Die rote Blume (pausiert auf unbestimmte Zeit)

GeschichteRomanze / P16
28.09.2013
03.11.2013
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Eigentlich wollte ich ja nichts Neues anfangen, bevor ich Last Hope Pandora fertig hab, aber da ebendies so gut wie fertig ist und ich so ein Ungeduldspinsel bin, breche ich mit meinem Vorhaben. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und freue mich auf eure Reviews :)

*wink*
Kara



Die rote Blume

~ Nicht wo du die Bäume kennst, wo die Bäume dich kennen, ist deine Heimat. ~
Sibirisches Sprichwort


1. Der Traum

     Tsu'tey träumte. In seinem Traum lief er durch einen fremden, nachtdunklen Wald. Doch so fremd war er gar nicht mehr. Tsu'tey hatte diesen Traum nun schon so oft gehabt, dass ihm der Wald  wie ein alter Freund vorkam, den er schon lange nicht mehr gesehen hatte.
     Der Boden unter seinen Füßen war ungewöhnlich kalt, auch die Luft war so eisig, dass sein Atem seinen Mund in kleinen Wölkchen verließ. Vom Himmel rieselten weiße Flocken herab, die auf seiner Haut schmolzen und eisige Tropfen aus Wasser zurückließen. Noch nie zuvor hatte Tsu'tey so gefroren wie in diesem Traum. Ihm war so kalt, dass er sich zurück in den Kelutral wünschte.
     Die inzwischen wohlbekannten Formen der Blätter und Moose hatten das typische Leuchten inne, das auch seinen heimatlichen Wald erhellte. Es durchbrach die Nacht und tauchte die fremdartigen Bäume in kühles Dämmerlicht. Weder Nacht noch Kälte schien die vielfältige Fauna zu stören, die um ihn herum das Leben feierte. Über ihm in den Zweigen zwitscherten und tschirpten seltsam anmutende Vögel mit bunt luminiszierendem Federkleid. Um ihn herum erklangen Schritte von dunklen, sechsbeinigen Tieren, die ihn zwischen den Baumstämme hindurch neugierig betrachteten. In der Ferne erklang ein langgezogener Schrei, der in einem Juchzer endete und gleich darauf Antwort aus der entgegengesetzten Himmelsrichtung erhielt.
     Sein Gefühl zog Tsu'tey weiter. Nur noch ein paar Schritte und der Wald lichtete sich. Vor ihm lag ein kleiner See, dessen Wasser so klar war, dass der felsige Boden mit den unzähligen leuchtenden Pflanzen mühelos zu erkennen war. Bunte Schatten mit eigentümlichen Zeichnungen huschten in dem Wasser hin und her und zeugten von dem vielfältigen Leben, das sich auch unter Wasser entfaltet hatte. Hier war es wärmer und über dem See hing dichter Dampf, der von der Oberfläche aufstieg. Am felsigen Rand des Sees rankte sich eine seltsame Pflanze über die Steine und tauchte ihre Wurzeln in das klare Wasser. Eine einzelne Knospe, unscheinbar und im Dunkeln kaum zu sehen, schob sich zwischen den länglichen Blättern hervor. Zögerlich öffneten sich die spitzen Blätter und entfalteten eine volle Blüte, deren Inneres warm und tiefrot aufleuchtete. In der von Grün und Blau geprägten Umgebung stach sie wunderschön heraus. Leuchtende Sporen stiegen wie Funken aus ihrer Mitte auf und wurden von dem kaum spürbaren Wind davongetragen.
     Plötzlich spürte Tsu'tey, dass jemand hinter ihm stand. Er hatte gewusst, dass dies passieren würde und trotzdem erschrak er. Gerade als er sich umdrehen wollte, löste sich der Traum um ihn herum auf und er erwachte.
     Seufzend richtete sich Tsu'tey auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Allmählich wurde ihm dieser Traum unheimlich. Beinahe jede Nacht fand er sich in dort wieder und noch nie hatte er sehen können, wer hinter ihm auftauchte und ihn aus diesem Traum aufschreckte. Dazu kam das unbestimmte Gefühl, er müsse diesen Wald und die rote Blume finden, um in Erfahrung zu bringen, was dieser Traum bedeutete.
     Tsu'tey erhob sich vorsichtig. Inzwischen kannte er den plötzlichen Schmerz, der durch seine Brust fuhr und ihm den Atem raubte, wenn er sich unbedacht bewegte, nur zu gut. Doch das war der Preis, den er dafür zahlte, dass er noch lebte. Die Projektile der Sawtute hatten seine Brust fast alle durchschlagen und nur die Wunden zurückgelassen, die mit der Zeit verheilt waren. Inzwischen zeugten nur noch die kreisrunden, hellen Narben auf seinem Körper davon. Eine Kugel jedoch war stecken geblieben. Hätte Mo'at versucht, sie zu entfernen, hätte es ihn vermutlich das Leben gekostet. Nun, mit Schmerzen konnte er umgehen. Wichtiger war, dass er lebte und als Olo'eyktan die Omatikaya führte.
     Der Verlust ihrer alten Heimat und den Gefallenen des Krieges wog noch immer schwer in den Gedanken des Clans. Sie hatten zwar einen neuen Kelutral gefunden, doch es war zuviel verloren gegangen, als dass sie so schnell ein normales Leben wieder aufnehmen konnten. Das war ein Grund, weshalb er und viele andere noch auf dem Boden schliefen. Es herrschte immer noch Mangel an genügend Hängematten und das war nur ein winziger Teil der verloren gegangenen Alltagsgegenstände.
     Der andere Grund, weshalb Tsu'tey noch auf dem Boden schlief war, dass er sich schwer tat, den linken Arm schmerzfrei weit genug zu heben, um sich in eine Hängematte zu hangeln und auch wieder heraus zu kommen. Da schlief er lieber auf dem Boden, selbst wenn er, als Olo'eyktan, das Recht gehabt hätte, zuerst einen neuen Schlafplatz zu erhalten.
     Nachdem Tsu'tey den morgendlichen Bedürfnissen nachgegangen war, suchte er sich ein sonniges Plätzchen und ließ sich dort nieder. Es war noch früh am Tag, doch die Meisten waren schon auf den Beinen und kümmerten sich darum, dass das Leben bald wieder einen geregelten Gang gehen konnte. Eine bekannte Bewegung zog Tsu'teys Aufmerksamkeit auf sich. Neytiri.
     Sie hatte die jüngeren Kinder des Clans um sich versammelt und spielte mit ihnen, so dass deren Mütter auf Nahrungssuche gehen konnten. Neytiri selbst war seit einer Weile von diesen Pflichten entbunden. Ihre Schwangerschaft war inzwischen fortgeschritten, so dass sie nur noch leichte Aufgaben zugeteilt bekam. Niemand wollte ungeborenes Leben gefährden. Und so passte sie hauptsächlich auf die Kinder auf. Sie bemerkte nicht, dass er sie beobachtete.
     Tsu'tey tat es weh, sie so zu sehen. Schwanger und umringt von Kindern. Eigentlich hätte sie jetzt sein Kind unter dem Herzen tragen sollen, doch nun war sie mit Jake vereint und gründete mit ihm eine Familie. Ihre Entscheidung ihm Jake vorzuziehen, war etwas, mit dem sich Tsu'tey zwar abgefunden hatte, aber was ihn dennoch schmerzte. Zu lange war er davon ausgegangen, dass sie einst seine Gefährtin werden würde.
     Und dann war da noch Jake. Tsu'tey respektierte ihn und sah ihn als seinen Bruder an. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen seiner Verbindung mit Neytiri. Außerdem war Jake Toruk Makto, Reiter des letzten Schatten. Dies hatte ihm im Clan und weit darüber hinaus Respekt verschafft. Auch sein Einsatz im Kampf gegen die Menschen wurde besungen. Neben ihm kam sich Tsu'tey beinahe klein vor.
     Während der Zeit seiner Genesung waren die Omatikaya meist zu Jake und Neytiri gegangen, wenn es etwas Wichtiges zu entscheiden gab, um ihn zu schonen. Die Beiden hatten ihn zwar immer mit einbezogen, doch es blieb ein schaler Nachgeschmack. Selbst jetzt, als es ihm wieder weitgehend gut ging, kam Tsu'tey nicht umhin zu bemerken, wie sehr sich die Omatikaya auf Jake verließen. Doch sollte das nicht eher er sein, der Olo'eyktan? Abwesend berührte er den breiten Halsschmuck mit den drei Palulukankrallen daran, den er als Zeichen seines Ranges trug.
     Mo'at entging Tsu'teys gedrückte Stimmung nicht. Schon seit vielen Wochen schien ihn etwas immer mehr zu bedrücken und das hing nicht mit seiner Verletzung zusammen. Es war nicht gut, wenn der Olo'eyktan sich so in sich selbst zurückzog, wie Tsu'tey es in letzter Zeit tat. Er kümmerte sich nach wie vor um die Belange der Omatikaya, doch es schien Mo'at, als wäre er nicht mit ganzem Herzen dabei.
     Sie trat näher an Tsu'tey heran und folgte seinem Blick. Wie er erblickte sie Neytiri, die mit den Kindern spielte. War es das, was ihn bedrückte? Wenn dem so war, sollte er sich allmählich damit abfinden, dass Neytiri jemand anderen gewählt hatte. Die Omatikaya brauchten einen starken Führer. Gerade jetzt, wo sie sich aus der Asche des Krieges neu erheben mussten.
     "Ma Tsu'tey", sprach sie ihn an. "Was bedrückt dich so?"
     Tsu'tey zuckte erschrocken zusammen, als er die Stimme der Tsahìk vernahm. Er hatte sie gar nicht bemerkt. Verlegen, dass sie ihn dabei ertappt hatte, wie er Neytiri beobachtete, stand er auf und wandte dieser und den spielenden Kindern den Rücken zu. "Ma Tsahìk", grüßte er respektvoll. Was sollte er sagen? Er wusste, wie es aussah und er konnte nicht leugnen, dass Neytiri eine nicht unbeträchtliche Rolle in seinen Gedanken spielte, doch es war mehr das Gefühl entwurzelt zu sein, das ihn umtrieb. Der alte Kelutral war gefallen und verbrannt. Er hatte, wie die anderen auch, viele Brüder und Schwestern in diesem Krieg verloren. Dazu kam das Gefühl, nur noch vom Titel her der Olo'eyktan der Omatikaya zu sein und diesen Rang an Toruk Makto verloren zu haben, ohne dass er diesem jedoch einen Vorwurf machen konnte. Er kannte Jake inzwischen gut genug, um zu wissen, dass dieser ihn viel zu sehr respektierte, um ihm seinen Rang hinterrücks streitig zu machen.
     Was Tsu'tey jedoch am Meisten bedrückte war dieser Traum, der ihm das Gefühl gab, er müsse weg von hier und diesen Wald und im speziellen die rote Blume suchen, die er dort gesehen hatte. Aber wie sollte er das nur erklären?
     Mo'at sah ihn forschend an, doch sie spürte, dass sie wohl keine schlüssige Antwort erhalten würde. Tsu'tey war noch nicht soweit, dass er ihr überhaupt antworten konnte, doch so konnte es nicht weitergehen. Er musste wieder aufwachen, wenn er die Omatikaya führen wollte. Sie konnte ihm nur nicht weiterhelfen, wenn er nicht mit ihr sprach. Aber vielleicht half ihm ja etwas anderes.
     "Du bist lange nicht mit deinem Ikran geflogen", meinte sie leichthin. "Der Tag ist jung und soweit ich mich entsinnen kann, kann es wahre Wunder bewirken, wenn man sich den Wind um die Nase wehen lässt." Sie lächelte Tsu'tey an, wurde jedoch schnell wieder ernst und legte ihm die Hand auf die Schulter. "Die Omatikaya brauchen dich, ma Tsu'tey. Lass sie nicht im Stich."
     Tsu'tey biss sich auf die Zunge, als er den leisen Tadel in der Stimme der Tsahìk hörte. Gleichzeitig konnte er nicht anders, als ihr recht zu geben. So, wie es ihm im Moment ging, war er seinem Clan keine große Hilfe, da konnte er sich noch so viel Mühe geben. Er entschloss sich, Mo'ats Ratschlag zu folgen. Er war in der Tat lange nicht mehr mit seinem Ikran geflogen. Das letzte Mal war im Kampf um den Baum der Seelen gewesen.
     "Danke, Mo'at", bedankte er sich bei der Tsahìk, die ihm freundlich zunickte und wieder ihrer Wege ging. Tsu'tey machte sich auf den Weg zu den Schlafplätzen der Ayikran, hoffend, dass ihn nicht ausgerechnet jetzt jemand brauchte. Diese hatten sich erstaunlich schnell an den neuen Heimatbaum gewöhnt und residierten auch hier in den oberen Ästen.
     Sicheren Schrittes lief Tsu'tey über die inneren Äste des Kelutral. Seine Verletzungen hatten ihn lange daran gehindert mit Txanatan zu fliegen. Als er genesen war, waren es seine Pflichten als Clanoberhaupt gewesen, die ihn voll und ganz vereinnahmt hatten. Dazu kamen die jungen Na'vi, die den Weg des Jägers beschritten und der Ausbildung bedurften. Auch das brauchte Zeit, selbst wenn Tsu'tey, im Gegensatz zu früher, nur noch einen kleinen Teil übernahm.
     Ein kühler Luftzug begrüßte ihn, als er bei den Schlafplätzen der Ayikran angelangte. Inzwischen freute er sich richtig darauf, mit Txanatan durch die Lüfte zu gleiten und den Wind zu spüren. Tsu'tey steckte Daumen und Zeigefinger zwischen die Lippen und ließ zwei kurze, scharfe Pfiffe ertönen.
     In den Zweigen raschelte es. Ein Ikran kreischte und ein anderer stritt zurück. Dann erklangen kräftige Flügelschläge, die die Blätter wie im Sturm tanzen ließen. Nur einen Moment später kämpfte sich Txanatan durch die widerspenstigen Zweige und landete vor Tsu'tey. Erwartungsvoll begrüßte er seinen Reiter mit einem zärtlichen Gurren und reckte ihm den Kopf entgegen.
     "Oel ngati kameie, mein Bruder", begrüßte Tsu'tey Txanatan. Liebevoll streichelte er ihm über die Stirn und tätschelte seinen Hals. Die blauviolette Haut mit den schwarzen Zeichnungen war vertraut und warm, schon beinahe heiß, unter seinen Fingern. Es war wirklich viel zu lange her, dass er sich mit ihm beschäftigt hatte. "Hast du Lust auf einen kleinen Ausflug?" Als ob Txanatan seine Worte verstanden hätte, streckte er Tsu'tey eine seiner Antennen entgegen, bereit Tsaheylu herzustellen. Dieser schmunzelte ob der Ungeduld seines Freundes und verband das Ende seines Zopfes mit den neuralen Fasern des Ikran.
     Sofort verschmolzen seine und Txanatans Gedanken. Tsu'teys waren geradlinig und formuliert, die des Ikran instinktiv und emotional. Tsu'tey spürte, dass sein Freund ihn vermisst hatte und es tat ihm leid, dass er ihn so lange hatte warten lassen. Trotz der Verschmelzung waren sie noch immer unabhängig voneinander, nur die gegenseitige Kommunikation war schneller und viel einfacher.
     Mit geübten Handgriffen überprüfte Tsu'tey das Geschirr, das Txanatan trug. Nach all den Wochen erwartete er, dass es Schaden genommen hatte. Ayikran hatten scharfe Zähne und Klauen, die sie auch für die Körperpflege einsetzten. Dennoch war das Geschirr unversehrt und gut gepflegt. Irgendjemand musste sich darum gekümmert haben. Die Einzige, die Tsu'tey da einfiel, war Ksafre, eine junge Jägerin. Sie hatte erst vor einem Jahr Iknimaya erklommen und ihren Ikran gewählt, doch sie hatte schon sehr viel früher ein bemerkenswertes Geschick mit den Ayikran des Clans bewiesen. Tsu'tey nahm sich vor, ihr bei der nächsten Gelegenheit zu danken, nun wollte er ersteinmal fliegen.
     Behände schwang er sich auf den Ikran. Wie von selbst fanden seine Füße die Stützen und sein Körper eine ausgeglichene Position. Kaum dass er die Finger um das Kopfstück geschlossen hatte, das ihm sicheren Halt gewährte, gab er Txanatan das gedankliche Zeichen, dass er bereit war. Augenblicklich stürzte sich der Ikran von dem Ast in die Tiefe.

tbc...