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Lovis

von nyleve
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Lovis Mattis
30.09.2013
11.10.2013
6
5.342
13
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30.09.2013 968
 
Lovis war überrascht vor der Größe der Festung, die sie hoch über den Bäumen sah. Doch zuerst ritten sie durch die Wolfsklamm, die ein schmaler Durchgang zwischen zwei Felsen war und von zwei Räubern bewacht wurde. Diese Klamm war der Garant dafür, dass niemand die Burg unberechtigt betreten konnte, erklärte ihr Mattis.
Im Hof der Burg überließ er das Pferd einem anderen seiner Männer und führte Lovis in die große Steinhalle. Auch wenn er nichts sagte, merkte Lovis doch, wie stolz er auf seine Burg war und wie gern er sie ihr zeigen wollte. Doch jetzt gerade war sie zu erschöpft und traurig dafür. Mattis schien das zu merken, denn er deutete auf eine Steintreppe: „Ich zeig dir dein Zimmer. Es ist dort oben im Turm.“
Das verblüffte Lovis etwas. Wie hatte er wissen können, dass ihr Haus abbrennen würde? Oder hatte er einfach damit gerechnet, dass sie eines Tages nachgeben würde? Irritiert folgte sie ihm die Stufen hinauf. Lovis betrat ein geräumiges, rundes Turmzimmer, welches zwei Fenster besaß. Bis auf eine Holztruhe und ein Bett war es allerdings leer. Es wies keinerlei Schmuck oder Zierrat auf. Doch das störte Lovis nicht, sie hielt selbst nichts von solcherlei Schnickschnack.
„Das ist jetzt dein Reich“, sagte Mattis mit einer ausholenden Armbewegung, „mach es dir gemütlich. Soll ich noch Decken bringen?“
Lovis begutachtete die Felle und Wolldecken, die auf dem Bett ausgebreitet waren. „Schon gut“, murmelte sie leise. In ihrem Kopf pochte es unerträglich laut und alle Kraft schien sie verlassen zu haben. Sie wollte sich nur mehr hinlegen.
„Dann lass ich dich allein“ Mattis ging auf die Tür zu. Dann drehte er sich noch einmal um und wollte etwas sagen. Doch er knetete nur seine Hände und stieg dann schnell die Stufen hinab.
Lovis ließ sich so wie sie war auf das Bett fallen, zog ein Fell über sich und schlief sofort ein.

Lovis erwachte und war es stockdunkel um sie. Einen Moment lang fragte sie sich, wo sie war. Doch das Bärenfell, das sie wärmte, erinnerte sie sofort wieder, auf wessen Burg sie sich befand. Mattis. Er hatte nicht gezögert, sie bei sich aufzunehmen.
Als sie den Kopf drehte, rutschte etwas von ihrer Stirn. Sie griff danach und musste grinsen. Es war ein nasser Lappen. Mattis musste noch einmal nach ihr gesehen haben, bevor er zu Bett gegangen war. Er hatte ihre Wunde ausgewaschen und gekühlt. Diese Fürsorglichkeit rührte sie. So viel Mitgefühl hätte sie ihm gar nicht zugetraut.
Noch einmal überdachte sie ihre Situation. Sie besaß wirklich nichts mehr. Alles war zerstört worden. Das Haus ihrer Eltern. Indem ihre Mutter sie geboren hatte. Indem ihr Vater hart gearbeitet hatte. Indem sie ihre ersten Schritte getan hatte. Indem sie mit ihren Eltern gesunden hatte. Indem ihre Mutter viel zu früh gestorben war. Indem auch ihr Vater starb. Indem sie alles an ihre Eltern erinnert hatte. Auch all das, was sie sich selbst erarbeitet hatte, war nun für immer verloren. Ihr Garten war verkohlt, ihre Tiere gestohlen oder auch verbrannt. Was sie erwartete, wenn sie noch einmal in ihr Dorf gehen würde, daran wollte sie nicht denken.
Schon wieder weinte sie und hier in der Dunkelheit ließ sie es zu. All das, was so lange in ihr festgesessen war, floss mit den Tränen aus ihr hinaus. Die tiefe Trauer um ihre Eltern. Die Angst vor dem eisigen, hungrigen Winter. Der Neid auf ihre geselligen Nachbarn. Die Vorurteile gegen alle Dorfbewohner. Der Hass auf die, die sie am liebsten brennen gesehen hätten. Zurück blieb eine leere junge Frau, die sich nach Liebe und einem Zuhause sehnte.

Irgendwann war sie wieder eingeschlafen, denn der Hahnenschrei weckte sie abrupt. Sie war hungrig, fühlte sich sonst aber gut ausgeruht. An dem Verlust ihres Eigentums konnte sie nichts mehr ändern, aber sie konnte bestimmen, was die Räuber da unten von ihr dachten. Das Letzte, das über sie gesagt werden sollte war, dass sie eine Heulliese wäre. So steckte sie sich genüsslich, zupfte ihr Gewand zurecht, richtete ihre Haare und stieg dann hoch erhobenen Hauptes in die Steinhalle hinab.
Der Lärm von vielen essenden Männern schallte ihr schon entgegen, aber sofort verstummten alle Stimmen, als die Räuber ihrer gewahr wurden.
„Lovis“, Mattis sprang regelrecht aus seinem Sessel, der auf der Stirnseite der Tafel stand. „Komm und iss mit uns“, forderte er sie auf und deutete auf seinen Stuhl.
Mit einem lauten „Guten Morgen“ ließ Lovis sich wie selbstverständlich auf Mattis Sitz nieder. Einer rannte, um ihr ein neues Gedeck zu bringen. Auf der anderen Seite rückten die Räuber zusammen, um ihrem Hauptmann Platz zu machen.
Nach den anfänglichen zögernden Seitenblicken auf die Frau an ihrer Tafel, begannen sich die Räuber allmählich wieder zu entspannen. Der Lärm erhob sich von Neuem und Mattis musste schließlich brüllen, um sie zu übertönen. Wie um Lovis mit seiner Macht zu imponieren teilte er sie alle zu verschiedenen Arbeiten ein. Am Stall war etwas aus zu bessern, die Tiere mussten versorgt werden, Holz gespalten werden und natürlich die Wolfsklamm bewacht. Als er zwei Räuber zum Kochen einteilte meldete sich Lovis zu Wort.
„Das Kochen überlässt du schön mir, wenn ich schon mal da bin. Die Zwei können mir ja die Kartoffeln schälen“, erklärte sie unumwunden.
Die Männer jubelten bei dem Gedanken, nie mehr kochen zu müssen, begeistert auf. Die Speisen auf der Mattisburg waren immer schrecklich langweilig, weil keiner der Räuber kochen konnte. Wenn sie nicht einmal etwas Vernünftiges raubten, gab es bloß geschmacklosen Haferschleim und ungewürzte Braten.
Bei dem, was Lovis ihnen schließlich auf den Tisch zauberte, gingen den 13 wilden Räuber fast die Augen über. Ruhig und bedächtig aßen sie das köstliche Gericht, sie stopften und schrien nicht wie normal. Auch wenn keiner ein Wort über das wundervolle Essen verlor, so saß Lovis es doch an ihren Gesichtern, wie begeistert sie waren und das freute sie sehr.
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