Sam

GeschichteRomanze, Thriller / P18
Emma Ludbrook Jared Leto OC (Own Character) Shannon Leto Tomislav "Tomo" Milicevic
01.10.2013
18.04.2019
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Sam

Ich wusste nicht, wie lange ich an dieser verdammten Wand stand und wenn ich ehrlich war, wollte ich es auch gar nicht wissen. Nach gefühlten hundert Jahren später waren die drei Herren so gnädig und betraten den Raum – endlich. Ich hätte mich doch nie auf so etwas eingelassen, wenn ich gewusst hätte, dass ich nun mehr als vierzig Minuten warten musste. Dabei stellte ich es mir alles ganz anders vor: Die 30 Seconds to Mars Jungs huschten schnell in den Raum, unterzeichneten bereitwillig die CDs der Fans und lieferten dann eine grandiose Show ab. Aber nein, das sollte halt einfach nicht sein. Wahrscheinlich war ich hier die einzige im Umkreis von drei Kilometern, dessen Stimmung in den Keller gesunken war. Eigentlich wollte ich bloß noch in Ruhe gelassen werden und mich in mein Hotelzimmer unter der Bettdecke verkrümeln, wäre da nicht meine beste Freundin Eléa. Wegen ihr hatte ich erst diese verdammte Idee, Golden Tickets zu kaufen, nur um ihre eine Freude zu machen und ich hatte mit dieser Idee völlig ins Schwarze getroffen, denn sie hatte bloß einen einzigen Wunsch, den ich ihr bedingungslos erfüllte: VIP-Tickets für ihre Lieblingsband 30 Seconds to Mars.
»Oje, ich bin so furchtbar aufgeregt!«, riss mich die quäkende Stimme von Eléa aus den Gedanken. Mein Kopf fuhr hoch und ich betrachtete mit leichtem Argwohn, wie sie sich in die Hände klatschte und nervös mit den Füßen auf und ab wippte. Auf ihrem wunderschönen mit Sommersprossen übersäten Gesicht breitete sich ein wirklich breites Grinsen aus, das scheinbar bis zu ihren beiden Ohren reichte. Ihre langen blonden Haare hatte sie zu einem hohen Zopf zusammengebunden, wobei einige Strähnen in ihr Gesicht fielen. Ihr hellgrünes Augenpaar huschte umher; zu mir, dann zu den anderen Fans, von denen sich einige bereits mit den 30 Seconds to Mars Jungs unterhielten.
»Sam!«, quengelte sie und krallte sich meinen linken Arm und schon wurde ich durch den Raum gezogen, wie ein Hund an der Leine.
Endlich blieb sie stehen, genauer vor einem großgewachsenen Mann. Bei näherer Betrachtung erkannte ich ihn: Es war Tomo, der Gitarrist der Band.
Das erste, was mir auffiel, war, dass er wirklich sehr gepflegte Schuhe für jemanden hatte, der ständig unterwegs war, was man wohl von seinem weiteren äußeren Erscheinungsbild nur mehr oder minder behaupten konnte. Sein Kinn, sowie seine Wangenknochen waren von einem dichtbewachsenen Bart bedeckt und seine pechschwarzen Haare waren zu einem niedrigen Zopf zusammengebunden, der sich in seinem Nacken kringelte. Er trug ein zerschlissenes graues Shirt, darüber eine schwarze Lederjacke, eine schwarze Röhrenjeans mit bereits kaputten Stellen an den Knien und ebenfalls schwarze Sneakers.
Tomo lächelte uns warm an und fragte: »Hallo, ihr beiden. Wie geht’s euch?« Eléa antwortete so schnell, dass ich irritiert war.
»Super, uns geht’s super.«, sagte sie und wirkte völlig hibbelig. »Nur meine Freundin,… sie ist ein wenig aufgeregt.« Mit einem verschmähten Grinsen stieß sie mir mit dem Ellbogen in die Seite. »Ich bin nicht aufgeregt.«, murrte ich und schüttelte gleichzeitig mit dem Kopf.
»Bitte nicht streiten. Kann ich etwas unterzeichnen?« Eléas Kopf richtete sich blitzschnell in Tomos Richtung, der uns mit amüsierten Blicken musterte, während sie ihm ihre CD entgegenhielt, die er mit schnellen Fingerbewegungen unterzeichnete.
»Was ist mit dir?«, fragte Tomo und sah mich mit einem ruhigen Gesichtsausdruck an.
»Eh,… ich… warte kurz.«, stammelte ich leise vor mich hin und tastete meine Jacken- sowie Hosentaschen ab, aber leider hatte ich nichts dabei, auf dem Tomo hätte unterzeichnen können. Vielleicht hätte ich mir doch irgendein Stück Papier mitnehmen sollen, denn wie sah das denn aus? Da hatte ich einmal VIP-Tickets, aber an einen Zettel hatte ich natürlich nicht gedacht. Zwar war ich nicht besessen darauf, dass Tomo etwas für mich unterzeichnete, aber an ein kleines Andenken hatte doch keiner etwas einzuwenden.
»Tut mir leid, aber ich hab nichts zum Unterschreiben.«, sagte ich leicht hilflos und zuckte mit den Achseln.
»Das ist nicht schlimm.«, entgegnete er mir immer noch lächelnd und fischte dann eine rechteckige Schachtel aus seiner rechten vorderen Hosentasche. Neugierig betrachtete ich sein Tun bis ich erkannte, dass es seine Zigarettenschachtel war. Diese unterzeichnete Tomo schnell und überreichte sie mir schließlich.
»Oh, danke.«, murmelte ich peinlich berührt. Ich merkte, dass ich leicht rot um die Nase wurde und ich versuchte es mir nicht anmerken lassen und strich mir automatisch mit den Fingerspitzen durch die Haare. Tomo verabschiedete sich anschließend von uns und begrüßte im nächsten Atemzug auch schon andere Fans.
»Komm! Shannon steht da!«, rief Eléa energisch und zog an meiner Kapuzenjacke. Und schon schliff sie mich zur genannten Person. Wie ein Hund an der Leine, hallte es wieder durch mein Hirn. Die letzten paar Meter stolperte ich zu Shannon, der mich kurz mit seinen braun-grünen Augen fixierte, dann richtete sein Blick sich zu Eléa, die auf Knopfdruck losplapperte.
Shannon trug ein schwarz-weiß gestreiftes Shirt, was ihm scheinbar eine Kleidernummer zu groß war, darüber trug er eine schwarze Lederjacke und sein Hals wurde von einem bunten, schmalen Tuch geziert.
Ab und an nickte Shannon und legte den Kopf schief. Endlich kam er auch zu Wort und fragte sie, ob er etwas unterzeichnen konnte.
»Klar.«, war Eléas prompte, überraschende Antwort und sie überreichte Shannon die CD, die er mit einem erneuten Blick in meine Richtung in seine Hand nahm. Während er Eléa die CD zurückgab, glitt sein Blick nun länger ruhend zu mir. Wahrscheinlich suchte er nach etwas zum Unterschreiben, aber ich hatte nichts dabei.
»Hey, du hast ja gar nichts zum Signieren.«, stellte er verwirrend fest.
»Doch, hab ich.«, widersprach ich ihm, denn mir fiel Tomos Zigarettenschachtel auf einmal wieder ein, woraufhin Shannon mich mit einer stirnrunzelnden Miene anschaute. »Ach und was?«, hakte er nach. »Da – von eurem Gitarristen, Tomo.« Shannon wirkte erstaunt und hob gleichzeitig eine Augenbraue als ich ihm die Zigarettenschachtel zeigte, die ich in meiner Jackentasche versteckt hatte.  
»Aha, da kann ich da ja auch unterschreiben.« Es war eine Feststellung, keine Frage. Shannon zog also wieder seinen Stift aus seiner Hosentasche und kritzelte munter drauf los. Als ich ihn beobachtete, wie er da so stand, bemerkte ich, dass er genauso groß war wie ich. Also nicht grad groß für einen Kerl mit muskelbepackten, tätowierten Armen.
»Bitte.«, sagte er und gab mir die Zigarettenschachtel wieder. Ich nickte ihm dankend zu, während ich einen flüchtigen Blick zu Eléa wagte, die plötzlich ruhig geworden war, was mir erst jetzt richtig auffiel. Sie stierte mit einem neidischen Blick zu Shannon, dann kurz zu mir und als sie merkte, dass ich sie ebenfalls ansah, schaute sie sofort weg. Ich wusste in solchen Momenten nie, wie ich richtig reagieren sollte, da Eléa gleich auf stur schaltete und sie nicht mehr mit sich reden ließ. Leise seufzte ich und anscheinend hörte Shannon mich, denn er fragte: »Kann ich etwas für dich tun?«
»Oh, nein, nein… Mir geht’s gut. Wirklich.«, beteuerte ich ihm mit einem eindringlichen Blick. Shannon nickte konfus darauf, murmelte irgendetwas wie: »Ich liebe Sarkasmus.« und wandte sich schließlich um, doch er stolperte einige Schritte rückwärts, als eine Person dicht hinter ihm stand und ihn mit einem fröhlichen Lächeln beobachtete. »Pass auf, wo du langläufst, Bruderherz.«, sagte diese Person. Es war Jared, der ein halben Kopf größer war als Shannon.
»Du kannst ja auch mal auf deine Mitmenschen achten, die kleiner sind als du, Bruderherz.«, konterte Shannon beißend. Schadenfroh pikste Shannon Jared mit dem Stift in die Seite und lachte mit einem lauten, warmen und tiefen Lachen und sputete sich dann jedoch mit Wegrennen, da Jared ihn auf den Hintern schlagen wollte. Amüsiert lächelnd schaute ich die beiden an, bis sich Jared zu uns umdrehte. Automatisch schüttelte er den Kopf, sodass seine zerzausten blonden, teils braunen Haare hin- und her schwankten. Er trug ein einfaches weißes zerknittertes Muskelshirt und eine enge schwarze Jeans mit vielen bestickten Reißverschlüssen darauf. An seinem Hals baumelten ein Rosenkranz und eine Kette eines Dreiecks mit einem Querbalken in der Mitte. Stoisch beäugte ich die Kette und fragte mich, was dieses Zeichen wohl zu bedeuten hatte.
»Hi.«, hauchte er mit gedämpfter Stimme und lächelte charmant. Und schon war es um mich geschehen. Jeglicher meiner Gehirnfunktionen schalteten sich augenblicklich aus und ich wollte am liebsten die Flucht ergreifen. Instinktiv sah ich mich hilflos nach einer Fluchtmöglichkeit um. Natürlich hätte ich wissen müssen, dass es keine Fluchtmöglichkeiten gab. Kurze Zeit später drang auch schon wieder Eléas Geschwätz in meine Ohren. Ich konnte verstehen, dass sie Jared erzählte, dass wir extra den langen Weg von Deutschland auf uns genommen hatten nur um auf das Konzert gehen zu können. »Aha.«, sagte Jared wohlwollend und wechselte einen kurzen Blick mit mir. Seine tiefblauen Augen fraßen sich durch meinen Blick hindurch und ich war diesem Blick schutzlos ausgeliefert. Wahrscheinlich würde er jetzt, genau in diesem Moment auf den Grund meiner Seele blicken. Die Hitze stieg in meinen Kopf und ließ meine Kehle wie durch ein unsichtbares Band zuschnüren. Ich fühlte, wie er mich mit diesem Blick beeindrucken beziehungsweise einschüchtern wollte und beides hatte er problemlos geschafft.
Beruhig dich, sagte ich mir in Gedanken, was rein gar nichts bewirkte.
»Und es gefällt dir hier?«, hakte Jared scheinbar interessiert nach und legte den Kopf schief ohne den Blick von mir zu lösen. Ich dachte, dass er mit mir sprach, aber ich bekam kein einziges verdammtes Wort heraus – geschweige denn einen primitiven Vokal. Schon allein von der Vorstellung englisch zu sprechen, war ich meilenweit entfernt.
»Ja, es ist schön.«, gab Eléa aufgeregt als Antwort. Jared nickte einmal und nahm dann ihre CD entgegen, unterschrieb sie und gab sie ihr zurück.
»Was ist mit dir?«, fragte Jared nun an mich gerichtet und sah mich fordernd an. »Ich hab nichts zum Unterzeichnen.«, sagte ich zu schnell, denn mir fiel zu spät die Zigarettenschachtel ein. Und wenn ich ehrlich war, wollte ich nicht, dass er irgendetwas für mich unterschrieb.
»Wie ist dein Name?«, war seine nächste Frage, die mich merklich überrumpelte.
Warum wollte er meinen Namen wissen?
»Sam.«, antwortete ich mit angehauchter Skepsis, woraufhin Jared doch wirklich herzlich lächelte. Schnell fischte er einen kleinen quadratischen Zettel aus seiner Hosentasche und kritzelte flink etwas darauf. Anschließend huschte sein Blick durch den Raum, dann zu Eléa, die sich mit einem anderen Fan unterhielt, bevor er meine Hand nahm, den Zettel in meine Hand drückte und meinen Arm fest an meinen Körper legte.
Mein gesamter Arm zitterte auf einmal, während sich ein undefinierbares Kribbeln ausbreitete, genau an der Stelle, an der Jared meine Hand berührte. Ich schaute erschrocken zu ihm hoch, aber er sah mich nur an. Spürte er dieses Kribbeln auch oder spürte er es doch nicht? Nach einer Weile des wohl gegenseitigen Anstarrens verabschiedete sich Jared von mir und er lächelte wieder… oder immer noch. Ich wusste es nicht genau.
Völlig konfus suchte ich nach Eléa, die, sehr zu meinem Leidwesen, verschwunden war. Klasse! Jetzt musste ich sie auch noch suchen. Aber bei diesen vielen Leuten würde es unmöglich sein, sie zu finden, zumal sie eine zierliche, kleine Person war.
Leise vor mich hin fluchend trottete ich in eine ruhigere Ecke des Raumes; zurück an eine Wand, an die ich mich lehnte.
Tief einatmend ließ ich die Situation Revue passieren.  
Die Faszination, die von ihm ausging, versetzte mich in eine tiefe Hypnose, die ich nicht umgehen konnte. Seine Augen ließen mich in eine Art Trance fallen. Dieser Mann hatte eine so starke Anziehung, eine, die ich noch nie zuvor erlebt hatte, ein Gefühl, das sich nicht beschreiben ließ. Es schien beinahe so, als ob alles andere nun völlig egal war, es zählte nur noch er. Sam, jetzt reiß dich zusammen! Ich versuchte mir einzuschärfen, dass es schlichtweg absurd war, dass ich solche Gedanken an den Tag legte. Ich fragte mich, ob all diese Dinge eine Bedeutung hatten oder ob sie überhaupt irgendeine Bedeutung hatten, für mich, für die Welt, das Universum, was wusste ich denn, wer mich dazu brachte mich so sehr in diese Sache hineinzusteigern, Gott, Buddha, Allah, alle Götter zusammen, Amors Pfeil, der mich mitten in mein Herz traf oder ganz einfach nur meine blühende Fantasie. Schließlich hatte er mich ja bloß angesehen! Aber eine Stimme tief, sehr tief in meinem Inneren flüsterte mir zu, dass es eben nicht der Fall war und ich nicht unter Halluzination litt. Auf eine Weise löste Jared etwas in mir aus, etwas, was ich nicht verstand.
Wäre ich allein gewesen, dann hätte ich mir gegen die Stirn geklatscht, so aber schüttelte ich einmal kräftig mit dem Kopf, um meine wirren Gedanken wieder zu ordnen. Mein Herz pochte immer noch wie wild gegen meinen Brustkorb und drohte jeden Moment aus meinem Körper zu springen. Als ich genau an dieser Stelle meine flache Hand legte, fühlte ich, wie unregelmäßig meine Herzschläge doch waren.
Plötzlich hörte ich ein schrilles Geräusch. Starr schaute ich mich um. Eléa stand direkt vor mir und fragte hektisch: »Sam, wo bleibst du? Ich will noch ein Bild mit dir und den Jungs machen!« Sie packte sich meinen Oberarm und schliff mich hinter sich her.
Wenig später standen wir in einer Reihe. Flüchtig schaute ich mich um. Viele der Mädchen waren jünger als ich, zumindest schien dies so. Vielleicht ließ ich mich auch von der Unmenge an Schminke auf ihren Gesichtern täuschen. Ich konnte sowieso nie richtig verstehen, wie sich manche dieses Zeug tonnenweise an sich schmierten. Viel schöner wirkten sie dadurch auch nicht. Aber gut, wahrscheinlich war ich zu naiv um zu verstehen, warum sie es machten. Beängstigender Weise schielte ich zu Eléa, die völlig abgedreht wirkte und sie somit auf komische Weise den anderen Mädchen ähnelte.
Dann waren wir an der Reihe. Ich wusste nicht recht, wo ich mich hinstellen sollte, jedoch wurde mir diese Entscheidung schnell abgenommen, als Jared mich zu sich winkte. Er machte zwar bloß eine minimale Handbewegung, ich konnte sie aber trotzdem noch wahrnehmen und ging kompromisslos zu ihm hin. Hätte er nicht gleich seinen Arm um mich gelegt, wäre Eléa an meine Stelle getreten, die mir augenblicklich einen garstigen Blick zuwarf, sich dann aber zwischen Shannon und Tomo einreihte. Anschließend wanderte seine Hand weiter nach unten zu meiner Taille. Panik durchfuhr meinen gesamten Körper. Scharf zog ich die Luft ein und legte meine Hand behutsam um seine Mitte.
Von einem Moment auf den anderen erhellte der Blitz den Raum und verschleierte meinen Blick. Sekunden später holte Eléa sich ihre Kamera ab, dessen Schlaufe sie um ihr Handgelenk legte. Zum Abschied streichelte Jared über meine Seite. Kleine, sachte Bewegungen machte er, die man rein äußerlich nicht erkennen konnte. Auch ich bemerkte seine Bewegungen nicht und erst dachte ich, dass ich es mir nur einbildete, aber als ich in sein engelsgleiches Gesicht blickte, lächelte er mich erneut an. Nur diesmal verriet ihn sein Lächeln und unweigerlich lächelte ich zurück. Ich wurde jedoch durch Eléa in die Realität zurückgeholt, als diese sich bei mir unterhakte und mir ein fröhliches Grinsen zuwarf. In großen Schritten liefen wir aus dem Raum durch einen mit Fliesen ausgelegten Gang. Jegliche Gedanken schwirrten nur um Jared und auch wenn ich versuchte an etwas anderes zu denken, war ich nicht fähig dazu. Es gab nichts Vergleichbares an was ich jetzt denken konnte.
Eléas Absatzschuhe verursachten ein helles klapperndes Geräusch, was mich merklich störte, wodurch ich mich aber wieder auf meine Umgebung konzentrieren konnte.  
»Ich bin mal gespannt, wie das Konzert wird.«, schwärmte Eléa plötzlich und sah sich forschend im Raum um, in dem wir uns befanden. Ich stutzte. Ich hatte es gar nicht mitbekommen, dass wir in einen anderen Raum, genauer in ein kleines Restaurant, gegangen waren. Einige Mädchen, die beim Meet and Greet waren, saßen an den Tischen und unterhielten sich. Wahrscheinlich war ‚30 Seconds to Mars‘ das Thema, worüber sie sich vielleicht noch in drei Monaten erzählten.  
»Komm, lass uns was essen. Ich hab Hunger.«, sagte Eléa und ging auch schon auf einen Tisch zu, wo sie sich auf einen Stuhl niederließ. Auch ich setzte mich und zwar gegenüber von ihr. Ein Kellner kam nach circa fünf Minuten zu uns an den Tisch und nahm Eléas Beststellung auf, während ich immer noch überlegte, ob ich überhaupt etwas essen sollte. Schließlich entschied ich mich doch für einen einfachen kleinen Salat und ein Glas Wasser.
»Guck mal.«, sagte Eléa und legte ihre CD vor mir auf den Tisch. Sie wirkte sehr stolz diese CD zu besitzen, die nun von drei Unterschriften geziert wurde, was ich in keinem Punkt nachvollziehen konnte. Wie konnte man sich nur wegen drei Unterschriften so dermaßen freuen? Eléa, es waren doch bloß Unterschriften!
»Wow, das ist echt atemberaubend.«, versuchte ich trotz alledem fanmäßig zu klingen, was mir eigentlich ganz gut gelang.
»Und hast du Jared gesehen, wie toll er heute doch wieder aussah?«, säuselte sie und grinste. Ich hob eine Augenbraue und rollte kaum merkbar mit den Augen. Das waren Eléas ständige Schwärmereien. Sie nervte mich damit schon seit dem Tag, als sie den winzigen Zeitungsartikel über ihn gelesen hatte, in dem stand, dass er das neue Gesicht für Hugo Boss werden würde.
»Ja, ich hab ihn gesehen, Eléa.« Jedoch kam ich nicht weiter, da stand auch schon der Kellner neben uns und stellte unsere Beststellung auf den Tisch und wünschte: »Einen guten Appetit, die Damen.«, ehe er wieder verschwand.
»Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass er beinahe vierzig ist.«, plapperte sie weiter, worauf ich mich an meinem ersten Schluck Wasser furchtbar verschluckte.
»Wie bitte? Vierzig?«, quiekte ich mehrere Oktaven höher und musste mich mehrmals räuspern. Eléa schaute mich besorgt an, nahm mir das Glas ab und stellte es zurück auf den Tisch, damit nicht auch noch ein kleines Malheur passieren konnte.
»Naja, wie schon gesagt, ist er beinahe vierzig. Neununddreißig um es genauer zu sagen.«, berichtigte sie ihre Aussage achselzuckend. Für einen kurzen Moment verlor ich die Fassung. Neununddreißig! Himmel Herrgott! Schon allein die Vorstellung, die sich in meinem Kopf abspielte, dass ein neununddreißigjähriger Mann mit mir geflirtet hatte, schob ich ganz schnell beiseite. Dabei sah er alles andere als alt aus. Und immerhin lagen zwischen uns satte sechzehn Jahre Unterschied.
»Oh.«, stieß ich aus und suchte nach den richtigen Worten, »Aber er sieht doch noch so jung aus.«
Eléa nickte kräftig. »Das stimmt.«, gab sie mir Recht und nahm Messer und Gabel in die Hände. »Beide sind noch so gut in Form.«
»Und wie alt ist Shannon?«, hakte ich nach und nahm erneut das Wasserglas in die Hand und nippte ein paar Mal.
»Er ist ein Jahr älter – also vierzig.«, antwortete Eléa, bevor sie ihr Schnitzel in Stücke schnitt. Auch ich nahm meine Gabel und stocherte in meinem Salat. Während ich aß, hörte ich hin und wieder Eléa zu, die nur noch von einem Thema sprach: Jared. Es war ihr scheinbar egal, ob ich ihr nun zuhörte oder nicht, denn sie plapperte einfach ohne Punkt und Komma. »Hach, und hast du seine durchtrainierte Figur gesehen? Er ist so verdammt sexy!« Gezwungen lächelte ich, als ich ihr sagte, dass ich auf solche Details rein gar nicht geachtet hätte.
»Du wusstest ja noch nicht einmal, dass Shannon und Jared Geschwister sind, wenn ich es dir nicht gesagt hätte!«, rief sie vorwurfsvoll. Da musste ich ihr Recht geben. Dabei sahen sich Jared und Shannon wirklich nicht ähnlich.
»Hast du keinen Hunger?«, fragte Eléa plötzlich und musterte mich mit einem fürsorglichen Blick.
»Hm?«, machte ich, während ich zu ihr stierte.
»Dein Salat?«, fragte sie und zeigte mit ihrer Gabel, auf der ein Stück Schnitzel aufgespießt war, auf meinen Teller, der noch fast genauso aussah, wie ich ihn bestellt hatte. Meist hatte ich nur mit den Salatblättern im unappetitlichen aussehenden Dressing gestochert. Als Antwort zuckte ich mit den Achseln und würgte mir noch ein paar Salatblätter runter, ehe ich den Teller beiseiteschob und letztlich noch am Wasser schlürfte. Denn das war wohl das einzige in diesem schäbigen Restaurant, was schmeckte.
Gerade beobachtete ich eine Gruppe von Mädchen, die aufstand und das kleine Restaurant verließ, da meinte Eléa zu mir: »Wir sollten auch langsam gehen. Schließlich will ich nichts verpassen.« Sie legte ihre linke Hand auf meinen Handrücken, bevor ich nickte.
Schon auf den Weg zur Konzerthalle, wuchs die Anspannung – nur nicht bei mir. Irgendwann, so glaubte ich, hatte ich nicht recht die Kurve gekriegt. Eléa hingegen war wie auf eine andere Ebene katapultiert worden und ständig knetete sie nervös ihre Hände oder fummelte an ihren Haaren herum.
Zu Anfang wurde die Bühne durch dichten Nebel verschleiert, dann begann die Show mit einem Krach. Der Vorhang fiel von einer Sekunde auf die andere und plötzlich erkannte ich die gräulich-schwarzen Umrisse eines Schlagzeugs. Hinter dem genannten Instrument waren die blassen Konturen von Shannon zu erkennen, der in regelmäßigen Abständen Rhythmen darauf erzeugte. Und die Menge flippte aus. Von überall her war Gekreische zu hören. Schlimmer wurde es jedoch noch, als Jared die Bühne in großen, eleganten Schritten betrat. Auch Eléa neben mir war völlig außer sich und schrie und brüllte die gesamte Zeit. Ich versuchte mich so gut es ging einzufinden, mich durch die Rhythmen leiten zu lassen und ich musste sagen, dass ich es wirklich genoss.
Für mich völlig überraschend sprang Jared in die Menge – ohne Vorwarnung. Ich war sogar so erschrocken, dass ich den Atem anhielt. Anscheinend aber machte es Jared Spaß und der Schreck verschwand. Eléa brüllte irgendetwas zu mir, was ich überhaupt gar nicht verstand, deswegen sah ich sie bloß fragend an. Als Antwort machte sie eine einfache wegwerfende Handbewegung. War sie etwa schon wieder eingeschnappt?
Aber an ihrem darauffolgenden erfreuten Gesichtsausdruck erkannte ich, dass sie alles andere als schlecht drauf war. Wahrscheinlich lag es auch nur daran, dass wir auf diesem Konzert waren. Denn von was könnten Eléas Stimmungsschwankungen so schnell verschwinden? Ich konnte mir nichts anderes erklären und ich war ihre beste Freundin und kannte sie in- und auswendig.
Jared hüpfte in leichten Schritten zurück auf die Bühne und drehte sich mehrmals um die eigene Achse bis die Menge schrie: »NO! NO! NO! NO!«
Ich kannte keine einzige Strophe, geschweige denn die Refrains der Songs. Dass Eléa lauthals mitsang und generell mit den Tönen daneben lag, war mir schon völlig gleichgültig, denn auch Jared verpatzte den einen oder anderen Ton und ließ es mir kalt über den Rücken laufen.
Als Zugabe holte Jared sich einige Fans auf die Bühne, darunter auch Eléa… und mich. Mir war wirklich unbehaglich bei der ganzen Sache und als ich auch noch Jared erblickte, der stur auf mich zugelaufen kam, wich ich kurzerhand zurück und stellte mich provisorisch hinter ein paar Fans. Und was machte Jared? Er lachte vergnügt in meine Richtung und drehte sich halb zu mir um. Ich war mir zwar nicht sicher, ob er mich tatsächlich sah, aber ich wurde trotzdem knallrot im Gesicht und wäre am liebsten still und heimlich verschwunden.
»Sam? Sam, wo bist du?«, hörte ich die quiekende, panische Stimme von Eléa ganz in meiner Nähe, die ich aus den Schreien der anderen Fans heraushören konnte. Mein Kopf schnellte hin und her, aber ich konnte sie partout nicht sehen. Aber dann, dann erspähte ich sie. Erkennen konnte ich sie an ihrer quietschgelben Jacke, die mir geradewegs entgegenleuchtete.
»Ich bin hier.«, antwortete ich ihr, als ich in großen Schritten zu ihr eilte und kurz winkte.          
»Oh, da bist du ja.«, sagte sie erleichtert und nahm gleichzeitig meine Hand, damit wir uns nicht wieder aus den Augen verlieren konnten. Nebenher knipste sie aber noch ein paar Bilder, während sie wieder in schrillen Tönen zur Zugabe sang. Sofort verzog ich die Mundwinkel und versuchte mich auf irgendeine Weise abzulenken, indem ich Jared zusah, der wie ein verliebter Zehnjähriger auf der Bühne hin und her hopste mit dem Mikro in der Hand, in das er hin und wieder brüllte. Jedoch sangen die Fans den größten Part des Songs.
Innerlich berührte mich dieses Spektakel. Ich hatte noch nie so etwas derartig Aufregendes gesehen.
»Ist das nicht atemberaubend?«, fragte Eléa und schaute kurz zu mir, ehe sie weiter konzentriert Bilder knipste.
»Oh ja!«, rief ich nickend und in dem Moment trafen sich Jared und mein Blick und wir grinsten um die Wette.
Nachdem das Konzert beendet war, liefen Eléa und ich zurück zu unserem Hotel, was noch einen längeren Fußmarsch in Anspruch nahm. Der Wind peitschte mir um die Ohren und ich hatte merklich Schwierigkeiten mit meinen langen Haaren, die mir ständig im Gesicht hangen.
»Wollen wir noch etwas unternehmen?«, erkundigte sich Eléa, die völlig energiegeladen wirkte. Ich überlegte kurz, aber eigentlich wollte ich nur noch in mein Bett.
»Nein, ich bin zu müde um noch etwas zu machen.«, antwortete ich kopfschüttelnd.
»Schade…«, murmelte Eléa daraufhin und fügte noch hinzu: »Ich kauf mir noch schnell was beim Chinesen.« Schnell verabschiedeten wir uns voneinander und ich huschte durch die Hoteltür in den Empfangsbereich, wo ich der Empfangsdame einen guten Abend wünschte und dann in den Fahrstuhl ging. Erschöpft lehnte ich mich mit dem Rücken zur Wand und schloss während der gesamten Fahrt die Augen bis ein leises ‚Dong‘ ertönte und ich bereits angekommen war.
Meine Schritte hörten sich sehr gedämpft an, als ich über den weinroten Teppich lief. Unser Zimmer befand sich fast am Ende des Gangs. Ich schloss auf, schaltete das Licht an und ließ meinen Blick durch das Zimmer huschen.
Es war ein relativ kleines Zimmer, was aber trotzdem einigermaßen gemütlich eingerichtet war. Ein schmaler Gang, indem ein Kleiderschrank und eine kleine Kommode standen, führte zu einem Doppelbett. Links und rechts stand jeweils ein niedriges Nachttischschränkchen, auf dem wiederum eine Tischlampe stand. Weiter links befand sich ein runder dunkler Tisch, der von einer längeren Stricktischdecke geziert wurde. Um den Tisch standen noch zwei Sessel, die scheinbar aus den 80er Jahren waren, denn diese waren an manchen Ecken und Kanten schon schrecklich abgenutzt und die Blumenmuster waren einfach nur scheußlich. Außerdem gab es zwei längliche Fenster mit genauso hässlichen weißen Gardinen, die nur Omas an ihre Fenster hängen würden.
Ich schmiss meine Jacke auf meine Hälfte des Bettes und ging zu meinem Koffer, der an der Seite stand. Im Gegensatz zu Eléas Koffer, der völlig aufgeräumt war, quollen bei mir die Klamotten nur so heraus. Seufzend suchte ich mir meinen Pyjama und zog mich um. Ich setzte mich schließlich im Schneidersitz aufs Bett, nachdem ich mir meine Jacke schnappte und nach der Zigarettenschachtel suchte. Ich strich mit den Fingerspitzen über die Unterschriften von Tomo und Shannon. Aber Moment mal! Da fehlte ja noch Jareds Unterschrift. Schon beim flüchtigen Gedanken an ihn wurde ich rot im Gesicht. Also stand ich wieder auf und tastete in meinen Hosentaschen nach dem kleinen beschriebenen Zettel von ihm. Während ich gähnte, faltete ich etwas unbeholfen den Zettel auseinander und schaute schließlich darauf. Aber das, was ich dann erblickte, ließ mein Herz augenblicklich schneller schlagen.
Meine Gedanken waren in jegliche Himmelsrichtungen verstreut – genau dahin, wo sie am allerwenigsten benötigt wurden, als ich auf die Ziffern starrte, die sich in meine Augen brannten. Mit halbgeöffneten Mund schnappte ich immer wieder nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ich merkte, wie sich die Tränen einen Weg über meine Wangen bahnten und dann leise prasselnd auf meine verschränkten nackten Beine tropften. Mit meinem Handrücken strich ich sie weg, jedoch vergebens.
Es war wie eine Art Abschiedsgeschenk. Melancholisch strich ich über das einzige, was mir von ihm geblieben war und wünschte mir im selben Moment noch, ihn nie getroffen zu haben. Warum war ich bloß auf die blödsinnige Idee gekommen Eléa Golden Tickets zu schenken und sie dann auch noch zu begleiten?
Mehrmals klatschte ich mir gegen die Stirn und redete mir ein, dass es besser wäre, ihn aus meinem Gedächtnis zu streichen. Aber je mehr ich mich sträubte, desto größer wurde nur mein Verlangen.
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