Die 100. Hungerspiele: Nie wieder so wie früher

von -Ninaaa-
MitmachgeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P16
26.09.2013
16.04.2014
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Am Himmel standen ein paar graue Wolken, als sich eine Vielzahl von Jugendlichen auf dem großen Festplatz zusammendrängte. Über ihnen wehten bunte Fahnen im Wind, auf jeder von ihnen stand die Zahl des eigenen Distrikts. Eins.
Sie waren alle stolz auf ihren Distrikt, ein jeder von ihnen wusste, dass es bei den diesjährigen Hungerspielen nur einen einzigen Gewinner geben konnte. Es war ihnen egal, wer, solange er nur aus ihrem eigenen Distrikt kam. So wie es eben immer war. Es gab kaum Jahre, in denen einmal jemand aus einem anderem, womöglich sogar aus einem der unteren Distrikte gewonnen hatte.

Ein Mann in einem hellen, giftgrünen Anzug, den er über einem pinken  Hemd trug, trat auf das Podest, auf dem sich neben zwei Loskugeln nur noch ein Mikrofon befand und sah sich um. Kaum einer hatte bemerkt, dass er aufgetaucht war, niemand schien sich für ihn zu interessieren. Nur ein paar der jüngsten hatten ihn bemerkt und stupsten sich gegenseitig an. Auch die Jugendlichen, die sich noch mit ihren Freunden unterhielten, wurden leiser und richteten ihre Blicke auf den Mann, der vor ihnen mit seinem silbernen Einstecktuch herumwedelte, um sie zu begrüßen.
„Schon wieder ist ein ganzes Jahr vergangen – es ging wieder einmal viel zu schnell.“, begann er seine Rede. Er hatte sie auf einem kleinen Stück Papier aufgeschrieben, damit er die wichtigsten Sätze nicht vergessen konnte. Denn wie würde er sonst auch dastehen?
„Und, wie immer, ist die Zeit gekommen um die zwei Bürger unseres Distriktes auszuwählen, die für uns in den Hungerspielen kämpfen werden.“ Keiner sagte mehr auch nur ein einziges Wort, alle hatten ein breites Grinsen im Gesicht und warteten darauf, dass endlich der erste Name fiel, damit sie sich ihre Tribute genauer ansehen und über ihre Wetteinsätze nachdenken konnten. Wie man es eben jedes Jahr machte.

„Also dann, seid ihr alle soweit?“ Ein Raunen ging durch die hinteren Reihen – und auch in den ersten beiden spannten sich die Kinder an. Das aber lag nicht daran, dass sie sich vor den Spielen fürchteten, nein, ganz im Gegenteil. Die meisten von ihnen hofften sogar, ausgewählt zu werden. Zwar nicht alle, aber eben die meisten.
Der Mann in dem farbenfrohen Anzug warf noch einen Blick auf seine neongelben Fingernägel, dann schritt er hinüber zu der ersten Kugel und tauchte seine Hand vorsichtig in das Gefäß hinein, in dem sich die Namen der Mädchen befanden. Er rührte ein paar Mal darin herum und zog erst einige Zettel heraus, als sich bereits einige der älteren über die Verzögerung aufzuregen begannen.
Schnell öffnete er seine Hand, die er zu einer Faust geballt hatte, damit ja nicht der Zettel herausfiel. Doch jetzt befanden sich noch immer drei Namen auf der Innenfläche seiner Hand. Die beiden, die am weitesten voneinander entfernt lagen, schnippte er gekonnt in die Glaskugel zurück und wandte sich dann dem letzten zu. Vorsichtig schob er das goldene Band, das das Papier zusammengerollt hielt, herunter und rollte den dünnen Streifen auf. Mit beiden Händen hielt er ihn etwa dreißig Zentimeter von seinem Gesicht weg, damit er den Namen gleich schön laut vorlesen konnte. Davor aber atmete er noch einmal tief ein.

„Shimmer Morrison.“, tönte seine Stimme über den Platz.
Alle Jugendlichen sahen sich um, sie alle wollten ihren weiblichen Tribut zuerst, vor ihren Freunden oder Geschwistern sehen. Ein blondes Mädchen aus der Reihe der siebzehnjährigen trat langsam auf das Podest zu.

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Das erste, was ihr auffiel war, dass sie von allen angestarrt wurde. Es war nicht anders als sonst, das war sie schon gewohnt – und sie liebte es. Eigentlich hatte sie nicht damit gerechnet, heute ausgewählt zu werden und hatte sich innerlich schon auf einen schönen Abend gefreut, den sie mit ihrem Freund verbringen wollte.
Aber so wie das Leben nun mal spielte, konnte sie das für heute vergessen.
Nachdem sie einige Schritte gegangen war, drehte sie sich noch einmal zu den anderen Mädchen um. Als diese ihren Blick bemerkten, lächelten sie ihr zu. Nur eine von ihnen erhob ihre Stimme und wünschte Shimmer viel Glück. Als ob sie das nötig hätte. Aber da das eine Mädchen ihre allerbeste Freundin war... Sie ließ sich dazu hinreißen, ihr noch einmal zuzuwinken.

Als sie vor der Treppe stand, hielt sie einen kurzen Augenblick inne und warf einen Blick auf ihre Schuhe. Sie waren mindestens zehn Zentimeter hoch – und passten perfekt zu dem eleganten grauen Kleid, das sie heute trug. Es gab nur ein einziges, kleines Problem: Sie war damit noch nie auch nur eine einzige Treppenstufe nach oben gegangen. Wie sollte sie das jetzt schaffen?
Zu ihrem Glück jedoch reagierte der Mann, der soeben ihren Namen aus der gläsernen Kugel gezogen hatte, schnell genug und half ihr auf das Podest hinauf. Sie lächelte ihn breit an. „Schickes Outfit.“, meinte sie, wobei der Mann unter seinem Make-up rot anlief.
Sobald sie oben auf der Bühne stand, sah auch Shimmer sich um. Der Ausblick, den man hier hatte... Man konnte einfach alles sehen, jeden einzelnen, der sich auf dem Festplatz befand.
In der Reihe der achtzehnjährigen erkannte sie ihren Freund, Cash, dem sie mit einer eleganten Geste zuwinkte. Sie würde nur für ihn kämpfen – damit sie in einigen Jahren die schönste und größte Hochzeit feiern konnten, die es in Distrikt 1 jemals gegeben hatte. Schließlich war er ihre große Liebe.

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„Nun brauchen wir nur noch unseren männlichen Tribut.“, fuhr der bunt gekleidete Mann fort. Dieses Mal ging alles schneller, vielleicht auch deshalb, weil alle nur noch auf Shimmer achteten, die sich neben ihm in die verschiedensten Posen warf.
Gekonnt und souverän öffnete er auch dieses Mal die Papierrolle und las den Namen vor. „Alexander...“ Da wurde er aber auch schon unterbrochen, von einem kleinen Jungen aus der Reihe derer, die gerade einmal zwölf Jahre alt waren.
Er seufzte leise. Na super – als wenn der eine Chance hätte.

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Als die umstehenden Kinder und Jugendlichen ihn bemerkten, fingen einige von ihnen an zu lachen, andere sahen betreten zu Boden. Denn sie wussten, wer er war und aus welcher Familie er stammte. Ganz im Gegensatz zu dem bunten Kanarienvogel, der vor ihm auf dem Podest stand.
Schnell strich Tertius sich durch die braunen Haare, die in den Sonnenstrahlen, die es ab und an durch die dichte Wolkendecke schafften, wie pures Gold schimmerten. Dann trat er auf die Bühne zu. Hinter ihm jedoch regte sich noch ein Junge, er war deutlich älter, fünfzehn Jahre war er alt.
„Ich will – ich will das unbedingt!“, rief dieser. Der zwölfjährige Junge warf dem zweiten, seinem Bruder, einen genervten Blick zu und schritt weiter voran. Die Treppe nach oben und blieb neben dem Mann stehen, der sich die beiden Jungen noch einmal ansah. So wie Tertius das sah, wäre ihm wohl sein Bruder lieber gewesen. Aber es kam eben nicht immer alles so, wie man es sich wünschte. Und er selbst nahm auch aus einem guten Grund an den Spielen teil.

„Dein Name?“, wurde er gefragt. „Tertius Aventurin Laniatio.“, meinte er mit fester Stimme.
Vereinzelt klatschten ein paar, hauptsächlich Mädchen, von denen einige ihn schwärmerisch ansahen. Bald hatten sie auch noch die Möglichkeit, es vor der großen Leinwand zu tun, auf der die Spiele übertragen wurden.
Tertius fiel auf, wie der Mann die dünnen Narben anstarrte, die sich auf seinem Arm befanden. ‚Noch nie verprügelt worden?‘, dachte er sich. ‚Schön für dich.‘ Dann schob er den Ärmel seines dunkelblauen Hemdes darüber.

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„Also dann – reicht euch eure Hände.“, schritt der Mann in dem grünen Anzug wieder ein. „Und euch bitte ich um...“ In genau diesem Augenblick flog ihm der Zettel aus der Hand, auf dem er sich seine Stichworte notiert hatte. Und sofort verlor er seinen Faden.
„Um...um...um einen großen Applaus für eure diesjährigen Tribute Shimmer und Tertius.“ Während alle klatschten, drehte er sich mit einer gekonnten Bewegung um und verließ mit einem hochroten Gesicht die Bühne. Es hätte nicht schlimmer kommen können.
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