Der Schlüssel zum Frieden

von Lywhn
GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
27.09.2013
26.06.2014
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Dieses Kapitel
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Vorwort


Meine lieben Leser,

wir schreiben den 27. September im Jahr 3020 des Dritten Zeitalters…

Entschuldigung, ich meine natürlich, den 27. September 2013 und die Dritte Geschichte geht online.

Ja, ab jetzt heißt es wieder in recht regelmäßigen Abständen ‚Mae govannen‘, wenn neue Kapitel eingestellt werden.

Für alle, die diese Geschichte gerade angeklickt haben, der Hinweis, dass diese Story durchaus auch für sich stehen kann, ich jedoch jedem ‚Neuen‘ anraten möchte, zuvor „Der Gesang der Nachtigall“ (die erste Geschichte) und dann „Im Fluss des Schicksals“ (das Sequel) zu lesen. Ich werde zwar zu besonders im ersten Kapitel auf das Vorangegangene eingehen, aber einige Dinge sind sicherlich verständlicher, wenn man die beiden Vorgänger kennt.

Während „Der Gesang…“ in Gondor und „Im Fluss…“ hauptsächlich in Rohan spielten, geht es nun in den hohen Norden zum Großen Grünwald (dem ehemaligen Düsterwald), zum Langen See, Esgaroth, Thal und dem Einsamen Berg. Demnach werde ich mich, was die Landschaft und die Orte angeht, sowohl an Beschreibungen aus dem Buch, wie auch die Kulissen des Films „Der Hobbit“ anlehnen, allerdings hat sich seit den Geschehnissen im „Hobbit“ einiges verändert, immerhin liegen 79 Jahre dazwischen.

Original-Charaktere von Tolkien, wie auch ‚alte‘ Bekannte, die meiner Fantasie entsprungen sind, werden vorkommen, ebenso neue Personen in Thranduils Hallen, dem Erebor und Thal, aber auch unter den Feinden gibt es beides. Und da ich nun mal Spannung und Action liebe, gleichzeitig aber auch ein hoffnungsloser Romantiker bin, gibt es für Euch sicherlich die eine oder andere ‚Achterbahnfahrt der Gefühle‘. Es wird wieder verschiedene Handlungsstränge geben und einige Überraschungen, aber neben jeder Menge Spannung kommt auch der Humor nicht zu kurz, und ich verspreche auch schon mal die eine oder andere niedliche oder ‚heiße‘ Szene.

An dieser Stelle noch der berühmt / berüchtigte Disclaimer, der für die gesamte Story gilt: Alle bekannten Gestalten, Ortsnamen und –begebenheiten, sowie die erwähnte Vergangenheit Mittelerdes stammen aus der Feder von J. R. R. Tolkien und nicht aus der meinen. Mein geistiges Eigentum sind die neuen Personen, die weder aus den Büchern, noch den Filmen bekannt sind, sowie die Erlebnisse mancher Personen in der Vergangenheit.
Außerdem stammen verschiedene Ortsnamen, Gaststuben und Geschöpfe aus dem Rollenspiel „Der Eine Ring – Abenteuer im Wilderland“ und „Der Eine Ring – Abenteuer am Rand der Wildnis“.
Des Weiteren bestätige ich, dass ich mit meiner Geschichte keinen Kommerz betreibe, sondern dass sie nur der Unterhaltung dient und von einem Fan für Fans gemacht wurde.

Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass die Namen der von mir erfundenen Charaktere folgende Anlehnung haben:

Menschen aus Thal und Esgaroth: Alte Namen aus dem Nordischen, Finnischen und Isländischen
Zwerge vom Erebor: Aus der Edda und anderen ‚Liedern‘ der nordischen Mythologie
Elben des Großen Grünwaldes: Selbst ‚kreiert‘ mit Hilfe des Elbisch-Buches von Helmut W. Pesch,
Orks und Uruk-hais: Diverse Fantasy-Seiten, Rollen-Spiele, Namensgeneratoren.
Andere Gegner: Verrate ich hier noch nicht, sonst wäre die Spannung weg.

Die Sindarin-Wörter und Sätze stammen ebenfalls aus dem Wörterbuch von Helmut W. Pesch, sowie von diversen Internetseiten, das Gleiche gilt für die Phrasen und Wörter in Khuzdul, der Zwergensprache. Das Elbisch ist in kursiv verfasst, das Khuzdul in ‚fetten‘ Buchstaben, wodurch ich einmal die Harmonie und einmal die Härte der beiden Sprachen andeuten und es gleichzeitig meinen Lesern leichter machen möchte.

Und jetzt wünsche ich viel, viel Spaß mit der Geschichte

„Der Schlüssel zum Frieden“



Prolog

27. September 3020 Drittes Zeitalter, Nordufer des Langen Sees

„Bei Aule, ist das frisch heute Morgen. Und müd‘ bin ich auch noch!“ Sich die starken Hände reibend ging ein Zwerg mittleren Alters auf dem Bootsanlegesteg auf und ab, um sich die Füße zu vertreten; seine beiden Begleiter beobachteten ihn wortlos. Heptí Bildrinssohn, ein angesehener Händler vom Erebor, unterdrückte ein Gähnen. Sein dunkler Bart war teilweise kunstvoll geflochten und mit behauenen Silberspangen verziert, wie es bei seinem Volk üblich war, und seine erlesene Kleidung aus schweren Stoffen und mit Pelz besetzt verriet, dass er zu den wohlhabenden Familien des Einsamen Berges gehörte.  Aus sehr kleinen Augen blickte er missmutig über den Langen See hinüber bis zu seinem Ziel: Esgaroth, die Seestadt, die nach dem Tod des Drachen Smaug – was Hand in Hand mit der Zerstörung der ehemaligen Seestadt einherging – vor nun fast fünfundsiebzig Jahren etwas weiter nördlich des ehemaligen Standpunktes wieder aufgebaut worden war.

Die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages tanzten auf der sich kräuselnden Oberfläche des Wassers und vertrieben die hauchfeinen Nebelschwaden, die sich über den Wellen in der vergangenen Nacht gebildet hatten und die Seestadt nur als kleine, dunkle Silhouette erkennen ließen. Obwohl die Luft noch kühl war, würde es auch heute wieder warm werden – wärmer, als in vielen der voran gegangenen Jahre. Nachdem im Frühling der Winter nur widerwillig hatte weichen wollen, hatten die darauffolgenden Monate für die grimmige Kälte entschädigt. Eigentlich wiesen sogar die Monate von Mai bis August im Norden der Wilderlande eher milde Temperaturen auf, doch diesmal hatte hier eine Hitze geherrscht wie im Süden. Zumindest nachts hatte es hin und wieder geregnet, so dass die Bauern reiche Ernte einfahren konnten. Obstbäume trugen so viele Früchte wie selten zuvor und auch der Bestand der Wildtiere, der durch die ‚Schlacht unter den Bäumen‘ im Großen Grünwald und in der ‚Schlacht von Thal‘ gelitten hatte, erholte sich wieder.

Das Jahr nach Saurons Vernichtung war ‚das Jahr der Fülle‘, wie es später in den Annalen nachzulesen sein würde, und diese Fülle betraf nicht nur die gute Ernte, sondern auch den aufblühenden Handel. Die Händler, Marktschreier und Kaufleute von Thal – in deren Gassen, Straßen und auf deren Plätzen kaum noch Spuren der wilden Horden aus dem Osten zu sehen waren, die im Vorjahr plündernd und brandschatzend durch die Stadt gezogen waren – verzeichneten einen erheblichen Anstieg ihrer Einnahmen, und Esgaroth profitierte von der guten wirtschaftlichen Lage der gesamten Region; einschließlich dem Handel mit den Zwergen vom Erebor und den Elben vom Großen Grünwald, hatte deren König sich doch, nach der Schlacht der Fünf Heere achtundsiebzig Jahre zuvor, ein wenig mehr gegenüber den anderen Völkern geöffnet.

Und Geschäfte waren es auch, die zu dieser frühen Morgenstunde drei Zwerge an die Ostseite der Mündung des Celduin – des Eilends, wie er auch genannt wurde – getrieben hatten, wo sie nun darauf warteten, dass der Bootslenker des kleinen Schiffes, das sie gemietet hatten, endlich zu ihnen stoßen würde. Ihre schweren Stiefel klapperten auf den Holzbohlen des Stegs, an dem der Einmaster lag, der sie nach Esgaroth bringen sollte, und nicht selten unterdrückten sie ein Gähnen. In dem Gasthaus „Zum singenden Schiffer“, das es nun seit fast vierzig Jahren an der Anlegestelle gab, wurde gutes Schwarzbier ausgeschenkt und das Pökelfleisch, das die Naugrims – wie die Elben den Zwergenstamm der Langbärte nannten – so liebten, war auch vorzüglich; der Grund, warum die drei Zwerge erst spät ihre Betten aufgesucht hatten.

Heptí schaffte es schließlich nicht mehr, das Gähnen im Zaum zu halten und gab diesem Drang laut und ausgiebig nach. Der jüngere seiner beiden Begleiter verzog das Gesicht. „Was denn?“ murrte er. „Ich bin halt noch nicht ausgeschlafen.“

„Hättest eben eher ins Bett gehen sollen“, kam die grummelige Antwort von Nyrad, einem Gesellen des Spielzeugmachers Brúin, dessen Holzspielsachen sich von selbst bewegen konnten, was manche Menschen für ‚Zwergenmagie‘ hielten, dabei steckte lediglich ein ausgeklüngeltes System von kleinen Rädern im Innern des Spielzeuges dahinter, das mit einem Schlüssel aufgezogen werden musste.

Des Wartens überdrüssig stapfte Heptí zu dem Karren, der von einem schweineähnlichen Tier gezogen wurde; einem Karreneber, der zwar entfernt mit den Hausschweinen der Menschen verwandt war, jedoch etwas größer war und über höhere Kräfte verfügte. Ein weiterer Vorteil war es, das diese Tiere von recht phlegmatischer Natur waren, was eine leichtere Handhabung zur Folge hatte – ein äußerst wichtiger Punkt, denn Zwerge konnten mit Tieren im Allgemeinen nicht sehr viel anfangen und noch weniger mit ihnen umgehen.

Das Borstenvieh, welches den Karren der drei Naugrims vom Erebor bis hierher gezogen hatte, kaute auf ein paar Grashalmen herum und sah noch nicht einmal auf, als Nyrad zuerst das Zuggeschirr überprüfte und dann die Plane zum dritten Mal festzurrte, die die Handelsgüter abdeckte.

„Bei Durins Bart, wo bleibt dieser krummbeinige Mensch?“ schimpfte der Kaufmann. Sein Augenmerk fiel unwirsch auf das, noch wie im Schlaf daliegende Gasthaus und auf die Brücke eine halbe Meile weiter nördlich, die dort den Eilend überspannte. „Wenn schon jemand über das Wasser fährt, ist er mir nicht geheuer. Ich habe es ja gleich gesagt: Verkaufen wir das Zeug an einen Händler in Thal und kehren wieder um. Oder wir hätten die große Brücke nach Esgaroth nehmen sollen. Die Reise hätte zwei Tage länger gedauert und wir hätten Brückenzoll entrichten müssen. Und? Ein Zwerg auf einem Boot kann nur Unglück bedeuten. Aule schuf uns einst aus Steinen und was passiert mit einem Stein, der auf Wasser trifft? Er geht unter, ganz einfach!“

Nyrad verdrehte die Augen. „Bis zur Brücke von Esgaroth sind es für uns und unsere Karren mindestens drei Tage, dann über die Brücke und später wieder zurück. Wir gewinnen so sicherlich sechs Tage. Und der Schiffer hat uns den gleichen Preis gemacht, den wir als Brückenzoll hätten entrichten müssen.“

Heptí verzog unwirsch das Gesicht. „Ich verstehe nicht, warum ich mich von dir habe überreden lassen, unsere Waren direkt nach Seestadt zu bringen“, brummte er. „Bisher haben wir in Thal auch gute Geschäfte gemacht.“

Der jüngere Zwerg seufzte. „Ja, haben wir. Aber wenn wir das Spielzeug direkt in Esgaroth verkaufen, dann können wir den gleichen Preis verlangen wie die Händler von Thal es tun würden und verdienen somit viel mehr“, brachte er sein Argument zum gefühlten hundertsten Mal vor, mit dem er Heptí erst vor drei Tagen zu dieser Reise überredet hatte. „Gib dem Schiffer noch ein bisschen Zeit. Es ist es noch sehr früh. Eine Stunde nach Sonnenaufgang wollte er sich mit uns treffen und…“ Er stutzte und wandte sich um. Doch außer dem zweistöckigen, großen Gasthaus, in dem sich nichts rührte, gab es nichts zu sehen. Alarmierend jedoch war der Umstand, dass der Karreneber sein stumpfsinniges Malmen unterbrach und aufschaute.

„Was ist?“ erkundigte Heptí sich. „Kommt dieser Schiffer endlich? Wenn nicht, dann will ich meine vier Silberpfennige zurück und wir…“

„Still!“ Der dritte der Zwerge, der sich bisher in Schweigen gehüllt hatte, hob mahnend die Hand und lauschte angestrengt, was die beiden anderen ihm gleichtaten. „Da war was“, wisperte er und strich sich über seinen hellen Bart, der ihm bis zum Bauch reichte. „Im Wasser.“

Nyrad schluckte. „Sieh nach“ raunte er und fingerte nach seiner Axt, die griffbereit an seinem Gürtel hing, als er ein hauchfeines Surren vernahm. Im nächsten Moment stach ihn etwas in den Nacken, wo das zum Zopf geflochtene Haar die Haut freiließ, und mit einem Fluch schlug er sich die Hand darüber. „Verdammte Mücken! Ich hasse diese lästigen Flatterer. Jetzt sind sie schon am Morgen… WAS IST DAS?“ Seine kräftigen Finger hatten einen winzigen Pfeil ertastet, der in seinem Hals steckte – nicht sehr tief, denn es tat noch nicht einmal richtig weh, aber er war eindeutig dort.

Heptí kam auf ihn zu. „Was ist los? Haut eine Mücke dich aus den Stiefeln oder… AUTSCH!“ Auch ihn traf etwas im Nacken und nur wenige Wimpernschläge später begann die Welt sich um ihn herum zu drehen. „Was… ist hier… los?“ brachte er hervor und beobachtete, wie Nyrad in die Knie einsackte.

„Gift“, flüsterte der Spielzeugmacher. „Jemand… beschießt…“ Er war bewusstlos, noch bevor er auf dem Boden aufschlug, Heptí folgte ihm. Und als er beim Fallen zurücksah, gewahrte er seinen anderen Begleiter, der regungslos auf dem Steg lag, während hoch gewachsene, schlanke Gestalten mit langen, von der Nässe dunklen Haaren, behände und geschmeidig aus dem Wasser auf den Steg hinaufstiegen.

„Elben…“ war das Letzte, was der Kaufmann hauchte, dann wurde es schwarz um ihn…


**********************


„Schau! Nun fliegen sie doch gen Süden.“ Die weiche, melodische Stimme vermischte sich mit dem Rauschen des kräftig dahinfließenden Waldflusses, während eine schlanke, helle Hand hinauf zum Himmel zeigte.

Lächelnd beobachteten Faranion und Elíwador den Schwarm von Graugänsen, die um diese Jahreszeit eigentlich schon längst auf dem Weg in den Süden sein müssten, allerdings ihren weiten Flug erst jetzt begannen. Der September war zu sommerlich gewesen, um die Tiere dazu zu bewegen, den Norden zu verlassen, und auch jetzt war es noch recht warm.

„Ja, es immer wieder faszinierend, wie sie die Nähe des Winters spüren“, stimmte Elíwador seinem Begleiter zu, während er sich über das makellose, ebenmäßige Gesicht strich. Die warmen Sonnenstrahlen des fortgeschrittenen Nachmittags ließen sein rot-braunes Haar schimmern, welches aus dem Gesicht geflochten war, so dass die spitz zulaufenden Ohren sichtbar wurden, welche ihn als Angehörigen des Schönen Volkes – der Elben – preisgaben. Gemütlich zog er die Beine an und betrachtete die spiegelglatte Oberfläche des Langen Sees, der sich eine halbe Meile flussabwärts vor ihnen auftat.

Schon vor der Zeitspanne einer Stunde hatten sie die Langen Sümpfe hinter sich gelassen, die sich rund zehn Meilen entlang des Waldflusses zogen, der ihre zahllosen Becken, Bruchwiesen und Bäche speiste. Nun jedoch strömte das Wasser zwischen Felsen dahin und die beiden Elben konnten bereits die flachen Felsenklippen sehen, die die Mündung zwei Wächtern gleich einrahmten. Von Fern erklang ganz leise das Rauschen der gewaltigen Wasserfälle, in denen der Inhalt des Langen Sees sich in Kaskaden in das niederer gelegene Land südlich ergoss.

Faranion, der das Floß steuerte, begann erleichtert aufzuatmen. „Noch ein paar Stunden und wir sind in Esgaroth. Ich freue mich bereits darauf.“

Elíwador blickte feixend zu ihm auf. „Was allerdings nicht an deinem beharrlichen Lenken des Floßes liegt, sondern vielmehr an Fuínhwen, die dort auf dich wartet.“ Er sah, wie die Ohrspitzen seines Freundes sich röteten, und setzte neckend hinzu: „Wann willst du sie eigentlich endlich fragen, ob sie den Bund mit dir…“ Sein Kopf fuhr ruckartig herum, als sein scharfes Gehör ein hohes Surren vernahm. Er sah im Augenwinkel etwas auf sich zufliegen und duckte sich, doch es war zu spät. Etwas Spitzes bohrte sich in die marmorhelle Haut seines ungeschützten Halses.

„Vorsicht!“ keuchte er und riss den winzigen Pfeil heraus, während Faranion bereits die Ruderstange fallen ließ und sich den Bogen vom Rücken klaubte. Einen Moment später jedoch fühlte er ebenfalls einen kurzen, stechenden Schmerz, allerdings am Arm. Er starrte verwirrt auf das vielleicht daumenlange Geschoss, dessen Spitze in seinem Muskel steckte, dann wurde ihm schwindelig.

„Ein Überfall!“ rief er aus und versuchte einen Pfeil aus dem Köcher auf seinem Rücken zu ziehen, aber seine Gliedmaßen gehorchten ihm nicht mehr. Am Rande seines schwindenden Gesichtsfeldes sah er gedrungene Gestalten, die auf den flachen Felsen im Norden der Flussmündung standen, und verschwommen gewahrte er lange Bärte.

„Zwerge“, murmelt er verwirrt, dann schwanden ihm die Sinne.

* * *


Jukkha drückte den schmerzenden Rücken durch und blinzelte zum Himmel hinauf. Die Sonne näherte sich dem Horizont im Westen und er war froh, wenn die Plackerei des Be- und Entladens der Handelsboote vorbei sein würde und er mit seinen Kameraden im nahen Wirtshaus einen Humpen Bier zu sich nehmen konnte. Rings um ihn herum herrschte auch zum Abend hin emsiges Treiben, denn in Esgaroth lief der Handel so gut wie selten zuvor.

Jukkha wandte sich um und wollte gerade die letzten Säcke mit Weizen ausladen, die aus dem Gebiet südlich des Langen Sees stammten, als er etwas Merkwürdiges bemerkte: Ein Floß – ein Floß, wie  die Waldelben es benutzten – doch es trieb mannlos auf dem Wasser. Hektisch sah er sich um und seine hellen Augen suchten die Wellen ab, doch nirgends war etwas von jenen zu sehen, die das Gefährt wohl über den Waldlandfluss bis zum See getrieben haben mussten.

„Was bei Eru…“, murmelte er und wandte sich dann um. „He, schaut mal, da treibt ein führerloses Elben-Floß auf uns zu!“

Sein Ruf weckte die Aufmerksamkeit der anderen und binnen einiger Augenblicke sammelten die Hafenarbeiter sich auf den Stegen und stellten Vermutungen darüber an, was geschehen sein könnte. Ein Elb fiel nicht einfach ins Wasser und wenn, hätte er das Floß mühelos einholen und sich wieder hinauf ziehen können. Die Erstgeborenen waren ungemein geschickt, dazu schnell wie der Wind und stark wie fünf Mann.

„Was ist geschehen?“ Die samtene Stimme gehörte einem Angehörigen des Schönen Volkes, das im Elben-Viertel der Stadt – welches sich unweit des Hafens befand – seit über vierzig Jahren ein Handelshaus eingerichtet hatte. Thranduil Oropherion, ihr König, mochte sich fast immer aus den Belangen anderer Völker heraushalten und Verhandlungen über Wegzölle entlang des Flusses oder Uferabsicherungen waren schwierig und für viele Unterhändler nervenaufreibend, aber der Herrscher des Waldlandreiches war auch ein guter Geschäftsmann und wusste den Aufschwung der Wirtschaft im nord-östlichen Wilderland für sich zu nutzen. Leder- und Holzwaren stellten begehrte Güter in beiden Städten der Menschen dar und die Erlöse der vergangenen Jahrzehnte, mit Ausnahme während des Ringkrieges, hatten die Geldbeutel der Waldelben gut gefüllt.

Jukkha wandte sich dem Tawarwaith zu, der ihn angesprochen hatte, und erkannte in ihm Minuithâl, den Handelsbevollmächtigen des Elbenkönigs, der in Esgaroth die Handelsrechte seines Volkes beaufsichtigte und die Geschäftsverbindungen zwischen den elbischen Kaufleuten und denen der Menschen – und manchmal auch mit denen der Zwerge – herstellte. Im Gegensatz zu einigen anderen, eher scheuen Waldelben, die das Elben-Viertel in Esgaroth selten verließen, sah man Minuithâl öfter auf den Gehsteigen von Seestadt und entsprechend bekannt war er. Und da er als großzügig galt, für alle immer ein freundliches Wort auf den Lippen hatte und obendrein auch noch Handelsverbindungen gegen einen wirklich kleinen Obolus vermittelte, war er in der Stadt sehr beliebt.

Der junge Hafenarbeiter musterte kurz die schlichte, und dennoch mit feinen Stickereien verzierte Robe aus grünem und sandfarbenen Stoff, blickte auf in das ernste, schöne Gesicht des Elben, das von langen braunen Haaren umrahmt war, und erwiderte: „Ein Floß Eures Volkes, Herr Minuithâl!“ Er deutete auf den See, doch die grün-grauen Augen des Waldelben hatten das Gefährt längst entdeckt. Er rief etwas im lieblichen Sindarin und wie aus dem Nichts tauchten mehrere andere Erstgeborene auf. Einer von ihnen ließ sich von einem Hafenarbeiter Paddel für ein Ruderboot geben und nur wenige Wimpernschläge später ruderten er und zwei andere Tawarwaith dem Floß entgegen.

„Was ist da bloß geschehen?“ murmelte der Hafenmeister, der sich derweil zwischen den Arbeitern hindurchgedrängt hatte.

Der Handelsbeauftrage Thranduils antwortete auf diese rhetorische Frage nicht, sondern wartete ab, bis seine Begleiter das Floß in Schlepp genommen und zum Steg gebracht hatten. Einer der Tawarwaith erklomm rasch die Stufen des Stegs und hielt auf Minuithâl zu; die neugierigen Blicke Jukkhas ignorierend.

„Die Kisten auf dem Floß sind leer“, meldete er und bediente sich dabei seiner eigenen Sprache, welche von den wenigsten Menschen in Seestadt verstanden wurde. „Aber sie tragen das Zeichen Faranions und Elíwadors.“

Der Angesprochene nickte langsam. „Sie wollten in den nächsten Tagen die neu angefertigten Lederwaren nach Esgaroth bringen.“ Er sah besorgt hinunter auf das Floß. „Irgendeine Spur von ihnen?“

„Nein, aber das hier war zwischen zwei der Stämme eingeklemmt.“ Er hob die Hand, die er bisher geschickt unter seinem Umhang verborgen gehalten hatte, und reichte Minuithâl die Reste eines zerrissenen Gürtels. Der Handelsbeauftragte betrachtete das Fundstück genauer und dann weiteten sich seine Augen, bevor eine steile Falte auf seiner hellen Stirn erschien. Er ergriff die Schnalle, die am Ende des Gürtels hing und betrachtete ihre Machart und ihre Verzierungen.

Er atmete tief durch. „Naugrims…!“

TBC…
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