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John Stillman und die Briefe

GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P18 / Gen
John Stillman Kat Miller Lilly Rush Nick Vera Scotty Valens Will Jeffries
20.09.2013
20.12.2013
7
13.553
 
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20.09.2013 1.797
 
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Hi, vielen Dank für die Review... es geht weiter!


2. Ein ganz besonderes Geschenk für Detective Rush




- 1. Lilly-



John stellte den Motor ab und streckte die Hand nach dem Umschlag aus.

Es war ihm nicht leicht gefallen, zu entscheiden, welchen der beiden er zuerst abgeben sollte.

Doch war er zu dem Schluss gekommen, dass im Nachhinein so besser sein würde,
wenn sie den Brief als Erste bekam.

Denn entgegen der allgemein herrschenden Meinung war es im Endeffekt, seiner Meinung nach,
gar nicht unbedingt Lil, die immer mit ihren Gefühlen hinter dem Berg hielt.

Außerdem kannte er seinen Jungspund Scotty gut genug, um zu wissen, dass dieser vermutlich gleich zum Autoschlüssel greifen würde, sobald er fertig gelesen hatte und wenn sie dann im Gegenzug noch nicht dazu gekommen wäre, seine Seite der Geschichte zu sehen,
könnte das die Ereignisse nur unnötig verkomplizieren.

Und dass, obwohl es in dieser Beziehung nun wahrlich schon genug Komplikationen gegeben hatte!

Lilly war nun mal kein „einfacher“ Mensch im herkömmlichen Sinn...
das Gute daran war freilich, dass dieser Begriff auf Scotty Valens auch nicht unbedingt zutraf.

John sah auf sein Amaturenbrett.

Samstag, zwanzig vor sieben.

Seine Reisetasche lag gepackt auf dem Beifahrersitz, nur die weißen Umschläge hoben sich im Dunkel von ihr und den dunklen Sitzbezügen seines neuen Mercedes Benz ab.

Er hatte schon immer einen solchen Wagen besitzen wollen und jetzt... hatte er sich diesen kleinen Traum erfüllt. Natürlich war der Benz nur geleast, aber immerhin.

Für seinen Wochenendtrip zu Diane Yates dürfte es reichen.

Sein Mund verzog sich zu einem abwesenden Grinsen.
Aber das konnte warten, bis es soweit war.

Hier hatte er vorher noch etwas zu erledigen.

Draußen hatte es begonnen zu schneien.

John erkannte eine kleine Rauchsäule aus ihrem Schornstein, der davon kündete,
dass sie den Kamin angemacht haben musste.

Er ließ die Finger über die sonst so schnörkellose Schrift gleiten.

Die Betonung lag in diesem Fall auf „sonst“, denn hier war der Name mit langgezogenen,
eng aneinander liegenden Buchstaben versehen, die Ober und Unterlängen ausgefeilt.

Ein Graphologe hatte Scotty einmal bescheinigt, aufgrund seiner schräg stehenden, „eiligen“ Handschrift, vor etwas davon zu laufen... damals war es die Geschichte mit Elissa gewesen.

Heute... heute standen seine Buchstaben nah zusammen, verschlungen ineinander,
beinah ehrfürchtig diesen Namen nachzeichnend.

Lilly.

John hob den Arm und ließ die Hand auf ihre Tür niedersausen.

Vorsichtig anzuklopfen war noch nie seine Stärke gewesen und er wurde sich bewusst,
wie unsinnig er sich vorkam, hier draußen, eine Woche vor Weihnachten,
vor der Haustür seiner Mitarbeiterin auftauchend.

Aber sie beide hatten ihm vor Jahren, ohne es zu wissen, beide diese Umschläge anvertraut,
für den Fall, dass ihnen in Ausübung ihrer Pflicht etwas passieren sollte.

Und er würde das PPD nicht verlassen, ohne ihnen beiden dies Zeugnis ihrer beider Gedanken zu überreichen.

Keine losen Enden.
Das war nicht sein Stil.

Die Tür öffnete sich und Lilly erschien im Türrahmen, das blonde Haar offen über die schmalen Schultern fallend, eine fragenden Gesichtsausdruck zur Schau stellend.

Sie trug ein weites Sweatshirt statt ihrer üblichen Bluse und eine weite Leinenhose im Marlene-Schnitt, wie sie seine Frau früher, in den Siebzigern, bevorzugt hatte.

„Hallo, Lillian!“ grüßte er betont fröhlich, als sich ihre blauen Augen zu Schlitzen verengten.

„Boss...“

Sie trat beiseite, um ihn einzulassen und zog ob der Schneewehe, die ihm folgte, die Augenbrauen hoch.

„Hab ich was angestellt, oder warum stehen Sie hier so kurz vor den Feiertagen vor meiner Tür,
mitten in einem Schneesturm?!“
wollte sie wissen und kam sofort auf den Punkt. Ganz so, wie er es von ihr gewohnt war.

„Nein, nein, keine Angst. Die Angelegenheit ist ein wenig... delikat. Und privat.
Oder beruflich, oder...ähem...beides... naja.“
erklärte er geheimnisvoll und schüttelte seinen Kragen aus, bevor er sich in ihrer Wohnung umsah.

Es war sogar ein wenig geschmückt.
Das hatte er gar nicht erwartet.

„Ich bekomme nachher noch Besuch von meiner Schwester und meiner Nichte.“
meinte Lilly, die seinem Blick gefolgt war.
„Für Alexis hab ich ein bisschen die alten Weihnachtssachen aus dem Schrank gekramt.“

Ihre Stimme zitterte nur ein wenig, als sie ihre Schwester erwähnte,
aber John kannte sie gut genug, um es zu bemerken.

„Meine Manieren! Kann ich Ihnen einen Kakao anbieten? Sie sehen aus, als könnten Sie ein bisschen Zucker und Wärme gebrauchen, wenn ich so das sagen darf.“

John nickte dankbar und nahm auf ihrer Couch Platz.
Sofort strich ihm eine der beiden Katzen um die Beine.
Es war die Einäugige.

„Wie geht es Ihrer Schwester?“ erkundigte er sich höflich nach deren Befinden,
auch, wenn er in den letzten Monaten schon bemerkt hatte, dass Lilly das Thema möglichst vermied.

„Oh, danke, gut, denke ich. Sie hat einen ambulanten Rehaplatz bekommen können,
um weiter für Alexis, meine Nichte, sorgen zu können,
während sie bei meinem Vater und meiner Stiefmutter untergekommen ist.“

„Das freut mich zu hören.“ meinte er daraufhin und bückte sich nach der Katze,
die ihn jedoch wie aus dem Nichts an fauchte und schnell hinter einer Ecke verschwand.

Lilly werkelte in der Küche herum, kam hinüber und reichte ihm einen dampfenden Becher.
„Vorsicht, heiß.“ warnte sie noch und ließ sich auf dem Fenstersims nieder, bevor sie nach dem Kaminbesteck griff und gedankenverloren in den kleinen Flammen herumstocherte.
John beobachtete sie lange, versuchte, ihre Stimmung einzuschätzen.

„Worum geht es denn nun?“
fragte sie schließlich ungewöhnlich ungeduldig, als er nichts erwiderte.

„Oh, ja, ich habe hier etwas für Sie.“
John reichte ihr ohne Umschweife den Zeitschriften- großen Umschlag.

„Was ist das?“ murmelte sie abwesend und John sah, wie ihre Augen sich weiteten,
als sie die Handschrift auf dem Umschlag erkannte.
„Boss, ist der etwa von Scotty?“

John nickte ernst und sah sie noch eine Spur blasser werden, als sie es sowieso schon war.
Ihre Hände um das Papier zitterten leicht und sie lehnte sich plötzlich gegen die Wand offenbar
auf der Suche nach einer Stütze.

„Ist.. ihm etwas zugestoßen?“ wollte sie leise wissen und er konnte förmlich hören,
wie sie gegen Tränen ankämpfte.

Peinlich berührt kratzte John sich den Hinterkopf.

Dann hob er beschwichtigend beide Hände,
als er auf sie zu trat und sanft ihre Schultern mit seinen großen Händen umschloss.
Beinah sah er wieder das junge, geprügelte zehnjährige Mädchen vor sich,
das sie einst gewesen war.

„Oh, nein, Lilly, keine Angst, es ist alles in Ordnung mit ihm.“

„Aber...“ hob sie an, doch etwas Farbe kehrte wieder auf ihre Wangen zurück
und sie atmete wieder freier.

„Ich habe das auf Ihrem Schreibtisch gefunden und dachte, Sie sollten es haben. Ich fahre in ein verlängertes Wochenende und dachte, Valens hätte Ihnen noch ein paar Unterlagen da gelassen
und wollte sie Ihnen nur vorbei bringen...“
log er und lächelte ihr beruhigend zu.

Lilly seufzte und presste den Umschlag an sich.

„Ich weiß nicht, ob Sie es noch wissen, aber als ich Ihnen kurz nach der... als ich... als Materson mich anschoss... da gab ich Ihnen doch einen ähnlichen Umschlag und da dachte ich für eine Moment...“

Sie drehte sich plötzlich ruckartig um und starrte zum Fenster in die Schneeflocken hinaus.

„Was bin ich doch für ein dummes...“
flüsterte ihre Stimme und beinah hätte er sie gar nicht gehört.

John nahm noch einen Schluck Kakao und stellte schnell die Tasse auf den Couchtisch.

„Sicher sind das noch Notizen zum Gallagher Fall.“
gab sie nun zu bedenken und klang viel gefasster.

Wieder alles unter Kontrolle, Lilly? dachte John und eine gewisse Traurigkeit beschlich ihn.
Für einen Moment hatte er etwas in ihren Augen gesehen, in ihrer Körperhaltung lesen können,
doch nun schien es auch schon wieder verschwunden...

„Ich denke, ich lasse Sie jetzt damit allein, Rush. Sie haben sicher noch Vorbereitungen für den Besuch zu treffen- ich wollte auch gar nicht lange stören.“

John grinste, als sie ihn zur Tür begleitete.

„Ich bin nur der Bote, wissen Sie.“

Lilly rang sich ein Lächeln ab und er konnte genau erkennen,
wie viel Mühe sie sich damit geben musste.

„Aber ein sehr netter Bote, Boss. Danke, dass Sie sich die Mühe gemacht haben
und Ihren Aufbruch noch so lange herausgezögert haben, um mir den Umschlag zu bringen!
Schön, dass Sie endlich einmal die Zeit gefunden haben, sich freizunehmen.“

Sie standen in ihrer Tür und John schob die Arme wieder in seine Jacke, welche sie, zwar nur kurz, aber immerhin, über die Heizung gelegt hatte und die nun behaglich warm war.

John nestelte am Reißverschluss, als sein Blick an etwas Grün- Rotem hängen blieb.

„Oh!“ entfuhr es ihm und er deutete entwaffnend lächelnd nach oben.
„Wer hat den denn aufgehängt?“

Lilly wurde rot und hob die Hand zur Stirn.
„Entschuldigung, Sir. Das war eine Idee meiner Stiefmutter Celeste und mein Bruder Finn war der Übeltäter.“ sie lachte und es klang ehrlich amüsiert.
„Ich hätte diese beiden Weihnachtselfen nicht in meine Wohnung lassen dürfen.“

Auf Johns Gesicht breitete sich ein mildes Lächeln aus.

„Nein, ich finde das wirklich schön, so alte Traditionen, wie einen Mistelzweig aufzuhängen,
zu pflegen. Das hat Familie so an sich, Lilly, das Weitergeben und Weiterleben von Traditionen ist ein fester Bestandteil dessen. Genießen Sie das Wochenende und die Feiertag mit Ihrer Familie.“

Er gab ihr zum Abschied die Hand und musterte sie kurz.

„Ich bin sehr stolz auf Sie, Lilly. Auch, wenn Sie es einem nicht immer leicht machen mit Ihrem Feuereifer, schätze ich Ihre Arbeit sehr. Und als Privatperson freue mich wirklich sehr,
dass Sie endlich eine Familie haben, die Sie so liebevoll umsorgt, wie Sie es verdienen.“

John drückte ihre Hand und kämpfte gegen das Brennen in seinen Augen an.

„Und ich wünsche Ihnen noch etwas ganz besonders Wichtiges zu Weihnachten, Lilly Rush!“

Er beugte sich schnell vor, bevor sie erschrocken zurückweichen konnte,
und drückte ihr einen schnellen Kuss auf die Wange, unter dem Mistelzweig.

Sie hielt sich verwundert die Wange, als er zurück trat und lächelte ihn unsicher an.

„Danke, Boss. Ich weiß nicht...“

Er senkte den Kopf, hob beide Hände und trat in den Schneesturm hinaus.

„Sagen Sie nichts. Ist schon in Ordnung, ich weiß, was Sie sagen wollen.“

Sein Lächeln, dieses ganz besondere Lächeln, das er nur für sie reserviert hatte,
umspielte seine Lippen.

„Ich hab Sie auch lieb, Lil.“

Er stieg die Treppenstufen hinunter und drehte sich dann noch einmal zu ihr um.

„Und was ich noch sagen wollte... glauben Sie einem Mann, wenn er das zu Ihnen sagt.
Wir verlassen Sie nicht, Lil, auch, wenn es so aussieht.“

Er sah die Dankbarkeit in ihren Augen, eine Wärme, die das Eismeer, das ihre Augen waren,
beinah in ein tropisches Gewässer zu verwandeln schien...
klar und ruhig, kristallklar und azurblau... statt rau, dunkel und ungestüm.

„Glauben Sie es einfach.“

John hob die Hand gegen den Schnee und sah ihre kleine Gestalt im warmen Schein
der Beleuchtung noch immer dort stehen.

„Bald ist schließlich Weihnachten. Das ist doch das Fest der Liebe.“

Und damit verließ John Stillman Lilly Rush.





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