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Fang mich!

von SilviaK
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P6 / Gen
28.09.2013
28.09.2013
1
3.340
 
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„... und da schwamm ein Fisch im Wasser, der war sooo groß, guck, wie meine Arme breit sind! Und der war blau, mit ganz vielen Schuppen, der hat richtig geglitzert, als die Sonne aufging. Den fang ich, wenn ich größer bin. Sonst krieg ich ihn ja gar nicht aus dem Wasser rausgezogen, weißt du ...?“
Der Elf mit dem weißen Haarschopf warf dem kleinen Jungen einen genervten Blick zu. Das hatte er während der ganzen Erzählerei inzwischen mehrmals getan. Abwechselnd damit, den Jungen einfach zu ignorieren und weiter seine Pfeile zu prüfen. Aber Farin hielt das nicht davon ab, weiterzuplappern. Wahrscheinlich hatte er es nicht einmal gemerkt.
Schließlich wurde es Schneepfeil aber doch zu bunt: „Kannst du nicht endlich mal den Mund halten, Kleiner? Wie oft soll ich dir das denn noch sagen?!“
Dabei fing die Nacht so schön friedlich an. Sándir hatte ihm den versprochenen Satz neuer Pfeile vorbeigebracht, und Schneepfeil wollte eigentlich nichts lieber tun, als diese in aller Ruhe auszuprobieren. Aber dann war Sándirs kleiner Bruder aufgetaucht und hing seitdem an Schneepfeil wie eine Klette.
Farin, der gerade wieder zum Erzählen ansetzte, sah Schneepfeil mit einem schrägen Seitenblick an. Ein paar Augenblicke lang sah er schweigend zu, wie der Ältere die letzten Pfeile zwischen den Fingern hielt und prüfend Schaft und Ausrichtung der Befiederung betrachtete.
Schneepfeils Pfeile waren allesamt weiß gefärbt. Auch die Federn durften keine andere Farbe haben. In seiner Kindheit war Schneepfeil nämlich anfangs ein miserabler Schütze gewesen. Fast alle seine Pfeile landeten statt im Ziel in irgendwelchen Büschen, Baumkronen, Brennensselstauden oder Brombeerhecken. Um sich die Sucherei etwas zu erleichtern, fing  Schneepfeil damals an, seine Pfeile weiß anzumalen. So fand er sie wenigstens leichter wieder. Während er verbissen weiterübte, um Sándirs Spötteleien endlich zu entkommen, wurde er immer besser. Aber die Farbe seiner Pfeile behielt er bei, selbst als er keinen einzigen mehr im Unterholz suchen gehen mußte. Das Weiß gehörte einfach zu dem jungen Schützen. So kam er auch zu seinem Stammesnamen.
Farin kannte die Geschichte. Erst unlängst hatte er die Älteren danach ausgefragt, warum Schneepfeils Pfeile anders aussahen als alle anderen. Farin fand sie hübsch. Aber immer nur Pfeile angucken und stillsitzen, das wurde ihm schnell langweilig.
„Wenn Vater mir einen Bogen baut, dann kann ich bestimmt auch bald schießen ... darf ich mal, Schneepfeil? Nur einmal, ja? Darf ich?“ Mit begehrlichen Blicken musterte der Junge den Bogen des Älteren.
„Nein“, antwortete der Weißhaarige, schob die Pfeile in den Köcher zurück und stand auf.
„Ich mach auch nichts kaputt, ich bin ganz vorsichtig“, versuchte Farin es erneut und sprang auch auf die Füße. „Bitte, Schneepfeil, darf ich?“
„Ich sagte: Nein! Und dabei bleibt es, klar? So kurz, wie du bist, kriegst du ja noch nicht mal die Sehne gespannt. Und jetzt laß mich in Ruh.“
Farin blickte enttäuscht drein. Aber so leicht wurde man den Kleinen nicht los.
„Warum bist du denn so böse? Ich will doch nur mit dir spielen.“
Schneepfeil schnaubte genervt. „Spiel mit Kiany.“
„Aber die ist doch noch ein ganz kleiner Welpe! Was soll ich denn mit der spielen?“
„Das ist nicht mein Problem. Na los, verschwinde endlich, ich hab zu tun!“
Farin schob die Unterlippe vor und schmollte. „Ihr Großen seid sooo langweilig. Vater ist am Fluß und hat keine Zeit. Und Mutter ist bei Marleen und kocht mit ihr irgendwas. Und Sándir hat auch zu tun und will nicht mit mir spielen. Und ...“
Am liebsten hätte Schneepfeil dem Jungen irgendwas in den Mund gestopft, damit dieser endlich einmal stillstand. „Meine Güte, wie hält Sándir das mit dir bloß aus? Zieh ab! Geh wachsen oder tu sonstwas, aber stiehl mir nicht noch länger die Zeit!“
In Schneepfeils Stimme lag jetzt wirklich ein scharfer Ton von Ärger. Farin schluckte und sah entgeistert zu dem Weißhaarigen auf. Der war doch sonst immer viel netter und lustiger und erst gestern hatte er ihn auf seinem Wolfsfreund reiten lassen. Und heute? Das war so ... unfair! Wieso wollte heute niemand etwas mit ihm zu tun haben?
„Ich will aber jetzt mit dir spielen!“ Trotzig starrte Farin Schneepfeil ins Gesicht. Der wußte  nicht mehr, ob er einen Wut- oder einen Lachanfall bekommen sollte beim Anblick dieses kampflustigen sturen Kerlchens.
Plötzlich fiel Farins Blick wieder auf den Köcher. Mit einem flinken Griff zog er ihn dem überraschten Schneepfeil aus der Hand. „Fang mich und hol ihn dir wieder!“ rief er und flitzte kichernd davon.
„Hey! Laß das!“ Schneepfeil haschte etwas verspätet nach dem Jungen. Aber der war schon fort.
„Fang mich doch! Hol ihn dir!“ rief Farin lachend zu Schneepfeil herüber und verschwand zwischen den Bäumen.
Schneepfeil schnaubte verärgert. Sowas ließ er sich ja nun nicht bieten! Schon gar nicht von einem Knirps! Hastig schob er den Bogen über Kopf und Schulter, damit er ihn beim Rennen nicht verlor, und eilte dem Übeltäter nach.
„Bleib stehen oder es setzt was! Da kannst du Gift drauf nehmen!“
Nein, setzen würde es auch was, wenn der Junge stehenblieb. Schon allein dafür, daß er Schneepfeil hier wie einen Idioten durch den Wald wetzen ließ. Denn auch wenn Farin manchmal den Kopf in den Wolken trug - flinke Füße hatte er. Und so sprang der Junge über Steine und Baumstümpfe, bückte sich unter tiefhängenden Zweigen hindurch und lauschte atemlos nach hinten, wo der Verfolger blieb. Farin fand dieses Spiel toll!
„Du bist viel zu laaangsaaam!“ hörte Schneepfeil ihn sticheln. Ziemlich nah klang das schon. Farin bewegte sich im Wald auch keineswegs lautlos, wie das ein Junge mit Jägerambitionen vielleicht getan hätte, um seinem Verfolger zu entwischen. Schneepfeil konnte ihm problemlos folgen. Bis es sich so anhörte, als wäre der Kleine gerade stehengeblieben.
Schneepfeil hielt still, lauschte auf den hastigen Atem des Jungen und schlich dann lautlos um ein paar Bäume herum. Ja, da stand der Blondschopf, den Köcher zwischen den Händen, und sah von dem schnellen Lauf schon ganz schön verschwitzt aus.
„He, Schneepfeil! Wir spielen Fangen und nicht Verstecken!“ beschwerte Farin sich, denn auch er hörte jetzt keine Schritte mehr.
‘Du mußt noch viel lernen, Welpe!’ grinste Schneepfeil in sich hinein. Mit einem siegessicheren, drohenden Lächeln schlich er auf die Lichtung hinaus, genau hinter den Jungen. Und er hätte ihn auch erwischt, wenn sich Farin nicht ausgerechnet in dem Moment einmal um sich selbst gedreht hätte, um rundherum Ausschau zu halten.
So blickte er Schneepfeil genau ins Gesicht. Irgendwie sah der Ältere nicht sehr erfreut über das Spiel aus, das Farin ihm aufgenötigt hatte. Farin wich den zupackenden Armen gerade so aus und brachte ein paar Schritte Sicherheitsabstand zwischen sich und Schneepfeil.
„Hör auf mit dem Unsinn und gib mir den Köcher, bevor du die Pfeile verlierst!“ schimpfte der Elf.
„Ich will aber nicht!“
Kein Zweifel, der sonst so umgängliche Farin hatte heute einen ziemlich trotzigen Tag. Er drückte den Lederköcher mit den weißen Pfeilschäften an sich und seine Augen suchten fieberhaft nach einer guten Fluchtmöglichkeit.
„Gibs endlich her, sonst vertrimm’ ich dich!“ knurrte Schneepfeil. Seine Geduld mit diesem störrischen Kerlchen war fast am Ende.
Schnell und weit laufen konnte Farin jetzt nicht mehr. Aber fangen lassen wollte er sich natürlich trotzdem nicht. Dann wäre das Spiel ja schon zu Ende und er müßte sich jemand anderen suchen. Aber die anderen wollten ja heute alle nicht!
Rückwärtsgehend stieß Farin gegen einen jungen Baumstamm. Das war die Rettung! Hastig zog sich der Junge den Halteriemen des Köchers über den Kopf, griff nach dem nächsten Ast, schwang sich hinauf und kletterte, so schnell er konnte, in die Baumkrone. Weit nach oben kam er nicht. Obwohl Farin noch klein war, trugen die noch sehr jungen Äste sein Gewicht nicht so gut.
Erst als Farin sich an zwei Ästen festhaltend vorbeugte, um nach Schneepfeil zu schauen, merkte er, daß er in der Falle saß. Er konnte hier nicht mehr weg! Schneepfeil stand genau unter ihm am Baumstamm. Der Weißhaarige hatte die Arme vor der Brust verschränkt und blickte mit hochgezogenen Augenbrauen zu Farin hinauf.
„Was haben wir heute alles falsch gemacht, Welpe?“ fragte Schneepfeil spöttisch. „Erstens: Einem unschuldigen Elfen die Ohren vollgequasselt und ihn von sinnvollen Dingen abgehalten. Zweitens: Etwas weggenommen, das dir nicht gehört. Drittens: Du bist zu laut. Jeder Welpe könnte dich im Wald aufspüren. Viertens: Du hast dich mit MIR eingelassen, das solltest du dir beim nächsten Mal gründlich überlegen. Fünftens: Wer flüchten will, sollte sich nicht selbst den Fluchtweg abschneiden. Du bist am Ende, Kleiner. Ich bleibe nämlich hier stehen, bis du wieder runterkommst. Also ... hopphopp!“
Schneepfeil machte eine auffordernde Handbewegung.
Farin dachte ein paar Augenblicke nach.
„Nö, ich bleib hier oben!“ schrie er trotzig zu Schneepfeil herunter. Schneepfeil würde ganz bestimmt nicht die ganze Nacht hier herumstehen. Wenn er, Farin, einfach ein bißchen mehr Geduld hatte als der Weißhaarige, dann würde er sicher unbeschadet nach Hause kommen und bräuchte nicht zuzugeben, daß er dieses Spiel verloren hatte. Und abgesehen davon traute er sich gar nicht mehr so recht, seinen sicheren Platz zu verlassen. Schneepfeils grimmige Miene bereitete Farin langsam Sorgen.
Unter dem Baum fluchte es heftig. Schneepfeil wußte, daß er auf diesen Baum nicht hinaufklettern konnte. Der Stamm und die Äste waren einfach zu jung und dünn für das Gewicht eines ausgewachsenen Elfen. Selbst Farin trugen sie nur mit Mühe. Außerdem war es doch ernsthaft unter seiner Würde, den Knirps auch noch auf einen Baum hinauf zu verfolgen!
„Ist das dein letztes Wort, Kleiner?“ fragte Schneepfeil gefährlich leise. „Na gut. Wir werden  sehen, wer von uns beiden den längeren Atem hat. Der Jäger oder die Beute.“
Dann setzte er sich mit überkreuzten Beinen ins Gras, um zu warten.

Die Monde zogen über den Nachthimmel, die Stunden vergingen, aber noch dachte keiner der beiden ans Aufgeben. Obwohl Farin langsam der Hintern wehtat vom Sitzen auf den schmalen Ästen und ihm die Zeit fürchterlich lang wurde. Immer wieder schaute der Junge durch die Zweige, aber jedesmal sah er unten den weißen Haarschopf von Schneepfeil.
Der Ältere saß, äußerlich ruhig, immer noch auf seinem Platz unter dem Baum. Innerlich kochte er inzwischen vor Wut. Die ganze Nacht vertrödelt für nichts und wieder nichts! Nur weil ein dummer kleiner Welpe seine Scherze mit ihm treiben wollte! Schneepfeil hatte seinen Stolz und er war zu sehr Jäger, um seine „Beute“ freizugeben. Doch mit jeder Minute, die verstrich, wuchs sein Ärger. Schließlich siegte die Ungeduld des jungen Elfen über die Geduld des Jägers. Schneepfeil erhob sich und starrte in die Äste hinauf.
„Wenn du nicht auf der Stelle runterkommst, dann hole ich dich! Ich schwör's dir!“ schrie er zu dem Jungen hinauf.
Farin zuckte erschrocken zusammen. Diesmal schien Schneepfeil es wirklich ernst zu meinen. Er überlegte, ob er nicht lieber doch ...
In diesem Moment erklang nicht weit entfernt eine Stimme zwischen den Bäumen:
„Was machst du denn für ein Geschrei, Schneepfeil? Was immer da auch im Baum sitzt, damit verjagst du es sowieso!“
Ein blonder, hochgewachsener Elf mit einem Jagdbogen in der Hand betrat kurz darauf die Lichtung. Farin biß sich auf die Unterlippe. Auch das noch - sein großer Bruder.
Schneepfeil drehte sich herum und quittierte Sándirs spöttische Bemerkung mit einem finsteren Blick. „Willst du wissen, wer da oben sitzt? Dein nerviger kleiner Bruder! Er hat sich auf den Baum geflüchtet, weil er mir etwas nicht zurückgeben will, das mir gehört! Und weigert sich schon seit Stunden, wieder herunterzukommen!“
Sándir hob eine Augenbraue. Er trat an Schneepfeils Seite, blickte in die Baumkrone hinauf und sah einen Moment lang Farins angespanntes Gesicht, das aber sogleich wieder zwischen den Blättern verschwand. Dann drehte der Blonde sich zu Schneepfeil um, der mit verärgerter Miene neben ihm stand. Ein amüsiertes Lächeln lag auf seinen Lippen. Sieh einer an ... sein kleiner Bruder schaffte es tatsächlich, Schneepfeil zur Weißglut zu treiben? So etwas hätte er dem kleinen Träumer gar nicht zugetraut.
„Ach, deshalb wart ihr alle beide im Lager nicht aufzufinden“, grinste er. „Wie lange willst du deine 'Beute' denn noch belauern?“
„Bis ich sie habe!“ knurrte der Weißhaarige. Sándirs unverhohlenes Grinsen verstärkte seinen Ärger noch. „Und wenn er erstmal unten ist, dann kann er was erleben!“
„Darauf kannst du lange warten!“ erklang eine trotzige helle Stimme aus dem Blattwerk über den beiden. „Ich werde nämlich nicht runterkommen!“
„Oh doch, das wirst du!“ schimpfte Schneepfeil und spießte Sándir, stellvertretend für Farin, mit wütenden Blicken auf. „Dieser freche ... also jetzt reichts mir! Der hat mich lange genug zum Narren gehalten!“ Sein Blick fand die Pfeilschäfte, die hinter Sándirs Rücken aufragten. Ihm fiel etwas ein und er verkniff sich gerade noch ein auffälliges fieses Grinsen. **Leihst du mir einen Pfeil? Ich habe gerade keine. Diese kleine Laus hat meinen Köcher samt allen neuen Pfeilen geklaut!**
**So, hat er das? Und das hast du dir gefallenlassen?** Sándir lachte auf. Sein kleiner Bruder ... das war ja allerhand. Bei einem anderen Elfen hätte er das ganze sicher etwas ernster genommen. Aber hier ging es um Schneepfeil. Er und Sándir waren mindestens genauso oft Rivalen, wie sie Freunde waren. Und manchmal gab es für Sándir nichts Amüsanteres, als einen vor Wut oder Ungeduld platzenden Schneepfeil zu beobachten oder ihn selber in Rage zu bringen. Sándir langte nach hinten, zog einen Pfeil aus dem Köcher und reichte ihn Schneepfeil, neugierig, was der wohl damit vorhatte.
**Spar dir dein Gerede!** erwiderte Schneepfeil barsch und riß Sándir den Pfeil aus der Hand. Mit der nächsten Bewegung drehte er sich zu Farins Baum um und nahm den Bogen von der Schulter. „Spring runter, Knirps! Sonst zeige ich dir, wie ich meine Beute vom Baum hole!“
Während dieser Worte legte der Weißhaarige den Pfeil auf, richtete die Spitze, wie es Farin im Baum schien, direkt auf sein Gesicht, und zog die Sehne durch. Der Junge kniff entsetzt die Augen zu. Das ging doch nicht! Das konnte Schneepfeil doch nicht wirklich tun?!
Sándir dachte genau das gleiche. Schneepfeil zielte tatsächlich mit Sándirs eigenem Pfeil auf die Baumkrone, in der sein kleiner Bruder saß?!
Und er zielte nicht nur, er schoß auch noch!
Der Pfeil sauste gar nicht so weit von Farin entfernt zwischen die Blätter und fetzte einige von ihren Ästen. Der Junge klammerte sich erschrocken fest. Als er wieder wagte, durch die Blätter nach unten zu schauen, sah er gerade noch, wie Sándir Schneepfeil den Bogen entriß und fortwarf. Sein Bruder sah aus, als würde er gleich auf Schneepfeil losgehen wollen.
„Bist du verrückt geworden?! Willst du Farin verletzten?! Das ist eine Waffe und kein Spielzeug!“
Schneepfeil schnaubte entrüstet. „Was denkst du denn von mir?! Ich habe doch mit Absicht danebengezielt!“
„Was ich von dir denke?! Du hast gerade auf meinen Bruder geschossen, du Spatzenhirn!“
„Er soll von diesem Baum runterkommen! Sofort! Oder ich vergeß' mich! ... Und weil er nicht von allein kommt, hole ich ihn jetzt selbst herunter!“ Schneepfeil übertraf Sándir noch an Lautstärke. Er umfaßte mit beiden Händen den jungen Baumstamm und schüttelte ihn. Sándir, der ihn daran hindern wollte, bekam einen kräftigen Stoß gegen die Brust versetzt.
Farin klammerte sich mit klopfendem Herzen an seine schwankenden Äste. Er wußte keinen anderen Ausweg mehr, als aufzugeben. „Hör auf damit, ich komm’ ja runter!“ rief er, als seine Hände bei dem ganzen Geschüttel ihren Halt verloren. Mit einem Aufschrei glitt er ab, fiel durch Zweige und Blätter. Die weißen Pfeile rutschten aus dem Köcher und fielen mit ihm, so daß Schneepfeil sich vor dem unerwarteten Pfeilregen seitwärts in Sicherheit brachte und Sándir schützend die Arme vor das Gesicht hob.
Farin landete mit einem unterdrückten Aufschrei zwischen den beiden Elfen im Gras.
Sándir war innerlich zusammengezuckt, als der kleine Junge auf dem Boden aufkam. Er musterte ihn mit einem besorgten Blick. „Alles in Ordnung?“
Farin nickte benommen. Aber er konnte die blauen Flecken, die er morgen haben würde, schon jetzt spüren. Und wahrscheinlich würde er noch ein paar mehr dazubekommen, wenn Schneepfeil mit ihm fertig war ...
„So, unten ist er!“ knurrte Schneepfeil. „Endlich kann ich ihm die Ohren langziehen für diese unsinnige Warterei!“
Farin zog den Kopf zwischen die Schultern und war heilfroh, daß sein Bruder zwischen ihn und Schneepfeil trat. In Sándirs blauen Augen stand kalte Wut. Bevor Schneepfeil ihn auffordern konnte, ihm aus dem Weg zu gehen, versetzte Sándir ihm wortlos eine heftige Ohrfeige.
Schneepfeil starrte Sándir ungläubig an. Dann verfinsterte sich seine Miene. Ein Knurren drang aus seiner Kehle. Er hob die geballte Faust, um den Schlag gebührend heimzuzahlen, aber Sándir hatte das kommen sehen. Er fing Schneepfeils Faust in der Luft ab und hielt sie dort fest. Noch immer wirkten seine Augen dunkel wie ein Gewitter.
„Bei Speerschafts Ahnen, was soll das?!“ fluchte Schneepfeil.
Endlich gab Sándir ihm eine Antwort. Ein eisiges, klares Senden: *Wage es nie wieder, eine Waffe auf Farin zu richten!*
„Er hat mich beklaut!“ protestierte Schneepfeil.
„Er ist noch ein Welpe! Und - so ganz nebenbei - ist er mein Bruder! Also laß die Finger von ihm, oder du kriegst verdammt großen Ärger!“
Farins Blick huschte zwischen den beiden hin und her, überrascht und erschrocken zugleich. Noch nie war jemand so wütend auf ihn gewesen, daß er ihm mit Pfeil und Bogen zu Leibe rückte. Und noch nie hatte Sándir sich dazu hinreißen lassen, handgreiflich zu werden, um Farin zu verteidigen. Genau genommen konnte Farin sich nicht erinnern, daß sich Sándir überhaupt jemals so für ihn eingesetzt hatte. Dann fiel ihm der Vorfall am Fluß ein, als Sándir ihn aus der Strömung gerettet hatte. Es hatte sich seitdem wirklich etwas zwischen ihnen beiden verändert.
Farin hatte immer noch Angst vor dem so grimmig dreinschauenden Schneepfeil. Aber er fühlte sich plötzlich verpflichtet, seinem großen Bruder beizustehen, der in einen aufgebrachten Wortwechsel mit Schneepfeil vertieft war. Rasch klaubte der Junge die herumliegenden Pfeile zusammen, stopfte sie in den Köcher zurück und fiel den Großen ins Wort:
„Hört auf! Hört doch mal auf! Ihr sollt euch nicht wegen mir streiten!“
Schneepfeil warf Farin einen finsteren Blick zu. Bevor er etwas sagen konnte, streckte der Junge ihm den Köcher entgegen. „Ich wollte doch nur mit dir spielen“, sagte Farin und schaute ihn dabei so treuherzig an, wie nur er das fertigbrachte. Schließlich stand ja sein großer Bruder neben ihm, da konnte ihm nichts mehr passieren. „Und jetzt geb ich auf und du hast gewonnen. Bitte, schreit euch nicht mehr so an. Sándir kann doch gar nichts dafür.“
Schneepfeil fand schon, daß Sándir etwas für seine eigene schmerzende Wange konnte. Rasch zog er dem Kleinen den Köcher aus den Händen, als befürchtete er, Farin könnte trotzdem noch einmal mit ihm davonlaufen.
„Seit wann seid ihr zwei denn so dicke miteinander?“ knurrte er, immer noch verstimmt über die verschwendeten Stunden und Sándirs Ohrfeige. Allerdings fand er insgeheim selber, daß er zu weit gegangen war. Nur verspürte er keine Lust, das zuzugeben.
„Wenn du mit mir auskommen willst, dann laß in Zukunft solche Spielchen, Welpe!“
Schneepfeil hob seinen Bogen auf, warf sich den Köcher über die Schulter und verließ hoch erhobenen Hauptes die Lichtung, ohne die Brüder noch eines Blickes zu würdigen.
Farin sah ihm nach und kaute bedrückt auf seiner Unterlippe herum. „Jetzt ist er nicht nur auf mich sauer, sonder auch noch auf dich. Ich wollte doch gar nicht, daß ihr meinetwegen Streit habt ...“
„Ach, der beruhigt sich schon wieder. Sag mal, du hast ihn ehrlich stundenlang unter dem Baum warten lassen, bis er vor Wut bald geplatzt ist?“
„Naja ... ja ... hab ich.“ Farin schielte zu seinem Bruder hoch, aber statt der erwarteten Strafpredigt bekam er ein halb unterdrücktes Lachen zu hören.
Farin verstand gar nichts mehr. „Er war wütend und du findest das lustig?“
„Wenn es nicht ausgerechnet Schneepfeil gewesen wäre, dann fände ich es bestimmt weniger lustig“, antwortete Sándir und wurde wieder etwas ernsthafter. „Es ist nämlich kein Spaß, wenn dir jemand deine Waffen klaut, merk dir das, Träumer. Aber wenn Schneepfeil dich wirklich verletzt hätte, dann wäre ihm das nicht gut bekommen.“
„Dann hättest du ihn verprügelt, nicht?“
„Verprügelt? Aus dem Alter sind Schneepfeil und ich allmählich raus. Und jetzt zurück ins Lager mit dir, bevor du heute noch was anstellst und ich mich tatsächlich wegen dir prügeln muß.“
Sándir erwiderte Farins Grinsen und schob den Jüngeren in Richtung Hain. Und Farin hatte keinen Zweifel daran, daß Sándir seine letzten Worte wirklich wahr machen würde, sollte es einmal darauf ankommen.
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