Last Farewell [Big Bang]

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
22.09.2013
11.03.2019
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22.09.2013 4.215
 
„Jiyong, ist alles in Ordnung?“
Die Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Er sah von seinem Teller auf und in das fragende Gesicht seines Gegenübers. Er hatte Seunghyun an diesem freien Abend zum Essen eingeladen. Zuerst hatte dieser gezweifelt, doch Jiyong hatte förmlich gebettelt. „Nur ein Essen unter zwei guten Freunden, wirklich!“, hatte er versichert und schließlich hatte der Ältere zugesagt. Die anderen hatten sie misstrauisch beäugt, als sie zusammen und in ihre besten Anzüge gekleidet die gemeinsame Wohnung verlassen wollten. Genau das hatte Seunghyun befürchtet, doch er schien sich für keine Ausrede zu schade zu sein. „Sagt es niemandem“, hatte er in verschwörerischem Tonfall zu den Jüngeren gesagt, „aber wir planen ein zweites Album von GD&TOP. Und ihr versteht, dass wir für unsere Planungen unter uns sein wollen?“ Seungri und Daesung hatten verständnisvoll genickt, nur Yongbae hatte skeptisch gewirkt. Aber letztendlich hatte auch er Seunghyuns Erklärung akzeptiert und sie hatten zusammen das Haus verlassen.
„Du hast sie angelogen“, bemerkte Jiyong nun und warf seinem Freund einen vorwurfsvollen Blick zu. „Wie konntest du ihnen so eine dreiste Lüge auftischen, Hyung?“ Doch der Ältere zuckte nur mit den Schultern. „Komm schon, so aus der Luft gegriffen ist das doch gar nicht. Oder willst du nicht noch einmal mit mir zusammen arbeiten? Nur mit mir...“, fügte er hinzu und grinste verschmitzt. „Und essen gegangen sind wir doch auch, nicht wahr?“ Jiyong seufzte und fuhr sich mit der Hand durch das schwarze Haar. „Schon“, setzte er an, „aber ich habe trotzdem ein verdammt schlechtes Gewissen. Wie lang soll das noch so weitergehen? Ich will meine Freunde nicht belügen.“ Seunghyuns Grinsen verschwand von seinen Lippen und während er mit der Gabel in seinen Nudeln herumstocherte, murmelte er: „Jiyong, ich hab dir schon so oft erklärt, dass wir es nicht öffentlich machen können. Unser Manager würde uns lynchen, es würde einen Riesenskandal geben. Was glaubst du, was unsere Fans davon halten würden?“ Jiyong starrte ihn nur mit trotzig vorgeschobenen Lippen an und der Ältere fügte schnell hinzu: „Und was ist mit unseren Freunden? Was denkst du, was sie denken werden, wenn sie herausfinden, dass wir sie seit einem halben Jahr nach Strich und Faden belügen, hm?“ Nach einem kurzen, verstohlenen Blick über das größten Teils leere Restaurant griff Seunghyun über den Tisch hinweg Jiyongs Hand. „Wir können doch auch so zusammen sein... Wir müssen nur aufpassen.“ Sein jüngerer Freund seufzte und nickte leicht mit dem Kopf, während er seinen Blick wieder auf seinen mittlerweile leeren Teller senkte. „Ich versteh' es ja...“, murmelte er leise und der verletzte Blick versetzte Seunghyuns Herzen einen Stich, doch was konnte er schon an der Situation ändern? Für ihn war es mehr als undenkbar, eine Beziehung mit seinem Bandleader publik zu machen. Für ihn stand nicht nur seine Zukunft mit Big Bang, sondern auch seine Karriere als Schauspieler auf dem Spiel. Als Jiyong tief seufzte, hielt er es nicht mehr aus.
„Lass uns gehen“, beschloss er und zog seine Hand von Jiyongs zurück, um seinen halb vollen Teller von sich zu schieben. „Ich hab' eh keinen Hunger mehr.“ Der Schwarzhaarige sah ihn, immer noch enttäuscht, an und stand dann mit ihm zusammen von ihrem Stammtisch in der hintersten Nische des noblen Italieners auf. Es war schon spät, wie ein Blick auf die Armbanduhr ihm verriet. Die wenigen anderen Gäste, die um diese Uhrzeit noch hier aßen, sahen die beiden Prominenten neugierig an, während sie zur Garderobe gingen und ihre Mäntel entgegennahmen. Draußen regnete es und Seunghyun spannte vor der Tür den kleinen Regenschirm auf, den er vor ihrem Aufbruch noch eingesteckt hatte. „Du denkst wirklich an alles“, stellte Jiyong lächelnd fest, als Seungyhun ihn zu sich unter den Schirm zog. Doch er registrierte auch den besorgten Blick, den der Ältere immer wieder über ihre Umgebung schweifen ließ, während sie so Arm in Arm die Straße entlang zu Seunghyuns Auto schlenderten.

Als Jiyong die Wohnungstür aufschloß, war es bis auf den Fernseher im Wohnzimmer still und dunkel. Während Seunghyun ihre Jacken aufhing, schlich Jiyong ins Wohnzimmer, nur um festzustellen, dass die drei Jungs vor dem Fernseher eingeschlafen waren. Seungri hatte seinen Kopf an die Schulter des leise vor sich hinschnarchenden Yongbaes gelehnt und schlief selbst tief und fest. Daesung war im Sessel in sich zusammengesunken und atmete ebenfalls tief und ruhig. Jiyong lächelte bei dem friedlichen Bild, das sich ihm da bot, und ging auf leisen Sohlen zum Fernseher, um ihn auszuschalten. Er wollte die drei gerade wecken, als hinter ihm Seunghyuns tiefe Stimme erklang. „Lass sie schlafen. Sie werden nur Fragen stellen.“ Jiyong drehte sich zu dem hochgewachsenen Rapper um, der im Türrahmen lehnte und ihn ansah. „Komm mit ins Bett, Jiyong“, flüsterte er. „Morgen müssen wir wieder früh raus, hast du das vergessen?“ Jiyong schüttelte seufzend den Kopf. „Wie könnte ich...“, murrte er.
Eine halbe Stunde später lag Seunghyun noch immer wach in seinem Bett. Im Bett neben ihm schlief Jiyong bereits. Er lauschte dem Atem seines Freundes und starrte die Decke über sich an. Wie hatte er es nur so weit kommen lassen können? Seit Wochen lag Jiyong ihm schon in den Ohren, jammerte ständig über die seiner Meinung nach übertriebene Vorsicht, die Seunghyun walten ließ. Er hätte wissen müssen, dass es so kommen würde. Jiyong war so unglaublich anhänglich und Besitz ergreifend. Wie oft hatten sie in den letzten Monaten schon gestritten, nur weil Seunghyun für ein Foto den Arm um einen weiblichen Fan gelegt hatte? Und wie oft hatte Seunghyun seinen Freund abschütteln müssen, weil dieser in der Öffentlichkeit wie eine Klette an seinem Arm gehangen hatte? Ihr Bandleader konnte sich in anderen Dingen für noch so reif und erfahren halten, doch in Sachen Beziehungen benahm er sich von Zeit zu Zeit wie ein uneinsichtiges, kleines Kind. Seunghyun bekam schon jetzt Bauchschmerzen, wenn er an den nächsten öffentlichen Auftritt dachte. Er lebte jedes Mal mit der Angst, dass Jiyong sie durch seine Unbedachtheit verraten könnte. Dann würde es für Erklärungen und Entschuldigungen zu spät sein... Der Älteste der Band wälzte sich in dieser Nacht noch lange im Bett hin und her, bevor die Müdigkeit ihn endlich übermannte. Entsprechend mürrisch war er dann auch am nächsten Morgen, als um sieben Uhr der Wecker sie alle aus ihren Betten scheuchte. Er war schon im Bad fertig und zog sich gerade an, als Jiyong endlich aus seinem Bett gekrochen kam. „Morgen“, nuschelte er noch im Halbschlaf und schlurfte in T-Shirt und Shorts ins angrenzende Badezimmer. „Beeil dich!“, rief Seunghyun ihm nach, während er vor dem großen Wandspiegel sein Hemd zuknöpfte. „Du bist verdammt spät dran, Jiyong. Musst du jedes Mal verschlafen?“ Er verdrehte die Augen, als aus dem Bad zur Antwort nur ein genervtes Knurren herüberkam. Er zupfte den Hemdkragen zurecht und klopfte an die Tür. „Lass mich, ich bin zu spät dran“, kam es schnippisch von der anderen Seite. Seunghyun stöhnte und drückte die Klinke runter. Offen – wie erwartet. Das kam beinahe schon einer Einladung gleich. Als er ins Bad trat, stand Jiyong mit dem Rasierer in der Hand vor dem Spiegel. Er trat von hinten an den Kleineren heran und schlang seine Arme um dessen Taillen. „Komm schon, GD, sei nicht so“, murmelte er an seinem Ohr. Er bemerkte amüsiert, wie der Jüngere beim Klang seiner Stimme schauderte. „Du sollst mich nicht so nennen“, beschwerte er sich und lehnte sich nach hinten gegen seinen Freund. „Entschuldige bitte.“ Doch im Spiegel sah Jiyong das unverhohlene Grinsen auf dem Gesicht des anderen. Er war noch immer enttäuscht vom gestrigen Abend. Nach dieser Art von Gespräch war er das immer. Er wusste, dass sie ihre Beziehung geheim halten mussten. Doch das hieß doch noch lange nicht, dass er das akzeptieren musste – oder? Der junge Mann hinter ihm war gerade im Begriff, seine Lippen auf Jiyongs Hals zu legen, als es an ihrer Zimmertür klopfte. „Ey!“, erklang Taeyangs sichtlich verärgerte Stimme. „Habt ihr vielleicht mal einen Blick auf die Uhr geworfen? Bewegt euch jetzt gefälligst aus euren Betten oder ich komme rein! In einer Viertelstunde müssen wir bei YG sein!“ Jiyong fuhr erschrocken zusammen, sodass er sich fast in die Wange schnitt, und fluchte leise. „Ich warte draußen“, erklärte Seunghyun und löste sich schnell von ihm. „Sonst tritt er uns noch die Tür ein.“
Als er die Tür öffnete, stand Yongbae immer noch davor und bedachte ihn mit einem strafenden Blick. „Tut mir wirklich Leid. Jiyong kommt gleich, ist noch im Bad“, erklärte Seunghyun schnell und ging an seinem Freund vorbei zur Wohnungstür. Er hatte sich fast schon ertappt gefühlt. Was, wenn Yongbae tatsächlich ins Zimmer gekommen wäre? Wenn er Seunghyun gesehen hätte, wie dieser sich bei offener Badezimmertür in ziemlich eindeutiger Weise an den halbnackten Bandleader schmiegte? Seunghyun schüttelte den Kopf. Sie konnten sich jetzt einfach nicht erlauben, nachlässig zu werden. Daesung und Seungri saßen bereits unten im Bus, als der Älteste zu ihnen stieß. „Morgen!“, grüßte er bemüht fröhlich und ließ sich auf den freien Platz neben Daesung fallen. Dieser musterte ihn irritiert. „Was?“, wollte der Rapper wissen und zog eine Augenbraue hoch. „Ähm“, setzte Daesung vorsichtig an, „du... du sitzt auf Yongbaes Platz, weißt du? Willst du nicht lieber neben Jiyong sitzen?“ Er wäre beinahe auf Seungris Schoß gekrochen, als der Ältere ihn gereizt ansah. „Bin ich dir etwa unangenehm, Dae? Dann setz du dich doch auf meinen Platz...“ „Nein, nein! Ist ja schon gut!“, erwiderte der Blonde kleinlaut und rückte weiter zu Seungri hinüber, der sich schon, so von seinem Kollegen bedrängt, an die Seitenwand des Busses quetschte.
„Gut.“ Damit war die Sache für Seunghyun erledigt. Doch als fünf Minuten später Yongbae mit Jiyong aus dem Haus kam, konnte dieser seine Enttäuschung über den Sitzplatzwechsel kaum verbergen. Er ließ sich wortlos neben Yongbae nieder, wusste nicht, was er getan hatte. Jedoch war er sich sicher, Verärgerung in Seunghyuns Blick zu erkennen, der immer noch starr aus dem Fenster gerichtet war. „Bist du sauer? Weil ich verschlafen habe, meine ich?“, fragte er schließlich zögernd. Als der Angesprochene nicht gleich reagierte, übernahm Daesung das Wort. „Wir sind alle sauer, GD! Das ist nicht das erste Mal, dass wir viel zu spät kommen – wegen dir!“ Jiyong zog einen Flunsch. „Ist ja gut“, murmelte er. Doch seine Aufmerksamkeit galt weiterhin dem Ältesten, der ihm nun einen warnenden Blick zuwarf. Als der Bus schließlich vor dem Firmengebäude hielt, war die Atmosphäre zwischen den Bandmitgliedern so angespannt, wie schon lang nicht mehr. Die merkwürdige Stimmung, die Seunghyun und Jiyong an diesem Morgen verbreiteten, ging an keinem der anderen Mitglieder unbemerkt vorbei.
Selbst während der Trainingseinheit vermied Seunghyun es, Jiyong zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Trainierten sie doch sonst immer zusammen, so hatte Seunghyun nun Daesung für sich als Opfer auserkoren. Dieser schien so überhaupt nicht begeistert über die Ehre zu sein, die ihm da zuteil wurde. Seunghyuns Blick gefiel ihm gar nicht. So musste sich ein Schaf fühlen, wenn es dem großen bösen Wolf gegenüber stand... „Was zur Hölle ist denn mit dem los?“, fragte in diesem Moment ein paar Meter weiter Yongbae und beobachtete das merkwürdige Paar aufmerksam. Jiyong zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck aus seiner Wasserflasche. „Du glaubst gar nicht, wie gern ich das wüsste...“, seufzte er und unterdrückte die Eifersucht, die in ihm hochstieg, als er Daesung und Seunghyun bei ihren Dehnübungen beobachtete. Yongbae und Seunghyun warfen sich einen kurzen, ratlosen Blick zu. Was sollten sie schon von diesen äußerst merkwürdigen Vorgängen halten?

In der Pause ließen sich alle am Rande des Übungsraums auf die Holzdielen fallen. Nur Jiyong kramte die Wasserflasche aus seinem Rucksack und zog sich aus dem Raum zurück. Seunghyun, der mit dem Rücken an der Wand lehnte und die Beine angezogen hatte, sah ihm missmutig nach. Was bildete der Jüngere sich ein, hier so ein Theater machen zu müssen? In seinem Inneren verwoben sich Sorge und Ärger zu einem Netz, das ihm für einen kurzen Moment die Kehle zuschnürte. „Was ist los? Jiyong wollte uns nichts sagen, Hyung.“ Yongbaes Stimme riss den Rapper aus seinen Gedanken und er sah zu seinem Freund hinüber. „Es ist alles in Ordnung, wirklich“, erklärte er und rang sich ein Lächeln ab. „Es gab gestern Abend eine kleine... Meinungsverschiedenheit. Aber er wird sich schon wieder beruhigen.“ Daesung verzog den Mund. So wie er seinen Bandleader kannte, würde der noch mindestens zwei Tage den Beleidigten spielen. Was hieß: Zwei Tage mehr Training mit Seunghyun. Und der sah nun wirklich nicht viel glücklicher aus, als Jiyong. Die jungen Männer schwiegen sich einige Minuten lang an, dann ergriff Seungri zögerlich das Wort. „Sollte... sollte ihm nicht mal jemand nachgehen? Er ist schon so lang weg...“, murmelte er kleinlaut und schielte zu Seunghyun. Dieser erwiderte den Blick einige unerträgliche Sekunden lang, doch Seungri hielt ihm stand. Schließlich stöhnte der Ältere genervt und raffte sich vom Boden auf. „Ist ja gut, ich geh ihn holen.“ Er stapfte aus dem Raum hinaus auf den langen Flur im vierten Stock. Weit und breit war kein Bandleader zu sehen. „Heey!“, rief der blond Gefärbte über den Korridor. „Jiyoong, jetzt komm schon, das Training geht weiter!“ Aus einer der benachbarten Türen sah eine junge Frau hinaus und schüttelte missbilligend den Kopf. „Ruhe da, wir proben hier!“ Seunghyun sah zu ihr hinüber und lächelte freundlich. „Tut mir Leid, Bom. Hast du GD vorbeigehen sehen?“ Sie überlegte einen Moment angestrengt, dann hellte ihre Miene sich auf und sie antwortete: „Ja, klar! Der ist vor einer ganzen Weile an unserer Tür vorbei und in Richtung Kaffeeautomaten. Wenn du ihn siehst, richte ihm aus, dass er mir immer noch das Geld für sein Mittagessen von neulich schuldet!“ Die beiden jungen Menschen sahen sich noch einen Moment lang in die Augen und es herrschte eine merkwürdige Stille zwischen ihnen. Schließlich fuhr sich der junge Mann verlegen durch sein Haar und hob dankend die Hand, bevor er seinem Leader hinterher ging. Zwei Flure weiter an den Automaten fand er den Jüngeren tatsächlich mit einem Pappbecher in der Hand an der Wand lehnend. Jiyong sah zu ihm auf. Seine Augen waren leicht gerötet. „Jiyong..“, murmelte der Rapper und rieb sich angestrengt über die Stirn. Sein Kopf begann langsam zu schmerzen. „Hör mal, ich...“
„Vergiss es“, unterbrach der Schwarzhaarige ihn und in seiner Stimme lag ein verräterisches Beben. „Ich kann deine ewigen Ausreden nicht mehr hören, Hyung. Ich halte das nicht mehr aus, ich will dich endlich für mich haben. Ganz für mich, verstehst du?“ Seunghyun sah in die tränenden Augen seines Freundes und näherte sich ihm langsam. Jiyong ließ sich ohne Widerworte in den Arm nehmen, erwiderte die Umarmung jedoch nicht. Der Ältere vergrub die Nase in dem dunklen Haar und redete leise auf ihn ein. „Du weiß, dass ich dich liebe, Jiyong. Nur... es geht einfach nicht, okay? Nicht jetzt...“ „Wann dann?“, murrte der Jüngere leise. „Ich will nicht mehr warten!“ Seunghyun antwortete nicht und war froh, dass sein Gegenüber in diesem Moment sein Gesicht nicht sehen konnte. Nach ein paar Sekunden löste Seungyhun sich wieder von ihm und sah den Bandleader an. Jiyong erkannte seinen Freund kaum mehr wieder. Vor ein paar Monaten war er noch so zärtlich gewesen, doch dann hatte er wieder begonnen, sich wieder um Filmrollen zu bemühen. Und nun stand er ihm gegenüber, das blond gefärbte Haar glatt zurückgegelt , und sah ihn beinahe schon teilnahmslos und kühl an. „Wir müssen zurück zum Training, Jiyong“, sagte er nur ruhig und machte auf dem Absatz kehrt in Richtung Tanzstudio. Jiyong rieb sich hastig über die brennenden Augen und folgte ihm schnellen Schrittes. Es würde noch ein harter Tag werden.

Als Daesung am nächsten Morgen die Augen aufschlug, wusste er zuerst nicht recht, wie ihm geschah. Noch halb im Schlaf versunken, konnte er dieses warme, weiche Ding neben ihm nicht einordnen. Erst, als sein Blick sich klärte, erkannte er, was – oder besser gesagt wer – ihm da die Hälfte seines eh schon kleinen Bettes wegnahm, und fuhr so schnell hoch, dass er von der Bettkante rutschte. „Verdammt nochmal, Jiyong!“, fluchte er ungehalten. Der zerzauste Junge in seinem Bett blinzelte ihn benommen an. „Eeeh?“, nuschelte er nur und wollte schon die Augen wieder schließen, als Daesung ihm die Bettdecke wegriss. „Hey, raus aus meinem Bett! Wo warst du denn die ganze Nacht!“ Daesung brauchte auf keine Antwort zu warten. Der Geruch, der zu ihm herüber zog, war Erklärung genug. „Sag mal, bist du betrunken?“, fragte er nun etwas ruhiger. Seine Empörung über die ungebetene Annäherung wich der Sorge um seinen guten Freund, der noch immer halb weggetreten in seinem Bett kauerte und ihn blinzelnd ansah. „Tschuldigung“, nuschelte Jiyong wieder und rieb sich mit einer Hand über die Augen. „Falsches Bett...?“ Der unschuldige Ausdruck auf seinem Gesicht ließ ein mildes Lächeln über Daesungs Gesicht huschen. „Dein Bett ist am anderen Ende des Flures, GD. Was ist denn überhaupt los gewesen mit dir? Du betrinkst dich doch sonst nicht... so sehr.“ Wie ein kleines Kind schob der Bandleader trotzig die Unterlippe vor und schwieg eine Zeit lang. Schließlich gab Daesung es auf und rappelte sich vom Boden hoch. „Wie auch immer. Du solltest zusehen, dass du munter wirst. Es ist schon acht Uhr durch und wir haben in vier Stunden ein Radiointerview.“
Jiyong sah seinem Kollegen schweigend nach, als dieser das Zimmer in Richtung Bad verließ. Die Erinnerungen an die letzte Nacht waren verschwommen und teilweise komplett in Dunkelheit gehüllt. Doch das ungute Gefühl in seinem Magen rührte sicher nicht nur von zu viel Alkohol her. Was um alles in der Welt hatte er in den letzten Stunden nur angestellt?

Drei Stunden später saß die kleine Gruppe in ihrem Bus auf dem Weg zu einem der lokalen Radiosender. Jiyong hatte sich einen Fensterplatz gesichert und sah schweigend hinaus in den regen Stadtverkehr. Er hatte einen fürchterlichen Kater, sein Kopf schien zerspringen zu wollen und sein Magen rebellierte. Seunghyun hatte ihm eine Schmerztablette gegeben, doch die schien nicht helfen zu wollen. „Reiß dich zusammen“, hatte der Älteste ihn gemahnt. „Das hast du dir selbst zuzuschreiben. Lass uns nicht darunter leiden beim Interview.“ Jiyong hatte reumütig von der Toilettenschüssel zu ihm hochgesehen und genickt. Er grübelte noch immer darüber nach, was in der letzten Nacht geschehen war. Nach dem Training hatte er sich von der Gruppe abgesetzt und sich ein Taxi zum nächsten Club genommen, soviel wusste er noch. Er erinnerte sich auch an die unbändige Wut und die bittere Enttäuschung, die in ihm gebrannt hatten, nachdem er sich gegen Ende der Trainingseinheit noch einmal mit Seunghyun gestritten hatte. Vielleicht hatte er ein oder zwei Gläser über den Durst getrunken... Naja, vielleicht auch ein paar mehr. Doch so sehr er sich auch anstrengte, irgendwann zwischen dem vierten und fünften Glas setzten die Erinnerungen aus.
Als sie schließlich vor dem Hochhaus hielten, in dem sich der Sender befand, zog Taeyang seinen Bandleader förmlich aus dem Bus und legte möglichst unauffällig und lässig einen Arm um seine Schultern – nur für den Fall, denn der junge Mann schien nicht gerade sicher auf den Beinen zu sein. Als die Band so die modernen Räume des Senders im zehnten Stock betrat, sah man den Männern ihr Schamgefühl förmlich an. Die Moderatorin begrüßte sie übertrieben höflich und bat sie, auf ihren Stühlen Platz zu nehmen. Sie schien etwas irritiert von den Sängern zu sein, die sonst immer so überdreht und immer zu Scherzen aufgelegt waren. Heute schaute jeder zu Boden oder schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen und der flippige Bandleader war leichenblass und verzog immer wieder kurz das Gesicht. Zum Glück sind wir beim Radio und nicht beim Fernsehen, schoß es Taeyang durch den Kopf, als er lächelnd die Begrüßung der Moderatorin erwiderte. „Heute haben wir die derzeit wohl erfolgreichste Boyband Südkoreas bei uns! Begrüßt mit uns – Big Bang!“, trällerte sie in ihr Mikrofon und bedeutete den Jungs mit einer enthusiastischen Geste, mitzuspielen. Die Sänger riefen fröhlich einen Gruß in ihre Mikrofone und bedankten sich bei Haneul für die Einladung. „Wie geht es euch heute, Jungs?“, fragte sie und schielte dabei zu Jiyong hinüber. In Seunghyun flammte ein absurder Beschützerinstinkt auf. „Es geht uns gut!“, entgegnete er schnell und legte unter dem Tisch unauffällig eine Hand auf Jiyongs Oberschenkel. „Soso, das freut mich aber! Ihr wisst, warum ihr hier seid?“, trällerte Haneul weiter. „Ja, ja!“, meldete Daesung sich zu Wort. „An alle Fans da draußen, die uns jetzt zuhören: Ihr könnt uns jede Frage stellen, die euch auf der Zunge brennt, wir beantworten sie gern. Also lasst uns nicht länger warten und ruft uns an, wir freuen uns auf euch!!“ Seine Stimme klang fröhlich wie immer, doch wer ihn kannte, sah ihm an, dass er sich an diesem Tag mehr als nur unbehaglich bei dem Gedanken fühlte, sich gleich den Fragen dutzender Fans ausgesetzt zu sehen. Es dauerte keine zehn Sekunden, da klingelte das Telefon bereits zum ersten Mal. Es folgten einige Anrufe mit mehr oder weniger belanglosen Fragen, die die Bandmitglieder charmant beantworteten. Keinem der Hörer schien aufzufallen, dass Jiyong sich an diesem Tag merklich zurückhielt und seine Bandkollegen für sich sprechen ließ, und die Stimmung im Studio lockerte sich sichtlich auf. Schließlich schaltete sich Haneul wieder ein. „So, Leute, das war's! Die 20 Minuten sind um! Wir bedanken uns bei – oh, einen Moment bitte!“ Sie hielt inne und lauschte der Ansage, die durch ihr Headset kam. Sie musterte die Idole vor sich einen Moment lang mit merkwürdigem Blick, dann sprach sie wieder zu den Hörern: „Anscheinend haben wir noch einen letzten Fan, der unbedingt mit unseren Stars sprechen will! Es ist Chunghee aus Seoul, der unbedingt mit GD sprechen möchte. GD, was sagst du, haben wir dafür noch Zeit?“ Der Bandleader war bei dem Namen des Fans hochgeschreckt und starrte die Moderatorin an wie ein Reh, dass sich den Scheinwerfern eines Autos gegenüber sah. Irgendetwas klingelte da in seinem Kopf und eine leise Vorahnung beschlich ihn. Trotzdem machte er gute Miene zum bösen Spiel und beugte sich vor zu seinem Mikrofon. „Aber sicher haben wir dafür noch Zeit, Haneul! Stell ihn ruhig zu mir durch!“ Es knisterte in der Leitung, dann erklang eine Männerstimme: „Hey, GD, erinnerst du dich an die letzte Nacht?“ Aus dem Augenwinkel sah er, dass seine Freunde sich auf ihren Stühlen versteiften. Seungri klapperte nervös mit den Fingerkuppen auf dem Tisch herum, bis Taeyang seine Hand über die unruhigen Finger legte und sie zum Schweigen brachte. „Ich – ich weiß nicht, was du meinst“, stotterte Jiyong unsicher. „Ich kenne dich nicht.“ Am anderen Ende der Leitung war ein Lachen zu hören. „Komm schon, wie kannst du mich vergessen? Der Club, das Hinterzimmer, in dem wir waren – nur wir beide...?“ Die Bandmitglieder liefen allesamt hochrot an und schauten Hilfe suchend zu der Moderatorin hinüber. Die jedoch schien die Story ihres Lebens zu wittern und ermutigte den jungen Mann noch dazu, genauer zu werden. Jiyong saß wie angewurzelt auf seinem Stuhl, das Gesicht war noch bleicher als zuvor und die Augen weit aufgerissen. Der Mann am Telefon schilderte Details, die die Erinnerung an die letzte Nacht plötzlich wieder in seinen Verstand zurückschwemmten wie eine Sturmflut. Bilder von einem Mann mittleren Alters kamen zurück. Ein Mann, dessen schweißbenetzter Körper über Jiyongs schwebte, während sie sich in einem nach Alkohol stinkenden Hinterzimmer die Kleider vom Leib rissen. „Ich – ich weiß nicht...“, stotterte Jiyong weiter, doch er wusste längst, dass die Situation ausweglos war. Die Erkenntnis drehte ihm den Magen um und er hievte sich vom Stuhl hoch, um aus dem  Aufnahmestudio zu taumeln. Chunghee hatte inzwischen aufgelegt und einen Moment lang herrschte betretenes Schweigen. Dann meldete Haneul sich zu Wort. „Big Bang, was könnt ihr uns über diese Ereignisse berichten? Stimmt es, was euer Fan gerade gesagt hat?“ Seunghyun schien sie mit seinen Blicken aufspießen zu wollen und Daesung und Seungri sahen sich ratlos und geschockt an. Nur Taeyang schien sich wieder gefangen zu haben und sprach mit betont ruhiger Stimme in sein Mikrofon. „Das ist entweder eine Verwechslung oder ein ganz mieser Scherz. GD war gestern nach dem Training die ganze Zeit über bei uns, das können wir alle bezeugen“, log er. „Ich glaube, das Interview ist hiermit beendet. Wir haben noch einen Termin, den wir nicht verpassen dürfen. Danke, dass ihr uns zugehört habt, VIP's!“ Auf diese Worte schien jeder gewartet zu haben, denn die Bandmitglieder schossen förmlich von ihren Plätzen hoch und verließen beinahe schon fluchtartig den Raum, nachdem sie sich von Haneul verabschiedet hatten. Auf dem Flur sahen die drei Männer sich an. „Was – was war das denn?“, murmelte Seungri leise. Taeyang zuckte mit den Schultern. „Auf jeden Fall dürften wir jetzt ziemlich in der Klemme stecken. Wo ist Jiyong hingegangen?“ Seunghyun seufzte tief. „Ich gehe ihn suchen. Geht ihr schonmal vor zum Bus und wartet da auf uns.“ Widerwillig gehorchten die Jüngeren und Seunghyun machte sich auf die Suche nach seinem Freund.

Jiyong hockte in der Herrentoilette auf den kalten Bodenfliesen und schluchzte heftig. Vor seinen Augen schien die Welt zusammenzubrechen wie ein altes Gemäuer - und er selbst hatte die Abrissbirne bedient. Seine Finger krallten sich in seine Wangen, bis es schmerzte. Er registrierte nicht, dass jemand die Tür öffnete, bis sich starke Finger um seine Handgelenke legten und seine Hände vom Gesicht wegzogen. Jiyong hätte diesen Griff unter tausenden erkannt. Beschämt verschloss er die Augen vor seinem Gegenüber. Dann erklang die ihm so vertraute und geliebte Bassstimme dicht an seinem Ohr. Doch ihr sonst so sanfter Klang war nun hart und verbittert.
„Hast du mir etwas zu beichten, Jiyong?“
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