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Der Schlüssel zum Frieden

von Lywhn
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Aragorn Elrond Gandalf Gimli Legolas Thranduil
27.09.2013
26.06.2014
49
578.063
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27.09.2013 10.971
 
1. Kapitel – Echos

Die späte Mittagssonne hing über dem Nebelgebirge und tauchte das Tal des Anduin in langsam zunehmende Schatten. Die Säume des Großen Grünwaldes im Westen hoben sich dunkel gegen das Tageslicht ab und das bunte Farbenspiel von Rot und Gold an den Bäumen in den Auen verlieh der Landschaft an diesem 08. Oktober etwas Verzaubertes.

Auf der anderen Seite des großen Stroms, der sich von dem Grauen Gebirge im Norden nach Süden schlängelte, das Weiße Gebirge auf der Höhe Minas Tiriths umrundete und schließlich im Westen ins Meer mündete, erhoben sich gewaltige Baumriesen, die so hoch gewachsen waren, dass die anderen Gehölze dagegen wie Gebüsch wirkten. Lichter glitzerten und schimmerten in den Kronen und brachen sich in dem grünen Laub und in den goldfarbenen Blüten.

Im Golden Wald – Lothlórien – schien die Zeit still zu stehen. Nicht, was Tag und Nacht betraf, wohl aber das sich ansonsten verändernde Gesicht eines Jahres. Hier hatte es seit mehr als vier Jahrtausenden keinen Herbst und keinen Winter gegeben, sondern immer nur einen späten Frühling. Doch im Gegensatz zu früher, wurden die Ränder des Elbenreiches nun von den Jahreszeiten berührt. Wer die Grenzen passieren durfte und Lórien betrat, wurde zwar immer noch sofort von Wärme und süßem Duft umfangen, der die Müdigkeit und den Hunger vertrieb, doch in den äußersten Bereichen begann das Laub sich zu verfärben und auch ein kühler Wind wehte durch die Zweige.

Mit leicht wehmütigen Augen stand eine einzelne, in weiß gekleidete Gestalt an den Ausläufern des Goldenen Waldes und betrachtete den herbstlichen Verfall der Natur, der hier Einzug zu halten begann. Eine Böe fand den Weg um die Stämme der Bäume herum und bewegte das glänzende, hellgoldene Haar, das über schmale Schultern fiel und fast bis zu den Knien reichte. Der schneefarbene dünne Stoff des bodenlangen Gewandes bewegte sich leicht und umspielte die schlanke Silhouette wie Wasser. Eine Hand wurde anmutig gehoben, als wolle sie die würzige Luft berühren, dann entrang sich ein leises Seufzen den weichen Lippen und der Arm sank wieder herab.

Doch für einen Moment hatte das Tageslichts sich in dem Ring gefangen, der an dem langen, wohlgeformten Mittelfinger steckte; ein Ring von silber-weißer Farbe, wie nur Mithril ihn innehatte, und der mit einem sternenförmigen, durchsichtigen Stein versehen war. Nenya, der Ring des Wassers – einer der drei Elbenringe – gehütet von Galadriel, eine der weisesten unter den Eldar und Fürstin Lothlóriens.

Aber seine Macht schwand. Obwohl Sauron keinen der drei Elbenringe je berührte und verdarb, lösten sich mit seinem Fall die in ihnen ruhenden Kräfte auf. So auch die Nenyas, die Galadriel bisher dazu benutzt hatte, um die Grenzen ihres Landes zu schützen – gegen Feinde und die Jahreszeiten. Mit jedem Tag verlor der Ring mehr und mehr von seiner Gabe und damit vergingen auch seine Werke. Nicht mehr lange, und nur noch die hohen Mallorn-Bäume in der Mitte Lóriens würden dem Zahn der Zeit widerstehen können.

Galadriel atmete tief durch und sog den erdigen Geruch des Herbstes in ihre Brust. Ihr Herz, das ohnehin in den vergangenen Jahren immer schwerer geworden war, zog sich kurz zusammen. Das Fernweh nach Valinor hatte sie schon vor längerer Zeit ergriffen, doch die Erstarkung Saurons, was schließlich im Ringkrieg gipfelte, hatte sie ihre persönlichen Wünsche beiseite schieben und vor Ort bleiben lassen. Es hatte noch zu viel für sie zu tun gegeben, um Mittelerde den Rücken zuzukehren und in ihre alte Heimat jenseits des Meeres zu segeln. Und auch jetzt war noch nicht alles vollbracht, was in ihren Händen lag.

Ihre Enkelin Arwen Undómiel, der elbische ‚Abendstern‘, Tochter ihrer Tochter Celebrian und des gelehrten Halb-Noldo Elrond von Bruchtal, hatte der Unsterblichkeit entsagt und im vorangegangenen Jahr einen Mann der Menschen geheiratet, dem ihre ganze Liebe galt: Aragorn, Arathons Sohn, der rechtmäßige König Gondors, der nach dem Krieg den ihm zustehenden Thron bestieg. Und die schöne Halb-Elbin, die das Ebenbild Luthíens sein sollte – jener Elbin, die als Erste einen Sterblichen zum Gemahl nahm und das Geschlecht der Peredhil (Halb-Elben) begründete – war schwanger. Mit Freude hatte Galadriel diese Neuigkeit erfahren, denn es bedeutete, dass weder die Königslinie in Gondor, noch die Elronds aussterben würde.

Dann waren da noch ihre beiden Enkelsöhne, Elladan und Elrohir, und zumindest der Ältere der Zwillinge hatte seine Seelengefährtin gefunden und sich mit ihr Anfang Juni verlobt. Glawhlínd war die Base Haldirs – dem Hauptmann der lórischen Grenzwache – und dessen Brüder, und ihre Liebe zu Elladan leuchtete hell wie die Sonne. Getroffen hatten sie sich bewusst zum ersten Mal während der Hochzeit Arwens und Aragorns in Gondor, als Glawhlínd mit zum Gefolge ihrer Fürstin gehörte, und in den nachfolgenden Monaten hatten sie und Elladan sich immer wieder geschrieben, was ein eifriges Hin- und Her von zig Brieftauben zur Folge gehabt hatte. Amüsiert und dennoch aufmerksam hatte Galadriel, der nichts entging, dies beobachtet und war zu dem Schluss gekommen, dass die beiden füreinander bestimmt waren.

Als im April ein Überfall auf die Grenzen Lóriens durch Uruk-hais und ein merkwürdiges Schattenwesen erfolgte, bei dem ihr Nenya gestohlen wurde, hatte die Noldo-Fürstin die talentierte Bogenschützin mit ihrem Gemahl Celeborn mitgeschickt, der sich auf die Spur der Diebe setzte, jedoch während eines Scharmützels verletzt wurde. Thranduil, der König des nördlichen Waldlandreiches, war dem zuvor erfolgten Ruf Celeborns mit der Bitte um ein Treffen gefolgt und verhinderte im letzten Moment Schlimmeres. Auf die Bitte des Herrschers Lóriens verfolgte Thranduil die Uruk-hais und nahm auf Anraten Celeborns hin Haldir und Glawhlínd mit. Die Jagd führte den Elbenkönig bis nach Rohan, wo er auf seinen Sohn und dessen Freunde stieß, die Elrond und seine Söhne auf deren Rückreise nach Bruchtal und Éomer eigentlich nur bis Edoras begleiten wollten.

So sahen Glawhlínd und Elladan sich wieder und die von Galadriel geschickt eingefädelte ‚Liebesfalle‘ schnappte zu. Als Elrond und seine Söhne, gemeinsam mit Haldir und dessen Base, Gandalf und Thranduil nebst seinen Tawarwaith Ende Mai Lórien wieder erreichten, waren Elladan und Glawhlínd ein Paar – in jeder Hinsicht – und die Verlobung kurz darauf war ein Fest gewesen, wie es Lórien schon lange nicht mehr gesehen hatte, denn das Eheversprechen zwischen Arwen und Aragorn dreißig Jahre zuvor, war in aller Heimlichkeit im Reich Galadriels geschehen und war ohne Feier vonstatten gegangen.

Was ihren ältesten Enkel betraf, waren der Fürstin einige Sorgen genommen worden und sie hoffte, dass auch Elrohir eine elleth (Elbenfrau) finden würde, die mit ihm den Bund eingehen würde. Elrond und auch sie selbst hatten Arwen an die Sterblichkeit verloren, wenigstens die Zwillinge sollten nach Möglichkeit dem Volk der Elben erhalten bleiben. Doch was den Jüngeren der beiden Brüder anging, lag die Zukunft selbst für die Hellsicht der Hohen Frau im Dunkeln.

Eine neue Windböe erfasste das schwere Haar Galadriels und riss sie aus ihren Gedanken. Nach einem letzten Blick auf die sich verfärbende Landschaft am Rand ihres Reiches wandte sie sich ab und strebte dem Herzen Lóriens zu, als sie in der Nähe eine vertraute Präsenz spürte. Ihre Seele erkannte sofort, wer dort zweihundert Fuß von ihr entfernt stand und die Auen des Anduin betrachtete, und ein lautloses Seufzen entrang sich der Fürstin.

Dies war ihre nächste Sorge: Die elleth, die sich gegen einen Baum lehnte und die Arme vor der Brust verschränkt hatte, war die Enkelin ihres getöteten Bruders und somit ihre Großnichte, und die letzten achtzehn Monate hatten sie verändert und sie zwischendurch an den Rand des Schwindens getrieben.

Syriëll war für eine Elbin ungewöhnlich zierlich geraten, was allerdings von ihrem Temperament wettgemacht wurde. Große, dunkelblaue Augen beherrschten das herzförmige Gesicht, was in Verbindung mit ihrer Kleinwüchsigkeit in vielen sofort den Wunsch hegte, sie beschützen zu wollen – etwas, was kaum nötig war. Syriëll verstand es zu kämpfen, auf vielerlei Art und Weise, und sie hatte in der Fremde viel gelernt. Was jedoch sicherlich eine Besonderheit darstellte, war ihr silberblondes Haar. Im Gegensatz zu dem der anderen ellyth (pl. Elbenfrauen) fiel es ihr gerade mal eine Handbreit über die Schulter und vereinzelte, noch kürzere Strähnen umspielten federgleich ihr Antlitz.

Galadriel war zuerst erschrocken gewesen, als sie ihre Großnichte – die jeder für tot gehalten hatte – Ende Mai wieder in die Arme schließen konnte und sie dabei erkannte, wie es in ihr aussah. Das abgeschnittene Haar war ihre Art der Trauer; der Trauer um ihre Schwester Celethiel, die ein weiteres Opfer des Ringkrieges gewesen war, wenn auch nicht auf dem Schlachtfeld.

Celethiel war Ende März vergangenen Jahres, gemeinsam mit vier ellyn (pl. Elbenmännern) von Uruk-hais entführt worden, die der Schlacht bei Dol Guldur und an den Grenzen Lóriens entkamen, und die fünf Erstgeborenen als Geiseln nahmen. Syriëll und einige andere Krieger verfolgten die Uruks und deren Gefangenen, doch das Schicksal spielte ihnen allen einen bösen Streich. Der Anführer der Splittergruppe der großen Kampf-Orks – Lugúok, der sich selbst den Titel Magwaidur gab, was so viel wie ‚besonders stark‘ hieß – war ausgerechnet einer der bestgelungenen ‚Züchtungen‘ Sarumans und er schlug seinen Verfolgern einige Schnippchen. Als die Galadhrim endlich das dunkle Gezücht in einer Höhle im südlichen Teil des Nebelgebirges stellten, war es für die verschleppten Elben zu spät gewesen und Celethiel war dem Wahnsinn verfallen. In einem letzten lichten Moment erzählte sie ihrer Schwester, dass die erzwungenen Nächte auf dem Lager Lugúoks nicht ohne Folgen geblieben seien, dann stürzte sie sich vor Syriëlls Augen in den Abgrund.

Syriëll verschwand darauf hin und jagte den Mörder ihrer Schwester, der den Elben Lóriens als einziger erneut entwischt war. Über ein Jahr heftete sie sich auf seine Spuren, stellte dabei fest, dass er mehr und mehr Orks und überlebende Uruks aus Isengart um sich scharte und schließlich gelangte sie bis in den Süden Rohans, wo sie im Winter den Bauern und Einsiedlern beistand, wann immer dies nötig war, gleichzeitig aber auch versuchte, ihren erklärten Todfeind zu stellen.

Als ‚Geist des Weißen Gebirges‘ machte sie sich einen Namen, doch wer sie in Wahrheit war, kam erst heraus, als Ende April Thranduil Oropherion mit Aragorn, Éomer und den anderen zusammen traf und sie gemeinsam gegen das Schattenwesen vorgingen. Der Elbenkönig war auf Spurensuche am Rand des Weißen Gebirges gewesen, als mehrere getötete Orks ihm und den anderen den Weg zu dem geheimnisvollen Helfer wiesen – einem Helfer, den der König Rohans zunächst für eine Sagengeschichte des einfachen Volkes hielt, schnell aber eines besseren belehrt wurde.

Zunächst vermuteten die beiden Könige, Elrond, Glorfindel und ihre Begleiter in dem vermeintlichen ‚Geist‘ einen Knaben der Rohirrim, denn die Fußabdrücke waren einfach zu schmal für die eines ausgewachsenen Mannes gewesen, doch da hatten sie sich grundlegend getäuscht. Thranduil fand dies auf recht peinliche Art und Weise heraus, als er den davonlaufenden ‚Jungen‘ an der Tunika festhielt, diese zerriss und der entblößte Oberkörper sehr deutlich zeigte, dass es sich bei dem ‚Jüngling‘ um ein Mädchen handelte. Um ein Elbenmädchen, das keinerlei Hemmungen hatte, dem König unter Eichen und Buchen daraufhin die Ohrfeige seines Lebens zu verpassen.

Dies war alles, nur kein guter Auftakt für eine Beziehung gewesen und soweit Galadriel ihre Enkel verstanden hatte, die ihr in den vergangenen Wochen immer mehr erzählten, hatte es zwischen ihrer Großnichte und dem hitzigen Waldland-Herrscher verbale Schlagabtausche gegeben, die ihresgleichen suchten. Der Gipfel war anscheinend ein Übungskampf gewesen, zudem Syriëll ihn herausforderte, ihm eigentlich unterlag und dann mit weiblicher Raffinesse das Blatt im letzten Moment wendete, was für Thranduil einer Demütigung vor seinen Kriegern und den anwesenden Rohirrim gleichkam. Sein Wutausbruch unter vier Augen danach führte zu einem ‚Kampf‘ der anderen Sorte und die Hohe Frau wusste heute noch nicht, ob sie Thranduil dafür jetzt noch rügen sollte, dass er ihre Großnichte einfach küsste, oder ob sie ihm dafür besser applaudierte, denn Syriëlls Temperament war nicht leicht beizukommen.

In den nachfolgenden Tagen hatte sich das Verhältnis zwischen den beiden verbessert, vor allem, als die zierliche Noldo endlich die Trauer um ihre Schwester zu verarbeiten begann und dadurch fast eins mit den Morgennebeln geworden wäre. Der Elbenkönig war es gewesen, der ihr den Halt und die Kraft gab, durch die Nacht zu finden und der sie mit dem Licht der Eldar einhüllte, um ihre zerbrechende Seele zu retten. Dafür war Galadriel ihm über alles dankbar und auch, wenn es in ihren Augen sich nicht schickte, dass ein Elda mit einer elleth das Lager teilte, ohne sich an sie zu binden, so verzieh sie ihm sein Verhalten dennoch. Thranduil hatte sich noch nie besonders um Traditionen geschert und dass er innerlich genauso zerrüttet und verletzt war wie Syriëll, hatte beide zueinander treiben müssen.

Und die seelischen Wunden des Sinda basierten auf einem grausamen Grund.

Das Schattenwesen, auf dessen Geheiß hin Nenya gestohlen wurde, hatte in den Höhlen des Irensaga – ein Berg, der sich südlich von Edoras nahe des Geisterberges befand – ein Heer aus Uruks, Orks und abtrünnigen Dunländern zusammen gestellt und ihm zur Seite stand ein Mann, der ein ehemaliger Schüler Sarumans gewesen war. Sein Name war Adhorûn, der mit Hilfe uralten Wissens, das nicht für Mittelerde gemacht war, sein Leben verlängerte. Und das Schattenwesen entpuppte sich als niemals anders als Khamûl, der einstige Stadthalter von Dol Guldur, zweitoberster der Nazgûls und Thranduils ganz persönlicher Feind. Adhorûns ganzes Streben lag darin, dem Nazgûl zu einem Ende seiner Schattenexistenz zu verhelfen, wofür er die drei Elbenringe, den Zwergenring Thrains – der sich schon länger in Khamûls Besitz befand – und das Blut eines Menschenkönigs benötigte. Später kam heraus, wie einer der Neun hatte überleben können: Khamûl hatte in den Fluten des Bruinen, als er Glorfindel und den, auf der Wetterspitze verletzten Frodo verfolgte, seinen Ring der Macht verloren und musste nach Mordor zurückkehren. Als Sauron fiel, vergingen mit ihm auch all diejenigen, die von ihren Ringen korrumpiert worden waren und diese noch trugen. Khamûl entging so der Vernichtung, sann jedoch auf Rache.

Mehr durch Zufall erfuhr Adhorûn davon, dass Elrond der Hüter des zweiten Elbenrings war, schmuggelte verbündete Dunländer nach Edoras, die nachts die Tore für die bereitstehenden Uruk-hais und Orks öffneten, und brachte so den Begründer Bruchtals und den Herrscher des Waldlandreiches in seine Gewalt.

Obwohl Thranduil sich und Elrond selbst etwas Wasser vom Verzauberten Fluss, das er mit sich führte und das jeden in einen längeren tiefen Schlaf versetzte, noch einzuflößen vermochte, verlangte Adhorûn nach ihrem Erwachen Antworten auf seine Fragen – Antworten, die sie ihm niemals würden geben können, wollten sie nicht die Freien Völker Mittelerdes dem Untergang preisgeben. Als Legolas, Gimli, Syriëll, die Zwillinge und der verbündete Dunländer-Junge Tamin sie schließlich befreiten, waren sie durch die Hölle gegangen. Elbische Körper heilten schneller als die der Menschen, Zwerge und Hobbits, doch auch hier waren zwei Wochen ins Land gegangen, bis die beiden Eldar genesen waren. Zumindest äußerlich. Galadriel hatte sehr wohl die Narben in der Seele Elronds wahrgenommen, die noch frisch und schmerzhaft waren, und auch Thranduils Zustand war nicht viel besser gewesen, als er vor ihr stand: Äußerlich unversehrt, innerlich verwundet – genau wie Syriëll.

Darum hatte Galadriel auch auf den Elbenkönig eingeredet, ihre Großnichte vorläufig in Lórien zu lassen und nicht mit sich in den Großen Grünwald zu nehmen. Sehr wohl las sie in seinem Herzen seine aufrichtigen Gefühle für Syriëll, die tief und innig waren, doch sie sah auch, dass er dies nur ansatzweise erkannte und zudem verwirrt war. Thranduil hatte seine Gemahlin – die Mutter Legolas‘ – unbändig geliebt und ihr Tod durch den Angriff einer Riesenspinne vor rund achthundert Jahren hatte ihn schwer getroffen. Die Hohe Frau ging davon aus, dass nur das Wissen, das sein damals noch kleiner Sohn Legolas ihn brauchte, ihn daran hinderte zu schwinden, wie es mit so vielen Elben geschah, die ihren Bindungspartner verloren. Sicher, Gerüchten nach zu urteilen hatte der Waldland-Herrscher seitdem auch Liaisons gehabt – der Sohn Orophers war ein leidenschaftlicher ellon (sing. Elbenmann), keine Zweifel – doch was er für Syriëll empfand war wirkliche Liebe.

Galadriel hatte es als gescheiter erachtet, dass beide erst von ihren seelischen Wunden heilen sollten, bevor sie den nächsten Schritt gingen. Thranduil – so ungehobelt er sich ihrer Meinung nach auch manchmal aufführte – würde niemals die kleinwüchsige Elbin ‚nur‘ als seine Geliebte mit in seine Halle nehmen. Das würde er weder ihr noch sich antun, sondern er würde sie seinem Volk als die zukünftige Königin des Eryn Lasgalen vorstellen, und darauf musste Syriëll vorbereitet werden. Sie sollte erst wieder zu sich selbst finden und die Vergangenheit bewältigt haben, bevor sie buchstäblich ein neues Leben beginnen würde.

Thranduil hatte sich dieser Vernunft gebeugt, wenn auch nur sehr widerwillig, und war gegangen – gegangen nach einer letzten gemeinsamen Nacht mit Syriëll. Am frühen Morgen, während nahezu alle noch schliefen, verschwanden er und seine Krieger mit dem ersten Licht des Tages, ohne, dass er seiner Geliebten etwas davon sagte. Er hatte Galadriel deutlich zu verstehen gegeben, dass er ihrem Ansinnen zwar nachgeben würde, es aber an ihr wäre, Syriëll über alles zu informieren.

Syriëll hatte erwartungsgemäß verletzt reagiert und auch die Versicherung der Hohen Frau und Elronds, dass Thranduil sie wirklich liebe und auf sie im Großen Grünwald warten würde, hatte sie nur mittelmäßig beruhigt. Und inzwischen ging Galadriel davon aus, dass es ein Fehler gewesen war, sich einzumischen. Sicher, sie hatte es nur gut mit beiden gemeint und ihre Gabe, in den Herzen der anderen lesen zu können, hatte ihr gezeigt, dass beide viel zu aufgewühlt waren, um einen solch folgenschweren Schritt bereits jetzt schon zu gehen, doch die seitdem vergangenen Wochen zeigten ihr, dass die begrenzte Trennung der beiden keine gute Idee gewesen war.

Die silberblonde elleth erholte sich zwar von den seelischen und körperlichen Strapazen, doch sie wurde von Tag zu Tag unruhiger – und wütender. Nicht einmal hatte Thranduil Oropherion bisher von sich hören lassen und die Fürstin Lóriens begriff, dass Syriëll an der Liebe des Elbenkönigs zu zweifeln begann. Lange würde sie sich das nicht mehr mitansehen, und selbst eine Nachricht an den entfernten Verwandten ihres Gemahls schicken; eine Nachricht, die – wie sagten die Menschen im Anduin-Tal? – sich ‚gewaschen‘ hatte.

Ein Eichelhäher schrie über ihr und Galadriel hob den Kopf. Der bunte Federball saß auf einem der unteren Äste der Eibe, die hier stand, und musterte sie aus klugen, wachen Augen. Unwillkürlich musste die Hohe Frau lächeln und streckte dem Tierchen eine Hand entgegen, was die Aufmerksamkeit der jüngeren elleth weckte. Über die Entfernung hinweg blickten die beiden Frauen sich an, dann wartete Galadriel, bis der Vogel auf ihrer Schulter Platz nahm und ging dann auf ihre Großnichte zu.

Daermuindorthêl (im übertragenen Sinne Großtante)“, grüßte Syriëll ruhig, als die Hohe Frau sie erreichte, und strich dem Eichelhäher sanft über den Kopf, was dieser sich mit einem leisen Pfeifen gerne gefallen ließ. Die Tiere im Goldenen Wald waren ungewöhnlich zutraulich, drohte ihnen doch von den Elben nicht die geringste Gefahr, wie sie sehr genau wussten.

„Ein ruhiger Tag“, sagte Galadriel, „auch, wenn der Herbst unsere Grenzen nun zu überwinden beginnt. Es ist kühler geworden.“

Die zierliche Noldo ließ die Hand sinken und richtete ihren Blick in die Ferne. „Kalt ist mir fürwahr, doch nicht wegen des bunten Gesichtes des Herbstes, der vor unserer Tür steht.“ Sie presste kurz die Lippen zusammen und die Elda brauchte nicht zu fragen, was Syriëll bewegte.

Die Fürstin Lóriens hob die Brauen, während der Eichelhäher sich mit einem heiseren Ruf in die Luft schwang und verschwand. „Es wird für dich wieder Wärme geben, penneth (liebevolle Bezeichnung für einen jungen Elb). Warten ist manchmal eine harte Probe, doch dafür ist der Moment der Erfüllung süßer als alles andere. Zweifel nicht an deinen Gefühlen, Syriëll, sondern höre auf dein Herz.“ Als sie den bitteren Zug um den Mund ihrer Verwandten gewahrte, trat sie auf sie zu und strich ihr eine federgleiche, silberblonde Strähne aus der Stirn, bevor sie diese küsste. „Ruh dich aus, Liebes. Dein Körper ist wieder erstarkt, doch deine Seele braucht Frieden.“

„Frieden…“, raunte die jüngere elleth. „Frieden hatte ich in den letzten Tagen in der Burg der Pferdemenschen in Rohan. Und auch auf unserer Reise nach Lórien und bei unserer Ankunft. Doch der Frieden ging mit dem Mann, der ihn mir erst brachte.“ Sie schlang die Arme um sich und holte tief Luft. „Ich ziehe mich zurück – mit deiner Erlaubnis, Daermuindorthêl!“

Galadriel erfasste die um Einiges kleinere Hand ihrer Großnichte. „Zehn Meilen trennen uns von Caras Galadhon, wo unsere Wohnstätten sind. Lass uns gemeinsam durch die Wälder gehen.“

Obwohl Syriëll – wie in den vergangenen Wochen – lieber allein geblieben wäre, so wusste sie es besser, als der Hohen Frau ein Ansinnen abzuschlagen. Galadriel war ihre letzte lebende Verwandte in Mittelerde und auch, wenn sie über deren Einmischen Ende Mai wütend war, so spendete die mächtige Präsenz der Elda ihr dennoch etwas Wärme.

Sie gingen schweigend nebeneinander her, grüßten hier und da einige Grenzwächter – darunter Rûmil, den jüngeren Bruder Haldirs – und erreichten in der fortgeschrittenen Dämmerung des Abends das Tor von Egladil, der Elbenstadt im Herzen Lóriens, passierten die Mauer, die nur aus Erdreich und Pflanzenbewuchs bestand, und hielten auf die größten der Mallorns zu. Ellyth und ellyn begegneten ihnen und sogar einige Elblinge winkten ihn zu, was die Hohe Frau mit der gleichen Geste erwiderte. Kinder waren für die Erstgeborenen ein Segen, denn im Laufe des Dritten Zeitalters waren immer weniger Elben geboren worden.

Einige hundert Fuß von dem Talan entfernt, der dem Fürstenpaar gehörte, blieb Galadriel an einem Wegzweig stehen und lächelte ihre jüngere Verwandte an. „Soll ich dich zu dein Gemach begleiten, oder…?“

Syriëll schüttelte rasch den Kopf. „Danke, Daermuindorthêl, ich finde allein den Weg!“

Die Hohe Frau hob eine Braue. „Davon bin ich überzeugt, aber…“
     
Danke!“ Die zierliche Noldo presste kurz die Lippen zusammen. „Ich komme zurecht – und hier, im Goldenen Wald, kann mir ja nichts passieren. Hier brauche ich keinen ‚Schutz‘.“ Ein Hauch von Bitterkeit schwang in ihrer Stimme mit, bevor sie vor der Elda kurz das Haupt senkte und dann lautlos wie ein Schatten davon huschte.

Mit einer gewissen Traurigkeit blickte die Fürstin Lóriens ihr nach. Ihr war bewusst, dass ihre Großnichte sich nach dem Mann sehnte, der tief in ihrem Herzen saß. So sehr sie in den vergangenen Wochen sich auch darum bemüht hatte, die seelischen Wunden der jüngeren Elbin zu heilen, so sehr war sie gegen eine Mauer gestoßen, sobald Thranduil ins Spiel kam. Und einmal mehr ergriff Zweifel die Elda, ob sie im Mai nicht besser das Schicksal hätte seinen Lauf nehmen lassen sollen.

Mit einem betrübten Kopfschütteln drehte sie sich um und strebte dem größten und mächtigsten Mallorn-Baum zu, in dessen Krone der Talan ihres Gemahls und ihr lag. Die vielen Stufen entlang des dicken Stammes, die sich spiralförmig unter luftig-anmutenden Arkaden nach oben schraubten, überwand sie ohne darüber nachzudenken, durchquerte dann den offiziellen Bereich des Fletts – wie die Baumhäuser, die aus flachen Böden, zarten Bögen und luftigen Vorhängen bestanden, ebenfalls genannt wurden – und eilte die letzte Treppe empor, wo das private Gemach lag.

Celeborn – ein Sinda aus dem ersten Zeitalter – saß in einem der geschwungenen Sessel und legte das Buch beiseite, in dem er gelesen hatte. Seine klaren dunklen Augen betrachteten sie voller Liebe, während er sich erhob und ihr seine Hände entgegen streckte. „Du bist aufgewühlt, Lirimaer (Liebes). Ich fühle es.“

Die Hohe Frau atmete durch, verflocht die Finger einer Hand mit den seinen und ließ sich von ihm auf seinen Schoß ziehen – eine Vertraulichkeit und Zärtlichkeit, die sie vor anderen nicht gezeigt hätten. „Die Meldung unserer Wachen waren nicht übertrieben. Der Herbst fasst mit kühlen Finger über unsere Grenzen und färbt das Laub der Bäume und Sträucher dort bunt.“ Sie blickte hinunter auf den Weißen Ring. „Nenyas Macht erlischt immer mehr.“

„Doch das ist es nicht, was dich bewegt“, stellte Celeborn ruhig fest und ein leises Lachen perlte über Galadriels Lippen.

„Du kennst mich zu gut, a'maela mîn (mein Liebster)“, erwiderte sie und küsste seine Wange. „Du hast recht“, seufzte sie. „Ich traf am Waldessaum Syriëll.“ Sie senkte den Blick. „Ich mache mir ernsthaft Sorgen um sie. Sicher, sie hat sich erholt, aber… sie ist zornig und Verbitterung beginnt in ihr Einzug zu halten.“ Ihre blauen Augen richteten sich wieder auf die ihres Gemahls. „Warum nur rührt dein entfernter Vetter sich nicht? Thranduils Gefühle für sie sind echt und gehen tief. Dies konnte ich in seinem Herzen sehen, als er mir gegenüber stand. Und er ging nur widerwillig auf meinen Vorschlag ein, Syriëll noch einige Zeit in ihrer alten Heimat zu lassen. Warum hüllt er sich nun in Schweigen? Er müsste wissen, dass sie auf ein Zeichen von ihm wartet.“

„Vielleicht weiß er nicht, was er ihr schreiben soll“, überlegte Celeborn und der Hohen Frau entrang sich ein recht unelbenhaftes Schnauben.

„Ich bitte dich! Thranduil Oropherion hatte noch nie ein Problem sich mitzuteilen. Im Gegenteil. Seine Ansichten und Meinungen äußert er oftmals sogar zu deutlich!“

Der Fürst Lóriens schmunzelte. „Du meinst, er ist undiplomatisch? Ja, da hast du durchaus Recht. Doch vielleicht ist es gerade das, was ihn daran hindert, deiner Großnichte eine Nachricht zukommen zu lassen. Nicht jedem, der geschäftliche Dinge perfekt zu Papier bringt, ist es gegeben, auch seine Gefühle niederzuschreiben.“

Galadriel nickte langsam, dann strich sie sich eine Strähne über die Schulter. „Auf jeden Fall kann es so nicht weitergehen. Syriëll entgleitet mir von Tag zu Tag mehr. Sie… sie ist wie ein Igel, dem man zu nahe kommt: Sie rollt sich in sich selbst zusammen und zeigt nach außen hin nur noch Stacheln. Sicher, ihr Temperament war immer schon etwas widerborstig – das hat sie von meinem Bruder – aber inzwischen schadet sie sich selbst damit.“

Celeborn hatte locker einen Arm um die Hüften seiner Gemahlin gelegt und schürzte die Lippen. „Du weißt, dass ich niemals deine Entscheidungen angezweifelt habe und oftmals hast du mir bewiesen, dass deine Voraussicht und deine Art, Dingen zu begegnen, einen klügeren Weg aufzeigten als jenen, den ich beschritten hätte. Doch diesmal, Lirimaer, glaube ich hast du einen Fehler begangen. Vielleicht wäre es in der Tat gescheiter gewesen, wenn Syriëll mit Thranduil mitgegangen wäre.“

„Denkst du?“ hakte die Hohe Frau nach und leichte Unsicherheit lag in ihrer dunklen Stimme, dann seufzte sie. „Ich habe mich das Gleiche auch schon gefragt. Und ich denke, ich werde mich noch einmal einmischen müssen, um den Fehler wieder gutzumachen.“

Aufmerksam musterte Celeborn sie und tastete innerlich nach der Seele seiner Gefährtin, während seine Hand sanft über ihren Rücken wanderte. Es hieß, dass niemand die Herrin des Goldenen Waldes wirklich kannte, sie dafür aber die geheimsten Wünsche aller anderen. In den meisten Fällen traf dies auch zu, doch es gab einige wenige Ausnahmen. Eine davon war ihr Gemahl, vor dem sie nichts verbergen konnte – und auch nicht wollte. Der Sinda legte den Kopf schief und schaute sie ruhig an, als er ihre wachsende Entschlossenheit spürte. „Was hast du vor?“

„Ich werde Elladan und Elrohir bitten, jetzt schon in den Großen Grünwald zu reisen, gemeinsam mit Glawhlínd und Syriëll.“

Der Sinda hob diesmal beide Brauen. „Du willst sie vorab hinschicken? Wir alle wollten Ende November dorthin aufbrechen, um Legolas‘ Einladung zu seiner Bundschließung zu folgen. Unsere Enkel kämen eineinhalb Monate vor uns an.“

Ein nahezu pfiffiges Lächeln umspielte auf einmal die weichen Lippen der Hohen Frau. „Eben!“ Sie legte eine Hand auf den Arm Celeborns und erklärte: „Je eher Syriëll wieder auf Thranduil trifft, umso besser – bevor sie sich in Dingen verrennt, die dieser zarten Beziehung noch mehr Schaden zufügen würden. Außerdem werden sich dann bis zu Legolas‘ Hochzeit die Wogen wieder geglättet haben, so dass wir alle die Feierlichkeiten in der Ruhe und Harmonie begehen können, die dieses Anlasses würdig sind.“

Es war eindeutig, dass ihr Gemahl sich diese Idee durch den Kopf gehen ließ. „Und darum soll deine Großnichte schon vorher in den Hallen meines Vetters eintreffen, damit die beiden die sicherlich entstandenen Missverständnisse ausräumen können!? Es könnte so geschehen, wie du es dir vorstellst – oder auch nicht. Sicher, Thranduil wird die Zwillinge willkommen heißen, auch, wenn das Brautpaar noch nicht vor Ort sein sollte, aber…“

„Oh, ich denke schon, dass sie Legolas – wenn überhaupt – nur ein paar Tage voraus sein werden. Ich vermute, dass Thranduils Sohn mit seiner Verlobten bereits vor wenigen Wochen von Minas Tirith abgereist ist, damit er den Palast seines Vaters erreicht, bevor der Herbst Kälte und Nässe mit sich bringt – nicht zuletzt wegen des Kindes, das er adoptierte und das, so jung es noch ist, empfindlich auf raues Wetter reagieren könnte.“ Sie lächelte. „Vielleicht können unsere Enkel ihn und die anderen abfangen und mit ihnen gemeinsam in den Norden ziehen.“

Sie erhob sich und trat an das, aus hellem Holz gefertigte Himmelbett, dessen Baldachin und Vorhänge aus hauchfeinen, weißen Stoffen bestanden. „Außerdem dürfte die Gefährtin Legolas‘ froh sein, wenn in den Hallen Thranduils nicht nur meine Enkelin, sondern auch noch zwei andere ihr vertraute ellyth zur Seite stehen. Die Frauen der Tawarwaith mögen sie freundlich empfangen, aber die Welt, die sie betritt, wird ihr völlig fremd sein. Glawhlínd und Syriëll werden ihr helfen, sich zurecht zu finden.“

Sie löste die Schnüre ihres Kleides und ließ es zu Boden gleiten, so dass nur noch die dünne Seide des Untergewandes sie bedeckte. Sie genoss es in der Abgeschiedenheit des privaten Teils des Talans nur locker bekleidet zu sein, um den sanften Wind besser zu spüren. „Und sollten unsere Enkel tatsächlich unterwegs auf Aragorn, Legolas und die anderen treffen, so wird Syriëll genug abgelenkt sein, um auf andere Gedanken zu kommen“ Sie bückte sich und hob das Gewand auf, um es über einen Stuhl zu legen, bevor sie ich behutsam die Tiara absetzte, die ihre Stirn zierte und ihr schweres Haar aus der Stirn hielt.

Ihr Gemahl erhob sich und schloss die Distanz zu ihr. Seine leichten Schuhe machten dabei keinen Laut auf dem seidigen Teppich, der den Boden bedeckte. „Jetzt musst du Syriëll nur noch dazu überreden, die Reise anzutreten. Du kennst sie zwar besser als ich, doch ich habe sie ebenfalls beobachtet und über sie gewacht – auf die Bitte Thranduils hin, bevor er uns verließ, wie du weißt. Ihr Verhalten in den letzten Wochen lässt mich darauf schließen, dass sie sich hintergangen fühlt und sich weigern könnte, in den Eryn Lasgalen zu gehen, bevor sie nicht etwas von Thranduil hörte. Und ihr Stolz und ihre Dickköpfigkeit sind nicht gerade klein.“

Feixend blickte Galadriel zu ihm auf. Obwohl sie ungewöhnlich groß war, überragte ihr Gemahl sie dennoch um die Länge einer Hand. „Oh, sie wird abreisen. Dafür sorge ich. Und wenn wir im Dezember Thranduils Hallen erreichen und die beiden haben sich immer noch nicht ihre Gefühle füreinander eingestanden, dann gibt es immer noch die etwas harte, aber wirkungsvolle Methode, ihre Köpfe aneinander zu rasseln. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dies durchaus hilft.“

Da lachte Celeborn auf, nahm sie fest in die Arme und legte eine Wange an ihr weiches Haar. „Und dann, Stern meines Lebens, gäbe es nur eins für dich: Die Röcke zu raffen und es darauf ankommen zu lassen, wer schneller ist: Mein entfernter Vetter oder du.“

Und der Eichelhäher, der der Hohen Frau gefolgt war, legte neugierig das Köpfchen schief, als aus dem Talan im höchsten Mallorn-Baum das klare Lachen der beiden Eldar erklang.

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Die flackernden Flammen eines Lagerfeuers beschienen einen hochgewachsenen Mann im besten Alter, dessen Blick aus klaren, grauen Augen auf seinen Begleitern lag. Er trug ein dunkelrotes Hemd unter einer tiefbraunen Tunika aus Leder, dazu lederne Beinlinge und einen Umhang aus schwerem Tuch in einer undefinierbaren Farbe. Das braune Haar fiel ihm offen und leicht wirr auf die breiten Schultern und ein Bart, der nur wenige Tage alt sein mochte, zierte sein energisches Kinn und umrahmte ausdrucksstarke Lippen. Ein Waffengurt mit einem langen Schwert lag neben ihm im Gras, und in seinem Gürtel ragte der kunstvoll gearbeitete Griff eines Dolches hervor. Die Füße steckten in geschnürten Stiefeln und lederne Armschienen umfingen seine Unterarme. Sein ganzes Erscheinungsbild ließ nur einen Schluss zu: Er war ein Waldläufer, einer der Dúnedain, die langlebigen Nachfahren der Númenorer, die im Norden und auch in einigen Regionen Gondors noch immer anzutreffen waren.

In seiner alten Heimat westlich des Nebelgebirges wurde er einst ‚Streicher’ genannt, doch als er vor nunmehr siebzehn Monaten den ihn zustehenden Thron Gondors bestieg und sein Amt als Erbe Isildurs – der Sauron einst den Einen Ring vom Finger schnitt – antrat, hatte er den Königsnamen Elessar angenommen, was so viel wie ‚Elbenstein‘ bedeutete und auf den grünen Stein zurück zu führen war, den die Hohe Frau Galadriel ihm schenkte. Für seine Freunde aber würde er immer Aragorn bleiben, Arathons Sohn, und für diejenigen, die ihn schon als Kind und Jugendlichen kannten, war er Estel – ‚Hoffnung’ – denn dies war der Name, den ihm sein Zieh- und jetziger Schwiegervater Elrond von Bruchtal gab, als dieser ihn nach dem Tod Arathons bei sich aufnahm und wie einen eigenen Sohn aufzog.

Der Herrscher Gondors saß auf einem improvisierten Schemel, der aus seinem Sattel und einer Decke bestand, und sog genüsslich an einer langstieligen Pfeife.

„Der Abend ist so rein und klar – und du musst diese würzig-herrliche Luft mit getrocknetem, angezündeten Kraut verderben!“ Diese, nicht ganz ernst gemeinte Beschwerde stammte von einem seiner Begleiter, der sein engster Freund war.

Vom Antlitz her wirkte dieser wie ein junger Mann, der noch nicht lange das Knabenalter hinter sich gelassen hatte, doch kein Schein könnte mehr trügen. Er war hoch aufgeschossen und sein schlanker Körper schien eine unwirkliche Leichtigkeit zu besitzen, als würden die Gesetze der Natur für ihn nicht gelten. Auch die Hände waren lang und ungewohnt wohlgeformt. Bei einem Mann von einem ‚schönen Gesicht‘ zu sprechen mochte merkwürdig klingen, doch in diesem Fall würde keine andere Beschreibung zutreffen. Es war nicht nur absolut ebenmäßig, sondern auch anmutig und wurde beherrscht von kristallblauen Augen, in denen ein Wissen lag, das nicht zu seiner offenbaren Jugend passen wollte. Lichtblondes, seidiges, langes Haar war teilweise aus der Stirn und den Schläfen geflochten und ließen die Ohren frei, deren spitz zulaufende Form dem aufmerksamen Betrachter sofort verrieten, um wen es sich bei dem augenscheinlichen ‚Jüngling‘ handelte: Um einen Elben. Und sein unvergängliches Äußere täuschte so manchen Unwissenden, der meinte, einen ‚Jungspund‘ vor sich zu haben.

Aragorn grinste leicht. Er hatte nicht viele Schwächen, doch eine davon war unweigerlich das Rauchen einer Pfeife – vor allem, wenn er gutes Langgrundblatt aus dem Westviertel des Auenlandes zur Verfügung hatte, wie in diesem Fall. Peregrim Tuck und Merriadok Brandybock hatten es ihm als Geschenk mitgebracht, als sie im vergangenen späten Winter nach Minas Tirith kamen, um seinen Geburtstag und vor allem die Jährung der Vernichtung Saurons zu feiern.

Allerdings war Estel nicht der Einzige, der in den Genuss der Großzügigkeit der beiden Hobbit-Vettern gekommen war. Sie hatten auch an den Weißen Zauberer gedacht – Gandalf, der bei Menschen, Elben, Zwergen und den Halblingen gleichermaßen beliebt war – und natürlich an das andere Mitglied der einstigen Ringgefährten, der auch ein gutes Pfeifenkraut zu würdigen wusste.

Dieser saß auf zwei Decken ebenfalls beim Feuer und blickte den Elb nun mit einem belustigten Funkeln in den dunklen Augen an. „Legolas, ich muss Aragorn recht geben: Du weißt nicht, was du verpasst. Ein Pfeifchen in Ehren kann niemand verwehren – vor allem nicht nach einem saftigen Wildbred, einem gut verlaufenen Reisetag und in der Gegenwart von zwei so wunderschönen, charmanten Damen!“ Zwei Frauenstimmen lachten leise auf, während der dritte Herr am Feuer sich über einen gewaltigen, roten Bart strich. „Obwohl, um alles abzurunden fehlt es an einem guten, gemalzenen Schwarzbier. Bei Aule, was würde ich jetzt für einen Humpen von diesem herrlichen Gesöff geben!“

Demjenigen, dem dieser Seufzen entglitt, war von gedrungener Statur, doch nicht ein Gramm Fett befand sich an seinem kurzen Körper, sondern stählerne Muskeln. Kleine braune Augen blitzten über Pauswangen und einer recht knolligen Nase, und das rostrote, störrische, lange Haar war im Nacken zu einem dicken Zopf geflochten. Gekleidet war er in Gewänder in satten Erdtönen, wie sein Volk sie bevorzugte, darüber trug er ein Kettenhemd und ein, mit zwergischen Runen und kantigen Verschlingungen verzierter Helm schützte seinen Kopf. Eine mächtige Kriegsaxt, die einst seinem Vater gehörte, bevor er ihm diese vor zwei Jahren in Bruchtal feierlich übergab, lag neben ihm auf dem Boden und an seinem breiten, mit Gold beschlagenen Gürtel waren zwei kleinere Jagdäxte befestigt.

Gimli Glóinssohn vom Einsamen Berg, nun Fürst der Glitzernden Grotten von Helms Klamm in Rohan, paffte ebenfalls an einer Pfeife und lächelte dabei den beiden Frauen zu, die jeweils zur Rechten seiner beiden Freunde auf kleinen Feldschemeln saßen und sich in warme Decken eingehüllt hatten, denn mit dem Abend kam die Feuchtigkeit vom Rand des nahen Eryn Lasgalen auf.

Eine der beiden Damen war eine Elbin. Eine Elbin von solcher Schönheit, dass diese sogar das härteste Herz erweichen könnte. Ihr nachtschwarzes Haar reichte in schweren Wellen bis auf ihre Hüften herab. Ihre Haut war hell und zart, ihre dunkelblauen Augen vermochten es jeden einzufangen und um ihre vollen roten Lippen lag in den letzten Wochen ein beständiges Lächeln – ein Lächeln, wie es gerne auf den Zügen einer werdenden Mutter zu sehen war. Arwen Undómiel, der elbische ‚Abendstern’, Tochter Elronds und Gemahlin Aragorns war schwanger und jetzt, am Ende des fünften Monats, verriet die erste sanfte Wölbung ihres Leibes unter dem grau-blauen Reitmantel ihren Zustand. Da Elben jedoch – im Gegensatz zu Menschen – zwölf Monate trugen, war der weite Ritt bis in den nördlichen Eryn Lasgalen für die Königin Gondors kein Problem.

Der Grund für diese lange Reise von Minas Tirith bis zum Reich Thranduils befand sich an der Seite Legolas‘. Elinha aus Lossarnach – die Tochter des Waldläufers Borá und einer Bäuerin – zählte gerade mal zwanzig Jahre, war zierlich und ungewöhnlich hübsch. Ihr leicht lockiges, kastanien-rot-braunes Haar fiel ihr weit auf den Rücken hinunter, grün-graue Augen – die leicht schräg wie die einer Katze waren – funkelten übermütig über einer kleinen Stupsnase und ein Grübchen verlieh jedem Lächeln etwas Schelmisches, es sei denn, es galt Legolas – ihrem Verlobten. Für ihn hatte sie ein ganz eigenes Lächeln, das erfüllt war von der tiefen Liebe, die sie für ihn empfand.

Kennen gelernt hatten sie sich im März in Minas Tirith, als Elinha dort ihrem ungewöhnlichen Tagewerk nachging: Sie war eine Taschendiebin gewesen, um die Bewohner ihres winzigen Dorfes Grünfeld zu unterstützen und für sich und ihre kleinen Ziehtochter Kaya, die auf dem Schoß des Sinda saß und der die Äuglein zugefallen waren, etwas Kleidung und etwas zu essen kaufen zu können. Ausgerechnet Legolas Thranduilion bestahl sie und als sie beide sich ein zweites Mal über den Weg liefen, nahm das Schicksal seinen Lauf. Der noch junge Elb kam dabei einer Verschwörung gegen Aragorn auf die Spur, deren Opfer auch die Bewohner Grünfelds und Elinha zu werden drohten und in den nachfolgenden Wirrungen kamen sie einander näher. Sehr nahe! Als sie sich schließlich ihrer Gefühle nicht mehr hatten erwehren können, hatte Legolas sich im Rausch der Leidenschaft an sie gebunden – sehr zum Entsetzen seines Vaters, als dieser einige Wochen später davon erfuhr.

Die Wogen hatten sich diesbezüglich geglättet und nun waren sie auf dem Weg in den Großen Grünwald zu den Hallen Thranduils, wo Legolas und Elinha auch offiziell den Bund einzugehen gedachten – selbstverständlich nicht ohne die beiden engsten Freunde des Elbenprinzen, die zwar dadurch wochenlang ihren Pflichten nicht nachkommen konnten, jedoch auch noch jeweils ein ‚offizielles‘ Motiv hatten, diese Reise zu unternehmen.

Gimli hätte ohnehin zurück zum Einsamen Berg gemusst, um dort andere Zwerge für seine Kolonie in den Glitzernden Grotten zu gewinnen, und Aragorn hatte Ende August ein Schreiben von Bard II. aus Thal erhalten, in dem der junge König den Wunsch äußerte, sein Reich in den Schutz der Krone Elessars zu stellen. Estel hatte dem Urenkel des Bogenschützen Bard, der einst den Drachen Smaug tötete, Unabhängigkeit und Eigenverwaltung zugesagt – ebenso dem Erebor – doch die Lage im nord-östlichen Teil des Wilderlandes war nach wie vor äußerst unsicher, nicht zuletzt durch die geographische Nähe zu Rhûn, dem Reich der Ostlinge. Und Bard II. war nicht zu stolz, Schutz zu erbitten.

Und gerade aus letztem Grund reisten die drei Freunde, ihre Angehörigen und ihre Eskorte sogar inkognito. Die Ostlinge waren zwar nach dem Fall Saurons von den Zwergen des Einsamen Berges und den Bardingern, wie das Volk von Thal sich nach seinem König benannt hatte, aufgerieben und vertrieben worden, dennoch war Vorsicht geboten. Der Ringkrieg hatte überall seine Spuren hinterlassen – nicht nur in der Natur, unter den Tieren und Menschen, sondern auch in den Seelen vieler Beteiligter – und Rache war kein Fremdwort; besonders nicht für die Anhänger Saurons. Eine Reise des neuen Herrschers von Gondor nahe der Grenze zu Rhûn entlang, konnte durchaus eine Verlockung für den einen oder anderen Stamm der Ostlinge darstellen, und es trieben sich zudem nördlich von Mordor noch genug Orks herum, die mit vielen der Ostlingen Seite an Seite gekämpft und bei ihnen Unterschlupf gefunden hatten. Aragorn wusste, dass es für die zerstreuten Feinde der Freien Völker ein gefundenes ‚Fressen‘ wäre, den König des Wiedervereinten Königreiches in eine Falle zu locken und zu töten. Was damals seinem Vorfahren Isildur im Anduin-Tal an den Schwertelfeldern Anfang des Dritten Zeitalters widerfahren war, wusste jeder und er wollte eine Wiederholung der Geschichte unbedingt vermeiden.

Aus diesem Grund nannten die Freunde sich untereinander nur bei ihrem Spitz- oder Rufnamen, sobald sie auf Fremde trafen, und auch nur deshalb zierte weder der Weiße Baum Gondors den Waffenrock des Königs, noch ritt er unter seinem Banner. Es war keine Angst vor dem eigenen Schicksal, das Aragorn zu dieser Vorsichtsmaßnahme bewegte, sondern die Furcht, was aus dem Westen Mittelerdes werden würde, sollte durch seinen Tod das Wiedervereinte Königreich, das aus Gondor im Süden und Arnor im Norden bestand, erneut zerfallen. Außerdem musste er seine Gemahlin und sein ungeborenes Kind schützen. Auch Gimli wollte er aus der Schusslinie wissen, denn der brummige Zwerg war ihm in den vergangenen zwei Jahren ein treuer Freund geworden, den er fest in sein Herz geschlossen hatte. Und was Legolas und dessen kleine, bunt zusammen gewürfelte Familie anging…

Nun, er mochte Elinha, deren Vater er gekannt hatte. Die junge Frau war willensstark und wusste sich durchzusetzen, nahm kein Blatt vor den Mund – ohne dabei respektlos zu werden – und war zudem warmherzig und liebenswürdig. Außerdem war er, wenn man es genau nahm, nicht nur ihr König, sondern auch ihr Stammesfürst und trug dementsprechend auch noch eine weitere Verantwortung für sie.

Und dann war da noch Kaya, die Ziehtochter Elinhas, die das kleine Mädchen im Ringkrieg bei sich aufgenommen hatte, als Kayas Eltern bei einem Angriff auf das Dorf umkamen. Die Kleine zählte nun gerade Mal fünf Sommer, denn sie war im September geboren, und war ein Derwisch, wie er im Buche stand. Man hatte selten genug Augen im Kopf, um auf sie aufzupassen, denn wenn ihr was in das quirlige Köpfchen kam, dann rannte sie los. Allerdings konnte man ihr selten etwas übel nehmen, vor allem nicht, wenn sie in bester Klein-Mädchen-Manier hemmungslos flirtete – insbesondere mit Elben.

Kaya besaß ein unerschütterliches Vertrauen zu jedem Erstgeborenen, wie sowohl Elrond bei ihrer ersten Begegnung feststellen musste – ihr „Du bist ein Elb!? Dann ist’s ja gut!“ hatte für Verblüffung und Erheiterung gleichermaßen gesorgt – wie auch Legolas schon zuvor. Dieser war der Taschendiebin Elinha bis in ihr Dorf und in ihre halb verfallene Kate gefolgt und hatte sie dort zur Rede gestellt, nur, um dort auch ein völlig verschlafenes kleines Mädchen zu treffen, das ihn im Sturm eroberte. Die offen gezeigte Zuneigung des Kindes, in Verbindung mit der Sorge um die Kleine, als diese entführt wurde, hatte in dem jungen Sinda Beschützerinstinkte und väterliche Liebe geweckt, und so war es nicht verwunderlich, dass er Kaya, die eigentlich eine Vollwaise war, als seine Tochter annahm.

Erst später, im fortgeschrittenen Frühling in Rohan, erfuhren er und die anderen von der einzigartigen Gabe, mit der die Valar das kleine Mädchen beschenkt hatten: Kaya verstand die geistige Sprache der Eldar. Sie hatte Träume von den geistigen Gesprächen zwischen Gandalf, dem Obersten der Istari, und der Hohen Frau gehabt, und als zuerst der Weiße Zauberer und später Elrond und Thranduil Versuche mit ihr machten, verstand sie jeden von ihnen klar und deutlich. Auch Galadriel hatte, als sie davon erfuhr, bewusst Kontakt zu dem Kind hergestellt und war ihr ‚im Traum‘ erschienen – etwas, was später von ungemeiner Wichtigkeit gewesen war.

Niemand – außer Gandalf – wusste, warum Kaya diese Gabe hatte, und dieser hütete das Geheimnis sicher. Nur Celeborn und Galadriel weihte er ein, denn wenn er, die Hohe Frau und Elrond von Bruchtal im nächsten Jahr Mittelerde verlassen würden, musste es noch jemanden geben, der auf Kaya achtete, ohne durch familiäre Bande beeinflusst zu werden.

Von der Vorsichtsmaßnahme des Istar hatten weder Legolas und Elinha, noch die Kleine eine Ahnung. Unbeschwert war der Sommer für sie alle verlaufen und auch jetzt herrschte eine gute und harmonische Stimmung – trotz des Rauchvergnügens von Aragorn und Gimli.

„Du vermisst gutes Bier?“ feixte der ehemalige Waldläufer und musterte den Zwerg vergnügt. „Dann wirst du dich wohl noch bis übermorgen gedulden müssen.“

„So gehst du davon aus, dass wir in zwei Tagen Celduin-Stadt erreichen?“ erkundigte Legolas sich mit gedämpfter Stimme, um Kaya nicht zu wecken, und Estel nickte.

„Ja, selbst bei unserem Bummelschritt, dem wir anheim gefallen sind.“ Er lächelte, als Arwen eine zarte Hand in seine Finger schob, deren Schwielen verrieten, dass er ein hartes Leben hinter sich hatte.

„Elinha und mir zuliebe habt ihr eine langsamere Geschwindigkeit angeschlagen – und um Kayas Willen. Doch wir können gern auch etwas zügiger reiten, damit unser Freund Zwerg auch wirklich bald den Staub der Reise mit einem kräftigen Bier hinunter spülen kann.“ Sie zwinkerte dabei Gimli zu, dessen Wangen sich leicht röteten.

„Wenn es dich nicht zu sehr anstrengt“, nickte Aragorn, was der Elbin ein glockenklares Auflachen entlockte.

„Estel, ich bin schwanger, nicht aus Glas!“

Ein leises Knüttern erklang und Kaya kuschelte sich mit unwilligem Gesichtchen näher an ihren Ada (Koseform von Vater). „Da ist jemand aber richtig müde“, wisperte Legolas und drückte einen sanften Kuss auf den kleinen, zerzausten, blonden Haarschopf, während er die Decke um das zierliche Körperchen höher zog.

„Kein Wunder. Seit fast fünf Wochen sind wir nun schon unterwegs und auch, wenn die Valar uns gewogen waren, was das Wetter und die Sicherheit der Reise angeht, so ist es für ein so kleines Kind dennoch anstrengend“, murmelte Aragorn und beobachtete den Dreikäsehoch mit tiefer Wärme im Blick. Noch sieben Monate und er würde ebenfalls Vater sein – was für ein Gedanke!

„Hm, und nicht nur für unseren frechen Dachs hier“, brummte Gimli und musterte Kaya mit ungewöhnlich sanftem Gesicht. Es gab nicht viel, was Zwerge und Elben gemein hatten, doch beiden Völkern waren Kinder heilig und der Sohn Glóins musste zugeben, dass der fröhliche Springinsfeld ihn ziemlich gut um die Fingerchen gewickelt hatte. Sein Augenmerk fiel auf die halbhohe Gestalt eines Knaben, der an einem der anderen Lagerfeuer zwischen mehreren Turmwächtern, der Leibwache Elessars, saß.

Als würde der Junge die Aufmerksamkeit des Naugrims fühlen, wandte er das Gesicht und lächelte, als Gimli ihm zuzwinkerte. Bergil, der Sohn Beregonds – der der Hauptmann der Weißen Schar von Ithilien war – zählte gerade mal zwölf Jahre, doch er hatte bereits bewiesen, dass er das Herz auf dem Rechten Fleck trug. Auf eigene Faust hatte er Kaya seinerzeit im späten Winter aus der Hand ihrer Entführer befreit, indem er sich geschickt als angeblicher Knappe im Lager des Feindes einschlich und damit einen Mut bewiesen hatte, der in seinem Alter ungewöhnlich war.

Aragorn hatte den Knaben danach mehrfach beobachtet. Viele Jungs mit elf oder zwölf scherten sich nicht um kleinere Kinder, doch Bergil hatte sich in Dol Amroth sogar mit anderen Jungs geprügelt, als diese grob gegenüber Kaya wurden. Auch ansonsten war er hilfsbereit und ein kleiner Kavalier obendrein. Unermüdlich hatte er sich in den vergangenen Wochen um das Mädchen gekümmert, als Legolas auf dem neu errichten Sitz Faramirs dessen Garten – der mehr ein Park als alles andere war – anlegte. Fleißig hatte Bergil sogar begonnen, Sindarin zu lernen, die Sprache der Elben, und da er mit zwölf genau das richtige Alter hatte, um als Knappe sich auf seinen Werdegang als Ritter vorzubereiten, hatte Aragorn einem ziemlich verdutzten Beregond vorgeschlagen, dessen Sohn persönlich auszubilden. Als Knappe des Königs stand der Junge nicht nur unter besonderem Schutz, sondern er bekam auf diese Weise obendrein die bestmöglichen Voraussetzungen, um einer guten Zukunft entgegen zu gehen. Und eine Reise fort von Zuhause in ein anderes Land, bewacht von erfahrenen Kriegern, war ein Beginn, wie es sich wohl jeder an seiner Stelle erträumte.

Estel war dem Blick Gimlis gefolgt und schmunzelte, als er seinen Schützling sah. Bergil war für sein Alter schon recht groß und seine stahlgrauen Augen und das dunkle Haar wiesen auf eine Abstammung von den Dúnedain hin, auch, wenn seinen Familie sich schon lange mit Menschen anderer Herkunft vermischt hatte. Eine Hand hebend gab der König Gondors dem Knaben ein Zeichen und Bergil kam sofort pflichtbewusst herbei gelaufen.

„Womit kann ich dienen, mein König?“ fragte er und neigte leicht den Kopf.

„Mir im Moment nicht, wohl aber dir selbst“, lächelte der ehemalige Waldläufer. Auf den verwirrten Gesichtsausdruck des Knaben hin deutete er auf eines der Zelte, die jetzt, seit die Nächte kühler und feuchter geworden waren, jeden Abend am Ende der jeweiligen Etappe aufgestellt wurden. „Leg dich schlafen, Bergil. Der Tag war lang, denn schon früh warst du auf den Beinen und der Abend ist auch nicht mehr so jung.“

Bergil wusste sich zu beherrschen, dennoch sah man ihm die Erleichterung an. Schon seit zwei Stunden kämpfte er gegen die Müdigkeit an, doch zu den Aufgaben eines Knappen gehörte es, überall und zu jedem Augenblick seinem Herrn zur Verfügung zu stehen. Er verneigte sich. „Ich danke Euch, mein Herr. Benötigen die Damen oder die anderen Herren noch meine Dienste?“

Arwen streckte eine Hand aus und fuhr ihm durch das schulterlange, dicke Haar in einer nahezu mütterlichen Geste. Sie mochte den aufgeweckten Jungen und zeigte dies auch unverfälscht. „Nein, Bergil, vielen Dank. Zieh dich ruhig zurück – und decke dich gut zu. Es ist für Menschen kalt heute Nacht.“

Nachdem der Knabe sich entfernt hatte, beugte Aragorn sich vor und warf etwas Reisig in das Lagerfeuer, das einige Recken zuvor gesammelt hatten. Ein belustigtes Grinsen spielte um seinen Mund. „Kann es sein, dass du bei ihm schon mal übst?“ neckte er seine Gemahlin. „Du bemutterst ihn laufend.“

Der elbische ‚Abendstern’ zuckte mit einer Schulter. „Du willst ihn zum Mann erziehen, ich sehe in ihm noch das, was er ist: Ein Kind. Und ein bisschen Nestwärme tut ihm in der Fremde gut.“ Sie legte den Kopf schief. „Außerdem könnte ich dich das Gleiche fragen, Estel. Du benimmst dich eher wie ein Vater oder ein Onkel, anstatt wie ein Ausbilder, wenn es um den Jungen geht“, zog sie ihn auf.

Gimli gluckste in sich hinein, als Aragorn ein überraschtes „Das tue ich nicht!“ von sich gab.

„Doch, das tust du“, sagte der Zwerg vergnügt. „Und warum auch nicht? Es macht Spaß zu beobachten, wie der Junge von Tag zu Tag mit seinen Aufgaben wächst und dabei dennoch er selbst bleibt.“ Er unterdrückte ein Gähnen. „Aber auch ich habe Tag für Tag eine neue Herausforderung, nämlich dieses störrische Vieh von Pony zu reiten, und da ich morgen mal zur Abwechslung gegen den Gaul gewinnen will, mache ich es jetzt wie Bergil und haue mich auf’s Ohr.“ Er klopfte den Rest der Asche aus seinem Pfeifenkopf und erhob sich. „Ich wünsche allerseits eine gute Nacht“, sagte er, drückte im Vorübergehen kurz die Schulter Legolas’, der ihn mit einem „Losto vae, mellon nîn“ (schlafe wohl, mein Freund) bedachte, und verschwand dann in dem gleichen Zelt, wie Bergil zuvor.

Aragorn blickte Gimli nach und streckte dann gemütlich die langen Beine aus, dann gluckste er in sich hinein. „Ich schätze, nicht seine Bedenken bezüglich seines morgigen, zigsten Reitversuchs sind es, die ihn ins Bett treiben, sondern vielmehr die Aussicht, die Zeit zu verkürzen, bis er sich Bier und Schmaus hingeben kann.“ Er atmete durch. „Und, um ehrlich zu sein, freue sogar ich mich mal wieder zur Abwechslung in einem richtigen Bett zu liegen und das Abendessen an einem vernünftigen Tisch einzunehmen.“

Und das die anderen ihm da zustimmten, lag wohl auf der Hand. Sie alle würden froh sein, wenn die Reise bald beendet war, denn sie hatten sich ihrem Ziel bis auf zehn oder elf Tage genähert. Gimli würde seinen Eltern und seiner Schwester viel zu berichten haben, Legolas freute sich darauf, Elinha und Kaya seine Heimat zu zeigen und seinen Vater wieder zu sehen und Aragorn und Arwen blickten der Bundschließung Legolas’ und den Unterredungen mit Bard II. entspannt entgegen.

Keiner von ihnen konnte ahnen, dass über die Länder rings um den Langen See sich die drohenden Schatten eines Krieges zu erheben begannen…

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„Wir sollen eher in den Eryn Lasgalen reisen?“ Glawhlínd o Lórien, die Base Haldirs, blickte ihren Verlobten aus rehbraunen Augen groß an, während sie eine haselnussbraune Strähne ihres üppigen Haares, das ihr bis zu den Hüften reichte, hinter ein Ohr strich. Der sanfte Morgenwind des neuen Tages bewegte die Vorhänge ihres Talans und fuhr durch ihr weiß-graues Gewand, das sie wie Wasser umspielte.

Elladan, der älteste Sohn Elronds, nickte mit einem breiten Grinsen und auch sein Zwillingsbruder Elrohir feixte vergnügt. Die beiden Noldor glichen sich wie ein Ei dem anderen und es gab nur sehr wenige Leute in Mittelerde, die sie auseinander zu halten vermochten. Beide hatten das lange, dunkle Haar ihres Vaters geerbt und auch dessen sturmgraue Augen. Ihre Gesichtszüge waren edel geschnitten, wenn auch nicht so fein, wie die der meisten anderen ellyn, was auf ihren menschlichen Vorfahren Beren zurückzuführen war. Beide waren sie hoch gewachsen – wie fast alle, in deren Adern das Blut der Erstgeborenen floss – und beide hatten klare, reine Stimmen.

Sie trugen wadenlange Roben, darunter jeweils eine dünne Tunika und dazu weiche Beinlinge und leichte Schuhe; alles in blauen und grauen Farben, was ihren Augen noch mehr Tiefe verlieh. Hier, im Goldenen Wald, hatten sie darauf verzichtet ihre Waffen anzulegen und sie wirkten nicht anders, als viele andere Männer des Schönen Volkes, die unter den mächtigen Mallorn-Bäumen ihrem normalen Tagewerk nachgingen. Doch wenn es sein musste, konnten sie sich binnen eines Wimpernschlages in tödliche Krieger verwandeln. Als Orkjäger hatten sie sich dies- und jenseits des Nebelgebirges einen Namen gemacht, und auch, wenn sie gerne und viel scherzten und kaum jemand vor ihren Streichen sicher war, so gab es dennoch jene kämpferische Seite an ihnen, die man ihnen kaum zutrauen mochte.

Momentan war von den Kriegern allerdings nicht viel zu sehen. Vielmehr standen sie mit fröhlichen Mienen im Talan Glawhlínds, die von der Neuigkeit erst einmal überrumpelt worden war. „Und… wann sollen wir aufbrechen?“

„Nach Möglichkeit morgen schon“, gab ihr Elrohir Auskunft. „Daernana (Oma) meint, dass Elinha sicherlich erleichtert wäre, wenn du und Syriëll ihr bei den Vorbereitungen zur Hochzeit zur Hand gehen würdet – neben unserem Schwesterchen – und außerdem kann Legolas sicherlich auch ein bisschen freundschaftliche Unterstützung gebrauchen. Immerhin steht ihm ein ganz besonderer Tag bevor.“

Die sinda-stämmige Galadhrim zuckte lächelnd mit den Schultern. „Ich helfe Elinha gerne, keine Frage. Ich habe sie zu schätzen gelernt und sehe in ihr eine Freundin, aber das ist doch nicht der einzige Grund, warum die Hohe Frau uns alleine vorab auf die Reise schickt, oder?“

Es war immer wieder erstaunlich, dass die Zwillinge tatsächlich im gleichen Moment die gleiche Miene aufsetzen konnten, und in diesem Fall schwankte diese zwischen Unschuld und Verlegenheit. Die Galadhrim schmunzelte. Ertappt!

„Raus mit der Sprache. Was ist der wahre Grund, El?“ hakte sie nach, dabei die Abkürzung seines Namens benutzend, die einst Aragorn als kleines Kind eingeführt hatte. Der damals erst Zweijährige hatte ‚Elladan‘ und ‚Elrohir‘ nicht richtig aussprechen können und da das, was er aus den Namen machte, sogar für die Geduld – und vor allem für die Ohren – der Elben von Bruchtal zur Qual wurde, hatten die Brüder zu einem einfachen Trick gegriffen und dem Kleinen gestattet, sie ‚El‘ und ‚Ro‘ zu nennen. Mittlerweile waren daraus Spitz- wenn nicht sogar Rufnamen geworden, was sicherlich nicht eingeweihte Erstgeborene erstaunen würde, für Elronds Familie und deren Freunde jedoch normal war.

„Nun“, begann Elladan und rieb sich den Nacken. „Wenn wir Daernana richtig verstanden haben, dann geht es wohl auch um Syriëll.“

Sein Bruder nickte. „Sie muss raus, verstehst du? Mal etwas anderes sehen und…“

Er kam nicht weiter, als Glawhlínd leise aufseufzte und den Kopf in den Nacken sinken ließ; allerdings aus einem anderen Grund, den die Zwillinge im ersten Moment vermuteten. „Endlich!“ entfuhr es ihr erleichtert. „Endlich geschieht etwas.“ Sie richtete ihren Blick wieder auf Elladan. „Man konnte es wirklich kaum noch mit ansehen, wie sehr Syriëll sich von allem abwendet und im Stillen leidet.“ Sie schüttelte den Kopf, dann stutzte sie. „Und was sagt sie dazu? Hat die Hohe Frau schon mit ihr gesprochen?“

„Als wir vorhin den Talan Daernanas verließen, schickte sie nach ihr. Ich vermute, dass sie Syriëll gerade beibringt, dass sie buchstäblich ihre Sachen packen und morgen mit uns gemeinsam abreisen soll“, gab ihr Verlobter Auskunft.

„Die Frage ist nur, wie unsere liebe Base zweiten Grades das Ganze aufnimmt“, überlegte Elrohir. „Sie ist – wie sagen die Menschen? – stinkwütend auf Thranduil, weil dieser sich in Schweigen hüllt, und wie ich sie kenne, würde sie ihm am liebsten die Augen auskratzen.“

„Oh, keine Sorge, das würde sie nicht tun – nicht wirklich“, lachte sein Zwilling. „Dafür liebt sie diese viel zu sehr!“

* * *


„Ich werde keinesfalls jetzt schon in den Großen Grünwald reisen – wenn dies überhaupt noch meine Absicht jemals wieder sein sollte!“ Syriëll stand hoch aufgerichtet im Gemach ihrer Großtante und blickte diese aus funkelnden Augen an.

Galadriel übte sich in Geduld. „Syriëll, ich verstehe, dass du zornig bist, aber ich habe es dir mehrfach erklärt. Thranduil und ich dachten, es wäre nur zu deinem Besten, wenn du…“

Die kleinwüchsige Noldo hob eine Hand und wagte es tatsächlich, die Elda zu unterbrechen. „Ich weiß, Daermuindorthêl. Ich weiß, dass du der Ansicht warst, dass ich mir Zeit lassen sollte herauszufinden, was ich wirklich will. Meine Entscheidung war aber bereits gefallen, bevor du mit Thranduil hinter meinem Rücken das Gespräch suchtest und ihr beide für mich über meinen Kopf hinweg eine Entscheidung getroffen habt!“ – Diesmal war es Galadriel, die leicht zusammenzuckte. – „Und mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich wirklich die richtige Wahl getroffen habe als ich ihm in seine Heimat folgen wollte.“

Allein das Anheben der Stimme, verbunden mit der zunehmenden Lautstärke, ließ die Fürstin alarmiert eine goldfarbene Braue heben. Diese Art von Unbeherrschtheit war ein weiterer Beweis dafür, in welchem emotionalen Zustand ihre Großnichte sich befand. Beschwichtigend sprach sie auf sie ein. „Syriëll, zweifle nicht Thranduils Gefühle für dich an! Ich sagte dir bereits nach seiner Abreise, dass er dich liebt und…“

„Er ist gegangen ohne eine Erklärung – und auch du hast es erst für nötig befunden, mir euren Entschluss dann mitzuteilen, als es bereits zu spät war!“ Die zierliche Noldo schluckte schwer, als ein inzwischen vertrauter Stich durch ihr Herz fuhr. „Ich hätte mich wenigstens von ihm verabschieden wollen, was mir die Zeit bis zum Wiedersehen leichter gemacht hätte, doch sogar das war mir nicht möglich!“

Warum nur, so fragte Syriëll sich nicht zum ersten Mal, hatte ihre Großtante sich eingemischt? Es konnte wohl kaum daran liegen, dass Thranduil Oropherion sich nicht an die Sitten der Eldar hielt und mit der verhältnismäßig noch jungen elleth das Lager teilte. Ja, Galadriel hatte mehrfach betont, dass sie für sie beide nur das Beste gewollt hatte, doch die zierliche Noldo fühlte sich seit der Abreise des Elbenkönigs wie ausgebrannt und leer.

Die Lücke, die die Abreise des Herrschers des Großen Grünwaldes in ihr Herz gerissen hatte, war permanent – Tag und Nacht – doch wenn sie näher über alles nachdachte und dabei sein asketisches, zeitloses und schönes Gesicht in ihrem Geist aufstieg und seine eisblauen Augen sie sanft anblickten, wurde diese Lücke unerträglich schmerzhaft. Sie vermisste ihren ‚Höhlenelb‘, wie sie ihn anfangs spöttisch genannt hatte. Sie vermisste seine volltönende, klare Stimme; seinen Duft nach Farnen, Eicheln und Wald; die Wärme seiner schlanken, kräftigen Hände und das Licht seiner Seele. Wann immer sie einschlief und die Decken ihres Lagers sich um sie schlangen, meinte sie im Traum, seine langen Arme um sich zu fühlen und das beruhigende, gleichmäßige Pochen seines Herzens unter ihrem Ohr zu hören. Und wenn sie erwachte, glaubte sie seine weichen Lippen auf den ihren zu spüren, während sein langes, lichtblondes Haar sie wie ein Schleier bedeckte.

Sie hatte sich ihm gegenüber geöffnet und ihm ihr Herz geschenkt. Und sie war davon ausgegangen, dass dies auch umgekehrt der Fall gewesen war. Die letzte Nacht, die sie gemeinsam miteinander verbrachten, hatte sie in bisher unbekannte Sphären des Glücks gehoben und sie hatte ihm am kommenden Tag sagen wollen, dass sie mit ihm gehen würde, wenn er dies wünschte. Doch er war fort gewesen, als der Schlaf sie freigab. Er war fort und mit ihm ein Teil ihrer selbst.

In den Wochen danach hatte sie jeden Morgen gehofft, eine Nachricht träfe von ihm ein. Ein Brief, ein Wort, ein Zeichen… Doch jeder Tag begann mit einem Sonnenaufgang und endete mit einem Sonnenuntergang, ohne dass auch nur die winzigste Nachricht des Königs unter Eichen und Buchen sie erreichte.

Und damit war der Schmerz stärker geworden – der Schmerz und auch die Wut. Sie hatte ihm vertraut, hatte ihm ihr Herz und ihre Seele zu Füßen gelegt, doch nach Stunden der Liebe in seinen Armen verschwand er mit dem ersten Licht des Morgens, stumm und lautlos wie der Nebel über den Auen des Anduin.

Sollte sie ihm nun nachreisen – nach Wochen und Monaten des Schweigens? Waren seine Gefühle wirklich so echt und tief, wie sie es glaubte, oder waren es von seiner Seite aus nur Flammen der Leidenschaft gewesen, die hoch aufloderten solange sie Nahrung hatten, und danach rasch vergingen?

Syriëll wusste es nicht, doch eins war ihr klar: Sie hatte erstmals gewagt, sich einem ellon mit allem was sie war hinzugeben und er hatte sie ohne Erklärung zurückgelassen, als wäre sie nichts weiter als ein netter ‚Zeitvertreib‘ gewesen.

Galadriel nahm den Kummer ihrer Großnichte wahr, der in dunklen Wellen von ihr ausging, atmete durch, und versuchte zum zigsten Mal der Jüngeren ihre Sicht der Dinge zu erklären. „Syriëll, Thranduil entsprach meiner Bitte, dir die Möglichkeit zu geben dich zu erholen, und das auch nur, weil er der Ansicht war, dass ich als deine Verwandte besser darüber urteilen kann, wie es dir geht.“ Sie fing den bitteren Blick ihrer Großnichte auf, und versuchte sanfter zu wirken. „Ich habe einen Fehler gemacht, das muss ich zugeben, aber…“

„Ja, das habt ihr beide! Ihr hättet mich fragen können“, wisperte die kleinwüchsige Elbin und die Hohe Frau übte sich einmal mehr in Geduld.

„Bitte, Syriëll, dieses Gespräch hatten wir schon mehr als ein Dutzend Mal. Wir beide dachten das Richtige zu tun.“ Sie umfing mit beiden Händen das Gesicht der Jüngeren. „Lass keine Zweifel in dir aufsteigen. Er wartet auf dich, penneth. Er sehnt den Augenblick des Wiedersehens sicherlich genauso herbei, wie du und je eher ihr euch wiederseht, umso besser.“

„Das glaubst du“, erwiderte die kleinwüchsige Noldo harsch. „Du glaubtest auch, keinen Fehler zu begehen, als du…“

„Ich sagte bereits, dass ich mich täuschte“, fiel ihr die Elda nun mit einem leicht unwirschen Unterton ins Wort. „Und darum möchte ich diesen Schaden beheben, solange dafür noch Zeit ist. Reise morgen mit meinen Enkeln und Glawhlínd ab und…“

Syriëll wich einen Schritt zurück „Erst, wenn er sich gerührt hat, hört er auch etwas von mir!“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und schob energisch ihr Kinn vor.

Galadriel hob eine Braue. „Ich bitte dich, penneth, führe dich nicht auf wie ein bockiger Elbling! Du bist eine erwachsene Frau, die…“

„Ach, auf einmal? Auf einmal bin ich ‚erwachsen‘, nachdem ich zuvor wie ein Kind…“

„Es reicht!“ unterbrach die Noldo-Elda sie scharf. Elbereth, so aufmüpfig hatte sie ihre Großnichte noch nie erlebt. „Du wirst morgen mit meinen Enkeln aufbrechen und gemeinsam mit Glawhlínd der Gefährtin Legolas‘ zur Seite stehen, wenn sie sich in den Hallen Thranduils auf ihre Hochzeit vorbereitet.“

Die kleinwüchsige elleth holte tief Luft. „Elinha jetzt ins Spiel zu bringen ist nicht gerecht, Daermuindorthêl. Sie ist mir eine Freundin geworden, wohlwahr, aber…“

„Zwing mich nicht, dir als deine Fürstin zu befehlen, abzureisen.“

Röte breitete sich auf den bleichen Wangen Syriëlls aus. „Willst du mir befehlen, wie ich mein Leben…“

„Nein! Ich befehle dir vielmehr meinem Gemahl und mir voraus zu reisen und dafür Sorge zu tragen, dass wir bei unserer Ankunft alles zu unserer Zufriedenheit vorfinden werden.“ Das Gesicht Galadriels war hart geworden.

Ihre Großnichte presste kurz die Lippen zusammen. „Und was genau meinst du damit? Eure Gemächer oder…“

„Es bleibt dir überlassen, was du darunter verstehst“, erwiderte die Elda knapp, dann wurden ihre Züge wieder weicher. „Syriëll, gib Thranduil eine Chance sich zu erklären. Gib euch beiden eine Chance auf das Leben, das ihr beide euch tief in eurer Seele wünscht.“

„Und warum hat er dann nicht ein einziges Mal geschrieben?“ Zorn und Schmerz blitzten gleichermaßen in den tiefblauen Augen Syriëlls auf, als ihr Temperament einmal mehr in ihr aufflammte. „Er ging Ende Mai und wir haben Anfang Oktober, Daermuindorthêl, aber ich habe seitdem kein Wort von ihm gehört – nicht ein Wort in der ganzen Zeit!“

Und dazu wusste Galadriel nichts zu sagen…

TBC…


So, meine Lieben, das waren der Prolog und das erste Kapitel. Ich hoffe, die Zusammenfassung der Geschehnisse in der 1. und 2. Story haben die ‚Altleser‘ nicht gelangweilt, aber ich wollte den eventuellen neuen Lesern die Möglichkeit geben, leichter in die dritte Geschichte zu finden und gleichzeitig den Wiedereinstieg den anderen erleichtern.

Aber auch ein paar Weichen wurden gestellt: Aragorn, Legolas und die anderen sind nicht mehr weit vom Langen See entfernt, die Zwillinge, Glawhlínd und Syriëll machen sich auch auf die Reise und fast alle freuen sich auf eine muntere Zeit – nicht ahnend, was sich im Norden zusammenbraut.

Im nächsten Chapi gibt es ein Wiedersehen mit Thranduil, der neue König unter dem Berg – Thorin Steinhelm – taucht erstmals auf und unsere Freunde treffen in Celduin-Stadt ein, wo sie beunruhigende Nachrichten erhalten. Es wird durchaus etwas amüsant, aber auch die Spannung baut sich langsam auf.

Ich hoffe, der Start der neuen Geschichte hat Euch gefallen und bin gespannt, was Ihr bezüglich der Vorkommnisse im Prolog denkt.

Ein schönes Wochenende,

bis nächste Woche,

Eure Lywhn
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