Seelenpfade

von - Leela -
KurzgeschichtePoesie, Romanze / P12
Eddie Futura Jake
28.09.2013
28.09.2013
1
4717
1
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Futura half Jake beim Aufräumen des Büros. Es war wieder viel Arbeit liegengeblieben – Berichte, die noch zu schreiben waren und zum Teil halbfertig herumlagen, Notizen von Einsätzen, Mappen mit Fällen, die wieder in das Dead Letter File einsortiert werden mußten… Zwischendrin lag ein Buch, das Eddy gelesen hatte und die eine oder andere Tageszeitung, die Jake nicht weggeräumt hatte, und sogar eine Skizze zu einer von Tracys Erfindungen hatte Futura gefunden.
      „Wenn ihr gleich ein bißchen darauf achtet, alles dorthin zu legen, wo es hingehört, dann passiert so etwas nicht so schnell!“ meinte Futura.
      Jake seufzte. „Meinst du, das weiß ich nicht? Das ist leichter gesagt als getan!“
      Futura lachte. „Ja, ich weiß. Trotzdem. Man kann sich ein bißchen Disziplin angewöhnen. Das mußte ich auch, als ich mit Morrow zusammen gearbeitet habe. Der wäre geplatzt, wenn es in der Wissenschaftsstation so ausgesehen hätte wie hier!“ Sie nahm den Stapel Papiere, den sie gerade zusammengelegt hatte. „Das hier sind Referenzberichte, die von Jessica alle schon abgezeichnet wurden. Wo sollen die hin?“
      „Oh, gib’ sie mir! Die haben ihr eigenes Fach im Aktenschrank!“ Jake klopfte auf eine der oberen Schubladen, und prompt öffnete sich die unterste. Er legte die Berichte in das vorgesehene Fach, und die Schublade schloß sich von selbst wieder.
      „Also, das gröbste Chaos ist gelichtet!“ meinte Futura durchatmend, als sie über den Schreibtisch sah.
      „Ja!“ ließ sich Ansabone vernehmen. „Meine Güte, wir haben uns ja lange nicht mehr gesehen!“
      „Halt du mal schön den Hörer still!“ schoß Jake dagegen. „Einen Teil der Unordnung haben wir dir auch zu verdanken!“
      „Soll ich das ganze Material wie Stifte, Locher und so in die Schubladen räumen?“ fragte Futura unterdes.
      „Ja, kannst du machen!“ Jake nahm den Stapel Zeitungen und warf ihn auf den Haufen für das Altpapier.
      Futura sah sich schnell in den Schubladen um, um zu schauen, ob es eine gewisse Grundordnung gab. Anscheinend verlief es aber nach dem Prinzip, alles willkürlich in die linke Schublade zu werfen, denn dort lag bereits einiges Material kreuz und quer, und in der rechten fand sie ein paar Mappen mit Unterlagen.
      Während sie das ganze Schreibmaterial in die Schublade sortierte, kam Jake zu ihr herüber und legte eine weitere Mappe auf den mittlerweile freien Schreibtisch. „Magst du die gleich mal mit in die andere Schublade legen?“
      „Ja, sicher!“ Jake ging bereits wieder zum Bücherregal, um dort für ein bißchen Ordnung zu sorgen, als Futura die eine Schublade schloß, und die andere erneut öffnete.
      Jake fischte seufzend einen Stapel Papier aus dem Regal. „Das hier kann da erst mal auch mit rein!“ meinte er und gab ihr eine lose zusammengelegte Papiersammlung.
      „Willst du das nicht vernünftig aufsortieren?“ fragte Futura, als sie den Stapel begutachtete.
      Jake seufzte. „Ja, aber nicht jetzt! Wir haben schon den halben Nachmittag mit aufräumen verwendet. Ich hab’ jetzt langsam keine Lust mehr!“
      Futura maß ihn mit einem abschätzenden Blick, konnte ihn aber auch verstehen. „Na gut! Ausnahmsweise.“ Sie nahm die gesammelten Werke entgegen, während Jake nun endlich die Bücher richtig aufsortieren konnte. Als sie die Unterlagen aber zu den anderen in die Schublade packen wollte, rutschte ihr ein kleiner Hefter entgegen, der schwerer war als das übrige Papier. Sie zog ihn aus dem Durcheinander und wollte ihn schon auf die anderen Unterlagen obendrauf legen, als sie fasziniert innehielt. Im Gegensatz zu allem anderen, was sie heute hier in Händen gehalten hatte, war dieses kleine Werk akkurat geführt, mit einer Schutzfolie versehen, und unter der Deckfolie erkannte sie ein harmonisches Bild, das wie aus einem Gartenmagazin herauskopiert aussah. Neugierig schlug sie die erste Seite um. Zu ihrer Verblüffung fand sie kleine Verse, die feinsäuberlich auf die Seiten geschrieben waren. Sie konnte nicht anders, als zu lesen.
      Jake bekam es nicht einmal mit, da er ihr immer noch den Rücken zukehrte. „Ich habe mal überlegt, ob man die Bücher alphabetisch aufsortieren sollte. Aber irgendwie hat es dann keinen Sinn mehr ergeben!“ erzählte er. „Aber irgendwann werde ich die Bücher nach Autoren sortieren, und die dann alphabetisch! Man findet hier schon wieder nichts wieder!“
      Futura nahm es nur am Rande wahr. Sie war viel zu vertieft in den Hefter. Als sie merkte, daß Jake mit ihr gesprochen hatte, wachte sie aus ihrer Gedankenwelt. Doch anstatt seine Worte zu rekonstruieren, sah sie ihn an und fragte: „Sag’ mal, ist das hier von dir?“
      Er wandte sich zu ihr um und stockte, als er den Hefter in ihren Händen sah. „Oh, ähm, ja…“ meinte er verlegen. „Ach, da ist er hingekommen! Ich hatte mich schon gewundert…“
      Futura ließ den Nachsatz unkommentiert und meinte fasziniert: „Ich wußte gar nicht, daß du Haikus schreibst!“
      Jake wurde zunehmend nervöser. „Ähm, ja… Irgendwie… hat sich das mal ergeben. Aber ich glaube, sie sind nicht sehr gut…“
      „Darf ich mal?“ fragte sie enthusiastisch. Sie sah ihm an, daß er mit sich haderte. „Du wolltest doch ohnehin für heute aufhören mit den Aufräumarbeiten!“ meinte sie mit entwaffnendem Lächeln.
      „Also, wenn man es so betrachtet, können wir gerne noch ein bißchen weitermachen…“ versuchte er, auszuweichen.
      Sie maß ihn mit einem tadelnden Blick. „Hey, wenn ich sie nicht lesen soll, dann brauchst du es mir nur zu sagen! Immerhin ist das etwas ganz persönliches und verrät viel davon, was in dir so vorgeht.“ Sie lächelte ihn einer Bitte gleich an. „Interessieren würde es mich trotzdem…“
      Jake atmete durch, lächelte aber auch. „Na klar kannst du sie lesen. Aber versprich dir nicht zu viel davon.“
      „Ich glaube, du unterschätzt dich!“ sagte sie abschätzend. „Zugegeben, ich habe eben schon welche von der ersten Seite gelesen, und die haben mir sehr gefallen!“ Einen Moment hielten sie den Blick, bis sie sagte: „Was hältst du davon, wenn wir jetzt Feierabend mit aufräumen machen? Dann können wir uns gemeinsam zusammensetzen und hier mal reingucken?“
      „Okay!“ stimmte er schließlich zu, und so führten sie nur die angefangenen Aufgaben zu Ende, und setzten sich dann auf dem Sofa zusammen.
      Futura nahm den Hefter und rückte zu ihm herüber. „Das Bild ist sehr schön! Es paßt richtig von der Atmosphäre!“
      „Das habe ich mal in einem Magazin gefunden.“ erklärte er. „Schade nur, daß ich es nicht in bunt habe.“
      „Manchmal sagt schwarz/weiß mehr aus als bunt!“ sinnierte Futura und schlug die erste Seite um. „Du schreibst auch Senryūs, wie ich gesehen habe.“
      „Oh, du kennst dich richtig gut aus, oder?“ meinte er und lockerte unbehaglich den Kragen.
      Sie schmunzelte. „Ich kenne ein bißchen die Bedeutung der Begriffe. Schreiben kann ich so etwas aber nicht!“ Sie lehnte sich zurück in seine Arme. „Das erste hat mir schon unheimlich gut gefallen…“

              „Wolken ziehen
              über das Meer. Auf dem Felsen
              – die Burg.“

Jake lehnte sich an sie und sah mit auf das Blatt, aber fast mehr durch es hindurch. Er kannte seine Texte immerhin alle. „Ich hätte nie gedacht, daß es Leute in meinem Bekanntenkreis gibt, die den Sinn dahinter verstehen.“
      „Hast du es denn mal ausprobiert?“ fragte sie.
      „Ehrlich gesagt, nein. Aber diese Poesieform ist glaube ich nicht so bekannt.“
      „Wie bist du denn darauf aufmerksam geworden?“ fragte Futura neugierig.
      „Eigentlich durch puren Zufall.“ Er machte eine gedankenvolle Pause. Dann fuhr er fort: „Ich habe mal einen schönen Spruch in der Art auf einem Grabstein gelesen. Das hatte mich sehr berührt. Ich habe nicht weiter darüber nachgedacht, aber der Friedhofswärter muß mich bemerkt haben, denn er sprach mich an, und er erklärte mir auch die Bedeutung von Haiku.“
      „Und seitdem schreibst du selbst?“ fragte sie fasziniert.
      „Zuerst habe ich hin und wieder nur Gedanken aufgeschrieben. Aber das Prinzip hat mich fasziniert. Weil es… So viel aussagt – finde ich.“
       „Ja, das ist so wahr…“ Futura sah zurück auf das Blatt.

              „Funkelnde Sterne
              verblassen still in der Nacht.
              – Das alte Jahr stirbt.“

„Wow! Das ist einfach… beeindruckend!“ Ihre Stimme signalisierte, daß sie kaum die richtigen Worte fand, um überhaupt ihre Emotionen auszudrücken.
      „Ja, findest du?“ fragte Jake zaghaft.
      „Die Pointe ist so schön!“ wisperte sie.
      „Da kommt es sogar mit dem Verstakt hin!“ meinte er. „Die meisten sind glaube ich gar keine richtigen Haiku.“
      „Wegen der Länge, meinst du?“ fragte sie.
      Er nickte. „Schau mal, das erste zum Beispiel fällt da völlig aus dem Rahmen.“
      „Das hat aber nichts zu sagen!“ erwiderte sie. „Okay, wer sich den Schwierigkeitsgrad machen will, der kann versuchen, das Versmaß in anderen Sprachen auch aufrecht zu erhalten, aber das 5-7-5-Prinzip geht auf japanische Texte zurück, und das kannst du nicht in andere Sprachen umlegen. Von daher ist das hier völlig irrelevant.“
      Jake staunte. „Und du bist sicher, daß du keine Expertin bist?“
      Futura lachte. „Ich wollte mal Poesie schreiben. Aber… es ist mir so gar nicht gelungen. Auf jeden Fall habe ich über verschiedene Dinge gelesen, und ich weiß noch, daß mich gerade dieser Artikel über Haikus besonders interessiert hat, gerade weil dort auf diese Besonderheiten hingewiesen wird, über die man sonst nicht nachdenkt.“
      „So wie ich.“ lachte Jake. „Aber mir war der Text einfach wichtiger, als es in irgend ein Vermaß zu quetschen!“
      „Und das ist genau richtig!“ sagte Futura. „Als Faustregel für Haikus, die nicht original in japanisch geschrieben wurden gilt: 17 Silben oder weniger. Einfach, weil es im japanischen keine Silben in dem Sinne gibt, sondern sich dort alles nach Lauten richtet, die nicht einmal mit unseren Silben vergleichbar sind!“
      „Mmhm.“ meinte Jake interessiert. „Aber in einem muß ich dich jetzt mal korrigieren: Zu Haiku gibt es keinen Plural!“
      Sie konnte den Stolz förmlich aus seiner sanften Stimme heraushören. „Oh…“ Verlegen wandte sie sich dem nächsten Vers zu:

              „Tannen biegen sich
              unter schneeweißer Last.
              Glocken erklingen.

Unwillkürlich ertappte sich Futura beim zählen. „Kommt doch nicht hin.“ Sie sah gedankenvoll auf den kleinen Vers. „Aber alles andere würde die Atmosphäre zerstören!“
      „Ich glaube aber trotzdem, daß viele nicht wirkliche Haiku sind. Nicht nur wegen dem Versmaß.“ meinte Jake. „Ich achte bei der Aussage nicht so sehr darauf, irgendwelche Vorgaben zu erfüllen. Es muß mir einfach gefallen. – Jemand, der das richtig kann würde wahrscheinlich sämtliche Hände über dem Kopf zusammenschlagen.“
      „Und wenn schon.“ gab Futura zurück. „Sie sind unheimlich schön! Und nur das zählt!“
      „Das einzige, worauf ich wirklich achte ist, daß es drei Zeilen sind. Das ist für mich elementar.“ erklärte er.
      „Ja, das macht die Verse auch aus. Das gibt eine ganz besondere Grundstimmung, die du auch wirklich gut einfängst!“
      „Weißt du eigentlich, daß du die erste bist, die das hier zu sehen kriegt? Außer mir, meine ich.“
      „Das habe ich schon vermutet.“ sinnierte sie. „Allerdings wundert es mich, daß ich es dann zwischen einem Haufen anderen Zeugs gefunden habe.“
      Jake schwieg einen Moment gedankenvoll. „Eigentlich habe ich es entweder bei mir, oder in meinem Zimmer. Letzt muß ich es zur Seite gepackt haben, als etwas dazwischen gekommen ist. Ich glaube, das war, als wir den Einsatz in der Fabrik hatten.“
      „Also hoffst du, daß ich die erste bin…“ lächelte sie. Um ihn nicht ganz in Verlegenheit zu stürzen, nahm sie sich den nächsten Vers vor:

              „Die Brücke am Fluß.
              Ein Ahornblatt zieht vorbei.
              Stille.“

„Wie hätte man das Flair denn mit fünf Silben am Schluß erhalten sollen?“ sinnierte Futura anerkennend.
      „Ich weiß nicht!“ Jake schloß die Arme ein wenig fester um sie. „Profis hätten das sicher gekonnt!“
      „Dann will ich keinen Profi!“ erwiderte sie entschieden.
      Er konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen, lehnte seine Wange gegen ihre und schloß die Augen. Ein unwillkürliches stolzes Gefühl durchströmte ihn.
      „Und du willst sie wirklich niemand anderem zeigen?“ fragte Futura sanft.
      „Ich weiß es noch nicht. Eddy vielleicht, aber nur, wenn ich mir sicher sein kann, daß er dann nicht wieder deprimiert ist.“
      „Wieso glaubst du, er könnte deprimiert sein?“ fragte sie überrascht. „Die sind doch so schön…“
      „Ja, aber manchmal habe ich den Eindruck, daß er glaubt, in meinem Schatten zu stehen. Und wenn ich dann wieder mit etwas neuem komme, habe ich manchmal das Gefühl, daß er niedergeschlagen ist, auch wenn er sich für mich freut.“
      „Aber das ist doch Blödsinn!“ meinte Futura betroffen. „Er hat doch so viel zu bieten, er steht doch nicht in deinem Schatten!“
      „Natürlich ist das Blödsinn. Aber sein Selbstbewußtsein ist manchmal nicht das allerbeste, und ich mag nicht in die gleiche Kerbe reinschlagen. Ansonsten würde ich sie ihm schon gerne zeigen. Ich weiß, daß sie ihm gefallen würden.“
      „Davon bin ich auch überzeugt.“ bestätigte sie. „So wie ich ihn kennen gelernt habe, könntest du ihn wahrscheinlich stundenlang damit faszinieren. So wie mich! – Und sonst, hast du niemanden, dem du sie zeigen magst?“
      „Allenfalls Tracy, aber ich glaube, er wüßte damit nicht allzuviel anzufangen.“ lachte er. „Bei meinem Dad bräuchte ich damit wohl eher nicht anzukommen. Ich glaube nicht, daß er wirklich verstehen würde, worum es geht. Und Jessica… Ich weiß nicht. Nachher wird sie noch euphorisch und will irgend etwas davon veröffentlichen lassen. Und dafür sind sie nicht geschrieben. Außerdem ist sie mir hierfür nicht wichtig genug.“
      Futura warf ihm einen erstaunten Seitenblick zu.
      „Das meine ich ernst!“ sagte Jake leise. „Du bist das wichtigste in meinem Leben. Deswegen darfst du sie auch lesen, egal, ob es Segen oder Fluch ist. Außer dir hätte es nur eine Person gegeben, der ich sie wirklich gerne gezeigt hätte.“
      Futura ahnte, was kam, fragte aber dennoch vorsichtig: „Ja? Wer?“
      „Meine Mutter!“ sagte er, mit einer Sanftheit in der Stimme, die sie erschaudern ließ. „Ihr hätten sie sicher gefallen.“
      „Davon bin ich überzeugt.“ wisperte sie und mußte aufpassen, daß ihr nicht die Stimme wegbrach. Sie sah auf den nächsten Vers.

              „Sommerabend.
              Musik aus dem Nachtlokal.
              Ein Traum beginnt.“

„Das hier hätte ihr bestimmt besonders gefallen.“ meinte Jake leise. „Ich erinnere mich noch, als sie noch lebte… Ich muß so um die neun gewesen sein. Wenn man von unserer Wohnung das Fenster öffnete, konnte man Abends, wenn die Nacht langsam hereinbrach und die Straßenlaternen das Licht des Tages ablösten die Musik aus einem kleinen Nachtlokal hören, das ein Stück die Straße herunter lag. Sie hat oft am Fenster gesessen und einfach die Atmosphäre auf sich wirken lassen.“
      „Hast du daran gedacht, als du dieses Haiku geschrieben hast?“
      „Ich denke schon.“ Er versank einen Augenblick in Gedanken. Dann verlagerte er die Position. „Ich muß mal eben was notieren!“ Er stand auf und ging zum Schreibtisch, wo er sich schnell etwas zum Schreiben nahm.
      Futura beobachtete ihn neugierig.
      Einen Moment sinnierte er über seinen Notizen.
      Sie las derweil den nächsten Vers:

              „Graue Bauten
              ragen in den Himmel.
              Ein Vogel zwitschert.“

Sie spürte ihren Puls rasen. Sie wußte nicht warum, aber jeder Vers vermittelte ihr sofort ein Bild im Inneren und löste ein beinahe unwirkliches Gefühl in ihr aus. Als sie Jake kennengelernt hatte, hatte sie schon gespürt, daß er etwas besonderes war. Und doch… Die kleinen Verse vermochten sie für sich schon zu faszinieren. Zu wissen aber, daß sie aus der Feder ihres Freundes kamen, löste ein merkwürdiges Gefühl in ihr aus, das sie kaum definieren konnte – Stolz war dabei, eine ganze Menge Ehrfurcht, viel Liebe, und auch Dankbarkeit.
      Als sie aufsah, schrieb Jake noch. Doch nur einen Moment später sah er auf, ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen und er kam mit einem Blatt Papier wieder zu ihr herüber. „Das kommt auch noch mit in die Sammlung!“ sagte er und reichte ihr das Blatt, wo er in Kladde einen Vers aufgeschrieben hatte.

              „Straßenlaternen,
              das Licht des Tages erlischt.
              Zauber fängt mich ein.“

Futura starrte auf das Papier. „Das ist dir eben so zugefallen?“ fragte sie verblüfft.
      „Das Bild hatte ich vor Augen, als ich dir eben von meiner Mom erzählt habe!“ bestätigte er.
      Sie fand noch immer keine Worte. „Jake, du bist ein Naturtalent!“ entfuhr es ihr.
      „Das war Zufall!“ behauptete er.
      Sie mußte lachen. „Das glaube ich nicht!“ Sie sah wieder fasziniert auf das Blatt. „Sogar das Versmaß »stimmt« hier!“
      „Echt?“ entfuhr es ihm verblüfft. „Das ist mir gar nicht aufgefallen!“
      „Soll ich es hier mit reinlegen?“ fragte sie.
      „Mmhm.“ Er blätterte an’s Ende der Mappe. „Tu es mal hier in die Folie. Da sammle ich immer die neuen Sachen, die ich noch einarbeiten muß.“
      Ein merkwürdiges Gefühl durchströmte Futura, als sie an’s Ende der Mappe blätterte, und sich bewußt wurde, wie viele Seiten, vollgeschrieben mit wie vielen Gedanken sie bis zu der Sammelfolie trennten, und selbst in der Folie häuften sich die Notizzettel. Er mußte bereits seit Jahren schreiben.
      „Ich muß sie mal wieder übertragen!“ stellte Jake fest. „Machen wir vorne weiter?“
      Sie nickte und schlug die Seiten zurück, bis zu dem Punkt, wo sie aufgehört hatten.

              „Eine Lichtung.
              Die ersten Sonnenstrahlen.
              Die Feen erwachen.“

„Aww, das hast du geschrieben nach unserem Waldgeister-Einsatz!“ implizierte Futura grinsend.
      „Ähem… Das habe ich geschrieben, nachdem Dad mich danach berechtigterweise vor euch rundgemacht hat. Das Original war tränendurchtränkt.“
      Futura sah ihn erschrocken an. „Ernsthaft?“
      Er mußte unwillkürlich grinsen. „Okay, das war jetzt etwas übertrieben. Aber ich war wirklich ziemlich fertig, als ich das geschrieben habe.“
      Sie gab zu, sie war ein wenig erleichtert. „Aber es ist schön geworden!“ bekannte sie.
      „Danke.“ meinte er leise. „Zu irgendwas mußte es ja gut gewesen sein.“
      „Wenn es schon so kommen mußte, dann ist das ein guter Lohn dafür!“ interpretierte Futura. „Hauptsache, du bist nicht immer in so einer Stimmung, wenn du schreibst.“
      „Das habe ich eben ja wohl bewiesen!“ lachte Jake.
      „Ja, stimmt!“ gestand sie ein.
      „Das nächste habe ich auch in einer völlig anderen Stimmung geschrieben!“ erklärte er.

              „Stille im Moor.
              Die Kristallkugel verstummt.
              Nebel zieht auf.“

„Hey, das ist über Madame Why!“ erkannte Futura.
      „Ich finde, es ist nicht so gut geworden.“
      „Warum? Ich finde, es hat was!“
      „Ich weiß nicht…“ wich Jake aus. „Es hat so eine bedrückende Atmosphäre, finde ich. Es gibt bessere, sogar von mir.“
      „Hey…“ Mit einem fassungslosen lachen knuffte sie ihm in die Seite. „Jetzt hör auf, dich unter Wert zu verkaufen! Ich meine es ernst, wenn ich dir sage, daß das hier absolut großartig ist! Und wenn mir eines nicht gefallen würde, dann würde ich es dir auch so sagen!“
      Er lächelte verlegen. „Man selbst beurteilt seine Sachen wahrscheinlich immer anders, als andere…“
      „Aber du hast doch selbst gesagt, daß sie dir gefallen. Sonst hättest du sie ja nicht geschrieben!“
      „Ja, aber ich habe sie ja eben nur für mich geschrieben!“ argumentierte er.
      „Jake Kong, dir ist bald nicht mehr zu helfen!“ Sie legte bewußt ein bißchen Strenge in ihre Stimme. Dann umfaßte sie ihn leicht und sah ihm in die Augen, während sie ernst und sanft zugleich erklärte: „Du schreibst unheimlich schöne Sachen. Das sind kleine Meisterwerke. Hör bloß nicht auf damit.“
      Jetzt mußte er zugeben, war er ein wenig beeindruckt. Auch wenn sie es schon ein paar Mal erwähnt hatte, und ihm auch klar war, daß sie es ernst meinte, wurde ihm erst jetzt - vielleicht auch aufgrund ihres plötzlichen Wechsels in der Tonlage - so richtig bewußt, was das, was sie ihm sagte bedeutete. Er konnte kaum glauben, daß er jemanden gefunden hatte, bei dem er so großen Anklang mit den kleinen Gedanken gefunden hatte, die er hin und wieder für sich aufschrieb. Er wußte schon jetzt, jedes Haiku, jedes Senryū und jeder Vers, den er ab jetzt schreiben würde, würde er für sie schreiben. In Gedanken versunken, mit einem leichten Lächeln, das seinen Stolz nicht ganz verbergen konnte, drückte er sie leicht an sich.
      „Du sagtest eben, das hättest du auch in einer anderen Stimmung geschrieben – wie meintest du denn das?“ fragte vorsichtig nach. „In einer anderen, als der Waldgeister-Stimmung?“
      „Ja. Auch wenn das nicht so wirklich durch den Vers durchklingt, aber das habe ich mal zwischendurch geschrieben, als ich ein bißchen Zeit hatte und die einfach nicht ungenutzt lassen wollte.“
      „Na, das ist dir gelungen, würde ich sagen!“ behauptete sie.
      „Man merkt aber doch, daß ich da in einer ziemlich alltäglichen Stimmung war.“ meinte er. „Wenn ich in einer emotionaleren Stimmung bin, schreibe ich anders, egal, ob ich dann am Boden zerstört, völlig euphorisch oder einfach nur in meine eigene Welt versunken bin.“
      „Und ich finde es trotzdem schön!“ bekannte sie und schaute weiter.

              „Abendrot.
              Die Spitze des Kirchturms.
              Eine Fledermaus.“

„Warum muß ich gerade an Belfry denken…?“ schmunzelte Futura.
      „Willst du wissen, wann ich das geschrieben habe?“ fragte er tiefgründig. Auf ihren fragenden Blick hin erklärte er: „Direkt nach einem Einsatz in Hauntquarters. Irgendwie hatte ich schon auf der Rückfahrt das Bild vor Augen. Ich mußte es einfach aufschreiben.“
      „Unbedingt!“ bestätigte Futura.
      Plötzlich hörten sie ein Geräusch und sahen synchron auf. Als Eddy in’s Büro kam, ließ Jake die Mappe schnell verschwinden.
      „Hey, was macht ihr denn so?“ fragte Eddy.
      „Nichts!“ erwiderte Jake schnell.
      „Wonach sieht es denn aus?“ fragte Futura, die schnell geschaltet und die Arme um Jake gelegt hatte.
      Eddy grinste. „Schon klar! Wollte auch nicht stören! – Tracy hat vorgeschlagen, daß wir heute Abend ja mal in das neue Diner fahren könnten! Da soll man sich Burger selbst zusammenstellen können, und er will ausprobieren, ob er da einen Bananenburger kriegen kann.“
      Jake und Futura wechselten einen Blick.
      „Das hört sich gut an!“ meinte Jake.
      Sie grinste. „Der Bananenburger?“
      „Das Diner!“ grummelte er.
      Futura sah Eddy amüsiert an. „Also, wir sind dabei!“
      „Schön!“ freute er sich. „Dann sag’ ich Tracy mal Bescheid. Wenn er mit seiner Arbeit da unten fertig ist, können wir von mir aus los!“
      Die beiden nickten zustimmend.
      Eddy grinste. „Bin schon wieder weg!“
      Als er wieder ging, wechselten Futura und Jake einen Blick und schmunzelten. Jake warf einen prüfenden Blick zur Tür und zog die Mappe wieder hervor. „Ich lege sie mal in meinem Zimmer an einen Platz, wo du auch jederzeit rankannst. Dann kannst du lesen, wann immer du magst.“
      Ihr Blick hatte etwas sonderbares als sie sagte: „Ich möchte sie viel lieber mit dir zusammen lesen. Es ist so eine schöne Atmosphäre, wenn du bei mir bist, und noch etwas zu den Versen erzählst…“
      „Das können wir auch gerne machen. Du kannst sie dir trotzdem nehmen, wann immer du willst. Manchmal ist es auch eine schöne Atmosphäre, wenn man beim lesen einfach mit sich allein ist.“
      Sie sahen sich mit einem seelentiefen Lächeln an, dann standen sie auf, um das kleine Werk an einen sicheren Platz zu bringen und sich für das Diner fertigzumachen.


(Anm. d. Aut.: Die Geschichte, auf die Jake anspricht, als sein Vater ihn gefaltet hat, gibt es wirklich in meiner Chronologie.)
Review schreiben
 
 
'