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Lovis

von nyleve
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Lovis Mattis
30.09.2013
11.10.2013
6
5.342
13
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Dieses Kapitel
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30.09.2013 1.488
 
6.

Langsam sank die Sonne dem Horizont zu. Es sah so aus, als ob zwei Berge sie verschlucken wollten, wie ein riesiger Rachen.
Lächelnd betrachtete Lovis dieses Naturschauspiel. Gedankenverloren saß sie auf einem kleinen Felsen im Wald unweit des Mattisberges. Sie genoss die Stille und den Frieden der Stunde. Noch waren Mattis und seine Männer auf Raubzügen unterwegs und sie hatte die ganze Zeit für sich allein. Ein Säckchen voll Kräutern lag neben ihr. Um diese zu finden, war sie in den Wald gegangen. Aber anstatt sofort wieder zurück zu gehen, saß sie hier und war bewegt von der Schönheit der Natur.
Hier, so tief im Wald, lagen viele Wunder verborgen und warteten nur auf ein aufmerksames Auge, das sie finden würde. Oft schien es ihr, als würde jemand mit dieser Fülle an Herrlichkeiten gerade sie erfreuen wollen. Lovis war wirklich dankbar für diese Zeiten, die sie allein im Wald verbrachte.
Dann wanderten ihre Gedanken zu der Burg hoch, die ihr in den letzten Tagen schon fast ein Zuhause geworden war. Sie kannte nun alle Räume und auch die Nebengebäude, die Ställe und den Keller. Alles war in gutem Zustand nur leider schon seit viel zu langer Zeit nicht mehr gesäubert worden. Sie hatte Mattis entrüstet gesagt, in dem ganzen Staub müsse man doch ersticken. Dann hatte sie alle Räuber zu Putzarbeiten verdonnert, wovon sie Mattis nicht ausgenommen hatte. Aber natürlich hatte sie selbst die meiste Arbeit geleistet. Danach hatte die Burg beinahe wie ein Schloss geblitzt, und das mussten sogar die murrenden Räuber zugeben.
Ja, die Räuber waren ihr auch schon ans Herz gewachsen. Jeder einzelne hatte seine eigene Stärken und Schwächen, Vorlieben und Dummheiten. So sehr sie sich auch oft zankten, so sehr konnten sie abends wieder zusammen singen, tanzen und trinken. Sie alle gehorchten Mattis aufs Wort, obwohl manche älter waren. Einzig der alte Per durfte es wagen, ihm manchmal zu widersprechen.
Aber auch Lovis hatte sich Gehör verschafft. Wenn sie die Hände in die Hüften stemmte, dann hörten die Räuber besser auf ihre Stimme. Und Mattis, ja, der war offensichtlich verliebt in sie.
Lovis musste lächeln, als sie an ihn dachte. Er behandelte sie gut, tat ihr gerne Gefallen, versuchte zu erraten, was sie gerne mochte. Doch er vermied, seine Gefühle zu zeigen und er sprach auch nicht mehr vom Heiraten. Lovis war froh, dass er sie nicht drängte. Sie wollte zuerst einmal dieses völlig neue Leben kennenlernen, bevor sie sich entschied. Bisher war sie immer allein gewesen und nun hatte sie ständig 13 laute, streitende, johlende, singende Männer um sich.
Eigentlich machte ihr das erstaunlich wenig aus. Sie genoss die Gesellschaft sogar. Doch, es gefiel ihr auf der Mattisburg. Sie würde vorerst bleiben, einmal abgesehen davon, dass es sowieso keinen Ort gab, wohin sie sonst gehen könne.

„Soso, wen haben wir denn da?“, kam plötzlich eine tiefe Stimme aus dem Dickicht rechts von ihr. „Wenn das nicht Mattis kleine Geliebte ist?“ Die Stimme lachte böse.
Lovis fuhr herum und stand auf. „Wer ist da?“, rief sie herausfordernd. Sie war verwundert aber nicht eingeschüchtert, dazu hatte sie sich lange genug allein und gegen alle Widerstände durchs Leben geschlagen.
Jetzt traten drei Männer aus dem Wald. Der erste trug eine pompöse Silberkette und schien der Anführer zu sein. Er grinste spöttisch und verbeugte sich leicht: „Darf ich vorstellen, Borka, und das sind meine Räuber.“
Bei diesen Worten traten noch mehr Männer auf die kleine Lichtung um den Felsen, auf dem Lovis stand. Die Männer sahen nicht besonders vertrauenserweckend aus. Einige hielten Pferde am Zügel, an deren Sättel verschiedenste Dinge befestigt waren – vermutlich Raubgut. Sie umkreisten den kleinen Felsen.
Lovis hatte natürlich schon von Borka gehört. Er und seine Männer waren eine verfeindete Räuberbande. Die Mattisräuber ließen keinen Abend aus, an dem sie diese nicht mit Schimpfwörtern aller Art bedachten und sie zum Donnerdrummel wünschten. Laut Mattis waren sie alle ängstlich und dumm.
„Was wollt ihr denn?“, fragte Lovis unerschrocken.
„Na, das werden wir dir schon zeigen“, grölte Borka und seine Räuber johlten. Einige begannen auf den Felsen zu klettern.
Dem ersten der Lovis von hinten angriff, gab sie eine Ohrfeige, dass er gleich wieder rückwärts abstieg. Doch dann waren da vier auf einmal und so sehr sie sich auf wehrte, sie wurde einfach gepackt. Einer warf sie vom Felsen herab, eine anderer fing sie auf und setzte sie auf ein Pferd. Ihre um sich schlagenden Hände wurden auf den Rücken zusammengebunden. Dann schwang sich Borka hinter ihr aufs Pferd und schon galoppierten alle an. In Windeseile entfernten sie sich von der Mattisburg.
„Mattis!“ Lovis lauter, verzweifelter Schrei hallte im Wald wieder.

So sehr sie es auch versuchte, sie entkam Borkas klammernden Griff nicht. Nachdem sie zum dritten Mal nach Mattis geschrien hatte, hatte Borka sie ins Gesicht geschlagen. Jetzt versuchte sie, sich vom Pferd fallen zu lassen, doch der Räuberhauptmann musste ihre Gedanken erraten haben.
„Du entkommst mir nicht!“ Seine gemeinen Worte hallten in ihren Ohren. Langsam stieg Panik in ihr hoch. Wie weit waren sie nun schon weg von der schützenden Burg, von allem, was ihr bekannt war – und von Mattis?
Es war schon dämmrig, bald würde es ganz dunkel werden hier im Wald. Ein paar Räuber hatten schon Fackeln entzündet. Noch immer verlangsamten sie ihre Pferde nicht.
Plötzlich durchschnitt ein Brüllen die Stille des Abends. „Matthis“, flüsterte Lovis. In das Brüllen mischten sich nun andere Schreie.
Die Borkaräuber warfen sich erstaunte Blicke zu, als hätten sie nicht damit gerechnet, dass Mattis ihnen folgen würde. Lovis triumphierte innerlich. Sie hatte doch gewusst, dass er kommen und sie retten würde.
Borka trieb sein Pferd schneller an. Doch da tauchten auf einmal vor ihm zwei berittene Mattisräuber auf. Überrascht zügelte er das Pferd. Es entstand Verwirrung unter Borkas Männern und sofort ergriff Mattis die Gelegenheit. Bald rauften sich die Mattis- und die Borkaräuber in einem großen Getümmel.
Dann kam ein Räuber von der Seite und stieß mit einem langen Stock nach Borka. Dieser wollte sich verteidigen, verlor aber bei dem Angriff das Gleichgewicht. Er griff noch nach Lovis, doch die biss ihm geistesgegenwärtig in die Hand. Schreiend ging er zu Boden.
Unvermittelt war Mattis an Lovis Seite. „Lovis! Alles in Ordnung?“ Sie nickte, unfähig etwas zu sagen. Er hob sie ohne Umschweife auf sein Pferd. Da bemerkte er ihre gebundenen Hände. Er fluchte und schnitt ihre Fessel durch.
Überwältigt von Erleichterung schlang Lovis ihre Arme um Mattis und begann zu weinen. Ungeschickt tätschelte er ihren Rücken und murmelte etwas Beruhigendes. Dann trieb er sein Pferd an und ritt schnell heimwärts.

Unter sich spürte sie die kräftigen Bewegungen des galoppierenden Pferdes und ihre Wange lag auf dem festen Stoff von Mattis Obergewand. Sie hielt noch immer seine Taille umschlungen und wurde von seinem starken Arm gehalten. Ihre Tränen waren versiegt, ein bisschen schämte sich, dass sie sich so davon überwältigen lassen hatte. Sie war sehr erleichtert über Mattis Erscheinen und nun genoss sie seine Nähe.
Nach einer Weile wurde Mattis langsamer, auch weil es schon sehr dunkel geworden war. Aber sein Pferd kannte offensichtlich jeden Pfad dieses Waldes blind und wählte seinen Weg sicher.
Mattis räusperte sich. „Lovis, geht es dir gut?“
„Ja, keine Sorge. Aber ich bin so froh, dass du gekommen bist.“
„Hat er dir etwas angetan?“
„Nein“, sie schüttelte den Kopf. Noch nicht, fügte sie in Gedanken an, sprach es aber nicht aus um ihn nicht zu beunruhigen.
„Er sollte sich auch hüten“, murmelte er grollend.
Lovis schauderte es ein bisschen. Mattis zum Feind zu haben war sicher eine schlechte Idee.
„Es tut mir Leid, ich hätte dich nicht allein lassen dürfen“, meinte er nun entschuldigend.
Sie musste lächeln. Eben war er noch wütend und dann konnte er schon wieder mitfühlend sein. Aber sie kannte seine Launen ja nun schon.
„Es ist gut“, sagte sie leise und bettete ihren Kopf wieder auf seine Brust.
Wenig später ritten sie durch die Wolfsklamm und hoch zur Burg. Im Vorhof hob er sie so vorsichtig vom Pferd, als befürchte er, sie würde zerbrechen. Er führte sie in die Steinhalle, als sei sie verletzt. Aber es machte ihr nichts aus, im Gegenteil.
„Das ist das zweite Mal, dass du mir das Leben rettest, Mattis. Wie kann ich das je wieder gut machen?“ Lächelnd sah sie ihn an.
Unvermittelt ließ Mattis sich auf seine Knie nieder, noch immer ihre Hände haltend. „Lovis“, seine Stimme klang belegt, „ich liebe dich. Heirate mich. Ich kann dir nicht viel geben, aber was mein ist, soll auch dein sein.“ Mit einem flehendem Gesichtsausdruck sah er sie an.
Ein Teil in ihr wollte sofort JA rufen, doch ein anderer wand sich noch. Mattis war Räuber und sie war damit nicht einverstanden. Aber Mattis war auch der Mann der sie liebte, sie gut behandelte und für sie sorgen wollte. Und sie musste sich eingestehen, dass sie ihn ebenso liebte. Konnte sie sich vorstellen, hier zu bleiben für den Rest ihres Lebens? Hier, mit ihm?
„Ja, ja das möchte ich. Ich werde dich heiraten, Mattis!“
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