Nur Sommergras

von Teekon
GeschichteAbenteuer, Drama / P12
Wolverine
24.09.2013
28.10.2018
82
402013
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Die Dämmerung kam so leise wie ein Schneeleopard auf seinen samtenen Pfoten. Langsam schleichend sickerte sie zwischen den Hügeln hindurch und tastete sich vor über Wiesen und Sumpf und über die Wipfel der Bäume, nicht in der Lage, ihr dichtes Astwerk zu durchdringen. Silhouetten bildeten sich heraus, lösten die Schatten ab wie Schutzpapier von den Felsen und dem Gestein, ließen feines, spärliches Licht an ihre Stelle treten.

Eine dichte Decke aus festgewebtem Hochnebel verhüllte den Himmel über dem Land, über dem See und dem Wald an den steilen Hängen des Vulkankraters, tauchte die ganze Umgebung in ein dunstig eisblaues Leuchten, das jegliche andere Farbe darunter verblasste. So schimmerte der Zenit oben, die Landschaft versunken in Tönen aus Violettblau und Kühlgrau.

Welch Winterzauber. Wie schön und klar die ganze Welt in dieser Schattierung. Stille und Frieden. Ein herrlicher Moment, festzuhalten für alle Zeit, in dem zu stehen, zu atmen ein Universum erschaffen konnte. Perfekt wie eine Kirschblüte im Augenblick ihres Vergehens. Der vollkommene Morgen, um geboren zu werden.

Die kahlen Zweige des Ahorn staken wie klamme Finger in die kalte Luft hinaus, eine Schicht aus Raureif auf jeder einzelnen Nadel der Matsu (1), fast so dick wie ein Grashalm breit. Büschel aus längst verfrorenem Karamushi (2) beeindruckten wie gläserne Gebilde, so zerbrechlich, man würde sie zerbersten lassen, träte man auf sie. Sogar der Bambus war steif und hart, die Blätter an den dürren Zweigen raschelten nicht in der zärtlichen Flaute.

Als habe man einen transparenten Guss über den Garten ausgeschüttet, der nun hart geworden war und alles so festhielt, wie die Natur es gemalt und behauen hatte. Von unsichtbaren Händen eines größeren Meisters geformt. Sogar das Dach des Sô (3), wie der lebendige Karpfen, glänzte mit einem Lack aus überfrorener Feuchtigkeit wie hochpoliertes Silber.

Die tiefe Ruhe streichelte die Ohren. Kein Vogel sang, kein Strauch regte sich, nicht einmal der allgegenwärtige Bach schien noch rauschen zu wollen, verborgen nun unter einer Kaskade aus filigranem Eis, so vergänglich und doch dieser Tage so unbillig wie Juwelenstahl. Doch es kam nicht einen Lidschlag lang das Gefühl von Leblosigkeit auf. Es schlief nur, glücklich und zufrieden, seinen wohlverdienten Winterschlummer.

Des Gärtners einzige Aufgabe in dieser Zeit, wo all sein Werk ruhte und die Kraft in den Wurzeln träumte, war es, die schwere Kruste immer wieder aufzubrechen, dass die schillernden Fische darunter atmen konnten, und feine Rundungen, kreisförmige Ablagerungen am Kanal der wiederholten Bohrung, zeugten von seiner fleißigen Arbeit. Bald schon würde er wieder herauskommen mit der Spitzhacke und erneut ein Loch schlagen in den eisernen Panzer der Teiche oberhalb des Hauses.

Kein noch so flackernder Schein einer Kerze oder eines Lampions vertrieb den wundersamen Schein, den die schwache Sonne über den Rand des Horizontes zu werfen vermochte, wie durch einen Filter vor einer Kamera zu mattem Lichtblau gebrochen. Weder in der Küchenhütte, noch hinter den Shoji (4) des Hauptgebäudes, noch hier oben bei ihm. Das Treiben der Menschen dem Rhythmus der Natur angepasst, die lange Nacht noch nicht zurückgedrängt so kurz vor der Sonnenwende.

Klirrend kalt war es immer noch, wie seit Tagen schon, der Herbst überrannt innerhalb einer einzigen Dunkelheit, in der die letzten Blätter von den Bäumen gefallen, jedoch kein Schnee bis auf die Höhe des Anwesens gekommen war. Nur die Gipfel der Berge im Westen und Norden, allen voran die höchste Erhebung des Nantai selbst, waren gekrönt von schimmernd weißen Kappen, jetzt wie gesprenkelt mit glitzerndem Cyan, als hätte man Lapislazuli darüber ausgestreut.

Der Frost war gekommen wie ein fliegender Reiter, hatte alles in seinen starken Händen umschlossen und daraus diese Landschaft geformt, wie sie sich nun so wonnevoll präsentierte. Das Leben eingefangen wie in einem Bild, und dennoch blutvoll und beseelt, als schlage das Herz der Erde darunter. Fast hätte er laut geschnaubt und dabei seinen Tee aus dem Gefäß gestoßen, so sehr amüsierte ihn sein eigener Ausbruch an Poesie.

Das Zwielicht schien sich kaum zu ändern, während er in dem schmalen Spalt einen Schritt vor der in den Boden eingelassenen Schiebeleiste verharrte und seiner Welt bei ihrem zögerlichen Erwachen zuschaute. Es dauerte lange zu dieser Jahreszeit, bis das Tagesgestirn es schaffte, sich einen Weg in dieses Tal zu bahnen, doch er liebte das genau so, wie es war. Diese kurze Stunde, das Morgengrauen, wenn noch alles in langen Atemzügen zurückfand zu Bewusstsein, halb im Traum, halb in der Wirklichkeit, gehörte zu den schönsten eines jeden Tages. Wieso es 'Grauen' hieß, hatte er nie verstanden.

Ja, es war kalt, fürchterlich kalt, sogar für ihn, und er war nicht sicher, ob das sonst so rosige Fleisch unter den Fingernägeln nur vom dämmrigen Schimmer so blau erschien, oder ob es wirklich so klamm fror. Die Schale aus grauem Steingut, die er in beiden Händen hielt, obwohl selbst eine davon viel zu groß dafür war, dampfte ebenso nebelartig wie die Wolke aus gefrierendem Atem, die er aus dem offenen Shoji hinaus blies.

Der Duft von feinstem Jasmin in der kräftigen Mischung grünen Tees unterstützte die wärmende Wirkung, weckte Erinnerungen an vergangene Spätsommertage mit ihrer so herrlich tiefgreifenden Glut. Zusammen mit den Handstulpen, die bis auf die Mitte seiner Unterarme herunter reichten und so die Lücke zur Jacke schlossen, bewahrte er vor dem beißendsten Nagen.

Einen Atemzug nehmend bis hinunter in die Lungenspitzen, dass sich die Flügel blähten und winzigste Eiskristalle sich in den Nasenmuscheln verfingen, genoss er diese doch so unmögliche Verbrüderung von Sommer und Winter, von Hitze und Kälte, ließ es geschehen, dass eine Welle frischen Sauerstoffs sein Hirn erreichte und seinen Sinnen eine Klarheit verlieh, wie es nur ein Moment wie dieser vermochte. Für diese kurzen Minuten, diese Augenblicke in der Zeit, war jede Erinnerung rein und makellos, überwog die Freude daran jeden Schmerz.

Weil es auch schon so gewesen war im Schaukelstuhl auf der Veranda genau wie auf der Felsenzinne über dem reißenden Fluss, an Hokkaidos Küste und unter dem endlosen Sternenhimmel der Prärie, wenn das verdorrte Gras mit wippenden Ähren aus den Schneewehen hing. Momente wie dieser waren es, die auch das Unterbewusstsein so gründig in sich eingravierte, dass man sich ihrer entsann, wo alles Andere längst verblichen und welk geworden war.

Sogar eine Decke hatte er sich über die Schultern geworfen, gut eingepackt in drei Lagen Oberbekleidung von der Hadajuban (5) über den Iki (6) bis zur Keiko-gi (7), und dennoch spürte er, wie ihm die Haare im Nacken Spalier standen zwischen dem Wirbel über dem Knochen und der Oberkante der Wolle. Keiner Brise bedürfte es dafür. Jeder Luftzug hätte die Idylle zerstört, hätte den Genuss unerträglich gemacht, und er war dankbar für die absolute Windstille, auch wenn sie bedeutete, dass die Sonne heute wohl kaum den Hochnebel zu vertreiben in der Lage sein würde.

Es machte nichts. Zu tun gab es sowieso nicht viel bis gar nichts dort draußen bei diesem Wetter und in dieser Witterung. Aufträge hatte Meister Hayato keine für ihn, keine Fehde auszutragen für das Yumoto-kai (8), der Clan beschäftigt mit ganz anderen Wendungen des Lebens, schöneren, himmelhochjauchzenden. Und er wartete. Er wartete darauf wie sie alle.

Wo besser könnte man das tun als hier oben in seinem umgebauten Teehaus, diesem Refugium ganz für ihn allein, wo der Ronin (9), der Söldner des Familienoberhauptes, residieren durfte. Anders konnte man diese Ehre nicht nennen, die ihm damit zuteil wurde, und ob es einen Unterschied gemacht hätte, ihn persönlich zu binden oder mit einer Auszeichnung wie dieser zu bedenken, das wusste wohl nur sein eigenes Herz.

Sogar dieser Gedanke verdunkelte ihm nicht das Gemüt. Alles war gut. So wie es war.
Einen Schluck des erhitzten Getränkes nehmend, schloss er die Lider und labte sich an der sanften Bitterkeit und der vorsichtigen Süße darin, lehnte sich nur ganz leicht mit der rechten Schulter in den Rahmen der Fusama (10) und ließ die Augen über den Garten im Zwielicht des Morgens gleiten. Der Reif glitzerte, obwohl gar keine Lichtquelle vorhanden war, und Tautropfen waren schon vor Tagen an den Spitzen der Halme gefroren. Perlengleich. Und die Äste von Sugi (11) und Ume (12) und den wenigen Kashiwâ (13) malten verzweigte Bilder unter die Schatten der Bäume.

Kein Geräusch drang an sein feines Gehör, egal wie angestrengt er lauschte, wie er die ganze Nacht gelauscht hatte, denn an Schlaf war nicht zu denken gewesen. Ja, der Winter hatte das Tal in seinem Griff, und dennoch hatten die vergangenen Stunden eine unterschwellige Unrast innegehabt, derer er sich erinnerte, aber die er nie zuvor mit so viel Anteilnahme erlebt hatte. Sie beunruhigte nicht, sie verführte nicht einmal zu nervösem Auf und Ab eines Knies oder stetigem Schaukeln des Körpers. Aber sie war da, und sie trieb ihm ein schiefes Lächeln auf das Gesicht, die Schale noch immer unter die Nase gehalten, dass sie beinahe die Lippen berührte.

Still wie nur ein Wintermorgen auf zugefrorenem See sein konnte, bis zu diesem winzigen Ton aus anschwellendem Leben, und seine Ohren zuckten gen verzierter Deckenbalken, als wären sie mit einem Mal spitz wie die Kuki (14) des Schilfs an Chuzenjis Ufern. Ein Schub flammenden Hochgefühls entsprang irgendwo zwischen den Aufschlägen seiner indigofarbenen Kurzjacke und schoss über die Drosselgrube hinauf aufwärts, wie er innehielt und schluckte, dass ihm der Adamsapfel an den Mundboden stieß. Das Lächeln wurde augenblicklich breiter und verschwamm in einem Ausatmer, der auch seine eigene Ruhe durchbrach.

Erstaunlich, wie symbiotisch sich ein weiterer Schluck hellgelben Jasmintees damit vermengte, wie gut beides zusammen tat. Er brummte sich in den Bart und die weiche Wolle um die eigenen Schultern, wie er das genoss und sein Gewicht noch ein wenig mehr auf die tragenden Stützen seines Häuschens verlagerte. So war es also wieder geschehen, wie damals schon, als er hier gewesen war, so viele Jahre her und dennoch, als wäre es erst gestern gewesen. Die klingenden Glocken von Zukunft, von neuer Hoffnung, Willkommensgruß einer kleinen Seele, in diese Welt eingetreten.

Er blieb, wo er war, sinnend, denkend, nur einmal mehr begreifend in all dieser Komplexität und den Erfahrungen vieler eigener Jahre, Jahrzehnte, wie groß das Geschenk wirklich war. So viel zu sehen, zu erleben, zu durchleben und immer wieder daraus hervor zu gehen, heil und frisch und unversehrt, wie der goldene Vogel auf den Giebeln von Meister Oguns Haus auf den Klippen am rauschenden Ochotskischen Meer. Hinotori (15). Aus der Asche geboren.

Dennoch fasste er nicht einen klaren Gedanken dabei, kleidete nichts davon in Worte, die sowieso viel zu klein und unbedeutend waren. Nur das Gefühl ließ er sprechen, die Emotionen, die dabei aufwallten und sich so viel klarer ausdrückten, die abebbten und wieder anbrandeten wie die See, als er sie zum allerersten Mal an seinen Füßen gespürt hatte am Strand des Barkley-Sund.

Milchig, doch nicht trüb, nahm das Licht zu, ließ die Konturen schärfer werden von Strauch und Baum und Fels und Steinlaterne, die dunklen Flächen Wälder werden und Planken aus Holz und das eingeschnittene Bett des so winterlich verstummten Baches. Und da war er, der erste Vogel dieses Tages, wie könnte es anders sein – Uguisu(16) – flatternd und mit kräftigen Flügeln schlagend ließ er sich auf dem Rand der Schüssel nieder, in der der Meister ihm und seinen Genossen Körner hinstellte.

Ein himmlischer Morgen. Als habe sich das Tor aufgetan zur Ewigkeit und sie sei hinabgestiegen, um einer Kaiserin zu huldigen. Die Stunden des Drachen, fiel es ihm ein, ohne dass er eine mechanische Uhr bei sich hatte hier oben, und er lächelte erneut und nickte sich selbst zu, als führe er ein Gespräch, der damals so junge, ungestüme Kohlenheizer mit dem gereiften Bushi? Oder der Meister selbst mit seinem Schüler? Nein. Der Mountain Man in der Wildnis der Freiheit und der dichtende Samurai.

Trappelnde Füße ließen ihn nicht einmal aufhorchen, stand er nur da mit der fast leeren, henkellosen Tasse, die glimmende Hitze des Ofens im Rücken, auf der noch die Kanne stand, die kitzelnd trockene Kälte seine komplette Vorderseite berührend. Das Shoji dort unten wurde aufgestoßen, weit genug, dass ein Mensch heraus treten konnte, und sofort erschien die schlanke, schlacksige Gestalt eines wohlbekannten Umrisses darin.

Nur in seinen alltäglichen Kimono gekleidet, warme Tabi (17) übergestreift, schlüpfte der Diener in bereit stehende Geta (18), gänzlich ungeeignet für dieses Wetter, aber für den kurzen Ausflug, den er zu tun gedachte, ausreichend. Er quietschte dennoch, wie ihn der klirrende Frost traf, und der Beobachter am Hang über ihm musste fast lachen. So sehr er, dieses Verhalten, beinahe ein bisschen mädchenhaft, wie er mit seinen wachen Augen und dem langsam ergrauenden Haar auf die Terrasse glitt und sich mit beiden Ärmeln die Seiten warm klopfte.

Von dort unten konnte er ihn nicht sehen, wenn keine Lampe brannte, dunkel das Cha-niwa (19) in seinen Tönen aus Braun und Grün gänzlich mit der Flora verschmelzend, erst recht in dieser Dämmerung. Den Weg jedoch kennend wie die Schösse seines eigenen Gewandes, brauchte der Bedienstete nur mit halb zusammengekniffenen Augen den Anfang finden, die erste Stufe zwischen den Pflanzungen, und schon eilte er halb schlitternd, halb rennend mit gerafftem Rock über den hölzernen Podest, dass die Sandalen nur so donnerten und der Buschsänger mit lautem Protest davon flog.

Er rührte sich nicht im Schatten hinter dem halb offenen Fusama, schaute ihm nur zu, wie er geschickt und rasch die Treppe aus in den Hang getriebenen Felsblöcken und Planken erklomm, konzentriert und trotzdem schon voraus denkend. „Sensei (20)!“ rief er hinauf, um den Herrn zu wecken, um ihn nach Möglichkeit nicht in privater Situation anzutreffen, wusste er doch, dass der Ronin seines Daimyô (21) in diesem einen Raum auch schlief. „Soru jâ (22), seid Ihr da?“

Ohne Fehlzutreten, nur kurz in die Knie gehend, um die etwas zu hoch geratene Stufe direkt unter dem Wandelgang zu nehmen, erreichte der Diener das Häuschen unter dem Felsvorsprung, der das Plateau gen Gipfel abschloss, und aufschauend, hätte er sich fast ein wenig erschrocken. Stumm und unbeweglich wie der Stamm einer kräftigen Zeder verharrte der Hakujin (23) in der heimeligen Dunkelheit seiner Heimstatt, irgendwo hinter ihm nur das leise Knistern, das sachte Glühen eines Feuers.

Trotz der Kälte schimmerte Schweiß auf der Stirn des gedienten Mannes, der nun von dort unten zu ihm aufschauen musste, von der Anstrengung des Aufstiegs, aber auch von der Hektik der vergangenen Stunden unten im Sô, und vielleicht ein winziges Bisschen von der hehren Ehrfurcht, die ihm der Krieger immer wieder einflößte, auch ohne ihn so einschüchtern zu müssen mit seiner eindrucksvollen Gestalt und der aufrechten Haltung. „Sensei, da seid Ihr,“ halb fragte er, halb stellte er fest, und das Schlucken darin war deutlich zu hören.

Die Schale noch immer in beiden Händen, nickte er ihm zu, ein zurückhaltendes Lächeln auf den Lippen. „Renjiro,“ sagte er im gleichen Tonfall, nur eine Andeutung von Hebung in der letzten Silbe. Augenblicklich fiel der Schauer von dem Diener des Hauses ab, und er strahlte förmlich, dass es im Zwielicht leuchtete. „Es ist soweit!“ verkündete er wie ein Herold einen Sieg vorbrachte, und dabei reckte er die Brust, als habe er selbst dieses Wunder bewerkstelligt.

Der Bushi (24) musste nur noch mehr lächeln, dass es bis zu seinen Augen drang und drei feine, horizontale Fältchen gen Schläfen zogen wie Abbilder seiner verborgenen Waffen. Erneut nickte er, dieses Mal gewichtig und anerkennend, mit keiner Geste verlauten lassend, dass er längst davon in Kenntnis war. Doch das allein war nicht der Grund, wieso Okamura Renjiro zu ihm herausgelaufen war in den eisigen Winterfrost dieses Jûnigatsu (25).

Sich mit einem Mal daran erinnernd, welchen Auftrag er hatte, sog er scharf Luft durch die Zähne ein und wandte sich bereits wieder dem steilen Abhang zu, mit der linken seinen Kimono zusammen sammelnd, um nicht darüber zu stolpern. Die Rechte jedoch hob er hoch und vollführte damit eine ziehende Bewegung, so als greife er nach der Leine einer angepflockten Ziege. „Kommt!“ forderte er dazu auf, sich gerade noch so fangend, als er bemerkte, wie unziemlich seine Wortwahl ausgefallen war in der Aufruhr.

„Kommt, bitte, Meister! Kommt!“ korrigierte er sich und verbeugte sich halb im Laufen, um sich dafür zu entschuldigen, hüpfte die soeben erst mühsam erklommene Felskante wieder hinunter und blieb stehen, um auf den Krieger zu warten. „Hasha (26) Hayato-sama (27) will Euch sehen!“

Mit der Schale an den Lippen, schon zum Schluck angesetzt, stutzte er nun doch und hielt inne, die Brauen ineinander schiebend. Der Herr wollte ihn sehen? Jetzt? Das war unerwartet, das hatte er nicht vorhergesehen. Der Familie vorbehalten war diese Zeit, für mindestens sechs Tage hatte er nicht gedacht, überhaupt wieder ins Haus oder in dessen Nähe gerufen zu werden, bis zum Fest der Namensgebung. So wie auch damals, als die Hayabusa (28) dröhnend gen China geflogen waren.

Renjiro nach dem Grund zu fragen, war sinnlos, wusste der Diener es sicherlich selbst nicht, denn Hayato hätte es ihm nicht gesagt. Das brauchte er auch nicht, denn sein Knecht, in fast gleichem Alter und mit ihm aufgewachsen, führte jede seiner Bitten aus, ohne sie anzuzweifeln. Und darin war er nicht allein. Die Grübelei daran verwerfend, zuckte der Söldner mit den Schultern, erst leicht nur als Zeichen dafür, dann erneut schwungvoller, um die Decke von sich herunter zu befördern.

Mit geschürzten Lippen stellte er die Teetasse beiseite auf das winzige Schränkchen mit seinen Zeichen- und Schnitzutensilien gleich neben dem Seiteneingang zu seinem Heim, trat aus dem Berg aus Wolle heraus, der nun um seine Füße auf den Tatami29 lag, und schritt über die Schwelle auf den Wandelgang. Ebenfalls in Tabi und Geta folgte er dem Diener, und Renjiro sprang voraus wie eine Gämse im Gebirge, ihn immer noch zu sich winkend. „Kommt, Meister, kommt!“

Ohne zurückzuschauen, schloss er das Shoji mit einer Hand, um die wundersame Wärme des Ofens drinnen zu behalten, seine Augen das wenige Licht nutzend, das in der Mulde zwischen Haupthaus und Cha-niwa verschluckt wurde vom dichten Bewuchs. Unter Renjiros ermunternden Rufen erreichte er rasch die Veranda, wo nun zwei Paar Holzsandalen trommelnde Geräusche verursachten, ehe sie am Eintritt zurückgelassen wurden.

Drinnen war es warm, fast zu warm, und die sanfte Helligkeit von Papierlampions und Öllampen schlug ihm entgegen, wie er in den Flur trat und auch hier die Fusama zuzog. Gut geheizt hatte man über Nacht, vor allem von hier aus, die sonst immer geschäftige Anrichte zu seiner Linken liegen lassend, wo der Ofen noch immer polterte und abströmendes Gas von verbrennenden Scheiten leise zischte. Er spürte Schweißperlen aus seinen Poren schießen und an Haaransatz und Brustbein rasch zusammenlaufen.

Auch jetzt war es nicht so herrlich still und friedlich im Haus wie es draußen gewesen war, Lichter und herumwuselnde Menschen ihr Übriges zu der Hitze beitragend, doch versuchte jeder Einzelne, vom Koch zum Hausmädchen, sich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Dabei versagten sie kläglich, verursachte doch jede Bewegung einen Luftzug und ein Knarzen auf den Bohlenbrettern unter den Reismatten und auf der Treppe nach oben. Ein Bienenstock, von außen nicht zu erkennen.

Nun stumm, höchstens flüsternd durch zusammen gepresste Zähne, fuhr Renjiro fort mit seinem Bitten, fast ein bisschen lächerlich, und auf Zehenspitzen schlich er durch das Schreibzimmer in den vorderen Bereich des Sô und um die Ecke, wo das große Foyer die Lebensbereiche trennte. Der Krieger folgte ihm einfach, einen Fuß vor den anderen setzend, aber auf keinen Fall so übersorgfältig vorsichtig wie er.

Diese Schwelle jedoch überschritt niemand. Nicht der Torwächter, der sonst hier seinen täglichen Dienst versah, nicht Aki, die ihrer Herrin aufwartete, keiner der zahlreichen Dienerschaft des Hauses Yashida. Ein wallender, dunkler Vorhang war zugezogen worden zwischen dem Atrium des Sô und den weiten Räumlichkeiten an seiner Nordseite, wo sonst Gäste empfangen wurden und die Kobune (30) zusammenkamen zu Beratungen. Denn hier war am meisten Platz.

Ob er wollte oder nicht, gegen eingetrichterte Disziplin, ob unverhohlener Neugier, seine Ohren richteten sich nach vorn aus, und ein leises Durcheinander von Stimmen und Schritten drang an sein Bewusstsein, so schwer einzuordnen wie in einem Kampfgetümmel.

Das lauteste Organ von allen, überschwänglich und fast schon überschlagend, das war der junge Vater selbst, so viel Zurückhaltung zeigend wie immer, und er hätte schwören können, bereits hier den süßlich stechenden Duft von Ume an ihm wahrnehmen zu können. Unwillkürlich schnaubte er davon, das aus seiner Nase zu vertreiben.

Ihr besorgtes, unruhiges Wispern konnte von den beschwichtigenden Ausführungen der Sanba (31) kaum in Zaum gehalten werden, und auch Meister Hayatos so sanfte Gebieterstimme schaffte es nicht. Sonst war niemand dort, kein weiteres Mitglied des Clans oder des Gesindes, und diese Tatsache ließ ihn einen Moment zögern und auf den Tatami regelrecht festfrieren, wie ihm ein Schuss Widerwillen in alle Glieder fuhr. Nein, das ging nicht, er konnte doch nicht dahinein gehen!

Aber Renjiro ließ keinen Zweifel daran, dass er genau das tun sollte, huschte hinüber bis an den Rahmen und griff bereits nach dem Ende des Vorhangs, noch immer halb zurück gewandt und ihn mit den Fingern über den Boden zu sich heran wischend. „Kommt!“ raunte er noch einmal dabei und duckte sich zu einem Nicken. Mit zusammen gepressten Kiefern, dass die Zähne knirschten, trat sein Begleiter auf ihn zu.

Die Zehenspitzen im dunklen Stoff seiner Tabi berührten nicht einmal die Schwelle, wie Renjiro seinen Kopf so geschickt durch den Vorhang steckte, dass nicht einmal das Licht der Lampions von drinnen nach draußen drang. „Shishû (32)!“ sagte er, fast flüsternd, aber dennoch laut genug, um gehört zu werden, und augenblicklich verstummte zumindest Hayatos Stimme im Innern, während Shingen noch immer sang und die beiden Frauen ihr leises Gespräch fortsetzten. „Herr, er ist jetzt da!“ bestätigte Renjiro, dass sein Auftrag ausgeführt war, und mit zwei, drei langen Schritten war der Oyabun (33) bei ihnen.

Hayato war so schnell, sein Ronin konnte gar nicht reagieren oder sich gar zurückziehen, hätte er diese Unflätigkeit zustande bringen wollen. Mit hochrotem Kopf, fast so heiß glühend wie damals beim Anblick der rauchenden Schlote und bröckelnden Trümmer, griff er hastig durch den Vorhang hindurch, als habe er einen Röntgenblick und wüsste genau, wo sein so ungewöhnlicher Freund stehen musste. Ihn beinahe ungebührlich an den Aufschlägen seiner Ärmel packend, zog er an ihm und den ganzen Mann in den repräsentativen Raum hinein.

„Kiyoshi-san (34)!“ nannte er ihn beim Namen, ein Ausruf und ein Seufzer gleichermaßen, und er stolperte ihm fast entgegen, so unerwartet kam diese Heftigkeit. „Kinasai (35), Kiyoshi, kinasai!“ Ja ja, er kam ja schon, aber was zum Teufel sollte das Theater? Er konnte kaum die Augen heben aus Angst, viel zu viel zu sehen zu bekommen, diesen so überaus privaten Moment der Familie zu stören oder gar schlimmer. Doch Hayato scherte sich nicht darum, er beförderte ihn einfach mitten hinein, und Renjiro blieb draußen im Foyer.

Nur durch die eigenen, in die Stirn hängenden Haarspitzen konnte er wahrnehmen, dass es gefahrlos war, denn ein Paravent aus dichtem, grobem Reispapier war als Raumteiler mitten in das Zimmer gestellt worden, und nur schemenhaft konnte er dahinter erkennen, wo Yashida Haruka auf ihrer Lagerstatt lag, die Hebamme neben ihr hockend und weiter leise auf sie einredend, während der Vater irgendwo am anderen Ende des Hauses wie ein Nô (36)-Schauspieler tänzelte. Er hob den Blick und spürte dennoch die heiße Röte, die ihm in die Wangen schoss. Er gehörte nicht hierher.

Welch Mischung da auf Hayatos Augäpfeln schimmerte! Es war die gleiche Panik, ein Anflug von zerschmetterndem Schmerz wie in der Zerstörung des Hafens, die selbe selige Verzückung wie beim Anblick des Jungen in seinem Bettchen, die Erkenntnis von Vergänglichkeit und die reine Kraft des Lebens im selben Atemzug, die nur dieser eine Moment in einem Menschenherz entzünden konnte. Für einen Augenblick zersprang etwas in ihm, eine Kugel wie ein Souvenir, und ein heißes Sehnen floss daraus hervor wie Lava aus einem Vulkankegel. Weil er dieses Glück auch spüren wollte.

Er schluckte es herunter, genau wie er den Gedanken zurückdrängte, der sich irgendwo zwischen seinen Ohren meldete und glockenhell lachen wollte. Sie sind doch nicht anders als du, sie schäumen genauso über vor Liebe und Leidenschaft wie deine westliche Seele.

„Kiyoshi, no yûjin (37),“ stammelte der älter werdende Mann förmlich, noch immer beide Hände an den Ärmeln der Keiko-gi, die krisp und kalt war vom Frost, doch weiter kam er nicht mit seiner vorbereiteten Rede. Zurück von seinem kleinen Ausflug an das nördliche Shoji, noch immer eine Schale mit Sake (38) in der einen, deren Inhalt er bereits halbwegs über die Reisstrohmatten verteilt hatte, entdeckte der frisch gebackene Vater diese so merkwürdige und ihm so aufstoßende Szene am Eingang zum Speisesaal. „Ha!“ rief er aus, und Haruka gab ein viel zu offensichtliches Wimmern von sich.

„Da ist er ja, der großartige Bushi, sieh her!“ lachte Yashida Shingen, Hayatos einziger Sohn, und nun war es mehr als offensichtlich, dass seine Trunkenheit nicht allein von der wunderbaren Nachricht dieses Morgens kam. Offenbar hatte er sich die langen Stunden der Nacht mit reichlich Wein versüßt und verkürzt, und nun, wo er nüchtern und bei sich sein sollte, konnte er diesen Zustand nicht erreichen. Die schneidende Bemerkung in seiner Ansprache blieb niemandem verborgen.

Ungelenk angesichts von vergorenem Obst und Getreide in den Adern, stapfte er viel zu schnell in Richtung seines Vaters und dessen Freundes, überlegte es sich noch einmal anders, bevor er an dem Paravent vorbei schlüpfte, und hob einen Finger wie zur Mahnung, Aufmerksamkeit einfordernd, die er auch so schon genug hatte. „Schau her, Kiyoshi, schau!“ verlangte er förmlich, und ob er es beabsichtigte oder nicht, es lag ein unbändiger Stolz in diesen Worten, der nur nebenbei den alten Neid überdecken sollte. Sogar er konnte nicht anders, sogar er nicht.

Noch ehe Hayato ihn schellten konnte, schneller als Kiyoshi selbst ihn irgendwie davon abzuhalten vermochte, beugte sich Shingen über das errichtete Lager, gab der Hebamme einen Stoß, dass sie ihm den Weg frei mache und griff als drohender Schatten hinter dem Washi (39) in die Arme seiner Frau. Augenblicklich stieß Haruka einen Schrei des Protestes aus, der noch im Abebben jammernd zu Gehorsam verklang, doch da hatte er das Bündel schon aufgehoben und war aus dem Schutz der beweglichen Wand herausgetreten.

„Dômo (40)!“ präsentierte er lautstark. „Wir haben ein Mädchen!“ Und damit schob er das Kind regelrecht in die Arme des Mannes, den er stets als Rivalen betrachtet hatte vom Tag seiner eigenen Geburt an. Alles, was Kiyoshi übrig blieb, war, das Ungestüm des Fukayoi (41) abzufedern und das winzige Wesen in Unterarm und Hand aufzufangen, so federleicht wie ein Kirschblütenblatt und so zärtlich und kräftig zugleich, wie es nur die Hände eines Schwertkünstlers konnten.

Ihm stockte der Atem davon und das Herz setzte aus, so erschrocken über diesen Bruch der Tradition war er, so bald stürzte das Gefühl in Entsetzen über diese Unachtsamkeit einem Neugeborenen gegenüber, und während Hayato noch sein tadelndes „Shingen!“ brüllte, was er nicht im Geringsten mitbekam, überschlug es sich zu eben diesem erhebenden Seufzen der Seele, wie es nur Kinder zaubern konnten. Denn so klein sie auch war, so warm und lebendig schlug ihr Puls in gleichmäßigem Takt, und sie wehrte sich nicht mal, sondern reckte nur kurz ihre winzigen Fäuste und gähnte, als habe sie nichts von alldem berührt, was gerade mit ihr geschehen war.

Harukas Jammern wurde ein erneuter spitzer Aufschrei, und dieses Mal ließ sie sich nicht einfach über den Mund fahren, ihr Ehemann weit genug weg, um sie nicht sofort zu erreichen. Wie konnte er nur? Was tat er da bloß? „Du kannst sie doch nicht diesem,“ sie fand die richtigen Worte nicht, ihr Gesicht verborgen hinter dem Raumteiler, „diesem Yaro (42) in die Hände geben!“ begehrte sie auf, halb kreischend, halb gepresst, dass eben dieser Barbar sie nicht hören würde, auch wenn es ihr egal hätte sein sollen. Er wusste es, das musste er nicht sagen, das musste er nicht zeigen, was sie von ihm hielt. Er hörte sie nicht. Und nie mehr.

Weil sein Herzschlag sich dem anpasste, der gegen sein Handgelenk wummerte, als wolle er bereits jetzt die Verbindung bestätigen, die von den Göttern geschmiedet worden war. Weil ein weicher Schopf aus dunklem Haar sich gegen die Sehnen in seinem Unterarm schmiegte, wie das Mädchen sich zurecht rutschte auf ihrem gemütlichen Bettchen aus derbem Baumwollstoff und rauen Fingern. Weil ihre Wimpern tiefbraun und schon jetzt so endlos lang und fein waren, dass jedes Zucken ihrer Lider einem Augenaufschlag gleichkam.

Das grölende Lachen ihres Vaters drang nicht zu ihm vor, und auch nicht zu ihren kleinen Ohren, gut geschützt von seinen Rippen und den starken Muskeln seiner Fingerbeuger. „Wieso nicht, kono ama (43)?“ spotzte Shingen scharfzüngig und setzte die Schale an, in der nur noch wenige Tropfen Sake schwammen. „Sie passt doch genau in nur eine davon!“

Die Zweite hob er so vorsichtig hoch an das zarte Gesichtchen wie er nur konnte, wollte sie nicht wecken in ihrem erschöpften Schlummer nach der Anstrengung ihrer Geburt, und nur mit den Rücken der äußersten Fingerspitzen berührte er die runde Wange, dass sie sich gleich dagegen stemmte. Habutae (44), so weich, nur schöner, denn sie war nicht kühl wie die Seide, sondern rosig von vornehmem Blut. Winzige Härchen, so hell wie goldener Zwirn, verdrehten sich mit den groben Haaren seiner Hände.

Er konnte das nicht beschreiben, diese Reflexion dessen, was er in Hayatos Augen gefunden hatte, wenige Minuten zuvor. Es war ihm, als könne er schon ihr ganzes Leben vor sich sehen, obwohl sie gerade einmal vor einer halben Stunde das dämmrige Licht dieser Welt erblickt hatte, und darin lag so viel unbändige Hoffnung und Freude einfach nur am Atmen, dass es jeden Winkel der Seele genauso ausfüllte wie den Körper bis in die Zehen und die Spitzen der Ohren hinauf. Mehr als nur Instinkt. Der Beweis dafür, dass ein Mensch mehr war als bloß Impuls und Fleisch und Reflex des Tieres. Auch jemand wie er.

Sie öffnete die Augen, langsam und bedächtig, so als müsse sie erst üben, wie das ging, und sich vorsichtig an das weiche Licht der Lampions gewöhnen. Schon jetzt, noch verschont von grellem Blenden, war die Iris so dunkelbraun wie Kohle, wie  Maronen, fast schwarz um die kleinen Pupillen, und sie konnte noch gar nichts richtig anfangen mit dem, was sie wahrnahm. Schemen und Umrisse, und einer davon war er.

Wie eine Welle rollte das aus, dieses erhebende Ziehen in der Brust, und er schnaufte leise, sie nicht zu erschrecken. Das Hüpfen des Zwerchfelles musste sie dennoch spüren, aber sie zog kaum ein kleines Bein an und rollte sich in dessen Richtung. „Hey, Prinzessin,“ hieß er sie willkommen, und er merkte nicht einmal, dass er nicht Japanisch gesprochen hatte.

Jemand anders hatte, diese seltsamen zwei Wörter nicht gewohnt, aber doch verstehend, und in diesem Sud aus Abschätzigkeit und Belustigung spuckte Shingen regelrecht vor Lachen. „Hast du gehört?“ johlte er und vollführte einen Sprung, der ihn fast straucheln ließ. „Purinsesu (45) hat er sie genannt, hast du gehört? Purinsesu!“ Und er schlug sich eine Hand vor das Gesicht, um sich den Titel auf der Zunge zergehen zu lassen.

Die Nähe des Freundes mehr spürend als ihn wirklich zu sehen, hob er den Blick und sah ihn an, kurz nur, bevor er sich wieder dem Bündel in seinem Arm widmete, kaum in der Lage, sich davon loszureißen. „Kanojo wa samuzora no yô ni utsukushii (46), Hayato-san,“ raunte er so leise, sein brummender Bass ließ die Wörter fast untergehen. „Ich gratuliere.“ Und beinahe gleichzeitig verbeugten sie sich voreinander, sacht und doch deutlich, der eine aus ehrfürchtigem Staunen und echtem Mitgefühl, der andere aus verlegener Unbescheidenheit, wie Yashida Hayato, der Oyabun des Yumoto-kai, lächelte voller Stolz und Glück.

„Arrigatô (47), yûjin,“ flüsterte er zurück und zwinkerte regelrecht, wie er es nur an den GIs gesehen hatte, wie diesem hier, als sie Feinde gewesen waren und dennoch in tiefer Freundschaft verbunden, die über den Krieg hinaus gegangen war und ihn unter sich zurückgelassen hatte wie ein graugesichtiger Bussard das Land, wenn er seine hohen Kreise zog.

Noch immer in dieser abartigen Hochstimmung, die das Gift des Alkohols verstärkte, getrunken um das Glücksgefühl er ertränken, das trotz der Scham in ihm hochgekommen war, das er sich verbieten wollte in strenger Moral, tanzte Shingen durch den Raum, sich drehend wie eine zu kräftig gebaute Ballerina. Dabei sang er, bitterlich und dennoch unfähig, das Schicksal zu verfluchen oder diese bereits so stark verflochtenen Bande zu ihr zu kappen. „Ein Mädchen!“ lachte er. „Ein Mädchen!“ Kein Erbe.

Hayato war es ganz egal, das konnte Kiyoshi in jedem Zug seines Gesichtes sehen, wie er ihn aus dem Augenwinkel beobachtete, gemeinsam dem Kind beim Schlafen zuschauend. Seine Haltung, offen und zugewandt, der feine Film aus Tränenwasser und die Zärtlichkeit in seinem Lächeln, die verrieten es. Er betrachtete sie als Souryo (48), als Erstgeborenes, als das Kind, das den Namen der Familie weiter tragen würde, unabhängig von ihrem Geschlecht. Und kein Junge, der nach ihr kommen mochte, würde ihr diesen Rang streitig machen.

Eine neue Chance. Bessere Karten. Glücklicheres Würfelspiel. Sich selbst wiederfinden in diesem Kind, nicht so wie zuvor. Sein rascher Blick nach vorn, das Erröten der Peinlichkeit, das ihm dabei durch das Gesicht schoss und wieder verschwand, das brauchte Kiyoshi nicht zu sehen, um es zu verstehen.
Shingen blieb stehen, so gut er das vermochte in seinem Zustand, Harukas Wispern selbst für die gewöhnlichen Ohren ihres Schwiegervaters klar zu vernehmen hinter dem Paravent, wie sie um Verzeihung bat für diesen vermeintlichen Fehl, ihr persönliches Versagen. Für einen Augenblick trat eine steile Falte aus Zorn zwischen die Brauen des frischgebackenen Vaters, und beide Männer in dem künstlich geschaffenen Vorraum spannten sich an, dass selbst der Säugling den Atem anhielt.

Er tat es nicht. Nein, im Gegenteil, seine Miene hellte sich auf, so urplötzlich wie sie sich verzerrt hatte, und dieses Mal war keine Boshaftigkeit darin, kein Ärger und kein Quäntchen Unglück. Warum er es zuließ, einfach nur froh zu sein, stolz und zufrieden ob der bereits jetzt überwältigenden Schönheit seiner Tochter, das wusste Yashida Shingen vermutlich nicht einmal selbst. „Oya (49)! Es werden noch viele kommen!“ wischte er beiseite und glaubte daran, und dann scheuchte er die Hebamme davon, um seine Frau endlich zu umarmen und zu küssen.

Kopfschüttelnd kam die Sanba hervor hinter dem Reispapier, leise zu sich selbst murmelnd und mit so deutlich wütendem Unverständnis im Gesicht, wie es einer Japanerin nur zu zeigen möglich war. Mannsvolk! Sich so aufzuführen an einem Tag wie diesem, vor den Augen von Mutter und Kind! Und dann noch das! Ohne auch nur darum zu bitten oder ihn anzusprechen, streckte sie ihre Hände aus und klaubte das Mädchen aus den Armen des breitschultrigen Gaijins (50), des ersten, den sie je zu Gesicht bekommen hatte, und dabei schimpfte sie immer noch tonlos vor sich hin.

Kiyoshi wehrte sich nicht, ließ es einfach geschehen, auch wenn der Unwillen übermächtig groß war und er die viel zu rasch verfliegende Wärme des winzigen Körpers auf seinen Armen schon vermisste, ehe Frau und Säugling wieder hinter dem Paravent verschwunden waren.

Er hatte keine Zeit, damit zu kämpfen, diesem so vertrauten, aber doch so lang nicht mehr empfundenen Schmerz, der so sehr riss und doch gleichsam so unendlich herrlich war, auf einen Sockel stellte, wie es nur einem Soldaten zu Ehren gereichen konnte. Dafür war er nicht hergerufen worden, wenn auch Hayato sicher war, dass es seinem Anliegen helfen würde, das Kind gehalten zu haben. „Kiyoshi-san!“ bat er ihn nur erneut und berührte seinen Ellbogen, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen.

Einander so zu berühren, das war nicht ziemlich, das tat man nicht, nicht einmal unter so engen Freunden, nicht hier in Nippon (51). Doch Kiyoshi, so sehr er auch in diesem Namen aufging und der Persönlichkeit, die er darstellte, war nicht von hier. Ihn konnte er anfassen, ohne ihn von sich wegzustoßen, Hayato wusste das, und so zog er leicht an ihm und drängte ihn fort von dieser Szene, vor allem jedoch von seinem trunkenen Sohn.

Rückwärts durch den Vorhang und hinaus in das Foyer trat der Bushi zuerst, dicht gefolgt vom Oyabun, und sobald die Sicht versperrt war, richtete er auch seine Augen auf ihn. Der Ausdruck ließ ihn sogleich die Brauen ineinander schieben, ernst und angespannt, wie er das unverhohlene Flehen darin erkannte. Was nur konnte Yashida Hayato so wichtig sein, dass er sich eine solche Blöße gab?

Renjiro war noch da. Er stand am Treppenaufgang, stumm, und wartete, und er sah sofort auf, wie sein Herr und der Söldner in den Flur traten und ihn nicht einmal zu bemerken schienen. Wie ein Standbild, eine Statue, ein Gegenstand, der zur Einrichtung gehörte, so wie es dem Diener geziemte, doch er konnte nicht umhin, sie anzustarren aus großen, wässrigen Augen, denn auch er entdeckte die Hand am Ellbogen und das Springen des Kehlkopfes.

„Ich muss dich bitten,“ betonte Hayato seine Not, die ihn so früh, so gleich nach ihrer Geburt, dazu drängte, dass er selbst die sechs Tage nicht einhalten konnte, und er ließ nicht zu, dass Kiyoshi auch nur eine Frage dazwischen warf. Nur den Kopf schütteln konnte der Fremde. „Mein Chakushi (52) wird es nicht wollen, aber noch bin ich hier der Oyabun!“ Und für einen Moment ballte er zornig die Faust und schien durch seinen eigenen Kopf hindurch hinter sich zu sehen, wo Shingen noch immer viel zu laut sang.

Nur noch mehr verdichteten sich die dunklen Streifen über Kiyoshis Augen, beunruhigt und aufmerksam zuhörend. „Sie muss beschützt werden,“ wisperte der Großvater. „Wenn er so weiter macht, muss sie beschützt werden.“ Und er brauchte nicht zu sagen, wovon er sprach, was er meinte. Die Provokationen, die offenen Brüskierungen, Herausforderungen, die der junge Keishi (53) nicht unterließ, egal wie oft er geschollten oder gar bestraft wurde dafür. Weil er seine eigenen Ziele verfolgte.

So fest presste sein Gegenüber die Zähne aufeinander, dass die Muskulatur an seinem Kiefer heraustrat, und Kiyoshi spiegelte diese Mimik wider. „Nicht jeder Bushi hat Ehre im Leib,“ musste Hayato ihn nicht daran erinnern, dass es Feinde gab, die auch vor Kindsmord nicht zurückschreckten. Noch bevor er es ausgesprochen hatte, noch ehe das Anliegen des Daimyô auf den Tisch gelegt worden war, bäumte sich etwas tief in ihm drin so sehr auf, erhob sich die so altbekannte Kreatur in ihm, die Hayato hatte hervorholen wollen. Nein, niemand würde ihr weh tun, niemand. Und wenn er die in Stücke schneiden musste, die es versuchen wollten.

Wieder anwesend, im Hier und Jetzt, die vergessend, an die er bei diesen Worten gedacht hatte, packte der Oyabun nun beide Unterarme streckseitig, dass sich seine Finger in Stoff und Muskel klammerten, ihn von unten her anschauend, fast starrend. „Ich will, dass du ihr niemals von der Seite weichst, yûjin, hörst du mich?“ Seine Augen waren noch immer erfüllt von Gebet dabei, gleichzeitig so hart wie spröde Bronze, wie die Farbe derer, die in seine schauten.

„Sei ihr Hanpei (54), beschütze sie mit deinem Leben, so wie du mich beschützt hast!“ Für einen Augenblick standen sie nicht im Foyer des winterlichen Sô an den Hängen des Nantai, für diesen Herzschlag war es der Boden eines tiefen Brunnens, und ihre Verbundenheit war wieder genauso stark wie das atomare Feuer, das über sie hinweg rollte und versengend die Narbe in Hayatos Wange brannte und keine Spur hinterließ in Kiyoshis unversehrtem Sein. Unauslöschlich verschmolzen durch diese Tat.

Der Krieger sagte kein Wort, jede Faser in seinem Gesicht gespannt, zu lebendem, zuckendem Stein geworden jeder Zug, wie er sich nun auch an den Armen des Freundes festhielt und seinen Blick erwiderte. Als wäre es noch nicht genug, ihn daran zu erinnern, nicht eine Sekunde lang zögernd, ob es nicht zu viel sein würde, offenbarte Hayato die existenzielle Gram, die ihm der Gedanke bereitete, seine Enkelin zu verlieren. Sein Gesicht, seine Reputation, seine Ehre, vergaß er nicht nur versehentlich, sondern mit voller Absicht: „Ich bitte dich, ich flehe dich an, Kuzuri (55)!“

Als hätte er – wie die Götter selbst – einen Blitz auf ihn geschleudert mit diesem Wort, flammte Alarm in den Augen des Gaijin auf, dessen Pranken nur noch fester seine Arme packten, und er sog so scharf Luft durch die Nase ein, dass es schnalzte. Für Bruchteile eines Herzschlags hatte Hayato Angst, er habe wirklich zu viel gesagt, und das, was er diesen Mann erinnert hatte, würde ihn schlagen mit all der Kraft, die ihm innewohnte. Doch er spannte sich nur an, um seine Umgebung abzutasten, Renjiro zu finden am Fuß der Treppe und ihn für zwei Atemzüge lang mit diesem Blick zu bedenken, der ein Todesurteil sein mochte.

Der Diener stand stocksteif, unfähig, seine Augen von den Herren zu nehmen, denen er sich so verpflichtet fühlte, und er betete, er versuchte es, seinem Herzen zu befehlen, das Schlagen einzustellen, damit das Tier ihn nicht als das erkannte, was er war. Ein lebender Mensch, der gehört hatte, der nicht verstand, doch längst die Gedanken rasend im Kopf zu begreifen suchte. Und wenn er das täte, würde es ihn töten.

Er ließ ihn. Weil er wusste, wieso Hayato das getan hatte. Kein Wort der Erklärung vom Oyabun, es stand ihm ins Gesicht geschrieben. Wenn er selbst dieses Geheimnis, wohl behütet seit jeher, seit damals, zurückstellte hinter sein Flehen, so musste er doch verstehen, wie viel es ihm bedeutete. Nicht wahr? Und Kiyoshi tat. „Versprich es mir,“ flüsterte der Japaner, weil er es ihm ansehen konnte.

Was auch immer er erwartet hatte, das war es nicht. Sich entspannend, den eisernen Griff um die Ellbogen lösend, dass seine Schultern sanken, während das stets so jugendliche Gesicht glatt und ruhig wurde wie der See nach einem Sturm, richtete Kiyoshi sich ein wenig auf und schüttelte den Kopf. Nicht einmal verzweifeln konnte Hayato, und das musste er auch nicht.

Versprechen? Nein, ein Versprechen war nicht genug. Er konnte ihn nicht zu seinem Kenin (56) machen, er konnte ihn nicht so in Dienst nehmen, wie Ieyasu es für Miura Anjin (57) getan hatte, noch nicht vielleicht. Einen heiligen Schwur jedoch konnte er seinem Freund trotzdem geben, war es auch nicht der des Vasallen. Instinktiv, so fern jener endlosen Weizenfelder, auf denen diese Geste gegolten hätte, hob er den Daumen und die beiden Finger gegen den Schwertfortsatz seines Brustbeins, bis das Herz darunter gegen sie schlug.

„Chikau yo (58), Hayato-san, ich schwöre es dir,“ nickte er ihm zu, und später, wenn Ruhe eingekehrt war und sie sich zurückziehen konnten, würden sie eine Schale Sake darauf leeren. „Ich werde auf sie aufpassen und sie nicht aus den Augen lassen; ich beschütze sie, besser als ich dich beschützt habe.“ Und ein Lächeln grub diesen Kniff in seinen Mundwinkel, dass die steif abstehende Hohige (59) sich verzog, wie er mit dem Kinn auf die zerklüftete Wange seines Freundes deutete.

Als wüsste er nicht mehr, dass sie da war, dieser Makel ihrer gemeinsamen Tortur, griff Hayato daran und musste ebenfalls lächeln, Erleichterung in jeder Faser, und die fast spirituelle Gewissheit, dass damit das Leben seines Enkelkindes so sicher war wie das Aufgehen der Sonne an jedem neuen Tag. Selbst im dunklen Dezember.

Waffenbrüder seither gewesen, umfassten sie einander die Oberarme gleich unter der Schulterkappe, so als wollten sie den anderen packen und hochheben, und das war alles, was getan werden musste. „Hai (60), das ist gut,“ wisperte Hayato und schlug die Augen nieder in Dankbarkeit.

Nie wieder nannte er ihn bei diesem Namen, nur in stürmischen Gewitternächten, wenn das Kind nicht schlafen konnte und sich fürchtete, wenn es Trost brauchte und wissen sollte, dass nichts und niemand ihr jemals Schaden würde zufügen können. Dann erzählte er ihr von ihm, von dem Geist mit den magischen Kräften, den er auf dem Boden eines Brunnens getroffen hatte, von Kuzuri, dem grimmigen Krieger, dem furchtlosen Freund, der sie beide beschützte.

Der Tag rollte über die Hügel und Berge, die Yumoto nach Südosten hin abschlossen, und Sonnenlicht durchbrach den durchscheinenden Hochnebel, flutete mit einem Mal die Zimmer des Sô mit klarer, silbergoldener Helligkeit. Samuzora – kalter Winterhimmel. So schön.



Fußnoten:
Titel: Samuzora - Kalter, klarer Winterhimmel
1 - Matsu – Kiefer
2 - Karamushi – Chinaschilf, Elefantengras.
3 -  Sô – Anwesen, Residenz, Villa. Größerer Gutshof oder luxuriöser Familienstammsitz, zumeist auf dem Land.
4 -Shoji – Schiebetüren aus mit Reispapier bespannten Holzrahmen (Fusama), besonders in Innenräumen als Raumteiler, mehr und mehr jedoch auch Bezeichnung für die Fusama, die nach außen weisen.
5 - Hadajuban – Unterhemd
6 - Iki - „Versteckte Eleganz“, Kurzwort für Nagajuban, den Unterkimono.
7 - Keiko-gi – Auch Uwagi. Kurze Jacke, wie sie beispielsweise bei Judo, Aikido oder Karate zum Üben getragen wird. Wird für gewöhnlich an der Taille mit kurzen Bändchen zusammengehalten und mittels eines Obi gänzlich geschlossen. Traditionelle Farben sind Weiß und Indigoblau, seltener Schwarz oder gar Rot. Außerhalb Japans als Bezeichnung für den kompletten Trainingsanzug in Kampfsportarten verwendet.
8 - Yumoto-kai – In etwa „Yumoto-Clan“. Frei erfundene Yakuza, angesiedelt im Yumoto-Land in der Provinz Tochigi. Oyabun ist seit Jahrhunderten die Hauptlinie der in Nikkô ansässigen Familie Yashida. Die Farben sind bronzebraun und gelb.
9 - Ronin – „Wellenmann“, „den Wellen ausgesetzter Mann“. Ein Samurai ohne Herren, im Gegensatz zum Kenin
10 - Fusama – Schiebetür aus auf Holzrahmen aufgespanntes Reispapier. Dazu gehören die Shoji, die früher nur für den Innenbereich so bezeichnet wurden.
11 - Sugi – Zeder
12 - Ume – Pflaume(nbaum)
13 - Kashiwâ – Eiche
14 - Kuki – Halm
15 - Hinotori – Phönix. Im Shintô-Glauben ganz ähnlich dem westlichen Fabelwesen ein goldener Vogel, der immer wieder verbrennt und aus der eigenen Asche geboren wird. Brudertier des Drachen und dessen Ying.
16 - Uguisu – Der Japanbuschsänger, ein Singvogel, auch als Japanische Nachtigall bezeichnet wird mit einem sehr charakteristischen, allerdings tagsüber gesungenen Balzlied, dem sogenannten Hôhokekyo. Er steht auch für die Jahreszeit des Vorfrühlings und wird mit der Pflaumenblüte assoziiert.
17 - Tabi – Strümpfe mit abgenähtem großen Zeh.
18 - Geta – Klassische Holzsandalen, bestehend aus einem einzelnen Brettchen für die Sohle mit darunter befestigten Querstegen
19 - Cha-niwa – Das Gartenteehaus, ein wichtiges Stilelement in der japanischen Gartenkunst. Hier wird die Teezeremonie abgehalten. Auch als Begriff für eine bestimmte Form der Gartengestaltung verwendet.
20 - Sensei – Wörtl. "früher geboren", „Meister“. Einerseits Bezeichnung für den Lehrmeister oder Vorg esetzten, aber auch als Namensanhängsel für Lehrer, Ärzte und andere gesellschaftlich hoch anerkannte Personen beiderlei Geschlechts.
21 - Daimyô – Ursprünglich Großgrundbesitzer aus der Kriegerkaste, später aber Lehnsmann des Shogun. Oft verwandt als Bezeichnung für den Herrn über die Kenin und damit Oberbefehlshaber über eine eigene Schar Samurai.
22 - Soru jâ – Soldat. Japanisierte Form des Wortes „soldier“.
23 - Hakujin - „Weißer“, Kaukasier
24 - Bushi – „Krieger“. Heute anderes, ehrenvolles Wort für einen Samurai jeglichen Standes. Entwickelte sich aus den nicht-adligen und militärisch orientierten Verwaltern des Kaisers im Gegensatz zu den Kuge.
25 -  Jûnigatsu – Wörtl. „Priester rennen“. Der letzte Monat des Jahres, heute dem Dezember entsprechend, wenn die Priester vor dem Neujahrstag viel zu tun haben.
26 -  Hasha – Gebieter, Herr
27 - -sama – Suffix für höhergestellte Person, höflicher als -san.
28 - Hayabusa – Wörtlich „Wanderfalke“, hier gemeint ist der Jagdflieger Nakajima Ki-43, der ab 1939 von den Japanern genutzt und im 2. Sinto-Japanischen Krieg eingesetzt wurde.
29 - Tatami – Reisstrohmatten, eingefasst mit gefärbtem Stoff, dienen als Bodenbelag in bewohnten Räumlichkeiten. Meist braun, rot, schwarz oder weiß umrandet, je nach Zweck des Raumes oder Begebenheit. Frische Matten sind grünlich, später werden sie gelblich, dann bräunlich. Auch die Anordnung erfolgt nach bestimmten Regeln
30 - Kobun – Etwa „großer Bruder“. Mittlere und höhere Führungsriegen der Yakuza werden als Kobun bezeichnet.
31 - Sanba – Hebamme.
32 - Shishû – Meister, Herr.
33 - Oyabun – „Vaterrolle“. Bezeichnung für den Führer eines Yakuza-Gumi. Ähnlich dem Paten in der italienischen Mafia. Diese Position ist in vielen Gumi über die Jahrhunderte jedoch erblich geworden und wird teilweise von Frauen eingenommen. Der Oyabun hat absolute Weisungsgewalt über seine Kobun.
34 - -san – Namensendung für Erwachsene beiderlei Geschlechts, sofern kein Grund für den -sensei besteht.
35 - Kinasai - „Komm!“ „Komm herein!“ „Herein!“
36 - Nô – Traditionelles japanisches Musik-Theater, bei dem Masken getragen werden (es sei denn, ein erwachsener Mann wird dargestellt!) und nur Männer mitspielen (tanzen). Zugrunde liegen fernöstliche Mythen und Sagen.
37 - No yûjin - „Mein Freund“.
38 -  Sake – Reiswein. Traditionell auch als heiliges Getränk genossen. Es gibt roten und weißen Sake. Beide werden leicht angewärmt getrunken. Vorsicht: Hoher Alkoholgehalt!
39 - Washi – Auch Wagami. Japanpapier. Handgeschöpft und aus den zerklopften Fasern von langblättrigen Gräsern hergestellt. Durchscheinend. Wird heute noch zum Bespannen von Drachen, Lampions, Fusama und als Briefpapier verwendet.
40 - Dômo - „Bitte sehr!“ „Hier!“ „Voila!“
41 - Fukayoi – Volltrunken, Volltrunkener.
42 - Yaro - „Wilder Mann“ im Sinne von Barbar, Waldmensch.
43 - Kono ama - „Dumme Gans“.
44 - Habutae – auch Habutai. Feinstes japanisches Seidengewebe.
45 - Purinsesu – Japanisierte Form des englischen Wortes „Princess“. Es ist üblich in Japan, „Fremdwörter“ in eigener Lautschrift wiederzugeben.
46 - „Kanojo wa no yô ni Samuzora“ - „Sie ist so schön wie der Winterhimmel.“
47 - Arrigatô – „Danke“.
48 - Souryo – Erstgeborenes Kind, Stammhalter, Erbe, unabhängig vom Geschlecht.
49 - Oya! - „Ach!“
50 - Gaijin - „Fremder“. Ausländer, bsd. Kaukasier, nicht besonders freundliche Bezeichnung.
51 - Nippon – Japan.
52 - Chakushi – Ältester Sohn, Stammhalter.
53 - Keishi – Erbe.
54 - Hanpei – Leibgarde, Leibwache (eines Königs oder Kaisers).
55 - Kuzuri – Bärenmarder, Vielfraß, eben Wolverine.
56 - Kenin – „Hausangehöriger“. Mitglied einer Samurai-Schar unter einem Daimyô. Im Gegensatz zum Ronin.
57 -  Miura Anjin – Wörtl. „Navigator von/aus Miura“. Japanischer Name des englischen Seemanns William Adams (1546 – 1620), dem ersten Ausländer, der in den Stand eines Samurai erhoben wurde. Hatte über Tokugawa Ieyasu, den Shogun, einen maßgeblichen Einfluss auf die Außenpolitik Japans und damit auf das Schicksal der ganzen Nation und Region bis heute. Nach ihm benannt sind ein Stadtviertel (heute Nihonbashi) und eine Straße in Tokyo, am 15. Juni jeden Jahres wird ihm zu Ehren ein Fest gefeiert. Historisches Vorbild für John Blackthorne im Roman „Shogun“, aber auch für die Figur und Rolle des Yashida-shuja Kiyoshi.
58 - Chikau yo - „Ich schwöre (es)“.
59 - Hohige – klassischer Backenbart, steif abstehend, lässt den Hals, das Kinn und die Oberlippe frei.
60 - Hai – Ja.
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