei sahen sich beklommen an. Phœbus schluckte. „Schwur hin oder her, er bringt mich um, wenn diesem Ding etwas passiert – “
   „Lasst ihn nicht hören, dass Ihr den Kleinen ein Ding nennt, das reicht ihm schon als Grund.“, murmelte Anette. „Ihr habt keine Ahnung, ihr könnt euch nicht die geringste Vorstellung machen, was ihm dieses Püppchen überhaupt bedeutet… er ist sehr viel mehr als nur eine Puppe für ihn, er ist – “ Sie biss sich auf die Lippen und schüttelte den Kopf, um zu verhindern, dass sie mehr erzählte, als gut für sie war. „Ohne diese Puppe, ohne CLOPIE, ist er nicht er selbst!“
   „Korrekt, und ich will mir nicht seine Reaktion vorstellen, wenn sie wirklich weg sein sollte.“, hauchte Marius und blickte hinter seinen Hauptmann, wo eben Frederic aufgetaucht war, mit ebenfalls nervösem Gesichtsausdruck. „Sie hatten es geplant, sie haben gewartet, bis er alleine war. Einer von ihnen musste mitbekommen haben, Hauptmann, wie Ihr ihn hier abgeliefert habt. Den Rest haben sie sich wohl aus Unterhaltungen von Marius und mir zusammengereimt.“
   „Wir müssen künftig auf die beiden besser aufpassen.“ Phœbus kniff die Lippen zusammen. „Da wartet sowohl bei Esmeralda als auch bei ihm eine offizielle, ehrliche Entschuldigung auf mich, doch für den Augenblick haben wir andere Probleme. Solange er noch nichts gemerkt hat, ist er ansprechbar.“
   Die Dirne konnte ein hohles Lachen nicht zurückhalten.
   Der Hauptmann blickt ernst. „Konntest du sonst etwas in Erfahrung bringen?“
   „Ja, und ich schätze, es wird ihm“ Frederic unterbrach sich, als ein hoher, panischer Schrei die Stille durchschnitt.
   „Nicht gefallen…“, murmelte Anette. Sie überlegte erst gar nicht, sondern folgte dem Hauptmann, als dieser im Laufschritt die wenigen Schlafräume der Soldaten ansteuerte. Nachdem, was er nun gehört und gesehen (und sich inzwischen zusammengereimt) hatte, war er sich ziemlich sicher, dass jene beiden nicht nur aus Platzmangel und Solidarität eine Kammer teilten. Er zwang den Brechreiz zurück, als er schließlich vor der richtigen Tür stand. „Bist du sicher, dass du – ?“
   „Ich bin nicht so zart besaitet, wie ich aussehe, Hauptmann, keine Sorge. Und das hat rein gar nichts damit zu tun, dass Ihr bei mir nichts zu melden habt.“
   Sein Mundwinkel zuckte. Nicht, dass es dadurch besser wurde, dass er nun in etwa wusste, was oder besser wer die treibende Macht dahinter war, dass sie ihm fortlaufend ihre Dienste verweigerte und eine Kollegin schickte. Er öffnete die Tür und sah sich um. Fenster, Steinboden, zwei Betten und Stühle, ein Tisch und ein Schrank. Relativ aufgeräumt, und doch spürte er sofort, dass etwas hier war, das nicht hierher gehörte.
  „Oh mein Gott!“ Anette keuchte auf. Er folgte der Richtung ihres zitternden Fingers und spürte ebenfalls etwas Farbe aus seinem Gesicht weichen. „Immerhin noch ganz – “
   „Das hoffe ich…“, flüsterte die Hure angsterfüllt.
   Keiner von beiden wagte es, sich dem Fenster zu nähern und den stabileren Faden abzuwickeln, der zu einer Galgenschlinge geformt war. Und keiner von beiden wollte das blau-pink gewandete Püppchen anrühren, welches sie gemäß der Natur seines Erschaffers nur durchtrieben anblitzte und sich nicht um die Situation kümmerte, in der es bis zum Hals steckte. Im wahrsten Sinne des Wortes…


„Ich schätze, man ist zufrieden?“
   „Mit deinen Leistungen bin ich immer zufrieden, Schätzchen.“, schmunzelte Clopin, während ihr in Rosenöl getauchter Finger auf seinem Gesicht umherwanderte, um Irritationen vorzubeugen. „Und solange du es bist, bin ich es auch.“
   „Schätze, du solltest dir wohl baldmöglich eine Revanche für Esmeralda überlegen, hm?“
   „Mir wird schon etwas einfallen.“
   „Ach was.“ Sie schnippte ihm gegen die Nase. „Du weißt doch schon längst um einen Plan. Und ich weiß ganz genau, dass du uns vorhin in deinem Kopf getauscht hast, versuche erst gar nicht, dich herauszuwinden.“
   Clopin machte große Augen. „Hää?“
   „Ja, ja, du weißt genau, was ich meine!“
   „Wir sind doch nicht etwa eifersüchtig, meine Liebe?“ Er hob eine Braue.
   „Ein klitzekleines bisschen. Aber ich glaube, sie ist eifersüchtiger auf mich.“
   „Glaube mir, sobald ich erst mein Ziel erreicht habe, werde ich ihr das vielleicht nicht schnell, aber sehr gründlich und effektiv austreiben.“
   „Ich bin überzeugt, dass du das tun wirst, habe ich doch eine ungefähre Vorstellung, wie das aussehen wird. Aber ich bin auch gerne bereit, zu teilen.“ Dann sah sie ihn ernst an.
   Clopin musste nicht fragen, was in ihrem Kopf vorging. Knurrend blickte er an ihr vorbei durch das Gitter, den Gang hinunter. „Glaube mir, eine vierte Chance werden sie nicht mehr kriegen.“
   „Welche Art der Beseitigung der beiden schwebt dir vor, sollten sie es versuchen?“
   „Sie werden es versuchen… … und ich werde vorbereitet sein.“ Ein teuflisches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
   Anette lächelte spöttisch, als seine sanfte Stimme ihr die Todesart der beiden ins Hirn malte. Sie wusste wohl um die Bizarrerie, die dieses Bild dann in seiner Gesamtheit beinhalten würde, doch sie hätten es nur verdient. „Lässt du nach mir schicken, wenn sie dir in die Hände fallen?“
   „Mein Wort. Sei versichert, dass sie nach dem nächsten Treffen aber auch euch nicht mehr gefährlich werden können… … ich muss korrigieren, nicht allzu gefährlich…“
   „Es wird ihnen reichen, aber andererseits wird es für uns ein Trost sein, ja. Was sehen deine Pläne mit Esmeralda vor?“
   „Man wird sehen… ich gedenke mich für die Aktion in Phœbus’ Bett zu revanchieren.“
   „Du oder dein kleiner Narr?“
   „Gerade du solltest wissen, es gibt mehr an mir zu lieben. Und ich kann mit allen meinen Waffen gut umgehen.“ Er schleckte ihr über die Nase.
   „Definitiv, Majestät.“ Sie küsste ihn intensiv auf den Mund. „Und wir verstehen es glücklicherweise so, dass wir auch mehr davon haben, als uns eigentlich zusteht.“
   „Pfff… Ah, apropos, wie hat sich denn unser Glöckner geschlagen?“
   Anette starrte ihn überrumpelt an, doch Clopin feixte nur. Sie schüttelte den Kopf. „Manchmal verblüfft mich immer noch, inwieweit es unmöglich scheint, in dieser Stadt etwas vor dir geheimzuhalten. … Aber du hast ja schließlich einiges dafür getan, hm?“
   „Habe ich das?“
   „Hmmm… ja, ich glaube schon. Weißt du, manchmal sehe ich immer noch den Zigeuner vor mir, der seine erste Nacht mit mir verbracht hat.“ Sie grinste verschmitzt.
   Clopin stupste ihr demonstrativ gegen die Nase. „Sei vorsichtig, was du jetzt sagst. Ich war scheu, nicht schüchtern… aber ich bin nach wie vor sehr dankbar für dich und diese Nacht, die mich zumindest verdrängen ließ, und ich möchte behaupten, dass es auch Jahre danach keiner von uns zu bereuen braucht. – Auch, wenn ich dich doch das ein oder andere Male mit einer Kollegin tausche.“, grinste er verschmitzt.
   „Solange ich mir Herrn Hauptmann vom Hals halte, hm? Aber ich schulde dir eine Antwort… für mein Empfinden würde ich sagen, recht gut. In seinem Falle kann ich es sagen, er war schüchtern, nervös… und leicht überfordert… … aber was will man erwarten, nach der Art, wie er aufwuchs und nachdem du ihm Esmeralda vor die Nase gesetzt hast – “
   „Er war sicher nicht der Einzige, der in jener Nacht ein Problem in seiner Hose hatte.“
   „Nein, aber er war einer derjenigen, die alleine damit fertigwerden mussten. Nicht jeder hat ein Straßenkätzchen, das sofort angeschnurrt kommt, wenn seine Majestät pfeift, weißt du?“
   „So? Warum tust du es dann?“
   „Warum, Monsieur?“ Sie umfasste sein Gesicht mit beiden Händen und blickte ihn mit ehrlichem Lächeln an. „Weil ich weiß, dass dein gesamtes Wesen es jede Sekunde wert ist. Egal, ob man nun Lust beschert, oder den Gefallen zurückerwiesen bekommt. Und wie wir alle wissen, bist du hier eine große Seltenheit, was die Momente nur umso besonderer macht. … Also, wie immer – stets zu Diensten, Eure Majestät.“
   „Nicht doch, Anette, ich werde ja ganz rot.“, scherzte er mit breitem Grinsen.
   Sie grinste. „Nun, ich denke, er hat sich im Rahmen seiner Möglichkeiten gut bewährt. Er war nervös, keine Frage, aber wer will es ihm verdenken?“ Sie warf ihm einen amüsierten Blick zu. „Und um die unausgesprochene Frage zu beantworten, die dir auf der Zunge brennt, nein, ist er nicht. Was diese Region angeht, hat ihn die Deformierung verschont.“
   „Glücklicher Quasimodo. Wurde man sehr emotional?“, fragte er unschuldig, während sein Grinsen noch breiter wurde.
   „Ziemlich, ja. Soll mir ja niemand nachsagen, ich würde mein Handwerk nicht verstehen. Schon gar nicht, bei Kerlen, die ihre Unschuld bei mir verlieren wollen.“
   Clopin räusperte sich betont.
   „Na na, nur nicht so bescheiden, Majestät. Ich möchte behaupten, ich habe meine Sache bei dir auch gut gemacht. Fast schon zu gut, möchte ich manchmal behaupten. Nicht, dass wir uns beschweren; schließlich tut es uns auch gut, sich ab und an mal fallen lassen zu können und nicht jede Handlung, jedes Wort erst auf die Goldwaage legen zu müssen. Wenn uns denn überhaupt erlaubt wird, zu sprechen. Und das weißt du gut genug, nicht wahr? … … Also, um auf das vorige zurückzukommen, er hat sich gut bewährt, und so wie er klang, war er auch mehr als zufrieden mit meiner Leistung.“
   „Du weißt aber auch, dass er wohl kaum in die Kategorie zahlende Kundschaft fällt, oder?“
   „Dafür habe ich doch dich.“ Anette grinste frech. „Ich wette, Esmeralda weiß es inzwischen auch, ich konnte beobachten, dass ein gewisser Hauptmann Quasi nur knapp verpasst hat. Dürfte wohl für einigen Gesprächsstoff sorgen, insbesondere, da ich ja Monsieur klargemacht habe, die Finger von mir zu lassen…“
   „Braves Mädchen. Soll er sich seine Gedanken machen, vielleicht kläre ich ihn ja irgendwann auf…“
   „Den anderen scheint er zu reichen, also musst du dir um mich keine Sorgen machen.“ Sie küsste ihn auskostend auf den Mund, ehe sie sich daran machte, ihr Arbeitsmaterial zu reinigen. „Ich höre keine überragenden Leistungen, aber auch keine kompletten Abstürze – “
   „Zu schade!“, flötete der Narr theatralisch.
   „Himmel, du lässt ihm wirklich kein gutes Haar, was?“ Sie grinste. „Er geht zumindest respektvoll mit uns um, aber was mich betrifft, ist es trotzdem kein Vergleich mit dir – mpf!“
   Clopin hatte ihr eine Hand um den Hals gelegt und sie zu sich umgedreht. „Und woher willst du das wissen, wenn er doch die Finger von dir lässt?“, fragte er scharf.
   „Studiere deinen Gegner.“, parierte sie kühl, das Rasiermesser an seinen Adamsapfel haltend.
   „Touché.“
   „Himmel, ich weiß ja, dass du eifersüchtig werden kannst, aber ich muss sagen, mir tut Esmeralda ja schon ein bisschen Leid, sobald du dann erst mal hast, was du willst!“
   Clopin lachte auf. „Du darfst es gerne mit ihr teilen, Schätzchen!“
   „Ich denke, was das betrifft, lassen wir ihr besser noch etwas Zeit. Sie hat genug zu verarbeiten, was dich betrifft, und ich rede jetzt nicht von deinen Narben und den Beichten, was du für sie geopfert hast…“ Noch in derselben Sekunde biss sie sich auf die Unterlippe, als sich wieder ein Schatten über Clopins Gesicht legte. „Verzeih, ich wollte nicht – “
   „Ich weiß, chérie…“ Er umfasste ihre Hände. „Und ich weiß, dass ich nach wie vor in allem auf dich zählen kann – nicht wahr?“, fügte er lauernd hinzu.
   „Mais ouis. A votre plaisier, Monsieur.“, hauchte sie mit der rauchigsten Stimme zurück, zu der sie fähig war.
   „Ein Glück, dass es in unser beiden Fälle wirklich ein Vergnügen ist, hm?“
   „Immer, Majestät.“ Sie küsste ihn sanft auf den Mund. „Ich wollte dich nicht auf die Sache ansprechen, ich – “
   „Ich weiß, ist schon gut – “
   „Nein, ist es nicht, und das weißt du.“
   „Es ist nicht deine Schuld. Und ich möchte nicht darüber reden. Du kannst mir zwar helfen, indem du anwesend bist, aber letztendlich ist es eine Sache, mit der ich selber klarkommen muss.“
   „Wirst du es in irgendeiner Art Esmeralda anvertrauen?“
   „Das werde ich. Irgendwie, irgendwann. … Ja. Ja, werde ich. Sie sollte es wissen.“
   „Und…“ Sie zögerte.
   Clopin malträtierte seine Unterlippe mit den Zähnen. „Entgegen meiner Behauptungen, ist er nicht dumm. Schätze, er weiß es längst… oder er ahnt etwas. Mal sehen, wie lange er wartet, ob er mich zuerst darauf anspricht… oder überhaupt…“
   Anette starrte ihn an. „Du wirst es ihm sagen?“
   „Ja. Werde ich. Wenn ich einen passenden Zeitpunkt habe… wie gesagt, ich habe an sich ein größeres Problem mit der Uniform als mit ihm als Mensch – grins nicht so, ich weigere mich aus guten Grund den Begriff Mann bei ihm zu verwenden – vorerst jedenfalls noch…“
   „Also doch ein menschliches Problem. – Du würdest auch Quasi als mehr Mann bezeichnen, oder?“
   „Würdest du, der du einen direkten Vergleich hast?“, fragte er mit spitzer Zunge zurück und lachte dreckig, als Anette kichernd rot anlief: „Wenn er noch etwas an der Technik und Ausdauer feilt… ja. Würde ich.“
   „Sehr glücklicher Quasimodo.“
   „Wenn seine Majestät das sagen.“ Sie nahm die Wasserschüssel auf. „Hm, jetzt haben wir ein Problem.“ Sie deutete auf die Zellentür und sah sich nach Marius oder Frederic um.
   „Wieso?“
   „Wieso? Bist du blind? Du weißt, dass ich ohne Schlüssel hier nicht rauskomme?“
   „Reden wir von diesem Schlüssel, Schätzchen?“
   „Wie hast du – und da fragst du dich, warum es Herrn Hauptmann schwerfällt, dir etwas Gutes abzugewinnen?“
   „Ich wasche meine Hände in Unschuld.“
   „Und seinen Geldbeutel gleich mit, oder wie?“
   „Ich sehe hier keinen Geldbeutel.“ Clopin hielt ihr frech feixend die Zellentür auf und wollte den Schlüssel gerade in seinem Kostüm verschwinden lassen, als Anette ihn diesen aus den Fingern zog. Mit gepresstem Grinsen lauschte er dem quietschenden Geräusch im Türschloss. „Dünnes Eis, chérie…“
   „Sei froh, dass du keine Eisen mehr trägst.“
   „Oh, von dir lasse ich mich gern an die Kette legen.“, raunte er mit funkelndem Blick zurück.
   „Wie war das mit dem gefesselten Löwen?“, fragte sie zwinkernd und schwebte mit wiegenden Hüften davon, während sie genau hörte, wie er hinter ihr knurrte. Sie konnte sich nicht verkneifen, noch einen draufzusetzen. „Wobei, lasse mich raten, du bevorzugtest eher eine gefesselte Löwin, oder?“ Kichernd hörte sie sein frustriert-gepeinigtes Aufstöhnen und ein Geräusch, das sehr danach klang, als habe er den Kopf gegen die Mauer geknallt.
   Clopin blinzelte die Sternchen vor seinen Augen weg. Himmel, wer von euch beiden ist denn die größere Hexe, Esmeralda oder du?! Dennoch musste er zugeben, dass das Bild einer gefesselten Löwin im Bett eines gewissen Bordell-Zimmers durchaus seinen Reiz hatte. Er versagte sich ein weiteres Aufstöhnen. Nicht nur zuletzt, weil etwas anderes seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Er spitzte die Ohren, ja, er wusste schon, warum er nach dieser Zelle verlangt hatte… „Sehr unvorsichtig, mein Freund… woher ich weiß, dass du dahinten sitzt? Nur du wärest geschickt genug, meine geheimen Markierungen zu finden… und naiv genug, ihnen zu folgen.“ Er klopfte zweimal hinter sich an die Wand.
   Kurz herrschte Stille. Dann –
   „Weitere Indizien?“
   „Ich habe zwei Ohren, Jehan du Frollo.“
   „Schön… weißt du auch, wie ich hier wieder herauskomme, ohne irgendein Körperteil zu verlieren?“
   „Auf demselben Weg, auf dem du hineingekommen bist. Herr Hauptmann würde sich ziemlich wundern, wenn ich plötzlich Besuch in meiner Zelle habe, der nicht durch eines der Portale kam, und über den ihn niemand informiert hat… nicht wahr?“
   „Lasse mich raten – “
   „Korrekt, ich könnte hier raus, wenn ich wollte.“, flötete Clopin amüsiert und angelte mit seinen langen Fingern durch das Gitter nach dem Schlüssel, den Anette im Schloss hatte stecken lassen, und den er tatsächlich jetzt erst bemerkt hatte. „Aber auf die paar Stunden kommt es jetzt auch nicht mehr an – apropos, wie spät ist es eigentlich?“
   „Später Mittag.“, kam es dumpf aus der Wand hinter ihm zurück. „Sie haben dich ziemlich überrumpelt, hm?“
   „Themawechsel!“, schnarrte der Zigeunerkönig sofort, während der Schlüssel in sein Kostüm wanderte.
   „Verzeihung… dies hier war damals dein Fluchtweg, oder? Du bist genau vor Claudes Nase entwischt…“
   „So könnte man es nennen.“, schmunzelte Clopin. „Und was machst du sonst dahinten, außer mir Löcher in den Rücken starren?“
   „Mich mit meiner wohl baldigen, neuen Position vertraut machen, Majestät. Oh, und ein Auge auf eine gewisse, tanzende Spanierin haben, die vor kurzem den Rückzug angetreten hat. Was sind die weiteren Pläne?“
   Ein strahlendes Lächeln zierte das Gesicht des Narren und er schmunzelte, als er die Nennung von Esmeraldas Person vernahm. „Sollte es dir möglich sein, sie zu finden, sorge dafür, dass sie sich vor der Kathedrale befindet, wenn ich diese… Mauern wieder verlassen kann. Weitere Pläne habe ich augenblicklich nicht, aber sei wohl versichert, dass sie nicht lange auf sich warten lassen werden. Ich werde mein Ziel schon erreichen…“
   „Ich habe nicht die geringsten Zweifel daran, mein Freund. Solltest du ansonsten keine Aufträge oder dergleichen für mich haben, empfehle ich mich.“
   „Du könntest Phœbus den Hals umdrehen.“, lächelte der Narr wölfisch und erntete ein leises Lachen: „Das machst du schön selbst, ich könnte ihn eventuell später noch brauchen.
   „Wie du meinst. Wo wir aber dabei sind, warte kurz. Ehrlich gesagt, weiß ich nämlich nicht, ob der Mechanismus auch von dieser Seite aus funktioniert…“ Er studierte die Steine sehr genau, während seine Hände darüber tasteten.
   „Ich habe hier einen, der sitzt irgendwie etwas schief…“
   „Wo?“, fragte Clopin und folgte mit dem Blick dem akustischen Signal, ehe er spürte, wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Er drehte sich um und grinste Marius nur frech an, ehe er sich wieder der Wand widmete. „Meinst du den da?“ Er klopfte energisch gegen einen Stein, der eine merkwürdige Markierung aufwies, und drückte, ohne Jehans Antwort abzuwarten. Mit einem leise malmenden Geräusch tat sich ein Durchgang auf, groß genug, dass der Narr hätte hindurchkriechen können. Amüsiert blickte er in Jehans überraschtes Gesicht.
   „Ja, ich meinte den da.“, murmelte dieser.
   „Schön. Dann sollten wir doch besser probieren, ob’s auch wieder zugeht.“
   Jehan warf dem Soldaten einen flüchtigen Blick zu, nickte dann aber.
   Marius beobachtete die beiden dabei, wie sie den Durchgang ein paar Mal öffneten und schlossen. „Ich unterbreche dies Spielchen ja nur ungern, Majestät, aber ich glaube, ihr beide habt Wichtigeres zu tun. Zudem habe ich hier etwas, das dich interessieren könnte. Apropos, wo ist der Schlüssel?“
   „Schlüssel, welcher Schlüssel?“ Clopin runzelte die Stirn und krabbelte zur Zellentür. „Ich nix wissen von irgendwelchen Schlüsseln.“ Er feixte Marius unschuldig an.
   „Schon kapiert.“ Marius blätterte in seinen Pergamenten. „Na, wo war es denn jetzt – ah, da.“ Er reichte dem Narren ein Blatt durch die Gitter. „Ganz unten.“
   Doch Clopin war sein Nachname in Frollos Schrift schon ins Auge gesprungen. Mit mulmigem Gefühl glitt sein Blick über die weiteren Zeilen. Sohn geflohen… zu gute Gegendarstellung… Entlassung gegen Zahlung des Vaters; Mutter verletzt; Tochter unter Schock … Nach Entlassung der Stadt verwiesen… Clopin noch auf freiem Fuß… Er schnaubte. „Noch auf freiem Fuß, ja natürlich, was denn sonst?!“
   Jehan blickte ihm über die Schulter. „Zumindest weißt du jetzt wirklich, dass er nicht gelogen hat.“
   Clopins Finger krallten sich um das Pergament. „Das kümmert mich gerade weniger als die Tatsache, dass er sie an dem Tag der Stadt verwiesen hat, als ich im Versteck untergekommen bin. Sie hatten also Grund, ihm zu glauben, dass ich nicht mehr lebe…“
   „Nun, von uns hatte dich ja auch keiner gefunden. Ich… dachte, du solltest es wissen.“, murmelte der Soldat unsicher.
   „Du hattest mich gefunden, Marius.“ Clopin blickte ihm direkt in die Augen. „Und du hast mich nicht nur laufen lassen, du hast mir auch die Flucht vor einem anderen Trupp ermöglicht. Wie sonst hätte ich dir mit der Zeit nicht vertrauen können…“
   „Wie man sieht, war es eine gute Entscheidung.“
   „Und dennoch frage ich mich immer noch nach all den Jahren, warum…“
   Der Soldat zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht, ich hatte schon immer ein Problem damit, Leute wegen solcher Lappalien wie Rasse und Farbe als weniger zu betrachten. Ich meine, wer bestimmt das? Da kann ich auch warten, bis man mir einen triftigeren Grund gibt, um jemanden niederzuknüppeln. Und selbst dann kann man es notfalls noch wenden…“
   „Ich hatte wohl einen sehr reumütigen Schutzengel in jener Nacht. Wollen wir doch künftig sehen, ob sich diese Freundschaft noch immer bewährt, sobald du einen neuen Vorgesetzten hast.“ Er warf Jehan einen funkelnden Blick zu, welcher stumm lachte, dass seine Locken auf und ab hüpften.
   „Nach wie vor bin auch ich dankbar, dass du dich auf dieses Wagnis eingelassen hast. Frederic und ich werden weiterhin unser Bestes tun, auf zwei Seiten zu spielen. Sobald du erst mal dein Kätzchen wieder erobert hast, haben wir ohnehin etwas weniger zu tun… oder auch mehr, je nachdem…“ Marius lächelte, salutierte flüchtig und lief davon.
   „Sollte er nicht den Schlüssel mitnehmen?“, runzelte Jean die Stirn.
   „Schon möglich, doch weiß ich nicht, von welchem Schlüssel du sprichst…“, lächelte Clopin, ehe er mit unergründlichem Blick an die Decke starrte.
   „Fuchs durch und durch… nun, ich bin dann mal weg – ah, bevor ich es vergesse, dein Auftrag von Monsieur Mélèze ist fertig.“
   „Was, schon?“ Der Narr war sichtlich verblüfft.
   „Wir haben zusammengeholfen. – Weißt du eigentlich, was für ein Glück wir hatten, dass Frollo den Hof nur gesäubert, und nicht zerstört hat?“
   „Verdammt großes, auch, wenn ich nicht gerne gestehe, dass ich ihm dankbar dafür bin. Ich meine, er hätte auch den Eingang blockieren können, nachdem er uns draußen hatte, oder?“
   „Nun, du wirst dich auf deine Art rächen, hm?“
   Clopin lachte leise. „Tue ich das nicht schon, in dem ich dich an seine Stelle setze?“
   „Oh, allerdings, sein Gesicht wäre sehenswert… und wie immer werde ich Euch nicht enttäuschen, Majestät, wenn es so weit ist. Ich empfehle mich also, jetzt aber endgültig.“
    Clopin lauschte dem minimalen Geräusch der Schritte, welches durch die Wand drang. Er war zwar dankbar, um das Wissen, dass er sich nun wirklich sicher sein konnte, dass Frollo nicht persönlich für das Ableben seiner Eltern verantwortlich war, – nicht, dass er ihn deswegen weniger hasste –, doch andererseits – wer sagte, dass sie nun immer noch lebten? Diese Schattenseite würde er nicht so schnell mit Licht füllen können; er würde abwarten müssen, ob ihn entweder eine Nachricht ereilte oder eins der hoffentlich immer noch drei verbliebenen Mitglieder denn plötzlich vor ihm stand. Er würde sicher nicht den ersten Schritt machen…
   Seine Finger spielten mit dem Schlüssel, während er mit gemischten Gefühlen die Eisen betrachtete, die sich zuvor noch um seine Handgelenke befunden hatten. Er musste sich eingestehen, dass Anette Recht hatte: Solange er Gewissheit hatte, der Kette zu entkommen und der anderen Person vertraute, stellte es für ihn kein Problem dar. Sein Kopf malte ihm ein deutliches Bild von Esmeralda und Anette auf ein gewisses Bett gefesselt und vorfreudig zitternd, was er mit ihnen anstellen würde…
   „Irgendwann, mein Lieber…“, murmelte er gepresst, als sein kleiner Narr auf seine Art Zustimmung zollte. Er musste jedoch auch erkennen, dass er aus diesem Irgendwann lieber sehr schnell ein Bald machen sollte. Frustriert starrte er an die Decke; er wusste, dass sie ihm den Kopf verdreht hatte, doch so sehr?
   Natürlich, was dachtest du denn, Narr! fuhr er sich innerlich an. War ja zu erwarten, dass sie – he, Moment mal… Er stutzte mit gerunzelter Stirn. Clopie?
   Angespannt sah er sich in der Zelle um und versuchte sich zu erinnern, wann er sein kleines Ebenbild zuletzt gesehen hatte. Er war sich sicher, es noch gehabt zu haben, als er das Versteck verlassen hatte – er nickte, doch, hatte er, da war es noch da gewesen. Fahrig wanderte sein Blick erneut durch die Zelle, während seine Finger das Stroh durchwühlten. Nichts. Verdammt, wo zum Teufel – nein… Er fühlte, wie ihm unter der Maske der kalte Schweiß ausbrach. Oh Himmel, nein, bitte nicht…! Langsam schob er die zitternden Finger in sein Kostüm, doch er brauchte nur Sekunden, um seine grauenvolle Ahnung zu bestätigen, die sich in einem lauten Schrei aus seiner plötzlich wunden Kehle kämpfte.
   Nein. Nein, nein, nein – NEIN!!!
   Er fühlte, wie es ihm den Hals zuschnürte, als er auf den Eingang des Zellentraktes starrte. Er betete, dass sie die Puppe nicht mitgenommen hatten, als sie das Gebäude verließen; er wollte gar nicht daran denken, was sie gerade mit ihr anstellten, und in welchem Zustand oder zu welchen Bedingungen er sie wiederkriegen sollte – wenn denn überhaupt. Mit einem weiteren erstickten Aufschrei, krallte er die Hände um seinen Kopf und versuchte, der Erinnerung zu entfliehen, die unweigerlich in ihm erwacht war; er durfte nicht zulassen, dass es ihn wieder in diesen Alptraum zurückschleuderte, und doch gestand er sich ein, dass er bereit war, den beiden zu kapitulieren, solange er das Püppchen nur in einem Stück wiederbekam.
   Er hätte es schneller merken müssen, immerhin hatten die beiden genug Zeit gehabt, wenn sie ihm das Kostüm hatten öffnen können, ohne dass er etwas mitbekommen hatte. Offenbar war die Grippe heftiger gewesen, als er gedacht hatte. Er schloss die Augen und konzentrierte sich. Es brachte ihm nichts, jetzt einen Anfall zu bekommen. Er wusste, dass die Puppe weg war, dass er sie wiederhaben wollte und er ahnte genau, wer sie hatte. Alles andere waren augenblicklich Nebensächlichkeiten.
   Als er die Augen wieder öffnete, war er ruhig. Sein innerer Löwe und Drache waren erwacht. Und sie waren blutdurstig… Clopin lächelte böse, die beiden sollten sich besser in Acht nehmen, er hatte ihnen eine Todesart zugedacht und er würde es sich nicht nehmen lassen, Gericht zu halten. Seine inneren Tiere konnten warten, bis er ihnen die beiden zum Fraß vorwerfen würde. Und das würde er, noch einmal würde er sich nicht abkanzeln lassen; er würde das Püppchen zurückbekommen, sie hatten ihn zum letzten Mal übertölpelt. Und sollte der schlimmste Fall eintreten, dass er nur noch ein paar Stofffetzen bekam, so würde er dafür Sorge tragen, dass ein würdiger Nachfolger in Clopies nicht vorhandene Fußstapfen trat.
   Eine flüchtige Bewegung ließ ihn den Kopf drehen. „Ich glaube, dass es augenblicklich nicht klug ist, meine Gesellschaft zu suchen, Hauptmann.“
   „Ich kann dir gerne etwas zum Zerfetzen bringen…“
   „Danke, ich habe mein Ziel bereits vor Augen, und es seid nicht Ihr – ja, ja, ich weiß, ich dürfte ja auch gar nicht!“, schob er patzig hinterher, als Phœbus eine Braue hob, der auf der anderen Seite des Gangs an der Wand lehnte.
   „Das meinte ich nicht – was hast du mit ihnen vor?“
   Clopin lächelte unheilverkündend. „Glaubt mir, Hauptmann, es ist besser… wenn Ihr diesen Gedanken ganz schnell wieder vergesst… so viel… … wenn ich jemanden aufhänge, bin ich gnädig… … und das werde ich bei den beiden Herren ganz sicher nicht sein… Ihr dürft gerne beiwohnen, wenn es so weit ist, aber sagt dann nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt… und vielleicht solltet Ihr vorher nichts gegessen haben, doch darauf habe ich keinen Einfluss…“ Er sah an dem Gesichtsausdruck von Phœbus, das jener wohl krampfhaft versuchte, allerlei Möglichkeiten, sich jemandem zu entledigen, aus seinem Kopf zu bannen, ehe er kalten Blickes durch die Maske den Gang hinunterblickte. „Und Ihr werdet mich auch nicht fragen, warum… Das ist eine Sache, die nur uns drei betrifft…“
   „Es sind ja nur noch zwei von vier, hm…?“ Der Hauptmann betrachtete ihn lange und gründlich. „Vielleicht solltest du mich aber zerfetzen. In gewisser Weise. Ganz so sah meine Vorstellung ihr gegenüber, dass du ohne Blessuren hier wieder verschwindest, nämlich nicht aus…“
   „Es hätte schlimmer kommen können.“ Clopin legte den Kopf schief und musterte ihn grimmig. „Ich komme jedoch gerne darauf zurück. Dennoch interessiert mich mein eigenes Seelenheil gerade nicht wirklich, ich habe andere Sorgen. Aber ich schätze, dass das für Euch nicht relevant ist.“
   „Ach was?“ Phœbus grinste flüchtig und löste seine hinter dem Rücken verschränkten Arme. „Dann brauchst du das hier ja nicht, oder etwa doch?“
   Der Narr war schneller auf den Beinen, als Phœbus kucken konnte. „Wo war er?!“
   Der Soldat zögerte; er hatte den aufkeimenden Schluchzer wohl vernommen.
   „Hauptmann…?!?“
   „Sie haben… Galgenmännchen damit gespielt.“
   Clopin schloss für einen Moment gepeinigt die Augen. „Schön, man soll Gleiches mit Gleichem vergelten, heißt es doch, mir sollte besser niemand in die Quere kommen, wenn ich die beiden erwische… ist ja nicht so, als hätte ich sonst keine Rechnungen zu begleichen.“
   „Du zahlst deine Rechnungen aber immerhin.“, ließ sich Anettes Stimme vom Ende des Ganges vernehmen, ehe sie mit Marius neben den Hauptmann trat.
   „Auf jegliche Art, Kätzchen.“
   „Ich bin nicht hier und ich weiß von nichts.“ Phœbus blickte auf das Fläschchen in Anettes Hand. „Ich sehe, darum, dass es behandelt wird, muss ich mich nicht kümmern.“
   Sie hob eine Braue. „Ihr ohnehin nicht Hauptmann, denn Euch wird er nicht so nah an sich heranlassen.“
   Clopin würgte. „Danke, ich habe augenblicklich genug von Soldaten – “
   „Tse!“ Marius blickte so hochnäsig an die Decke, dass der Narr Mühe hatte, nicht zu lachen, welcher sich eilig verbesserte und anfügte „Wohlgemerkt, von Soldaten, die einige spezielle Probleme mit mir haben.“
   Anette grinste. „Mir egal, wer hier mit wem warum ein Problem hat, ich sollte das da dringend behandeln…“
   Phœbus verdrehte grinsend die Augen und nickte Marius zu. „Nun mach schon auf.“
   „Das würde ich gern, commandante.“, entgegnete dieser, während Clopin und Anette sich zuzwinkerten. „Wenn ich den Schlüssel hätte.“
   „Bitte? Aber du hattest ihn doch zuletzt, bevor du ihr aufgeschlossen hast?!“ Er blickte zu Anette, die den Kopf schüttelte: „Ich weiß nicht, wo er ist, ich habe ihn nicht.“
   Marius runzelte die Stirn. „Moment, hatten wir ihn nicht dir ausgehändigt? Wieso hast du ihn dann nicht? In die Zelle gekommen bist du ja.“
   „Ich hatte ihn ja auch…“ Anette klopfte ihre Kleider ab.
   Phœbus verengte die Augen und blickte zu Clopin, der sich inzwischen in einen Schneidersitz hatte fallen lassen, das spitze Kinn auf die verschränkten Hände gelegt und sich die Szene vor der Zelle betrachtete, als sei sie ein mäßig interessantes Theaterstück. Und Phœbus hatte das ungute Gefühl, dass es genau das für ihn war. „Gib schon.“, brummte er.
   „Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht, Hauptmann.“, grinste Clopin, zwischen seinen langen Fingern den Schlüssel drehend.
   „Natürlich nicht – Sekunde! … Wenn du den Schlüssel hattest – wie konnten überhaupt die beiden dann in deine Zelle kommen?“
   „Erstens habe ich den Schlüssel erst, seit ein gewisses Kätzchen hier herumschleicht, und zweitens weiß ich es nicht, ich habe die Herren definitiv nicht eingeladen, ich habe geschlafen.“
   „Aber die Schlüssel am Brett waren und sind immer noch vollständig?! Ich kann zählen, ich bin doch kein Idiot –“
   „Sicher?“ Clopin biss sich auf seine Zunge und schielte vorsichtig nach oben. Anette wandte sich ab, eine Hand auf dem Mund, die andere auf ihrem bebenden Bauch.
   Phœbus versetzte ihm nur einen scharfen Blick und sah dann fordernd zu Marius. „Ich höre?“
   Dieser knirschte mit den Zähnen. „Ich vermute, sie haben den Ersatzschlüssel genommen. Wenn der am Brett hängt, gibt es keine Lücke, die Euch auffallen müsste, wenn er den ersten Schlüssel hat.“ Er nickte zu Clopin in die Zelle.
   „Ich sagte es doch, Strohdach.“, zwinkerte Clopin Anette zu, die langsam rot anlief.
   „Noch ein solche Bemerkung, Clopin, und ich gehe nächstes Mal nicht dazwischen, sondern lasse sie machen.“
   „Das würdet Ihr nicht?!“, kreischte der Narr auf, das Gesicht vor Panik verzerrt.
   „Das liegt allein an dir. Also, haben wir uns verstanden?!“
  Clopin nickte fahrig, während er auf seine Schuhe starrte.
   Phœbus rieb sich den Nacken. „Schön… den Rest überlasse ich Euch.“ Er blickte auf den Zigeuner hinunter. „Ich hoffe, das nächste Zusammentreffen von Euch dreien läuft glimpflicher ab – “
   „Ihr dürft gern die Leichen entsorgen, wenn ich mich denn beherrsche, so viel von ihnen übrig zu lassen.“
   „Keine weiteren Informationen, bitte; wie du vorhin sagtest, je weniger ich weiß, desto besser… diese ganze Szene hätte gar nicht erst passieren dürfen und es tut mir leid. Ich weiß auch, dass du mein Mitleid wahrscheinlich nicht willst, aber niemand zwingt dich, es anzunehmen, nicht wahr? Ich bin auch nicht sicher, ob es Mitleid ist – “
   „Was sollte es sonst sein?“
   „Langsam, langsam aufkeimende Bewunderung und Respekt?“, fragte Phœbus mit müdem Lächeln.
   Clopin schwieg überrascht. Das war eine Antwort, mit der er nicht gerechnet hatte.
   „Nun gut, seht mir zu, dass ihr das da behandelt bekommt. Ich bin dann mal wieder weg.“
   „Einen Moment, Hauptmann, haben wir nicht etwas vergessen?!“, fragte Clopin schneidend.
   Der Blondschopf war schon fast außer Sicht und beherrschte sich, nicht zu grinsen. „Nein?“
   „Oh doch, ich glaube schon! Ihr kriegt Euren dämlichen Schlüssel, aber erst, wenn Ihr mir die Puppe aushändigt!!“ Mit rauschendem Blut in seinem Kopf starrte er nach unten, dann –
   „Nein.“
   Clopin schnappte nach Luft, doch der Soldat ließ ihn gar nicht erst loslegen: „Du kriegst ihn wieder, bevor du diese Mauern verlässt, mein Wort darauf – “
   „Weil ich ja eben so genau sehen konnte, was Euer Wort wert ist! Darf ich erinnern, wir trauen keinen Soldaten!“
   „Eben darum, Majestät. Ich habe einen Fehler gemacht. Wenn ich aber nun sage, dass du ihn wiederbekommst, und dann auch dieser Fall eintritt, habe ich dann nicht Wiedergutmachung geleistet? Gezeigt, dass du mir an sich vertrauen kannst?“
   Der Narr malträtierte seine Zunge mit den Zähnen und atmete einmal tief ein und aus. „Ich gehe das Risiko ein. Wenn Ihr Euer Wort nicht haltet, oder ihm auch nur ein Haar fehlt, seid Ihr fällig, ich weiß, wo Ihr wohnt!!“
   „Ach, doch schon?“, spielte der Hauptmann den Überraschten. „Ich wusste, du würdest nicht lange brauchen. Ich komme gegen Abend nochmal wieder, und ich verspreche, Majestät, ich werde ihn hüten wie meinen Augapfel…“
   „Was darf ich tun, solltet Ihr versagen?“
   „Du darfst mir den Bart abrasieren. Komplett.“
   Clopin lachte schallend auf. „Oben oder unten?“
   „Beides.“
   Marius und Anette pressten sich die Hand auf den Mund, um nicht zu lachen. Clopin jedoch feixte von einem Ohr zum anderen. „Topp!!“


Frederic, der die Unterhaltung mitbekommen hatte, runzelte die Stirn. „Das wäre zwar ein interessanter Punkt für dich, Clopin, aber bist du sicher, dass du das sehen willst?“
   „Wenn seine Größe auf seine Leistung schließen lassen kann, mache ich mir keine Sorgen. Und so genau muss ich ja nicht kucken…“
   Anette verdrehte feixend die Augen zur Decke. „Du weißt, er sagte abrasieren, und nicht abfackeln…“
   „Hmmmm…“ Clopin tippte sich mit dem Finger gegen das Kinn.
   Frederic schüttelte lachend den Kopf. „Und du wirfst Frollo vor, er wäre ein Sadist?!“
   „Wie schon gesagt, ich habe Essy nur versprochen, ihn nicht umzubringen. Es war nie die Rede davon, ihn nicht zu verletzen – “
   „Oder zeugungsunfähig zu machen.“
   „Wäre auch eine Möglichkeit, Anette, vielen Dank, die Liste wird merklich länger…“, schnurrte er samtig.
   „Scherz beiseite, meine Lieben. Irgendeiner von Euch lässt mich jetzt da rein, auf dass ich das lädierte Füchslein verarzten kann, ehe ich verschwinde.“
   Clopin maulte leise vor sich hin.
   „Wenn das mit dem Abfackeln dein Ernst war, solltest du danach sehr schnell aus seiner Reichweite verschwinden.“, grinste Frederic.
   „Ich sehe da kein Problem. Mein Vorteil, dass er dann verglichen mit mir, nicht auf einem Pferderücken Platz nehmen wird. Also bin ich schneller.“
   „Weil Achilles ja so brav ist – “
   „Wer redet denn von Achilles? Ich habe da ganz andere Pläne…“
   Frederic runzelte die Stirn, machte dann leise „Ooooh!“ und schlenderte laut pfeifend davon.
   Marius schmunzelte. „Mal von dem ganzen Wirbel abgesehen, willst du eventuell mal was essen, oder so? Ich meine ja nur… wenn du es verträgst, natürlich.“, hängte er an.
   „Das werden wir sehen, oder?“, fragte Clopin, Anette den Schlüssel reichend.
   Zehn Minuten später stand Frederic mit einem Korb in der Zellentür und sah der Hure zu, wie sie vorsichtig die Kordel des Kostüms wieder zuknotete. „So. Wenn du so weitermachst, gibt es bald keine Stelle mehr auf deinem Körper, die unversehrt ist. Aber abgesehen davon solltest du die nächsten Tage wieder fit sein…“
   „Ich versuche mein Bestes…“, murmelte Clopin unwohl.
   „Wir sind ja zum Glück für einen Gefangenen nicht anspruchsvoll, was?“, lachte Marius.
   „Ich bin ja auch kein gewöhnlicher Gefangener, oder etwa doch?“
   „Ansichtssache.“
   „Pah!“ Anette hielt einem grinsenden Clopin die Ohren zu und blickte Marius strafend an. „Sei nett zu ihm, verdammt – oh, nicht so!“, schob sie nach, als Clopin sie pikiert anschielte.
   Marius lachte. „Oh, ich glaube, da muss er sich keinerlei Sorgen machen.“
   „Das hoffe ich doch, sonst wäre ich ziemlich sauer mit dir, wenn du mein Vertrauen nach all den Jahren missbrauchst…“, schnaubte Clopin, einen Apfel aus dem Korb fischend, in dem er zudem noch eine große Pergamentrolle, Tintenfass und Feder fand. „Wobei du wohl eine akzeptable Alternative wärest…“
   Zwei Stunden später, als Anette gegangen war, saß Clopin grübelnd auf der Strohmatte, die Feder hinterm Ohr, das Pergament um sich herum ausgebreitet.
   „Keine Einfälle mehr?“, fragte Marius, welcher vor der Zelle stand.
   „Ich weiß, für Euereins fällt das nicht wirklich unter Arbeit…“ Er zählte an den Fingern und schüttelte den Kopf. „Auch zu lang…“
   „Nun, die Arbeit scheint aber ergiebig zu sein, in manchem Fall… Bevor ich es vergesse, ich hörte von Frederic, dass das Volk einen gewissen Blondschopf bereits etwas gerüffelt hat…“
   Clopin schmunzelte, auf dem Pergament herum kritzelnd. „Mir wäre lieber, Esmeralda würde ihn rüffeln… aber vielleicht tut sie das ja noch…“
   „Ich schätze, sie tut es die ganze Zeit. Auf ihre Art…“
   Der Narr lachte, während Marius eins der Blätter durch die Gitterstäbe fischte. „Das klingt gut. Hast du auch eine Vorstellung, wie es klingen soll?“
   „Gesangstechnisch, ja. Mit musikalischer Untermalung wird man sehen… warum?“
   Der Soldat schnippte ihm grinsend eine Münze durch die Gitter.
   Clopin seufzte und bedachte ihn mit spöttischem Grinsen.

„An einem herrlich Sommertag
trug ich einen noblen Rock,
einen Ring und eine Uhr –
doch hatt’ ich’s entliehen nur…

Allein du sahst dieses schöne Pferd:
Schnell und stark, von hohem Wert.
Sein Besitzer ein reicher Mann,
warst ihm eilends zugetan…

Verflucht sei all das Gold!
Ungerechte Welt!
Was wird nun mit mir?
Ich will nur zu dirir!


Sieht man mich danebenstehen,
wirke ich so gar nicht schön:
Altes Schuhwerk und wirres Haar.
Ich bin arm, wie es immer war.

Verflucht sei all das Gold!!
Ungerechte Welt!!
Was wird nun mit mir?
Ich will nur zu dir!!


Hier stehe ich als ein
verschmähter Kavalier!
Übles ich ersann:
Ich wollt’ nur zu dir…!

Den Krösus fand man bald darauf.
Schwer verletzt, die Taschen auf.
Das Pferd gestohlen, mich nahm man fest,
des Richters Hammer fiel, ich kam in Arrest.

Der Kerker steht in Flammen.
Die Wachen alle tot.
Blutig das Rapier…

Verflucht sei all das Gold!!!
Ungerechte Welt!!!
Was wird nun mit mir?
Ich will nur zu dir!!!“


Erhitzt starrte er gegen die Decke seiner Zelle. Er wusste, dass er selbst schuld war, dass er nun hier saß, aber solange er die Gewissheit hatte, dass er lebend wieder herauskam, sollte es ihn wenig kümmern.
   Marius nickte. „Das klingt in der Tat schon mal gut.“
   „Wenn du es sagst.“ Er wiegte mit dem Kopf. „Irgendwie kann ich immer noch nicht glauben, dass es schiefgelaufen sein soll…“
   „Abwarten, hm? Einen kleinen Triumph hattest du doch schon.“
   „Hä? Oh…“ Clopin grinste, als ihm einfiel, worauf Marius anspielte.
   „Hast du vor, sie zu entführen?“
   „Fötus wird wohl eine Nacht ohne sie überleben. Die Tatsache, dass sie es mir in seinem Bett besorgt hat, war zwar ein netter Pluspunkt, doch was ihre Intimsphäre angeht, würde ich vorläufig etwas Anderes bevorzugen…“
   „Glaubst du denn, dass sie dich schon so weit lässt?“
   „Ich denke doch, schließlich behaupte ich zuweilen, ein Mann mit Ehre zu sein.“, entgegnete Clopin ernst, einen Schluck aus der Weinflasche nehmend, die sich auch im Korb befunden hatte. Kurz glitt sein Blick aus dem Fenster, ehe er sich wieder murmelnd dem Pergament zuwandte. „Solch eine Blume muss sanft gepflückt werden…“
   „Ja, wer küsst nicht gern eine Rosenblüte…“
   Die zwei sahen sich eine Sekunde lang an und brachen dann in Gelächter aus.
   „Gott, ich stelle mir gerade Frollos Gesicht vor, würde er noch leben!“
   „Lieber nicht. Ist das übrigens dein Ernst, dass du Jehan an seine Stelle setzen willst?“
   „Wen sonst, mein lieber Marius? Wen sonst? Ich sehe da große Möglichkeiten, sobald man sich mit Fötus arrangiert hat…“
   „Im Endeffekt hältst du ohnehin alle Fäden in der Hand, und noch mehr, als ich es ahne. Bevor ich es vergesse, ich habe das vorhin richtig verstanden?“
   „Was?“
   „Snowball.“
   „Aaah…“, machte Clopin wissend und schielte ihn unschuldig von unten her an, das Kinn in eine Hand gestützt. „Sei ehrlich, du hast es doch die ganze Zeit geahnt, oder? Warum habe ich dich wohl angehalten, sie wieder einzufangen? Und nenne mir Gründe, warum nicht? Sie mag mich und Euch stört sie aktuell dahinten nur. Ein Maul weniger…“
   „Und wo willst du – “
   „Ich habe bereits alles geregelt, Marius. Du kennst mich, wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann bekomme ich es auch. Sie hat einen Platz und Futter. Alles, was sie ansonsten braucht, sind neue Hufeisen, und ich schätze, da wird sich Monsieur Lacroix erneut einmal mehr als hilfreich und verschwiegen erweisen… und ein neuer Name, aber da grübele ich noch – nein, ich werde sie nicht Esmeralda II nennen!“, schob er hinterher, als Marius eine Braue hob.
   „Ich stelle mir gerade vor, wie du mit Esmeralda im Heu herum kugelst und Snowball euch dabei beobachtet und bloß schnaubend mit den Augen rollt… Raus aus meinem Fressen!“
   „Tja, sie ist eben speziell – ich hörte, dass sie einem gewissen Griechen des Öfteren eins auf die Nase gibt?“ Er zwinkerte.
   „Achilles?“ Marius lachte. „Ja, er versucht es zuweilen. Mal sehen, wann er aufgibt.“
   „Wenn sie ihm an den Hals geht, wahrscheinlich…“ Er brach ab und blickte mit gerunzelter Stirn zu dem Soldaten auf. Dieser grinste. „Solange deine andere, rassige Stute es ebenso hält, ist es doch kein Problem für dich?“
   „Ja, man kann die beiden wirklich zu gut vergleichen, schätze, Herr Hauptmann hatte vorhin ähnliche Gedankengänge. Nun, man wird sehen. – Bewusstlos schlagen dürfte ich ihn…“
   „Du greifst dir schon wirklich jeden Vorteil, hm?“
   „Habe ich eine andere Wahl?“ Clopin legte mit zuckersüßem Lächeln den Kopf schief. „Ich bin ein Narr. Ich setze nur auf mein Wissen bezüglich ihrer Person und meine zahlreichen Talente – wovon ich, ihren Lebensstil betreffend, gottlob mehr habe als dieser Blondschopf…“


„Soweit der Plan.“ Phœbus nippte an dem Becher und beobachtete das Farbenspiel des Sonnenuntergangs. „Ich denke, das ist ein Arrangement, mit dem er besser umgehen kann.“
   „Ja, mit großer Wahrscheinlichkeit.“
   „Gut, dann weißt du Bescheid.“ Er drehte sich um. „Wie sieht es aus?“
   „Fast wie neu.“ Esmeralda zupfte etwas an der Gugel des Mini-Ichs ihres Verehrers herum, während sie sich schwer konzentrierte, keine dreckigen Gedanken zu bekommen, wenn sie überlegte, wo im übertragenen Sinne ihre zweite Hand gerade steckte.
   „Ich will nicht wissen, was du gerade denkst.“, feixte Phœbus.
   Die Spanierin ließ den Kopf in den Nacken fallen und knurrte frustriert. „So offensichtlich?“
   „Ich habe dich noch nie so grinsen sehen… und du hast dir die Lippen geleckt.“
   „Habe – habe ich nicht?!“
   „Oh doch…“
   „ARGH!“ Sie legte Clopie vor sich auf den Tisch und stiefelte um selbigen herum. „Ich sollte mir wirklich etwas überlegen, die Sache zu beschleunigen, oder du verrätst mich am Ende!“
   „Oder Majestät entführt dich kurzerhand.“
   „Würde ich ihm zutrauen – “ Esmeralda stutzte und starrte ihn an. „Du findest das wohl mittlerweile lustig?! Darf ich dich erinnern, dass du aus seiner Sicht ebenso ein schwarzes Schaf bist wie ich?“
   „Ich versuche nur, das Beste daraus zu machen. Wie du eben sagtest, immerhin bin ich schuld an der ganzen Sache.“, erwiderte er ernst. „Ich habe begriffen, dass ich keine Chance gegen ihn habe, warum sich einer Illusion hingeben? Er hat Frollo seinen Nacken preisgegeben, um dich zu retten… Ich weiß nicht, was es ist, aber er weiß mehr über dich als du selbst. Die Tatsache, dass Djali ihm vertraut, ist ein verdammt großes Indiz.“
   „Glaube mir, ich würde gerne wissen, was er weiß.“ Sie nickte zu dem Bock, welcher einen Teller Apfelstückchen vor sich, neben der Tür saß.
   „Tja, er kann aber leider nicht sprechen.“
   Esmeralda kräuselte die Lippen. „Nicht direkt.“ Sie lief ins Schlafzimmer und er hörte sie in ihren Sachen kramen, ehe sie wiederkam, ein klapperndes Säckchen in den Händen.
   Djali hob sofort den Kopf und blickte sie aufmerksam an.
   „Na schön, Junge.“ Die Zigeunerin kippte den Inhalt auf dem Boden aus. „Ich hätte das schon früher versuchen sollen…“
   Phœbus trat mit gerunzelter Stirn näher und erkannte, dass es kleine Holzplättchen waren, mit aufgemalten Buchstaben. „Er kann Wörter legen?“, fragte er fasziniert.
   „Ja, und wir werden gleich sehen, ob er wirklich mehr weiß als ich. Ob ich mit seiner Botschaft dann auch etwas anfangen kann, ist eine ganz andere Frage.“ Sie wühlte mit der Hand durch die Plättchen, bis sie Clopins Namen beisammen hatte und legte diesen bestimmt vor Djalis Schnauze. Dieser warf ihr nur einen herausfordernden Blick zu und studierte die restliche Auswahl.
   „Ich wette, in seinem Kopf kam jetzt wirklich so etwas wie – hättest auch mal früher draufkommen können… so ungefähr hat er dich jedenfalls gerade angeglotzt…“, murmelte der Soldat unsicher.
   „Wir werden sehen.“ Sie trat mit ihm ans Fenster, während sie beobachtete, wie der Bock eifrig Plättchen hin und her schob. „Clopin hält große Stücke auf ihn, irgendetwas muss da also sein.“
   „Und Djali vertraut ihm blind…“
   Esmeralda nickte ernst. „Ja, auch wenn ich nicht weiß, warum…“ Sie blickte auf das Fläschchen, welches zwischen ihnen auf dem Fensterbrett stand. „Du wirst gehen, sobald er fertig ist? Was auch immer er mir vorlegen wird…“
   „Ja, ich bin ja morgen nicht hier und es sollte nicht aufgeschoben werden. Bleibt die Frage, ob Clopin es annimmt.“
   „Ich denke schon. Er fürchtet den Soldaten in dir, nicht den Menschen.“
   „So etwas haben Marius und Frederic heute auch gesagt…“
   „MAAH!“
   Phœbus blinzelte. „Ich bin milde beeindruckt, dass er – AU!“
   Djali war ihm so heftig gegen den Bauch gesprungen, dass er rückwärts gegen das Fensterbrett geknallt war.
   „Süßer, kleiner Bock…“, konnte Esmeralda nicht umhin, ihn mit verkniffenen Grinsen zu zitieren.
   „Ja, ich weiß, mit Soldaten hat er so seine Probleme… ich muss es ihm lassen, er ist gründlich… au…“ Er rieb sich den Bauch.
   Djali reckte nur meckernd die Nase in die Luft und stolzierte ein paar Schritte davon.
   Der Hauptmann verkniff sich einen Kommentar, auch wenn ihm mehr und mehr Parallelen zwischen dem Bock und einem gewissen Narren auffielen, was den Drang anging, die Spanierin zu schützen.
   Esmeralda grinste und kniete sich vor die Wörter. „So, nun, was haben wir denn da… hmmm… nein, Kleiner, ich fürchte, da muss ich dann warten, bis Majestät auspackt, aber du hast es versucht.“
   Phœbus könnte schwören, dass der Kleine eben die Augen verdreht hatte, zudem unterließ er es, sie auf die offensichtliche Auskunft, den Ohrring des Bocks, hinzuweisen. Er konnte jedoch mit den Worten Angst, Schmerz, Schutz, Dank und Treue auf Anhieb auch nicht wirklich etwas anfangen. „Das kann alles und nichts heißen. In dem Falle muss ich Clopin zustimmen, bezüglich des Strohkopfes, in so etwas war ich nie gut…“
   „Sage ihm das lieber nicht.“
   „Bin ich verrückt, ihm noch mehr Kanonenfutter zu liefern?“ Er tippte sich an die Stirn.
   „Ich hörte, man wird zwangsläufig verrückt, wenn man sich längere Zeit in seiner Nähe aufhält.“
   „Dann weiß ich ja, was mich bei dir erwartet, sobald er dich hat.“
   Esmeralda grinste noch, als er die Wohnung verlassen hatte. Sie hatte einen ungefähren Plan für die nächsten Tage.


Der Hauptmann blickte auf Clopin hinunter. „Wie ich sehe, hast du dich gut beschäftigt…“
   „Ich gestehe, dass die Aktivitäten in diesen Räumlichkeiten durchaus etwas eingeschränkt sind, aber man tut, was man kann.“ Er legte den Kopf schief. „Wo ist er?“
   „Sicher.“
   „Aha… … es sollte mir als Antwort reichen, hm?“ Er platzierte den Pergamentstapel neben sich.
   „Wenn du zumindest den Anschein erwecken willst, dass du anfängst, mir zu vertrauen, ja.“
   „Nun, in Anbetracht dessen, dass ihr sowohl mich als auch ihn gerettet habt, will ich mal nicht so sein…“
   „Zu gütig, Majestät. Was macht die sonstige Verfassung?“
   „Könnte besser sein, aber nicht lebensbedrohlich.“
   „Das klingt gut genug für mich.“ Er hielt Clopin das Behältnis durch die Stäbe, ebenso wie eine zweite Decke.
   Clopin runzelte die Stirn, ehe er sich einen Ruck gab und beides in Empfang nahm. Vorsichtig schnüffelte er an dem Fläschchen, nachdem er es geöffnet hatte. Er seufzte wehleidig. „Ich weiß ganz genau, was das ist…“
   „Abigail sagte, dass du ungefähr so reagieren würdest. Maule nicht, sondern schluck es.“
   Clopin verengte die Augen, als er die Quintessenz dieser Aussage erfasste. „Ihr habt es gewagt, das Versteck zu betreten und sie haben Euch am Leben gelassen?!“
   „Knapp.“
   „Aha, und wo befinde ich mich augenblicklich, laut Euren Angaben?“
   „Bei ihr. Du hättest einen kleinen Rückfall gehabt. Und es wäre Esmeralda gewesen, die mich geschickt hat.“
   „Ts, ts, Hauptmann, ihr überrascht mich…“
   „Pinsle mir nicht den Bauch, schluck das Zeug.“
   Clopin kräuselte die Lippen. „Mir würde besseres einfallen, als Euch… den Bauch zu pinseln… egal, ob bildlich oder wörtlich gesprochen…“ Er entkorkte das Fläschchen. „Und ich dachte, ich hätte hier die vorschnelle Zunge.“ Er schob zwei Finger unter die Maske, seine Nase zuzuhalten und kippte den Inhalt in zwei großen Schlucken hinunter, ehe es ihn schüttelte.
   „Sie ist eingeweiht, nur zur Information. Sie wollte selbst gehen, aber ich hielt es für keine so gute Idee… … und ehrlich gesagt, wollte ich sehen, ob sie mir den Hals umdrehen, oder nicht.“ Und wie du auf eine solche Aussage reagierst…
   „Sie haben keinen Befehl. Wenn Euch einer den Hals umdreht, dann Esmeralda oder ich. Und sie wollen schließlich einen gesunden Anführer… krank nütze ich ihnen nichts…“ Sein angewidertes Gesicht entspannte sich etwas, als er eine halbe Flasche Wein unten hatte.
   „Warum eigentlich? Ich meine, Frollo ist tot – “
   „Ja, dank mir, aber er hat seine Denkweise genug Soldaten eingepflanzt, ich werde kein Risiko eingehen. Das letzte hätte mich fast unser aller Leben gekostet – mal wieder…“ Er rieb sich unwohl den Hals. „Welche Art Alphatier wäre ich, wenn ich zuließe, dass sich wieder ein Soldat der schmierigeren Sorte in die Katakomben verirrt?“
   Phœbus lächelte flüchtig. „Bin ich denn nicht schmierig?“
   „Unsere Fehde bezüglich Esmeralda geht die anderen nichts an, das habe ich deutlich klargemacht.“ Er kniff ein Auge zu. „Lasst mich sagen, weniger schmierig.“
   „Danke.“
   Clopin grinste ihn mit gespitzten Lippen so zuckersüß an, dass Phœbus erneut nicht umhinkonnte, ein vages Verständnis für Victor und seinen Kumpanen aufzubringen. Dieser Narr schaffte es wirklich, sich selbst als ungeheuerlich begehrenswert und unentbehrlich darzustellen. Auch, wenn es manchmal wohl eindeutig genau bei den falschen Leuten ebenso falsch anzukommen schien. Und dennoch sollte man besser nie vergessen, wozu er fähig war. „Lasse mich raten, hätte Esmeralda dir nicht diesen Schwur abgerungen, wäre ich vermutlich längst tot?“
   „Wahrscheinlich, ja.“
   „Es ist immens schiefgelaufen. Aber ich muss inzwischen auch sagen, dass mein Vorwurf dir gegenüber nicht ganz gerecht war. Wer hätte dir versichert, dass wir die Wahrheit sagen? Die Punkte Soldat und Ziehsohn Frollos haben gereicht, uns als feindlich gesinnt einzustufen.“
   „Ich hätte trotzdem zuhören können. Und bei Euch ist es ja noch ein Punkt mehr…“
   Zu dumm, dass ich dir nicht einfach sagen kann, dass du sie im Endeffekt doch schon längst erobert hast… Phœbus blickte auf ihn hinunter. „Es lag nie in meiner Absicht, einen derartigen Unfrieden zu stiften.“
   „Möglich… Schätze, Djali ist nach mir der Letzte, den Ihr überzeugen müsst, Euch zu trauen… und das kann kompliziert werden, bei seinem Sturkopf… er ist sehr erpicht, sein Frauchen zu schützen.“
   „Schätze, er nimmt Worte deinerseits sehr ernst?“
   Clopin blinzelte. „Pardon?“
   Der Hauptmann grinste schief. „Ich habe den Ohrring gesehen, und ich kann lesen. Es war doch dein Ohrring, nicht wahr? Du magst ihn seit Jahren nicht mehr getragen haben, aber das Loch ist immer noch zu erkennen, wenn man genau hinsieht… Du musst sehr große Stücke auf ihn halten.“
   Clopin lachte bitter auf. „Das möchte ich ihm geraten haben, schließlich hat er mich fünfzehn Goldstücke gekostet. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, ihn vor dem Schlachtmesser zu retten.“
   „Oha! Das ist … viel für deine Verhältnisse…“, murmelte der Soldat gepresst, dem nun die Schwere der Deutung von Djalis Wortlegung dämmerte. Kein Wunder, dass er den beiden treu ergeben war.
   „Meine gesamte Barschaft zu diesem Zeitpunkt. Der damalige Metzger wollte sich nicht auf einen Handel einlassen und mit Esmeraldas bohrenden Blicken im Nacken, blieb mir kaum eine andere Wahl.“
   „Ein weiterer Grund, warum du ihn vor Frollo gerettet hast, nicht wahr?“, fragte Phœbus, der sich an die Szene vor der Kathedrale erinnerte. „Er vertraut dir wirklich ebenso sehr wie du ihm.“
   „Wenn man mich erst mal lässt, habe ich ein gutes Händchen für Tiere. Für die meisten…“
   „Wofür beispielsweise nicht?“
   „Schlangen.“, kam es mit tödlichem Ernst zurück, als Phœbus seine Frage noch nicht einmal zu Ende gesprochen hatte. „Ich hasse Schlangen… … und dabei ist mir vollkommen egal, ob sie Gift spucken können, oder nicht… wer sich in ein wunderschön schillerndes Schuppenkleid hüllt und dich damit blendet, hat es nicht nötig, Gift einzusetzen, wenn man sich von hinten auf dich stürzt und dich erdrosselt…“
   Phœbus schluckte, wieder einmal war er Zeuge der Ambivalenz dieses Menschen geworden, und es war beängstigend… „Ich frage besser nicht nach. Aber es gäbe etwas Anderes, das mich seit ein paar Wochen grübeln lässt…“
   „Jaah…?“
   „Waren es bislang immer nur diese vier, oder auch andere?“
   Clopin senkte langsam die Hand mit dem Becher. „Pardon?“
   „Du hast Léopold und Constantin nicht nur ermordet, weil Frollo sie kurz zuvor auf dich losgelassen hat… da ist noch etwas Anderes – “ Phœbus blinzelte und versuchte das prickelnde Gefühl auf seinem Mund zu ignorieren, wo Clopins Finger lag. Selbiger hatte sich so schnell bewegt, dass der Soldat es nicht gesehen hatte, doch der Gesichtsausdruck war umso deutlicher, auch, wenn es sich in gewissem Sinne widersprach. Opferbereitschaft und blanker Hass.
   „Nicht.“
   Phœbus blinzelte überfordert und versuchte seine Konzentration zu bündeln.
   Clopin ahnte nur zu gut, dass er ihn gerade verwirrte, aber es war ihm zum Teil egal. Er holte leise Luft. „Ich kann Euch nicht davon abhalten, darüber nachzugrübeln… aber ich möchte nicht darüber reden, Hauptmann. Nicht heute, nicht hier, nicht mit Euch. … Ihr müsst nur so viel wissen… ich habe mich für Esmeralda geopfert und es hat funktioniert. Und es war jedes Quäntchen Schmerz wert… Und es waren Schmerzen, die Ihr Euch niemals auch nur ansatzweise vorstellen könnt…“
   Phœbus schwieg, während Clopin vom Gitter zurücktrat und sich unter die Decken verkroch, ehe er ihm den Rücken zudrehte. Der Soldat verstand dies als Zeichen, zu gehen, und war in der Tat schon ein paar Schritte weg –
   „Aber ja, es waren immer nur diese vier… und wie wir ja festgestellt haben, bin ich ein begehrtes Opfer, das es zu brechen gilt… ich lasse mich nur nicht brechen, das liegt mir nicht besonders. Und ich würde bitten, dass Ihr Eure Nase aus dieser Angelegenheit heraushaltet… was Esmeralda anbelangt, so werden wir noch sehen, ich bin noch nicht bereit, aufzugeben. Sie kann sich immer noch anders entscheiden, nicht wahr? … Ja, vielleicht habe ich einen gewaltigen Gegner-Komplex mit Euch, aber ich respektiere Euch – nicht als Mann und Rivalen, aber als Soldat. … Das ist sehr viel mehr, als manch einer von mir bekommen hat.“
   „Ich frage mich inzwischen, warum…“, murmelte Phœbus dumpf, bevor er sich zurückhalten konnte.
   Kurz blieb es still und der Soldat konnte nur erahnen, dass Clopin gerade sehr mit der Antwort kämpfte. Und tatsächlich musste Phœbus seine Ohren sehr anstrengen.
   „Weil Ihr mich und meinesgleichen respektiert habt.“
   „Du hast mir anfangs nicht ausgesehen, als hättest du es bemerkt…“
   „Unterschwellig schon. Ich bemerke mehr, als Ihr glaubt. Aber das heißt nicht, dass ich es sofort akzeptieren musste…“
   Phœbus schmunzelte. Er war fast schon an der Tür zum Zellentrakt, als Clopin ihn zurückrief. Er blieb stehen, wartete, glaubte fast schon, dass der Narr es sich anders überlegt hätte, als –
   „Danke.“
   Der Soldat blickte zurück und sah genug von seinem vermeintlichen Rivalen, um sein Gesicht zu erkennen. Was er dort fand, erschütterte ihn. Es erschütterte ihn so sehr, dass er nach einem raschen Nicken nach draußen floh, an die Luft. Er ließ sich auf die oberste Stufe der großen Treppe sinken, die den Justizpalast empor führte. Es war ihm egal, ob ihn jemand sah, denn er wusste, dass seine Beine ihn keine Sekunde länger tragen würden. Ganz zu schweigen von seinen zitternden Händen. Mit einem heftigen Schlucken zwang er den Brechreiz zurück. Er wusste, dass Clopin wohl mehr als klar war, was er ihm eben in vorsichtig verpackten Worten anvertraut hatte, obwohl er es wahrscheinlich nicht wirklich gewollt hatte. Zwar würde dieser es wohl erst als Geständnis anerkennen, wenn er es wörtlich aussprach, doch insgeheim ahnte der Soldat, dass dieser Moment nicht mehr in weiter Ferne lag. Er hoffte nur, dass der Narr dann in einer besseren Verfassung war. Oder, dass Esmeralda mit dabei war, dass sie ihn notfalls auffangen konnte.
   Ein minimales Lächeln huschte über Phœbus’ Gesicht. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr erkannte er, dass Clopin von Anfang mit seiner messerscharfen Menschenkenntnis im Recht gewesen war. Jemand wie er, Phœbus, sollte sich keine rassigen Zigeunerinnen als Partnerin suchen. Entweder sie würde ihm nach Strich und Faden auf der Nase herumtanzen oder er fand sich im Dolchhagel des Zigeuners wieder, der eigene Ansprüche erhob. Augenblicklich konnte man sagen, dass ihm Esmeralda auf der Nase herumtanzte, und was den Dolchhagel anging… nun, das konnte ihm vielleicht noch blühen, solange Clopin dann bitte nicht traf.
   Er würde Esmeralda bitten, ihm zu berichten, wie der Narr die Rückgabe seines Püppchens verkraftet hatte, auch wenn er schon ein ungefähres Bild im Kopf hatte. Vielleicht würde er in ferner Zukunft auch noch erfahren, was es damit auf sich hatte. Im selben Moment musste er Marius zustimmen. Clopin Trouillefou hatte hart an sich gearbeitet, sich Respekt und Treue dieser Stadt zu verdienen. Es schien so unglaublich, wenn man, wie Phœbus, das erste Mal beim Narrenfest seiner ansichtig wurde, um sich dann die entscheidende Frage zu stellen – warum?
   Denn nur eine Festivität als selbsternannter Narrenkönig zu leiten und alle paar Tage Kinder vor Nôtre-Dame zu belustigen, waren kaum als Punkte zu zählen, die jemanden Respekt zusprachen. – Nein. Es war die andere Seite, die man betrachten musste. Die, mit der Clopin tagtäglich zu kämpfen hatte. Die Dunkelheit in ihm, die ihm Frollo und die Soldaten in seine Seele gepflanzt hatten, indem sie ihn aufgrund der Nichtigkeit seiner Person als Zigeuner nicht respektierten, ja nicht einmal als Mensch akzeptierten. Doch genau das war es, was den Narren in seiner bunten Welt umso unbeschwerter wirken ließ. Die Tatsache, dass er alle Kräfte aufsparte, sich gegen die dunkle Seite zu wehren, und seine Leute zu schützen, um jeden Preis. Auch, wenn es ihn vor Angst schüttelte.
   Am sechsten Januar noch hatte Phœbus gedacht, er würde niemals so etwas wie Resignation oder Verzweiflung in diesem Gesicht sehen. Wenn man denn von Gesicht sprechen konnte, da Clopin zu jenem Zeitpunkt die Maske getragen hatte. Einige Wochen später zu sehen, wie ebenjener Gaukler mit zusammengebissenen Zähnen und zitternd vor Frollo den Kopf gesenkt und sich wissentlich in die Hände von vier Soldaten begeben hatte, um seine Leute und Auserkorene zu schützen, hatte ihn seine Sichtweise überdenken lassen. Nicht zuletzt, Quasimodos Rettung und die Rede, die Clopin anschließend gehalten hatte, hatten Phœbus einen immensen Respekt abgerungen. Inzwischen schalt er sich selbst einen Narren, sich überhaupt nur den Hauch einer Chance bei Esmeralda ausgemalt zu haben… Selbst die Tatsache, dass man ihm einen Pfeil zwischen die Rippen gejagt hatte, erschien im mittlerweile nichtig, wenn man die Tiefe der Opfer bedachte, die Clopin für sie gebracht hatte. Opfer in der Mehrzahl. Wissentlich und kalkuliert. Der Narr mochte zum Zeitpunkt der Festsetzung nicht so gewirkt haben, doch auf eine gewisse Art und Weise war er doch immer Herr der Lage gewesen, zumindest, was seine emotionale Welt anging. Phœbus hatte sehr wohl das Entsetzen und den Schrecken in dem spitzen Gesicht bemerkt, als Frollo seine Soldaten auf Esmeralda gehetzt hatte, nur um dann zu sehen, wie diese schwarzen Augen glasig wurden. Nicht etwa nur, aus Kapitulation, wie der Hauptmann inzwischen ahnte. Nein, es war Selbstschutz gewesen, Clopin hatte nichts Anderes getan, als sich innerlich in eine heile Welt zu flüchten, während er sich Frollo und den Soldaten ausgeliefert hatte, auf dass sie ihn ja nicht völlig brechen sollten. Und er hatte es in vollem Bewusstsein getan, nur um seine Leute zu schützen, und Esmeralda zu retten…
   Phœbus schüttelte müde den Kopf und erhob sich langsam. Dieser Blick vorhin hatte ihm mehr gesagt, als Clopin wohl klar gewesen war. Es war die Sorte Dankbarkeit, eine Pein, die man schon einmal willentlich ertragen und damit abgeschlossen hatte, nicht noch einmal ertragen zu müssen, weil man gezwungen wurde; und die Sorte Blick, die genau besagte, dass man wusste, welche Sorte. Stumpf und leer, nur mit einem minimalen Funkeln darin, doch genau dieses war es, wie Phœbus wusste, dass den Narren immer wieder aufstehen ließ… Der Blonde seufzte und schritt langsam die Stufen hinunter, bemüht, den Narren für heute aus seinem Kopf zu jagen. Er würde mit Achilles noch eine Runde drehen, um sich zu beruhigen, bevor er entweder in der nächsten Taverne seine Kälte betäubte oder das Val D’Amour aufsuchte. Beziehungsweise Laurette, die mit ihm keine Probleme zu haben schien. Was, wie er mit spöttischem Schnauben entschied, aber vielleicht auch daran liegen könnte, dass sich jene nicht auf Clopins Liste zu finden schien…


Ausgiebig gähnend erwachte Clopin sehr früh am Abend, doch er hielt die Augen geschlossen. Ein sanftes Grinsen legte sich auf seine Lippen, als er registrierte, dass er dieses Gebäude heute verlassen konnte. Im nächsten Moment erschrak er fürchterlich, weil ihm irgendjemand die Nase zuhielt. Grunzend wedelte er heftig mit den Händen, den- oder diejenige zu verscheuchen, ehe er die Augen aufklappte.
   „Wir haben ja einen ganz schön festen Schlaf, Majestät.“
   Clopin starrte nach oben, in das grinsende Gesicht der Puppe, die unentwegt mit einer Hand winkte. Sein Blick glitt sehr langsam zu dem Arm, welcher in der Puppe steckte. Welcher ganz eindeutig nicht dem Hauptmann gehörte. „War es deine Idee, oder seine?“ Er drehte den Kopf.
   „Halb-halb. Ich bewundere dich, ihn handzuhaben, weißt du das? Ich habe jetzt schon das Gefühl, mir alle Finger zu brechen.“
   „Dann sollte sich das Kätzchen besser einem KLEINEN NARREN widmen, den es auch händeln kann.“, schnurrte er seidig. „Aber ich bin auch für andere Arten der Erheiterung offen…“
   „Später vielleicht.“ Esmeralda grinste, als sich sein Gesicht merklich aufhellte. „Und wie soll diese Erheiterung aussehen?“
   Der Narr vollführte eine übertrieben dramatische Geste. „Bring mir Phœbus’ Kopf auf einem Silbertablett, meine Güte, dir wird doch wohl was einfallen?!“
   Sie zog eine Grimasse. „Ich ahne wohl, dass dir das gefallen würde, aber würdest du das wirklich wollen?“
   „Nicht direkt, nein.“ Er stupste mit seinem Finger gegen die Nase der Puppe, welche sogleich ihre Händchen um den Finger schloss und weiter zu ihm hinunter grinste. Clopin stemmte sich in die Senkrechte und drückte sein Mini-Ich lächelnd an die Brust, durchaus um die Tatsache wissend, dass Esmeralda noch immer ihre Hand darin hatte. Der Puppe einen sanften Kuss auf die Nase hauchend, registrierte er, dass sie sich auf die Unterlippe biss. „Probleme, chérie?“
   „Dürfte ich wohl bitte meine Hand wiederhaben?“
   „Ungern, aber wenn du darauf bestehst…“
   „Danke. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ganz schön widerlich sein kannst, wenn du schadenfroh bist?“
   Clopin hob eine Braue. „Voulez-vous s’il vous plaît répéter?“ [1]
   „Du hast mich schon verstanden.“
   Er zuckte lakonisch die Schultern. „Und? Lass’ mich doch. Du musst es dir ja nicht anhören…“
   „Weil es ja so einfach ist, dich zu überhören, sobald du den Mund aufmachst…“
   „Du wirkst etwas angespannt…“
  „Ach was…“, murrte sie. „Meine Situation ist auch nicht gerade einfach, also entschuldige, dass ich die Krallen ausfahre!“
   „Soll das eine Warnung sein? Ich ertrage deine Krallen gerne, oder glaubst du, ich hab’ Angst vor dir?“
   „Du solltest es.“
   „Huuuh…“ Clopin verdrehte die Augen. „Ich schlottere, meine Liebe. Ich habe dich ja nur – wie oft gewarnt…?“
   „Ein paar Mal…“
   „Offensichtlich ein paar Mal zu wenig.“ Er fing an, seine Sachen einzusammeln.
   „Entschuldige…“ Sie seufzte. „Wir werden das schon regeln… irgendwie…“
   „Ja… irgendwie…“, wiederholte er zynisch und blickte den Gang entlang.
   „Warten seine Majestät auf etwas?“, fragte Marius, grinsend die Schlüssel in seinen Händen drehend.
   „Mach’ auf, verdammt…!“, zischte Clopin.
   „Tja, diesmal wirst du nicht dazukommen, ihn zu klauen.“ Der Soldat schmunzelte und zog die Tür auf. „Pass’ das nächste Mal vielleicht etwas besser auf, ja?“
   „Ja, ja…“
   „Ich meine ja nur… ich habe ansonsten sämtliche Arrangements getroffen, mit denen du mich beauftragt hast.“
   „Das heißt?“
   „Es ist soweit alles vollständig und wartet auf dich. … Und ich weiß von nichts…“
   „Sehr gut…“ Clopin grinste zähnebleckend, vor ihm die Treppen hinaufspringend.
   „Von welchen Arrangements ist hier die Rede?“, fragte Esmeralda irritiert.
   „Sicher, dass du es wissen willst?“, fragte Marius.
   Clopin grinste. „Sie wird es zwangsläufig früher oder später erfahren, schätze ich.“
   „Ja, so wie man irgendwann alles erfährt, was dich betrifft, hm?“
   Clopin schmunzelte. „Bis auf die wenigen Geschichten, die ich unter Verschluss halte, weil sie in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben… ich stelle mir gerade Frollos Gesicht vor, könnte er uns beide jetzt sehen…“
   Esmeralda kicherte. „Wäre durchaus interessant, ja. Sonstige Pläne?“
   „Aktuell? Nichts wirklich Großes. Feiern und ausgiebig schlafen.“ Er sah sich kurz um und glitt durch eine Seitentür nach draußen. Esmeralda folgte ihm, in den bewölkten Himmel blinzelnd.
   Marius grinste schief. „Was soll ich ihm berichten, sollten Fragen aufkommen?“
   Clopin lächelte. „Wie immer – irgendetwas…“
   Der Soldat tippte sich müde nickend mit zwei Fingern an die Stirn und verschwand wieder.
   Esmeralda hob eine Braue, doch Clopin winkte sie nur grinsend um die nächste Ecke, wo sie überrumpelt nach Luft schnappte. Sie waren bei den Stallungen gelandet, bei denen sich glücklicherweise gerade kein anderer Soldat blicken ließ. Sie folgte ihm mit mulmigem Gefühl, der er geradewegs auf eine der größeren Boxen zuschritt, aus der ein Pferdekopf herauslugte, der ihr sehr bekannt vorkam. „Das ist nicht – “
   „Doch, und es ist mein voller Ernst. Na, Schätzchen, hast du mich schon vermisst?“
   „Nach mir fragst du nicht?“ Esmeralda verschränkte schmollend die Arme.
   Clopin lachte leise und kraulte die schwarze Stute weiter am Ohr, während er Esmeralda warm angrinste. „Du kriegst deine Entschädigung heute Nacht…“, schnurrte er in einem so samtigen Tonfall, dass sich ihr die Nackenhaare aufstellten.
   Sie beobachtete kopfschüttelnd, wie er mit einer unverfrorenen Portion Selbstverständlichkeit den Riegel der Box aufschnippte. „Du bist vollkommen verrückt!“
   „Wusstest du das noch nicht?“, fragte er unschuldig. „Nichts da, Angelus, du bleibst, wo du bist!“ Er stupste dem weißen Hengst in der Box nebendran gegen die Schnauze. „Du bist Problem deines Herrchens, nicht meins… es ist nicht mein Problem, wenn sich Frollo augenblicklich nicht hier blicken lässt.“
   Esmeralda hob eine Braue. „Bitte?“
   „Jehan du Frollo, Claudes jüngerer Bruder.“
   „Oh! … Und somit wohl potentieller Kandidat für seinen Posten?“
   Oh, das hoffe ich doch… Clopin zuckte die Schultern. „Man wird sehen…“ Er besah sich kurz Snowballs Ausstattung, ebenso das weitere am Sattelknauf festgebundene Schwert und nickte zufrieden, ehe er sie nach draußen führte. Wie ich sehe, Marius, hat man wieder einmal alles zu meiner Zufriedenheit arrangiert.
   „Also ich muss ja sagen, ganz wohl ist mir nicht…“ Esmeralda sah sich um und legte vorsichtig beide Hände auf die sie emsig beschnuppernde Schnauze. „Na, du…“
   „Ja, ich weiß, sie kann unheimlich sein… Aber sobald sie hier erst einmal verschwunden ist, womit sollte ich ein Problem haben?“
   „Machst du dir keine Sorgen, dass die Soldaten versuchen, sie zurückzuholen? Ich meine, es ist ein eindeutiges Indiz, dass sie verschwindet, nachdem du hier eingesessen hast?“, fragte Esmeralda, ihm mit nervösen Blicken folgend.
   „Nein, ich denke nicht, dass sie es wagen werden. Die meisten wissen ja nicht, dass ich die drei Tage hier war, warum also? … Ein Maul weniger zu füttern, zudem hörte ich, dass sie in letzter Zeit wohl einiges an Schwierigkeiten macht. Nicht nur Achilles. Und ob sie hier steht oder den Friedhof kahl frisst, wo ist das Problem?“
   „Du weißt, sie braucht einen Unterstand?“
   „Ja, das weiß ich wohl.“, lächelte Clopin unschuldig. „Und den hat sie schon.“
   „Was frage ich überhaupt…? Solltest du noch nicht ins Versteck wollen, einige von uns waren auf dem Platz vor Nôtre-Dame zugegen, als ich hierherkam; ich denke also, sie werden immer noch dort sein.“
   „Gut, gut… – Möchtest du laufen?“
   „Wenn ich darf?“, grinste sie.
   Clopin schüttelte den Kopf und half ihr auf den Pferderücken zu klettern. Er ließ die Stute hinter sich herlaufen und so betraten sie den Platz, wo ein Jubel ausbrach, kaum, dass man Clopin gesichtet hatte – auch, wenn einige im allerersten Moment aufgrund des Pferdes sehr erschrocken waren.
   Orca kam auf ihn zu gerannt. „Junge, weißt du, was du da tust?!“
   „Sicher doch.“ Er klopfte dem Tier auf den Hals. „Aber ich bin nicht hier, um mir einen Vortrag anzuhören, Mama!“ Er fing die ihm von Jacques zugeworfene Flöte auf und stürzte sich mit einem Salto auf die Mitte des Platzes, wo er sogleich von den anderen Roma unterstützt wurde. Auch das Volk tat sein Bestes, die Tatsache zu feiern, dass der Zigeunerkönig wieder unter ihnen weilte, welcher die Flöte nach etwa einer Stunde in seinem Kostüm verschwinden ließ.
   „Nichts für ungut, Mesdames et Monsieurs, aber ich werde mich für heute zurückziehen.“ Er blickte zu Esmeralda, die in der Zwischenzeit auch Djali geholt hatte und nun zu den Füßen der Stute saß und grinste sie an. „Danke, dass du hier warst. Das bedeutet mir sehr viel.“
   „Ich weiß.“ Sie stand grinsend auf und stupste ihm gegen die Nase. „Aber wir sollten dann vielleicht mal…“
   „Wir?“, fragte Clopin lauernd.
   „Ja. Du glaubst doch nicht, dass ich dich heute Nacht alleine lasse?!“
   Er schmunzelte und küsste sie seufzend auf die Stirn. „Danke. Danke, Esmeralda.“
   Jacques hinter ihm räusperte sich vernehmlich. Clopin verdrehte die Augen und sprang nochmal auf den Platz zurück, während die Spanierin auf Orcas gehobene Braue nur mit einem eindeutigen Zwinkern reagierte, während sie versuchte, nicht allzu sehr auf das nächste Lied zu reagieren…

„Es war der erste Tag des Winters,
ich sah dich bei den Wassern steh’n.
Du hattest mich sofort gefangen
und ließt mich nie mehr geh’n.

So heiß wie unser Feuer brannte,
so schnell erlosch dann deine Glut,
du bist für immer fortgegangen
und wie Eis gefror mein Blut!

Es raunt der Nachtwind deinen Namen,
ein jeder Stern zeigt dein Gesicht –
und soll die Zeit auch Wunden heilen,
diese Wunde heilt sie nicht!

Im Abendrot erblüht die Hoffnung,
denn mein Herz noch für dich schlägt;
so wie der Himmel, wenn es Nacht wird,
deine Augenfarbe trägt!


Aus tausendmal geträumten Träumen
wird auf einmal Wirklichkeit:
Du stehst nach Jahr und Tag
nun vor mir und drehst zurück das Rad der Zeit!

Egal, wie lange ich auch suche,
wie lang’ ich in dein Antlitz schau,
ich sehe dort statt meinen Träumen,
nur eine ganz normale Frau.

Nur eine ganz normale Frau…?!

Es raunt der Nachtwind deinen Namen,
ein jeder Stern zeigt dein Gesicht –
und soll die Zeit auch Wunden heilen,
diese Wunde heilt sie nicht!

Im Abendrot erblüht die Hoffnung,
denn mein Herz noch für dich schlägt;
so wie der Himmel, wenn es Nacht wird,
deine Augenfarbe trägt!

Deine Augenfarbe trägt!

Es raunt der Nachtwind deinen Namen,
ein jeder Stern zeigt dein Gesicht –
und soll die Zeit auch Wunden heilen,
diese Wunde heilt sie nicht!

Im Abendrot erblüht die Hoffnung,
denn mein Herz noch für dich schlägt;
so wie der Himmel, wenn es Nacht wird,
deine Augenfarbe trägt!“


Er starrte noch einige Momente in den Himmel, ehe er den anderen zunickte. „Kommt. Ich will nach Hause!“
   „Das glaube ich dir.“ Orca grinste ihn an. „Übrigens, hat die Medizin denn geholfen?“
   „Hat sie, danke. Schätze, Ihr wart ziemlich überrascht?“
   Mateo nickte. „Man muss ihm ziemlichen Mut zusprechen, sich nach deiner Aktion erneut freiwillig ins Versteck zu wagen, aber nachdem was er geschildert hat, ist es verständlich.“ Er legte den Kopf schief, doch Clopin schüttelte den Kopf: „Ich werde nichts weiter dazu beantworten. Ein Zusammenstoß mit zwei euch bekannten Soldaten, mehr müsst ihr nicht wissen, doch diesmal kamen sie nicht so weit, wie sie eigentlich vorgehabt hatten. Auch dank Phœbus.“
   „Er hat dich gerettet?“
   „Ich würde wohl einen anderen Wortlaut bevorzugen, aber um die Situation zusammenzufassen – ja.“ Clopin hielt die Stute ruhig, während Esmeralda auf deren Rücken kletterte. „Wohlan, sind wir es?“
   „Ich denke.“ Jacques sah sich um. „Ja, sieht so aus.“
   Clopin nickte. „Schön. Dann lasst uns gehen.“
   „Das ist nicht wirklich dein Ernst, oder?“ Mateo starrte ihn an.
   „Mein voller Ernst.“ Er tätschelte Snowballs Schnauze, die beständig in seinen Rücken stupste. „Frollo ist tot, ich habe kein Problem damit, sie mag mich und sollte es ein Soldat wagen, den Versuch zu unternehmen, sie zurückzuholen, schätze ich, wird sie ihm die Hölle heiß machen… was sollte mich also beunruhigen?“
   „Vielleicht solltest du ihr beibringen, sich bemerkbar zu machen, sobald sich ein Soldat auf den Friedhof herumtreibt.“, grinste Mateo, den Ziegenbock hochhebend.
   „Ich werde darüber nachdenken. Also los, kommt! Beziehungsweise, der Rest von euch kann voraus, ich brauche noch einen kleinen Umweg.“
   Esmeralda wollte schon im Sattel nach hinten rutschen, doch Clopin dirigierte sie mit teuflischem Lächeln in die andere Richtung. Sie kniff die Lippen zusammen, als er sich hinter ihr in den Sattel zog, und als er einen Arm um sie schlang, sie sicher zu halten, kroch eine Gänsehaut ihre Wirbelsäule hinauf. Sie bedeutete Djali, mit den anderen zu gehen und erwiderte nervös Orcas Grinsen, während der Narr Snowball wenden ließ und durch die verwinkelten Gassen von Paris lenkte, zu den Handwerkshäusern.
   Maurice Mélèze lehnte im Eingang seiner Zimmerei-Werkstatt und sah ihnen lässig entgegen. „Ich hatte schon so etwas vermutet…“
   Clopin lächelte. „In Bezug auf welche feurige Stute, Monsieur?“, fragte er, wissend, dass Esmeralda sofort rot anlief.
   Mélèze lachte. „Das sollte ich besser dir überlassen, meinst du nicht auch? Franck wird dir die Schlüssel übergeben, er wartet vor Ort auf dich, um Heu und so haben wir uns zwischenzeitlich auch gekümmert, sie sollte also für den Anfang das Nötigste haben.“
   Clopin seufzte. „Ich danke, und man lasse mich raten… ich soll natürlich nur das Material und Eure Arbeitszeit zahlen?“
   „Nur das Material, Clopin.“
   Der Narr hob an, zu widersprechen, doch Mélèze schüttelte so bestimmt den Kopf, dass er es sein ließ. „Ich liebe es, wenn einem die Ehrlichkeit dermaßen schwer gemacht wird…“, murmelte Clopin. Er wusste jedoch genau, dass sich der Handwerker auch nicht erweichen lassen würde.
   „Wenn du darauf bestehst, zumindest das Material zu zahlen, warum sollte ich dich unnötig mit Zusatzkosten schröpfen, da ich schon weiß, wie schwierig es für dich wird, diese Summe aufzutreiben?“
   „Ich danke, Monsieur…“ Der Zigeuner senkte geschlagen den Kopf. Er wusste, es hatte keinen Sinn, es ihm ausreden zu wollen.


„Nun ist mir vollkommen klar, was das zu bedeuten hat.“ Orca blickte auf das hölzerne Bauwerk hinter dem Grabmal. Franck zuckte die Schultern. „Er hat, was er will und wird bezahlen, was sollte uns ansonsten kümmern? Ob die Stute hier steht oder hinterm Justizpalast, ist doch egal…“
   „Und die Soldaten wüssten so oder so, wo sie hinmüssten. Da sie bis jetzt aber unterlassen haben, werden sie es wohl auch künftig nicht tun… zumindest hoffe ich das.“, hängte Mateo an und beobachtete durch die obere, offenstehende Hälfte der Tür, wie Djali im Stroh umhersprang.
   „Hm, vielleicht sollte er dem Biest doch irgendwie beibringen, Alarm zu schlagen…“ Orca legte den Kopf schief. „Aber wird das nicht etwas groß für sie allein?“
   Franck zuckte die Schultern. „Waren ungefähr Clopins Vorgaben. Er kann die Zwischenwand hier einziehen, wenn er will, ich meine, wer weiß, vielleicht will Esmeralda auch irgendwann eines, sobald er sie zurückerobert hat? Ich habe nur den Auftrag ausgeführt…“
   Orca schüttelte langsam den Kopf. „Ich kann es trotzdem immer noch nicht glauben, dass er tatsächlich Frollos Stute gestohlen hat!“
   „Nun, aber sind wir doch ehrlich, wer, wenn nicht er?“, grinste Mateo. „Und offenbar mag sie ihn ja wirklich…“
   Orca zuckte die Schultern, ehe sie den Blick auf das Friedhofstor richtete, welches eben von Esmeralda wieder geschlossen wurde, nachdem die Friesin hindurchgeschritten war. Clopin grinste die versammelte Runde nur spitzbübisch an.
   „Dir ist bewusst, dass du die vollkommen falschen Sachen dafür anhast?“, feixte Mateo.
   „Dem kann man abhelfen.“ Der Narr glitt vom Pferderücken und scheuchte den Ziegenbock aus dem Heu, ehe er der Stute einen Klaps auf den Hals gab, welche jedoch noch nicht interessiert schien, ihr neues Zuhause in Augenschein zu nehmen, sondern sich einem der vielen Grasbüschel widmete.
   „Bin mal gespannt, wie du das einem gewissen Hauptmann erklären willst…“
   Clopin lachte. „Warum sollte ich, Esmeralda? Der soll froh sein, dass ich sie ihnen abnehme, es ist nicht MEIN Achilles, mit dem sie sich fortwährend beißt…“
   „Tut sie das?“
   „Sagte man mir zumindest. Na komm, Schätzchen…“ Er fasste nach Snowballs Zügel und führte sie in den Unterstand.
   „Sie scheint mir einverstanden.“ Orca beobachtete die Stute kritisch.
   „Man wird sehen, hm?“ Clopin kraulte die Pferdeschnauze. „Du arrangierst dich schon…“
   „Du weißt, dass das zusätzliche Kosten und Arbeit für dich bedeutet, Junge?“
   „Ja, weiß ich, schließlich muss ich den Unterstand auch noch zahlen, und das lasse meine Sorge sein, immerhin habe ich sie für mich geklaut, und nicht für dich.“, grinste er, während Franck ihm mit einer leichten Verbeugung die Schlüssel aushändigte.
   Orca kniff die Lippen zusammen, ihr war nicht sehr wohl bei dieser Sache, gleichwohl sie nicht erklären konnte, warum. Clopin ahnte dies wohl, doch er ignorierte es, während er das Tier von Zügel und Sattel befreite. Er wusste um das Risiko und er hatte es willentlich gewählt, wieder einmal. Er war sich jedoch sicher, dass alles gut verlaufen würde. Grinsend kraulte er die Friesin hinter dem Ohr. „Für den Anfang wird es dir reichen, hm? Zumindest machst du mir gerade keinen unglücklichen Eindruck, und um den Rest kümmere ich mich noch.“
   Esmeralda beobachtete ihn mit schiefgelegtem Kopf, wie er mit der Stute agierte, ehe er den Unterstand abschloss und den Schlüssel gewissenhaft in seinem Kostüm verstaute, wobei er ebenso gewissenhaft Orcas fassungslosen Blick ignorierte.
   „Kommst du?“
   „Hmmm.“ Sie folgte ihm in den unterirdischen Gang, ihr war wohl klar, dass er nach diesem doch eher frostigen Empfang der Gesellschaft der anderen entfliehen wollte, und sie selbst war auch nicht unbedingt erpicht darauf, im Mittelpunkt zu stehen, ahnte sie doch, dass einige ihr noch immer skeptisch gegenüberstanden. So atmete sie nur erleichtert aus, kaum, dass Clopin die Vorhänge seines Reiches hinter Djali und ihr geschlossen hatte.
   „Setzt es dir immer noch so sehr zu?“
   Sie nickte verkrampft und ließ sich vor die Hängematte fallen. „Ich habe mehr und mehr das Gefühl, dass sie meine Anwesenheit nur deinetwegen akzeptieren… es ist nicht, dass ich mich hier nicht mehr wohlfühlen würde, aber…“ Sie biss sich in die Unterlippe und zog die Beine an ihren Körper.
   Clopin hockte sich vor sie und hob ihr Kinn an. „Seit wann interessiert es dich, was andere von dir denken? Wo ist deine innere, feurige Hexe?“
   „Auf der Flucht…“
   „So? Es ist nicht sonderlich klug, vor einem Narren zu fliehen…“
   „Nein, denn der Narr gewinnt ohnehin immer.“
   „Warum tust du es dann?“ Er musste sich eingestehen, dass er aus ihrem augenblicklichen Gebaren nicht schlau wurde.
   Wenn ich das wüsste!
   „Esmeralda? Bist du sicher, dass du mir nichts erzählen möchtest?“
   Sie nickte heftig und hoffte, dass ihr leicht glasiger Blick sie nicht verriet.
   „Na schön… ich kann dich nicht zwingen, zu reden, wenn du nicht möchtest…“ Er kroch hinter sie, seine Hände auf ihre Schultern legend. „Aber du weißt, dass du mit mir reden kannst?“, hakte er nach.
   „Mhm…“, murmelte sie. „Ja. Ja, das weiß ich…“
   Clopin seufzte stumm. Er hatte sich diesen Abend eigentlich etwas anders vorgestellt. Was war vorgefallen, dass sie sich in ein emotionales Schneckenhaus zurückzog?
   Sie stöhnte frustriert auf und grub den Kopf unter sein Kinn. „Es liegt nicht an dir… ich… ich hadere…“
   „Womit?“
   „Mit allem… die Situation… er, du… doch am meisten mit mir selbst…“
   „Gerade hast du noch gesagt, es liegt nicht an mir. Du wolltest es so.“, entgegnete er, deutlich böser knurrend, als er vorgehabt hatte und tatsächlich zuckte sie zurück, doch sie kam nicht weit, da sich seine Hände sofort um ihre Arme krallten. „Hiergeblieben! Wenn du glaubst, dass ich dich jetzt gehen lasse, dann liegst du falsch. Und wenn du mir jetzt kommst, dass du noch sitzt, das kann ich sehr schnell ändern… und auch so, dass du so schnell nicht mehr aufstehst…“
   „Hattest du nicht gesagt, du bist nicht der Typ, der gegenüber dem anderen Geschlecht Gewalt anwendest?“
   „Solange ich mich kontrollieren kann, ja. Bedauerlicherweise schaffst du es sehr gut, mich an die Grenzen dieser Kontrolle zu bringen…“ Sein Mund glitt zu ihrem Ohr, ehe er dunkel hineinraunte: „Und mir würden da durchaus einige Gedanken kommen, die jegliche Differenzen und Kontrolle komplett irrelevant machen würden…“
   Esmeralda spürte die Hitze in ihren Körper erwachen, als seine Hände plötzlich auf ihrer Hüfte lagen. „Was hast du vor?“ Ihre Nackenhaare stellten sich auf, als sie seine Zungenspitze an ihrem Ohr fühlte.
   „Ich würde mich gerne für eine gewisse Nacht revanchieren… Vielleicht hilft es dir ja dabei, nicht mehr zu hadern…“
   Sie schnappte nach Luft, während sie die Hitze einem Blitz gleich nach unten schießen fühlte. „Wie? HIER?“
   „Warum nicht hier? Es ist Nacht, wir sind allein, und solange du einverstanden bist, ist es bitteschön immer noch meine Sache, was ich in meinem Quartier mit dir anstelle… oder meinst du nicht auch?“ Seine Lippen schlossen sich saugend um ihr Ohrläppchen, was ihr ein heißeres Stöhnen entlockte: „Clopin, ich weiß nicht, ob – “ Sie schnappte nach Luft, als sich der Griff um ihre Hüfte verhärtete. „Warte – du weißt, dass du uns damit wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückst?“
   „Das kommt wohl darauf an, wie laut du wirst – und zweitens ist es mir scheißegal.“
   Als würdest du mir erlauben, leise zu sein…! Esmeralda schluckte. Sie wusste ganz genau, er würde sie zu nichts zwingen, auch wenn es augenblicklich anders klang. Ja, es machte ihn wahnsinnig, dass sie ihn hinhielt, die sie ihm schließlich derlei Zärtlichkeiten und ihre Unschuld versprochen hatte, aber sie wusste augenblicklich einfach nicht mit ihrer Situation umzugehen, es überforderte sie. Es wäre so leicht, dass Missverständnis einfach aufzuklären und im Mirakelhof zu bleiben, doch sie fand keine Worte dafür – und wer sagte, dass er ihr glauben und es nicht als eine Mitleidsmasche deklarieren würde? Und sie erkannte, dass sie genau davor Angst hatte, und deshalb den Mund hielt. Auch wenn sie wusste, dass es erbärmlich war… … Es waren aber auch die Momente, in denen sie verfluchte, dass man aus ihm einfach nicht schlau wurde…
   Clopin hätte sie vor Schreck beinahe ins Ohr gebissen, als Orca ihren Kopf durch den Vorhang steckte. „Na, ihr beiden? Ich dachte, ihr wollt vielleicht etwas essen…“
   Esmeralda nickte heftig, doch Clopin zog sich knurrend ein paar Meter zurück. Orca warf ihm einen irritierten Blick zu, den er jedoch nur mit gereiztem Nicken in Esmeraldas Richtung erwiderte. Orca zog etwas den Kopf ein und verschwand eilig nach unten. Die Spanierin hatte den kleinen Gefühlsumschwung ihres Mentors nicht bemerkt, sie war zu sehr mit dem Suppentiegel beschäftigt. „Du willst nichts?“
   „Danke, nein.“ Er schüttelte den Kopf und staubte Paolo aus seiner Hängematte.
   „Huch, wer ist das denn?“
   „Dein Ersatz.“
   „Haha, sehr guter Witz… Du weißt schon, das ist ein er, also kann er schlecht ein Ersatz für mich sein…“
   „Du kannst ihn gerne mitnehmen und mir im Gegenzug eine Hure schicken.“
   Und wen? Esmeralda hob eine Braue und schob sich den Löffel in den Mund, um nicht antworten zu müssen. Sie merkte wohl, dass sie gerade in eine Richtung drifteten, die doch eigentlich keiner von ihnen wollte. Skeptisch beobachtete sie Clopin, der mit dem Rücken zu ihr vor der Hängematte stand, die zuckenden Hände zu Fäusten geballt und den schwarz-weißen Kater zu Füßen, dem seine aktuelle Verfassung auch nicht zu gefallen schien.
   Als nächstes wusste sie nur noch, dass der Narr einen derben Fluch ausgestoßen hatte und in einem farbenfrohen Blitz an ihr vorbeigerauscht war, etwas knurrend, das wie Frischluft geklungen hatte. Esmeralda blieb sitzen, sie ahnte, dass es nicht klug wäre, ihm sofort zu folgen… Schweigend löffelte sie den Tiegel leer, gelegentlich einen Blick auf den Kater werfend, welcher sich neben ihr zusammengerollt hatte. Sie seufzte. Als ob sie es sich wirklich so einfach vorgestellt hatte…


„SCHEISSE!!!“
   Clopin starrte mit zusammengebissenen Zähnen auf seine zitternde Hand. Es knackte heftig, als er vorsichtig seine Finger bewegte; er verzog das Gesicht und betrachtete dann den Grabstein vor sich. Vielleicht hätte er doch lieber auf den Baum einprügeln sollen…
   Er war dankbar, dass die anderen inzwischen den Friedhof verlassen hatten. Frustriert kletterte er auf den Sockel des Grabmals und starrte in den Himmel. Irgendwie war es alles mal wieder etwas viel gewesen in letzter Zeit.
   Er wusste gerade nicht, was ihm emotional mehr zusetzte – die Tatsache, dass er sich fast auf Esmeralda gestürzt hätte, wäre Orca nicht aufgetaucht, oder die Information, um Frollos schriftliches Geständnis, dass der Rest seiner Familie eben nicht durch seine Hand gestorben war, die in seinem Hinterkopf umherwaberte…
   Wenn er es jetzt so betrachtete, war er auch nicht sicher, ob er bestürzt darüber war, dass Orca aufgetaucht war, oder darüber, dass er sich eben nicht auf die Spanierin gestürzt hatte. Er wusste nicht, wie lange er das noch aushalten würde, und er wusste einfach nicht, was er machen sollte. Jede Option schien ihm zur Hälfte richtig und zur Hälfte falsch. Die ganze Situation trieb ihn ebenso an seine emotionalen Grenzen wie Esmeralda, doch er durfte vor ihr keine Schwäche zeigen… was sollte sie denn dann von ihm halten?
   Seine Gedanken glitten ungefragt von Esmeralda zu seiner Mutter. Sie war irgendwo dort draußen… Er war sich ziemlich sicher, dass sie nicht weiter als Spanien gezogen waren, auf eine größere Entfernung hätte sich Carmen nicht eingelassen, ahnte sie doch sicher, dass er noch lebte, trotz des offensichtlichen Planes, Frollo samt Frankreich hinter sich zu lassen. Gewiss, nur, weil Frollo es damals nicht getan hatte, war nicht in Stein gemeißelt, dass sie immer noch lebten, doch Clopin war sich da sehr sicher. Carmen und Janine waren zäh und sein Vater, nun ja, er hatte eben meistens Glück… so wie er selbst, doch bei ihm kam alles zusammen. Fahrig spielten seine Finger mit dem Pergamentfetzen, auf welchem Marius ihm den Eintrag kopiert hatte. Wieder einmal kochte der Ärger in ihm hoch, dass es dermaßen schiefgelaufen war. Er war sich sicher, dass seine Mutter vehement dafür plädiert hatte, dass sie ihn suchten, schließlich wusste sie um seinen Sturschädel und Kampfgeist. Also hatte es wohl – mal wieder – an seinem Vater gelegen, dass sie gegangen und nicht zurückgekehrt waren, um Frollo keine weitere Zielscheibe zu geben. Welch eine gelungene Ausrede! Clopin schnaubte. Sein Vater hatte schon immer das Talent besessen, sich in den seltenen Fällen abzuwenden, in denen er ihn wirklich gebraucht hätte… Seine Mutter hatte damals gesehen, dass etwas nicht gestimmt hatte, doch er hatte sich dagegen entschieden, sich ihr anzuvertrauen. Seufzend starrte er in den Himmel. Vielleicht sollte er doch mal mit jemandem reden… insbesondere, da zwei gewisse Soldaten es wieder aufgewühlt hatten.
   Warum? Warum verdammt, muss es immer ausgerechnet mich erwischen?! Er jagte den Gedanken aus dem Kopf, dass Phœbus ihn im wahrsten Sinne des Wortes gerettet hatte und sprang nach unten, um nur wenige Augenblicke später erhitzt atmend stehen zu bleiben; er war vor dem Grab Felicitàs’ angelangt. Auch ein Problem, dass in seinem Kopf umherwaberte, doch sein eigenes Dilemma und die neuen Erkenntnisse wogen ihm augenblicklich schwerer als Quasis Schicksal.

„I touched the grave, it’s not too far away…
I’m down so low, there’s no where left to go.

And now finally, finally, the blackest skies are calling me –
why can’t I cheat the claws of destiny?!

As the nightmares come, I recall the sun.“

Deprimiert starrte er in den Himmel, wo sich ein kleines Gebirge schwarzer Gewitterwolken aufbaute. Oh ja, es würde ihn nicht wundern, wenn er in den nächsten Tagen wieder von Alpträumen geplagt werden würde. Vielleicht sollte er Esmeralda überreden, etwas länger zu bleiben, bevor er das ganze Versteck zusammenbrüllte, sollten die anderen doch eigentlich bitte nichts von diesen Kapiteln seiner Vergangenheit wissen. Er hasste es, dass Frollo noch im Tod für seine Leiden verantwortlich war und er hasste es, dass er ihm nun zwanzig Jahre lang diese fatale Lüge geglaubt hatte, gleichwohl er doch die unglaubliche Hoffnung gehabt hatte, dass es bitte noch eine andere Wendung genommen haben könnte, oder in seinem Fall noch werden würde…

„Show me light, just a glimpse of hope!
Show me light, I need a miracle, a miracle tonight!
Tonight, I’ll try to fight as the darkness dies.
If you could just show me, show me light…“


Fahrig spielten seine Finger mit dem Pergamentfetzen, dem Beweis, dass Frollo nicht die Schuld am Verschwinden seiner Familie trug. Was sollte er denn machen, war es denn zu viel verlangt, dass er letztendlich auch einfach nur glücklich sein wollte, nachdem ein Großteil seines Lebens schon eine Farce gewesen war? Dass er nach den anfänglichen guten Zeichen nicht zulassen wollte, dass sich Esmeralda an jemand anderen, speziell den Hauptmann, verschwendete? Er durchschaute augenblicklich nicht, wer hier mit wem spielte, er wusste nur, dass sie alle drei schon bis über beide Ohren drinsteckten, und egal, wie es weitergehen und enden würde, dass auch der Rest seiner Leute vorerst seinen Launen ausgesetzt waren, von denen schon etliche Esmeralda auf der Liste hatten, weil doch im Endeffekt sie schuld an der ganzen Sache war…
   Er fuhr sich frustriert knurrend durch die Haare. Warum musste es so schwer sein? Warum konnte er ihr nicht einfach sagen, dass sie bleiben sollte? Sich nicht um das andre Gerede kümmern, sondern sich nur an ihn halten sollte? Ja, auch er hatte seine Makel, aber er wollte doch nur das Beste für sie; er hatte es ihr doch explizit gesagt, was sollte sie beide die Meinung der anderen interessieren, solange sie einander hatten, sich gegenseitig helfen konnten, die Dämonen der eigenen Vergangenheit zu vertreiben? Er wollte sein restliches Leben nicht alleine verbringen, mit seinen Alpträumen und Ängsten kämpfend, er wollte wieder jemanden voll und ganz vertrauen können, er wollte eine feurige Spanierin an seiner Seite, mit der er lachend durch die Straßen tanzen konnte. Und er wollte mehr als das… sehr viel mehr… doch dazu musste er sie erst zurückerobern…

„I cut the pain to set the demons free…
And take a breath to heal the hurt in me.

And now finally, finally, the grace of faith is lifting me –
but can I be all you have in me?!

Still the nightmares come and I’m praying for the sun.“

Er wusste, dass sie ihm sehr gut dabei helfen würde, die Dämonen seiner Vergangenheit zu bekämpfen und im besten Falle zu vertreiben, doch er wusste auch, es würde nie ganz vorbei sein, ein gewisses Maß an Schmerz würde immer bleiben. Er hatte schließlich genug Erfahrung mit diesem Phänomen gemacht… egal, auf welcher Ebene und egal, durch wen… Frollo, die Soldaten, sein Vater – und auch Esmeralda. Auch wenn diese es nicht beabsichtigt hatte.
   Müde und frustriert nahm er die Maske ab und fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht. Warum war es bei ihm immer so schwierig? Er hatte wie jeder Mensch auch das Recht, zu lieben und geliebt zu werden, er wusste, er konnte Esmeralda nicht zwingen, es sich anders zu überlegen, aber weiterhin um sie kämpfen konnte er, dieses Recht würde ihm niemand streitig machen. Wofür war er denn sonst ein Löwe, wenn er einfach aufgeben und sie dem Hauptmann überlassen würde? Nein. Irgendetwas würde ihm schon einfallen… bislang war ihm noch immer irgendetwas eingefallen…

„Show me light, just a glimpse of hope!
Show me light, I need a miracle, a miracle tonight!
Tonight, I’ll try to fight as the darkness dies.
If you could just show me, show me light…“


Er starrte in den Himmel auf, als es leise anfing, zu grollen. Das Gewitter würde wohl schneller hier sein, als ihm lieb war. Nicht, dass ihm eine Abkühlung dieser Art helfen würde, nein, manchmal musste Feuer mit Feuer bekämpft werden; er würde das Risiko eingehen, sich etwas weiter vorzuwagen. Sie konnte nur ja oder nein sagen. Das war immer noch mehr als Phœbus bekam. Er legte den Kopf schief; gerne gestand er es sich ja nicht ein, aber die Dankbarkeit, die er ihm gegenüber augenblicklich empfand, war ehrlich. Er sah zwar immer noch einen Rivalen in ihm, aber vielleicht war das Verhältnis auf einem Weg, eine andere Basis zu bekommen. Würde er dann noch das Problem lösen, dass Esmeralda nicht hier im Versteck an seiner Seite stand, könnte man mit dem Hauptmann weitersehen…
   Er würde sehen, was die nächste Zeit brachte. Er würde sich nun verstärkt um seine körperliche und seelische Verfassung kümmern, sowie seine Tätigkeiten vor der Kathedrale wieder aufnehmen. Dabei konnte er ein oder zwei Augen auf den Glöckner und Esmeralda haben, alles andere würde sich schon irgendwie ergeben. Solange er die Hoffnung nicht aufgab, würde er schon irgendeinen Weg finden. Und wenn er jetzt so darüber nachdachte, hatte er bis auf wenige Funken die Hoffnung doch nie aufgegeben…

„I think I can find my way…
I know where the oceans meet the barren skies, it’s their stream.
I think I can find my home
and break through these sullen clouds…
Oh, you know the face reflected in the glass deserves the love of someone,
and the warmth of the sun, the warmth of the sun.

Show me light, just a glimpse of hope!
Show me light, I need a miracle, a miracle tonight!
Tonight, I’ll try to fight as the darkness dies.
If you could just show me, show me light…“


Mit schiefgelegtem Kopf blickte er der Sternschnuppe nach und kräuselte die Lippen. Sollte er es wagen, dies als eine Art Friedensangebot anzunehmen? Einen Versuch war es wert, es war ja seine Sache, was er daraus machte, irgendein Weg ließ sich immer finden, und der nächste Ärger wartete garantiert schon…
   Apropos Ärger… Er blickte lustlos auf seinen Bauch, doch er wusste, dass er die neue Verletzung zumindest etwas behandeln (lassen) musste. Wenn es so weiterging, waren seine Hände und Füße die einzigen Gliedmaßen seines Körpers, die seit jeher unversehrt geblieben waren. Er hoffte, dass die beiden ihn eine Weile in Ruhe lassen würden, ehe er zum Vergeltungsschlag ausholen konnte. Und dieser würde gründlich sein, er hatte schon eine ungefähre Vorstellung; er würde sehen, ob er es eventuell noch abwandelte.
   Er blinzelte einmal und dann noch einmal, ehe binnen Sekunden weitere Regentropfen auf ihn herabfielen. Er nickte und kletterte nach unten, nachdem er sich einmal ausgiebig gestreckt hatte. Er war erst krank gewesen, er sollte besser nichts überstürzen; und er sollte eigentlich auch nicht über blutigen Racheplänen brüten, wenn ein feuriges Kätzchen in seiner Hängematte lag. Und vielleicht war jenes Kätzchen ja bereit, den Abend auf spezielle Weise zu versüßen und ausklingen zu lassen, Clopin hätte da schon eine sehr gute Idee.


Ohne sich um den irritierten Blick des Katers zu kümmern, dessen gezeichnetes Gesicht sie inzwischen verdaut hatte, wuschelte Esmeralda sich unter die Decke und versuchte, ihre Atmung zu beruhigen, dass Clopin keinen Verdacht schöpfte. Warum war sie ihm eigentlich nachgelaufen? Sie schüttelte den Kopf, was sie gehört hatte, hatte ihr nicht wirklich gefallen, aber sie ahnte wohl auch, dass er so schnell nicht darüber reden würde. Phœbus hatte ihr gegenüber nur erwähnt, dass es einen pikanten Vorfall gegeben hätte, er es jedoch Clopin überlassen wollte, Näheres dazu zu sagen. Also musste es wohl etwas sehr Heftiges sein, es würde sie nicht wundern, wenn es sich um zwei gewisse Soldaten handeln sollte…
   Man musste natürlich dazu sagen, dass Clopin ein gewisses Händchen dafür hatte, sich in aussichtslose Situationen zu bringen, betraf es nun ihn selbst, oder andere. Gleichwohl es natürlich in zweitem Fall ein schwereres Gewicht hatte. Sie fragte sich, ob er jemals darüber reden würde. Oder generell über seine Vergangenheit. Sie seufzte; wenn sie nun so darüber nachdachte, war es wohl ein Segen, dass sie ihre Eltern nie kennengelernt hatte; sie war zu klein gewesen, als dass sie sich an irgendetwas erinnern könnte, abgesehen von ihrer älteren Schwester, die weiß Gott wo steckte.
   Clopin hatte die erste Hälfte seines Lebens keinen leichten Stand gehabt und nach der zweiten geglaubt, seine Familie sei vernichtet worden; kein Wunder, dass es ihn beschäftigte. Auch, wenn das Verhältnis zu seinem Vater wirklich nicht gut gewesen sein musste, wie sie ja bislang erfahren hatte. Sie konnte sich gut vorstellen, dass es ihn sehr gebeutelt haben musste, das zu erfahren; allerdings war sie auch nicht sicher, ob sie wissen wollte, ob diese Angelegenheit irgendwie noch ein gutes Ende nehmen könnte; sie würde sich zwar für ihn freuen, was seine Mutter betraf, aber ansonsten war sie zwiegespalten, was diese Thematik anging. Andererseits konnte sie nicht umhin, sich manchmal zu fragen, ob Clopin sie nicht zumindest optisch als einen Ersatz für Carmen sah. Ihr war zwar bereits versichert worden, dass dies nicht der Fall war und sie glaubte es auch, aber minimale Stimmen in ihrem Kopf waren da anderer Meinung. Aber als hätte sie sonst keine Probleme…
   Sie überlegte, ob sie ihn nicht ablenken sollte. Er sagte ja, er wolle sich revanchieren, und sie hätte eine gute Idee, es so einzufädeln, dass es sich später nicht schlecht fühlen müsste, von wegen, er hätte ihr seinen Willen aufgezwungen, oder dergleichen. Wenn sie sich schlafend stellte, war es ja nicht sein Problem… vor allem, da sie ahnte, dass er in seiner aktuellen Verfassung wohl kaum von sich aus auf sie zugehen würde. Also war etwas Nachhilfe wohl angebracht, und sie ahnte, dass Clopin sie mit Kniefall annehmen würde…
   Ein Lächeln zupfte an ihrem Mundwinkel. Ja, auch sie konnte fies werden und wenn er schon auf ihre Reize ansprach, warum sollte sie es nicht auch nutzen? Sie drapierte die Decke so, dass sie nur den oberen Teil ihres Rückens bedeckte, streckte ein Bein weit von sich und behielt das andere angezogen, so dass er ja unmöglich übersehen könnte, welche Reaktionen er in ihr auslöste.
   Keine fünf Minuten, nachdem sie sich so in Position begeben hatte, eines der Kissen umarmend und glaubhaft tief vor sich hin schnaufend, hörte sie seine federnden Schritte auf der Leiter, ehe er abrupt innehielt.
   „Hübsch, Schätzchen…“
   Esmeralda hatte Mühe, nicht über seinen spöttischen Tonfall zu kichern, wusste sie doch, dass es ihm gefiel. Die Frage war, wie weit er gehen würde. In Momenten wie diesen hasste sie seine Stimme, da sich in ihr sofort alles zusammengezogen hatte und sie nur zu gut spürte, wie sich die Feuchtigkeit in ihr sammelte, und sicher würde ihm das auch nicht lange verborgen bleiben. Sie hörte, wie er sich die Schuhe von den Füßen trat und einmal um sie herumlief, offenbar abwägend, was er tun und wie weit er es wagen sollte, zu gehen.
   Sie zuckte ganz leicht, als er eine Hand auf ihren Kopf legte und langsam mit dem Finger eine Linie zeichnete, von ihren Locken bis hinunter zu ihrem Po. Konzentriert auf ihre Atmung, entging ihr nicht, dass er sie damit noch mehr anstachelte. Als er schließlich beide Hände einem Hauch gleich auf ihren Rücken legte, hörte sie seinen angestrengt ruhigen Atem und fragte sich, wie viel Beherrschung es ihn wirklich kostete, sich nicht über sie zu werfen, wo sie ihn doch so offensichtlich lockte? Er war sicher eben nicht ohne Grund ihrer Gegenwart entflohen…
   Plötzlich schoben sich fünf lange, filigrane Finger langsam, doch entschlossen unter ihren Bauch, den Knoten des Tuches zu lösen, wobei er eine flammende Spur auf dem Stoff hinterließ. Gleichzeitig spürte sie, wie er sich näher zu ihr beugte und sich mit Zähnen und der anderen Hand an den Schnüren ihrer Korsage zu schaffen machte. Angestrengt konzentriert atmete sie aus, als diese ihr mehr Raum gab, ehe sie in der nächsten Sekunde darauf achtete, nicht scharf aufzuhissen, da sich jene Hand grob in ihre Haare gewühlt und das rosa Band abgezogen hatte.
   Esmeralda gab ein, wie sie hoffte, überzeugend schlaftrunkenes Brummen von sich und wühlte das Gesicht ins Kissen. Ein stummes Keuchen entfloh ihrem Mund, als er weiter durch ihre Mähne fuhr, nur um dann beide Hände besitzergreifend um ihren Oberkörper zu legen, und leise knurrend ihre Brüste zu drücken. Sie zuckte, konnte sie doch nicht umhin, ihn für seine Kontrolle zu bewundern, obgleich ihr gefiel, was er hier gerade mit ihr anstellte. Es tat gut, sich wieder begehrt zu fühlen! Seine zuckenden Finger hatten den Saum ihrer Bluse erreicht und nur Sekunden später trug sie nichts mehr als den Rock. Allerdings bezweifelte sie, dass er sich damit aufhalten würde, ihr diesen auch auszuziehen, erreichte er doch sein Ziel auch so.
   Huch! Sie blinzelte irritiert; er hatte ihr die Decke über den Kopf geworfen, dass sie nichts mehr sah. Zwar ahnte sie, was er damit bezweckte, doch es kam unerwartet. Und dann stöhnte sie stumm auf, als er plötzlich wieder an ihren Brüsten war und ihre Spitzen drückte, sie zwischen seinen geschickten Fingern zwirbelte, dass ihr heiß und kalt wurde; seine Nägel bohrten sich in ihr weiches Gewebe. Ein stummes Keuchen entfloh ihr, als er sich in einer Linie von ihren Füßen nach oben küsste zu ihrem feuchten Nacken; er hatte den Rock so weit nach oben geschoben, dass er ihm nicht im Weg war – und dann erstarrte sie. Zwar spürte sie genau, dass er seine Strumpfhose noch trug, doch diese war machtlos gegen die Hitze, die sein zuckendes, erregtes Geschlecht verströmte, welches sich betörend-verlangend an ihren Hinterbacken rieb, während er leise knurrte, ehe er sich, nach ein paar Augenblicken zurückzog. Ein paar Augenblicke, die der Spanierin wie eine Ewigkeit erschienen war, in der sich immer mehr heiße Flüssigkeit hinter den Mauern ihres Geschlechts gesammelt hatte. Jene Mauern, die den Narren doch so sehr verlockten, die er sich jedoch versagte. Stumm ließ sie die Luft entweichen. Was für eine Selbstbeherrschung…!
   Sie schaffte es gerade noch, das Quietschen zu unterdrücken, als mit einem scharfen Klatschen plötzlich seine Handschuhe auf ihren Hintern trafen und diesen energisch-genüsslich durchknetete, wobei er sehnsüchtig-verlangend aufstöhnte; eine Kombination, die ihr abermals einen Schauer das Rückgrat hinunter jagte. Er würde sie bald an ihre Grenze gebracht haben, wenn er so weitermachte. Aber sie wollte ja, dass er weitermachte, es fühlte sich einfach zu gut an, zu wissen, dass er sie liebte, ihre Seele und ihren Körper gleichermaßen begehrte!
   Und dann, als er die Finger in ihre Backen gekrallt hatte, wie ein Löwe seine Pranken in seine Beute, dann fühlte sie seinen heißen Atem an ihrem Geschlecht, das Kratzen seines markanten Bartes. Ihr Herz setzte einen Schlag aus und ihr Mund wurde trocken, ihr ganzer Körper stand unter Spannung, wie eine Bogensehne. Sie ahnte, dass er schwer damit haderte, eventuell mit seinen Prinzipien zu brechen, bezeichnete er sich doch als Mensch mit Ehre. Andererseits machte sie es ihm aber auch wirklich nicht einfach. Sie biss sich auf die Lippe, sich zu konzentrieren, während sein Atem eine Gänsehaut auf ihr Geschlecht legte. Selbiges hatte begonnen, zu tropfen, und Esmeralda hatte alle Mühe, nicht ihre Schenkel zusammenzupressen, und ihm damit zu zeigen, dass sie eben nicht schlief. Manchmal fragte sie sich, wer von ihnen eigentlich die größeren Qualen zu ertragen hatte.
   „Als hätte ich wirklich eine Wahl! … Aber es wäre ja auch eine Schande, dir jetzt keine Erleichterung angedeihen zu lassen… nicht wahr?“
   Sein ergebenes Seufzen holte sie aus ihren Überlegungen, doch sie hatte keine Zeit, sich zu orientieren, da sie wie erstarrt geschehen ließ, dass er sinnlich langsam ihre Beine spreizte. Und nur Sekunden später schien ihr ganzes Empfindungsvermögen Kopf zu stehen, als er einmal lange und auskostend seine schmiegsame Zungenspitze über ihre tropfenden Lippen hatte gleiten lassen.
   Oh Himmel!
   Eine weitere Gänsehaut verbreitete sich über ihren Körper, doch er ließ ihr nicht die Zeit, sich darauf einzustellen. Energisch packte er ihre Hüfte und zog sie zu sich ihren Hintern in die Höhe gereckt. Sie fühlte das Leder seiner Handschuhe auf ihrer kalten Haut, die sich immer nur kurz dort erwärmte, wo er sie berührt hatte. Sie schaffte es nicht, das Zucken zu unterdrücken, als seine Hände besitzergreifend ihren strammen Po verwöhnten und seine Daumen dann bestimmt, aber in einer Zärtlichkeit, die sie fast um den Verstand brachte, provozierend-langsam sein aktuelles Objekt der Begierde freilegten.
   „Hm… … ich schätze, ich habe mein Wunder soeben gefunden…“, murmelte er, sie noch etwas weiter öffnend, und bevor er noch über sein Handeln oder mögliche Konsequenzen nachdenken konnte, war seine Zunge nach draußen geschnellt und hatte gewissenhaft einen langen Flüssigkeitsfaden aufgefangen, während sie sich nun langsam dem Ursprung näherte.
   Oh mein Gott!!
   Esmeralda keuchte stumm, als sich seine Zunge der Länge nach an ihr Geschlecht schmiegte, als wolle sie es einsaugen. Sie war überrascht, dass er seine Prinzipien nun doch über Bord warf, aber sie hatte ihn ja auch dementsprechend provoziert. Ja, sie hatte sich mit voller Absicht so drapiert, dass die Decke nur noch den oberen Teil ihres Rückens und ihre Schultern bedeckte. Wie sollte er auch einem solchen Anblick widerstehen? Sie hätte ihm zwar großen Respekt gezollt, wenn er widerstanden hätte, aber irgendwann war wohl auch er doch soweit, zu kapitulieren. Und irgendwo war es ihr so lieber, als wenn sie gezwungen wäre, ihm mit ihrem nackten Geschlecht ins Gesicht zu springen. Auch, wenn sie ahnte, dass es wohl Anklang finden würde.
   Momentan war es definitiv der Fall, sie spürte die Wärme seines Atems, während seine Zunge sich nur minimal bewegte, doch dies reichte, in ihrem Bauch eine Ameisenkolonie freizulassen. Sie biss sich auf die Lippe und krallte ihre Hände in das Kissen.
   Clopin unterdessen fühlte sich, als wäre die Sonne in seinem Mund explodiert. Himmel, keine Prinzessin der Welt konnte süßer schmecken, als das, was er eben geschluckt hatte! Oh, Teufel!!!
   Wie lange würde er ihr noch widerstehen können, was den eigentlichen Akt betraf?! Seine Hand hielt ihr Geschlecht geöffnet, während die andere ihren Bauch entlang nach oben zu ihren Brüsten wanderte und diese sanft, doch fordernd knetete. Verhalten stöhnend beugte er sich erneut tiefer, seine Zungenspitze minimal, aber in kurzen Abständen nun gegen ihren Kitzler stupsen zu lassen, dabei wohl registrierend, dass sie ein Schauer überlief. Er lachte stumm auf, war er sich doch nun sicher, dass sie nicht schlief. Na schön – mal sehen, wie lange DU widerstehst… von mir mal nicht zu reden…!
   Esmeralda malträtierte ihre bebende Lippe mit den Zähnen; er verstand es wirklich zu gut, die holde Weiblichkeit zu verwöhnen – oder auch zu quälen, je nachdem, wie man es denn sah – wie sollte sie das aushalten?! Sie sollte vielleicht doch noch den ein oder anderen Schwatz mit Anette abhalten, um sicherer zu werden. Er war gut, keine Frage, oder war es eben einfach nur der Punkt, dass sie in dieser Hinsicht ein unbeschriebenes Blatt war und er jahrelange Erfahrung vorzuweisen hatte? Ein weiterer Lustblitz durchfuhr ihren Körper und sie zuckte heftig, als seine Zunge träge kreisend ihren Kitzler umtanzte. Sie wimmerte stumm, während ihr Unterleib immer wilder kribbelte. Inzwischen fragte sie sich, wann, wie und wo das alles enden würde, wusste sie doch, dass es schon längst hätte enden können, und im Endeffekt nur durch ihre Schuld überhaupt erst diesen Weg genommen hatte – wenn sie nur nicht Phœbus’ Bitte nachgegeben hätte! Eilig verbot sie sich jeden weiteren Gedanken, sie hatte gefälligst nicht an den Soldaten zu denken; nicht, wenn Clopin gerade ihr tropfendes Geschlecht leckte!
   „Du würdest dich wundern, wozu NUR MEINE Zunge bei dir fähig wäre…!“ ploppte seine Stimme in ihrem Kopf auf, und augenblicklich konnte sie erahnen, wie seine Vorstellung einer Wundernacht wirklich ausgesehen hatte, wäre das Narrenfest nur halb so unglücklich verlaufen. Ihr Kopf malte ihr ungefragt ein Bild, wie sie beide in ihrem Zelt standen, in den Festtagskostümen und wie Clopin gerade unter dem knallroten Rock verschwand.
   Sie registrierte erst, dass das Stöhnen, welches eben ihren Mund verlassen hatte, sehr laut gewesen sein musste, als er seine Bewegungen unterbrach.
   „Ich wusste, dass du nicht schläfst.“ Die Decke wurde fortgezogen, ein Finger legte sich unter ihr Kinn und drehte sie nach hinten, ehe alsgleich seine feuchtglänzenden Lippen auf ihren lagen. Überrumpelt von Tat und Geschmack keuchte sie auf, doch sie brachte keinen Ton heraus, während sie in diese schwarzen Augen starrte, die mehr Macht über sie ausüben konnten, als sie sich selbst eingestehen wollte.
   „Du bist ein böses Mädchen, Esme…“ Er schleckte sich über den Mund. „Und ich mag böse Mädchen…“
   Sie schluckte. Bis zu einer gewissen Grenze sicher…
   Sein Mund näherte sich ihrem Ohr. „Es liegt an dir – ein Wort, nur ein Wort. Ja, oder Nein, chérie?“
   Die Spanierin dachte gar nicht lange über die Möglichkeit nach, ihm zu antworten, sondern drapierte sich grinsend wieder auf dem Bauch, das Kissen darunter und reckte ihm vertrauensvoll ihren lockenden, tropfenden Unterleib entgegen. Ein Schauer durchfuhr sie, als die Decke erneut über ihrem Kopf landete und seine Fingergelenke knackten.
   „Ja. Eindeutig böses Kätzchen!“
   Seine Hände griffen bestimmt nach ihren Hinterbacken, und als er nun energisch seine Zunge ihr triefendes Geschlecht foltern ließ, entkam ihr ein lautes Stöhnen.
   „Na… gefällt dir das, La Esmeralda?“, hauchte er verheißungsvoll gegen ihre zuckenden Schamlippen, die das eigentliche Zentrum seines Begehrens verbargen.
   „Ja…“, hauchte sie, während sie fühlte, wie seine Zunge ihre Scham umschmeichelte. „Oh Himmel, ja…!“
   „Willst du mehr? Dann lass los…“
   „JA! Ja, ich will mehr, ich vertraue dir… ah!“ Ihr Kopf zuckte nach oben, als eine Hand ihr Geschlecht spreizte und ihren Kitzler freilegte. „Himmel, Clopin – “
   „Zu spät, chérie. Du darfst ruhig laut werden, böse Kätzchen bekommen nur die Behandlung, die sie verdienen. Und nun werde ich dir zeigen, wozu diese teuflische Narrenzunge wirklich fähig ist!“


Esmeralda wusste nicht genau, was nach ihrem lauten, befreiten Lustschrei passiert war, als er sie über die Klippe gestoßen hatte, nur, dass sie keuchend über dem Kissen zusammengebrochen war, da sie sich immer weiter nach vorne gelehnt hatte, in dem halbherzigen Versuch, seiner Zunge zu entfliehen, die ihr Geheimnis auf diese süße Art folterte, bis sie nur noch Sternchen vor ihrem inneren Auge sah. So lag sie nun zusammengekrümmt auf dem Bauch, keuchend und die Augen geschlossen, die Decke hatte sie fortgeschleudert, während ihr Innerstes noch immer einen wilden Freudentanz aufführte. Sie zitterte, konnte jedoch nicht sagen, ob es der lustvolle Nachhall war, oder die Kälte, obwohl ihr doch die Schweißperlen auf dem Körper standen.
   „Du hättest nein sagen können…“, wisperte er nonchalant in ihr Ohr und sie schrak zusammen, was ihn dazu veranlasste, spöttisch-zufrieden zu lachen, ehe er liebevoll die Decke über ihnen ausbreitete und sie sanft an sich zog. „Oder habe ich eben auch deine Fähigkeit zu sprechen geschluckt?“
   Da wäre ich aber schön blöde gewesen… Sie schluckte hart und zog die bebenden Beine an den Leib, ihre Arme darum legend. „Ist – ist es immer so… so intensiv?“
   „Das hoffe ich doch?!“, entgegnete er leicht gekränkt. „Zumindest, solange ich es bin.“ Er wischte ihr eine Haarsträhne von der feuchten Stirn. „Kriege ich mein Kissen zurück, oder soll ich dich nehmen?“
   Die Spanierin gab sich einen Ruck und warf sich einmal herum, wagte jedoch nicht, ihn anzusehen. Clopin zog ihr das Kissen aus den klammen Fingern und stopfte es sich unter den Kopf, ehe er ihre Hände auf seine glühende Stirn legte. Sie seufzte, während seine Wärme durch ihre Haut drang.
   „Ich hätte dich vielleicht fragen sollen.“, murmelte er plötzlich reumütig.
   Esmeralda war kurz davor, die Augen zu verdrehen. Du und deine Moral!! „Da bist du jetzt aber etwas spät… Habe ich dich in irgendeiner Art aufgehalten? Habe ich auch nur irgendwie zu verstehen gegeben, dass ich es nicht will, oder es mir nicht gefällt? NEIN. Du hast mir eine Chance dazu gegeben, ich habe sie ausgeschlagen, und es war gut so. Punkt, Ende, fertig.“ Sie kuschelte sich an seine Seite und legte den Kopf auf seine Brust. „Und ich habe dich schließlich auch nicht gefragt.“, fügte sie frech grinsend hinzu.
   „Hmm, Touché, Kätzchen…“
   „Soll ich mich abermals revanchieren?“
   „Ich befürchte, dann kann ich mich endgültig nicht mehr kontrollieren – und wir haben denen da draußen schon wieder mehr Kanonenfutter geliefert, als eigentlich nötig wäre, schätze ich. Also danke für das Angebot, aber nein. Ein andermal.“
   „Wie du möchtest. Ähm…“
    Er versteifte sich, als sie starr die frische Verletzung fixierte. „Lobe deinen Hauptmann dafür, dass es so glimpflich ausging.“
   „Glimpflich?!“
   Ja. Glimpflich, wenn ich mir überlege, was sie eigentlich gewollt hätten. Er nickte hart. „Verglichen mit meinem Rücken ist es glimpflich. Ich möchte noch nicht darüber reden, und wenn du morgen wieder verschwinden willst, sollten wir zumindest noch etwas schlafen.“
   „Willst du mich abwürgen oder loswerden?“, fragte sie verletzt.
   „Nein.“ Er legte einen Arm um sie und wuschelte ihr versöhnlich-sanft durch die Mähne, ehe er ihr eine der herumstehenden Flaschen reichte, die sie mit dankbarem Stöhnen annahm, während er wohl merkte, dass sowohl Ziegenbock als auch Kater verschwunden waren. Er nahm an, dass es ihnen zu laut geworden war, und sie wohl alsbald wieder auftauchen würden. „Nein, Esmeralda, aber ich möchte ihm keine unnötige Zielscheibe bieten. Nicht, solange du in unmittelbarer Nähe stehst. Wir wissen beide, wo wir uns finden, sollte es Probleme oder Grund zum Reden geben. Das Angebot steht nach wie vor.“
   „Machst du dich dann nicht insofern zur Zielscheibe, wenn du dazwischen gehst, da du nicht zulassen wirst, dass es mich trifft?“, fragte sie mit gehobener Braue, die Flasche nach einigen großen Schlucken zurückgebend. „Muss ich dich an die Szene erinnern, als du dich den Soldaten ausgeliefert hast, mich zu schützen? Hat das nicht gereicht?“
   „Doch, das tue ich… und Letzteres war etwas Anderes, es hat funktioniert, und ich möchte auch darüber nicht reden, noch nicht… und du solltest bis dahin auch nicht darüber nachdenken. Manche Schmerzen sind es wert, ertragen zu werden…“ Er drückte ihr mit müdem Lächeln einen Kuss auf den Mund. „Und wir sollten eigentlich schlafen…“
   „Hmm… ja… ja, sollten wir.“, murmelte sie. „Danke…“
   „Ich danke dir.“, entgegnete er warm, ehe er sich in die Decke wühlte und ihr den Rücken zudrehte, während er sich eilig konzentrierte, seinen kleinen Narren unter Kontrolle zu halten, der seine eigenen Vorstellungen zu haben schien, wie es weitergehen könnte und überhaupt nicht schlafen wollte.
   Noch etwas Geduld, Majestät… Ich sagte, ich werde diese Wahl revidieren, und das werde ich auch… Doch abermals blieb ihr Mund stumm. Sie näherte sich ihm vorsichtig, und als er sie nicht wegstieß, kuschelte sie sich reuevoll an ihn, den Hals an seinem Nacken vergrabend, der von dem bunten Kostüm umschlossen wurde. Verglichen mit ihm bemerkte sie das Augenpaar nicht, das sie beide amüsiert funkelnd musterte, ehe es wieder verschwand.


Mateo nahm die Finger aus den Ohren. „Ich hatte nicht gedacht, dass sie so laut werden kann…“
   „Man unterschätzt sie, wohl wahr.“ Naomi grinste. „Ich denke, Clopin wird heute gut schlafen, aber wie es scheint, ist es er ja auf einem guten Weg – “
   „Nun, den in sie hat er wohl gerade gefunden.“, spöttelte Jacques, amüsiert zum Quartier seines Anführers hinaufblickend, ehe er Djali und Paolo am Kopf kraulte. „Ich glaube, ihr könnt dann auch mal wieder hoch…“
   Naomi kicherte. „Weiß eigentlich wer, wo er die Tage gesteckt hat?“
   „Bedingt, aber, wenn ich mir überlege, dass er mit Frollos Stute hier aufgekreuzt ist, hat er sich wohl nahe des Justizpalastes aufgehalten – wenn er nicht sogar drinsaß!“
   „Ich bitte dich, Jacques!“ Mateo starrte ihn an. „Glaubst du, Phœbus würde so weit gehen?“
   „Was weiß denn ich?! Vielleicht hat er ihm irgendwas an den Kopf geworfen, was Herrn Hauptmann nicht gepasst hat, und dieser war daraufhin der Meinung, ihm den Kopf zu waschen. Könnte ich mir zumindest vorstellen. immerhin ist er unverletzt.“
   Naomi zuckte die Schultern. „Ich muss sagen, die Tatsache der Stute hat mich mehr überrascht. Wie heißt sie nochmal?“
   „Snowball.“ Jacques lachte. „Wobei sie diesen Namen wohl nicht mehr lange tragen wird. Ich bin immer noch schwer verblüfft, dass sie ihn offenkundig zu mögen scheint… aber wenn ich da an die Schlacht denke…“
   „Tja nun, er hatte schon immer ein Händchen für heißblütige Weibchen.“ Mateo blickte vielsagend nach oben auf einen gewissen Vorhang. „Wobei ich wette, dass es gerade eher seine Zunge war.“
   „Tse!“
   Mateo drehte den Kopf. „Probleme, Pablo?“
   „Ich bin wieder wach, reicht das nicht? Verdammte Hexe…“, knurrte er. „Schlimm genug, dass sie alles durcheinandergebracht hat, und jetzt meint sie, dass wir sie mit offenen Armen empfangen, nur, weil sie sein Betthäschen ist!“
   Naomi blinzelte konsterniert.
   „Lasse ihn das besser nicht hören.“, warnte Mateo.
   „Was denn?! Er sollte sich mit Phœbus einfach die Köpfe einschlagen und dann klipp und klar sagen, was Sache ist, das kann er doch sonst so gut! Anstatt hier wie die Katze um den heißen Brei herumzulaufen!“
   „Und du solltest besser die Finger von Esmeralda lassen, oder es geht dir wie Ramirez.“, warnte Jacques. „Du bist doch sonst nicht so…?“
   Der Spanier ließ sich seufzend neben ihnen zu Boden plumpsen. „Ich weiß… sie macht es einem eben nicht leicht. Es wundert mich ja, dass Phœbus offenbar bislang die Füße stillgehalten hat!“
   „Ich hoffe es für ihn.“, murmelte Mateo. „Er weiß, dass Clopin ihn sonst einen Kopf kürzer macht, egal womit.“
   „Den oberen oder den unteren Kopf?“, hüstelte Naomi hinter ihrem Becher hervor.
   „Wenn es nach Clopin geht, beide. Er hat nur geschworen, ihn nicht umzubringen. Alles andere kann noch werden.“
   „Ich glaube trotzdem nicht, dass Esmeralda das zulassen wird. Dafür sind ihr die beiden zu wichtig, sie werden sich irgendwann, irgendwie arrangieren müssen. Mit Quas hat es ja bislang sehr gut funktioniert.“
   „Ja, aber auch nur, weil Quasi nichts mehr von Esmeralda will und somit für Clopin keine Bedrohung ist – “
   „Wenn er ihn nicht gerade vom Glockenturm schubst.“, kicherte Naomi. „Aber ich schätze, dieses Verhältnis wird sich nun deutlich wandeln…“
   „Er hat ihn gerettet, was erwartest du?“, grinste Jacques. „Ich bin ja mal gespannt, wie er das mit seiner Beichte ihm gegenüber drehen wird, aber erstmal hat Esmeralda Vorrang.“
   „Oh ja, richtig, da war doch was…“ Naomi kratzte sich unwohl am Kopf. „Wie sieht es eigentlich aus, wie weit sind die Arbeiten bei Nôtre-Dame?“
   „Wir kommen voran, das reicht erstmal.“ Mateo nippte an seinem Becher. „Ansonsten aktuell keine Probleme. Wie auch, ohne Richter.“ Er lachte leise.
   „Freue dich nicht zu früh.“ Pablo stierte ins Feuer. „Ich hörte, dass man gedenkt, das Amt Frollos seinem jüngeren Bruder anzuvertrauen, wenn wir Pech haben, geht es von vorne los!“
   „Bruder?“ Naomi blinzelte. „Ich wusste nicht mal, dass er einen Bruder hat.“
   „Schrecklich, nicht wahr?“ Jean, der gerade an ihnen vorbeigelaufen war, drehte wieder um. „Die arme Mutter!“ Er ließ sich lachend auf den Bühnenrand fallen.
   „Wie sieht es aus?“ Mateo reichte ihm einen Becher.
   „Monsieur Kruger arbeitet unermüdlich. Wenn er das Tempo beibehält, können wir versuchen, den ersten Wasserspeier binnen der nächsten zwei Wochen wieder anbringen. Schätze, seiner Majestät wird es gefallen, apropos, was habe ich verpasst? Abgesehen von dem schwarzen, vierbeinigen Teufel?“ Er grinste verhalten.
   „Wir glauben, dass er versucht, Esmeralda ihre Grenzen aufzuzeigen – “
   „Phœbus, meinst du!“, kicherte Mateo.
   Jehan runzelte die Stirn. „Hää?“
   „Alles, was Clopin bislang berührt hat, darf der Hauptmann nicht mehr berühren. Und so, wie sie gestöhnt und geschrien hat, war sie wohl nicht abgeneigt…“
   „Oha! … Hm, dann stehen die Karten für den Soldaten schlecht, würde ich behaupten.“ Der blondgelockte Romani grinste. „Und sonst, was macht seine Verfassung?“
   „Bezogen auf die Krankheit, besser. Was Esmeralda anbelangt, erlaube ich mir keine Spekulationen.“ lächelte Mateo diplomatisch. „Aber es könnte augenblicklich schlimmer sein. Ihm wird schon irgendetwas einfallen. Muss ja wohl, wenn er sie wiederhaben will…“
   Pablo schnaubte. „Hätte er sich eben geschickter anstellen soll, es geht ihm doch sonst alles so leicht von der Hand…“
   Jacques runzelte die Stirn. „Was ist denn momentan los mit dir?! Darf ich erinnern, dass du ihn damals aufgelesen und ins Versteck gebracht hast?“
   „Ich frage mich inzwischen, warum. Als ob er nicht selber irgendwann hier aufgekreuzt wäre, er wusste schließlich, wohin, oder etwa nicht, wer hat ihm denn den Anhänger anvertraut?“
   „Ach, jetzt bin ich der Sündenbock?!“ Mateo funkelte den Spanier an. „Ja, habe ich. Und ich habe es aus gutem Grund getan, ich wollte ihm die Chance geben, die er meiner Meinung nach verdient hatte und bei sich zuhause nun mal nicht wirklich ausleben konnte. Abgesehen von dem Dilemma mit Esmeralda hat sich einiges für uns gebessert und ich möchte behaupten, dass er seine Sache gut gemacht hat. Und ich darf hinzufügen, Pablo, dass er nie etwas zurückverlangt hat. Alles, was er damals wollte, war ein Unterschlupf vor Frollo. Den hatte er, und mit der Zeit hatte er deutlich bewiesen, dass mehr in ihm steckt, als ein Narr, der freche Reden schwingt. Und inzwischen glaube ich auch, dass noch mehr Potential in ihm schlummert. Seine Gegenleistung für unser Vertrauen war der Schutz vor Frollo, und das hat er bis zum Fiasko mit Esmeralda mit Bravour gemeistert… und ich will gar nicht wissen, wie viele Narben er unseretwegen trägt… … und er hat sich nie darüber beschwert.“ Er funkelte den Spanier an. „Wofür sollten wir ihm also nun Vorwürfe machen, wenn er der Meinung ist, sein Glück in Esmeralda zu finden, diese jedoch erst zurückerfordern muss? Niemand zwingt dich, mit ihr zu reden, wenn es so weit ist…“
   „Pffffff…“
   Jehan blickte ihm nach, als er davonstiefelte. „Er ist eifersüchtig.“, murmelte er.
   „Ja, das befürchte ich auch…“
   „Orca.“ Jacques schielte fragend zu dem Verschlag.
   „Beide am Schlafen, er schien es trotz allem nötig zu haben – das Schlafen, verdammt!“, hängte sie an, als sich alle drei dreckig angrinsten.
   „Ja, natürlich das Schlafen…“, feixte Mateo übertrieben zwinkernd.
   „Argh!“ Orca gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. „Idioten! Haltet ihn mir die nächste Zeit bei Laune, er wird es brauchen.“
   „Immer, und wir werden wohl auch auf Pablo achten müssen… du bist nicht sehr einverstanden mit seinem Diebstahl, oder?“
   „Kann ich es verhindern? Sein Risiko, die Soldaten wüssten auch so, wo sie hinmüssten. Aber sie scheint ihn ja wirklich zu mögen, soweit ich weiß, sind Friesen im Allgemeinen eher wenig angetan von einem Reiterwechsel, aber dafür vermittelt dieses Biest da oben bislang eindeutig die falschen Anzeichen.“
   „Man wird sehen.“, grinste Jehan. „Er wird schon wissen, was er tut…“


„Und du bist sicher, dass sie noch hier war?“
   „Nun, sie ist sehr groß, sie kann sich nicht einfach verstecken.“
   „Hmmm…“ Phœbus blickte sich mit gekräuselten Lippen in der leeren Box um. „Ich wüsste da schon einen Verdächtigen…“
   Marius zuckte die Schultern. „Ich habe ihn und Esmeralda sicher vor den Blicken der anderen nach draußen geschickt, ich weiß nicht, ob er in den nächsten Stunden noch einmal wiederkam. Jedenfalls habe ich nichts bemerkt… was werdet Ihr nun tun?“
   „Sollte ich denn etwas tun? Sie war Frollos Eigentum. Der sähe sie zwar sicher nicht gerne in den Händen eines Zigeuners, am Allerwenigsten in diesen, aber das war sein Problem. Mir ist an sich egal, wo sie steht, und sind wir ehrlich – was hat sie davon, hier hinten zu stehen, da sich wohl bis zur Ernennung eines neuen Richters niemand um sie kümmern wird. Und wie Ihr mir sagtet, hat Jehan ja jemanden…“ Er nickte zu dem Weißen in der anderen Box. „Warum sollte also Snowball hier stehenbleiben? Wie läuft es eigentlich mit der Suche nach Jehan?“
   „Wir folgen einem ziemlich deutlichen Indiz, ich werde Euch auf dem Laufenden halten.“, entgegnete Marius, der sich gedanklich eine Notiz machte, Clopin bei nächster Gelegenheit darauf anzusprechen, wie sie mit dieser Planung weiter verfahren sollten. „Wie geht es Esmeralda?“
   „Ich schätze, sie überdenkt ihre Strategie, da es mich nicht wundern sollte, wenn ein gewisser Narr gestern Nacht bei ihr Vergessen gesucht und auch gefunden hat. Ich werde mitspielen, solange sie es wünscht, aber ich bin auch nicht böse, wenn sie eine Abkürzung nimmt…“
   „Durch Clopins Strumpfhose?“, fragte Marius grinsend und Phœbus hob eine Braue: „Ich dachte, da wäre sie schon gewesen?“
   Der Soldat lachte leise. „Ihr schlagt Euch dennoch gut, ich denke auch, dass er Euch die drei Tage nicht lange übelnimmt, irgendwo hatte er es verdient… und Ihr habt ihn gerettet…“
   „Hmmm…“, machte der Hauptmann abwesend. „Nun gut, ich bin dann mal wieder weg, man wird schon sehen… solange er am Ende bekommt, was er will, soll er mich foppen, ich kann es ihm ja ohnehin nicht verbieten.“
   „Ihr könnt es versuchen, er wird es sich nur nicht bieten lassen. Schätze, da hat Esmeralda die besseren Karten als ihr.“
   „Bevor du weiter gehst, darf ich einwerfen, dass ich in ihrer Aufmachung endgültig nicht gut aussehen würde?“
   Marius grinste. „Oh, ich glaube seine Majestät fände es lustig.“
   „Korrekt, und das alleine sollte Grund genug für mich sein, es nicht zu tun.“


Esmeralda streckte sich ausgiebig und blickte an die Felsdecke des Gewölbes. Sie wusste nicht, wie spät es war, aber sie fühlte sich rundum ausgeschlafen. Ihr Blick glitt zur Seite, ehe sie eine leichte Schnute zog, doch sie ahnte nur zu gut, dass ein gewisses vierbeiniges Tier gerade Clopins Aufmerksamkeit forderte; ein Punkt, in dem sie ihm nicht wirklich einen Vorwurf machen konnte. Sie rollte sich leise stöhnend auf den Bauch und zog den Korb zu sich, in dem sie einiges an Essen fand. Vor sich hinkauend analysierte sie den gestrigen Abend.
   Sie würde Clopin nicht auf die beiden Soldaten ansprechen, aber sie ahnte irgendwo, dass sie ihm mit dem Freischein, den sie ihm gestern erteilt hatte, in gewisser Weise eine Medizin gewesen war. Und sie musste erkennen, sie würde es wieder tun, auch ohne heilende Wirkung für ihn. Es hatte ihr gefallen, es war gut gewesen; sie glaubte jetzt noch seine Zunge zu spüren; alleine der Gedanke ließ ihr Geschlecht freudig zucken. Sie musste grinsen. Hauptsache war doch, es hatte beiden gefallen, was interessierte sie, was die anderen dachten?
   Vor sich hinkauend überdachte sie ihre Situation. Es wäre so leicht, nun einfach hier zu bleiben, doch wie schon zuvor, meldete sich eine leise Stimme in ihrem Kopf, dass es noch nicht Zeit dafür war. Sie schnaubte, aber beschloss, dieser Stimme abermals zu glauben.
   „Ah, du bist wach!“
   Sie wälzte sich auf den Bauch. „Orca.“
   „Und?“
   „Was und?“
   Orca wackelte vielsagend mit den Brauen und Esmeralda streckte ihr die Zunge heraus, was Orca schon Antwort genug war. „Dachte ich es mir doch… nun, offenbar wart ihr ja beide zufrieden.“
   Die Spanierin hustete affektiert.
   „Lasse mich raten, du wirst nicht bleiben?“
   „Nein. Aber ich werde mir etwas überlegen, die Sache zu beschleunigen. Und es dennoch so zu drehen, als wäre es sein Verdienst. Ich möchte nicht einfach so hier wieder erscheinen und einen Fehler gestehen, das würde ihm zwar passen, aber…“
   „Verstehe schon. So ein Ego eines Königslöwen will eben ab und an gekrault werden.“
   Esmeralda nickte langsam. „Exakt. Sollte etwas sein, wissen er oder du ja, wo ich bin.“
   „Gut. Er meinte, ich sollte dich schlafen lassen, er ist erst seit etwa zwei Stunden wach, ich vermute er ist oben im Stall; jedenfalls würde es mich nicht wundern…“
   „Stört es dich wirklich?“
   Orca zuckte die Schultern. „Es war eher ein Reflex, ich hätte einfach nie damit gerechnet, aber gut, wenn er möchte… er hat die Arbeit und Kosten, nicht wir… offenbar mag Snowball ihn wirklich, und solange sie sich nicht beschwert… ich hoffe nur, er denkt sich einen anderen Namen aus.“
   „Oh, ich bin sicher, dass er das tun wird – solange er sie bitte nicht nach mir benennt!“
   „Wäre das nicht aussagekräftig?“
   „Als bräuchte ich weitere Zeugnisse seiner Gefühle…“, murrte Esmeralda und wedelte nur mit der Hand, Orca wieder nach unten zu schicken, welche schmunzelnd entschwand.


„Ich bin immer noch leicht geschockt, weißt du?“
   „Du und der restliche Hof, Mateo.“, lächelte Clopin. Seine Hände fuhren durch die dichte schwarze Mähne vor sich. „Für den Anfang muss dir das reichen, Schätzchen, mal sehen, was ich an Hilfsmitteln auftreibe.“
   „Du hättest es ja gleich mitklauen können.“ Jehan beobachtete ihn mit schiefgelegtem Kopf von der Tür des Unterstandes aus.
   „Wenn ich gewusst hätte, wo, hätte ich das wohl getan, aber mal sehen, was sich ergibt. Mir ist klar, dass hier einiges an Arbeit und Kosten auf mich zukommt, aber das ist es wert.“
   „Ich finde es auch immer noch sehr irritierend, dass sie dich mag.“
   „Tja… ich würde ja gerne Fötus’ Gesicht sehen.“ Er kicherte böse.
   „Was ist eigentlich passiert, ich meine, du bist nicht ohne Grund drei Tage weg?“
   Clopin zögerte, erzählte es ihm dann aber doch, wohlwissend einige Passagen aussparend, die zu peinlichen Fragen führen könnten.
   „Du glaubst also, dass sie noch leben?“
   „Frollo hatte es mir gegenüber schon angedeutet.“ Der Narr fischte den Pergamentfetzen aus dem Kostüm. „Dies ist nur der bestätigende Beweis…“
   „Das Datum ist böse, wenn ich mich recht erinnere…“, murmelte Mateo.
   „Ja… aber besser so, als anders… ich werde sehen, was ich mit diesem Wissen anfange.“
   „Was sehen deine Pläne mit einer anderen, rassigen Stute vor?“
   „Sie von einem blonden Wallach fernhalten.“
   Jehan verschluckte sich an seinem Wein und Mateo schüttelte nur feixend den Kopf. „Ich will nicht wissen, wie viele Kreuze er macht, wenn ihr euch endlich vertragt. Von ihr mal zu schweigen.“
   „Mal sehen… Ich könnte es auch anders nennen.“
   „Und wie?“
   Clopin grinste süßlich. „Eine humanoide Rektalöffnung mit charakterlich bedingtem Negativ-Sympathie-Potential.“
   „Humanoide…“, fing Mateo leise an, ehe ihm der Mund aufklappte und er mit Jehan in schallendes Gelächter ausbrach.
   „Ich weiß, du bist mit meiner Entscheidung nicht einverstanden, aber du übertreibst es.“
   „Hindere mich daran, Esmeralda.“ Er blitzte sie herausfordernd an.
   „Ich bin doch nicht lebensmüde!“
   Doch, bist du, weil du mich mit der Tatsache deiner Wahl andauernd provozierst, dass ich dir wohl doch irgendwann den Hals umdrehe… Er legte den Kopf schief. „Das klang gestern aber ganz anders!“
   Sie kniff die Lippen zusammen, und Clopin hätte es nicht gewundert, hätten ihre Ohren Dampf ausgepustet, so rot, wie sie nun war. Schmunzelnd fuhr er mit den Fingern durch die letzte Strähne und kraulte der Stute die Schnauze, die nur leise schnaubte. „Ich weiß, Schätzchen, es ist noch nicht allzu wohnlich, aber das ändert sich noch. … ich schätze, du wirst dann wieder verschwinden?“, fragte er an Esmeralda gewandt.
   „Hmm…“ Sie nickte nur langsam. „Ja, ich denke schon, ich sollte… das von gestern verarbeiten.“, nuschelte sie, einen vorsichtigen Blick zu Mateo werfend.
   Der lachte. „Keine Scheu, wir haben dich alle gehört!“, parierte er, woraufhin Esmeralda laut aufstöhnte und nach draußen verschwand, Djali einzusammeln.
   Jehan schmunzelte, ehe er irritiert bemerkte, dass Clopin genau hinter ihm stand. „Majestät?“
   „Ich hätte in naher Zukunft ein Attentat auf dich vor…“
   „Ich höre?“
   Clopin legte bedeutungsschwer den Kopf schief und hob eine Braue.
   „Oh! Ja. Ja, ich werde… mich alsbald darum kümmern.“, nickte Jehan, als ihm klar wurde, dass der Narr auf die Nachfolge Frollos anspielte.
   „Gut, du weißt, was du zu tun hast, ich verlasse mich auf dich. Ansonsten will ich auch auf dem Laufenden gehalten werden.“
   „Verstanden.“
   Clopin nickte und trat nach draußen, er würde sich nachher weiter um Snowballs Pflege kümmern. Und sich einen neuen Namen überlegen. Bislang war er mit dem Verlauf zufrieden, die Nacht mit Esmeralda war ein nicht auszuschlagender Pluspunkt gewesen, den er nur zu gerne angenommen hatte. Er würde sich die nächsten Tage von dem Aufenthalt im Justizpalast erholen, und sich der Stute widmen, ehe er seinen Fokus wieder auf die eigentliche Dame seines Lebens richtete. Und er sollte auch mal wieder bei Quasimodo vorbeischauen, nicht nur, um zu sehen, wie die Arbeiten an der Kathedrale vorangingen, bei dieser Gelegenheit könnte er eine andere Sache in Angriff nehmen, die seit einem der Gespräche mit dem Hauptmann in seinem Hirn umherwaberte…
   Sein Blick folgte dem Ziegenbock, welcher seinem Frauchen hinterherhüpfte, die es nicht sehr eilig zu haben schien, sich vom Versteck zu entfernen. Er schürzte die Lippen, umso besser für ihn, denn er wusste, dass das, was sich gerade in seinem Kopf formte, nach draußen wollte. Sollte sie es hören und sich ihre eigenen Überlegungen dazu machen. Seine sämtlichen Gedanken und Emotionen auf Esmeralda lenkend, ließ er seiner Stimme freien Lauf.

„Vor dir waren Herz und Leben leer.
Mein Schicksal lag in meiner Hand.
Ich fragte, jedoch du sagtest Nein.
Mein Herz war wie aus Stein.
Den Schmerz werd’ ich auf ewig spüren.
Schließ’ meine Augen und seh’ dich.
Du stahlst dich langsam in mein schwermütiges Herz,
so dass ich’s kaum ertrag’.

Du wirst mich nie mehr verlassen,
auch wenn du nie wiederkehrst.
Doch du wirst mich quälen, trösten,
lässt mich träumen, was auch kommt.
Ohne dich bin ich verloren,
und mein Blick sucht stets nach dir;
ich stell’ mir vor, du kehrst zurück
und willst bei mir für immer sein.

Für mich war Liebe nur ein Spiel!
Nur Worte in einem Gedicht!
Doch jetzt, wo du so unerreichbar bist für mich,
seh’ ich dich dort im Licht!

Du wirst mich nie mehr verlassen,
denk’ an dich immerzu;
Du hast mich verändert
und bist da, bei allem, was ich tu’.
Ohne dich bin ich verloren
und mein Blick sucht stets nach dir…
Doch ich weiß, auch die Zeit verrinnt,
wenn eine kalte Nacht beginnt!
Ich weiß, wie töricht ich jetzt bin,
doch ich warte hier auf dich!!“


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Reviews herzlichst erwünscht ^^


Copyright
Fürchte den Bock von vorn, das Pferd von hinten und den Menschen von allen Seiten. --> Russisches Sprichwort
Zu Dir --> COPPELIUS Album ZINNOBER (2010)
Irgendwo In Meinem Geiste --> SALTATIO MORTIS Album Aus Der Asche 2007
Nach Jahr Und Tag --> SALTATIO MORTIS Album Sturm Aufs Paradies 02.09.11
Show me Light --> Ramin Karimloo ALBUM Ramin 15.01.2013
Ich Warte Hier Auf Dich (die ersten drei Zeilen geändert und von "Sie" auf "Du") --> Disney's DIE SCHÖNE UND DAS BIEST 2017 Deutscher Soundtrack 9. März 2017


Übersetzung
[1] Würdest du das bitte wiederholen?
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